{"id":6567,"date":"2017-03-23T10:00:06","date_gmt":"2017-03-23T08:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6567"},"modified":"2017-03-23T10:00:06","modified_gmt":"2017-03-23T08:00:06","slug":"hohe-kultur-4von-annekathrin-kohout23-3-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/03\/23\/hohe-kultur-4von-annekathrin-kohout23-3-2017\/","title":{"rendered":"Hohe Kultur (4)von Annekathrin Kohout23.3.2017"},"content":{"rendered":"<p>Die Verachtung der popul\u00e4ren Kultur durch die Neuen Rechten<\/p>\n<p><!--more --><\/p>\n<p>Teil 4 der Serie von <a title=\"website merkur-blog\" href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/blog\/\" target=\"_blank\">Merkur-Blog<\/a> und pop-zeitschrift.de<\/p>\n<p>Auf YouTube gibt es ein etwa 17-min\u00fctiges Video, das den Titel \u201eThe Truth about Popular Culture\u201c tr\u00e4gt. Es ist Teil einer ganzen Reihe von Filmen auf dem Kanal von Paul Joseph Watson, die dazu dienen sollen, vermeintliche L\u00fcgen zugunsten der \u201eWahrheit\u201c aufzudecken. Man kann von Verschw\u00f6rungstheorien im YouTube-Format sprechen.<\/p>\n<p>Watson ist ein selbstbewusster und erkl\u00e4rter Vertreter der sogenannten Neuen Rechten, wobei die Konzeption dieser politischen Str\u00f6mung nicht genau definiert werden kann. Er kommt aus Gro\u00dfbritannien, doch seine Filme und Texte dienen meist der Unterst\u00fctzung und Verteidigung des amerikanischen Pr\u00e4sidenten Donald Trump. Neben seinem YouTube-Kanal, der beinahe 800.000 Follower z\u00e4hlt, schreibt er regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Alex Jones\u2019 Webseite <a href=\"http:\/\/infowars.com\">infowars.com<\/a>, eine der popul\u00e4rsten Plattformen f\u00fcr \u201eFake News\u201c in Amerika.<\/p>\n<p>Das Video \u201eThe Truth about Popular Culture\u201c ist deshalb so interessant, weil es nicht nur die g\u00e4ngigen Ressentiments der Neuen Rechten gegen\u00fcber dem \u2013 oft pauschal so genannten \u2013 \u201eEstablishment\u201c, sondern genauso die bildungsb\u00fcrgerlichen Ressentiments gegen\u00fcber der Massenkultur versammelt. Anschaulich gemacht werden die Vorurteile am Beispiel der \u201epopular culture\u201c, die \u2013 damit sie so verschiedenartige Ressentiments vereinen kann \u2013 unscharf definiert ist, um nicht nur Reality-TV und anspruchsvolle Popkultur, sondern sogar Konzeptkunst zu umfassen.<\/p>\n<p>In dem Video verbinden sich also zwei ideengeschichtliche Traditionen, einerseits die oftmals ge\u00fcbte, aber nicht nur rechte Kritik an moderner Kunst \u2013 von \u201eEntarteter Kunst\u201c bis Ephraim Kishon \u2013, andererseits die bildungsb\u00fcrgerliche und vereinzelt auch linke Kritik an der kommerzialisierten popul\u00e4ren Kultur und ihrer kulturindustriellen Produktionstechnologie. Bei beiden Traditionen handelt es sich um Spielarten des Kulturpessimismus.<\/p>\n<p>Paul Joseph Watson changiert zwischen diesen beiden Traditionen des Kulturpessimismus. Das ist verwirrend, weil sie sich in ihren groben Varianten in ihren Motivationen widersprechen. W\u00e4hrend die einen den \u201eUntergang\u201c der westlichen Zivilisation an der Hochkultur ablesen, mit der Motivation, Kritik an einer sich immer weiter isolierenden Elite zu formulieren, sehen die anderen in der popul\u00e4ren Kultur Anzeichen f\u00fcr den Kulturverfall und wollen damit nicht zuletzt gerade ihr eigenes Elitebewusstsein sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eWhy is popular culture so contrived, plastic, empty, meaningless, grotesque and incredibly retarded?\u201c \u2013 Authentizit\u00e4t versus K\u00fcnstlichkeit<\/p>\n<p>In den Debatten \u00fcber kulturelle Identit\u00e4t, die vor dem Hintergrund der \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c besonders virulent geworden ist, kommt es innerhalb rechtsorientierter Debatten h\u00e4ufig zu einer Glorifizierung der Hochkultur, unter der man \u2013 was die Beispiele betrifft \u2013 historische Werke aus dem klassischen Bildungskanon versteht. So auch Watson, der als \u201eKunst\u201c und \u201ehohe Kultur\u201c die Sixtinische Kapelle, Shakespeare und \u201eBeethoven not Bieber\u201c nennt. Zudem wird Hochkultur als \u201eLeitkultur\u201c der westlichen Zivilisation angesehen, w\u00e4hrend der \u201epopul\u00e4ren Kultur\u201c die Einheit stiftende Funktion aberkannt wird: nicht einmal als \u201eVolkskultur\u201c erlangt sie G\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Watson fragt ungl\u00e4ubig: \u201eBut why is popular culture so contrived, plastic, empty, meaningless, grotesque and incredibly retarded?\u201c. Antworten findet er im sogenannten \u201ecultural marxism\u201c.<\/p>\n<p>\u201eCultural marxism\u201c ist ein gel\u00e4ufiger Kampfbegriff der Neuen Rechten in den USA und beschreibt eine Verschw\u00f6rungstheorie, nach der die \u201eLinken\u201c gezielt die Kultur und Moral des Landes \u2013 welche sich f\u00fcr die Verfechter der Theorie wesentlich im \u201eAmerican Way of Life\u201c ausdr\u00fcckt \u2013 zerst\u00f6ren wollen. Begonnen habe die Verschw\u00f6rung in den 1930er Jahren, als Vertreter der Frankfurter Schule ins amerikanische Exil gefl\u00fcchtet sind. Dort h\u00e4tten sie, so referiert der Autor Thomas Pfeiffer in seinem Buch\u00a0 \u201eDie Neue Rechte \u2013 eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie?\u201c die Legende, \u201eeine unorthodoxe Form des Marxismus entwickelt[], die sich mit der amerikanischen Kultur und nicht mit dem Wirtschaftssystem der USA auseinandersetzt[]. Diese Gruppe habe sich zum Ziel gesetzt, der amerikanischen Gesellschaft zu vermitteln, dass Stolz auf die europ\u00e4ische Abstammung und Ethnie schlecht und sexuelle Befreiung gut sowie christliche \u201afamily values\u2018 reaktion\u00e4r und r\u00fcckschrittlich seien\u201c (Wiesbaden 2004, S. 177). Gedanken, die sich im Postmodernismus, wie Watson ihn versteht, fortsetzten.<\/p>\n<p>In diese Rhetorik der Verschw\u00f6rung steigt Watson in seinem YouTube-Video unmittelbar ein, wenn er verlautbart, \u201esie\u201c \u2013\u00a0die Postmodernisten \u2013 w\u00fcrden daran arbeiten, das Bild der Gesellschaft g\u00e4nzlich umzugestalten. Dadurch h\u00e4tten sie alles h\u00e4sslich gemacht. Er zeigt seinen Zuschauern ein Bild nach dem anderen, um visuell zu bezeugen, wie h\u00e4sslich alles geworden ist: die Architektur, die Kunst und die Stars.<\/p>\n<p>\u201eThe goal? To completely undermine the foundation of western civilization and leave us open to subversion and capitulation\u201c, mutma\u00dft Watson \u00fcber die Absichten der \u201ePostmodernisten\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-13.34.51.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6568 \" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-13.34.51.png\" alt=\"Popular_Culture_1\" width=\"501\" height=\"282\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-13.34.51.png 810w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-13.34.51-300x169.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-13.34.51-768x432.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201ePostmodernists seeks to invade the distinction between high culture and popular culture\u201c \u2013 Grenzen versus Entgrenzung<\/p>\n<p>Und wie gehen die \u201ePostmodernisten\u201c bei der Umgestaltung vor?, m\u00f6chte man fragen. Die Antwort h\u00e4lt Watson sogleich parat: indem Grenzen verwischt werden. Auch die Grenze zwischen Hochkultur und popul\u00e4rer Kultur. So stellt Watson fest, dass die popul\u00e4re Kultur sich in den letzten Jahrzehnten systematisch der gesamten (hochkulturellen) Kulturlandschaft bem\u00e4chtigt habe, weshalb es mittlerweile keine Grenze mehr zwischen \u201ehigh\u201c und \u201elow\u201c gebe.<\/p>\n<p>Nun ist dieser Befund nicht falsch, nur die Bewertung fragw\u00fcrdig. Tats\u00e4chlich spricht gegenw\u00e4rtig kaum jemand mehr von \u201ehoher Kultur\u201c und schon gar nicht von dem \u00c4quivalent der \u201eniederen Kultur\u201c. Das ist die Folge einer Sensibilisierung f\u00fcr Bedingungen und Umst\u00e4nde. Artefakte werden in Abh\u00e4ngigkeit zu ihrem Kontext bewertet. Nicht mehr in \u201enieder\u201c oder \u201ehoch\u201c eingeteilt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend diese Entwicklung zumeist als Leistung des Postmodernismus und als zivilisatorischer Fortschritt gedeutet wird, nehmen die Vertreter der Neuen Rechten sie als egalisierend und entgrenzend wahr. Sie wollen klar definiert sehen, was hoch und nieder \u2013 und damit auch mehr oder weniger wert\u00a0\u2013 ist. Sie fordern begriffliche Grenzen und, wie wir wissen, auch reale Grenzen.<\/p>\n<p>Watson gelangt zu der Schlussfolgerung, dass \u201edie Postmodernisten\u201c <em>absichtlich<\/em> die Grenze zwischen high und low verwischen, sprich, einen <em>gezielten<\/em> Angriff auf die westliche Zivilisation aus\u00fcben: \u201ePostmodernists seeks to invade the distinction between high culture and popular culture.\u201c Auf eine komplexere Ursachenforschung wird zugunsten verschw\u00f6rungstheoretischer Mutma\u00dfungen verzichtet. Dieses Vorgehen zeichnet sich als deutliches Muster der Neuen Rechten ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201cPopular culture is making us miserable and lonely\u201c \u2013 Bildungsb\u00fcrgerliche Kritik an der Popul\u00e4ren Kultur?<\/p>\n<p>Mittlerweile gibt es ja einen ganzen Begriffsapparat, um das, was man unter \u201epopul\u00e4rer Kultur\u201c versteht, n\u00e4her zu beschreiben: von \u201eniederer Kultur\u201c \u00fcber \u201eVolkskultur\u201c und \u201eMassenkultur\u201c bis hin zu \u201ePopkultur\u201c. Einige werden mit positiven, andere mit negativen Konnotationen versehen. So verstehen viele unter \u201epopul\u00e4rer Kultur\u201c als \u201ePopkultur\u201c eine k\u00fcnstlerisch anspruchsvolle Massenkultur oder gar ein singul\u00e4res \u00e4sthetisches Ph\u00e4nomen. Unter \u201epopul\u00e4rer Kultur\u201c als \u201eniedere Kultur\u201c verstehen andere wiederum das Primitive, Vulg\u00e4re und Kitschige. So auch Paul Joseph Watson, wenn er seinen Blick auf das Fernsehen richtet.<\/p>\n<p>Im Fernsehen, so Watson, geht es nur um zerbrochene Familien und entmannte M\u00e4nner. Die Stars, die das Fernsehen hervorbringt \u2013\u00a0und unter denen er sich haupts\u00e4chlich Reality-Show-Prominente vorstellt \u2013, seien immer narzisstisch, unmoralisch und gest\u00f6rt. Fr\u00fcher, f\u00e4hrt Watson grimmig fort, bedurfte es eines einschl\u00e4gigen Talents, um ber\u00fchmt zu werden. Heute w\u00fcchse der Grad an Ber\u00fchmtheit proportional zum Grad an Geschmacklosigkeit. An die Stelle des Talents habe sich das Vulg\u00e4re gesetzt. Und an die Stelle der Bedeutung sei Narzissmus getreten.<\/p>\n<p>Als Beispiel zeigt er ein Bild von Lena Dunham. Ja, gerade Dunham \u2013 die f\u00fcr viele eine Figur der anspruchsvollen Popkultur ist \u2013 wird mit jedem Big-Brother-Teilnehmer gleichgesetzt. Eine Strategie? Ein Seitenhieb gegen den Feminismus, als dessen Ikone Dunham fungiert? Eine gezielte Entkontextualisierung? Der Vorwurf der Entgrenzung ist daher nicht haltbar, sondern entpuppt sich als Angriff auf bestehende Grenzen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-14-um-13.58.41.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6570 \" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-14-um-13.58.41.png\" alt=\"Lena_Dunham\" width=\"500\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-14-um-13.58.41.png 729w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-14-um-13.58.41-300x168.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt wird all das, was die \u201ePostmodernisten\u201c als kluge Auseinandersetzung mit Rollenbildern und Stereotypen betrachten, von Watson als eine Fetischisierung des Pathologischen empfunden und dargestellt \u2013 hei\u00dft, von Pornografie oder Transgender. Bei Conchita Wurst, die er im Hintergrund einblendet, spricht er sogar von \u201eEntartung\u201c (\u201edegeneracy\u201c).<\/p>\n<p>Und was das Schlimmste daran sei \u2013 Watson redet sich nun in Rage \u2013, dass diese Stars den Zuschauern die Idee \u201eindoktrinieren\u201c w\u00fcrden, dies sei tats\u00e4chlich die \u201eWirklichkeit\u201c und habe als gro\u00dfes Vorbild zu dienen. \u201eThe more TV you watch, the more depressed you are\u201c, schlussfolgert Watson.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst h\u00f6rt sich Watsons Kritik an der popul\u00e4ren Kultur an vielen Stellen ganz nach Adornos Kritik an der Kulturindustrie an, die Individuen auf ihre Konsumentenrolle reduziere und diese nur mit trivialen oberfl\u00e4chlichen Nichtigkeiten abspeise. Auch Adorno, der nach Ansicht der Neuen Rechten mit seiner Emigration nach Amerika den kulturellen Marxismus und damit das vermeintliche Unheil in die Welt von Watson gebracht habe, betrachtete diese Trivialisierung als eine von Eliten gef\u00fchrte Kulturpr\u00e4gung und nicht als eine aus den Bed\u00fcrfnissen der Massen entstandene Volkskultur. Doch im Gegensatz zu Watson sind die \u201eEliten\u201c, wie sie Adorno versteht, keine Akteure einer Verschw\u00f6rung, sondern Agenten des Kapitalismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eThey call it an art gallery!\u201c &#8211; Kritik an moderner Kunst<\/p>\n<p>Neben Reality-TV und Lena Dunham subsumiert Watson zuletzt auch moderne und zeitgen\u00f6ssische Kunst unter \u201epopul\u00e4re Kultur\u201c. Sie sei das anschaulichste Resultat des \u201epostmodernen Krieges gegen die absolute Wahrheit\u201c und Ausdruck eines \u201egest\u00f6rten Glaubens, einfach alles k\u00f6nne zur Kunst erkl\u00e4rt werden\u201c. Mit gro\u00dfer Verzweiflung fragt Watson: \u201eWarum wird moderne Kunst, die von Sch\u00f6nheit inspiriert ist, zugunsten von M\u00fcll ignoriert?\u201c Er blendet Beispiele ein, wo ein Kunstwerk f\u00fcr M\u00fcll, oder M\u00fcll f\u00fcr ein Kunstwerk gehalten worden sei, um die Ununterscheidbarkeit zu belegen. Dann fragt er weiter: \u201eHaben Sie schon mal die Tate Modern in London besucht? Das riesige Geb\u00e4ude voller Metall-Schrott, Stein-Bl\u00f6cke und Urinale? Sie nennen es ein Kunstmuseum! Nach was sieht das f\u00fcr Euch aus?\u201c Schlie\u00dflich zeigt Watson zwei Detailaufnahmen, auf denen Hundekot in einer T\u00fcte sowie Hundefutter im Napf zu sehen ist. \u201eWie sieht das aus?\u201c, fragt er. \u201eNach Hundekot und Hundefutter?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-15.46.42.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6569 \" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-15.46.42.png\" alt=\"Popular_Culture_2\" width=\"502\" height=\"144\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-15.46.42.png 941w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-15.46.42-300x86.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2017-02-21-um-15.46.42-768x220.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 502px) 100vw, 502px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u201eNo. It\u2019s modern conceptual art.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist auch diese Betrachtung von Kunst, die auf dem Prinzip des Ready-Made basiert, mittlerweile Klischee (\u201eIst das Kunst, oder kann das weg?\u201c). Man denke etwa an Ephraim Kishon, der in seinen sehr popul\u00e4ren Picasso-B\u00fcchern (\u201ePicasso war kein Scharlatan\u201c, 1989, und \u201ePicassos s\u00fc\u00dfe Rache\u201c, 1995) Moderne Kunst als brillant geplante Volksverdummung betrachtet. \u201eEs ist ihnen [den Mitgliedern der fundamentalistischen Organisation \u201aModerne Kunst\u2018] gelungen, im Bewu\u00dftsein ihrer Opfer die L\u00e4cherlichkeit zum Mythos und den himmelschreienden Unsinn zur letzten Weisheit umzufunktionieren\u201c, schreibt er 1995.<\/p>\n<p>Doch bei Watson hat man das Gef\u00fchl, er geht noch einen Schritt weiter. Bewusst scheint er Ready-Mades als <em>Integration<\/em>sversuch trivialer Gegenst\u00e4nde in die Sph\u00e4re der Hochkultur zu interpretieren. Auch hier muss man es direkt formulieren: Wie wir jeden Fl\u00fcchtling in unser Land lassen, wird auch jede Trivialit\u00e4t in die Kunst aufgenommen \u2013 so die Logik.<\/p>\n<p>Bereits bei Lena Dunham wurde deutlich, dass es Grenzen gibt und diese sogar eine Grundlage ihrer Arbeit darstellen. Bei Ready-Mades wird es jedoch noch anschaulicher, ja nahezu modellhaft, dass sie nur funktionieren, <em>weil<\/em> es klare Grenzen gibt. Man muss noch weitergehen und sagen, dass sie letztlich sogar auf diese Grenze hinweisen. Es geht eben nicht darum, das Profane in die Hochkultur aufzunehmen, sondern darum, zu zeigen, wie klar die Grenze, wie stark und elit\u00e4r die Hochkultur \u2013 versinnbildlicht im White Cube \u2013 ist, dass nicht mal ein Urinal dies zu ersch\u00fcttern vermag.<\/p>\n<p>Nochmal die Frage: Eine Strategie? Oder doch ein Missverst\u00e4ndnis? In Watsons Wahrnehmung eine Gegenstrategie. Das Unheil der Postmoderne sieht er nicht nur im Autorit\u00e4tsschwindel, sondern vor allem in der Entgrenzung. Wobei sich die Entgrenzung f\u00fcr ihn darin ausdr\u00fcckt, die Kontexte \u00fcber die Inhalte zu stellen.<\/p>\n<p>Insofern ist es nicht weit hergeholt, die Entkontextualisierung, die er seiner Auseinandersetzung vorausgehen l\u00e4sst, als bewusste Gegenstrategie zu begreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eNo Diversity\u201c &#8211; Toleranz als Norm, Konservativismus als Gegenkultur<\/p>\n<p>Eine weitere Gegenstrategie besteht darin, das Resultat von Kontextualisierung und damit Entgrenzung \u2013 n\u00e4mlich Toleranz und \u201eDiversity\u201c \u2013 mit dem Vorzeichen \u201eKonservativismus\u201c zu versehen. Dabei handelt es sich vor allem um den Versuch, die \u201ePostmodernisten\u201c mit den eigenen Waffen zu schlagen. Wo es nur noch darum geht, so die Argumentation, Minderheiten oder Randgruppen zu integrieren und damit bestehende Normen aufzubrechen, ist Toleranz selbst zur Norm geworden \u2013 und wahrlich nichts \u201eBesonderes\u201c mehr. Wo nach Differenzierung gestrebt wird, herrscht Gleichmacherei.<\/p>\n<p>Nicht eine einzige authentische Bewegung habe es innerhalb der popul\u00e4ren Kultur im letzten Vierteljahrhundert gegeben, betrauert Watson. Fr\u00fcher h\u00e4tten junge Leute die M\u00f6glichkeit gehabt, ihre \u00c4ngste und ihren \u00c4rger \u00fcber das Medium der rebellischen Musik zum Ausdruck zu bringen. Heute h\u00f6ren jedoch alle nur sterile triviale Musik wie \u201eOne Direction\u201c oder \u201eMaroon Five\u201c (das Video wurde 2017 ver\u00f6ffentlicht). Alle haben die gleiche Meinung und den gleichen Stil.<\/p>\n<p>In der Vergangenheit h\u00e4tten Studenten stets eine Gegenkultur entwickelt. Aber diese habe sich nun \u201ein der popul\u00e4ren Kultur verfl\u00fcchtigt\u201c. Heute, bedauert Watson zutiefst, besch\u00e4ftigen sich Studierende mit \u201eSafe Spaces, Political Correctness, Virtue Signaling, and Gender Studies.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTHERE IS NO COUNTER CULTURE\u201c ruft Paul Joseph Watson eindringlich in die Kamera. \u201eDa ist keine Authentizit\u00e4t, kein Wagemut, keine Individualit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Es ist paradox zu sehen, wie Watson Gegenkultur in gewisser Weise als Hochkultur anerkennt (als Beispiele f\u00fcr gute Gegenkulturen nennt er Punk, Grunge und Gothic) und nicht mehr als \u201epopul\u00e4re Kultur\u201c labelt. Aber es zeigt, wie er \u2013 offensichtlich der Differenzierung f\u00e4hig \u2013 den kulturellen f\u00fcr seinen politischen Diskurs instrumentalisiert, unabh\u00e4ngig von \u00e4sthetischen oder historischen Kriterien.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Popul\u00e4re Kultur ziehe den Hass islamistischer Terroristen auf die westliche Welt<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt des Videos ist, wenn Watson die popul\u00e4re Kultur f\u00fcr die Terroranschl\u00e4ge auf unsere westliche Welt verantwortlich macht. Denn popul\u00e4re Kultur sei derart vulg\u00e4r, dass sie zwangsl\u00e4ufig zu einer Radikalisierung islamistischer Terroristen f\u00fchren m\u00fcsse: \u201eJersey Shore and Miley Cyrus are actually seen by terrorists. As a legimate reason to attack the West.\u201c Und diesen Spa\u00df kann sich Watson dann doch nicht verkneifen: \u201eAnd who could argue with them?\u201c<\/p>\n<p>Dieses Argument ist zugleich sein letzter Gegenschlag. Denn er glaubt, auf die gleiche Weise Opfer zu T\u00e4tern zu machen, wie es das \u201eEstablishment\u201c vermeintlich mit gesellschaftlichen \u201eVerlierern\u201c macht. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um ein \u201eSelbst Schuld!\u201c vor dem Hintergrund des American Way of Life oder des Nationalsozialismus handelt. Beobachtet man die Neuen Rechten in den Sozialen Medien, wird schnell deutlich, dass sie nicht nur global vernetzt sind, sondern dass sich ihre Motive immer mehr verdichten.<\/p>\n<p>\u201eIt\u2019s incredibly important to red pill Generation Z\u201c, wendet sich Watson zu guter Letzt im ersten Kommentar zum Video an seine Zuschauer. Das ist ein g\u00e4ngiges Motiv: Oft wird in der rechten Szene auf die rote Pille im Film \u201eMatrix\u201c angespielt, die als Synonym f\u00fcr \u201eWahrheit\u201c gilt. Gleichzeitig wird damit eine Welt beschrieben, die sich als Illusion darstellt, mit der Absicht, die unsch\u00f6ne \u201eWahrheit\u201c zu vertuschen. Genauso ist die Bezeichnung \u201eGeneration Z\u201c eine Anspielung auf die von Stephen Bannon produzierte verschw\u00f6rungstheoretische Dokumentation \u201eGeneration Zero\u201c von 2010. Darin macht er unter anderem Woodstock f\u00fcr die Entstehung einer r\u00fccksichtslosen und narzisstischen Generation verantwortlich, f\u00fcr den \u201eWeltverbesserungswahn\u201c und alles, f\u00fcr das das gegenw\u00e4rtige Kulturestablishment steht. Den verhassten Kult des Egos veranschaulicht er an Billy Idol, Michael Jackson und Larry Hagman alias J. R. Ewing.<\/p>\n<p>Es ist interessant, dass auch in Bannons Film popul\u00e4re Kultur als Feindbild vorgef\u00fchrt wird. Denn nun kann man die Frage wirklich nicht mehr zur\u00fcckhalten, wie die Auswahl von Donald Trump als Ikone dieser Neuen Rechten zustande kam. Wo er doch zugleich als langj\u00e4hriger Reality-TV-Star eine Ikone jener popul\u00e4ren Kultur war und ist, die Watson wie Bannon verteufeln.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"The Truth About Popular Culture\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/lyLUIXWnrC0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website kohout\" href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\/\" target=\"_blank\">Annekathrin Kohout<\/a>\u00a0ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>Hohe Kultur:<br \/>\nTeil 1: <a title=\"Hohe Kultur Teil 1\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/02\/02\/hohe-kultur-1merkur-blog-und-pop-zeitschrift2-2-2017\/\" target=\"_blank\"> Einleitung<br \/>\n<\/a>Teil 2: <a title=\"Hohe Kultur Teil 2\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/02\/28\/hohe-kultur-2von-thomas-hecken28-2-2017\/\" target=\"_blank\">Hohe und niedrige Metaphern \u2013 \u201ahigh culture\u2018, \u201alow culture\u2018 u.a.<\/a><br \/>\nTeil 3: <a title=\"Hohe Kultur Teil 3\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/03\/13\/hohe-kultur-3von-christina-dongowski13-3-2017\/\" target=\"_blank\">Elphi \u2013 oder Hochkultur als Subventionsbetrug<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verachtung der popul\u00e4ren Kultur durch die Neuen Rechten<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[484,1010,1286,1650,1750,1816,1845,1859,1877,2573],"class_list":["post-6567","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-cultural-marxism","tag-hohe-kultur","tag-konzeptkunst","tag-neue-recht","tag-paul-joseph-watson","tag-pop","tag-popkultur","tag-populare-kultur","tag-postmoderne","tag-youtube"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6567","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6567"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6567\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6567"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6567"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6567"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}