{"id":6408,"date":"2016-12-12T21:14:59","date_gmt":"2016-12-12T19:14:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6408"},"modified":"2016-12-12T21:14:59","modified_gmt":"2016-12-12T19:14:59","slug":"locating-media-in-star-trek-von-maren-lickhardt12-12-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/12\/12\/locating-media-in-star-trek-von-maren-lickhardt12-12-2016\/","title":{"rendered":"Locating Media in \u00bbStar Trek\u00ab von Maren Lickhardt12.12.2016"},"content":{"rendered":"<p>K\u00f6rperliche und mediale Raum\u00fcberwindung<!--more--><\/p>\n<p>Im Jahr 2265 ist die Welt erheblich kleiner geworden, denn das Raumschiff Enterprise durchquert die unendlichen Weiten des Universums mit Warp-Geschwindigkeit. Geschwindigkeit ist ein Begriff der klassischen Mechanik, der beschreibt, wie ein K\u00f6rper seinen Ort in der Zeit ver\u00e4ndert. Es handelt sich um eine raum-zeitliche Relation. Gef\u00fchlt scheint bei dieser Kategorie im Allgemeinen der Zeit-Faktor eine gr\u00f6\u00dfere Rolle zu spielen, schlie\u00dflich lautet die wesentliche Frage bei Reisen h\u00e4ufiger: Wann sind wir da? Und nicht: Wo sind wir dann?<\/p>\n<p>F\u00fcr die gesamte Anlage von \u2013 nicht nur \u2013 <em>Star Trek The Original Series<\/em> (<em>TOS<\/em>) ist aber der Raum-Faktor konstitutiv. Durch eine Manipulation des Raum-Zeit-Kontinuums mittels Materie-Antimaterie-Reaktionen, also Warp-Antrieb, erscheinen selbst gr\u00f6\u00dfte Entfernungen als Katzenspr\u00fcnge, so dass die Verk\u00fcrzung der Reisezeiten den Raum schmelzen lassen.<\/p>\n<p>Fast alle <em>Star Trek<\/em>-Serien, zumindest <em>TOS<\/em>, <em>Next Generation<\/em> (<em>TNG<\/em>), <em>Voyager<\/em> mit umgekehrten Vorzeichen (<em>VOY<\/em>) und <em>Enterprise<\/em> (<em>ENT<\/em>) leben von der Verf\u00fcgbarmachung und Verf\u00fcgbarkeit des Raumes, und obwohl dies selbstverst\u00e4ndlich geopolitische Implikationen birgt, ist an dieser Stelle lediglich gemeint, dass ein gro\u00dfer Teil des Raumes \u2013 und damit ein breites Szenario, ein buntes Spektrum an Spezies und Planeten, zahlreiche Begegnungen, Erfahrungen, Eindr\u00fccke, Informationen und Kommunikationen \u2013 zug\u00e4nglich ist und souver\u00e4n verhandelt werden kann.<\/p>\n<p>Um die einzige mir bekannte km\/h-Angabe zu benennen, die nach menschlichem Ermessen halbwegs vorstellbar ist, sei darauf verwiesen, dass Warp-Faktor 4,3 in <em>ENT<\/em> (s01e01) 30 Millionen Kilometer in der Sekunde bringt. Und auch wenn der Warp-Faktor nicht konsistent mit Geschwindigkeiten korreliert, sei hinzugef\u00fcgt, dass in den Serien nicht selten mit Warp 9 geflogen wird. Flugzeiten vergehen dadurch aber nicht einfach schnell, sondern viel wichtiger ist, dass R\u00e4ume kleiner und Abst\u00e4nde k\u00fcrzer werden, die unendliche Weite verf\u00fcgbar ist.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;HnDtvZXYHgE&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Das Thema der Raumerschlie\u00dfung wird in <em>TNG<\/em> programmatisch jeder Folge vorangestellt: \u201eDer Weltraum &#8211; unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.\u201c<\/p>\n<p>Diese Grundkonstellation des Plots, die daran gekn\u00fcpft ist, dass Bewegung schneller und Raum dadurch kleiner wird, erf\u00e4hrt innerhalb der Fiktion und ihrer Historie erhebliche diskursive Aufmerksamkeit. So muss in dem Kinofilm <em>Star Trek Der erste Kontakt<\/em> (<em>ST 8<\/em>) sichergestellt werden, dass sich die von den Borg manipulierte urspr\u00fcngliche Erdgeschichte\/Zeitlinie doch noch erf\u00fcllt und Zefram Cochrane im Jahr 2063 den Warp-Antrieb erfindet, denn nur auf diese Weise werden die Vulkanier auf die Menschen als b\u00fcndnisf\u00e4hige Spezies aufmerksam.<\/p>\n<p>Der obersten Direktive der sp\u00e4ter gegr\u00fcndeten F\u00f6deration entspricht es dann bezeichnenderweise, nur die V\u00f6lker zu kontaktieren, die sich auf dem technologischen Stand der Warp-\u00c4ra befinden. Dies bildet den Marker f\u00fcr zivilisatorischen Fortschritt und kulturelle Reife. Und nicht zuletzt kann ja auch erst mit dem Warp-Antrieb das interstellare Reisen losgehen.<\/p>\n<p>Nun geht die Enterprise nicht im Jahr 2265, sondern im Jahr 1966 auf die Reise. Und bekannterma\u00dfen haben wir es bei dem Szenario mit Projektionen aus dieser Zeit zu tun. Es wird also verhandelt, was 1966 technisch vorstellbar, \u00f6konomisch denkbar und politisch erw\u00fcnscht war.<\/p>\n<p>Die 60er Jahre waren DAS Jahrzehnt der bemannten Raumfahrt im Wettkampf der Superm\u00e4chte im Kalten Krieg. Die mediale Aufmerksamkeit galt diesem Ph\u00e4nomen in einem solchen Ausma\u00df, dass die Landung auf dem Mond im Jahr 1969 bekanntlich zu einer dieser Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> wurde, an die man sich kollektiv erinnert, von der jeder wei\u00df, wo und wie man sie genau erlebt hat. All das hat die Phantasien befl\u00fcgelt\u2026<\/p>\n<p>Man muss aber mediengeschichtlich oder kriegshistorisch nicht besonders bewandert sein, um zu bedenken, dass gerade im Kalten Krieg die Aspekte Informationsbeschaffung und Kommunikation \u2013 und zwar hinsichtlich Qualit\u00e4t, Quantit\u00e4t und wiederum Geschwindigkeit \u2013 entscheidender waren als die Frage, wer zuerst in den Weltraum geflogen oder auf dem Mond gelandet ist.<\/p>\n<p>Im zivilen allt\u00e4glichen Leben waren es ebenfalls die noch neuen, aber schon zug\u00e4nglichen Verbreitungs- und Kommunikationsmedien, die die Welt verf\u00fcgbarer gemacht haben. W\u00e4hrend nicht jeder Astronaut wurde oder dem internationalen Jet Set angeh\u00f6rte, also nicht seinen K\u00f6rper beschleunigt im gro\u00dfen Raum \u00fcber weite Distanzen bewegen konnte, war entfernter Welt-Kontakt \u2013 Informationen und Kommunikationen \u2013 jenseits physischer Parameter m\u00f6glich: mit Telefonieren, Briefeschreiben und Fernsehen. Mit verschiedenen Techniken r\u00fcckt die Weite der Welt f\u00fcr eine kritische Masse von Nutzern \u00fcber Medien in die N\u00e4he.<\/p>\n<p>Woraus bemerkenswerterweise f\u00fcr <em>Star Trek<\/em> wenig hervorgeht. Kommunikation und Information war in der Phantasie Gene Roddenberrys offenbar weniger unendlich erweiterbar als die technischen Fortschritte bei der k\u00f6rperlichen Bewegung im Raum. Nat\u00fcrlich hat es die Kommunikation auf dem Weg aus der Realit\u00e4t in die Fiktion weg von Kabel und Papier geschafft, und der Funk hat sich verbessert: So besteht schon in <em>TOS<\/em> f\u00fcr die Langstreckenkommunikation die M\u00f6glichkeit von Subraumtransmissionen in Echtzeit. F\u00fcr Au\u00dfenmissionen stehen Kommunikatoren zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;LCGAO3bx5VU&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Die schiffsinterne Kommunikation erinnert allerdings an die Bedienung von M\u00fcnzfernsprechern. Das Intercom ist eine relativ gro\u00dfe, in die W\u00e4nde installierte Apparatur mit Mikrofonen und Lautsprechern, die per Knopfdruck bedient werden muss. So ganz zuk\u00fcnftig, und das w\u00e4re, wenn man unsere heutige reale Entwicklung zugrunde legte, omnipr\u00e4sent, drahtlos, dislokalisiert oder netzf\u00f6rmig, wird Kommunikation in <em>TOS<\/em> nicht dargestellt.<\/p>\n<p>Auf die Details der in <em>TOS<\/em> inszenierten Verfassung von Verbreitungs- und Kommunikationsmedien soll verzichtet werden. Die These, dass diese wenig ausgelastet werden, wenig diskursiv im Vordergrund stehen, wenig avanciert oder \u201afuturistisch\u2018 imaginiert werden, muss so stehen bleiben. Sie resultiert aus einem Gesamteindruck, der sicher anhand einzelner Folgen modifiziert werden kann.<\/p>\n<p>Prinzipiell sei aber gesagt, dass es zwei M\u00f6glichkeiten der Welterschlie\u00dfung zum Zwecke der Neu- und Fremderfahrung gibt. Man bewegt sich physisch an die Grenzen des Universums oder man setzt Medientechniken ein, um vermittelte Kontakte zu kn\u00fcpfen, und es ist eindeutig vorwiegend Ersteres in <em>TOS<\/em> der Fall. Bedenkt man die Genrekonventionen, muss zun\u00e4chst einmal darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der Auslastung des Raumes und der Bewegung durch den Raum um eine sciencefiktionale Standardsituation, eine Szenographie,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> handelt, in der Science Fiction mit dem Abenteuergenre verschr\u00e4nkt wird.<\/p>\n<p>Es sollen Abenteuer gezeigt werden, und das entsprechende episodische Schema der vielf\u00e4ltigen interstellaren Begegnungen als Strukturprinzip der Serie w\u00e4re ungleich weniger effektvoll, wenn man sie \u00fcber Medientechniken herstellen w\u00fcrde. Nicht zuletzt mangelte es den amour\u00f6sen Abenteuern des Captain Kirk an der n\u00f6tigen W\u00fcrze. K\u00f6rperliche Zusammenk\u00fcnfte sind in einer Fernsehserie auch dann attraktiv, wenn andere M\u00f6glichkeiten nahe liegen k\u00f6nnten, d.h. es geht in der Science Fiction-Serie nicht nur um die Fiktionalisierung technischen Fortschritts oder wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern diese werden so selektiert, dass sie visuell gut in Szene gesetzt werden k\u00f6nnen. Da ist k\u00f6rperliche Raum\u00fcberwindung geeigneter als mediale.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt der Eindruck einer merkw\u00fcrdigen Medienblindheit im <em>Star Trek<\/em>-Universum, die sich nicht allein durch Ploterfordernisse und Darstellungseffekte erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Schlie\u00dflich ist bei der Erfindung alternativer Welten alles m\u00f6glich und letztlich auch alles interessant inszenierbar. In <em>Star Trek<\/em> wird klar auf ein mechanisches Weltbild gesetzt, das von ersten Grundentscheidungen bis zu kleinsten Details durchgehalten wird. Der Medial Turn ist an <em>Star Trek<\/em> weitgehend vorbeigegangen, obwohl die Serie ansonsten kulturgeschichtliche und kulturwissenschaftliche Konzepte interessiert umsetzt und verhandelt.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;nIpXYU-9CBM&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Wenn man Darstellungsalternativen bedenkt, wirkt es schon auff\u00e4llig, dass beim Ursprungsnarrativ der Befreundung mit den Vulkaniern auf den Einsatz von Kommunikations-, Verbreitungs- und Medientechnik verzichtet wird. W\u00e4re es nicht eigentlich viel logischer, wenn M\u00f6glichkeiten, Subraumnachrichten zu empfangen auf der Erde auf die Existenz von Au\u00dferirdischen aufmerksam gemacht h\u00e4tten, schon bevor sich die Vulkanier zeigen, wenn der technologische Stand es 2063 \u2013 selbst nach dem mit verheerenden Folgen 2053 geendeten Dritten Weltkrieg \u2013 erlaubt, mit Antimaterie zu experimentieren? W\u00fcrden sich Vulkanier tats\u00e4chlich sofort auf die Erde begeben, wenn sie eine Warp-f\u00e4hige Zivilisation entdecken oder w\u00fcrden sie nicht viel eher erst einmal aus der Ferne das Gespr\u00e4ch suchen?<\/p>\n<p>Oder allgemeiner gefragt: Warum muss erst die M\u00f6glichkeit zu r\u00e4umlich-physischem Kontakt bestehen, um interstellar zu kommunizieren? Warum ist die Verkehrs- und Bewegungstechnik bzw. physikalische Mobilit\u00e4t der Ma\u00dfstab und Pr\u00fcfstein f\u00fcr die W\u00fcrdigkeit einer Zivilisation und Kultur, mit ihr Kontakt aufzunehmen?<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;adVLgITYF3k&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Nicht allein durch die strukturelle und funktionale Auslastung der Art der Raumerschlie\u00dfung, sondern durch deren diskursive Verhandlung im Ursprungsnarrativ wird der im Kern mechanische epistemologische Hintergrund der Serie \u00fcberdeutlich. Und w\u00e4hrend in den 60er Jahren die medientechnologischen Alternativen noch ganz einfach herunterfallen konnten, m\u00fcssen sie in dem Jahr, in dem der Kinofilm entstand, n\u00e4mlich 1996, schon eher aktiv ausgeblendet oder weggedr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p>Es entsteht zwischen den realen Medienpraktiken im Jahr 1996 und der Fiktionalisierung von 2063 eine merkw\u00fcrdige Differenz, die befragt werden muss: Warum greift das sonst so subtil aktuelle <em>Star Trek<\/em>-Universum zu keinem Zeitpunkt die Relevanz von Medientechniken auf und warum f\u00e4llt sie ab den 90ern sogar deutlich hinter die realen M\u00f6glichkeiten zur\u00fcck?<\/p>\n<p>In den 90er Jahren sind schlie\u00dflich die kommerzielle Nutzung des Internets, drahtlose \u00dcbertragungen, interaktives Fernsehen etc. weit verbreitet, pr\u00e4gen neue Medien neue kulturelle Praktiken. Um nur wenige Schlagworte zu nennen, sei erw\u00e4hnt, dass Information und Kommunikation als \u201amateriefrei\u2018, dynamisch, dezentriert, netzf\u00f6rmig und reziprok denkbar wurden \u2013 und zwar f\u00fcr die realistischsten Genres und nicht etwa nur f\u00fcr Science Fiction.<\/p>\n<p>Die soeben angebrachten Begriffe charakterisieren in <em>ST 8<\/em> aber dann die Borg, die Schreckensvision eines Gegners schlechthin, ein dynamischer, drahtloser, dezentrierter, netzf\u00f6rmiger, reziprok agierender Hivemind, ein Kollektivbewusstsein \u2013 das allerdings im Kinofilm die erl\u00f6sende Vorstellung einer Queen als Steuerungsinstanz erh\u00e4lt! Artikuliert sich hier ein medienkritischer Kulturpessimismus? Oder liegt hier ein unreflektierter Konservatismus vor?<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;IcN8_Q0bvFA&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Wenn man zun\u00e4chst einmal eine gewisse Blindheit sowie Genrekonventionen zur Begr\u00fcndung einer gewissen Medienabsenz oder Medienabstinenz in <em>Star Trek<\/em> zugrunde legt, erkl\u00e4rt dies nicht die Fortf\u00fchrung dieser Ausblendung, wenn die Bewegungsm\u00f6glichkeiten im Raum eingeschr\u00e4nkt werden. Distanz muss dann mit Kommunikations- und Verbreitungsmedien \u00fcberwunden werden, wenn sie physisch nicht mehr \u00fcberwunden werden kann. N\u00e4he muss dann \u00fcber Medientechnik hergestellt werden, wenn die unendlichen Weiten nicht mit Verkehrstechnik durchquert werden k\u00f6nnen. \u2013 Und selbst wenn Bewegung m\u00f6glich ist, gilt prinzipiell, dass Informationen bestenfalls transportabel sein, dass also ohnehin immer dynamische Speichermedien zuhanden sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mit der von 1993 bis 1999 ausgestrahlten Serie <em>Star Trek Deep Space 9<\/em> (<em>DS9<\/em>), in der wir uns eingangs im Jahr 2371 befinden, liegt ein im Vergleich zu den anderen Serien v\u00f6llig anderes Konzept vor. Die Serie spielt im Wesentlichen auf einer Raumstation in einem abgelegenen Sektor des F\u00f6derationsgebiets, wo die Sternenflotte in einem Blauhelmeinsatz den ehemals von Cardassianern besetzten Planeten Bajor sch\u00fctzen soll.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;cwNFUgYWGG4&#8243; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Die Station r\u00fcckt ins Zentrum des F\u00f6derationsinteresses, nachdem ein stabiles Wurmloch entdeckt wurde, das in den Gamma-Quadranten f\u00fchrt. Diese interspatiale Kr\u00fcmmung schafft N\u00e4he zu einem bis dahin unbekannten, weit entfernten Raum und zu der gr\u00f6\u00dften Bedrohung f\u00fcr die F\u00f6deration in der Geschichte von <em>Star Trek<\/em>: dem Dominion.<\/p>\n<p>Gef\u00fchrt wird das Dominion von den so genannten Gr\u00fcndern \/ \u00a0Wechselb\u00e4lgern \/ Formwandlern, die mit jeder Form \u2013 sogar Feuer oder Nebel \u2013 jede Seinsweise nicht nur imitieren, sondern annehmen, also sein k\u00f6nnen und die sich in ihrer urspr\u00fcnglichen Form \u2013 in gewisser Weise sehr anthropomorph gedacht \u2013 als fl\u00fcssige Masse zu einer mystischen Union verbinden \u2013 N\u00e4he als Einheit und Verstehen im Kommunikationslosen, gemeinsames Bewusstsein.<\/p>\n<p>Erneut ist die ganz gro\u00dfe Bedrohung \u201amedial\u2018 besser aufgestellt als die F\u00f6deration, indem imaginiert wird, dass sie keine Medien braucht, wenngleich sie sich daf\u00fcr physisch verbinden muss und R\u00e4ume mit dieser Form der Kopplung nicht zu \u00fcberwinden sind. Daher ergibt sich f\u00fcr die Gr\u00fcnder aus ihrer materiell-medialen Anlage im Gegensatz zu den Borg kein besonderer taktischer Vorteil, aber immerhin sind sie eine geeinte Front, haben sie eine bessere Vertrauensbasis als die Seite der F\u00f6deration, die sogar im Krieg recht pluralistisch bleibt und intern m\u00fchsam zwischen den Alliierten vermitteln muss.<\/p>\n<p>Wir haben es bei <em>DS9<\/em> mit einem im Wesentlichen statischen Szenario zu tun, sieht man einmal von der Defiant ab, die als Kampfschiff zur Station geh\u00f6rt und punktuell f\u00fcr schnelle Navigationen im Raum genutzt wird. Das ist gleicherma\u00dfen Resultat von und Ursache f\u00fcr die v\u00f6llige Emanzipation der Serie von den Vorgaben des zuvor verstorbenen Roddenberry (1991). Zun\u00e4chst einmal l\u00f6st sich das episodische Schema der Serie auf. Die Station kann nicht von Abenteuer zu Abenteuer ziehen, sondern ist fest installiert und somit permanent zun\u00e4chst mit einem v\u00f6lkerrechtlichen Problem und anschlie\u00dfend einem einzigen \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Feind konfrontiert.<\/p>\n<p>Dadurch dass ohne die Reisebewegung nicht mehr pro Folge eine neue Spezies oder ein neuer Planet entdeckt wird, entfaltet sich ein progressives Makrosyntagma, ein \u00e4u\u00dferst komplex verzahnter und motivierter Handlungsbogen. Die Folgen folgen nicht mehr aufeinander, sondern auseinander.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich besuchen zahlreiche Spezies auf ihren Reisen die Station, kommt die Welt bzw. Abwechslung und Neues also k\u00f6rperlich in das Szenario herein, aber das feste Figurenarsenal steht st\u00e4rker im Vordergrund, was dazu f\u00fchrt, dass sich die ehemals statischen Typen zu ausgefeilten Charakteren entwickeln, die ein Netz von pers\u00f6nlichen Beziehungen und Geschichten ausbilden. Zudem handelt es sich bei den Figuren nicht mehr ausschlie\u00dflich um Mitglieder der Sternenflotte, sondern um Zivilisten, was ein Handlungsspektrum jenseits der obersten Direktive er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Fast alles hat sich ge\u00e4ndert im <em>Star Trek<\/em>-Universum. Nun w\u00e4re es aufgrund der grunds\u00e4tzlichen L\u00f6sung von alten Vorgaben m\u00f6glich, der realen Inspirationsquellen denkbar und einer szenographischen Handlungslogik zufolge konsequent, auch neue Verbreitungs-, Kommunikations- und Speichermedien einzubringen, den Informations- und Kommunikationsfluss zumindest unserem Verst\u00e4ndnis der 90er Jahre anzupassen. Dies bleibt weitgehend aus.<\/p>\n<p>Immerhin ist es schon in <em>TNG<\/em> mit dem Kommunikator zu einer kommunikativen Dynamisierung gekommen. Die Figuren tragen diesen als Anstecker an der Kleidung und m\u00fcssen nicht mehr die Intercom bedienen. Aber wie gestalten sich Kommunikationsfl\u00fcsse und Speicherprozesse in der statischen Anlage von <em>DS9<\/em>?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal zu einem besonderen Fall: Der Schriftsteller und Journalist Jake Sisko, Sohn des Kommandanten der Raumstation, arbeitet recht traditionell. Er beobachtet die Welt, reist im Rahmen seiner T\u00e4tigkeit zu fremden Planeten, befragt Menschen, hofft auf Inspiration und schreibt seine Texte mit einem stift\u00e4hnlichen Werkzeug auf ein Pad (z.B. s04e21). Alles k\u00f6rperlich und pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>Keine andere Art der Recherche oder des Schreibens wird thematisiert, also etwa multimediale, netzwerkartige Informationsbeschaffung oder kollektive Autorschaft. Was er schreibt, entspricht heute konventionellen Genres, z.B. Kriminalgeschichten, nicht etwa Hyperlink-Texten. Er spricht hin und wieder von seinen Lesern und ihren W\u00fcnschen. Ob er wirklich und, wenn ja, auf welche Weise er mit ihnen reziprok kommuniziert, bleibt aber unklar. Wie er sie \u00fcberhaupt einseitig adressiert, kommt kaum zur Sprache, aber er scheint keinen interstellaren Blog zu haben, denn hin und wieder schickt er Texte an Institutionen.<\/p>\n<p>Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass er recht traditionell verlegt wird. In s04e03 erleben wir den gealterten Jake Sisko in einer alternativen Zeitlinie, in der er auf das bescheidene Lebenswerk von <em>Anslem<\/em> und einer Erz\u00e4hlsammlung zur\u00fcckblickt. Er erh\u00e4lt Besuch von einem Fan, die anmerkt: \u201eYour books, they\u2019re so insightful.\u201c Sie fragt: \u201eWhy did you stop writing?\u201c Er antwortet scherzhaft: \u201eI lost my favourite pen.\u201c<\/p>\n<p>Der Scherz richtet sich aber nicht konkret auf das Schreibwerkzeug, also Pen statt Pad, sondern metaphorisch auf die Tatsache, dass er schwerwiegende existentielle Gr\u00fcnde f\u00fcr die Aufgabe seiner T\u00e4tigkeit hatte, und es kein Zufall oder eine Nebens\u00e4chlichkeit war, die ihn vom Schreiben abgebracht hat. Aber immerhin existieren diese \u201ebooks\u201c, die zwar irgendwie digital sind, aber tats\u00e4chlich wie B\u00fccher eingebunden als gro\u00dfe, schwer aussehende K\u00f6rper auf Jakes Schreibtisch liegen. Schriftstellerei ist also um das Jahr 2400 ein individueller Prozess und lebt von pers\u00f6nlichen Kontakten aller Art; vor allem erzeugt sie immer noch Materie.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es in <em>DS9<\/em> visuelle Echtzeitkommunikation \u00fcber Lichtjahre hinweg und Superdatenbanken f\u00fcr jedermann. Mit Hilfe von Medientechnik werden R\u00e4ume durchdrungen, Distanzen \u00fcberwunden, Verg\u00e4nglichkeit bezwungen, Ereignisse konserviert auf eine Weise, die unsere quantitativen M\u00f6glichkeiten hinsichtlich Geschwindigkeit und Menge bei Weitem sprengt.<\/p>\n<p>Das milit\u00e4rische F\u00fchrungspersonal Captain Benjamin Sisko und Major Kira Nerys sowie der kommerziell interessierte Ferengi Barkeeper Quark f\u00fchren oft Videokonferenzen. Der Stationsarzt Dr. Bashir, die Wissenschaftsoffizierin Jadzia Dax und der Chef der Sicherheit Constable Odo machen h\u00e4ufiger Gebrauch von Datenspeichern. Ob sich die Zuordnung von Milit\u00e4r und \u00d6konomie zu den raumgreifenden Verbreitungs- und Kommunikationsmedien und von Medizin, Wissenschaft und Verwaltung zu den zeitspeichernden Datenbanken quantitativ best\u00e4tigen lie\u00dfe, w\u00e4re noch zu \u00fcberpr\u00fcfen. So aber ein erster bzw. zw\u00f6lfter Eindruck beim Schauen der Serie.<\/p>\n<p>Wenn man nun darauf achtet, WIE diese Medien gestaltet sind, tut sich kein qualitativer Unterschied zu dem auf, was in den 90er Jahren bekannt war bzw. haben wir das <em>Star Trek<\/em>-Universum heute schon \u00fcberholt. Es ist interessant, wie schwerf\u00e4llig, zentralisiert, einseitig und wenig interaktiv die <em>Star Trek<\/em>-Medien funktionieren, wobei es nat\u00fcrlich verk\u00fcrzend ist, unsere realen Verh\u00e4ltnisse \u2013 um einen Zukunfts- und Fiktionsfaktor multipliziert \u2013 auf die Serie zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Immerhin: Wissen ist in <em>DS9<\/em> in gigantischem Ausma\u00df verf\u00fcgbar; Raum ist in gigantischem Ausma\u00df verf\u00fcgbar. Verf\u00fcgbarkeit von Wissen f\u00fchrt zu einem flotten Handlungsgang, weil offene Fragen schnell gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. G\u00e4be es diese Datenbanken im fiktiven Szenario nicht, w\u00fcrde man den Plot eben anders stricken, so dass er auch ohne Zuhilfenahme von Computerwissen z\u00fcgig voranschreitet. Wissen in, durch und mit Computern ist aber integraler Bestandteil der Serie und diskursiv im Zentrum, d.h. dies wird auch dann thematisch ausgelastet, wenn man es nicht unbedingt strukturell f\u00fcr den Bau einer Folge br\u00e4uchte.<\/p>\n<p>Verf\u00fcgbarkeit des Raumes zeigt sich darin, dass hin und wieder in Echtzeit weit entfernte Personen auf einem Bildschirm erscheinen, um audiovisuelle Gespr\u00e4che zu f\u00fchren. Nat\u00fcrlich wird der Raum so kleiner, aber zum einen kommt es nicht zu einer dezentralen, interaktiven Kommunikation, zum anderen wird die Notwendigkeit von k\u00f6rperlicher Anwesenheit nicht ersetzt. So gibt es zahlreiche Szenen, in denen Benjamin Sisko aus seinem B\u00fcro tritt, um Major Kira und die anderen \u00fcber politische und milit\u00e4rische Entscheidungen zu informieren, die er gerade vom Sternenflottenkommando entgegen genommen hat.<\/p>\n<p>D.h. Kommunikation verl\u00e4uft hierarchisiert und die Kette verbindet sich durch k\u00f6rperliche Pr\u00e4senz im gleichen Raum. So wird Benjamin Sisko in den F\u00fchrungsstab der Sternenflotte bzw. den Planungsstab des Kriegsrats berufen und kann in dem Zusammenhang nicht in seinem B\u00fcro bleiben und sich interaktiv beteiligen, sondern muss umziehen. Und das, obwohl die Technik zur Verf\u00fcgung steht, sich als Hologramm an einem anderen Ort reproduzieren zu lassen, w\u00e4hrend man sich am eigenen Ort in den Cyberspace begibt.<\/p>\n<p>Sowohl diskursiv als auch strukturell wird wenig mit Kommunikations- und Verbreitungsmedien gearbeitet, selbst dann wenn es handlungslogisch naheliegend w\u00e4re. Wie gesagt: Wir haben es hier mit einer merkw\u00fcrdigen Ausblendung zu tun, denn eher geht die Defiant aufw\u00e4ndig auf Reisen und transportiert Figuren, als dass medientechnische Vermittlungen zum Einsatz kommen. N\u00e4he wird geschaffen durch Bewegungstechnik und physische Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise wird den als restlos totalit\u00e4r charakterisierten Cardassianern dann zugeschrieben, eine \u201azentralistische Medienpr\u00e4senz\u2018 zu erzeugen. Die F\u00fchrer von Cardassia sind bei ihren Ansprachen auf an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen installierten gro\u00dfen Monitoren zu sehen, sorgen also f\u00fcr lokale Versammlungen, f\u00fcr das kollektive Hochschauen auf \u00fcbergro\u00dfe Herrschergesichter (s02e25). Im Grunde erschaffen sie \u00fcber ein fern\u00fcbertragenes Raummedium eine Wirkung, die man vielleicht eher einem steingemei\u00dfelten sakralen Zeitmedium zuschreiben w\u00fcrde.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich funktionieren die F\u00f6derationsmedien ungleich dezentraler, dynamischer und partizipativer, aber dann doch nicht in dem Ma\u00df, das in den 90er Jahren eigentlich schon realistisch und nicht nur sciencefiktional vorstellbar war. <em>Star Trek<\/em> hat auch auf der guten Seite einen Hang zu Medien der Pr\u00e4senz und N\u00e4he. Darauf wird zur\u00fcck zu kommen sein.<\/p>\n<p>Beim Thema Cardassianer ist aber zun\u00e4chst einmal zu fragen, was die Medien in und mit dem Krieg machen. Sehr selten ergeben sich taktische Unterschiede durch die M\u00f6glichkeiten, Informationen schneller zu \u00fcbermitteln als der Gegner. Dagegen ist es h\u00e4ufiger von entscheidender Bedeutung, welche Kriegsflotten schneller zu einem bestimmten Ort gelangen. Eine Ausnahme bildet eine zun\u00e4chst unentdeckte Abh\u00f6rvorrichtung des Dominion, aufgrund der dieses die Truppenbewegung der Sternenflotte aus der Ferne beobachten kann und deren Zerst\u00f6rung dann einen der vielen Wendepunkte im Sinne der F\u00f6deration ergibt. Eine weitere Ausnahme bildet eine Reise von Worf und Garak in den Gamma-Quadranten, in deren Verlauf sie zuf\u00e4llig herausfinden, dass sich Truppen des Dominion zum Angriff versammelt haben, und sie eine zerhackte Nachricht an DS9 \u00fcbermitteln k\u00f6nnen, die diese auf den Angriff vorbereitet.<\/p>\n<p>Der Krieg gegen das Dominion ist der erste Krieg in der Geschichte von <em>Star Trek<\/em>, der keinen deutlichen Schematismus von Gut und B\u00f6se zul\u00e4sst (z.B. s06e19, s07e22). Au\u00dferdem bringt es die Anlage des Gegners als Formwandler mit sich, dass Infiltrationsprozesse und -\u00e4ngste thematisiert werden statt eindeutige Fronstellungen. In dem Zusammenhang spielen Sabotage- und Guerilla-Aktionen eine entscheidende Rolle. Z.B. manipuliert ein Gr\u00fcnder in der Gestalt von Julian Bashir einen phasenkonjugierten Gravitonstrahl so, dass es nicht mehr gelingt, das Wurmloch zu versiegeln, um weiteres Eindringen von Jem\u2019Hadar-Kriegern in den Alpha-Quadranten zu verhindern (s05e14, s05e15). Oder einzelne Schiffe dringen in den Raum des Dominion ein, um Ketracel-White-Produktionsst\u00e4tten \u2013 das Pervitin des Dominion \u2013 oder Schiffswerften zu zerst\u00f6ren (s06e01, s07e02).<\/p>\n<p>Die Manipulation von Informationen, das Hacken von Datenbanken, die Verbesserung der eigenen Kommunikationsm\u00f6glichkeiten, die kommunikative Isolierung des Gegners haben dagegen eine deutlich untergeordnete strategische Bedeutung, wenngleich das das ein oder andere auch mal vorkommt und sich dabei signifikanterweise vor allem die als suspekt und unfixierbar geltende \u2013 Schneider, Spion oder Doppelspion? \u2013 Figur Garak hervortut! D.h. Medientechnik wird nicht sehr beachtet im <em>Star Trek<\/em>-Universum, wenn es darum geht, sich Raumvorteile zu verschaffen, wenn also gigantische Distanzen souver\u00e4n und dynamisch verf\u00fcgbar werden m\u00fcssen. Tats\u00e4chlichen entwickelt <em>Star Trek<\/em> \u00fcberm\u00e4\u00dfig h\u00e4ufig Medien der Pr\u00e4senz und N\u00e4he, lokalisierte Medien. Als Erstes w\u00e4re nun das Holodeck zu nennen als das Medium der Immersion schlechthin, und \u00a0zwar der k\u00f6rperlichen Immersion in einem geschlossenen Raum.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Da das gut untersucht ist und nicht direkt zum Thema geh\u00f6rt, sei dies lediglich am Rande erw\u00e4hnt. Stattdessen sei auf zwei Szenen verwiesen.<\/p>\n<p>s07e06: Als Chief O\u2019Brien den Auftrag erh\u00e4lt, die Defiant innerhalb weniger Tage zu reparieren, und er daf\u00fcr einen zu dem Zeitpunkt nur schwer erh\u00e4ltlichen Graviton-Stabilisator braucht, tritt der findige Ferengi Nog in Aktion, um in einer fast un\u00fcberschaubaren Kette von Tauschgesch\u00e4ften G\u00fcter zu verschieben, bis er am Ende als letzten Tausch den Stabilisator f\u00fcr O\u2019Brien erh\u00e4lt. In dieser dynamischen Zirkulation der Dinge besteht ein Gesch\u00e4ft darin, einem Holo-Foto-Sammler eine Fotographie von sich selbst hinter Captain Siskos Schreibtisch zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Absurderweise scheint es dazu n\u00f6tig zu sein, den Schreibtisch aus Captain Siskos B\u00fcro zu entfernen und zu dem Sammler zu transportieren. Nichts w\u00e4re leichter gewesen, als eine bearbeitbare Version der Holo-Fotografie \u00fcber Subraum zu versenden, so dass sich der Sammler dahinter collagieren k\u00f6nnte. Stattdessen wird der Schreibtisch verschickt, und Kira und O\u2019Brien stehen betreten das B\u00fcro des abwesenden Captains und starren auf die leere Stelle. Figurenpsychologisch betrachtet, verschafft es dem Sammler m\u00f6glicherweise Befriedigung, einmal die Aura des Originals zu genie\u00dfen und sich k\u00f6rperlich hinter den materiellen Schreibtisch zu setzen, was nat\u00fcrlich nur vor dem Hintergrund traditioneller Kunstverst\u00e4ndnisse und Objektsakralisierungen Sinn ergibt. Eigentlich dient es dem \u2013 tats\u00e4chlich funktionierenden \u2013 Gag f\u00fcr den Zuschauer, das B\u00fcro des Captains einmal leer und Kira und O\u2019Brien jeweils auf ihre Weise verbl\u00fcfft auf diese Situation reagierend zu sehen.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;N8hcHXwqPEo&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Interessanterweise erscheint Nogs Aktion aber erst absurd, wenn man sich die Serie im Hinblick auf die Behandlung von medialen M\u00f6glichkeiten ansieht, darauf also die Aufmerksamkeit richtet. Dass die schwere Materie im Raum bewegt wird statt ein paar Signale, f\u00e4llt zumindest bei den ersten vier Malen beim Zuschauen nicht auf, weil es ganz einfach zur Serie passt. Dass Nog das Spiel mit den G\u00fctern metaphysisch untermauert, indem er das \u201eGreat Material Continuum\u201c als \u201ethe force that binds the universe together\u201c bezeichnet, gibt der Sache unmerklich den Rest. \u201eEach one [universe] filled with too much of one thing and not enough of another. And the Great Continuum flows through them all like a mighty river from \u2018have\u2019 to \u2018want\u2019 and back again.\u201d<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man sich so eine romantisierte Version von Angebot und Nachfrage vorstellen, aber derartig fl\u00fcssig ist ja ausgerechnet Materie selten, sondern eher virtuelle Gr\u00f6\u00dfen und Zahlen. Indem diese kapitalistische Metaphysik \u00fcber eine Wasserausgleichs-Metapher entworfen wird \u2013 was vordergr\u00fcndig die Spezies der Ferengi und Nog charakterisieren soll \u2013, enth\u00fcllt sich noch einmal ein mechanisches Weltbild, das von der Vorstellung der Bewegung von K\u00f6rpern im Raum durch die Zeit gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Obwohl die Serie in jeder Hinsicht \u00e4u\u00dferst komplex ist, entsteht so eine behagliche \u00dcberschaubarkeit, das Gef\u00fchl einer Greifbarkeit, die im Gegensatz zu anderen Science Fiction-Serien in <em>Star Trek<\/em> stets aufrechterhalten bleibt, auch wenn sich sowohl die ingenieurs- und natur- als auch geisteswissenschaftliche Epistemik so gewandelt hat, dass Science Fiction im vorliegenden Beispiel statt \u201afuturistisch\u2018 \u201aanachronistisch\u2018 werden musste.<\/p>\n<p>s06e19: Die Szene, die die vorliegenden \u00dcberlegungen in Gang gesetzt hat, findet an einem Freitag in der Offiziersmesse der Station statt. Captain Sisko bedient, wie ganz explizit jeden Freitag, manuell einen Bildschirm, der in die Wand eingelassen ist, einen Flat Screen, um die Liste der im Krieg gefallenen, verwundeten und vermissten Soldaten der F\u00f6deration freizuschalten. Sisko merkt an: \u201eIt\u2019s become something of a grim ritual around here.\u201d Figuren sind schon im Raum versammelt oder treten hinzu. Jadzia Dax steht vor der Liste und f\u00e4hrt beim Lesen mit dem Finger \u00fcber den Bildschirm, bis sie sich betroffen abwendet. Sie ist sogleich umringt von Worf, Sisko und Bashir, und gemeinsam unterhalten sie sich \u00fcber die verstorbene Person, bis die Verzweiflung in Tatendrang umschl\u00e4gt und sie eine kriegsentscheidende Intrige andenken.<\/p>\n<p>Die Raummedien funktionieren: Aus allen Teilen des Sektors kommen die Opferzahlen. Zeitlich scheinen sie nicht sehr effektiv zu arbeiten: Sonst w\u00fcrde man wohl kaum nur einmal in der Woche die Todesnachrichten erhalten. Es handelt sich au\u00dferdem offenbar um einen hierarchisierten und einstr\u00e4ngigen Kommunikationsweg, wenn sich die Figuren versammeln, um die Meldungen von ihrem Captain freigeschaltet zu bekommen.<\/p>\n<p>Auch hier scheint die Serie wieder schwerf\u00e4llig mit dem Einsatz von Medientechnik umzugehen, denn es w\u00e4re ja auch das Szenario denkbar, dass die Figuren traurig aus ihren Unterk\u00fcnften str\u00f6men, nachdem sie zeitnah, aber zeitlich individualisiert an ihren privaten Konsolen oder Pads Todesnachrichten erhalten hatten und sich dann gegenseitig in Gespr\u00e4chen informieren und tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>Die entscheidenden Stichworte sind nat\u00fcrlich \u201eritual\u201c und \u201ehere\u201c. Den Todesmeldungen ist zwar ein \u00dcbermittlungsprozess vorgeschaltet, der entfernte Orte verbindet, aber auf der letzten Stufe des Kommunikationsweges haben wir es mit einem lokalisierten, zentralen, physisch kollektivierenden Medium zu tun. Es entsteht eine Szene gemeinsamer Aufmerksamkeit, weil die Figuren gemeinsam und gleichzeitig existentielle Nachrichten erfahren, die sie zusammen verarbeiten k\u00f6nnen. Hier wird eine wichtige psychologische Funktionsweise von menschlicher Informationsverarbeitung gezeigt. Im Hier und Jetzt braucht es ein Ritual der k\u00f6rperlichen Anwesenheit, eine Versammlung an einem Ort zu einer bestimmten Zeit.<\/p>\n<p>Und der Zuschauer wird einmal mehr in eine Idylle gef\u00fchrt, ein Bildchen, denn wir haben ja in der Szene viele Figuren mehr oder weniger zeitgleich im Bild. Es passt zum Setting der Raumstation, die tats\u00e4chlich inmitten der spannenden und bedrohlichen Handlung und des technisierten Szenarios wie eine Idylle erscheint, an der doch irgendwie auf einem begrenzten und bisweilen abgeschlossen wirkenden Raum alles harmonisch verl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Es kann nicht oft genug betont werden, dass es sich um eine so komplexe Serie handelt, dass sogar Kontingenzen entstehen, die bei den Vorl\u00e4uferserien und auch anderen Science-Fiction-Serien bis in die 90er Jahre nicht denkbar waren, aber die Medienblindheit von <em>Star Trek<\/em> f\u00fchrt zu einer wohltuenden Reduktion von Komplexit\u00e4t und Kontingenz, zu einer Konzentrationsbewegung und Konsistenzerzeugung. Nicht umsonst bildet das Figurenarsenal auf dieser Station nicht nur eine von bestimmten Ehr- und Moralvorstellungen gepr\u00e4gte Crew wie in <em>TNG<\/em>, sondern ein familien\u00e4hnliches Gef\u00fcge, und es macht einen Teil der Handlung aus, ab wann und in welchem Ma\u00df Sisko die Station als sein Zuhause empfindet.<\/p>\n<p>Zu Beginn stellt sich das nicht ein, und auch Zuschauer m\u00fcssen sich nach dem gro\u00dfen Captain Picard erst an Commander Sisko gew\u00f6hnen. In der ersten Folge der dritten Staffel ist es dann so weit. Sisko spricht von der Station als seinem Zuhause, und auch Zuschauer freuen sich nun auf <em>DS9<\/em> statt auf <em>TNG<\/em>, und zwar t\u00e4glich oder w\u00f6chentlich alle zur gleichen Zeit. Laut Wikipedia hatte die gespannt erwartete Pilotfolge der Serie in Deutschland einen Marktanteil von 13,3 %. Dieser sank sofort auf 9,8 in der ersten Staffel und stieg erst in der zweiten und dritten wieder auf 13,8 und 14,5 % an.<\/p>\n<p>Der Reigen schlie\u00dft sich und f\u00fchrt zur\u00fcck zur Mondlandung. Gewiss kann <em>Star Trek<\/em> mit dieser hinsichtlich der erfahrenen kulturellen Beachtung nicht mithalten, aber bedenkt man alle Kultph\u00e4nomene, die sich um die Serie spannen, haben wir es mit einer mediengeschichtlich bedeutsamen Szene gemeinsamer Aufmerksamkeit zu tun, die die <em>Star Trek<\/em>-Familie enger und langfristiger verschr\u00e4nkt hat als vergleichbare Formate, und das vielleicht weil sie an der einen oder anderen Stelle oder mit dem einen oder anderen Element, z.B. Medien, die Utopie um weitere Genreelemente erg\u00e4nzt wird, n\u00e4mlich die Idylle, in der r\u00e4umliche N\u00e4he und pers\u00f6nlicher Kontakt in einem begrenzten Rahmen das Gef\u00fchl erzeugt, dass alles am rechten Fleck und die Welt am Ende doch noch oder immer wieder in Ordnung ist.<\/p>\n<p>Und weil das in der letzten Serie <em>Enterprise<\/em> nicht mehr der Fall ist, weil sich diese Serie im Medienwirrwarr und Zeitparadoxa, in zahllosen Kontingenzen verliert, war sie vermutlich auch die unbeliebteste <em>Star Trek<\/em>-Serie, die je ausgestrahlt und die sogar vorzeitig abgesetzt wurde. Hardcore-Fans haben ihr r\u00fchrenderweise die Treue gehalten, und es hatte sogar Spendensammlungen gegeben, um die Fortsetzung der Serie von Trekkis finanzieren zu lassen. Das konnte sie aber nicht retten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Tomasello, Michael: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Frankfurt\/Main: Suhrkamp 2006; Bauer, Matthias: Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit. Medien als Kulturpoetik. Zum Verh\u00e4ltnis von Kulturanthropologie, Semiotik und Medienphilosophie. In: Christoph Ernst, Petra Gropp, Karl Anton Sprengard (Hrsg.): Perspektiven interdisziplin\u00e4rer Medienphilosophie. Bielefeld 2003, S. 94-118, S. 94-96.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Eco, Umberto: Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erz\u00e4hlenden Texten. M\u00fcnchen, Wien 1987, S. 99-103; Bauer, Matthias: \u201eBerlin ist eine ausf\u00fchrliche Stadt.\u201c Einleitende Bemerkungen zur Berliner Stadt-, Kultur- und Mediengeschichte. In: Matthias Bauer (Hrsg.): Berlin. Medien- und Kulturgeschichte einer Hauptstadt im 20. Jahrhundert. T\u00fcbingen 2007, S. 15f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Mart\u00ednez, Math\u00edas\/ Michael Scheffel: Einf\u00fchrung in die Erz\u00e4hltheorie. M\u00fcnchen 1999, S. 109.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Innis, Harol A.: Empire and Communication. With a General Introduction by Alexander John Watson. Plymouth 2007.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Schr\u00f6ter, Jens: Das Holodeck. Phantasma des ultimativen Displays. In: Thomas Richter u.a. (Hrsg.): Faszinierend. Star Trek und die Wissenschaften. Kiel 2012, S. 105-130.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage lickhardt\" href=\"https:\/\/germanistik.uni-greifswald.de\/mitarbeitende\/mitarbeitende-e-l\/maren-lickhardt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Juniorprofessorin f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Greifswald.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6rperliche und mediale Raum\u00fcberwindung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1490,1951,2218],"class_list":["post-6408","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-medientechnologie","tag-raumschiff-enterprise","tag-star-trek"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6408","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6408"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6408\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}