{"id":6523,"date":"2017-02-10T22:20:23","date_gmt":"2017-02-10T20:20:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6523"},"modified":"2017-02-10T22:20:23","modified_gmt":"2017-02-10T20:20:23","slug":"keine-nacht-ohne-tweet-kein-tag-ohne-dekretvon-niels-werber10-2-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/02\/10\/keine-nacht-ohne-tweet-kein-tag-ohne-dekretvon-niels-werber10-2-2017\/","title":{"rendered":"Keine Nacht ohne Tweet, kein Tag ohne Dekretvon Niels Werber10.2.2017"},"content":{"rendered":"<p>Trumps Show der permanenten Provokation und unaufh\u00f6rlichen \u00dcberschreitung<!--more--><\/p>\n<p>Wer wissen m\u00f6chte, was der 45. Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten Tag f\u00fcr Tag und Nacht f\u00fcr Nacht so meint und macht, der muss ihm auf Twitter folgen, und zwar dem seit langem schon popul\u00e4ren Account <a href=\"https:\/\/twitter.com\/realDonaldTrump\">@realDonaldTrump<\/a>. @potus retweetet nur, was <a href=\"https:\/\/twitter.com\/realDonaldTrump\">@realDonaldTrump<\/a> mitzuteilen hat, was viel sagt \u00fcber die zwei politischen K\u00f6rper des Donald J Trump: Das Amt als blo\u00dfer Multiplikator des Milliard\u00e4rs.<\/p>\n<p>In den Hauptnachrichten der alten Massenmedien ist jedenfalls nicht viel mehr zu h\u00f6ren als eine Nacherz\u00e4hlung von Trumps Tweets. Erst habe er dies getwittert, dann jenes&#8230; Oft werden sie einfach nur vorgelesen, als ginge es darum, die Richtigkeit vom Trumps Statement zu beweisen, was er twittere, werde zu <em>breaking news<\/em>.<\/p>\n<p>Es ist kein Wunder, wenn die Millionen von Nutzern sog. sozialer Medien sich von den sog. Qualit\u00e4tsmedien abgewendet haben, wenn Nachrichtensendungen mit ein paar Stunden Verz\u00f6gerung berichten, was dieser oder jener getwittert oder gepostet, kommentiert oder geliked habe. Das kennen aber alle schon, jedenfalls dann, wenn es \u201etrending news\u201c sind.<\/p>\n<p>Spitzenreiter bei Twitter ist jedenfalls auch heute wieder <em>#Trump<\/em>. Das wird morgen nicht anders sein, denn jeder seiner Tweets wird vieltausendfach kommentiert, geliked und retweetet. Und dies war auch schon so, bevor Trump aus dem Account des Pr\u00e4sidenten ein Reweet-bot gemacht hat. Es ist nicht das Amt des Pr\u00e4sidenten, das <a href=\"https:\/\/twitter.com\/realDonaldTrump\">@realDonaldTrump<\/a> eine so gro\u00dfe Resonanz beschert, sondern seine Tweets.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re also h\u00f6chste Zeit, erstens die Medienpraktiken des <a href=\"https:\/\/twitter.com\/realDonaldTrump\">@realDonaldTrump<\/a> zu untersuchen, ganz gleich, ob das eine echte Person ist, die hier twittert, oder ein Medienteam, und zweitens die Amtsf\u00fchrung des Pr\u00e4sidenten als Fortsetzung dieser Medienpraktiken mit erweiterten Mitteln zu verstehen. Georg See\u00dflen hat in seinem blitzschnell und blitzgescheit hingeschriebenen Essay <em>Trump! Populismus als Politik<\/em> (Berlin 2017) die Richtung vorgegeben, wenn er \u00fcber die Rolle der \u201eTwitter-Nachricht\u201c f\u00fcr Trumps Populismus behauptet, es gen\u00fcge hier nicht, Twitter als \u201eneues, popul\u00e4res Medium\u201c der politischen Meinungsbildung anzusehen, sondern als Bedingung eines \u201eneuen politischen Sprechens: sie ist Pop als Politik und Politik als Pop.\u201c<\/p>\n<p>Dies impliziert zweierlei: <em>Politik als Pop<\/em>, das w\u00e4re eine Politik, f\u00fcr deren Entscheidungen die Sachdimension des Politischen, die Koh\u00e4renz der politischen Agenda, die Orientierung des politischen Handelns an Verfahren keine Rolle spielen. Politologisch ist Trump daher auch gar nicht zu verstehen, denn sein Handeln folgt \u00fcberhaupt nicht den Codes und Programmen der Politik der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Trump muss als Ph\u00e4nomen der Popkultur verstanden werden, als idiosynkratischer, beifallabh\u00e4ngiger, launischer, occasionalistischer Star, der f\u00fcr den Jubel seiner Fans lebt und nicht f\u00fcr die Lekt\u00fcre von Verfassungszus\u00e4tzen und Welthandelsorganisationsvertr\u00e4gen, f\u00fcr den der Moment entscheidet, aus dem sich ein guter Gag oder eine opportune Invektive fabrizieren l\u00e4sst,\u00a0 und nicht die Berechenbarkeit einer demokratischen Gro\u00dfmacht, die ihr au\u00dfen- und innenpolitisches Handeln durch Vertr\u00e4ge und Gesetze erwartbar macht.<\/p>\n<p>Deshalb reichen f\u00fcr Trump auch immer 140 Zeichen plus Bild, denn eine Pointe, eine Provokation, eine Zuspitzung, ein neuer Hit brauchen nicht mehr als das. Und f\u00fcr diesen von politischen Selbstbindungen und rechtlichen Konditionierungen befreiten Politiker ist es auch v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, dass er zu einem Thema schon einmal etwas ganz anderes gesagt hat, denn die Vergangenheit f\u00fchrt zu keiner Verbindlichkeit f\u00fcr das Verhalten der Gegenwart und kann so keine k\u00fcnftige Gelegenheit zu einem neuen Tweet verhindern.<\/p>\n<p>Das ist nicht alles, denn zweitens muss nun <em>Pop als Politik<\/em> gelten. Trump ist bereits mehrfach als Popstar bezeichnet worden, der seine erfolgreiche TV-Show-Karriere (<em>The Apprentice<\/em>) als Wahlk\u00e4mpfer und nun als Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika fortsetzt. Den bekanntesten Spruch seiner Show, <em>you\u2019re fired<\/em>, bekam die amtierende Justizministerin bereits zur Freude aller Fans zu h\u00f6ren; sie hielt Trumps Dekrete f\u00fcr verfassungswidrig und wurde prompt entlassen. Die Sache selbst, ob Trumps Dekret ethnisch und religi\u00f6s diskriminierend und deshalb Unrecht ist, wird in den <em>you\u2019re fired-<\/em>Tweets und -Memen nicht diskutiert. Der Spa\u00df an der popkulturellen Geste, mit der Trump ber\u00fchmt wurde, ist wichtiger als die Verfassung.<\/p>\n<p>Pop als Politik bedeutet nun keinesfalls, dass all dies folgenlos bleibt, wie sich seit einer Woche in Flugh\u00e4fen und Gerichten der USA beobachten l\u00e4sst. Die politischen Folgen sind wom\u00f6glich sogar verheerend, aber dies ist f\u00fcr die Trumps Fans zweitrangig.<\/p>\n<p>Erstrangig ist, auf die Entlassung von Sally Yates und die ersten Aufhebungen des Dekretes durch Gerichte noch eins draufzusetzen. Trump twittert am 1. 2. 2017: \u201eEverybody is arguing whether or not it is a BAN. Call it what you want, it is about keeping bad people (with bad intentions) out of country!\u201c Und die Richter, die sich doch daf\u00fcr interessieren, auf welcher Grundlage die Einreise von Visainhabern aus bestimmten L\u00e4ndern gestoppt werden soll, werden r\u00fcde attackiert: \u201eThe judge opens up our country to potential terrorists and others that do not have our best interests at heart. Bad people are very happy!\u201c (5. 2.)<\/p>\n<p>Einhundertzweiundzwanzigtausend Nutzern \u201egef\u00e4llt das\u201c. Der Jubel seiner Fans \u00fcber seine P\u00f6beleien und gro\u00dfm\u00e4uligen Ausf\u00e4lle ist wichtiger als die diplomatische R\u00fccksichtnahme auf politische Akteure, die f\u00fcr die Umsetzung einer politischen Agenda wichtig w\u00e4ren. Kongress, Verfassung, Parteien, Senat, Vertr\u00e4ge, Gerichte \u2013 all das ist Trump so egal wie einem Rockstar die Hausordnung in einem Luxushotel.<\/p>\n<p>Trumps Show der permanenten Provokation und unaufh\u00f6rlichen \u00dcberschreitung ist genauso gegenkulturell und auf Entgrenzung angelegt wie die avantgardistischen Experimente des Pop seit den 1960ern. Es reicht nicht, eine Mauer zu bauen, Mexico soll sie auch noch bezahlen. Es reicht nicht, trotz aller Umweltschutz-Abkommen und Klimaziele wieder auf Kohlekraftwerke zu setzten, Kohle wird auch noch als \u201esweet and clean\u201c deklariert.<\/p>\n<p>In den USA hat man dies \u201epolitics of surprise\u201c und \u201epolicy surrealism\u201c genannt. Diese Begriffspr\u00e4gungen gestehen die Schwierigkeit ein, Trump \u00fcberhaupt als Protagonisten einer politischen Agenda zu fassen. Trotz aller politischen Konsequenzen, ist er auch keiner. Trump muss als popkulturelles Ph\u00e4nomen untersucht werden, also als der, als den ihn seine Fans und Feinde ohnehin ansehen und beachten, als Super-Trump oder Horror-Clown.<\/p>\n<p>\u201eJede interessante Begegnung wird zum Anla\u00df f\u00fcr einen Roman\u201c, hat Carl Schmitt 1924 in seiner Monographie <em>Politische Romantik<\/em> festgehalten. Aus jedem Zufall, so wird Novalis referiert, lasse sich etwas machen, \u00e4sthetisch jedenfalls, etwa ein Romananfang. Schmitt hat den Romantikern diesen \u00e4sthetischen Occasionalismus zum Vorwurf gemacht und dem Begriff der <em>causa<\/em> entgegengesetzt, der f\u00fcr sachliche, erwartbare oder berechenbare, normative oder kausale Zusammenh\u00e4nge steht.<\/p>\n<p>Trump, der sich keine Gelegenheit zu einer Pointe, einer Invektive oder Zote entgehen l\u00e4sst, w\u00e4re f\u00fcr Schmitt ein Vertreter dieses Occasionalismus. Jede interessante Begegnung wird zum Anlass f\u00fcr einen Tweet \u2013 oder ein Dekret. Sach- oder Kausalzusammenh\u00e4nge gibt es nicht, normative oder auch nur kluge (opportunistische) Selbstbindungen auch nicht. Daher l\u00e4sst sich auch nichts prognostizieren, nichts erwarten. Die Zukunft ist vollkommen offen. In diesem Sinne macht Trump interessante, also vollkommen \u00fcberraschende Politik. Der Schmitt-Leser Walter Benjamin hat dies 1936 \u00c4sthetisierung der Politik genannt und dem Faschismus zugeschrieben, dessen Motto \u201efiat ars \u2013 pereat mundus\u201c sei. Dies, den Tweet als Kunst betrachtet, k\u00f6nnte auch Trumps Motto sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website werber\" href=\"http:\/\/www.soziale-insekten.de\/Start.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Niels Werber<\/a> ist Professor f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Siegen und Sprecher der Forschungsstelle <a title=\"website forschungsstelle\" href=\"http:\/\/popkultur.uni-siegen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201ePopul\u00e4re Kulturen\u201c<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trumps Show der permanenten Provokation und unaufh\u00f6rlichen \u00dcberschreitung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[584,2406],"class_list":["post-6523","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-donald-trump","tag-tweets"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6523"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6523\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}