{"id":6425,"date":"2016-12-19T21:38:14","date_gmt":"2016-12-19T19:38:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6425"},"modified":"2016-12-19T21:38:14","modified_gmt":"2016-12-19T19:38:14","slug":"social-media-dezembervon-johannes-passmannlena-teigeler19-12-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/12\/19\/social-media-dezembervon-johannes-passmannlena-teigeler19-12-2016\/","title":{"rendered":"Social Media Dezembervon Johannes Pa\u00dfmann\/Lena Teigeler19.12.2016"},"content":{"rendered":"<p>Medien der produktiven Unbestimmtheit: Telegrams Sticker<!--more --><\/p>\n<p>In dem <a title=\"artikel pa\u00dfmann\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2016\/05\/23\/social-media-maivon-johannes-passmann23-5-2016\/\" target=\"_blank\">vorherigen<\/a> Artikel dieser Serie ging es um die Frage, was soziale Medien seien. Die Antwort verweigerte der Artikel mit dem Hinweis, dass soziale Medien in einem kooperativen Prozess entstehen, oder mit den <a title=\"artikel sch\u00fcttpelz giessmann\" href=\"https:\/\/www.mediacoop.uni-siegen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/schuettpelzgiessmann_kooperation.pdf\" target=\"_blank\">Worten<\/a> von Sch\u00fcttpelz\/Gie\u00dfmann: \u201e[&#8230;] kooperativ erarbeitete Bedingungen der Kooperation\u201c (2015, 10) sind. Was als soziales Medium fungiert, ist daher etwas, das in der Praxis erarbeitet werden muss, und was in der Forschung deshalb jeweils aufs Neue herauszustellen ist.<\/p>\n<p>So wurde insbesondere auch darauf hingewiesen, dass neuere, im gegenwartskulturellen Alltag zu sozialen Medien werdende Ph\u00e4nomene wie Twitters Fav bzw. Like sich nicht nur dadurch auszeichnen, dass ihre Geschichte eine der technischen Stabilisierung ist, sondern dass ihre Praxis sich auch durch eine Instabilit\u00e4t auszeichnet, durch die ihre Bedeutungsermittlung zu einem situativen, kooperativen Prozess wird (die sich ihrerseits nat\u00fcrlich wieder stabilisieren kann).<\/p>\n<p>St\u00e4rke des Likes ist es darum nicht so sehr, eine Bedeutung zu \u00fcbermitteln, sondern entweder einen Ausgangspunkt zu bieten, von dem aus er leicht zum kooperativ \u201aerwirtschafteten\u2018 sozialen Medium werden kann, das Bedeutungsaushandlung erlaubt oder \u2013 und das ist deutlich h\u00e4ufiger der Fall \u2013 mit dessen Hilfe Bedeutung in ganz besonderer Weise vage gehalten und so f\u00fcr die Situationsteilnehmerinnen und -teilnehmer h\u00f6chst unterschiedlich bleiben kann; ganz \u00e4hnlich wie bei der von Star\/Griesemer beobachteten <em>Kooperation ohne Konsens<\/em> (1989).<\/p>\n<p>Kurz: (1.) Dass ein Soziales Medium entsteht, ist eine praktische, kooperative Leistung, die nicht auf technisch-symbolischer Ebene endg\u00fcltig entschieden wird, und (2.) besteht diese Leistung nicht unbedingt in einer \u201a\u00dcbertragung\u2018 von Bedeutung, Sinn etc., sondern gerade bei neuesten sozialen Medien wie dem Like darin, genau dies vage zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Emojis und Sticker<\/p>\n<p>Emojis, auch darauf wurde hingewiesen, erscheinen als \u00e4hnlich pr\u00e4gnant wie der Like: W\u00e4hrend die meisten \u00e4lteren Smiley-Emojis etwa noch meist konkrete Emotionen wie Lachen verbildlichen, gehen die neueren unter ihnen \u2013 die Tierchen, Gem\u00fcsesorten oder verschiedenste Automobile \u2013 mit einer Semantik einher, bei der es geradezu ausgeschlossen ist, dass sie Mittel zum Zweck der Informations\u00fcbermittlung, Konsenserzeugung etc. sein sollen: Sie erscheinen eher als Ding denn als Medium, aber eben als ein solches Ding, das ohne Weiteres zum Medium werden kann.<\/p>\n<p>Mit einer \u00dcbertragung von Karl H. H\u00f6rnings Arbeiten \u00fcber den Zusammenhang von Technik und sozialer Ordnung in unseren medienwissenschaftlichen Gegenstandsbereich k\u00f6nnte man sagen: Sie stabilisieren nicht unbedingt Bedeutung, sondern fungieren als \u201eProduzent[en] und Provokateur[e] von Unbestimmtheiten\u201c (H\u00f6rning 2005, 308).<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund befasst sich der vorliegende Text mit Stickern der Messenger-App <em>Telegram<\/em>, die auf den ersten Blick eine erweiterte Form von Emojis sind. In Abb. 1 sieht man etwa das Sticker-Set \u201eJust Zoo it\u201c in seiner \u00dcbersicht sowie das bereits verschickte Hundegesicht, das dem Emoji \u201eDog Face\u201c (Unicode U+1F436) entspricht. D.h., jeder Sticker ist dem Unicode eines Emojis zugeordnet. W\u00e4hrend Emojis aber nur \u201atop down\u2018 in gro\u00dfen Firmenzentralen entwickelt werden k\u00f6nnen, kann Sticker prinzipiell jeder produzieren. Daraus hat sich ein ganz eigenes Ph\u00e4nomen entwickelt, das mehr geworden ist als Emojis mit anderen Physiognomien.<\/p>\n<p>Unsere These ist, dass dieses f\u00fcr neuere soziale Medien typische Charakteristikum, eben nicht so sehr der \u00dcbertragung (etwa von Emotionen), sondern vielmehr der Erzeugung produktiver Unbestimmtheiten zu dienen, bei Stickern noch deutlicher hervortritt als bei Emojis. Daher handelt es sich bei Stickern nicht blo\u00df um Emojis mit anderer Gestalt, sondern um Medien ganz verschiedener und spezifischer, von den Emojis gr\u00f6\u00dftenteils unabh\u00e4ngiger Praktiken, von denen wir hier einige, aus unserer Sicht zentrale, vorstellen.<\/p>\n<p>Wenn Sun Sun Lim (2015) in einem der wenigen bislang ver\u00f6ffentlichten Artikel zu dem Thema schreibt: \u201eUsers can strategically and dynamically choose the best means by which to express their emotions, opinions, and intentions to attain communicative fluidity\u201c, ist damit also nur eine unter vielen Praktiken adressiert, und zwar die n\u00e4chstliegende, die, wenn man sie als einzige beschreibt, an der Sache vorbei geht.<\/p>\n<p>Es geht n\u00e4mlich nicht nur um viel mehr, sondern es geht auch darum, dass soziale Medien grunds\u00e4tzlich anders funktionieren, als Lim es beschreibt: Was sie beschreibt, ist gerade das am wenigsten Charakteristische an Stickern. Sie denkt sie eher als eine Art Erweiterung von Sprache, einem viel erfolgreicheren sozialen Medium, und zwar einer eher naiven Vorstellung davon (denn nat\u00fcrlich gibt es auch Sprachpraktiken, die der Erzeugung produktiver Unbestimmtheit dienen).<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnen wir im Rahmen dieses Aufsatzes weder darstellen noch belegen, welche Funktionen Sticker in konkreten Interaktionen \u00fcbernehmen. Stattdessen m\u00f6chten wir im Folgenden darlegen, wie man allein an den Artefakten selbst (damit befasst sich das n\u00e4chste Unterkapitel) und ihrer Produktion (die ist Thema des darauffolgenden) sehen kann, dass bei Stickern sehr vieles anderes im Vordergrund steht, als die interaktive Vermittlung von Emotionen.<\/p>\n<p>Dabei soll demonstriert werden, dass es sich um ein Ph\u00e4nomen handelt, das zwar technisch auf den Unicode-Standards der Emojis basiert, sich aber praktisch davon losgel\u00f6st hat. Das hei\u00dft, <em>selbst wenn<\/em> man bei Emojis noch die \u201a\u00dcbertragung\u2018 von Emotionen als zentral erachtet, so ist dies sp\u00e4testens bei den Stickern nur noch eine Praktik unter vielen anderen, die weitaus charakteristischer f\u00fcr das Ph\u00e4nomen sind. Dies ist vor allem dann entscheidend, wenn man sich fragt, welche Formen von Sozialit\u00e4t sich mit solchen Technologien entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Kulturelle Selbst- und Fremdbeschreibung<\/p>\n<p>Im Chat funktionieren Sticker auf den ersten Blick ganz \u00e4hnlich wie Emojis: Es sind Emojis zugeordnete Bilder, die man in einen Chat einf\u00fcgen kann. W\u00e4hrend Emojis allerdings als Teil des Textes abgesendet werden k\u00f6nnen, bleibt der Sticker immer singul\u00e4r, d.h. von geschriebener Sprache und auch von Emojis oder anderen Stickern losgel\u00f6st: Von lachenden Smileys kann man z.B. mehrere in einer Reihe verschicken, der Sticker steht aber immer einzeln. Er f\u00fcgt sich also nicht einfach in die sprachliche Kommunikation ein.<\/p>\n<p>In unseren ersten Begegnungen mit Stickern haben wir deshalb ganz unterschiedliche Empfindungen gehabt: Der einen erschien es als alberne St\u00f6rung der Kommunikation, dem anderen als willkommene Praktik der Kommunikation mit Telegram-Novizen, mit denen man kein Gespr\u00e4chsthema hat: man muss nicht <em>\u00fcber<\/em> etwas chatten, sondern kann einfach Sticker zeigen.<\/p>\n<p>Letzteres h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass man zu Beginn nur eine sehr schmale Ausstattung mit Sticker-Sets hat, d.h. man bekommt \u201abessere\u2018 nur durch Tausch bzw. als Geschenke und kann so neue User zun\u00e4chst einmal mit einem Set besonders passender, lustiger, wertiger, absto\u00dfender etc. Stickersets <em>ausr\u00fcsten<\/em>.<\/p>\n<p>In besonderer Weise erlauben Sticker also auch ein Herausspringen aus dem \u201akommunikativen Fluss\u2018, sie fungieren mehr als Ding denn als Medium, sie sind ein Objekt, das nicht unbedingt kommunikativen Anschluss herstellt, sondern einen neuen Einsatzpunkt. Dies muss nicht in einer St\u00f6rung m\u00fcnden, sondern man kann sie <em>zeigen<\/em>, zum Thema machen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-1-PassmannTeigeler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6428\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-1-PassmannTeigeler.jpg\" alt=\"abb-1-passmannteigeler\" width=\"641\" height=\"397\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-1-PassmannTeigeler.jpg 641w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-1-PassmannTeigeler-300x186.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 1: Das Stickerset \u201eJust zoo it!\u201c, links Screenshot aus Telegrams App, rechts die restlichen Sticker des Sets als Screenhot aus Telegrams Desktop-Version.<\/p>\n<p>Ein in dieser Hinsicht besonders signifikantes Stickerset ist \u201eJust zoo it\u201c in Abb. 1. Der Hund oben links hat n\u00e4mlich als sogenanntes <em>Meme<\/em> einige Ber\u00fchmtheit erlangt. Der Shiba mit dem Namen Kabosu geh\u00f6rte der japanischen Kinderg\u00e4rtnerin Atsuko Sato, die ihn in dieser Pose im Jahre 2010 fotografiert hat. Sie stellte das Bild auf ihren Blog; zwischen August und November 2013 wurde das Meme popul\u00e4r, es begann mit einem tumblr-Blog namens <em>Shiba Confessions<\/em> und wurde dann auf den Image-Boards <em>4chan<\/em> und <em>Reddit<\/em> gepostet. Schon im November nannte das US-amerikansiche MTV den so als <em>Doge<\/em> ber\u00fchmt gewordenen Shiba an zw\u00f6lfter Stelle in der Liste <em>50 Things Pop Culture Had Us Giving Thanks For This Year<\/em>.<\/p>\n<p>Die verschiedenen Praktiken dieses Memes k\u00f6nnen auf <a href=\"http:\/\/knowyourmeme.com\/memes\/doge\"><em>Know Your Meme<\/em><\/a> nachgelesen werden, sowie in dem entsprechenden <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Doge_(meme)\">Wikipedia-Eintrag<\/a>. Zun\u00e4chst wurden dem Doge innere Monologe zugeschrieben, die bunt und in <em>Comic Sans<\/em> um seinen Kopf kreisten (Abb. 2), sp\u00e4ter dann montierte man menschliche Gesichter hinein \u2013 bekannt ist der Doge mit Nicholas Cages Gesicht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-2-Passmann-Teigeler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6429\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-2-Passmann-Teigeler.jpg\" alt=\"abb-2-passmann-teigeler\" width=\"602\" height=\"448\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-2-Passmann-Teigeler.jpg 602w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-2-Passmann-Teigeler-300x223.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 602px) 100vw, 602px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 2: Das laut Wikipedia erste <em>Doge<\/em>-Bild.<\/p>\n<p>Aus solchen Meme-Tieren besteht der ganze Sticker-Satz. Neben dem Doge finden sich etwa <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grumpy_Cat\">Grumpy Cat<\/a>, <a href=\"http:\/\/frabz.com\/meme-generator\/caption\/613500-relaxing-frog\/\">Relaxing Frog<\/a>, <a href=\"https:\/\/memegenerator.net\/Koala-CanT-Believe-It\">Koala can\u2019t believe it<\/a> und so weiter. Die Sticker dieses Sticker-Satzes verweisen auf eine konkrete Kulturgeschichte, von der man Kennerschaft haben kann: Man schickt keinen Hund, sondern <em>den Doge<\/em>; d.h. man verschickt eben auch sein Wissen um diese kulturelle Tradition und verhandelt so Grenzen soziokultureller Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Mitunter kann man hier davon ausgehen, dass dies eine <em>sehr konkrete<\/em> \u201a\u00dcbertragung\u2018 einer <em>ganz bestimmten<\/em> Komik ist (dass man etwa nicht blo\u00df <em>m\u00fcrrisch<\/em> ist, sondern <em>grumpy wie Grumpy Cat<\/em>). Gleichzeitig ist das Sticker-Set aber auch eine <em>Hall of Fame<\/em> ber\u00fchmter Meme-Tiere, es fungiert auch als eine Art Museum f\u00fcr Bilder, Texte und Praktiken, die internetkulturelle \u201aGeschichte\u2018 sind.<\/p>\n<p>Neben diesen In- und Exklusionspraktiken, Auszeichnung von Kennerschaft und musealer Speicherfunktion spielt vor allem die Zirkulationsform der Sticker eine Rolle; man kommt n\u00e4mlich, wie gesagt, gar nicht so leicht an sie heran. In erster Linie bekommt man solche Stickers\u00e4tze, wenn sie jemand mit einem teilt: Postet jemand einen Sticker eines Satzes, so kann man darauf klicken und sich den ganzen Satz abspeichern.<\/p>\n<p>Mit fortschreitender Nutzungspraxis w\u00e4chst also die Stickersammlung, die man vorzeigen, teilen, tauschen oder verschenken kann. Welche Stickersets man hat, h\u00e4ngt also auch davon ab, welche Freunde (oder andere Kontakte) man hat, bzw. mit welchen Freunden man auf Telegram schreibt.<\/p>\n<p>Von homosexuellen Freunden haben wir eine Reihe von Stickersets bekommen, wie etwa <em>Jaime<\/em> (Abb. 3 links), eine Sammlung von Comicfiguren, in deren engen Unterhosen sich der Penis abzeichnet oder die mehrere Variationen m\u00e4nnlicher P\u00e4rchen (z.B. mit Kind oder bester Freundin) beinhalten. Wie klischiert dies auch immer sein mag: Hier zeigt sich, dass Sticker von sozialen Minderheiten angeeignet und f\u00fcr bestimmte Praktiken angepasst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist dies aber auch eine Beschreibung einer ganz bestimmten Form m\u00e4nnlicher Homosexualit\u00e4t; als Selbstbeschreibung der Verwender und als Klischee f\u00fcr Nicht-Homosexuelle. Eine andere Form schwuler Selbstbeschreibung ist das Sticker-Set \u201eHarry\u201c (Abb. 3 rechts): Verdichtet Jaime das Klischee des Boys, niedlich, d\u00fcnn, jung und bartlos, karikiert Harry das Schwulen-Klischee des gef\u00fchlvollen Holzf\u00e4ller-Typen, der muskul\u00f6s und rau aussieht, sich aber sensibel und mitunter unsicher verh\u00e4lt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-3-Pa\u00dfmannTeigeler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6430\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-3-Pa\u00dfmannTeigeler.jpg\" alt=\"abb-3-passmannteigeler\" width=\"827\" height=\"442\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-3-Pa\u00dfmannTeigeler.jpg 827w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-3-Pa\u00dfmannTeigeler-300x160.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb.-3-Pa\u00dfmannTeigeler-768x410.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 827px) 100vw, 827px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 3: Schwule Stickersets: Links \u201eJaime\u201c, rechts \u201eHarry\u201c. Screenshots aus Telegrams Desktop-Version.<\/p>\n<p>Hier wird also wieder eine Mehrfachfunktion der Sticker sichtbar. So lassen sich mit <em>Jaime<\/em> etwa mehrere Formen m\u00e4nnlicher Erektion mitteilen, so dass dieses Set die \u00dcberleitung eines Gespr\u00e4chs zu sexueller Intimit\u00e4t erleichtert \u2013 und zwar im Modus des Jungenhaft-Putzigen und nicht des M\u00e4nnlich-\u00dcbergriffigen.<\/p>\n<p>Deshalb gibt es bei <em>Harry<\/em> auch keine Penis- oder Masturbations-Sticker, sondern dort liegt das spezifische Ausdrucks-Repertoire im Aufl\u00f6sen des scheinbaren Widerspruchs zwischen holzf\u00e4llerartiger Grobheit und schwuler Sensibilit\u00e4t. Die beiden Sets bieten insofern einerseits Anl\u00e4sse f\u00fcr bestimmte Themen schwuler Kommunikation, fungieren aber auch als Idealtypen verschiedener Formen schwuler Selbstdarstellung.<\/p>\n<p>Sticker sind nat\u00fcrlich nicht nur angeeignete Symbole der Selbstbeschreibung \u2013 neben netzkultureller und schwuler Selbstbeschreibung lassen sich viele andere finden \u2013, sondern auch Ergebnisse von Praktiken kultureller <em>Fremdbeschreibung<\/em>. Von einer Deutschkurdin haben wir zum Beispiel das Stickerset \u201eKartoffelkinder\u201c erhalten (Abb. 4).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6439\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-4.jpg\" alt=\"abb-4\" width=\"344\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-4.jpg 344w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-4-280x300.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 4: Das Stickerset \u201eKartoffelkinder\u201c. Screenshot aus Telegrams Desktop-Version.<\/p>\n<p>Unter diesen \u201eKartoffelkindern\u201c finden sich etwa die Politiker Sigmar Gabriel (als der dicke, wohlstandsges\u00e4ttige Deutsche?), Anton Hofreiter (als der alternative Sozialarbeitertyp mit besonders nicht-t\u00fcrkischer Frisur?), Norbert Hofer (als \u00f6sterreichisches Kartoffelkind und typischer Fremdenfeind?), aber auch der deutlich weniger bekannte Journalist Alexander Nabert, der auf seiner Website mit den Worten begr\u00fc\u00dft \u201eHey. Ich bin Alexander Nabert und ich arbeite als Journalist in Berlin\u201c (er ist also der Mitte-Hipster?) oder ein Neonazi, dem beim Flagge-Hochhalten die Fettwampe unter dem T-Shirt hervorrutscht.<\/p>\n<p>Wir sehen hier also \u2013 betrachtet man es aus Sicht der deutschen Mehrheitsbev\u00f6lkerung \u2013 ein Artefakt, dessen Verwandte aus Kunstgeschichte und Ethnologie wissenschaftlich deutlich besser erforscht sind, als Telegram-Sticker: Der Ethnozentrismus des Fremden, der zum ethnografischen Datum erster G\u00fcte wird, wie Fritz Kramer feststellt: \u201eEurop\u00e4er erkennen sich in den Bildwerken, in denen Stammeskulturen sie dargstellt haben, wie in einer satirischen Verzerrung, die gerade die Z\u00fcge hervorhebt, die ihnen durch Eitelkeit verstellt sind\u201c (Kramer 1978, 21f) \u2013 wobei es hier nat\u00fcrlich nicht um die Differenz zwischen Europ\u00e4ern und Stammeskulturen geht, sondern um die zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit in Deutschland und \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>An einem in j\u00fcngerer Vergangenheit diskutierten Fall aus Ethnologie und Kunstgeschichte l\u00e4sst sich gut beobachten, was Fritz Kramer beschreibt: eine <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/kultur\/literatur\/article4330213\/Der-Wilde-schlaegt-zurueck.html\">Ausstellung, die Julius Lips f\u00fcr das K\u00f6lner Rautenstrauch-Joest-Museum 1931 geplant hat<\/a>, dessen Direktor er damals war. Sie zeigte etwa <a href=\"http:\/\/www.rodenkirchen.de\/shownews.php?id=9591\">afrikanische Darstellungen von Kolonialbeamten<\/a> und eine ganze Reihe anderer Gegenst\u00e4nde, die unter dem Titel \u201eThe Savage Hits Back\u201c die Fremdheitserfahrung kolonialisierter V\u00f6lker mit Kolonialisten k\u00fcnstlerisch verarbeiten.<\/p>\n<p>Die Kunsthistorikerin und Islamwissenschaftlerin Anna Brus <a href=\"https:\/\/www.uni-siegen.de\/locatingmedia\/personen\/anna_brus.html\">promoviert zu diesem Thema an der Universit\u00e4t Siegen<\/a> und hat k\u00fcrzlich eine Tagung \u00fcber Lips\u2019 nicht ausgestellte Sammlung im Rautenstrauch-Joest-Museum organisiert. An diesen Artefakten kann genau das beobachten, was Fritz Kramer oben beschreibt: Wenn man wissen will, was es f\u00fcr afrikanische Stammeskulturen bedeutet, die Europ\u00e4er zu entdecken, geben diese Dokumente afrikanischen Ethnozentrismus dar\u00fcber Auskunft, wie dies explizite Beschreibungen kaum leisten k\u00f6nnen. Dabei spiegelt sich nicht nur das \u201aSubjekt\u2018 des Afrikaners im \u201aObjekt\u2018 des Europ\u00e4ers, sondern auch das \u201aSubjekt\u2018 des Europ\u00e4ers spiegelt sich im Artefakt.<\/p>\n<p>Nun sind die Telegram-Sticker nat\u00fcrlich nicht derart bildnerisch ausgereift, wie die Figuren der Lips-Ausstellung, aber das Grundprinzip wiederholt sich hier. Dies h\u00e4ngt mit dem Grundverfahren zusammen, das man praktiziert, wenn man Sticker erstellt: Da die Telegram-Sticker stets eine <em>ganze Palette<\/em> verlangen, motiviert sie solche Dokumente des (satirischen) Ethnozentrismus im Speziellen sowie \u00fcberhaupt Karikaturen im Allgemeinen: Man produziert nicht einzelne Bilder, sondern stets verschiedenen Gesichter eines Ganzen.<\/p>\n<p>So gibt es etliche Stickersets, die Merkel, Trump, Erdogan oder Putin mit einem Satz von Gesichtsausdr\u00fccken best\u00fccken. Sticker stellen so in der Regel Erscheinungsformen einer Sache dar, d.h. sie tendieren zur Beschreibungen einer Ganzheitlichkeit. Das System der Gesichtausdr\u00fccke Donald Trumps, die Palette der (aus einer bestimmten Perspektive) wirklich wichtigen Meme-Tiere oder die Typen von Deutschen und \u00d6sterreichern, die es aus Sicht der Produzentinnen und Produzenten des Kartoffelkinder-Sets gibt, werden so als Ganze adressiert und k\u00f6nnen so zu wissenschaftlich aufschlussreichen Daten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Produktion und Distribution<\/p>\n<p>Diese Artefakte sind Ergebnisse ihrer Produktions- und Distributionspraktiken. <a href=\"https:\/\/telegram.org\/blog\/stickers\">Telegram selbst schreibt auf seinem Blog<\/a> am 2. Januar 2015: \u201eWe\u2019ve always felt that stickers in messaging apps sucked, because they typically provided a limited and paid experience in a walled-garden environment\u201c. Genau diese zentralistische Begrenzung sollen Telegrams Sticker aufl\u00f6sen, indem man sie als Endnutzerin selbst gestalten kann.<\/p>\n<p>Dies funktioniert \u00fcber den offiziellen Stickers-Bot von Telegram (siehe Abb. 5): Man nennt einen Titel, f\u00fcgt alle Bilder ein, die dem Set angeh\u00f6ren sollen, als <em>Portable Network Graphic<\/em> (PNG) ein und ver\u00adkn\u00fcpft jedes Bild mit einem Emoji. Dabei kann jedes Bild jedem Emoji unbegrenzt oft verkn\u00fcpft werden (so k\u00f6nnte man etwa ein Katzen-Set komplett mit demselben Katzen-Emoji verkn\u00fcpfen). Dann erstellt man eine URL, f\u00fcr die wiederum ein Name zu vergeben ist. Dass die meisten Sticker nicht rechteckig, sondern freigestellt sind, ist nicht unbedingt n\u00f6tig, aber man tut dies in aller Regel (mit Photoshop oder Gimp z.B.), weil der Bot dies empfiehlt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-5-Passmann-Teigeler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6432\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-5-Passmann-Teigeler.jpg\" alt=\"abb-5-passmann-teigeler\" width=\"409\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-5-Passmann-Teigeler.jpg 409w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-5-Passmann-Teigeler-300x220.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 5: Der Sticker-Bot. Screenshot aus Telegrams Desktop-App.<\/p>\n<p>Anders als bei Facebook zum Beispiel oder der <a href=\"https:\/\/line.me\/de\/\">Messenger-App LINE<\/a> gibt es keine Sticker-Shops des Anbieters. Die Verteilung l\u00e4uft dar\u00fcber, dass es ein paar per <em>Default<\/em> verf\u00fcgbare Sets gibt, sowie einige wenige \u201aangesagte\u2018 Stickersets, die nicht sehr leicht in den Telegram-Apps zu finden sind; der Rest muss prinzipiell ertauscht bzw. verschenkt werden.<\/p>\n<p>Die Zirkulationswahrscheinlichkeit eines Stickersets scheint also dadurch erh\u00f6ht zu werden, dass man sie so baut, dass sie sich besonders gut zum Schenken und Tauschen eignen, und nicht dadurch, dass sie auf einer zentralen Plattform \u2013 unter Wahrung der moralischen Standards der Plattformbetreiber \u2013 hoch gerankt werden. Welche Effekte dieses Mediensystem der pers\u00f6nlichen Weitergabe und auf die reale Verteilung der Stickersets hat, m\u00fcsste erst noch erforscht werden. Haben wir hier also eine Popularisierungspraxis, die nichts mit den sonst \u00fcblichen zentralen Orten wie <em>Boards<\/em> oder <em>Charts <\/em>zu tun hat?<\/p>\n<p>Nicht ganz. Es gibt etwa einen von dem Drittanbieter <em>S4 Dynamics<\/em> betriebenen \u00f6ffentlichen Channel, den <em>Stickers Channel<\/em>, in dem Stickersets gepostet und bewertet werden (siehe Abb. 6). Bei den meisten Stickern wird ein Herz als Bewertungssymbol genutzt, das wie Twitters oder Facebooks Like-Button einfach die H\u00e4ufigkeit z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Manche subvertieren diese Bewertungsform aber, so wie der untere in Abbildung 6: ein Set namens \u201eClinton vs. Trump\u201c. Statt des Herzsymbols kann man dieses Set mit drei Emojis bewerten: Dem \u201eUnamused Face\u201c (Unicode U+1F612), dem \u201ePouting Face\u201c (U+1F621) sowie dem \u201eFrog Face\u201c (U+1F438). Man bietet also zwei M\u00f6glichkeiten der Negativbewertung an und einen Frosch, d.h. man entzieht sich (beim kontroversen Thema Clinton vs. Trump) einer Bewertung, deren Ergebnisse ernst zu nehmen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Was mit diesen Bewertungen geschieht, ist unklar; wir haben keine Anschlussverwendung der Bewertungsdaten gefunden, kein Ranking und auch kein <em>Best-Of<\/em> der hier am meisten positiv bewerteten Sticker. Da die Nutzerinnen und Nutzer anonym bleiben, k\u00f6nnen sie auch nicht selbst Prestigesymbole ansammeln, wie dies etwa bei Twitter mit der Follower-Zahl geht: Ein \u201aguter Twitterer\u2018 hat viele Follower, ein \u201aguter Stickerbauer\u2018 hat zun\u00e4chst einmal gar nichts.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt gibt es nur eine M\u00f6glichkeit, den Stickern \u00fcberhaupt eine \u00c4u\u00dferung hinzuzuf\u00fcgen: Wenn man den Namen des Sets vergibt. Maxim Malyshev etwa, Ersteller des Sets \u201ePutin (@malyshev)\u201c, nimmt seinen Twitter-Account im Titel auf und versucht so, zumindest ein wenig seines Telegram-Prestiges zu speichern. Eine andere Technik, Autorschafts-Meriten einzusammeln, ist, einen Sticker ins Set einzubauen, der den Nutzernamen und oft auch ein Logo des Autors enth\u00e4lt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-6-Passmann-Teigeler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6433\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-6-Passmann-Teigeler.jpg\" alt=\"abb-6-passmann-teigeler\" width=\"455\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-6-Passmann-Teigeler.jpg 455w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-6-Passmann-Teigeler-300x250.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 6: Der <em>Stickers Channel<\/em>, in dem man seine Sets vorzeigen und bewerten lassen kann. Screenshot aus Telegrams Desktop-App.<\/p>\n<p>Es gibt weitere Drittanbieter, die f\u00fcr die Sticker-Praktiken pr\u00e4gend sind; Telegram \u00e4hnelt insofern dem fr\u00fchen Twitter, dessen Medien-Praktiken \u2013 insbesondere die das Favens bzw. Likens (<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2016\/01\/04\/good-platform-political-reasons-for-bad-platform-datavon-johannes-passmann-und-carolin-gerlitz4-1-2016\/\">Pa\u00dfmann\/Gerlitz 2014<\/a>) und Retweetens (Pa\u00dfmann 2016) \u2013 ebenfalls prim\u00e4r durch Drittanbieter gepr\u00e4gt wurden.<\/p>\n<p>Hervorzuheben w\u00e4re hier vor allem noch der <em>RateStickerBot<\/em> (Abb. 7). Hier kann man Sets auf einer Skala von 1 bis 5 Sternen bewerten. Er startet mit einem Set, bewertet man es, folgt das n\u00e4chste (nat\u00fcrlich kann man die Sets auch speichern). T\u00e4tigt man irgendeine andere Eingabe (au\u00dfer den Sternen), erscheint der so noch nicht bewertete Stickersatz noch einmal. Auch diese Bewertungsdaten werden in keine \u00f6ffentliche Statistik \u00fcberf\u00fchrt, genau genommen wird hier also noch weniger aufgerechnet als im Stickers Channel. Diese Channel sind also eher darauf angelegt, neue Sticker-Sets zu verteilen, als sie zu bewerten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Sticker-Sets gibt es dann wieder Webseiten von Drittanbietern, von denen man \u2013 manchmal finanziert durch Werbung \u2013 etliche herunterladen kann.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Zudem gibt es auch Unterseiten auf <em>Reddit<\/em>, die \u00dcbersichten \u00fcber Stickersets und deren Verf\u00fcgbarkeit erstellen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Dies sind aber M\u00f6glichkeiten, zu denen einen die standardm\u00e4\u00dfige Nutzung der App Telegram nicht motiviert, sondern dies findet man erst heraus, wenn man danach recherchiert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-7-Passmann-Teigeler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6434\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-7-Passmann-Teigeler.jpg\" alt=\"abb-7-passmann-teigeler\" width=\"455\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-7-Passmann-Teigeler.jpg 455w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2016\/12\/Abb-7-Passmann-Teigeler-253x300.jpg 253w\" sizes=\"auto, (max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Abb. 7: Der <em>RateStickerBot<\/em>, mit dem man seine Sets in f\u00fcnf Stufen bewerten kann. Screenshot aus Telegrams Desktop-App.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u00a0<\/em>Fazit<\/p>\n<p>Telegrams Sticker werden in einer Vielzahl von Praktiken zu ganz unterschiedlichen sozialen Medien: Mal dienen sie der Selbstbeschreibung sowohl von Minderheiten als auch von popul\u00e4rer Kultur, mal der Fremdbeschreibung der Mehrheitsgesellschaft durch ethnische Minderheiten. In anderen Hinsichten sind sie Prestige- und Tauschobjekte, sie sind aber auch Basis von Gesch\u00e4ftsmodellen werbefinanzierter Websites.<\/p>\n<p>An der Bedeutungsaushandlung dieser Medien sind also eine ganze Reihe von Akteuren beteiligt: \u201akleine\u2018 Endnutzer, die \u201agro\u00dfe\u2018 Plattform Telegram, aber insbesondere auch \u201amittelgro\u00dfe\u2018, von Telegram teilweise abh\u00e4ngige Drittanbieter, die man auch als \u201eSatellitenplattformen\u201c (<a href=\"http:\/\/www.medialekontrolle.de\/beitrage\/good-platform-political-reasons-for-bad-platform-data-zur-sozio-technischen-geschichte-der-plattformaktivitaeten\/\">Pa\u00dfmann\/Gerlitz 2014<\/a>) beschreiben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nun konnten wir zwar nicht nachzeichnen, wie Sticker in konkreten Chat-Interaktionen verwendet werden. Dass die Pr\u00e4zisierung emotionalen Ausdrucks die wichtigste Sticker-Praktik ist, scheint allerdings dennoch ausgeschlossen: Es wird kaum darum gehen, dass man die Art des eigenen Lachens dadurch \u201abesser\u2018 ausdr\u00fcckt, dass man es mit dem Donald Trumps, Wladimir Putins oder Angela Merkels pr\u00e4zisieren kann. Sondern hier kommen sehr diverse, teils gegens\u00e4tzliche Interessen, Praktiken und Darstellungskonventionen zusammen.<\/p>\n<p>Ganz entscheidend erscheint dabei die M\u00f6glichkeit, die Sets selbst zu zeigen, sei es als Gespr\u00e4chsanlass, als Ablenkung oder zur Stiftung von Gemeinsamkeit (im Sinne von: \u201awir verstehen beide den Humor des <em>Doge<\/em>\u2018). Die Erzeugung von Bestimmtheit und sozial produktiver Unbestimmtheit scheinen sich dabei st\u00e4ndig zu kreuzen. Vergleicht man die vielen verschiedenen Sticker-Paletten aber mit den vergleichsweise wenigen Emojis, so wird klar: Wenn schon Emojis auch dieser Durchkreuzung von Signalen der Bestimmtheit und Unbestimmtheit gedient haben, so scheint das Spiel zwischen diesen beiden im Falle der Sticker noch unbestimmter zu sein. Es gibt zwar Sticker, die in einer konkreten Interaktion <em>sehr viel bestimmter <\/em>werden k\u00f6nnen als Emojis, aber gerade das zeigt, wie unbestimmt das Ph\u00e4nomen als Ganzes ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Im Stickers Bot kann zudem die Nutzung der selbst erstellten Sticker nachvollzogen werden: Mit dem Befehl \u201e\/stats\u201czeigt der Bot an, bei wie vielen Nutzern der Sticker im Chat aufgetaucht ist (dazu m\u00fcssen die Nutzer das Set nicht speichern oder selbst versenden). Solche \u201estats\u201c erh\u00e4lt man auch als Ranking aller selbst erstellten Sticker. Diese Statistiken sind aber nicht \u00f6ffentlich und daher von solchen wie Twitters Follower-Zahl oder YouTubes Playcount grunds\u00e4tzlich zu unterscheiden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> So z.B. http:\/\/telegramhub.net oder https:\/\/www.stickerstelegram.com<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/www.reddit.com\/r\/TelegramStickersShare\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>H\u00f6rning, Karl H.: \u201eLob der Praxis. Praktisches Wissen im Spannungsfeld zwischen technischen und sozialen Uneindeutigkeiten\u201c, in: Gerhard Gamm\/Andreas Hetzel (Hg.), <em>Unbestimmtheitssignaturen der Technik. Eine neue Deutung der technisierten Welt<\/em>. Bielefeld 2005: Transcript, S. 297-310. Online verf\u00fcgbar unter http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-89942-351-8\/unbestimmtheitssignaturen-der-technik [19.12.2016].<\/p>\n<p>Kramer, Fritz: \u201eDie <em>social anthropology<\/em> und das Problem der Darstellung anderer Gesellschaften\u201c, in: Ders.\/Christian Sigrist (Hg.), <em>Gesellschaften ohne Staat<\/em>. Bd. 1: <em>Gleichheit und Gegenseitigkeit<\/em>, Frankfurt a.M.: Syndikat 1978, S. 9-27.<\/p>\n<p>Lim, Sun Sun: \u201eOn Stickers and Communicative Fluidity in Social Media\u201c, in: <em>Social Media + Society<\/em> 1, 1 (2015), S. 1-3. Online verf\u00fcgbar unter http:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/pdf\/10.1177\/2056305115578137 [19.12.2016].<\/p>\n<p>Pa\u00dfmann, Johannes\/Carolin Gerlitz: \u201e\u201aGood\u2018 platform-political reasons for \u201abad\u2018 platform-data. Zur sozio-technischen Geschichte der Plattformaktivit\u00e4ten Fav, Retweet und Like\u201c, in: <em>Mediale Kontrolle unter Beobachtung<\/em> 3, 1 (2014), S. 1-40, Sonderausgabe <em>Datenkritik<\/em>, hg. v. Sebastian Gie\u00dfmann und Markus Burkhardt. Leicht abge\u00e4ndert republiziert 2016 auf pop-zeitschrift.de.<\/p>\n<p>Pa\u00dfmann, Johannes: \u201eRetweet buttons before 2009: Systems and practices\u201c. Paper pr\u00e4sentiert auf <em>AoIR 2016: The 17th Annual Meeting of the Association of Internet Researchers<\/em>, Panel: \u201eApp Studies: Platform Rules and Methodological Challenges\u201c, 5.-8. Oktober 2016, Berlin.<\/p>\n<p>Sch\u00fcttpelz, Erhard\/Sebastian Gie\u00dfmann: Medien der Kooperation. \u00dcberlegungen zum Forschungsstand, in: Navigationen 15, 1 (2015), S. 7-55. Preprint online verf\u00fcgbar unter https:\/\/www.mediacoop.uni-siegen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/schuettpelzgiessmann_kooperation.pdf [17. Dezember 2016].<\/p>\n<p>Star, Susan L.\/James R. Griesemer: Institutional Ecology, \u201eTranslations\u201c and Boundary Objects. Amateurs and Professionals in Berkeley\u2019s Museum of Vertebrate Zoology, in: Social Studies of Science 19, 3 (1989), S. 387-420. Online verf\u00fcgbar unter http:\/\/www.icesi.edu.co\/blogs\/zoogestion\/files\/2014\/10\/StarGriesemer-BoundaryObjects-SSS.pdf [17. Dezember 2016].<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medien der produktiven Unbestimmtheit: Telegrams Sticker<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[636,681,2189,2236],"class_list":["post-6425","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-emoji","tag-ethnografie","tag-soziale-medien","tag-sticker"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6425","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6425"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6425\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6425"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6425"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6425"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}