{"id":6454,"date":"2016-12-26T22:22:30","date_gmt":"2016-12-26T20:22:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6454"},"modified":"2016-12-26T22:22:30","modified_gmt":"2016-12-26T20:22:30","slug":"klassentreffen-mit-den-gilmore-girlsa-year-in-the-life-revue-und-metafiktion-in-spotlightsvon-maren-lickhardt26-12-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2016\/12\/26\/klassentreffen-mit-den-gilmore-girlsa-year-in-the-life-revue-und-metafiktion-in-spotlightsvon-maren-lickhardt26-12-2016\/","title":{"rendered":"Klassentreffen mit den Gilmore Girls\u00bbA Year in the Life\u00ab \u2013 Revue und Metafiktion \u203ain Spotlights\u2039von Maren Lickhardt26.12.2016"},"content":{"rendered":"<p>Ein neues Jahr<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Lorelai: <em>Please, Luke. Please, please, please<\/em>. Luke: <em>How many cups have you had this morning<\/em>? Lorelai: <em>None<\/em>. Luke: <em>Plus<\/em>? Lorelai: <em>Five, but yours is better<\/em>.<\/p>\n<p>Aus dem Off hallt am dunklen Bildschirm das Echo dieser S\u00e4tze, mit denen Lorelai Gilmore im Jahr 2000 geboren wurde und sich als kaffees\u00fcchtige, \u00fcberdrehte Serienfigur konstituiert. Die Fortsetzung f\u00fchrt uns 2016 gleich zum Auftakt in diese Vergangenheit und gibt mit dem Zitat und einigen weiteren zu verstehen, dass wir es nun mit einem Echo zu tun haben.<\/p>\n<p>Das damals Gesagte hatte einen enormen Impact und gebrochen an unserer Rezeption und der popkulturellen Folgekommunikation gelangt es nun zur Produktion zur\u00fcck. Es vollzieht sich die eigene Reflexion der Serie, bei der wir RezipientInnen den Spiegel bilden.<\/p>\n<p>Dass das Ende der alten Staffeln zehn Jahre zur\u00fcck liegt, ist f\u00fcr die Fortsetzung zentral, die sich um diese Leerstelle und die darin entstandenen Fragen, Erinnerungen und Bez\u00fcge rankt. Denn es muss betont werden, dass der offensichtliche Hang zu diversen K\u00f6rperkultpraktiken seitens der DarstellerInnen es leicht erm\u00f6glicht h\u00e4tte, so gut wie nahtlos an den zeitlichen Horizont der alten Diegese anzukn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Kaum eine(r) der DarstellerInnen sieht um zehn Jahre gealtert aus, aber es rankt sich fiktiv, fiktional und metafiktional alles um die Tatsache, dass und wie zehn Jahre vergangen sind, und dass eine Fortsetzung nach zehn Jahren besondere Erwartungen erzeugt, die letztlich das Thema der neuen Folgen sind; wir RezipientInnen werden also gespiegelt, best\u00e4tigt und \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Wesentlich ist n\u00e4mlich, dass es diese zehn Jahre in unserem realen zeitlichen Horizont gegeben hat, und dass wir in den zehn Jahren Teil der Popkultur waren, aus der die <em>Gilmore Girls<\/em> verschwunden sind und gleicherma\u00dfen nicht verschwunden sind.<\/p>\n<p>Wir haben die Wiederholungen der Serie nicht nur unz\u00e4hlige Male erst auf VOX und dann vielleicht auf Netflix gesehen, sodass uns Lorelai und Rory Gilmore wie alte Freundinnen erscheinen, sondern uns sind auch Lauren Graham und Alexis Bledel bestens aus anderen Produktionen und den Boulevardmedien vertraut.<\/p>\n<p>Es ist unsere Lebenszeit, die in die neue Diegese einbricht und sie mitstrukturiert, und es entsteht eine merkw\u00fcrdige Spannung nicht nur zwischen den beiden zeitlichen Horizonten der Serie als fiktive Szenarien, sondern auch zwischen Fakt und Fiktion sowie der Anlage, dass die Serie als konserviertes Produkt nicht altert und in einer \u00fcberzeitlichen Dimension schwebt und gleichzeitig innerhalb von zehn Jahren so oft reflektiert und neu bewertet werden konnte, dass sie sich mit uns und den lebenden DarstellerInnen irgendwie doch mitbewegt.<\/p>\n<p>Die erste Szene zeigt den Pavillon im Park von Stars Hollow; eine Art B\u00fchne. Aus einer kleinen Ansammlung von Menschen vor dem Pavillon gehen einzelne Personen nach links und rechts aus dem Bild wie sich ein Vorhang aufzieht oder \u2013 noch konkreter \u2013 Nebendarsteller in einer Tanzshow den Blick auf die Hauptdarsteller frei machen, und dann sehen wir Lorelai auf der Treppe sitzen. Rory kommt, und die Fortsetzung setzt mit einem der \u00fcblichen Screwball-Dialoge in medias res ein.<\/p>\n<p>Wir erkennen erleichtert, dass sich nichts ver\u00e4ndert hat. Der Hang zur dialogischen Digression wird nicht zugunsten narrativer Straffungen aufgegeben. Obwohl klar ist, dass wir auf den \u201aFaden der Erz\u00e4hlung\u2018 warten, der die Geschichten verkn\u00fcpft, wird ein \u201aGefilz\u2018 aus tausenden kleinen Fasern ausgebreitet \u2013 die Anleihe bei Musil sei erlaubt.<\/p>\n<p>Und so plappern Lorelai und Rory \u2013 nachdem Lorelai einen winzigen Moment zu lange mit ge\u00f6ffnetem Mund mit dem Einsatz ihres Auftaktparts z\u00f6gert, was die Spannung der Zusehenden darstellerisch reflektiert \u2013 entspannt dar\u00fcber, wie gut oder schlecht man nach einem Langstreckenflug aussehen kann, als g\u00e4be es die zehn Jahre nicht, statt die Informationen aus der Zeit preiszugeben, die wir haben wollen. Also kein: Hey, wo ist denn Dein Freund X, mit dem Du in Y lebst, wo Du bei der Zeitung Z arbeitest. Ein derart \u00fcberspitzter und ironischer Einsatz w\u00e4re vorstellbar gewesen.<\/p>\n<p>Aber Lorelai und Rory haben sich innerhalb der Diegese schlie\u00dflich nur mehrere Monate nicht gesehen und k\u00f6nnen spielerisch Allt\u00e4gliches aushandeln. Dann h\u00e4lt die Serie aber doch kurz inne, um Zeit zu thematisieren. Nach dem schnellen Dialog atmen beide durch und konstatieren, dass sie dies schon eine Weile nicht gemacht haben, und hier sprechen ganz klar auf einer metafiktionalen Ebene die Schauspielerinnen Graham und Bledel \u00fcber das Spielen schneller Dialoge und nicht Mutter und Tochter im Rahmen der Diegese. \u201eLorelai: Haven\u2019t done that for a while. Rory: Felt good. Lorelai: How long\u2019s it been? Rory: Feels like years.\u201c<\/p>\n<p>Dann imitieren die beiden ein typisches Mutter-Tochter-Gespr\u00e4ch in seiner Klischeehaftigkeit, indem sich Lorelai theatralisch dar\u00fcber beschwert, dass Rory nur eine Nacht bleiben will, nachdem sie ja schon Thanksgiving und Weihnachten verpasst hatte und dass nun sehr gedr\u00e4ngt alle \u00fcblichen Rituale vollzogen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dies entspricht den vier neuen Folgen, die komplett mit Programm \u00fcberfachtet werden m\u00fcssen, um allen gewohnten Ritualen, dem Fortgang der Handlung und dem F\u00fcllen der metafiktionalen L\u00fccke von zehn Jahren gerecht zu werden. Der erste Programmpunkt ist dann ein Rundgang durch die Stadt. Wir verfolgen Lorelai und Rory in einem uns sehr vertrauten Szenario. Gleichzeitig sehen wir Graham und Bledel durch ein museales Filmset gehen.<\/p>\n<p>Die Fortsetzung macht den Konstruktionscharakter der Serie noch transparenter, als er es ohnehin schon war, weil kaum in einem psychologisch-realistischen Ton gefragt wird, was sich wohl organisch in der fiktiven Welt entwickelt haben mag, sondern man ist gespannt darauf, was Amy Sherman-Palladino und ihr Produktionsteam zu inszenieren entschieden haben. Dass die Elemente schon da sind und wiederkehren werden, ist irgendwie klar, aber Dramaturgie und Choreographie stehen in Frage.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;kGGNNSmGDpU&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Und dann geht die Revue der bekannten Figuren und Situationen los:<\/p>\n<p>I:00:03:44 \/ Miss Patty:<br \/>\nwinkt Rory bei dem Stadtrundgang aus der Tanzschule zu. Da die Darstellerin Liz Torres \u00e4u\u00dferst erschlankt ist, fragt man sich f\u00fcr einen Moment erschrocken, ob man es wohl gewagt hat, das Fiktive ohne das Faktuale zu reproduzieren und die Darstellerin zu ersetzen, aber wir sehen erleichtert tats\u00e4chlich Liz Torres und merken umso mehr, dass es ohne die Metafiktion in dieser Fiktion nicht geht, dass eine Figur nicht ohne ihr pop-kulturelles Pendant in der realen Welt leben kann, dass sich nichts \u00e4ndern darf. Dass Abnehmen unter \u00e4sthetischen Gesichtspunkten nicht immer von Vorteil ist, weil dadurch die nat\u00fcrliche Unterf\u00fctterung der Falten fehlt, lernt man auch \u2013 was w\u00e4re ein Klassentreffen ohne L\u00e4stern?<\/p>\n<p>I:00:05:11 \/ Lane:<br \/>\nerz\u00e4hlt Rory in Doose\u2019s Supermarket, dass ihr Mann Zack nun aufgrund einer Bef\u00f6rderung Anz\u00fcge tragen muss und sich dabei \u00e4u\u00dferst unwohl f\u00fchlt. Will sagen: Das Band-Mitglied wurde nicht zum Spie\u00dfer gemacht, obwohl man ja sagen muss, dass es wohl nichts Spie\u00dfigeres gibt als M\u00e4nner, die Angst vor Anz\u00fcgen haben.<\/p>\n<p>I:00:05:45 \/ Kirk:<br \/>\nerz\u00e4hlt Lorelai von seinem neusten widersinnigen Gesch\u00e4ftsmodell und f\u00fchrt \u2013 es wundert nat\u00fcrlich nicht \u2013 sein Hausschwein spazieren. Am Ende der Fortsetzung dekoriert er Lorelais Hochzeits-Setting, und macht zum ersten Mal in der Serie alles richtig. Das k\u00f6nnte ein Hinweis, darauf sein, dass es keine zweite Staffel geben wird, denn was k\u00f6nnte noch darauf folgen, dass Kirk aus seiner Rolle f\u00e4llt.<\/p>\n<p>I:00:07:34 \/ Der Troubadour:<br \/>\nsteht an der Stra\u00dfenecke und singt.<\/p>\n<p>I:00:08:51 \/ Paul Anka:<br \/>\ntr\u00e4gt einen Hunde (?)-Silvesterkopfschmuck, der auf das Jahr 2016 verweist.<\/p>\n<p>I:00:08:59 \/ Luke:<br \/>\nsteht in der K\u00fcche und kocht und schimpft nat\u00fcrlich, weil die beiden Gilmores \u2013 wie \u00fcblich (das schreibe ich nur einmal, meine es aber im Grunde bei fast jedem Satz) \u2013\u00a0 schon vor dem Essen alles M\u00f6gliche durcheinander in sich hinein stopfen. Dass Lorelai und Rory das k\u00f6nnen, ohne unter Verdauungsst\u00f6rungen zu leiden, weist sie als post- und pop-moderne Zitations- und Verwertungsmaschinen, als Collagen aus.<\/p>\n<p>I:00:10:05 \/ Der Yale-Wimpel \u00fcber dem Spiegel in Rorys Kinderzimmer:<br \/>\nh\u00e4ngt noch \u00fcber dem Spiegel in Rorys Kinderzimmer.<\/p>\n<p>I:00:20:04 \/ Edward Herrmann:<br \/>\nnein, ich meine nicht Richard Gilmore, sondern Edward Herrmann. Lorelai und Rory unterhalten sich \u00fcber den Tod des Vaters und Gro\u00dfvaters Richard, der in der Fortsetzung unvermeidlich war, weil der Darsteller Edward Herrmann 2014 verstorben ist. Dann heben nicht Lorelai und Rory am K\u00fcchentisch in Lorelais Haus das Glas, sondern Lauren Graham und Alexis Bledel prosten am Filmset mit dem Toast \u201eTo absent friends\u201c u.a. Erward Herrmann zu. Die Serie f\u00e4llt hier komplett aus der Fiktion, weil hier nicht der \u201aGrandpa\u2018 adressiert wird.<\/p>\n<p>Der Tod, den es in der ewig fortsetzbaren und vor allem ewig wiederholbaren Fiktion nicht geben kann, bricht in die Serie ein. Der Tod markiert die Grenze der Fiktion. Ein Schauspieler, der lebt, ist immer schon tot, wenn er in die Fiktion eintritt, weil er in ihr ewig aufgehoben werden kann; aber ist er, wie in der vorliegenden Konstruktion, wirklich tot, wird er auf der metafiktionalen Ebene erst recht lebendig und auch recht widerst\u00e4ndig. Da die k\u00f6rperliche Existenz des Darstellers die M\u00f6glichkeitsbedingung der Darstellung des Fiktiven bildet, bewegen wir uns an der Stelle in die Realit\u00e4t hinein, die der Fiktion ihre Grenzen aufzeigt, die abrei\u00dfen l\u00e4sst, was eigentlich ewig sein will.<\/p>\n<p>Edward Herrmann bildet aufgrund seines Todes die gr\u00f6\u00dfte Leerstelle der Fiktion, die noch nicht einmal mehr durch Erwartungen und Spekulationen in der boulevadesken, popkulturellen Kommunikation gef\u00fcllt werden und auf diese Weise weiter leben k\u00f6nnte. Daher ist es folgerichtig, dass der Beerdigung von Richard Gilmore die einzige R\u00fcckblende der Serie gewidmet wird. Da der Tod nicht vorstellbar ist, wird die reale Leerstelle durch die fiktive Beerdigung geschlossen. Indem die Beerdigung gezeigt wird, wird Edward Herrmanns\/Richard Gilmores Tod nicht in dem \u00fcblichen Spiel als imagin\u00e4re Leerstelle den RezipientInnen \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>I:00:20:19 \/ Taylor Doose:<br \/>\nheckt seine \u00fcblichen Skurrilit\u00e4ten aus.<\/p>\n<p>I:00:20:36 \/ Caesar:<br \/>\nmit neuer Frisur in Lukes Diner, und immer noch zu dick.<\/p>\n<p>I:00:24:06 \/ Michel G\u00e9rard:<br \/>\nenth\u00fcllt in den ersten drei S\u00e4tzen seines Auftritts, dass er nun mit einem Mann namens Frederic verheiratet ist, der sehr zu seinem Leidwesen einen Kinderwunsch hegt. Man hatte nie erwartet, je so viel von der Figur zu erfahren. Man hat es auch nicht gewollt. Diese Schlie\u00dfung des Imagin\u00e4ren stellt eine bewusste Inversion der alten Figurenkonstruktion dar, die augenzwinkernd die Aufmerksamkeit darauf lenkt, wie verst\u00f6rend Ver\u00e4nderungen sind und wie sehr die Pop-Serie vom Ritual lebt.<\/p>\n<p>Michel bildet in der Fortsetzung die Reflexionsfigur f\u00fcr unsere metafiktionalen \u00c4ngste, dass sich etwas aus unserer vertrauten Serienwelt ge\u00e4ndert haben k\u00f6nnte. W\u00e4hrend er sich selbst dar\u00fcber echauffiert, dass sein Mann neuerdings eine Familie gr\u00fcnden m\u00f6chte, k\u00fcndigt er selbst bei Lorelai, weil er neue berufliche Herausforderungen sucht. Da Lorelai nun mit dieser Ver\u00e4nderung nicht leben will, kauft sie ein neues Geb\u00e4ude f\u00fcr ihr Hotel, damit Michel sich in seiner erweiterten Funktion austoben und alles beim Alten bleiben kann. Im Grunde bleibt aber auch Michel wunderbar garstig und liebenswert wie immer. \u201eHe keeps shoving children in my arms. Hold this. What do you feel? Well, now there\u2019s spittle on my Brioni suit, so, rage?\u201d<\/p>\n<p>I:00:28:32 \/ Gypsy:<br \/>\nmeckert wie immer \u00fcber Lorelais altes Auto \u2013 ja , diese f\u00e4hrt immer noch den Jeep Wrangler \u2013 und verweist darauf, dass sie f\u00fcr die Reparatur noch auf ein Ersatzteil wartet \u2013 \u201ecoming in a DeLorean from 1983\u201c.<\/p>\n<p>Lorelais Nostalgie wird ironisiert. Aber vor allem denkt man an den Film <em>Back to the Future<\/em>, in dem Marty McFly in einem DeLorean durch die Zeit reist, was ein wenig die Zeitsprung-Situation zwischen alter Serie und Fortsetzung bei den <em>Gilmore Girls<\/em> spiegelt und au\u00dferdem thematisiert wie schwierig es ist, die alten Elemente einem Time-Warp zu unterziehen.<\/p>\n<p>Mehr noch wird unser eigenes Zeitempfinden herausgefordert und ein Spiel zwischen Fakt und Fiktion er\u00f6ffnet. Man muss stutzig werden, weil <em>Back to the Future<\/em> aus dem Jahr 1985 ist, und man kann darauf kommen, dass Gypsy, wenn sie von einem DeLorean von 1983 spricht, tats\u00e4chlich das reale, materielle Auto meint. Abgesehen davon, dass das auch besser zu dieser Figur passt als ein Filmzitat, gibt es Autos, die als 1983er Modelle des DeLorean bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um die letzten Fertigungen des DeLorean DMC 12.<\/p>\n<p>Wenn wir nun zuerst an <em>Back to the future<\/em> denken, muss uns im n\u00e4chsten Schritt durch die Differenz von zwei Jahren bewusst werden, dass wir viel zu reflexartig an einen Film gedacht haben; und nicht eine Sekunde an die M\u00f6glichkeit, dass von einem realen Auto die Rede sein k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich das mit Bezug auf den Film leicht gl\u00e4tten. Der 1983er DeLorean war neueste Modell, das im Film eingesetzt werden konnte, weil die DeLorean Motor Company Ende 1982 Konkurs ging, und Marty McFlys Auto ist in <em>Back to the Future<\/em> ja nicht brandneu, sondern vielleicht zwei Jahre alt.<\/p>\n<p>Dennoch findet mit dem Verweis auf einen DeLorean von 1983 f\u00fcr einen Augenblick neben der permanenten \u00dcberlagerung zweier zeitlicher Horizonte eine Inversion von Fakt und Fiktion statt, denn wenn Gypsie den fiktionalisierten DeLorean bruchlos h\u00e4tte benennen sollen, w\u00e4re es nicht falsch gewesen, von einem DeLorean von 1985 zu sprechen, weil das fiktional aufgeladene und gepimpte Auto ja tats\u00e4chlich aus dem Jahr 1985 stammt.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich muss das Auto, das Lorelais Jeep Wrangler retten soll, ja zu einem Zeitsprung f\u00e4hig, also das fiktionalisierte Auto sein, denn es wird nicht auf ein Ersatzteil aus einem DeLorean 1983 gewartet, der ausgeschlachtet werden soll, sondern darauf, dass ein Zeitreise-DeLorean, also der von 1985, ein Ersatzteil aus einem Jeep Wrangler aus der Vergangenheit bringt.<\/p>\n<p>In dem so kleinen Satz \u201ecoming in a DeLorean from 1983\u201c steckt also nicht nur Nostalgie \u2013 Lorelais in Bezug auf ihr Auto, unsere in Bezug auf Michael J. Fox \u2013, Ironisierung dieser Nostalgie, Intertextualit\u00e4t, Ironisierung der entsprechenden Aktualisierung seitens der RezipientInnen auf Basis intertextueller Kompetenz, Selbstreferentialit\u00e4t als Medienprodukt und Zeitsprung-Experiment, sondern auch das Aufeinanderprallen von Faktualem und Fiktionalen.<\/p>\n<p>I:00:31:36 \/ Emily:<br \/>\nbegr\u00fc\u00dft Rory liebevoll zum Abendessen, w\u00e4hrend sie Lorelai ostentativ ignoriert. Die Figur \u00e4ndert sich sehr \u2013 so sollen wir glauben \u2013, wenn wir sie sp\u00e4ter erstmals in Jeans sehen und sie ihr Dienstm\u00e4dchen freundlich behandelt. Entt\u00e4uschend an diesen Ver\u00e4nderungen ist, dass wir sie erwartet haben k\u00f6nnen, weil wir ja wussten, dass Emily aufgrund des Todes von Edward Hermann als Witwe auftreten wird und dass dies eine neue Dynamik einbringen muss.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Dass sie in einer mit einem \u201eBullshit\u201c eingeleiteten Hass-Tirade die Monotonie und Verlogenheit in ihrer Gesellschaft lautstark vor eben diesen Damen der Gesellschaft herausschreit, wirkt allerdings wie ein Konstruktionsfehler der Serie. Damit dass sich Emily alles herausnimmt, wenn sie es gerade f\u00fcr richtig h\u00e4lt, \u00e4ndert sie sich n\u00e4mlich gerade nicht. Au\u00dferdem delegiert dieser Ausbruch die gesamte Stabilisierung ihrer Schicht an ihren Mann, also an das Patriarchat. Ist die Vorstellung nicht traurig misogyn, dass die eigentlich sehr starke Emily erst kann, wie sie will, nachdem ihr Mann gestorben ist, dass nur der Tod ihres Mannes sie befreit, dass sie die ganze Zeit nicht ihr eigenes Leben gelebt hat und erst jetzt zu sich findet? Das glaube ich alles nicht.<\/p>\n<p>Und auch ihre desillusionierende Darstellung, dass ein Wal wirklich tot ist, also wirklich grausam get\u00f6tet wurde, wenn sich seine Produkte auf dem Markt und seine Reste im Museum in Nantucket befinden \u2013 hier klingt wieder das Thema Leben, Tod und Fiktion an (Moby Dick) \u2013, passt zu dieser Figur, ist so bei\u00dfend, wie wir sie im Grunde schon immer kannten.<\/p>\n<p>I:00:37:53 \/ Jason \u201aDigger\u2018 Stiles:<br \/>\nist Gast auf Richard Beerdigung. Im Rahmen einer realistischen Lesart h\u00e4tte man diese Figur nicht erwartet. Richard, Lorelai und Jason sind im Streit auseinander gegangen, nachdem Richard Jason ausgebootet und ruiniert hatte. Dass Jason Stiles auf der Beerdigung erscheint, zeigt besonders deutlich, dass die Fortsetzung als Revue angelegt ist, in der die Figuren als Zitate ihrer selbst passieren.<\/p>\n<p>Das kann man als intertextuelle und interfiktionale Verweise verstehen, bewegt sich aber immer auch auf einer metafiktionalen Ebene, weil es so viel mit unseren realen Erinnerungen an vergangene reale Rezeptionsprozesse zu tun hat, also damit dass die Gilmore Girls an unserem Leben teilgenommen haben wie wir an ihrem, weil sie unseren Tag strukturiert und die Woche begleitet haben.<\/p>\n<p>Deshalb ist uns Jason Stiles auch noch pr\u00e4sent und sein Auftritt \u00fcberrascht kaum, obwohl er uns \u00fcberraschen sollte, denn warum sollte Emily einen Mann auf eine Beerdigung einladen, der mit dem Verstorbenen Streit hatte und den sie nie leiden konnte.<\/p>\n<p>I:00:59:12 \/ Paris Gellar:<br \/>\nempf\u00e4ngt Lorelai als erfolgreiche und wohlhabende Inhaberin einer Befruchtungsklinik. Sie hat sich also offensichtlich f\u00fcr die Medizin entschieden. Jura ist aber auch nicht ganz raus, weil Rechtsberatung Teil der Dienstleistung ihres Imperiums ist. Sp\u00e4ter erfahren wir von ihrem beachtlichen Lebenslauf, an dem die eine oder andere vielleicht gezweifelt haben mag. Man h\u00e4tte sich diese Figur \u2013 so sehr ich sie liebe \u2013 auch in einer anderen Klinik vorstellen k\u00f6nnen, und zwar als Patientin.<\/p>\n<p>I:01:05:49 \/ Logan Huntzberger:<br \/>\nbetritt den Raum. Da wir mittlerweile schon erfahren haben, dass Rory einen neuen Freund hat, gehen wir nicht von einer Beziehung aus, als er sie k\u00fcsst, aber wir sehen, dass die beiden eine Aff\u00e4re haben. Endlich! Und so unkitschig inszeniert \u2013 was ebenso genial wie schrecklich ist \u2013, denn abgesehen davon, dass bzw. gerade weil Rory am Ende der neuen Folgen eine Schwangerschaft aus dieser Aff\u00e4re davon tr\u00e4gt, deutet sich keine weitere Verbindung\/Happy End als Paar an.<\/p>\n<p>Es zeigt sich aber zwischen den beiden Figuren eine tiefe Freundschaft und Zuneigung. Der Rezeptionsraum der zehn Jahre erh\u00e4lt hier eine lebendige F\u00fcllung, weil man sich sehr gut vorstellen kann und glaubhaft und liebevoll inszeniert wird, dass und wie die beiden kontinuierlich verbunden waren. Hier liegt kein Bruch zwischen den zeitlichen Horizonten oder zwischen Erwartung und Fiktion vor, auch wenn die beiden kurz nach ihrer Trennung in der alten Serie ein wenig verbittert auseinander gegangen waren.<\/p>\n<p>I:01:14:52 \/ Zack:<br \/>\nergraut und im Anzug.<\/p>\n<p>I:01:15:03 \/ Brian:<br \/>\nimmer noch Brille und keine Kontaktlinsen.<\/p>\n<p>I:01:15:26 \/ Gil:<br \/>\nmit Alterungsspuren. Und die drei geben als Probe von Hep Alien als musikalische Einlage in der Folge ein St\u00e4ndchen.<\/p>\n<p>II.00:05:59 \/ Mrs Kim:<br \/>\nhat sich kein bisschen ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>II.00:08:00 \/ Mr Kim??????:<br \/>\nwird von Rory und Lane begr\u00fc\u00dft. Er befindet sich au\u00dferhalb des Sichtfeldes der Kamera. Man erwartet nicht, diese Figur wirklich zu sehen, sondern den Gag, dass er der stets Abwesende, K\u00f6rperlose und sonst auch kaum je Erw\u00e4hnte bleibt, dass Rory und Lane eigentlich ins Leere winken, dass kein Darsteller diese Figur verk\u00f6rpert, dass da also niemand wirklich steht, und dann\u2026 Schnitt, wird er eingeblendet, verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Auf der Suche danach, wer ihn denn nun verk\u00f6rpert, bin ich auf imbd.com nicht f\u00fcndig geworden \u2013 habe ich bei dreimaligem Durchsehen vielleicht etwas \u00fcbersehen \u2013, obwohl dort sogar die Darsteller einiger \u2013 man kann fast sagen \u2013 Statisten aufgef\u00fchrt werden, z.B. der koreanischen S\u00e4nger nach Nummern geordnet, die einen wenige Sekunden andauernden Auftritt haben. Eine merkw\u00fcrdige Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit.<\/p>\n<p>II:08:03 \/ Jackson:<br \/>\nverkauft Obst und Gem\u00fcse.<\/p>\n<p>II:00:11:55 \/ Mitchum Huntzberger:<br \/>\ntritt in ein nobles Restaurant, das ihm geh\u00f6rt, und bietet Rory an, mit einem Anruf seinen Einfluss geltend zu machen und quasi mit einem Fingerschnippen ihr Leben zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>II:00:14:12 \/ Babette:<br \/>\nnimmt an der Stadtversammlung teil.<\/p>\n<p>II:00:31:28 \/ Babettes Freund:<br \/>\nnimmt an der Vorf\u00fchrung von Kirks zweitem Film teil.<\/p>\n<p>II:00:42:36 \/ Headmaster Charleston:<br \/>\nbegr\u00fc\u00dft Rory und Paris bei einem Klassentreffen (!) auf der Chilton High.<\/p>\n<p>II:00:49:45 \/ Nicht Tristan Dugray:<br \/>\nsteht in vermeintlich vertrauter Pose, gebeugt \u00fcber eine an der Wand lehnende Frau, im Gang der Chilton High. Paris glaubt nur, Tristan zu sehen, und st\u00fcrzt vor Scham auf die Toilette, weil sie sich angesichts ihrer Jugendliebe, der sie immer verschm\u00e4ht und oft gedem\u00fctigt hatte, unmittelbar zeitlich und emotional zur\u00fcck versetzt f\u00fchlt und mit ihrem Selbstwert hadert.<\/p>\n<p>Rory fragt ungl\u00e4ubig \u201eTristan?\u201c Nein, wir sehen ganz klar nicht Chad Michael Murray wieder, sondern einen Schauspieler, der ihm \u00e4hnlich sieht. Es handelt sich um eine Einbildung von Paris, weil sie angesichts des Klassentreffens sicherlich eine derartige Situation bef\u00fcrchtet hatte. Und es wird damit gespielt, dass wir uns als Zusehende bei diesem unseren Klassentreffen fragen, wen wir nun alles wieder sehen werden.<\/p>\n<p>II:00:51:35: Francie:<br \/>\ntaucht auf der Toilette auf. Paris\u2018 alte Abneigung ist noch aktuell. Sie fragt Francie paranoid, ob sie ihr nachstellt. Francie antwortet: \u201eSorry, did I accidentally step into 2003?\u201c Ja. Man k\u00f6nnte zwar Francie Recht geben und die 13 Jahre, die vergangen sind, geltend machen. Aber das Jahr 2003 ist wirklich nur einen Schritt entfernt, weil fiktionale Produkte zeitlos im Raum stehen und die Momente f\u00fcr uns Zusehende so pr\u00e4sent sind, als h\u00e4tten sie gestern stattgefunden, d.h. wir sind sofort mittendrin in dem alten Streit und wundern uns nicht \u00fcber Paris\u02bc Reaktion. Und unser Nichtwundern macht uns Francie allerdings mit dem zitierten Satz bewusst.<\/p>\n<p>II:00:56:14 \/ Doyle:<br \/>\ntaucht im Haus von Paris auf. Bei diesem Paar erhalten die vergangenen fiktiven zehn Jahre eine recht plastische F\u00fcllung, w\u00e4hrend Rorys Leben eher als Leerstelle belassen bleibt. Doyle und Paris haben geheiratet, zwei Kinder bekommen, wurden beruflich sehr erfolgreich, au\u00dferdem reich, haben sich auseinandergelebt und befinden sich in einem Scheidungskrieg. Hier wird ostentativ ein Klischee nach dem anderen reproduziert. Dadurch k\u00f6nnen die zehn Jahre mit wenigen Hinweisen aufgearbeitet werden; entfalten sich Geschichten f\u00fcr zehn Jahre Lebenszeit in wenigen S\u00e4tzen.<\/p>\n<p>III:00:02:28 \/ Lukes Tochter April:<br \/>\nist genauso schlau geworden, wie wir erwartet hatten.<\/p>\n<p>III:00:59:46 \/ Jess:<br \/>\ntritt \u2013 endlich \u2013 zur T\u00fcr herein, bezeichnenderweise in Rorys B\u00fcro. Gemeinsame Interessen hatten die Figuren schon immer verbunden, und wieder einmal ermutigt er sie zu einem Projekt, n\u00e4mlich das Schreiben der <em>Gilmore Girls<\/em>. Die alte Redaktionsmitarbeiterin Esther begr\u00fc\u00dft Jess mit den Worten: \u201eI remember you, Punk.\u201c<\/p>\n<p>Der Satz aktualisiert die alten Zuschreibungen, obwohl schon in der urspr\u00fcnglichen Serie relativ klar war, dass Jess einen mehr oder weniger kreativen Beruf ergreifen und seine Talente nutzen w\u00fcrde, aber er wird in der Fortsetzung erneut als Klischee seiner selbst auf dem Stand von vor zehn Jahren eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Rory und Jess unterhalten sich dann dar\u00fcber, dass sie sich vielleicht vier Jahre oder l\u00e4nger nicht mehr gesehen haben. Man muss sich fragen, wie wahrscheinlich das ist, wenn man die Diegese in einem fiktiv-realistischen Rahmen deutet. Immerhin ist Luke wie ein Vater f\u00fcr Jess; Rory hat eine enge Bindung zu ihrer Mutter Lorelai; Luke und Lorelai sind verheiratet. Kann man sich da in einer Familie, die so gro\u00dfen Zusammenhalt beschw\u00f6rt, wirklich vier Jahre nicht gesehen haben?<\/p>\n<p>Da Milo Ventimiglia und Alexis Bledel im realen Leben eine Beziehung hatten, die aber in etwa vor Ende der alten <em>Gilmore Girls<\/em>-Folgen bereits wieder aufgel\u00f6st war, mag man sich vielleicht fragen, ob die Darsteller Ventimiglia und Bledel nicht eher dar\u00fcber sprechen, wie lange sie sich in der Realit\u00e4t nicht mehr getroffen haben. Zumindest dr\u00e4ngt sich dieser Gedanke auf Basis popkulturellen Wissens auf, und wieder einmal springt man aus der Fiktion, was die Serie ja permanent provoziert.<\/p>\n<p>Dass Luke Jess sp\u00e4ter fragt: \u201eSo then you\u2019re over that, right?\u201c erscheint im Rahmen der Fiktion widersinnig. Immerhin haben sich Rory und Jess nach ihrer Teenager-Liebe vor mehr als zw\u00f6lf Jahren getrennt, und da sie in gewisser Weise verwandtschaftlich verbunden sind, ist die Frage innerfiktiv zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter kaum glaubhaft motiviert.<\/p>\n<p>Luke fragt in einem metafiktionalen Akt, was Zusehende wissen wollen. Zwar ist die Beziehung der beiden auch f\u00fcr uns schon ca. zw\u00f6lf Jahre her, aber wir haben das Leben der Figuren ja in dieser Zeit nicht mitgelebt und weiterverfolgt; nichts hat sich relativiert, sondern s\u00e4mtliche Momente der Serie haben sich statisch und \u00fcberzeitlich eingepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Man kann ahnen, dass Lukes Frage relevant ist, denn, sehr \u00e4hnlich zur Geschichte von Lorelai und Luke, k\u00f6nnte Jess derjenige sein, der Rorys Kind an Stelle von Logan mit gro\u00df zieht. Sollte die Serie wirklich mit dieser einen Staffel schlie\u00dfen, wird dieser Gedanke im Raum stehen bleiben, nachdem wir sehen konnten, dass Jess Rory nach dem Dialog mit Luke mit sehns\u00fcchtigem Blick durchs Fenster beobachtet.<\/p>\n<p>IV:00:16:14 \/ Die Life and Death-Brigade \u2013 nicht nur ein Schlaglicht, sondern das Highlight:<br \/>\ntritt auf. Die Jungs treten wirklich auf die B\u00fchne dieser Serie, die sich hier endg\u00fcltig in einem Medienwechsel in eine Revue bzw. ein Variet\u00e9 verwandelt, nachdem sie von einem Einradfahrer mit dem Shakespeare-Zitat \u201cBy the bricking of my thumbs, something wicked this way comes\u201d angek\u00fcndigt wurden.<\/p>\n<p>Einer perfekten Inszenierung folgend tauchen sie mit ihren Affenmasken und Anz\u00fcgen aus dem 19. Jahrhundert auf einer nebligen Stra\u00dfe auf, und diese Inszenierung ist innerfiktiv eine solche, denn man wei\u00df ja, dass die Life and Death-Brigade f\u00fcr derartiges nie Kosten und M\u00fchen gescheut hat.<\/p>\n<p>Namentlich sind es Finn und Colin, die Rory besuchen, aber weil das Shakespeare-Zitat von einer der drei Hexen stammt und es einfach besser aussieht, befindet sich noch eine dritte, nicht bekannte, namenlose Figur unter ihnen. Logan st\u00f6\u00dft auch noch hinzu, und man fragt sich, ob er derjenige ist, der als \u201esomething wicked\u201c bezeichnet wurde und was das wohl bedeuten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nun findet eine \u00dcberlagerung von Fiktion und reflexiver Medientransformation statt, d.h. das Folgende ist ebenso im Fiktiven verankert, wie es auch v\u00f6llig aus diesem wie ein Zwischenspiel herausf\u00e4llt. Die Darsteller spielen immer noch die bekannten fiktiven Figuren und gleichzeitig f\u00fchren sie nun ein Tanztheaterst\u00fcck auf.<\/p>\n<p>Begleitet von einer etwas schnelleren Cover-Version von <em>With a little help from my friends<\/em> bewegen sich die Figuren in einem irrealen, surrealen Szenario (Ausleuchtung, Kost\u00fcme, Choreographie, allerdings im fiktiv-realistischen Setting von Stars Hollow), w\u00e4hrend ihnen die Kamera in rasanter Fahrt mit schnellen Schwenks folgt.<\/p>\n<p>Neben allen Implikationen des Liedes zu Freundschaft und Liebe muss man angesichts der Nostalgie dieser Episode auch an die Serie <em>Wunderbare Jahre<\/em> denken, die die Version von Joe Cocker als Titelsong hat. W\u00e4hrend <em>Wunderbare Jahre<\/em> eine Hommage an die Kindheit in den 60er Jahren ist, und unsere V\u00e4ter nostalgisch gemacht haben mag, wird es hier in den <em>Gilmore Girls<\/em> so richtig sentimental, weil wir an Rorys wunderbare Jahre in Yale denken und an die wunderbaren Jahren, in denen wir die Serie geschaut haben.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist gerade diese Episode, in der sich Rory und Logan dann auch endg\u00fcltig voneinander trennen, aufgrund der multimedialen Gestaltung so gebrochen, dass sie wunderbar unsentimental daher kommt. Mit manierierter Gestik und Mimik, vollkommen theatralisch tanzen die Figuren begleitet von Scheinwerfern durch diese Episode. Das Musical\/Tanztheater \u00fcberh\u00f6ht und mindert die Sentimentalit\u00e4t zugleich.<\/p>\n<p>Manieriert und theatralisch ist auch Rorys Abschied von den Jungs. Er kippt ins Ironische und bleibt doch irgendwie traurig. In dieser Szene kommt dem D\u00e9cadent Finn der beste Satz der Staffel zu: \u201eStay photogenic, I beg of You.\u201c<\/p>\n<p>Dass der Dandy und Pop-Dandy die Statik eines Bildes zum Ma\u00dfstab erhebt und als bestm\u00f6glichen Wunsch bzw. wichtigste Forderung f\u00fcr das restliche Leben artikuliert, passt. Man muss aber nicht nur an Dorian Gray denken, sondern in dem Moment mag auch auffallen, dass der \u2013 australische \u2013 Darsteller Tanc Sade gewisse \u00c4hnlichkeiten mit dem American Psycho Christian Bale hat.<\/p>\n<p>Dass Rory fotogen bleiben soll, spielt aber nat\u00fcrlich auch auf Alexis Bledels Beruf als Schauspielerin an. Und auch hier hatte ich das Gef\u00fchl, dass das reale Leben und nicht die Fiktion mit dem Abschied adressiert ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass Finn auch in Zukunft mit einem Privatjet bei Rory zu Besuch reinplatzt, nachdem er das ja nun auch noch zehn Jahre nach dem Studienabschluss tut, ist doch sehr gro\u00df. Au\u00dferdem pflegt Yale seine Alumni. Der Abschied passt nicht so recht in die Fiktion. Viel eher sehen sich vielleicht Alexis Bledel und Tanc Sade so bald nicht wieder.<\/p>\n<p>IV:01:03:07 \/ Miss Celine:<br \/>\nkommt die Treppe herunter. Sie wird Lorelais Hochzeitskleid entwerfen und ist zur Anprobe gekommen.<\/p>\n<p>IV.01:06:16 \/ Christopher Hayden:<br \/>\nreicht Rory einen Kaffee.<\/p>\n<p>IV.01:16:29 \/ Dean Forester:<br \/>\nbetritt Doose\u2019s Supermarket. Dass man seine erste Liebe in der Stadt seiner Kindheit und Jugend in einem Supermarkt wieder trifft, geh\u00f6rt zu wahrscheinlichsten Szenarien \u00fcberhaupt, aber damit ist auch die metafiktionale Revue von Rorys Ex-Freunden komplett, und ganz kurz wird auch das Thema der ersten Liebe angetippt. Es wird pflichtschuldig berichtet, was es Neues bei Dean gibt, und gerade dieses topologische Abhandeln verweist einmal mehr darauf, dass die Figur keine Funktion in der aktuellen Fiktion hat, sondern als Collage und Zitat ihrer selbst auftritt und somit in die alte Fiktion zur\u00fcck f\u00fchrt.<\/p>\n<p>IV:00:19:23 \/ Sookie:<br \/>\nmuss anwesend sein, denn wir sehen eine Menge wunderbar kitschiger Hochzeitstorten, und dann steht sie in der Hotelk\u00fcche, die zuvor hin und wieder gezeigt wurde, um auf Sookies Abwesenheit hinzuweisen. Das Nichterscheinen von Sookie St. James wurde als Leerstelle explizit thematisiert. Figuren hatten sie vermisst oder sich von ihr im Stich gelassen gef\u00fchlt, weil sie sich auf eine \u00d6ko-Farm zur\u00fcckgezogen hatte.<\/p>\n<p>Dass ihr Abgang nicht ganz unholprig gewesen sein muss, erkennen wir sp\u00e4testens daran, dass sich Sookie und Lorelai beim Wiedersehen fragen, ob sie noch beste Freundinnen sind, was sie sich dann aber versichern. Ansonsten tut Sookie einfach alles geballt in einer Szene, was man von ihr erwartet und was sie in der urspr\u00fcnglichen Serie in 140 Folgen gemacht hat. Die Figur ist mehr noch als Dean ein Zitat ihrer selbst.<\/p>\n<p>Sookies Auftritt gegen Ende der Fortsetzung ist eine \u00dcberraschung, wenn man vor Beginn der Ausstrahlung ein wenig die Boulevardpresse verfolgt hatte, in der berichtet wurde, dass es hinter den Kulissen Streit mit Melissa McCarthy gegeben habe.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Diese popkulturelle Kommunikation macht Sookies Nichterscheinen in den ersten drei Folgen, den Umgang mit der abwesenden Figur und der Figuren beim Wiedersehen erst richtig interessant, und man kann glauben, gewisse wertende Untert\u00f6ne heraush\u00f6ren.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem mag der eine oder andere angesichts von McCarthy in der Sookie-Rolle besonders drastisch die Zeitverschiebung und die Interferenz zwischen verschiedenen Fiktionen und Fakten bzw. dem popkulturell-massenmedialen Kommunikationsraum bemerken, denn f\u00fcr einige RezipientInnen d\u00fcrfte McCarthy l\u00e4ngst nicht mehr Sookie sein, sondern Molly oder die Schauspielerin, die einen Emmy gewonnen hat, f\u00fcr den Oscar nominiert war und angeblich 23 Millionen US-Dollar im Jahr verdient.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Weil Melissa McCarthy sich im popkulturellen Raum besonders weiterentwickelt hat, passt sie m\u00f6glicherweise nicht mehr in die Rolle von Sookie. Hier bem\u00e4chtigt sich die Realit\u00e4t oder Medienrealit\u00e4t \u00fcber unsere Rezeptionsprozesse, Zuordnungen und Erwartungshaltungen der Fiktion.<\/p>\n<p>_ _ _<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnt sei jenseits der Spotlights auf die ersten Auftritte bekannter Figuren bzw. DarstellerInnen lediglich das Musical, das in Stars Hollow aufgef\u00fchrt wird. Hier wird eine Revue mit Spiel und Musik auf der B\u00fchne pr\u00e4sentiert, der in der dritten Folge immerhin ca. zehn Minuten der Serienzeit einger\u00e4umt wird\u2026<\/p>\n<p>_ _ _<\/p>\n<p>Und dann taucht da noch ein Jeffrey, Allen oder Billy auf, nein Paul \u2026 wer? (I:00:12:05) Rory Freund, der dann im Verlauf der neuen Staffel sang- und klanglos wieder verschwindet. Diese Figur hat keine Geschichte und erh\u00e4lt keine Geschichte. Sie ist die einzige Figur, die an einer zentralen Position steht und aus der urspr\u00fcnglichen Serie noch nicht bekannt ist, die man nicht wieder erkennen kann, sondern die sich neu entwickeln m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Die Figuren spiegeln diese Unkenntnis in der Fiktion, indem sie sich auf unwahrscheinliche Weise nicht an Paul erinnern k\u00f6nnen. Luke, Lorelai und Emily wissen nicht, haben schlicht vergessen, dass Rory seit zwei Jahren einen Freund hat, wie er hei\u00dft, dass sie ihn schon mal getroffen haben, was sie schon mit ihm besprochen haben usw. usf.<\/p>\n<p>Was Zusehende nicht mitbekommen haben in den zehn Jahren, ist auch bei den Figuren nicht haften geblieben, hat keine G\u00fcltigkeit bzw. scheint nicht real zu werden. Dass die Serie die Figur sofort wieder aus ihrem Ged\u00e4chtnis ausscheidet, zeigt, dass die Fortsetzung keine neue geschlossene Fiktion sein soll, dass sie nichts Autonomes jenseits der alten Fiktion und der Zehnjahres-Leerstelle vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Und wer hat gefehlt? Nicht sehr viele, aber Krysten Ritter habe ich doch vermisst, auch wenn wir sie als Marvel\u2019s Jessica Jones auf Netflix sehen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2016\/10\/24\/gilmore-girlsdas-ende-der-erzaehlungvon-maren-lickhardt24-10-2016\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/tv\/melissa-mccarthy-doch-bei-gilmore-girls-dabei-a-1086099.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/tv\/melissa-mccarthy-doch-bei-gilmore-girls-dabei-a-1086099.html<\/a>; http:\/\/www.prosieben.de\/stars\/news\/gilmore-girls-reunion-mit-melissa-mccarthy-miese-stimmung-in-stars-hollow-051406<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Melissa_McCarthy<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage lickhardt\" href=\"https:\/\/germanistik.uni-greifswald.de\/mitarbeitende\/mitarbeitende-e-l\/maren-lickhardt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Juniorprofessorin f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Greifswald.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"row-actions\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neues Jahr<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[93142,875,1644],"class_list":["post-6454","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-a-year-in-the-life","tag-gilmore-girls","tag-netflix-staffel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6454","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6454"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6454\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}