{"id":6519,"date":"2017-02-02T09:40:43","date_gmt":"2017-02-02T07:40:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6519"},"modified":"2017-02-02T09:40:43","modified_gmt":"2017-02-02T07:40:43","slug":"hohe-kultur-1merkur-blog-und-pop-zeitschrift2-2-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/02\/02\/hohe-kultur-1merkur-blog-und-pop-zeitschrift2-2-2017\/","title":{"rendered":"Hohe Kultur (1)Merkur-Blog und Pop-Zeitschrift2.2.2017"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkungen und Leitfragen zum Kooperationsthema \u201ahohe Kultur\u2018.<!--more --><\/p>\n<p>Der <a title=\"website merkur\" href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/blog\/\" target=\"_blank\">Merkur-Blog<\/a> \u2013 die Internetseite der Zeitschrift \u201eMerkur\u201c \u2013 und pop-zeitschrift.de \u2013 die Internetseite der Zeitschrift \u201ePop. Kultur und Kritik\u201c \u2013 werden 2017 kooperieren. Als Thema der Artikelserie, die von Autor*innen der beiden Websites und Zeitschriften bestritten wird, haben wir \u201ahohe Kultur\u2018 ausgesucht.<\/p>\n<p>Das Thema liegt insofern nahe, als es einerseits ein entscheidender Gegenbegriff zu \u201apopul\u00e4rer Kultur\u2018 war (oder ist) und andererseits den Ort des \u201eMerkur\u201c, der im Untertitel \u201eDeutsche Zeitschrift f\u00fcr europ\u00e4isches Denken\u201c tr\u00e4gt (bzw. trug: seit Januar 2017 hei\u00dft es \u201eGegr\u00fcndet 1947 als\u2026\u201c), gut zu bezeichnen scheint.<\/p>\n<p>An dieser letzten vorsichtigen Angabe wird auch schnell die Eigent\u00fcmlichkeit des Themas deutlich. \u201aHohe Kultur\u2018 z\u00e4hlt zu den Begriffen, die sich kaum jemand selbst mehr zuschreiben m\u00f6chte, er wird von den meisten als peinlich und anma\u00dfend eingestuft. Wird er noch gebraucht, dann in Anf\u00fchrungsstrichen, die gro\u00dfe Distanz signalisieren.<\/p>\n<p>Das steht in starkem Gegensatz zu \u201apopul\u00e4re Kultur\u2018. Dieser Begriff wird mittlerweile zumindest im Wissenschaftssektor gerne verwendet, auch ohne Anf\u00fchrungsstriche. Mehr noch, es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Begriffen um ihn herum, das Wortfeld umfasst \u201aMassenkultur\u2018, \u201aPop\u2018, \u201aPopkultur\u2018, \u201aAlltagskultur\u2018, \u201aUnterschichtenkultur\u2018, \u201aVolkskultur\u2018. Oft wird all das blo\u00df synonym gebraucht, es gibt aber auch eine Vielzahl an Sprechern, die auf Unterschieden beharren und die diese Unterschiede auch benennen. Dieselben Operationen vermisst man hingegen bei \u201ahoher Kultur\u2018.<\/p>\n<p>Weitgehend verschwunden ist allerdings die \u201aniedere Kultur\u2018, dieser Begriff ist offenkundig zu stark negativ konnotiert, obwohl er ja beinhaltet, dass die mit ihm bezeichneten Dinge oder Menschen \u00fcber Kultur verf\u00fcgen, wenn auch in geringerem Ma\u00dfe. Zum Kontrast ein Auszug aus dem \u201eGr\u00fcnen Heinrich\u201c von Gottfried Keller. Dort berichtet Heinrich Lee \u00fcber seine eigenen jugendlichen Lesegewohnheiten und die einer Reihe gew\u00f6hnlicher Z\u00fcrcher B\u00fcrger, die eine \u201eUnzahl schlechter Romane\u201c lesen. \u201eAristokraten\u201c, hei\u00dft es kurz darauf, w\u00fcrden von \u201ePlebejertum\u201c sprechen; eine Verbindung zwischen beiden Schichten existiert nur in der Form, dass Letztere empf\u00e4nglich f\u00fcr das aus Sicht Heinrich Lees l\u00e4ngst entwertete und abgesunkene Kulturgut Ersterer sind:<\/p>\n<p>\u201eVerlorengegangene B\u00e4nde aus Leihbibliotheken, niedriger Abfall aus vornehmen H\u00e4usern oder von Tr\u00f6dlern um wenige Pfennige erstanden, lagen in der Wohnung dieser Leute auf Gesimsen, B\u00e4nken und Tischen umher, und an Sonntagen konnte man nicht nur die Geschwister und ihre Liebhaber, sondern Vater und Mutter und wer sonst noch da war, in die Lekt\u00fcre dieser schmutzig aussehenden B\u00fccher vertieft finden. Die Alten waren t\u00f6richte Leute, welche in dieser Unterhaltung Stoff zu t\u00f6richten Gespr\u00e4chen suchten; die Jungen hingegen erhitzten ihre gemeine Phantasie an den gemeinen unpoetischen Machwerken oder vielmehr, sie suchten hier die bessere Welt, welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte. Die Romane zerfielen haupts\u00e4chlich in zwei Arten. Die eine enthielt den Ausdruck der \u00fcblen Sitten des vorigen Jahrhunderts in j\u00e4mmerlichen Briefwechseln und Verf\u00fchrungsgeschichten, die andere bestand aus derben Ritterromanen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJ\u00e4mmerlich\u201c, \u201et\u00f6richt\u201c, \u201eschmutzig\u201c, \u201eniedrig\u201c, \u201eAbfall\u201c \u2013 das sind Worte aus einer vergangenen Zeit, die heute kaum ein Feuilletonist und schon gar kein Kulturpolitiker mehr in den Mund nimmt. F\u00fcr die \u201ahohe Kultur\u2018 gilt das aber auch, obwohl nach wie vor jeder versteht, dass mit der Metapher des \u201aHohen\u2018 nur das gr\u00f6\u00dfte Lob gezollt wird \u2013 und das auch noch im Bereich der \u201aKultur\u2018, die bereits ohne positive Adjektive heutzutage einen sehr guten Klang besitzt. Man k\u00f6nnte doch zumindest bei festlichen Anl\u00e4ssen \u201ahohe Kultur\u2018 sagen, ohne etwas als \u201aniedrig\u2018 zu entw\u00fcrdigen. Alles andere verschw\u00e4nde dann im Ungenannten. Selbst wenn auf das, was nicht ausgezeichnet wird, hingedeutet w\u00fcrde, k\u00f6nnte man auf das weniger Hohe, das \u201aUmstrittene\u2018 oder \u201anoch nicht Durchgesetzte\u2018 verweisen, ohne jemandem die Schmach des Niedrigen anzutun. Dass selbst diese L\u00f6sung nicht ergriffen wird, zeigt den Bedeutungsverlust der \u201ahohen Kultur\u2018 f\u00fcr die \u00f6ffentliche Rede deutlich an. Oder zeigt es vielmehr die enorme, sorgsam verdr\u00e4ngte Bedeutung der \u201ahohen Kultur\u2018 an?<\/p>\n<p>Oder signalisiert der Aufstieg von \u201aPop\u2018 und \u201apopul\u00e4rer Kultur\u2018, dass es tats\u00e4chlich keine \u201ahohe Kultur\u2018 mehr gibt, dass sie mit dem \u201aBildungsb\u00fcrgertum\u2018 verschwunden ist \u2013 oder Teile von ihr in ein nun allgegenw\u00e4rtiges Mischmasch und Mittelma\u00df eingegangen sind? Wenn dies aber die allgemeine \u00dcberzeugung w\u00e4re, l\u00e4ge es nahe, dass nicht wenige gerade die \u201ahohe Kultur\u2018 beschw\u00f6rten, an sie erinnerten und die R\u00fcckkehr zu ihr forderten. Davon h\u00f6rt man aber nichts.<\/p>\n<p>Andererseits herrscht an Urteilen kein Mangel, auch nicht an Kultur- und Kunstorganisationen. Es w\u00e4re doch erstaunlich, wenn in all den Theatern, Akademien und Museen nicht versucht w\u00fcrde, das Beste auszuloten und zu pr\u00e4sentieren. Auch wenn sich manches oder vielerlei darunter bef\u00e4nde, was fr\u00fcher als \u201aniedrig\u2018 bewertet wurde, k\u00f6nnte dies nun doch auch oder gerade als Teil der hohen Kultur ausgegeben werden.<\/p>\n<p>L\u00e4uft der Verzicht, \u00fcber \u201ahohe Kunst und Kultur\u2018 zu sprechen, deshalb nicht blo\u00df darauf hinaus, die st\u00e4ndig stattfindenden Auswahlprozesse unsichtbar zu machen und der \u00f6ffentlichen Diskussion zu entziehen? Oder versteckt sich das \u201aNiedere\u2018 als Gegenbegriff zum Hohen in pejorativen Bezeichnungen wie \u201aTrivialliteratur\u2018, \u201aKitsch\u2018 oder im U der an vielen Orten \u2013 vom Feuilleton bis zu F\u00f6rderinstitutionen \u2013 implizit oder explizit nach wie vor mit einiger Selbstverst\u00e4ndlichkeit getroffenen Unterscheidungen zwischen U (als blo\u00dfer Unterhaltung) und E als dem \u201aHohen\u2018? Werden also durch die Auswahl, die t\u00e4glich in Universit\u00e4ten, den Kulturabteilungen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender, in Ausstellungsst\u00e4tten stattfindet und die durch die Kulturpolitik der St\u00e4dte, der L\u00e4nder und des Bundes vorbereitet wird, die alten Kriterien des \u201aHohen\u2018 und \u201aNiedrigen\u2018 dann doch stillschweigend verl\u00e4ngert?<\/p>\n<p>Mit der Unterscheidung von \u201ahoher\u2018 und \u201aniederer\u2018 Kultur waren immerhin beide Seiten scharf exponiert. Auch auf das \u201aNiedrige\u2018 musste mitunter hingewiesen werden, um es auszuschlie\u00dfen. Solche unmissverst\u00e4ndlichen Unterscheidungen und Bewertungen f\u00fchren erfahrungsgem\u00e4\u00df immer wieder zu Widerspr\u00fcchen, dem Verlangen nach Begr\u00fcndung und zu Revisionen.<\/p>\n<p>Heutzutage ist diese Unterscheidung aber so weit in den Hintergrund ger\u00fcckt, dass nicht einmal mehr zum historischen Wissen geh\u00f6rt, worin die Unterscheidung genau bestand, was ihre Kriterien waren und wie sie begr\u00fcndet wurden. Oder ist das nur eine historische Illusion \u2013 hat es das \u201aBildungsb\u00fcrgertum\u2018 nie gegeben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen und Leitfragen zum Kooperationsthema \u201ahohe Kultur\u2018.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1010,1671,1811],"class_list":["post-6519","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-hohe-kultur","tag-niedere-kultur","tag-polulaere-kultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6519","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6519"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6519\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6519"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6519"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6519"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}