{"id":6389,"date":"2016-12-04T22:55:33","date_gmt":"2016-12-04T20:55:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6389"},"modified":"2016-12-04T22:55:33","modified_gmt":"2016-12-04T20:55:33","slug":"gegenwartssoziologie-rezension-zu-kapitalismus-und-ungleichheit-die-neuen-verwerfungenvon-martin-seeliger4-12-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/12\/04\/gegenwartssoziologie-rezension-zu-kapitalismus-und-ungleichheit-die-neuen-verwerfungenvon-martin-seeliger4-12-2016\/","title":{"rendered":"Gegenwartssoziologie Rezension zu \u00bbKapitalismus und Ungleichheit. Die neuen Verwerfungen\u00abvon Martin Seeliger4.12.2016"},"content":{"rendered":"<p>Kritik und Krise<!--more--><\/p>\n<p>Nennen wir beispielhaft die Finanzkrise 2008f, die eklatanten Fehlfunktionen des Euroregimes oder politische Apathie oder zunehmende Hinwendung zum Autoritarismus in den unteren Schichten \u2013 nicht erst kurz nach der Ver\u00f6ffentlichung von Thomas Pikettys (2014) verteilungspolitischer Mythenjagd ist amtlich geworden, was der Gro\u00dfteil politisch informierter Beobachter ohnehin schon seit Langem geahnt hatte: Das kapitalistische Gl\u00fccksversprechen, allgemeinen Wohlstand, soziale Mobilit\u00e4t sowie demokratische Beteiligung m\u00fcndiger Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger ein f\u00fcr alle Mal zu gew\u00e4hrleisten, kann m\u00f6glicherweise (zumindest in absehbarer Zukunft) nicht eingehalten werden. Aus Sicht einer zeitdiagnostisch orientierten Soziologie stellt somit die Frage: Was kommt nach dem Neoliberalismus?<\/p>\n<p>Dieser (im weiteren Sinne gefassten) Frage gehen die Beitr\u00e4ge des neuen Bandes von Heinz Bude und Philipp Staab mit dem Ziel nach, \u201edie Entwicklung sozialer Ungleichheit in Relation zu strukturbestimmenden Transformationen des Kapitalismus zu erschlie\u00dfen\u201c (18).<\/p>\n<p>In ihrer Einleitung bestimmen die Herausgeber die Aufgabe einer Soziologie mit dem thematischen Schwerpunkt sozialer Ungleichheit unter verschiedenen Aspekten (Globalisierung, sozio\u00f6konomischer Wandel und Zuspitzung sozialer Konflikte, aber auch der Unterscheidung subjektiver wie struktureller Ungleichheitsrelationen). Die folgenden Beitr\u00e4ge thematisieren den Zusammenhang sozialer Ungleichheit mit einer Reihe empirischer Ph\u00e4nomene und Bezugsrahmen.<\/p>\n<p>Ein erster Teil des Buches behandelt \u201eTransformationen des Kapitalismus in der Gegenwart\u201c. Aaron Sahr beleuchtet in seinem Text die Bedeutung von Banken f\u00fcr den Zusammenhang von Finanzialisierung und sozialer Ungleichheit. Indem er die Akkumulationsmuster finanzialisierter Wertsch\u00f6pfung rekonstruiert, gelingt es ihm, \u201eklare Gewinner und klare Verlierer\u201c (39) der neuen Dynamiken zu identifizieren.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Volkswirtschaften von China und Indien als bev\u00f6lkerungsreichste L\u00e4nder des Planeten stellt Tobias ten Brink konzeptionelle \u00dcberlegungen zur makrosoziologischen Analyse nicht-liberaler Kapitalismen im globalen S\u00fcden an und erkennt dabei \u201eeinige Argumente f\u00fcr die mittelfristige Aufrechterhaltung nicht-liberaler kapitalistischer Dynamiken\u201c (57).<\/p>\n<p>In ihrem Aufsatz zur \u201eAvantgarde des digitalen Kapitalismus\u201c eruieren Philipp Staab und Oliver Nachtwey m\u00f6gliche Folgen der Digitalisierung f\u00fcr Arbeit und Besch\u00e4ftigung in der Wirtschaft der Zukunft. Angesichts der neuen Produktions- und Koordinationstechnologien erkennen sie in der Zukunft gro\u00dfe potentielle Probleme f\u00fcr die arbeitnehmerseitige Interessenvertretung.<\/p>\n<p>Ein zweiter Teil des Buches mit dem Obertitel \u201eUngleichheiten im Weltma\u00dfstab\u201c problematisiert den r\u00e4umlichen Bezugsrahmen soziologischer Reflexion. In einem ersten Beitrag referiert Anja Wei\u00df (zumeist bereits von Vertretern wie Ulrich Beck, Ludger Pries, Saskia Sassen und einer Reihe anderer \u00fcblicher Verd\u00e4chtiger ge\u00e4u\u00dferte) Einw\u00e4nde gegen eine (allein) methodologisch-nationalistisch verfahrende Ungleichheitssoziologie. Heinz Budes Text zu globalen Klassenverh\u00e4ltnissen behandelt die Ungleichzeitigkeiten im Verh\u00e4ltnis von Konvergenz- und Divergenzentwicklungen zwischen und innerhalb von L\u00e4ndern im Zuge der Globalisierung. In ihrem Text zur globalen Strukturierung des Nationalen betont Manuela Boatca die Bedeutung von Staatsb\u00fcrgerschaft als statuszuweisende Kategorie.<\/p>\n<p>Der folgende Abschnitt des Buches widmet sich dem Zusammenhang von Arbeitsm\u00e4rkten und Ungleichheit. Anschlie\u00dfend an die Arbeiten von J\u00fcrgen Habermas analysiert Sighard Neckel in seinem Text Prozesse der Refeudalisierung von Erwerbs- und Lebensverh\u00e4ltnissen im Finanzmarktkapitalismus als partiellen R\u00fcckschritt in vormoderne Gesellschaftsformen. Die Auswirkungen von transnationaler Wertsch\u00f6pfung auf Arbeit und Besch\u00e4ftigung thematisiert anschlie\u00dfend Nicole Mayer-Ahuja als ungleichm\u00e4\u00dfigen Prozess, der Sozialstandards weder einheitlich nach oben noch nach unten beeinflusst.<\/p>\n<p>Weitere Auseinandersetzungen, diesmal eher theoretischer Natur, mit dem Digitalisierungsthema stellt im anschlie\u00dfenden Beitrag erneut Philipp Staat an. Rationalisierungssch\u00fcbe in der Dienstleistungswirtschaft gingen, so die These, perspektivisch eher zu Lasten der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Dem Zusammenhang von Migration und Ungleichheit mit Blick auf Arbeit und Erwerb widmet sich Florian Butollo. Indem er das Marxsche Konzept des\u00a0 Reservearmeemechanismus auf aktuelle Entwicklungen technologischen Wandels und Arbeitskr\u00e4ftemobilit\u00e4t bezieht, gelingt es ihm, neue wohlfahrtsstaatliche Herausforderungen arbeitsmarkttheoretisch \u201eim nationalen wie im transnationalen Rahmen\u201c (233) erfassbar werden zu lassen.<\/p>\n<p>Die Beziehung zwischen sozialen Konflikten und politischer Herrschaft stellt das Oberthema des folgenden Abschnitts dar. Am Beispiel der Occupy-Proteste stellt Oliver Nachtwey einige sozialtheoretische \u00dcberlegungen zum Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie an. In Forderungen nach einem umfassenden Konzept von Citizenship erkennt er einen gemeinsamen Bezugspunkt der Proteste gegen Entdemokratisierung und soziale Ungleichheit.<\/p>\n<p>\u201eVergesellschaftung durch Konsum\u201c (268) stellt den empirischen Bezugspunkt Wolfgang Streecks dar. Anhand der sich wandelnden Konsummuster im \u00dcbergang zum Postfordismus (\u201eVom Stadtbad zum Spa\u00dfbad\u201c) erkennt Streeck auch neue Muster politischer Beteiligung. Der folgenden Beitrag von G\u00f6ran Therborn zu \u201aKlasse im 21. Jahrhundert\u2018, in dem die Zukunft der Arbeiterklasse als Auseinandersetzung zwischen Mittelschichten und Plebejern um den legitimen Vertretungsanspruch beschrieben wird, stellt ebenfalls einen Wiederabdruck aus der Zeitschrift \u201eNew Left Review\u201c dar.<\/p>\n<p>Den letzten Teil des Bandes machen unter dem Titel \u201eDie Zukunft der Kritik\u201c zwei theoretische Beitr\u00e4ge aus. In ihrem Text zu De(kon)struktion und politische \u00d6konomie\u201c eruiert Silke van Dyk die Perspektiven poststrukturalistischer Kapitalismuskritik aus konzeptionellem Blickwinkel. Mit der Wiederkehr der sozialen Frage auf die forschungspolitische Agenda k\u00f6nnten solche Ans\u00e4tze als Korrektiv der Kategorienbildung fungieren.<\/p>\n<p>Als Thema des abschlie\u00dfenden Beitrags r\u00fcck Klaus D\u00f6rre mit Karl Polanyi einen Autor ins Zentrum des Interesses, dem \u2013 gemessen an seiner aktuellen Popularit\u00e4t \u2013 im Band insgesamt wenig Platz einger\u00e4umt worden ist. Am Beispiel eines s\u00fcddeutschen Industriebetriebs erkennt D\u00f6rre im Bewusstsein der Besch\u00e4ftigten Elemente einer Polanyischen Marktkritik, die ihm zum Ausgangspunkt einer progressiven Klassenidentit\u00e4t geeignet erscheinen. Dass, so D\u00f6rre, eine solche Identit\u00e4t \u201eletztendlich nur aus gemeinsamen Erfahrungen und K\u00e4mpfen der Subalternen entstehen\u201c (364) k\u00f6nne, begr\u00fcndet abschlie\u00dfend einmal mehr den Fokus des Bandes auf den produktiven Zusammenhang Kapitalismus und Ungleichheit.<\/p>\n<p>Die Vielfalt der (zum Gro\u00dfteil interessanten) Beitr\u00e4ge erm\u00f6glicht es, den Themenkomplex von unterschiedlichen Seiten zu behandeln. Als besonders erhellend erscheint mir die Verbindung kapitalismus- und ungleichheitstheoretischer Konzepte und Fragestellungen mit dem Gegenstand der Digitalisierung. Gleichzeitig finden sich im Teil zu \u201aUngleichheiten im Weltma\u00dfstab\u2018 nicht unbedingt neue Einsichten (vgl. hierzu den Band von Berger und Wei\u00df 2008).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Beitr\u00e4ge selbst allesamt als koh\u00e4rent erscheinen, ist der rote Faden im Buch zwar insgesamt erkennbar. Was genau aber der Leser insgesamt \u00fcber den Zusammenhang von sozialen Konflikten, Kapitalismus und sozialer Ungleichheit gelernt haben sollte, h\u00e4tte man m.E. \u2013 gemeinsam mit den perspektivischen Fragen, die sich vor diesem Hintergrund ergeben \u2013 in einem abschlie\u00dfenden Beitrag zusammenfassen sollen.<\/p>\n<p>Das theoretische Anliegen, die Gegenstandsbereiche sozialer Ungleichheit, politischer Mobilisierung und kapitalistischer Dynamik zusammen zu denken, erscheint vor allem vor dem Hintergrund rezenter forschungspolitischer Entwicklungen im Bereich der Sozialwissenschaft bedeutsam. Wurden im Verlauf der letzten Jahrzehnte vor (wohl nicht zuletzt vor dem Hintergrund standortwettbewerbsgetriebener Restrukturierungen) wesentliche Teile der politischen Arbeitssoziologie in Bezug auf Mittelvergabe (und damit auch fach\u00f6ffentliche Aufmerksamkeit) zugunsten einer (humankapitalinteressierten) Bildungssoziologie eingeschr\u00e4nkt, erscheint die im Band angestrebte Neuorientierung genauso wegweisend wie erstrebenswert. Soziale Disparit\u00e4ten und politische Mobilisierung sind, das zeigen nicht zuletzt AfD und PEGIDA, zwei Seiten einer Medaille und sollten nicht getrennt betrachtet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Berger, Peter A.; Wei\u00df, Anja (2008): Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Wiesbaden: Springer<\/p>\n<p>Piketty, Thomas (2014): Das Kapital im 21. Jahrhundert. M\u00fcnchen: Beck<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nHeinz Bude, Philipp Staab (Hg.)<br \/>\nKapitalismus und Ungleichheit. Die neuen Verwerfungen<br \/>\nFranfurt\/New York: Campus<br \/>\nISBN: 9783593506395<br \/>\n370 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website seeliger\" href=\"http:\/\/www.soziologie.uni-jena.de\/Arbeitsbereiche\/Arbeits__+Industrie_+und+Wirtschaftssoziologie\/Mitarbeiter_innen\/Dr_+Martin+Seeliger-p-177295.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Seeliger<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena, Lehrstuhl f\u00fcr Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik und Krise<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[831,1197,2191],"class_list":["post-6389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-gegenwartssoziologie","tag-kapitalismus","tag-soziale-ungleichheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6389"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6389\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}