{"id":6513,"date":"2017-01-29T20:08:25","date_gmt":"2017-01-29T18:08:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6513"},"modified":"2017-01-29T20:08:25","modified_gmt":"2017-01-29T18:08:25","slug":"der-glanz-des-kokains-von-miami-vice-zu-narcosvon-maren-lickhardt29-1-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/01\/29\/der-glanz-des-kokains-von-miami-vice-zu-narcosvon-maren-lickhardt29-1-2017\/","title":{"rendered":"Der Glanz des Kokains \u2013 Von \u00bbMiami Vice\u00ab zu \u00bbNarcos\u00abvon Maren Lickhardt29.1.2017"},"content":{"rendered":"<p>Anekdoten, Videos, Serien, Filme<!--more--><\/p>\n<p>Den Glamour der zauberhaften Kate Moss kann nichts tr\u00fcben. Na gut, Burberry war etwas verschnupft, aber wer oder was ist schon Burberry. Ein Gesch\u00e4ft auf der Londoner Regent Street kann ja schlie\u00dflich jeder haben.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;g_4U0wP1K1c&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Nun steht Kokain ohnehin f\u00fcr Glamour, und diese Codierung beruht darauf, dass bereits fr\u00fchere Konsumenten der Droge f\u00fcr ein glamour\u00f6ses Leben standen. \u201eSchauspieler, Musiker, Politiker\u201c, \u201eProstituierte, Manager, Zahn\u00e4rzte\u201c, so ein Lied von <em>Extrabreit<\/em> aus den fr\u00fchen 80er Jahren, werden mit Kokain in Verbindung gebracht. Sieht man einmal von Zahn\u00e4rzten ab, deren Nennung andere Gr\u00fcnde hat und deren T\u00e4tigkeit nicht gerade als mythenumwoben und wirklichkeitsenthoben bezeichnet werden kann, geht der Status der Konsumierenden im \u00f6ffentlichen Diskurs mit der Droge eine wechselseitige \u2013 und bei der Nennung von Musikern reflexive \u2013 Verbindung ein.<\/p>\n<p>Was die Wirkung betrifft \u2013 und das ist der eher langweilige Aspekt \u2013, wissen wir ja, dass Rauschgiften aller Art ein Zusammenhang und auch eine Homologie zur k\u00fcnstlerischen Produktion nachgesagt wird, so Walter Benjamin, um nur ein Beispiel aus unz\u00e4hligen zu nennen, <em>\u00dcber Haschisch<\/em>.<\/p>\n<p>Vieles an Kokain birgt aber auch unabh\u00e4ngig davon das gro\u00dfe Potential, als reflexive Metapher f\u00fcr k\u00fcnstlerische Prozesse zu fungieren. Von Destillationsprozessen \u00fcber den Spiegel bis zu Erhabenheit oder Flow ist alles enthalten. Vielleicht ist Kokain auch daher so oft Gegenstand k\u00fcnstlerischer Verhandlungen, wenngleich ich kein Beispiel f\u00fcr eine bewusste Verwendung in dieser Hinsicht kenne.<\/p>\n<p>Man muss sagen, dass Kokain allein auf der allegorischen Ebene zu den 80ern passt \u2013 Oberfl\u00e4che Coolness&#8230; \u2013, selbst wenn man den schlichten lebensweltlichen Nexus au\u00dfer Acht l\u00e4sst, dass der Konsum in dieser Zeit vor allem in den USA deshalb stark anstieg, weil der Preis durch h\u00f6here Verf\u00fcgbarkeit drastisch gesunken war. Die kokainexportierenden Staaten waren zu dieser Zeit recht erfolgreich, wenn es um kreative L\u00f6sungen ging, wie man Einfuhrverbote umgehen konnte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Miami Vice<\/em><\/p>\n<p>Darauf basiert die Kult-Serie <em>Miami Vice<\/em>. Der Plot ist ein d\u00fcsterer und das Gesch\u00e4ft ein dreckiges. <em>Film noir<\/em>-Elemente untermauern den Pessimismus der Serie,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> dass bei allem Engagement der Miami Vice Police Squad gegen die Drahtzieher nicht zu gewinnen ist. Schon der Auftakt ist mit Verlusten verbunden, finden Sonny Crockett und Rico Tubbs doch nur zusammen, weil ihr Partner bzw. Bruder ermordet worden war. Zudem ist ein gl\u00fcckliches Privatleben der Helden nicht in Sicht, weil sie sich in einem endlosen Sisyphos-Kampf \u2013 mit hin und wieder mal einem Pyrrhus-Sieg \u2013 der Drogenbek\u00e4mpfung widmen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Gut und B\u00f6se sind ganz klassisch relativ stabil verteilt. Das ist es aber nicht, was Zusehenden in Erinnerung geblieben ist. Stattdessen:<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;jswHsTJQL_c&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Ein rasanter Stil, dem zu Recht \u00c4hnlichkeit mit Musikvideoclips nachgesagt wird,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> schnelle Schnitte und grelle Farben sind das Markenzeichen von <em>Miami Vice<\/em>. Die Inszenierung des Visuellen um seiner selbst willen als Oberfl\u00e4che pr\u00e4gt die Serie wie keine andere in den 80er Jahren. In der ersten Folge r\u00fccken, noch bevor Sonny Crockett das erste Mal auftritt, nicht umsonst Champagnergl\u00e4ser ins Bild\u2026<\/p>\n<p>Die Oberfl\u00e4che des Sonny Crockett wird von dem stets gebr\u00e4unten und hin und wieder dreitageb\u00e4rtigen Don Johnson gestellt, den wir oft mit nacktem Oberk\u00f6rper, aber noch h\u00e4ufiger mit der Wayfarer-Ray Ban \u2013 allerdings nicht bei seinem allerersten Auftritt im folgenden Video \u2013 , der Oyster Day Date-Rolex, dem Armani-Anzug, Leder-Slippern und einem pastellfarbenen Shirt sehen und mit seiner Yacht oder auch seinem (Pseudo-)Ferrari in Verbindung bringen.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;z1A_3gGzyjg&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Nun geh\u00f6re ich ja nicht zu der Generation, die <em>Miami Vice<\/em> bei der ersten Ausstrahlung in Deutschland ab 1986 gesehen hat. Da Sonnys Ausstattung nicht gerade billig ist, kommt man bei einer sp\u00e4teren Erstrezeption sofort auf den Gedanken, es handele sich um einen \u201akorrupten Bullen\u2018, wenn man ihn so anschaut. Dem ist aber nicht so, und w\u00e4re die Oberfl\u00e4che nicht so besonders gl\u00e4nzend, k\u00f6nnte man sagen, dass integren Ermittlern gegen organisierte Kriminalit\u00e4t mit Sonny Crockett ein Denkmal gesetzt worden w\u00e4re. Aber der Glanz der Oberfl\u00e4che \u00fcberstrahlt dies.<\/p>\n<p>Will Smith alias Mike Lowrey, einer der vielen Neuauflagen Sonny Crocketts, zeigt ebenfalls viel nackten Oberk\u00f6rper und muss sich in <em>Bad Boys<\/em> f\u00fcr sein Erscheinen, z.B. seinen Anzug, und seinen Besitzstand, z.B. seinen Porsche, rechtfertigen. Hier wird die Frage reflexiv eingeholt, wie sich die Sonnyboy-Existenz mit dem Alltag als seri\u00f6ser Polizist vereinbaren l\u00e4sst. Der Film ist f\u00fcr seine Zeit einigerma\u00dfen brutal. Nicht nur die wundersch\u00f6ne Prostituierte Maxine Logan, f\u00fcr die Mike Gef\u00fchle hegt, wird kaltbl\u00fctig erschossen. Hier gibt es zwar schon den Typus des korrupten Polizisten, aber insgesamt haben wir es mit heldenhaften Verbrechensbek\u00e4mpfern und eiskalten Killern zu tun. Drogen machen unter diesem Gesichtspunkt keinen Spa\u00df, aber das ist eigentlich egal, weil im Wesentlichen die Erscheinung der Oberk\u00f6rperfl\u00e4che h\u00e4ngen bleibt.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;ty8eBdHaf1c&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>W\u00fcrden Sonny Crockett und Mike Lowrey nicht \u2013 auf ihre Art \u2013 so unfassbar gut aussehen und g\u00e4be es keine sch\u00f6nen Frauen, atemberaubende Autos, Art-Deco-H\u00e4user- oder Palmen-Kulissen, gute Einstellungen und coole Musik, w\u00e4ren die Serie und der Film l\u00e4ngst vergessen. An Polizisten, die brav gegen organisierte Drogenkriminalit\u00e4t k\u00e4mpfen, w\u00fcrde sich niemand erinnern. Und es w\u00e4re auch wirklich schwierig, unter \u00e4sthetischen Gesichtspunkten eine Lanze f\u00fcr letztere zu brechen. Wenn aber \u00c4sthetik ins Spiel kommt, wie bei den genannten Jungs, dann bleibt sie um ihrer selbst willen bestehen. Die Moral von der Geschichte ist einfach nicht so sexy.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0\u201aPablo Escobar\u2018<\/p>\n<p>Wenig \u00e4sthetisch war allerdings auch Pablo Escobar, um nun die andere Seite der Handelsbeziehungen in den Blick zu nehmen. Man beachte bei folgendem Video der Dokumentation <em>The Death of Pablo Escobar<\/em> bei 01:19:06 den schwammigen nackten Bauch des Toten; von Oberk\u00f6rper kann hier gar keine Rede sein.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;2BNTmzCiYlg&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Aber bevor auf diese Dokumentation zur\u00fcck zu kommen ist, sei die enorme Mythisierung Escobars im Volksmund und den Medien betont. Neben dem Robin-Hood-Narrativ, dass Escobar schlie\u00dflich Kirchen, Sportpl\u00e4tze und Wohnh\u00e4user gebaut habe<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> \u2013 das Lob des Bauens trifft allerdings bisweilen noch weitaus schlimmere Verbrecher und Massenm\u00f6rder \u2013, sind es vor allem unfassbare Superlative, die sich um ihn ranken. Die Superlative allein sind allerdings zun\u00e4chst einmal auch nicht \u00e4sthetisch, und zwar deshalb, weil Escobars Reichtum aisthetisch \u00fcberhaupt nicht fassbar ist.<\/p>\n<p>Von dem Mann mit dem schmuddeligen T-Shirt und dem ungepflegten Bart wird behauptet, er sei zu seiner Zeit der reichste Mann der Welt gewesen. Manche setzen ihn nur auf Rang sieben, aber so oder so hatte er mehr Geld als so manches Land. \u201eAls das Forbes-Magazin 1989 die Liste der weltweit reichsten Menschen ver\u00f6ffentlichte, bekleidete Escobar den 7. Rang. Sein Verm\u00f6gen wurde auf rund 30 Milliarden Dollar gesch\u00e4tzt. Angeblich verdiente Escobar zu Hochzeiten 1 Million Dollar \u2014 pro Stunde. Das World Financial Blog pr\u00e4sentierte ihn 2008 gar unter den 5 reichsten Kriminellen aller Zeiten auf Platz 1.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Bei einem derartigen Gewinn kann man sich den Umsatz nun wirklich gar nicht mehr vorstellen, ist Kokainhandel \u2013 das lernt man jedenfalls aus Kino und Fernsehen \u2013 doch auch mit einer teuren Infrastruktur und Logistik verbunden.<\/p>\n<p>Wenn es um gro\u00dfe Mengen Geld geht \u2013 das zeigen z.B. auch Inflationserz\u00e4hlungen der 20er Jahre \u2013, ist das sinnliche Vorstellungsverm\u00f6gen leicht \u00fcberfordert. Zudem f\u00e4llt einem wohl jederzeit ein, was man mit einem Betrag bis zu einer Million machen w\u00fcrde. Was man aber machen w\u00fcrde, wenn man ihn fast st\u00fcndlich ausgeben k\u00f6nnte, bewegt sich klar im Bereich des Unvorstellbaren. Daher kursieren Verbildlichungen und Narrativierungen von Escobars Verm\u00f6gen, die tats\u00e4chlich sehr einpr\u00e4gsam sind.<\/p>\n<p>So soll er 2.500 Dollar im Monat f\u00fcr die Gummib\u00e4nder ausgegeben haben, mit denen seine Geldrollen zusammen gehalten wurden. Oder er soll aus einem Haufen von Scheinen im Wert von zwei Millionen Dollar ein Feuer gemacht haben, um seine Tochter zu w\u00e4rmen, weil nichts Anderes als Brennmaterial zur Verf\u00fcgung stand.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte sich von selbst verstehen, dass es im vorliegenden Kontext um keinerlei Wertungen geht, und erst recht nicht um die Frage nach der Wahrheit. Wesentlich ist, welche Mythen, Narrative und Ikonen kursieren, welche \u00e4sthetischen Verhandlungen man beobachten kann bei einem Thema, das \u00fcblicherweise moralisch aufgeladen ist oder p\u00e4dagogisch verhandelt wird.<\/p>\n<p>Moralische Narrative und p\u00e4dagogische Warnungen konkurrieren in Film, Fernsehen und Fotografie mit \u00e4sthetischen Inszenierungen, und sieht man einmal von der Verhandlung des Kokains selbst ab, stellt sich die Frage, was faszinierender ist: von Gummib\u00e4ndern im Wert von 2.500 Dollar zu berichten oder von ca. 150 angeordneten Auftragsmorden und nat\u00fcrlich sehr sehr vielen Massakern mehr.<\/p>\n<p>Ein recht eindeutiges moralisches Urteil d\u00fcrfte leicht fallen, aber unabh\u00e4ngig davon kommt man nicht umhin, 2.500 Gummib\u00e4nder im genannten Kontext sinnlich stimulierend zu finden, ob man es nun glaubt oder nicht. Es sind die erz\u00e4hlerischen und bildlichen Stilisierungen, die Escobar am Leben erhalten. Wie dumm-grausam, narzisstisch-gef\u00e4hrlich Escobar war, wird allenfalls eindr\u00fccklich bildhaft in der Geschichte mit dem Pferd, die ich hier gar nicht widergeben mag.<\/p>\n<p>Kommen wir zu einem anderen Geldhaufen und einer anderen Droge. \u2013 Wir betreten au\u00dferdem die Welt der Fiktion, aber gef\u00fchlt hatte man es mit dieser ohnehin auch schon einige Abs\u00e4tze zuvor zu tun. \u2013\u00a0 Gegen Ende seiner Karriere hat Walter White in <em>Breaking Bad<\/em> so viel Geld mit Crystal Meth verdient, dass seine Frau Skyler es nicht mehr waschen kann. Sie mietet eine Garage, wo sie es stapelt, und zeigt dies ihrem Mann mit der Frage, wie viel denn endlich genug sei, wann das illegale Gesch\u00e4ft endlich eingestellt werde.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;zXH6fhueO3I&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Nun hat Skyler nicht bedacht, dass man nicht so einfach aufh\u00f6ren kann und dass sich die Dinge im Drogengesch\u00e4ft ebenso kompliziert verwickeln wie in jedem anderen Unternehmen, nur dass auch noch jederzeit mit t\u00f6dlicher Gewalt von allen Seiten gerechnet werden muss. Aber der Appell zielt auf das Sinnliche. Walter kann besser rechnen als jeder andere, in Sekunden \u00fcberschlagen, wie viel Geld n\u00f6tig ist, damit seine Kinder sorgenfrei leben k\u00f6nnen. Da Skyler das wei\u00df, richtet sie ihre Hoffnung darauf, dass der Anblick eines Berges aus geb\u00fcndelten Scheinen die Gier stillen kann. So viel zur Aisthetik des Drogen-Geldes.<\/p>\n<p>In der Serie werden aber dar\u00fcber hinaus mit der Kontrastierung von Walter White und Hank Schrader zwei ambivalente Figuren einander gegen\u00fcber gestellt, die sich im Verlauf der Staffeln vereindeutigen. So sehr man auch mit Walter mitfiebert und geneigt ist, sein <em>Breaking Bad<\/em> als notwendige m\u00e4nnliche Selbstfindung zu billigen in einem Szenario, das auf der legalen Seite liberalistisch-kapitalistisches Ausbooten und ein schlechtes Krankenversicherungssystem zu bieten hatte, und so sehr man Jesse Pinkman als Kriminellen mit Mitgef\u00fchl und Moral betrachtet in einem Szenario, das auf der b\u00fcrgerlichen Seite mit Leistungsdruck und mangelnder Anerkennung aufwartet, kam man gegen Ende doch nicht umhin, den grobschl\u00e4chtigen Hank Schrader als glorreichen Helden zu sehen, der mit einem Bekenntnis zur DEA auf den Lippen stirbt. Im Wettbewerb um gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche M\u00e4nnlichkeit ist Hank der Gewinner, auch ohne nackten Oberk\u00f6rper:<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;2br2_q8oIAo&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Der Glam und die \u00c4sthetik sind beim Showdown in der W\u00fcste ganz auf Hanks Seite. Aber die Serie geht auch ohne Hank weiter. Selbiger hatte seinem Neffen zuvor ein Buch \u00fcber die Agenten geschenkt, die Pablo Escobar verfolgt und get\u00f6tet haben. Seinen Onkel zitierend hatte Walter Jr. bemerkt:\u00a0 \u201eGood guys never get ink like the bad guys do.\u201c<\/p>\n<p>Und darauf wollte ich ja die ganze Zeit hinaus. Die Namen der Agenten, die Escobar zur Strecke gebracht haben, d\u00fcrften Interessierten bekannt sein, sind aber kaum wirklich gel\u00e4ufig, geschweige denn, dass man sonst noch irgendetwas \u00fcber sie w\u00fcsste. Der reale, gleichwohl entrealisierte Escobar, Sonny Crockett und Mike Lowrey sind Pop. Die Agenten sind nicht nur nicht popul\u00e4r in dem Sinn, dass sie nicht so vielen bekannt sind, sondern sie sind nicht Teil pop-kultureller Formgebungspraktiken. Keine Gummib\u00e4nder, kein schicker Style.<\/p>\n<p>Um nun darauf zu sprechen zu kommen, wie Escobar ein Ende gefunden hat: Ein echter Volksheld wird nicht einfach niedergestreckt, sondern erschie\u00dft sich im richtigen Moment selbst. Im Zweifelsfall wirkt Suizid immer noch glanzvoller, als manch anderer Tod. Die Familie von Escobar h\u00e4lt jedenfalls an der Version fest, der Vater habe sich selbst eine Kugel in den Kopf gejagt.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Das viel zitierte Schlagwort lautet: \u201aLieber ein Grab in Kolumbien als eine Gef\u00e4ngniszelle in den Vereinigten Staaten.\u2018<\/p>\n<p>Die besagte Dokumentation, und jetzt wird auch endlich mal die Demontage Escobars sexy, referiert zun\u00e4chst die offizielle Version, Escobar sei auf der Flucht aus der Ferne von einem kolumbianischen Einsatzkommando erschossen worden, um dann aber sogleich andere Varianten anzubieten.<\/p>\n<p>Abenteuerlich ist die, dass Scharfsch\u00fctzen der Delta Force Escobar zur Strecke gebracht haben. Jenseits der offiziellen Verlautbarung, die anders auch nicht lauten kann, will man die Rechtsstaatlichkeit der kolumbianischen Einheiten nicht in Frage stellen, kursiert au\u00dferdem das Ger\u00fccht, er sei von einem Mitglied des Einsatzkommandos mit einem Kopfschuss niedergestreckt worden, nachdem er verletzt und umzingelt von Agenten auf dem Flachdach eines Hauses \u2013 wie ein Wal \u2013 gestandet war. Die Dokumentation stellt all diese M\u00f6glichkeiten in Aussicht.<\/p>\n<p>Verschw\u00f6rungstheorien sind sexy. Wo es dunkel wird, kann man nicht von Glamour, und wo es unbestimmt bleibt, nicht von \u00c4sthetik sprechen, aber mit der Restunklarheit bez\u00fcglich der Todesumst\u00e4nde erh\u00e4lt Escobar einen letzten Mythos, der allerdings nicht auf seiner Seite ist, sondern reizvolle Andeutungen anbietet, die die Jagd auf Escobar spannender erscheinen l\u00e4sst als sein Leben. Mit Escobars Tod werden auch seine J\u00e4ger pop-tauglich.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Narcos<\/em><\/p>\n<p>Die Netflix-Serie <em>Narcos<\/em> greift Escobars Geschichte noch einmal auf. Sucht man im Netz Bilder unter dem Titel der Serie finden sich unter den ersten Treffern ausschlie\u00dflich Bilder des Schauspielers Wagner Moura als Pablo Escobar, und mitunter entsteht der Eindruck, dass an einer Mythisierung Escobars fortgeschrieben wird. Mit bemerkenswerter Schl\u00e4ue baut er ein Milliardenimperium auf, ist den Ermittler zun\u00e4chst immer einen Schritt voraus, zeigt sich als liebevoller Familienvater und als Mann, der durchaus auch seine Prinzipien hat; und auch alle sonstigen bekannten Topoi werden untergebracht.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;U7elNhHwgBU&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Es handelt sich bei der Serie um eine Mischung aus Faktualem und Fiktivem. Den Episoden wird folgender Hinweis vorangestellt: \u201eThis dramatization is inspired by true events. However, certain scenes, characters, names, businesses, incidents, locations and events have been fictionalized for dramatic purposes.\u201c Im vorliegenden Kontext spielt der ontische Status der Elemente keine Rolle, ist doch schlie\u00dflich alles in der Serie im Fiktionalen aufgehoben und unterliegt einer k\u00fcnstlerischen Narrativierung und \u00c4sthetisierung.<\/p>\n<p>Aus dem Off wird das Geschehen von dem DEA-Agent Steve Murphy kommentiert. Damit kommt dem fiktionalisierten Pendant des gleichnamigen realen Agenten die Deutungshoheit zu. Eine ordnende Perspektive ist auch n\u00f6tig, denn gleich in der ersten Szene wird deutlich, dass die Grenze zwischen Gut und B\u00f6se nicht scharf gezogen werden kann. Vor dem Hintergrund komplexer \u00f6konomischer rund politischer Entwicklungen in Zuge eines Modernisierungsprozesses Kolumbiens,<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> bei der kommunistische und kapitalistische Positionen konkurrieren und internationale Interesse eine gro\u00dfe Rolle spielen, m\u00fcssen sich auch die Agents mal die H\u00e4nde schmutzig machen, w\u00e4hrend \u00fcber die Drogenbarone gesagt wird: \u201eHin und wieder tun die B\u00f6sen auch mal etwas Gutes.\u201c (s01e01\/0:08:05)<\/p>\n<p>Dennoch bleibt der B\u00f6se ein B\u00f6ser. Er wird als solcher ausgewiesen, und gleichzeitig wird dem B\u00f6sen der Glam-Faktor entzogen, indem die spektakul\u00e4re Gewalt, f\u00fcr die Escobar verantwortlich war, mit dessen unspektakul\u00e4rer Kleinb\u00fcrgerlichkeit kontrastiert und parallelisiert wird. Von ruhigen bis heiteren musikalischen Kl\u00e4ngen untermauert \u2013 Tango, Volkslieder \u2013 werden allt\u00e4gliche Szenen eingespielt: Pablo duscht, seine Frau kocht f\u00fcr die Familie. In Parallel-Schnitten werden die von ihm angeordneten Morde eingearbeitet (z.B. s02e05\/0:45:45). Es wird eindr\u00fccklich vorgef\u00fchrt, was ein kleinb\u00fcrgerliches Idyll mit Massenmord zu tun haben kann.<\/p>\n<p>A propos Kleinb\u00fcrgerlichkeit: Illegal erworbenes Geld macht eigentlich wenig Spa\u00df, denn es muss m\u00fchsam gewaschen oder versteckt werden, darf \u2013 so lange man noch angreifbar ist \u2013 nicht durch Luxus sichtbar werden. So werden zu Beginn der Serie Geldscheine ins Sofa der Mutter eingen\u00e4ht; sp\u00e4ter muss man dazu \u00fcbergehen, Millionenbetr\u00e4ge zu vergraben, weshalb auch Schatzkarten angefertigt werden m\u00fcssen (s01e02).<\/p>\n<p>Zwar steigt Escobars Lebensstandard in der Serie merklich, aber vorwiegend wird dargestellt, wie wenig er eigentlich konkret von seinem Reichtum hat. Er lebt zumeist von seiner Familie getrennt, muss sich in verschiedenen Unterk\u00fcnften verstecken, und nicht nur er, sondern auch seine Familie ist permanent bedroht (s01e08\/0:27:00).<\/p>\n<p>Escobars Leben wird bisweilen so sch\u00e4big und aufreibend dargestellt, dass man seiner Geliebten beipflichten m\u00f6chte, die klarstellt, dass sie dieses Lebens niemals an seiner Seite teilen wollen w\u00fcrde (s02e05). Und man m\u00f6chte im Grunde nicht nur nicht an seiner Seite leben, sondern fragt sich auch, wie erstrebenswert es ist, Escobar selbst zu sein \u2013 ganz unabh\u00e4ngig von den besagten und beiseite geschobenen moralischen Fragen. Der Serie zufolge, w\u00fcrde es darauf hinauslaufen, dass man neben viel \u00c4rger \u2013 es ist kein leicht verdientes Geld \u2013 eine anstrengende Mutter und eine langweilige Ehefrau h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich hat Escobars Existenz ihren Reiz. Es zeigen sich interessante Parallelen zu <em>Breaking Bad<\/em> hinsichtlich der Deutung, warum und wozu dieses Leben gew\u00e4hlt wird. In beiden Serien wird konstruiert, wie sich bestimmte Zuschreibungen zu M\u00e4nnlichkeit mit diesem Lebensentwurf realisieren. Es geht um Macht und Anerkennung, um Souver\u00e4nit\u00e4t und Vollstreckungsgewalt. In einem Alpha-Tier-Gerangel, in dem in <em>Breaking Bad<\/em> z.B. die Hierarchie der testosterongeschw\u00e4ngerten Glatzen-M\u00e4nner ausgehandelt wird, geht es darum, sich an die Spitze zu setzen. Das bildet den Selbstzweck aller Handlungen.<\/p>\n<p>Nun geht es aber nicht nur um die erste Position im eigenen Rudel, sondern auch um die Frage, welches Rudel, also welche Ordnung sich in einem bestimmten Territorium durchsetzt. Am Ende ist die Frage in <em>Narcos<\/em> ja nicht, wer der K\u00f6nig aller Drogenbarone, sondern wer der Souver\u00e4n des Landes ist. Setzt sich die Ordnung des Staates oder die Ordnung des Kartells auf einem bestimmten Gebiet durch.<\/p>\n<p>Nebenbei bemerkt, baut Walter White in <em>Breaking Bad<\/em> ein Drogenimperium auf, das strukturell und funktionell tats\u00e4chlich ein Wirtschaftsunternehmen abbildet. Infrastruktur, Fixkosten, Reinvestition, \u201aBruchschaden\u2018\u2026 alles ist dabei. Und auf der legalen Seite werden in einem knallharten Verdr\u00e4ngungswettbewerb Chemieprodukte verkauft, die vielleicht mehr Tote zur Folge haben als Crystal Meth. Dort hat sich mit Elliott Schwartz ein Monchichi an die Spitze gesetzt, w\u00e4hrend auf der anderen Seite ganz andere Affen\u00e4quivalente gegeneinander antreten \u2013 und noch ein Rhesus\u00e4ffchen namens Saul.<\/p>\n<p>Am Ende, so suggeriert <em>Narcos<\/em> in einer Szene, geht es um die Anerkennung des Vaters: \u201eEscobar: \u201aWei\u00dft du, dass ich einer der reichsten M\u00e4nner der Welt war. [\u2026] Wei\u00dft du, dass mich der Pr\u00e4sident der USA kennt? [\u2026] Dass ich in den Kongress dieses Landes gew\u00e4hlt wurde. Dank meiner Taten ist dein Nachname in aller Welt bekannt. [\u2026] Sag mit, was du von mir h\u00e4ltst.\u2018 Vater: \u201aIch sch\u00e4me mich f\u00fcr dich. Ich halte dich f\u00fcr einen M\u00f6rder.\u2018\u201c (s02e09\/33:19ff.)<\/p>\n<p>Aber ebenso wenig wie es im vorliegenden Kontext um Moral geht, soll psychologisiert werden, wenngleich das Eltern-Narrativ in der Serie recht plakativ und auch unterhaltsam aufgebaut wird. Escobar wird letztlich weniger als Vater-, denn als Mutters\u00f6hnchen ausgewiesen, an dem deutlich wird, was passiert, wenn eine Mutter ihren Sohn allzu sehr best\u00e4tigt. Man k\u00f6nnte glauben, die Mutter habe ihre Nase zu tief in die Produkte ihres Sohnes gesteckt, wenn man gegen der letzten Folge die Einblendung eines realen Interviews sieht, in dem die leidende Mutter behauptet, ihr Sohn h\u00e4tte nur Gutes, nie Schlechtes getan und sei \u00fcberhaupt der beste Sohn der Welt gewesen (s02e10).<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Glam: Wir sehen den schwammigen Escobar in der Serie nicht nur einmal in Feinrippunterhemd und Jogginghose. Vor allem im M\u00e4nnerwohnheim des selbstgebauten Gef\u00e4ngnisses gilt dies als der Dress Code, w\u00e4hrend die Zeit vorwiegend mit Spielen, Trinken und Kiffen zugebracht wird (s01e10). Jede Eckkneipe bietet ein \u00e4sthetischeres Szenario.<\/p>\n<p>Und einen glanzvollen Tod erh\u00e4lt Escobar in der Serie auch nicht. In der Szene, in der er angeschossen auf dem Flachdach liegt, setzt gegen Ende ein Monolog Murphys aus dem Off ein: \u201eDie ganzen Jahre hatten wir ihn gejagt und auf einmal liegt der beschissene Pablo Escobar vor meinen F\u00fc\u00dfen. Die ganze Zeit hatte ich ihn mir vorgestellt. Was er wohl f\u00fcr ein Monster w\u00e4re. Hm. Aber die Sache ist die. Wenn man ihn mit eigenen Augen sieht, ist der Teufel eine echte Entt\u00e4uschung. Nur ein Mann, dessen Bart w\u00e4chst, weil er sich nicht mehr rasiert. Fett und barfu\u00df.\u201c (s02e10)<\/p>\n<p>Die Demontage Escobars wird nicht der bildhaften Inszenierung allein \u00fcberlassen, sondern \u00fcberdeutlich in diesem Kommentar gesteigert. W\u00e4hrend Murphy so aus dem Off spricht, liegt Escobar vor ihm. Eine Nebennebennebenfigur tritt nach vorne und verpasst Escobar ohne viel Aufhebens einen Kopfschuss. Es ert\u00f6nt: \u201eLang lebe Kolumbien!\u201c Die eine archaisch verankerte Person musste sterben, damit ein moderner Staat leben kann \u2013 so jedenfalls die Hoffnung, die sich in der Realit\u00e4t nicht so ganz erf\u00fcllt hat.<\/p>\n<p>Es werden reale Bilder eingeblendet von Menschen, die angesichts von Escobars Tod jubeln, um dem Volkshelden-Narrativ dramaturgisch etwas entgegen zu setzen, und dann kommt, wie bereits erw\u00e4hnt, die verstrahlte Mutter zu Wort. Eine wirklich gute Abfolge.<\/p>\n<p>Der reale Agent Steve Murphy war wirklich anwesend beim Tod von Pablo Escobar. Es gibt Bilder, wie er sich \u00fcber die Leiche beugt.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;HwMJDeGLA_s&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>Insgesamt erh\u00e4lt Steve Murphy nicht nur einen der letzten S\u00e4tze in der zweiten Staffel, sondern seine eigene Geschichte \u2013 die gleichwohl nicht exakt der Biographie entspricht \u2013, wenn z.B. darauf eingegangen wird, dass seine Katze von Kartell-Leuten ermordet wird (s01e03).<\/p>\n<p>Triumphal und auch glamour\u00f6s ist in der Serie der letzte Auftritt des Pr\u00e4sidenten C\u00e9sar Gaviria. Er st\u00fctzt sich verhalten souver\u00e4n auf die vergoldete, strahlende Balustrade einer prachtvollen Treppe, blickt \u00fcber die Kamera unter ihm hinweg&#8230;<\/p>\n<p>So verlockend es auch sein mag, Helden aufzubauen. Die Serie enth\u00e4lt sich dem, was bedeutet, dass die Guten zwar gute letzte Worte und Einstellungen erhalten, aber vor allem die Komplexit\u00e4t der kollektiven Anstrengung und der Einsatz von Kolumbianern bei der Erfassung Escobars in Szenen gesetzt werden. Bei aller Demontage Escobars gibt es kein richtig glanzvolles Gegennarrativ.<\/p>\n<p>Mit einer kleinen Ausnahme: Mit <em>Miami Vice<\/em> kann die Besetzung Javier Pe<em>\u00f1as<\/em> mithalten. Pedro Pascal \u2013 vormals Oberyn Martell in Game of Thrones \u2013 verk\u00f6rpert den zweiten DEA-Agenten, der Escobar jahrelang unerm\u00fcdlich gejagt hat. Pe\u00f1a, der beim Todesschuss nicht dabei war, erweist sich nicht nur als hartn\u00e4ckiger K\u00e4mpfer f\u00fcr das Gute.<\/p>\n<p>Seine amour\u00f6sen Abenteuern mit allen m\u00f6glichen Informantinnen, die ihn der Serie zufolge mit Escobar verschw\u00e4gern, bringen es mit sich, dass nun auch Narcos einen nackten Oberk\u00f6rper hat, der die Erw\u00e4hnung als solcher wert ist und mit Sonny Crocketts und Mike Lowreys mithalten kann. Der Bildbeweis kann als Mangel an entsprechenden YouTube-Videos nicht angetreten werden \u2013 daf\u00fcr sieht man in folgendem Video Murphys und Pe\u00f1as Sonnenbrillen \u2013, aber hier erh\u00e4lt der unerm\u00fcdliche und durchaus knallharte Ermittler f\u00fcr das Gute mit einigen Grauschattierungen eine \u00c4sthetisierung, die an ihm haften bleibt und sich nicht sofort als Oberfl\u00e4che verselbstst\u00e4ndigt. Die \u00c4sthetik ist ausnahmsweise ganz und gar auf der Seite des Polizisten.<\/p>\n<p>[youtube id=&#8220;hDA_AK-MxDA&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p>In einer Kultur, die massenmedial stark auf Personalisierung setzt, kann eigentlich nur eine einzelne herausragende Person Glamour haben. Studio 54 \u2013 und das f\u00fchrt nicht weit vom Kokain weg \u2013 mag da eine Ausnahme bilden, ist dann aber ja doch wieder mit einer glanzvollen Pers\u00f6nlichkeit wie Andy Warhol verbunden. Pablo Escobar als Mann der Superlative aufzubauen, entspricht dem, was wir von guten Geschichten erwarten. Was w\u00e4ren sie ohne strahlende Helden.<\/p>\n<p>Es muss aber nachdenklich stimmen, dass nach dem Tod Escobars angeblich mehr Kokain in die USA exportiert wurde als je zuvor.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Ob das stimmt, kann nicht verifiziert werden, aber andere Kartelle hatten ja schon immer in den Startl\u00f6chern gestanden und sogar bei der Jagd auf Escobar mitgeholfen, und wenn es zuvor nicht Escobar gewesen w\u00e4re, dann ein anderer, der Kokain zu Geld gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Strukturen und \u00fcberpers\u00f6nliche Bedingungsgef\u00fcge sind offensichtlich konkret viel wirkm\u00e4chtiger als ein einzelner Mann, aber nur Escobar als einzelner Mann konnte zum Mythos werden. Die Kartelle, die ihm folgen, sind verwickelter und dezentraler, lassen sich nicht so gut \u00e4sthetisch fassen und mythisieren. Mal gespannt, was die angek\u00fcndigte dritte Staffel von <em>Narcos<\/em> ohne Escobar macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Mirrens Kokain<\/p>\n<p>Helen Mirren war dem Kokain eigenen Angaben zufolge einst zugeneigt. Sie h\u00f6rte jedoch prompt mit dem Konsum auf, nachdem sie erfahren hatte, wen sie damit finanziert.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Sie hatte Berichte \u00fcber Verwicklungen des NS-Verbrechers Klaus Barbie mit s\u00fcdamerikanischen Kokainkartellen gelesen. Damit trifft Helen Mirren eine moralische Entscheidung. Und obwohl sie Escobar nicht im Blick hat, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass sie auch mal eine Line von Escobars Koks gezogen hat; in den USA stammten jedenfalls angeblich vier von f\u00fcnf Lines aus Escobars Produktion.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Es geht ja weder um Wertungen noch um Wahrheit. Interessant ist aber, welche Mythen, Narrative und Bildlichkeiten sich um Kokain ranken, die diese Substanz als so glanzvoll erscheinen lassen. Letztlich verdichten sich alle Inszenierungen so, dass sie tats\u00e4chlich Kokain selbst zu einem Topos der Pop-Kultur machen. Und bemerkenswerterweise kann man dies auch dann verfolgen, wenn man \u2013 bis auf das kleine <em>Extrabreit<\/em>-Zitat \u2013 vom Musikgesch\u00e4ft v\u00f6llig absieht.<\/p>\n<p>Wer aber nie fehlen darf, wenn es um Glanz geht, ist Kate Moss. Helen Mirren und Kate Moss sind beide Pop. Nun steht aber Helens Mirrens Kokain-Narrativ gegen ein Bild der glamour\u00f6sen Kate. Die eine ist also mehr Pop als die andere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nat\u00fcrlich ist dies in juristischer Hinsicht v\u00f6llig unkorrekt. Streng genommen und offiziell waren es ja nicht die Staaten, die die Substanz exportierten. Und was die Einfuhrbestimmungen betrifft, bin ich schlicht nicht im Bilde. Eine oberfl\u00e4chliche Recherche hat ergeben, dass die Tatsache, dass eine Substanz landl\u00e4ufig als illegal gilt, nicht bedeutet, dass selbige nicht eingef\u00fchrt werden darf. Immerhin kann Kokain auch legal in einem Produktionsland erworben und zu medizinischen Zwecken weiterverarbeitet werden. Kokain ist laut BtMG grunds\u00e4tzlich verkehrs- und auch verschreibungsf\u00e4hig. Man zahlt in Deutschland in diesem Zusammenhang auf Kokain auch ganz normal Einfuhrsteuern, und man zahlt sie auch dann, wenn es illegal eingef\u00fchrt wurde, zus\u00e4tzlich zu allen anderen Strafen. Juristen k\u00f6nnen mich aber an der Stelle gerne eines Besseren belehren.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Sanders, Steven: Miami Vice. Detroit 2010, S. 68-84.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> King, Benjamin Scott: Sonny\u2019s virtues. The gender negotiations of <em>Miami Vice<\/em>. The gender negotiations of Miami Vice. In: Screen 31 (1990), Nr. 3, S. 287-289.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ruchatz, Jens: Sisyphos sieht fern oder Was waren Episodenserien. In: Zeitschrift f\u00fcr Medienwissenschaft 7 (2012), S. 87.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> http:\/\/www.fr-online.de\/panorama\/20&#8211;todestag-von-pablo-escobar-der-mythos-vom-guten-drogenbaron,1472782,25485600.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> https:\/\/www.vermoegenmagazin.de\/vermoegen-von-pablo-escobar\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> http:\/\/www.businessinsider.de\/diese-7-beispiele-zeigen-wie-absurd-reich-pablo-escobar-tatsaechlich-war-2016-2<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/457022.familie-escobar-beging-selbstmord.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Im Grunde ist der vorherige Verweis auf Inflationserz\u00e4hlungen nicht so kontingent. Tats\u00e4chlich gibt es viele Parallelen zwischen diesem Kapitel der Geschichte Kolumbiens und der europ\u00e4ischen Geschichte in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Die gesamte Gemengelage ist einmal r\u00fcber geschwappt, hat aber im kolumbianischen Kontext im Detail andere Konsequenzen oder konkrete andere Ausformungen als in Europa.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> http:\/\/www.businessinsider.de\/diese-7-beispiele-zeigen-wie-absurd-reich-pablo-escobar-tatsaechlich-war-2016-2<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> http:\/\/www.telegraph.co.uk\/news\/celebritynews\/2656943\/The-Queen-actress-Dame-Helen-Mirren-reveals-former-love-of-cocaine.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> http:\/\/www.businessinsider.de\/diese-7-beispiele-zeigen-wie-absurd-reich-pablo-escobar-tatsaechlich-war-2016-2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage lickhardt\" href=\"https:\/\/germanistik.uni-greifswald.de\/mitarbeitende\/mitarbeitende-e-l\/maren-lickhardt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Juniorprofessorin f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Greifswald.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anekdoten, Videos, Serien, Filme<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[675,972,1206,1247,1522],"class_list":["post-6513","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-escobar","tag-helen-mirren","tag-kate-moss","tag-kokain","tag-miami-vice"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6513"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6513\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}