{"id":6353,"date":"2016-11-29T18:12:49","date_gmt":"2016-11-29T16:12:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6353"},"modified":"2016-11-29T18:12:49","modified_gmt":"2016-11-29T16:12:49","slug":"social-media-novembervon-wolfgang-ullrich29-11-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/11\/29\/social-media-novembervon-wolfgang-ullrich29-11-2016\/","title":{"rendered":"Social Media Novembervon Wolfgang Ullrich29.11.2016"},"content":{"rendered":"<p>Bildwendungen<!--more --><\/p>\n<p>Den meisten begegnen Bilder mittlerweile h\u00e4ufiger als irgendwo sonst auf Bildschirmen. Selbst engagierte Museums- und Ausstellungbesucher und standesbewusste Kunsthistoriker haben viel weniger mit Originalen als mit Reproduktionen aller Art, vor allem mit digitalem Material zu tun.<\/p>\n<p>Wie aber ver\u00e4ndert es den Umgang gerade auch mit Kunst, dass nicht nur die Digitalisierung immer weiter voranschreitet, sondern ebenso die Sozialen Medien von Tag zu Tag an Reichweite gewinnen? Was das bedeutet, ist nicht ganz leicht zu begreifen \u2013 und ist f\u00fcr viele Kunsthistoriker vielleicht sogar noch schwerer zu verstehen als f\u00fcr andere. Sie sind es n\u00e4mlich gewohnt, Bilder als Werke zu behandeln: als etwas, das mit einem Anspruch auf Dauer und Deutbarkeit versehen ist.<\/p>\n<p>In den Sozialen Medien hingegen sind Bilder auf einmal Teil allt\u00e4glicher Kommunikation. Tats\u00e4chlich findet heute, erstmalig in der Kulturgeschichte, der Austausch von Bildern genauso unbehindert und genauso selbstverst\u00e4ndlich wie der Austausch von Worten statt. Bilder sind neben der Sprache zunehmend das zweite allgemein genutzte Medium der Instant-Kommunikation.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Deshalb werden Bilder aber auch vergleichbar mit Redewendungen. Fortw\u00e4hrend werden sie variiert, reformuliert, neu kombiniert und situationsbezogen verwendet. Sie werden zu Bildwendungen. Sofern Bilder in den Sozialen Medien einen \u00e4hnlichen Status haben, wie ihn innerhalb sprachgeleiteter Kommunikation idiomatische Ausdr\u00fccke, Sprichw\u00f6rter oder Standardformulierungen besitzen, hat dies \u2013 ganz allgemein \u2013 die Konsequenz, dass vieles sich aus einem ziemlich stabilen Pool an Bildmustern speist.<\/p>\n<p>Diese werden immer neu aufgegriffen und dabei mal st\u00e4rker, mal weniger stark variiert. Als Grundlage sind bekannte Bildmuster unverzichtbar, da ihre Bedeutung weithin vertraut ist, diese also, je nach gew\u00e4hlter Variation, gezielt und pr\u00e4gnant der einzelnen Kommunikationssituation angepasst werden kann.<\/p>\n<p>So wie jeder wei\u00df, was etwa mit dem von Friedrich Schiller gepr\u00e4gten Sprichwort \u201eDer kluge Mann baut vor\u201c gemeint ist und entsprechend kaum Missverst\u00e4ndnisse m\u00f6glich sind, wenn jemand in einem speziellen Kontext \u201eDie kluge Frau baut vor\u201c, \u201eDer kluge Mann baut um\u201c oder \u201eDer kluge Mann schaut nach\u201c formuliert, so verh\u00e4lt es sich also auch im Fall eines bekannten Bildes: Wird es spezifisch abgewandelt, l\u00e4sst sich damit in den Sozialen Medien zielsicher kommunizieren.<\/p>\n<p>Zugleich ist dank einer Variation f\u00fcr \u00dcberraschung, oft auch f\u00fcr einen gewissen Witz \u2013 auf welchem Niveau auch immer \u2013 gesorgt, was entscheidende Treiber daf\u00fcr sind, dass eine Botschaft nicht beim Adressaten verbleibt, sondern von diesem weiter geteilt und verbreitet wird \u2013 dies bekanntlich einer der Hauptzwecke der Sozialen Medien.<\/p>\n<p>Nachdem die ersten Jahre einer bildgest\u00fctzten Kommunikation in den Sozialen Medien vor\u00fcber sind, kann man \u2013 in einer vorsichtigen Zwischenbilanz \u2013 feststellen, dass zwar bei weitem nicht alle Werke aus dem Kanon der Kunstgeschichte zu visuellen Idiomen geworden sind, einige der erfolgreichsten Bildmuster \u2013 man spricht hier bekanntlich gerne von Memen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> \u2013 aber tats\u00e4chlich aus dem Bereich der Kunst \u2013 und damit der Hochkultur \u2013 stammen.<\/p>\n<p>Michelangelos Fresko <em>Die Erschaffung Adams<\/em>, Botticellis <em>Geburt der Venus<\/em>, Edward Hoppers <em>Nighthawks<\/em> oder <em>American Gothic<\/em> von Grant Wood d\u00fcrften bei entsprechenden Rankings zuverl\u00e4ssig Spitzenpl\u00e4tze besetzen, w\u00e4hrend andere Meisterwerke, etwa D\u00fcrers <em>Selbstbildnis im Pelzrock<\/em>, <em>Der Raub der T\u00f6chter des Leukippos<\/em> von Rubens, Velazquez\u2019 <em>Las Meninas<\/em>, <em>Les Demoiselles d\u2019Avignon<\/em> von Picasso oder Paul Klees <em>Hauptweg und Nebenwege<\/em> keine nennenswerte Rolle spielen. Es ist zu fr\u00fch, daraus schon belastbare Aussagen \u00fcber die idiomatischen Qualit\u00e4ten einzelner Kunstwerke abzuleiten, aber zumindest zu den Werken, die besonders gerne aufgegriffen und adaptiert werden, lassen sich einige Beobachtungen machen.<\/p>\n<p>So ist auch Edward Munchs <em>Schrei<\/em> zu einer Bildwendung geworden. Mit ihr werden alle Ereignisse kommentiert, denen sich mit Angst, Panik, Entsetzen begegnen l\u00e4sst. Die einen ver\u00e4ndern das Bild so, dass es ihre Angst vor Atomkraft zum Ausdruck bringt, andere problematisieren damit die Lage der EU oder kommentieren den Wahlsieg Donald Trumps.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Ebenso l\u00e4sst sich das Gem\u00e4lde saisonal auf Halloween beziehen oder tempor\u00e4ren Aktionen wie der \u201aIcebucket Challenge\u2019 anpassen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Ferner gibt es Variationen, die auf Ereignisse in der individuellen Biographie des jeweiligen Users anspielen oder mit denen Assoziationen zu anderen ber\u00fchmten Bildern und Figuren, vor allem aus der Popkultur, demonstriert werden.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Manche setzen auch Fotos von sich selbst in das Bild, auf denen sie Gestik und Mimik des Schreienden nachahmen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Schlie\u00dflich werden gerne diverse Motive aus dem Kanon der Kunstgeschichte miteinander gemixt, ohne dass damit mehr bewirkt sein soll als ein Moment der Erheiterung bei all denen, denen das Bild auf einer Timeline oder einer Pinnwand angezeigt wird.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>T\u00e4glich kommen Duzende, gar hunderte von Varianten des Munch-Gem\u00e4ldes hinzu, und dasselbe geschieht mit vielen anderen Bildern aus der Geschichte der Kunst, der Fotografie, der Werbung, der Popkultur. Man mag sich daran erinnern, dass es immer schon Variationen, \u00dcbersetzungen, Parodien auf Bilder gegeben hat, dass lange Zeit etwa freie \u00dcbertragungen und Varianten von Gem\u00e4lden in Kupferstichen angefertigt wurden, dass sich Karikaturisten an popul\u00e4ren oder umstrittenen Kunstwerken schadlos gehalten haben oder dass die Vorbereitung und Durchf\u00fchrung lebender Bilder immer wieder eine gro\u00dfe gesellschaftliche Attraktion darstellte.<\/p>\n<p>Doch haben sich infolge der Digitalisierung nicht nur die M\u00f6glichkeiten des Variierens enorm vervielfacht, sondern es ist zudem relativ einfach geworden und geht oft ziemlich schnell, ein Bild nachzustellen oder zu ver\u00e4ndern, um es als Wendung oder Formel weiter zu etablieren. Damit sind es heute auch vor allem Laien, die sich, erstmals mit Bildbearbeitungsequipment ausgestattet, an fremde und oft ber\u00fchmte Bilder heranmachen.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist es gar nicht angemessen, hier von Laien zu sprechen. Denn in dem Ma\u00dfe, in dem Bilder zum Medium der Kommunikation \u2013 zu Bildwendungen \u2013 werden, wird es auch zu einer grundlegenden Kulturtechnik, sie situationsspezifisch zu adaptieren. Und wie man all diejenigen, die mit Sprache einfach kommunizieren, nie als Laien bezeichnen w\u00fcrde, nur weil sie keine Schriftsteller sind und keine Werkambitionen haben, sollte man sich angew\u00f6hnen, die vielen User von Bildmaterial in den Sozialen Medien nicht l\u00e4nger als schlechte oder halbe K\u00fcnstler anzusehen.<\/p>\n<p>Vielmehr sollte man ihnen attestieren, dass sie mit Bildern zwar unterschiedlich differenziert, aber zunehmend wie mit einer Muttersprache umgehen. Die Zeiten, in denen Bilder ausschlie\u00dflich Werke mit fixierter Gestalt waren, sind also vorbei; mittlerweile sind sie frei beweglich, beliebig ver\u00e4nderbar, fast genauso spontan disponibel geworden wie die Sprache.<\/p>\n<p>Dass das Internet zugleich der Ort ist, an dem fast nichts vergessen wird, erschwert es allerdings nochmals, dies hinreichend anzuerkennen, tauchen viele Bilder bei entsprechenden Suchanfragen doch selbst nach Jahren noch auf, dann zudem meist herausgel\u00f6st aus ihrem urspr\u00fcnglichen Verwendungszusammenhang, so als w\u00e4ren sie ganz selbstverst\u00e4ndlich auf Dauer angelegt. Nur Instant-Apps wie <em>Snapchat<\/em> behandeln Bilder und alles, womit kommuniziert wird, in Analogie zur gesprochenen Sprache: Nach wenigen Sekunden l\u00f6schen sich die Daten, sind also fl\u00fcchtig wie Schall und Rauch.<\/p>\n<p>Wer einzelnen abgespeicherten Bildvarianten nachgeht und eruiert, welcher Anlass oder welcher Zweck jeweils zu ihnen gef\u00fchrt hat, muss sich also selbst immer wieder ermahnen, nicht doch noch zu sehr einer Idee von Werk verhaftet zu bleiben. Auch wenn sich einzelne Spielarten von Bildgebrauch exemplarisch oder quantitativ analysieren lassen, so wie ein Sprachwissenschaftler die Genese, Verbreitung und Variabilit\u00e4t einer Redewendung untersucht, hie\u00dfe es, den Instant-Charakter der Bildwendungen zu verkennen, w\u00fcrde man jeweils etwas Originelles oder \u00fcber die Verwendungssituation hinaus allgemein Bedeutsames von ihnen erwarten.<\/p>\n<p>Aufschlussreicher ist es hingegen, darauf zu achten, wie sich die kommunikative Verwendung von Bildern auf deren Formen und Erscheinungsweisen auswirkt. So ist mittlerweile bereits selbst jenseits des Digitalen ein regelrechter Boom an Nachbildungen und Adaptionen von Bildern zu verzeichnen. In Bereichen, in denen es auch fr\u00fcher schon m\u00f6glich war, ber\u00fchmte Vorbilder aufzugreifen und nachzustellen, findet das in nennenswerter H\u00e4ufigkeit also ebenfalls erst seit wenigen Jahren statt \u2013 so als h\u00e4tte sich der Umgang mit Bildern zuerst im digitalen Raum lockern m\u00fcssen, bevor Adaptionen insgesamt als selbstverst\u00e4ndlich empfunden werden konnten.<\/p>\n<p>Besonders beliebt sind Bildwendungen als Tattoos<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> oder aus Essen<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> \u2013 dies zwei Felder, auf denen gegenw\u00e4rtig insgesamt deutlich verst\u00e4rkt Bildaktivit\u00e4ten zu verzeichnen sind. Mag sich ein situationsspezifischer Charakter im Fall von Tattoos bezweifeln lassen, da diese oft immer noch auf Dauer angelegt sind und somit eher ein Bekenntnis darstellen, so ist im Fall von Essen umgekehrt umso deutlicher, dass einer Assoziation spontan gefolgt wurde oder sich etwas aus der Laune eines Moments heraus entwickelte, das \u00fcber diesen hinaus keine Bedeutung haben will und haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich d\u00fcrfte jedoch die Konjunktur s\u00e4mtlicher Spielarten nicht-digitaler Bildtypen ebenfalls dem Wunsch geschuldet sein, mit Bildern zu kommunizieren. So zirkulieren Fotos von Tattoos oder bildhaftem Essen genauso intensiv durch die Sozialen Medien wie digitale Varianten, l\u00f6sen sich dabei oft aus ihrem Entstehungskontext und nehmen eine davon unabh\u00e4ngige Bedeutung an.<\/p>\n<p>Dabei wirkt die Machart des jeweiligen Bildes wie eine Konnotation, so dass etwa Fotos von Tattoos von Munchs <em>Schrei<\/em> besonders martialisch erscheinen und die Glaubw\u00fcrdigkeit einer Schmerzbekundung steigern, w\u00e4hrend Fotos von Nachbildungen desselben Motivs mit Essen viel eher die Bewegtheit der schreienden Figur und den Ereignischarakter der Szene betonen, sie aber zugleich gerne ins Virtuose wenden. Im \u00e4u\u00dfersten Fall ist die Machart wichtiger als das Sujet; weitergepostet wird das Bild dann wegen des durch eine ungew\u00f6hnliche Faktur erzielten \u00dcberraschungseffekts.<\/p>\n<p>Manchmal steigert sich das Bestreben nach ungew\u00f6hnlichen Varianten noch. So will eine Norwegische Aktivistengruppe dadurch f\u00fcr \u00f6kologische Fragen sensibilisieren, dass sie Munchs <em>Schrei<\/em> in zahlreichen, immer wieder anderen Formationen nachstellt \u2013 und Fotos davon auf einer eigenen Website, aber auch auf Accounts bei <em>Instagram<\/em> und <em>Facebook<\/em> hochl\u00e4dt.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Mit Kindern werden Masken gebastelt, an Str\u00e4nden und auf Sportpl\u00e4tzen bildet man den Schreienden aus Menschen nach. Der bisherige Rekord \u2013 aus dem Jahr 2015 \u2013 liegt bei 4000 Protagonisten, die sich so aufstellten, dass das schreiende Gesicht von einer in einem Hubschrauber platzierten Luftbildkamera aufgenommen werden konnte \u2013 dies einmal mehr ein Foto mit einem \u2013 in diesem Fall durch \u00fcbergro\u00dfen Aufwand erzielten \u2013 \u00dcberraschungseffekt, der entsprechend oft und gerne in den Sozialen Medien geteilt wird.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Hier wird also von vornherein auf eine virale Wirkung gesetzt: Durch die Fotos sollen zugleich die politischen Ziele der Aktivisten mehr Aufmerksamkeit und Verbreitung finden.<\/p>\n<p>Zudem bieten sich Fotos mit \u00dcberraschungseffekten und speziellen Macharten f\u00fcr diverse Sammlungen an, die auf Nachrichtenseiten, Online-Plattformen, Blogs und Pinnw\u00e4nden fortw\u00e4hrend angelegt werden und f\u00fcr weitere Publizit\u00e4t sorgen. So kann dasselbe Bild in einer Sammlung von Varianten des Munch-Gem\u00e4ldes landen, aber genauso in eine Sammlung passen, in der aus Essen nachgestellte Kunstwerke oder Motive aus Schokolade zusammengetragen werden.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Der Logik einer Sammlung entsprechend verlieren die Bilder dann jedoch ihre urspr\u00fcngliche kommunikative Funktion, um daf\u00fcr durch bestimmte Eigenschaften definiert zu werden. Auf einmal n\u00e4hern sie sich sekund\u00e4r somit wieder einem Werkcharakter an, ja werden als gestalterische Leistungen eigens gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Zahlreiche Akteure der Sozialen Medien erstellen von vornherein Serien, vielleicht weil sie selbst an einer Idee von Werk h\u00e4ngen, vielleicht auch mit dem Ziel, damit ein Thema zu besetzen, das seinerseits vielerorts im Internet verhandelt wird, so dass die Chancen gut stehen, mit den eigenen Bildern weit herumzukommen. So findet sich f\u00fcr beinahe jeden Spleen, jede Mode, jedes Problem jemand, der das jeweilige Thema an m\u00f6glichst vielen Beispielen durchdekliniert.<\/p>\n<p>Bereichert einer ber\u00fchmte Kunstwerke um Avocados,<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> so imaginiert ein anderer eine Welt ohne Gluten und f\u00fchrt vor, wie die Klassiker der Kunstgeschichte dann auss\u00e4hen.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Wieder andere wollen hingegen auch bei alter Kunst nicht auf den Anblick ihrer heutigen Konsumvorlieben verzichten und erg\u00e4nzen Bilder um zeitgem\u00e4\u00dfe Produkte.<\/p>\n<p>Die Bilderg\u00e4nzungen k\u00f6nnen sogar so weit f\u00fchren, dass daraus eine spezielle Spielart des in den letzten Jahren boomenden Influencer-Marketing wird, das auf <em>Instagram<\/em> seine gr\u00f6\u00dfte B\u00fchne gefunden hat. Publizieren hier viele User Fotos aus ihrem Alltagsleben, auf denen sie Produkte unterbringen, um sie auf diese Weise mit einem m\u00f6glichst interessanten Image sowie mit Authentizit\u00e4t auszustatten, so l\u00e4sst sich dasselbe auf Werken der Kunstgeschichte tun.<\/p>\n<p>So startete die US-amerikanische Bekleidungskette <em>Nasty Gal<\/em> 2014 mit Studierenden der Georgetown University einen <em>Instagram<\/em>-Account unter dem Namen <em>CopyLab<\/em>, auf dem seither pro Woche zwei bis drei Bilder ver\u00f6ffentlicht werden, die Kombinationen von Kunstwerken und heutigen Markenprodukten \u2013 h\u00e4ufig, aber nicht immer aus dem Luxussegment \u2013 zeigen.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>In manchen F\u00e4llen muss man sogar zweimal hinschauen, um die Erg\u00e4nzung zu bemerken,<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> und zum Teil wird diese Art der Werbung auch dadurch interessanter, dass nicht nur kanonische Werke, sondern ebenso ausgefallenere Gem\u00e4lde, etwa aus der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts herangezogen werden.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Diese erlebt auch sonst einen zweiten Fr\u00fchling;<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> auf vielen Accounts dienen gerade ihre Werke als Grundlage f\u00fcr Kombinationen mit aktuellen Fotos und digitalen Bildeffekten \u2013 vielleicht weil sie einem Fotorealismus formal nahe stehen und doch zugleich wie aus einer anderen Welt erscheinen.<\/p>\n<p>Zum Teil ziemlich virtuose Verbindungen von Salonmalerei oder anderen Werken alter Kunst mit heutigen Fotografien finden sich etwa auch auf dem seit Anfang 2016 von einem anonymen User betriebenen <em>Instagram<\/em>-Account <em>the_canvasproject<\/em>.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Zwar geht es auch hier oft um Gags und \u00dcberraschungsmomente, das Ziel ist also virale Verbreitung, ja bedient wird eine Logik des Rebloggens und Retweetens, doch entsteht zumindest bei den besseren der Bilder der Eindruck, es passiere \u00c4hnliches wie in fr\u00fcheren Jahrhunderten beim Konzept der \u201aaemulatio\u2019. Wenn etwa Rubens Gem\u00e4lde Tizians kopierte, ver\u00e4nderte er sie zugleich auf eine Weise, die seine handwerklich-k\u00fcnstlerische Souver\u00e4nit\u00e4t genauso unter Beweis stellen sollte wie seine F\u00e4higkeit, ein Motiv aufzufrischen und damit in seiner Bedeutung zu erneuern oder gar zu steigern.<\/p>\n<p>Eine solche Auffrischung und Steigerung findet auch statt, wenn etwa der <em>Rote Junge<\/em> Goyas,<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> der mit einem lebenden Vogel spielt, w\u00e4hrend Katzen diesem auflauern, aus einem geschlossenen, d\u00fcsteren Raum ins Freie versetzt wird \u2013 in einen Park in Sao Paulo.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Dass die gr\u00fcne Wiese in einem Komplement\u00e4rkontrast zum Anzug des Jungen steht, dessen Rot wiederum mit dem Rot eines ausladenden Dachs im Hintergrund konkurriert, sorgt, unterst\u00fctzt vom blauen Himmel mit wei\u00dfen Schlieren, f\u00fcr einen Eindruck von Flimmern und Schweben. Zudem ist die narrativ-genrehafte Dimension, die bei Goya durch die Katzen in das Bild kommt, verschwunden; umso mehr konzentriert sich alle Aufmerksamkeit auf den Jungen, der auf einmal geradezu an den <em>Gilles<\/em> von Watteau erinnert.<\/p>\n<p>Auch hier wird aus einer Bildwendung also unversehens wieder ein Werk. Und keineswegs auszuschlie\u00dfen ist, dass k\u00fcnftig mehr und mehr digitale Collagisten auch im Kunstbetrieb Erfolg haben \u2013 mit Praktiken und Effekten, deren Ursprung in den kommunikativen Funktionen von Bildern in den Sozialen Medien liegt.<\/p>\n<p>Wie es immer wieder Spielarten von Literatur gab, die ihre Kraft und Eigenheit daraus bezogen, dass die Autoren sehr genau beobachteten, was in der gesprochenen Sprache und in einzelnen Milieus geschieht, so d\u00fcrfte auch die bildende Kunst davon profitieren, dass ungleich mehr Bilder als je zuvor in der Kulturgeschichte entstehen, ja dass Bilder gegen\u00fcber fr\u00fcher in vielen zus\u00e4tzlichen Situationen und, vor allem, als Bildwendungen eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Speiste sich schon die Pop-Art aus Bildwelten, die davor in Massenmedien und Konsum Verbreitung gefunden hatten, so k\u00f6nnte als n\u00e4chstes eine Pop-Art 2.0 an Bedeutung gewinnen, die Bildph\u00e4nomene aus den Sozialen Medien aufgreift, \u00fcberh\u00f6ht und reflektiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Wolfgang Ullrich: \u201e<a title=\"artikel nzz\" href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/kommentare\/revolutionaer-freier-zugang-zu-technik-und-oeffentlichkeit-der-neue-bildersozialismus-ld.124997\" target=\"_blank\">Der neue Bildersozialismus<\/a>\u201c, in: Neue Z\u00fcrcher Zeitung vom 31. Oktober 2016; mehr dazu <a title=\"blog ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/2016\/10\/31\/zwei-texte-ueber-bildersozialismus\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Limor Shifman: <em>Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter<\/em>, Berlin 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch1\" target=\"_blank\">https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch1<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch2\" target=\"_blank\">https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch2<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch3\" target=\"_blank\">https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch3<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch8\" target=\"_blank\">https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch8<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch4\" target=\"_blank\">https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch4<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch6\" target=\"_blank\">https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch6<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch7\" target=\"_blank\">https:\/\/de.pinterest.com\/selavy67\/munch7<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.thescreamfromnature.com\" target=\"_blank\">http:\/\/www.thescreamfromnature.com<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.thescreamfromnature.com\/index.php\/lens_portfolio\/noway_cup_screaming\" target=\"_blank\">http:\/\/www.thescreamfromnature.com\/index.php\/lens_portfolio\/noway_cup_screaming<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.buzzfeed.com\/babymantis\/20-examples-of-food-imitating-art-1opu\" target=\"_blank\">https:\/\/www.buzzfeed.com\/babymantis\/20-examples-of-food-imitating-art-1opu<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.cbs.com\/shows\/the-late-show-with-stephen-colbert\/photos\/1004263\/25-famous-paintings-improved-by-avocados\/85716\/25-famous-paintings-improved-by-avocados\" target=\"_blank\">http:\/\/www.cbs.com\/shows\/the-late-show-with-stephen-colbert\/photos\/1004263\/25-famous-paintings-improved-by-avocados\/85716\/25-famous-paintings-improved-by-avocados<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/glutenimage.tumblr.com\" target=\"_blank\">http:\/\/glutenimage.tumblr.com<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/copylab\" target=\"_blank\">https:\/\/www.instagram.com\/copylab<\/a>. &#8211; Vgl. dazu <a href=\"http:\/\/www.vogue.com\/946808\/copylab-instagram-fashion-photobombs-art-history\" target=\"_blank\">http:\/\/www.vogue.com\/946808\/copylab-instagram-fashion-photobombs-art-history<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/0OJ8V-nLRu\/?taken-by=copylab\" target=\"_blank\">https:\/\/www.instagram.com\/p\/0OJ8V-nLRu\/?taken-by=copylab<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/tbkwGkHLTI\/?taken-by=copylab\" target=\"_blank\">https:\/\/www.instagram.com\/p\/tbkwGkHLTI\/?taken-by=copylab<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Vgl. Annekathrin Kohout: \u201e<a title=\"artikel kohout art\" href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\/2016\/02\/04\/wie-die-social-media-den-kunsthistorischen-kanon-aufwirbeln-art-magazin\/\" target=\"_blank\">Wie die Social Media den kunsthistorischen Kanon aufwirbeln<\/a>\u201c (2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/the_canvasproject\" target=\"_blank\">https:\/\/www.instagram.com\/the_canvasproject<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/m.facebook.com\/the.canvas.project1\/photos\/pcb.140445296353695\/140439833020908\/?type=3&amp;source=48\" target=\"_blank\">https:\/\/m.facebook.com\/the.canvas.project1\/photos\/pcb.140445296353695\/140439833020908\/?type=3&amp;source=48<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/m.facebook.com\/the.canvas.project1\/photos\/pcb.140445296353695\/140439103020981\/?type=3&amp;source=48\" target=\"_blank\">https:\/\/m.facebook.com\/the.canvas.project1\/photos\/pcb.140445296353695\/140439103020981\/?type=3&amp;source=48<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bildwendungen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[338,1082,1501,2164],"class_list":["post-6353","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bildadaptionen","tag-instagram","tag-meme","tag-social-media"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6353","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6353"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6353\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}