{"id":6497,"date":"2017-01-20T00:01:26","date_gmt":"2017-01-19T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6497"},"modified":"2017-01-20T00:01:26","modified_gmt":"2017-01-19T22:01:26","slug":"phallische-frauen-im-zeitgeistmagazin-tempovon-kristin-steenbock19-1-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/01\/20\/phallische-frauen-im-zeitgeistmagazin-tempovon-kristin-steenbock19-1-2017\/","title":{"rendered":"Phallische Frauen im Zeitgeistmagazin \u00bbTempo\u00abvon Kristin Steenbock19.1.2017"},"content":{"rendered":"<p>Backlash und Liberalisierung<!--more--><\/p>\n<p>Mediale Transgressionen von Genderrollen werden im Modus der Pose h\u00e4ufig beg\u00fcnstigt. Es gibt aber auch inszenierte \u00dcberschreitungen von Genderstereotypen, die insofern nicht \u203aecht\u2039 sind, als Leute sie nicht \u203aleben\u2039 k\u00f6nnen oder wollen. Wo die Pose eine freiwillige Wahl, eine Entscheidung fordert,<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> bleibt man vor diesem Bild erst einmal fragend allein zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Schaut man sich etwa Szenen von instabiler Weiblichkeit und M\u00e4nnlichkeit in den Zeitgeistmagazinen ab Mitte der 1980er Jahre an, bekommt man nicht selten den Eindruck, dass das Verlassen der vorgegebenen Genderrollen eher unfreiwillig geschieht und durch das je nicht eigene Geschlecht (vermeintlich) forciert wird.<\/p>\n<p>Dabei muss man zwei Faktoren bedenken. Zum einen erf\u00e4hrt die Sph\u00e4re der Weiblichkeit eine gewisse (visuelle) Dominanz in der Zeitgeistpresse, die mit dem Profil von Pop selbst zu erkl\u00e4ren ist. So hat Thomas Hecken darauf hingewiesen, dass Popcharakteristika wie Oberfl\u00e4chlichkeit, Konsum, Passivit\u00e4t, verf\u00fchrerischer Reiz, Mode und K\u00f6rperlichkeit, leichte Unterhaltung etc. zum gro\u00dfen Teil der Sph\u00e4re weiblicher Stereotype entstammen.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> \u203aVerm\u00e4nnlicht\u2039 werden konnten sie erst, so Hecken, im Zuge avantgardistischer, gegenkultureller und dissidenter Umdeutungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1995.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6501\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1995.jpeg\" alt=\"5_1995\" width=\"237\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1995.jpeg 237w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1995-222x300.jpeg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbTempo\u00ab Nr. 5, 1995 (<span class=\"\">\u00a9 Jahreszeiten Verlag GmbH,\u00a0Hamburg<\/span>)<\/p>\n<p>Zum anderen und damit zusammenh\u00e4ngend muss man sich vor Augen halten, dass es seinerzeit in erster Linie M\u00e4nner sind, die nicht nur die Posten der Chefredaktion und der Artdirektion besetzen, sondern auch die Diskurse des Pop anleiten.<\/p>\n<p>So wird von der Zeitgeistpresse Anspruch darauf erhoben, Pop f\u00fcr eine junge, urbane und wiederum m\u00e4nnliche Zielgruppe publizistisch zu definieren. F\u00fcr jene sich als (gegen)gegenkulturell und dissident verstehenden Popvertreter ist wiederum genau dieser Anspruch erster Stein des Ansto\u00dfes. Man beklagt die \u00bbgrenzenlose Widerwertigkeit\u00ab, mit der die Zeitgeistvertreter sich in Dinge einmischten, die sie nichts angingen (Pop, Politik und dergleichen), und kritisiert, genau wie die Kulturredaktionen der etablierten Medien, die \u00bbpornografischen\u00ab Inhalte, die \u00fcbertrieben hedonistische und unpolitische Art, sich selbst als Sprachrohr einer ganzen Generation auszugeben.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>Das Nachdenken dar\u00fcber, wie hier teilweise indirekt Gender ausgehandelt und umk\u00e4mpft wird, muss dabei vor dem Hintergrund einer Phase des Feminismus stattfinden, die sich von den Einstellungen der politisch aktiven aber tendenziell popfeindlichen \u00bbZweiten Welle\u00ab der 1970er Jahre entfernt hat. Was man in dieser Zeit vorfindet, ist landl\u00e4ufig als <em>backlash <\/em>bezeichnet worden.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a><\/p>\n<p>Auf der anderen Seite findet man im sog. Postfeminismus des ausgehenden Jahrhunderts auch die Anerkennung von Errungenschaften der \u00bbZweiten Welle\u00ab wieder. In den <em>cultural studies<\/em> wird deshalb die Annahme vertreten, dass sich die Lage nicht allein auf die <em>backlash-<\/em>These reduzieren l\u00e4sst. Vielmehr gebe es ein Nebeneinander von neokonservativen Einstellungen bez\u00fcglich Gender, K\u00f6rperpolitik, Familie etc. und einem Prozess der Liberalisierung von Sexualit\u00e4ten und Identit\u00e4ten.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a><\/p>\n<p>In Deutschland l\u00e4sst dennoch eine wirkm\u00e4chtige \u00bbDritte Welle\u00ab des Feminismus lange auf sich warten. W\u00e4hrend insbesondere in den USA die Aktivit\u00e4t der <em>riot grrrls<\/em> in den 1990er Jahre einen Kontrapunkt zum Mainstream-Ph\u00e4nomen der <em>girl power<\/em> international erfolgreicher Popstars wie den Spice Girls bildet, wird in Deutschland die Vorstellung einer gr\u00f6\u00dftenteils emanzipierten und \u203aunkomplizierten\u2039 Weiblichkeit hegemonial, die nicht mehr an feministischer Front angesiedelt ist, sondern vielmehr auf konsumistischer Ebene f\u00fcr gesellschaftliche Teilhabe durch wirtschaftlichen Erfolg und Lifestyle steht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1995.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6503\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1995.jpeg\" alt=\"6_1995\" width=\"235\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1995.jpeg 235w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1995-220x300.jpeg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 235px) 100vw, 235px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbTempo\u00ab Nr. 6, 1995 (<span class=\"\">\u00a9 Jahreszeiten Verlag GmbH,\u00a0Hamburg<\/span>)<\/p>\n<p>Symptomatisch f\u00fcr diese neue Auffassung ist der Typus des Girlies, der in den 1990er Jahren eine ganze Reihe von Titelseiten der Zeitgeistpresse ziert. Historisch vor dieser Figur l\u00e4sst sich jedoch ein anderes Frauenbild ausmachen, das als exemplarisch f\u00fcr die Vermischung von <em>backlash <\/em>und Liberalisierung angesehen werden kann und das ich in Anlehnung an Angela McRobbie als \u00bbphallische Frau\u00ab bezeichnen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Das Zeitgeistmagazin <em>Tempo<\/em> (1986-1996) steht in mehreren Hinsichten, vor allem in den 1980er Jahren, den Ansichten der Partei Die Gr\u00fcnen und damit auch der Frauenrechtsbewegung nahe. Trotzdem wird weniger als ein Viertel der Redaktion von Frauen besetzt. Ein Anteil, der Feministinnen entschieden zu gering ist. Die Ausrichtung der Zeitschrift st\u00f6\u00dft gleich in mehreren Hinsichten auf Ablehnung. Das \u00bbJungherrenmagazin\u00ab<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a> wird als sexistisch und effekthascherisch kritisiert, und Autorinnen von <em>Emma<\/em> f\u00e4llt es \u00bbschwer zu entscheiden, was an der Zeitschrift das Schwachsinnigste ist. Sind es die Fotos oder sind es die Inhalte der Artikel? Ich f\u00fcrchte, es ist der Stil der Artikel. Schlaffer Neo-Chauvie versucht sich in flotten Spr\u00fcchen.\u00ab<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[vii]<\/a><\/p>\n<p>Die Kritik richtet sich dabei nicht nur gegen <em>Tempo.<\/em> Bereits die Zeitschrift <em>Wiener<\/em> hatte den \u00c4rger von Alice Schwarzer auf sich gezogen, und <em>Tempo<\/em> stellt sich ihr nicht minder sexistisch dar: \u00bbDieselbe Zielgruppe, die gleichen Macher und denselben eiskalten Sexismus hat das Konkurrenzbl\u00e4ttchen \u203aTempo\u2039, das in gro\u00dfer Hast und Rivalit\u00e4t mit dem \u203aWiener\u2039 auf den Aufsteiger-Markt kam.\u00ab<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[viii]<\/a> Deutlich wird, dass der gesamte Zeitgeistsektor den Vorstellungen der radikaleren Frauenbewegung zuwider l\u00e4uft, geht es ihr doch nicht wenig um die mediale Darstellung von sexualisierter Weiblichkeit und der damit implizierten Entw\u00fcrdigung der Frau.<\/p>\n<p>Entw\u00fcrdigung erf\u00e4hrt eine Frau nach dieser Auffassung auch, indem sie auf \u00fcberzogene Art und Weise mit den Zeitgeistattributen ausgestattet wird, die Hecken als stereotyp \u00bbweibliche\u00ab Popmerkmale beschrieben hat. Das ephemere und oberfl\u00e4chliche Moment der Zeitgeistpresse, das im deutschen Feuilleton f\u00fcr kritische Kommentare sorgt, gilt auch Vertreterinnen der \u00bbZweiten Welle\u00ab als absolut minderwertig. Immerhin finden sich allein auf den Titelbildern von <em>Tempo<\/em> zwischen 1986 und 1996 rund 60% Frauen, wobei etwa 67% davon stark sexualisiert werden, d. h. in eindeutig sexuellen Kontexten, nackt oder nahezu nackt bzw. mit auff\u00e4llig exponierten Geschlechtsmerkmalen abgebildet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1986.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6502\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1986.jpeg\" alt=\"6_1986\" width=\"240\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1986.jpeg 240w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/6_1986-229x300.jpeg 229w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbTempo\u00ab Nr. 6, 1986 (<span class=\"\">\u00a9 Jahreszeiten Verlag GmbH,\u00a0Hamburg<\/span>)<\/p>\n<p>Dass es in der Darstellung von Weiblichkeit im Zweifel tats\u00e4chlich eher um die Pflege des liberalen und popaffinen Images als um eine Form der weiblichen Erm\u00e4chtigung geht, zeigt sich in der Ausgestaltung einer Reihe von Titelstorys, in denen etwa die Journalistin Susanne Schneider 1986 \u00fcber ihren Besuch bei der deutschen Bundeswehr berichtet und ihren Artikel verfasst, als sei sie die erste Soldatin der Nation.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[ix]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/8_1988.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6504\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/8_1988.jpeg\" alt=\"8_1988\" width=\"240\" height=\"316\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/8_1988.jpeg 240w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/8_1988-228x300.jpeg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbTempo\u00ab Nr. 8, 1988 (<span class=\"\">\u00a9 Jahreszeiten Verlag GmbH,\u00a0Hamburg<\/span>)<\/p>\n<p>Monika Fischer schreibt eine Reportage \u00fcber ihr Selbstexperiment, in welchem sie sich als Domina \u00fcbt,<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[x]<\/a> und die Titelstory \u00bbStatt Scheidung Mord\u00ab, in der es um t\u00f6dliche Gewaltverbrechen innerhalb der Ehe geht, tr\u00e4gt entgegen jeder statistischen Wahrscheinlichkeit eine Frau mit einer Pistole auf dem Cover.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1986.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6500\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1986.jpeg\" alt=\"5_1986\" width=\"240\" height=\"319\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1986.jpeg 240w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/5_1986-226x300.jpeg 226w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbTempo\u00ab Nr. 5, 1986 (<span class=\"\">\u00a9 Jahreszeiten Verlag GmbH,\u00a0Hamburg<\/span>)<\/p>\n<p>Was hier versucht wird, ist \u2013 mit einer vermeintlichen und in Szene gesetzten Abweichung von weiblichen Stereotypen, n\u00e4mlich der phallischen Attribuierung von Frauen \u2013, das Grenz\u00fcberschreitende zum journalistischen Skandalon zu erkl\u00e4ren. Die Maskerade \u00fcbt dabei jedoch keine dekonstruktivistische Kritik durch eine Art von <em>cross-dressing<\/em>, sondern vielmehr wird Weiblichkeit hier mit stereotypen M\u00e4nnlichkeitssymbolen zugunsten aufreizender Effekte ausstaffiert.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick lie\u00dfe sich das Eindringen weiblicher Subjekte in die \u00bbm\u00e4nnliche\u00ab Sph\u00e4re als Aneignung interpretieren. Eine bewaffnete Frau w\u00fcrde in diesem Sinne f\u00fcr eine Art Selbsterm\u00e4chtigung stehen, da die \u00dcbernahme m\u00e4nnlicher Attribute von Seiten weiblicher Subjekte im Gegensatz zur umgekehrten Adaption eine gesellschaftliche Nobilitierung bedeutet.<\/p>\n<p>Die Art der Inszenierung spricht jedoch weniger f\u00fcr eine identifikatorische Lesart, als vielmehr f\u00fcr eine Rezeption als journalistischer Coup mit entsprechenden medien\u00f6konomischen Effekten. Damit wird freilich das Gegenteil einer Erm\u00e4chtigung bewirkt, weil der Bruch im Stereotyp der Frau der Sph\u00e4re des M\u00f6glichen entr\u00fcckt wird. Angela McRobbie hat deutlich gemacht, dass eine solche lizensierte Mimikry eine Neuordnung der Geschlechterordnung viel st\u00e4rker verhindert als beg\u00fcnstigt und die Aneignung des Phallus keine Kritik der m\u00e4nnlichen Hegemonie darstellt.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[xi]<\/a><\/p>\n<p>Offenbar wird schon an der Covergestaltung, dass die Signifikationsmacht weiblicher Identit\u00e4ten zu einem gro\u00dfen Teil durch eine m\u00e4nnliche Perspektive ausge\u00fcbt wird. Der Blick, mit dem Weiblichkeit gelesen werden soll, geht von der Frau als Begehrensobjekt aus. Die Szene des Ehegefechts auf dem Cover der Mai-Ausgabe 1986 zeigt in dieser Weise nicht nur ein geschminktes Frauenprofil mit angeschlagener Pistole, sondern gleichsam einen Mann im Hintergrund, der diese bewaffnete Frau beobachtet. Die Betrachtung des Titelbildes ist also nicht die eines bewaffneten Ehekonflikts, sondern die einer m\u00e4nnlich begehrenden Beobachtung.<\/p>\n<p>Die sexuelle Aufladung der phallischen Frau zeigt sich bei der vermeintlichen Soldatin in einer grellen Rotausleuchtung und im Tragen eines milit\u00e4rsymbolisch umgedeuteten BHs. Die Frau beh\u00e4lt also ihre zugeschriebenen sexuellen Weiblichkeitsmerkmale, \u00fcberpointiert diese geradezu und wird gleichzeitig von au\u00dfen mit phallischen Attributen ausgestattet, die ihr aber nur spielerisch geliehen werden und weiterhin unter m\u00e4nnlicher Kontrolle bleiben.<\/p>\n<p>Von au\u00dfen werden ihr diese Attribute auch insofern \u00fcbergest\u00fclpt, als die Autorfunktion dieser Berichterstattung unabh\u00e4ngig vom Geschlecht der schreibenden Journalistin ist. So geht es trotz der Form des subjektivistischen Erlebnisberichts der 26-j\u00e4hrigen Autorin Monika Fischer nicht etwa um das Seelenleben einer Domina, sondern um die detailreiche Darstellung sadomasochistischer Praktiken aus der Warte des Mannes:<\/p>\n<p>\u00bbMan schn\u00fcre den Lederriemen einmal um die Peniswurzel, einige Male um den Hodensack, dann wieder um die Peniswurzel und schlie\u00dflich um den Schaft. Dann ziehe man das Band so fest, da\u00df es das Blut in die Penisspitze pre\u00dft. Fertig ist der Sklave: Er kann gepeitscht, getreten und erniedrigt werden. Das war die erste Lektion in dem ungew\u00f6hnlichsten Fortbildungskurs, den ich je gemacht habe. \u203aAusbildung zur Domina. Ein Einf\u00fchrungsseminar\u2039 \u2013 so stand es in einer Stadtzeitschrift unter \u203aZwischenmenschliches\u2039. Eine kleine unscheinbare Anzeige, die Gro\u00dfes versprach: Du kannst die Lust am Qu\u00e4len lernen. In der \u203aCosmopolitan\u2039 zog eine Domina zum selben Thema vom Leder: \u203aImmer mehr M\u00e4nner schicken ihre Ehefrauen in meine Einf\u00fchrungskurse. Und sie sind alle mit Feuereifer bei der Sache.\u2039\u00ab<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[xii]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/4_1986.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6499\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/4_1986.jpeg\" alt=\"4_1986\" width=\"240\" height=\"313\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/4_1986.jpeg 240w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/01\/4_1986-230x300.jpeg 230w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbTempo\u00ab Nr. 4, 1986 (<span class=\"\">\u00a9 Jahreszeiten Verlag GmbH,\u00a0Hamburg<\/span>)<\/p>\n<p>Auch M\u00e4nnlichkeitsdarstellungen lassen sich auffinden, die dem Schema der \u203aunechten\u2039 \u00dcberschreitung folgen, auch wenn sie sich in der Requisite \u203aechter\u2039 Posen bedienen. Zwar sieht man auf den Titelbildern ebenfalls die hegemonial werdenden Ideale m\u00e4nnlich konnotierter Machtmerkmale wie definierte Muskeln, ernster Blick, die Andeutung eines gro\u00dfen Penis etc., doch scheint auch dieses Bild einen Bruch geradezu zu provozieren. Aber auch hier kann die Grenz\u00fcberschreitung nicht als (homosexuelle) Erm\u00e4chtigung gelesen werden, da die \u203aVerweiblichung\u2039 des Mannes als eine Forderung der Frau inszeniert wird.<\/p>\n<p>Exemplarisch daf\u00fcr kann die Titelstory der zweiten Ausgabe im April 1986 gelesen werden. Prominente Frauen \u00bbverraten\u00ab dort in ein bis zwei S\u00e4tzen ihre Idee von einem Traumtypen, der dann in einer Interpretation der Fotografin Sheila Rock monochrom und ganzseitig in Szene gesetzt wird. Als begehrenswert werden hier das Spiel mit Androgynit\u00e4t, Stars wie David Bowie, schlanke M\u00e4nner mit R\u00f6cken und langen Haaren ausgezeichnet. Dies alles aber nur unter der Bedingung, dass sie ganz eigentlich selbstsicher, stark und erfolgreich sein sollten.<\/p>\n<p>Der beispielhafte Traummann Elfride Jelineks ist danach schlaksig mit langen Haaren, tr\u00e4gt Jeans und T-Shirt und ist weder \u00bbSoftie\u00ab noch \u00bbMacho\u00ab. Eine M\u00fcnchener Schauspielerin begehrt \u00bbTransvestiten, Bisexuelle, sanfte Typen in einem Rock oder Cocktailkleid\u00ab. Die weibliche Weichheit und sexuelle Ambiguit\u00e4t wird jedoch nur deshalb als begehrenswert ausgewiesen, weil darin wiederum \u00bbm\u00e4nnliche\u00ab St\u00e4rke vermutet werden soll: \u00bbM\u00e4nner, die nach au\u00dfen weich sind, sind in ihrem Inneren meist sehr stark.\u00ab Der Typus des \u00bbselbstbewussten Softies\u00ab, der weder \u00bbMacker\u00ab noch \u00bbWaschlappen\u00ab ist, wei\u00df seine Identit\u00e4t selbstironisch ad absurdum zu f\u00fchren. Dabei ist, was einer anhat, \u00bbv\u00f6llig wurscht, solange er ein Mann bleibt\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Vgl. Diedrich Diederichsen: \u00dcber Pop-Musik. K\u00f6ln 2014, 138 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Vgl. Thomas Hecken: \u00bbPop-Literatur\u00ab oder \u00bbpopul\u00e4re Literaturen und Medien\u00ab? Eine Frage von Wissenschaft und Gender. In: Katja Kauer (Hg.): Pop und M\u00e4nnlichkeit: Zwei kulturelle Ph\u00e4nomene in prek\u00e4rer Wechselwirkung? Berlin 2009, 19-35, 19. Thomas Hecken: Popul\u00e4re Kultur. Mit einem Anhang \u00bbGirl und Popkultur\u00ab. Bochum 2006, 142.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Diedrich Diederichsen: Zeitschriften. In: Spex 7\/86, 49.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Der von Susan Faludi gepr\u00e4gte Begriff weist auf die falsche Sicherheit hin, mit der in den sp\u00e4ten 1980er Jahren \u00f6ffentlich behauptet wird, dass alle Ziele des Feminismus so gut wie durchgesetzt w\u00e4ren. Faludi geht es vor allem darum, im Amerika der 1980er Jahre den impliziten Antifeminismus aufzudecken, der u.\u00a0a. hinter der medialen Pr\u00e4senz der Frau als Opfer des Feminismus steht. So wird auch Hollywood nicht m\u00fcde, die Frau als von ihrer eigens erk\u00e4mpften Freiheit versklavt darzustellen. Frauen m\u00fcssten dort den geschlechtlichen Liberalismus h\u00e4ufig mit Krankheit, Einsamkeit, Armut und Kinderlosigkeit bezahlen. Susan Faludi: Die M\u00e4nner schlagen zur\u00fcck. Wie die Siege des Feminismus sich in Niederlagen verwandeln und was Frauen dagegen tun k\u00f6nnen. Reinbek bei Hamburg 1993, 171.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Vgl. etwa Angela McRobbie: Postfeminism and Poplar Culture. Bridget Jones and the New Gender Regime. In: Yvonne Tasker, Diane Negra (Hg.): Interrogating Post-Feminism. Gender and the Politics of Popular Culture. London 2007, 27-39.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> Alice Schwarzer: Der Kommentar. In: Emma. Nr. 12 1987, 18-19, 18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[vii]<\/a> Anonymus: Zeit-\u00bbGeist\u00ab? In: Emma. Nr. 3 1986, 9.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[viii]<\/a> Alice Schwarzer: So antworten die neuen M\u00e4nner den neuen Frauen. In: Emma. Nr. 9 1986, 4-5, 4.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[ix]<\/a> Susanne Schneider: Zur Waffe, Sch\u00e4tzchen! In: Tempo. Juni 1986, 54-59.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[x]<\/a> Monika Fischer: Ich war Domina. In: Tempo. August 1988, 48-54.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[xi]<\/a> Angela McRobbie: Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden 2010, 122.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[xii]<\/a> Monika Fischer: Ich war Domina. In: Tempo. August 1988, 48-54, 48.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kristin Steenbock promoviert an der Universit\u00e4t Hamburg zum Popjournalismus in \u00bbTempo\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Backlash und Liberalisierung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[474,1376,2119,2296,2588],"class_list":["post-6497","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-cover","tag-lifestyle","tag-sexismus","tag-tempo","tag-zeitgeistmagazin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6497"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6497\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}