{"id":6442,"date":"2016-12-25T11:18:52","date_gmt":"2016-12-25T09:18:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6442"},"modified":"2016-12-25T11:18:52","modified_gmt":"2016-12-25T09:18:52","slug":"pop-archiv-dezembervon-thomas-hecken25-12-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/12\/25\/pop-archiv-dezembervon-thomas-hecken25-12-2016\/","title":{"rendered":"Pop-Archiv Dezembervon Thomas Hecken25.12.2016"},"content":{"rendered":"<p>Pop-Begriff und Pop-Theorie &#8211; der deutschsprachige Beginn<!--more --><\/p>\n<p>Zum Abschluss unserer kleinen einj\u00e4hrigen Reihe mit Fundst\u00fccken aus der Pop-Geschichte etwas zur deutschsprachigen Semantik von \u201aPop\u2018.<\/p>\n<p>Heute hat es \u201aPop\u2018 l\u00e4ngst geschafft, das \u201aVolk\u2018 vollkommen vergessen zu machen, selbst wer \u201apopul\u00e4r\u2018 sagt, h\u00f6rt das \u201aVolk\u2018 darin kaum einmal mehr mit.<\/p>\n<p>In den 1950er Jahren war das noch anders. Selbst die unmittelbare nationalsozialistische Vergangenheit f\u00fchrte nicht dazu, sich von der \u201aVolks\u2018-Rede zu verabschieden. Die Ausstrahlung des \u201aVolkst\u00fcmlichen\u2018 war noch so stark, dass bundesdeutsche \u00dcbersetzungen des amerikanischen Worts \u201epopular culture\u201c nicht \u201epopul\u00e4re Kultur\u201c lauteten.<\/p>\n<p>David Riesmans stark rezipiertes Buch \u201eThe Lonely Crowd\u201c fasst 1950 \u201ejazz, soap opera, the movies, and television\u201c unter dem Oberbegriff \u201epopular culture\u201c zusammen (David Riesman [with Reuel Denney and Nathan Glazer]: The Lonely Crowd. A Study of the Changing American Character, New Haven 1950, S. 361).<\/p>\n<p>In der deutschen \u00dcbersetzung, die 1958 in Rowohlts renommierter Reihe \u201eNeue Enzyklop\u00e4die\u201c erscheint und als deren Herausgeber Helmut Schelsky fungiert, steht an der Stelle \u201evolkst\u00fcmliche Unterhaltungsmittel\u201c (David Riesman [in Zusammenarbeit mit Reuel Denney und Nathan Glazer]: Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters, Reinbek bei Hamburg 1958, S. 312).<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a><\/p>\n<p>Adolf Hitler hatte am Tag vor der Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eEntartete Kunst\u201c anl\u00e4sslich der gleichzeitig stattfindenden \u201eGro\u00dfen Deutschen Kunstausstellung\u201c festgestellt: Das Volk sei das \u201eSeiende und das Bleibende\u201c , es ist also per definitionem (bzw. in nationalistischer Sicht substantiell) dem Fremden und dem Wandel der Zeit, der \u201eFlucht der Erscheinungen\u201c entgegengesetzt \u2013 \u201eund damit ist auch die Kunst\u201c, wie Hitler weiter mit platonischen Begriffen ableitet, \u201eals dieses Seienden Wesensausdruck, ein ewiges Denkmal, selbst seiend und bleibend.\u201c (Adolf Hitler: Er\u00f6ffnungsrede zur Gro\u00dfen Deutschen Kunstausstellung (1937). Teilabdruck in: Charles Harrisson, Paul Wood [Hg.]: Kunsttheorie im 20. Jahrhundert, Bd. 1, Ostfildern-Ruit 2003, S. 527-530, hier S. 529.)<\/p>\n<p>Selbst in einer der ersten deutschsprachigen Verwendungen von \u201aPop\u2018 in einem Buch (vielleicht sogar der allerersten) bleibt ein Nachhall davon erhalten. In \u201eKnaurs Jazzlexikon\u201c aus dem Jahr 1957 hei\u00dft es erl\u00e4uternd zum Eintrag \u201ePop\u201c: \u201eAbk\u00fcrzung f\u00fcr \u201apopular\u2018 [\u2026], w\u00f6rtlich: volkst\u00fcmlich\u201c. Und weiter: \u201ePop\u201c werde<\/p>\n<p>\u201egebraucht in Verbindung mit \u201atune\u2018 [\u2026] und \u201asong\u2018 als \u201apop tune\u2018 oder \u201apop song\u2018. Bezeichnet einen volkst\u00fcmlichen Liedgesang, der zwischen Volkslied und Kunstlied liegt. Er ist nur in den seltensten F\u00e4llen ein Schlager oder Gassenhauer und verdankt seine Entstehung und Verbreitung im Jazz den \u201apopular tunes\u2018 der Kreolen und Neger der S\u00fcdstaaten, insbesondere von New Orleans, in denen sich vielerlei Z\u00fcge aus franz\u00f6sischen und anderen europ\u00e4ischen Liedern mit bestimmten Eigenschaften der negerischen Folklore mischten. Daneben hat auch die Minstrelsy mit ihren \u201acoon songs\u2018 zum Repertoire und Melodietypus der \u201apopular tunes\u2018 beigetragen, desgleichen der Ragtime. Aus all diesen verschiedenen Quellen gespeist wurde dann die volkst\u00fcmliche Liedform der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre im Bereich des Jazz, wozu dann noch die gesungenen Refrains und Verse der modischen Tanzformen kamen, z.B. Charleston, Boston, Shimmy, Foxtrott u.a. Die \u00e4ltesten unter ihnen haben sich als sogenannte \u201aevergreens\u2018 erhalten und dienen meist als Repertoire f\u00fcr Interpretationen im traditionellen Jazzstil. Der Schlager ist dagegen ausschlie\u00dfliche Tagesproduktion und geh\u00f6rt in das Gebiet der kommerzialisierten Tanz- und Sweetmusik.\u201c (Stephen Longstreet\/Alfons M. Dauer: Knaurs Jazzlexikon, M\u00fcnchen und Z\u00fcrich 1957, S. 249.)<\/p>\n<p>Auch ganz zu Beginn der deutschsprachigen Begriffsverwendung war also das Bed\u00fcrfnis vorhanden, \u201ePop\u201c als das \u201aBleibende\u2018 von der \u201ekommerzialisierten Tanz- und Sweetmusik\u201c abzusetzen, mit der Pointe, dass hier jene afroamerikanischen Traditionen, welche die Nationalsozialisten vernichten wollten, der modischen, kapitalistischen \u201eTagesproduktion\u201c entgegengesetzt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pop-Begriff und Pop-Theorie &#8211; der deutschsprachige Beginn<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[533,1824,1859,2476],"class_list":["post-6442","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-deutsche-popgeschichte","tag-pop-begriff","tag-populare-kultur","tag-volk"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6442","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6442"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6442\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6442"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6442"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6442"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}