{"id":6535,"date":"2017-02-19T15:33:56","date_gmt":"2017-02-19T13:33:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6535"},"modified":"2017-02-19T15:33:56","modified_gmt":"2017-02-19T13:33:56","slug":"die-abweichung-als-regelverletzung-zu-steinstrasse-11-und-032cvon-stefanie-roenneke19-2-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/02\/19\/die-abweichung-als-regelverletzung-zu-steinstrasse-11-und-032cvon-stefanie-roenneke19-2-2017\/","title":{"rendered":"Die Abweichung als Regelverletzung. Zu \u00bbSteinstra\u00dfe 11\u00ab und \u00bb032c\u00abvon Stefanie Roenneke19.2.2017"},"content":{"rendered":"<p>Zur Vertriebsbeschr\u00e4nkung zweier Ausgaben<!--more--><\/p>\n<p>Im Oktober 2004 erschien die erste Ausgabe des Magazins \u00bbSteinstra\u00dfe 11. Magazin f\u00fcr Kultur und Diverses\u00ab, konzipiert und herausgegeben von der M\u00fcnchner Verlegerin Gina Kehayoff. Durch das Zusammenspiel von journalistischen und literarischen Texten namhafter Autoren gab sich das Heft anspruchsvoll, blieb aber dennoch nahbar, durch den Fokus auf St\u00e4dtisches oder Allt\u00e4gliches.<\/p>\n<p>Darauf folgten zwei weitere Ausgaben, es ging schwerpunktm\u00e4\u00dfig um Kinder und Liebe. Danach war Schluss. Zur ersten Ausgabe schrieb Nils Minkmar\u00a0(2004: 33) noch wohlwollend \u00fcber das \u00bbentspannte[s], urbane[s] Programm\u00ab. F\u00fcr Ingeborg Harms\u00a0(2005: 44) war die zweite Ausgabe ein gutes Exempel f\u00fcr visuelle starke Magazine, denn \u00bb[v]iele Zeitschriften haben von der Konkurrenz gelernt, wie man durch Optik verf\u00fchrt\u00ab. Sie hebt daf\u00fcr historische Waisenkinderportr\u00e4ts und die Aufnahmen der M\u00fcnchener Gyn\u00e4kologe Eli Teicher hervor, die S\u00e4uglinge unmittelbar nach ihrer Geburt zeigt.<\/p>\n<p>Bekannt ist insbesondere die eingeschr\u00e4nkte Vertreibung des ersten Heftes. Denn die Druckware war \u00bbhochgef\u00e4hrlich\u00ab, wie Minkmar\u00a0(2004: 33) den Fall ironisch kommentiert. Das Urteil lautete: \u00bbvertriebsbeschr\u00e4nkt\u00ab, ausgel\u00f6st durch einen Beitrag \u00fcber sogenannte \u00bbEight Papers\u00ab, pornographische Parodien ber\u00fchmter Comic-Figuren wie Donald Duck, Mickey Mouse sowie von Personen aus der Pop- und Alltagskultur wie Gary Crant oder Mussolini.<\/p>\n<p>Die Heftchen, die auch \u00bbTijuana Bibles\u00ab genannt werden, sind zwischen 1920 und 1960 entstanden und gelten als Vorl\u00e4ufer von Underground-Comics. In der ersten Ausgabe von \u00bbSteinstra\u00dfe 11\u00ab sind neben einem erl\u00e4uternden Beitrag von Art Spiegelman ausgew\u00e4hlte Beispiele der Comics auf acht Seiten abgedruckt. Spiegelman lobt in seinem Text \u00bbAmerikas Ficky-Maus-Heftchen\u00ab insbesondere den \u00bbsubversiven Trick\u00ab (ders. 2004: 34) dieser Comics.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_Eight_Papers.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-6540\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_Eight_Papers-1024x737.png\" alt=\"Scan_Eight_Papers\" width=\"695\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_Eight_Papers-1024x737.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_Eight_Papers-300x216.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_Eight_Papers-768x553.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_Eight_Papers.png 1072w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><em>Scan aus Steinstra\u00dfe 11 (1) 2004, 40-41<\/em><\/p>\n<p>Andreas Platthaus war \u00fcber die beschr\u00e4nkte Auslieferung verbl\u00fcfft: Dass \u00bbdie Heftchen ein halbes Jahrhundert nachdem der Erfolg des \u203aPlayboy\u2039 ihnen den Garaus gemacht hatte, noch einmal f\u00fcr so riskant gehalten werden\u00ab, wunderte ihn (Platthaus 2004: 46). Die Comics \u00bbsind freiz\u00fcgig, aber heutzutage wohl kaum mehr schockierend\u00ab (ebd.), stellte er fest und verwies zugleich auf die redaktionelle Kommentierung und den Text von Spiegelman. Daher merkte er beruhigt an, dass trotz des Urteils \u00bbvertriebsbeschr\u00e4nkt\u00ab Kioske und der Bahnhofsbuchhandel das Heft wieder in ihre Auslagen \u00fcbernommen h\u00e4tten. Denn von der \u00bbBundespr\u00fcfstelle, der allein das Urteil \u00fcber eine Indizierung als \u203ajugendgef\u00e4hrdend\u2039 obliegt, war bislang nichts zu h\u00f6ren\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Mit vergleichbaren Umst\u00e4nden musste sich das Berliner Magazin \u00bb032c\u00ab auseinandersetzen. F\u00fcr die 21. Ausgabe, ver\u00f6ffentlicht im Sommer 2011, fotografierte J\u00fcrgen Teller das Model Kristen McMenamy. Bereits 1996 sorgte eine Aufnahme des Models von Teller f\u00fcr Aufsehen. McMenamy pr\u00e4sentiert sich darauf selbstbewusst nackt vor der Linse Tellers, ihr K\u00f6rper wird lediglich verziert durch Armband, Kette und ein mit Lippenstift gemaltes \u00bbVersace-Herz\u00ab auf der Brust. Sichtbar sind weiter das Rot der Fingern\u00e4gel und etwas Lidschatten. Im Mundwinkel l\u00e4ssig eine Zigarette. F\u00fcr Diskussion sorgte hier weniger die \u00c4sthetik und der kompositorische Kontext als vielmehr der K\u00f6rper McMenamys, der blaue Flecken und Kratzer aufwies. Weil dieser so von der makellosen Werbe\u00e4sthetik abwich, wurde der K\u00f6rper zum Inbegriff f\u00fcr das \u203aharte\u2039 Mode-Business.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00bb032c\u00ab inszenierte Teller das Model in der Casa Miller, ein Apartment in Turin, das von dem italienischen Architekten und Designer Carlo Mollino gestaltet wurde. Im Mittelpunkt stehen der K\u00f6rper von Kristen McMenamy und das extravagante Apartment. Die Fotostrecke kann f\u00fcr ein kompromissloses Spiel mit K\u00f6rper, Mode und Raum stehen. Dabei ist der K\u00f6rpers als Ganzes von Bedeutung. Aufgrund weniger im Heft enthaltener Fotografien, auf denen Vagina und Anus zu sehen sind, wurde f\u00fcr das Heft ebenfalls die Empfehlung \u00bbvertriebsbeschr\u00e4nkt\u00ab ausgesprochen. Eine Indizierung erfolgte nicht, wie sich Joerg Koch auf Nachfrage erinnert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_FAS__032c.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6541\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_FAS__032c.png\" alt=\"Scan_FAS__032c\" width=\"842\" height=\"564\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_FAS__032c.png 842w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_FAS__032c-300x201.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Scan_FAS__032c-768x514.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 842px) 100vw, 842px\" \/><\/a><em>Scan Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (23) 2011, 28.<\/em><\/p>\n<p>Erneut sprangen die Kollegen zur Seite: In der \u00bbFrankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung\u00ab wurde kritisiert, dass Inszenierungsformen unerw\u00fcnscht scheinen, sobald sie von einer gem\u00e4\u00dfigten \u00c4sthetik abweichen: \u00bbDie Kriterien f\u00fcr Pornographie sind bezeichnend unscharf, k\u00f6nnte man sagen, vielleicht weil Pornographie offenbar selbst ein Kriterium ist, und zwar kein juristisches [&#8230;], sondern eines der \u00c4sthetik, ein anderes Wort f\u00fcr eine Drastik, die ins Auge bei\u00dft\u00ab (ripe 2011: 28).<\/p>\n<p>Auch wenn es definitorische Ans\u00e4tze zum Begriff \u203aPornographie\u2039 gibt wie die von Drucilla Cornell, die Pornographie als \u00bbdie deutliche Pr\u00e4sentation und Darstellung von Geschlechtsorganen <em>und<\/em> Geschlechtsakten mit dem Ziel, sexuelle Reaktionen hervorzurufen\u00ab (dies. 1997: 45) versteht, arbeitet das Medienrecht zugunsten der Kunstfreiheitsgarantie, die bei Teller oder bei den Comics \u2013 als Werk verstanden \u2013, greifen w\u00fcrde und die den Werkbereich wie auch den Wirkbereich des k\u00fcnstlerischen Schaffens umfasst. Es kann jedoch eine Indizierung aus Gr\u00fcnden des Jugendschutzes erfolgen (vgl. Fechner 2016: 54ff).<\/p>\n<p>Es scheint sich daher um ein Kommunikations- bzw. Distributionsproblem f\u00fcr diese Bild\u00e4sthetik zu handeln. Popul\u00e4re Zeitschriften und Magazine bewegen sich in einem Kommunikations- und Verbreitungssystem, die sich innerhalb gem\u00e4\u00dfigter Geschmacksvorstellungen bewegen, in denen eine Abweichung der \u00e4sthetischen Norm als Regelverletzung wahrgenommen und sanktioniert wird \u2013 auch wenn rechtlich daf\u00fcr kein Grund besteht, gibt man sich im Zweifel moralisch.<\/p>\n<p>Zum Vergleich einer solchen Regelverletzung sei hier ein ber\u00fchmtes Beispiel im Bereich der Kunst angebracht: \u00bbFlaming Creatures\u00ab (1963) von Jack Smith wurde in New York als Pornographie eingestuft, obwohl weder sexuelle Handlungen in dem Film vollzogen worden noch erigierte m\u00e4nnliche Geschlechtsteile gezeigt wurden. Den Grund f\u00fcr den Skandal benennt Jim Hoberman mit Blick auf die damalige Zeit besonders pointiert: \u00bbMit seiner Zurschaustellung von obsz\u00f6n geschwungenen Schw\u00e4nzen, die weder v\u00f6llig erigiert noch komplett schlaff waren, machte sich Flaming Creatures auf h\u00f6chst frivole Weise einer Respektlosigkeit schuldig, die offenbar noch krimineller war als das Verbrennen der amerikanischen Flagge. Er hat das m\u00e4nnliche Geschlechtsorgan entweiht \u2013 und damit auch das grundlegende Symbol aller Machtstrukturen, den Senat der Vereinigten Staaten inbegriffen\u00ab (Hoberman 2006: 93).<\/p>\n<p>Der visuelle Reiz von McMenamy schien gr\u00f6\u00dfer gewesen zu sein als der Reiz der weiblichen K\u00f6rperinszenierungen anderer Modezeitschriften. Oder war es der \u00e4sthetische Bruch mit dem Kompatiblen, das Kribbeln des Schocks, die kleine Abweichung? Zudem scheint die Angst vor einer identifikatorischen Lekt\u00fcre des Drastischen gr\u00f6\u00dfer, als die vor einer distanzlosen, masochistischen Lesart der \u00bbCosmopolitan\u00ab oder \u00bbMen\u2019s Health\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Cornell, Drucilla (1997): Die Versuchung der Pornographie, Frankfurt, 45.<br \/>\nFechner, Frank (2016): Medienrecht. 17. Auflage, T\u00fcbingen, 54ff.<br \/>\nHarms, Ingeborg (2005): Kopie der Kopie der Kopie, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (213), 44.<br \/>\nHoberman, Jim (2006): Der Fall Flaming Creatures, in: Diedrich Diederichsen u.a. (Hg.), GoldenYears. Materialien und Positionen zu queerer Subkultur und Avantgarde zwischen 1959 und 1974, Graz, 81\u201393, hier 93.<br \/>\nMinkmar, Nils (2004): Die lieben Kollegen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (40), 33.<br \/>\nPlatthaus, Andreas (2004): Comic-Strip im engeren Sinne, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (250), 46.<br \/>\nripe (2011): Pornographie ist, wenn es weh tut, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (23), 28.<br \/>\nSpiegelman, Art (2004), Amerikas Ficky-Maus-Heftchen, in: Steinstra\u00dfe 11 (1), 34\u201336, hier 34.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Vertriebsbeschr\u00e4nkung zweier Ausgaben<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[88015,1183,1541,1871,2229,2588],"class_list":["post-6535","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-032c","tag-juergen-teller","tag-mode","tag-pornographie","tag-steinstrasse-11","tag-zeitgeistmagazin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6535","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6535"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6535\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6535"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6535"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6535"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}