{"id":6631,"date":"2017-03-13T10:57:35","date_gmt":"2017-03-13T08:57:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6631"},"modified":"2017-03-13T10:57:35","modified_gmt":"2017-03-13T08:57:35","slug":"hohe-kultur-3von-christina-dongowski13-3-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/03\/13\/hohe-kultur-3von-christina-dongowski13-3-2017\/","title":{"rendered":"Hohe Kultur (3)von Christina Dongowski13.3.2017"},"content":{"rendered":"<p>Elphi \u2013 oder Hochkultur als Subventionsbetrug<!--more --><\/p>\n<p>Teil 3 der Serie von <a title=\"website merkur-blog\" href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/blog\/\" target=\"_blank\">Merkur-Blog<\/a> und pop-zeitschrift.de<\/p>\n<p>Von Hochkulturen bleibt oft nichts anderes zur\u00fcck als die beeindruckenden Ruinen ihrer Prestigebauten: die Zikkurate von Ur, die Cheops-Pyramide, Angkor Wat, Machu Picchu, der Pergamon-Altar. Oder die Hamburger Elbphilharmonie.<\/p>\n<p>Die Besucherinnen str\u00f6men, um das \u201eJuwel der Kulturnation\u201c (Bundespr\u00e4sident Gauck in seiner Er\u00f6ffnungsrede) zu bestaunen. F\u00fcr 2017 sind alle Veranstaltungen ausgebucht. Menschen sind sogar bereit, sich zeitgen\u00f6ssische Musik anzuh\u00f6ren, nur um einen Blick in das Sanctum Sanctorum werfen zu k\u00f6nnen: der gro\u00dfe Saal mit seiner \u201eWeltklasse-Akustik\u201c.<\/p>\n<p>Wobei die Gefahr, in ein Konzert mit zeitgen\u00f6ssischer Musik zu geraten, klein ist. Die Programmierung der Konzerte orientiert sich brav an den Standards des Klassik-Betriebs: viel Wiener Klassik, viel 19. Jahrhundert, ein bisschen Alte Musik, ein bisschen Neue, ein bisschen Jazz und dazwischen mal was \u201eGewagtes\u201c wie ein Konzert der Einst\u00fcrzenden Neubauten oder \u00e4hnlicher Avantgarde- bzw. Subkultur-Darsteller.<\/p>\n<p>Wie gut die Akustik tats\u00e4chlich ist und was das \u00fcberhaupt hei\u00dft \u2013 eine gute Akustik \u2013, werden die meisten Besucherinnen vermutlich nicht beurteilen k\u00f6nnen. Wer hat schon die ausgebildeten Ohren, die Erfahrung und das Erinnerungsverm\u00f6gen, um sich sinnvoll \u00fcber die Unterschiede der Akustik in den Konzerts\u00e4len und Opernh\u00e4usern dieser Welt zu \u00e4u\u00dfern? Und wer kann gegen den Sound anh\u00f6ren und ansprechen, den die 900 Millionen Euro machen, die Stadt und Bund sich die ganze Kiste haben kosten lassen? Ein paar Musikkritiker haben sich dann zwar tats\u00e4chlich nicht so euphorisch zur Er\u00f6ffnungsfeier und zur Akustik ge\u00e4u\u00dfert, aber die durften das. Schlie\u00dflich wurde das riesige Immobilien- und Tourismus-Wirtschafts-F\u00f6rderung-Projekt ja als Kulturpolitik verkauft. Da passt eine Musikkritik ins gew\u00fcnschte Bild.<\/p>\n<p>Spannend wird es, wenn man sich anschaut, auf wessen und auf welche Kritik an der Elbphilharmonie nicht so freundlich reagiert wird. Was gar nicht geht: in Frage stellen, dass die Gesellschaft \u00fcberhaupt so viel Geld f\u00fcr eine Konzerthalle ausgeben sollte. Wer die Kosten f\u00fcr die Elbphilharmonie mit den seit Jahren nicht erh\u00f6hten F\u00f6rderungen f\u00fcr traditionelle Hamburger Kulturinstitutionen oder gar denen f\u00fcr freie Tr\u00e4ger in Verbindung bringt, sieht sich sofort dem Vorwurf des Hochkultur-Bashings ausgesetzt. (Der Kulturetat betrug 2015\/2016 262 Millionen Euro.) Und so jemand ist ja nur noch zwei Schritte vom W\u00e4hlen der AfD entfernt. Das war schon immer der Vorteil derer, die sich als Hochkultur inszenieren konnten: Wer das Konzept in Frage stellt, ist ein Banause \u2013 jemand, der die Hierarchien von symbolischen und materiellen Werten, die unsere Gesellschaft strukturieren, grunds\u00e4tzlich in Frage stellt. Ob aus schlichtem Unwissen oder aus revolution\u00e4rer Absicht, ist dabei im Prinzip egal (oder vom Hochkultur-Standpunkt aus schlicht dasselbe).<\/p>\n<p>Dass einem bei der Elbphilharmonie auch Diskutanten diesen Vorwurf machen, die sich selbst eher im links-alternativen Spektrum verorten, macht die Diskussion wiederum interessant. Und der defensive Ton, mit dem man sich hinter Beethoven und dem Prestige der Klassischen Musik gegen KritikerInnen verschanzt. Fast 20 Jahre unter der Herrschaft der schwarzen Null und der damit verbundenen Prekarisierung auch etablierter Kulturinstitutionen bis hin zur Schlie\u00dfung oder Aufl\u00f6sung von Museen, Theatern und Orchestern, vom Ruhrgebiet bis nach Anklam, haben die ProtagonistInnen vieler Kunst- und Kulturszenen wohl so demoralisiert, dass sie \u2013 ausgerechnet \u2013 die Elbphilharmonie als Bekenntnis des Staates und der Gesellschaft zur Kulturf\u00f6rderung als Staats- und Gemeinschaftsaufgabe zu werten scheinen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Kultur da gef\u00f6rdert wird, scheint dann fast schon egal \u2013 und hier hat der Weltgeist dann eine seiner sch\u00f6nen Ironien parat: Ausgerechnet Klassische Musik, die am weitesten von den kulturellen Praxen der meisten Menschen, auch in Hamburg, entfernte Form der Kultur \u00fcberhaupt, wird von einer gro\u00dfen Koalition der Wohlmeinenden als die Wiederkunft des gro\u00dfen sozialdemokratischen Aufbruchs einer \u201eKultur f\u00fcr Alle\u201c gefeiert.<\/p>\n<p>Das ist nicht nur so bizarr, weil Klassische Musik quasi 1 : 1 der Standarddefinition von Hochkultur entspricht, wie diese sich gerne selbst definiert: als eine Kunst, die sowohl bei den Aus\u00fcbenden als auch bei den Rezipienten extrem viel kontextuelles Wissen und Habitualisierung voraussetzt. Klassische Musik ist n\u00e4mlich auch eine der wenigen Kunstformen, die sich noch sozio-\u00f6konomisch und habituell einer recht genau definierbaren, sehr homogenen Gruppe zuordnen l\u00e4sst: \u00dcber 60 Prozent der BesucherInnen klassischer Konzerte sind Pension\u00e4rInnen oder RentnerInnen, die einen akademischen Abschluss haben und \u00fcber mehr als 2000 Euro monatliches Einkommen verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Und es kommt fast kein Nachwuchs hinterher, selbst aus den Reihen der Kinder und Enkel dieser privilegierten Schicht nicht. Auch wenn die alle Klavier oder Geige lernen mussten. Veranstalter von Klassischen Konzerten und die Musikindustrie bekommen das immer deutlicher zu sp\u00fcren. (Wie der Klassik-Betrieb bei stagnierenden bis zur\u00fcckgehenden Besucherzahlen eine Verdopplung der in Hamburg kommerziell zu bespielenden Fl\u00e4che stemmen will, ist auch so eine Frage, die niemand so gerne h\u00f6rt.)<\/p>\n<p>Die Hamburger SteuerzahlerInnen (ein paar Millionen vom Bund stecken auch noch drin) finanzieren also mit knapp 900 Millionen Euro das kostspielige Hobby einer sowieso schon extrem privilegierten gesellschaftlichen Schicht, von der auch noch ein erklecklicher Teil gar nicht aus Hamburg kommen wird. Und wenn alles so l\u00e4uft wie \u00fcblich bei solchen Projekten, wird es nicht bei dieser Summe bleiben, sondern auf st\u00e4ndige Subventionen durch den Stadthaushalt hinauslaufen.<\/p>\n<p>Selbst Musikkritiker, die das Konzept \u201eHochkultur\u201c mit all seinen Implikationen des Ausschlusses und der Abwertung anderer k\u00fcnstlerischer und kultureller Praxen bejahen, plagt das dumpfe Gef\u00fchl, dass man mit dem Etikett allein keine Fantastillarden-Ausgaben mehr rechtfertigen kann. Das ist der Moment, in dem die Kultur- bzw. Kunstvermittlung \u2013 und das verbilligte Eintrittsticket \u2013 ihren gro\u00dfen Auftritt haben: Den Kritikern dieser Subventionierungsorgie f\u00fcr eine aussterbende Kulturform wird das umfangreiche Programm der Elbphilharmonie entgegengehalten, das Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen den Zugang zur Welt der Klassik er\u00f6ffnen will \u2013 und das f\u00fcr kleines Geld. Und selbst f\u00fcr die regul\u00e4ren Konzerte g\u00e4be es schon Tickets f\u00fcr unter 10 Euro. O-Ton Olaf Scholz: Jedes Kind aus Hamburg soll einmal w\u00e4hrend seiner Schulzeit in der Elbphilharmonie ein Konzert geh\u00f6rt haben. Das klingt erst mal sch\u00f6n und gut \u2013 und bindet \u00fcber ein paar Stellen und Projekte auch sicher einige der Protagonisten der prek\u00e4rer finanzierten Hamburger Kulturszene an die Elbphilhamonie (und neutralisiert sie damit auch als m\u00f6gliche KritikerInnen).<\/p>\n<p>Kaum einem der wohlmeinenden Musikp\u00e4dagogen aus gutem Hause scheint aufzufallen, dass sich diese Programme auch leicht als Versuch lesen lassen, zwar neue Besuchergruppen erschlie\u00dfen zu wollen, diese aber tunlichst vom eigentlichen Publikum fernzuhalten, \u2013 bis sie dann mal soweit sind, unter zivilisierten Menschen klassische Musik h\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Dass Menschen mit weniger privilegiertem, nicht-b\u00fcrgerlichem Hintergrund solche subtilen Zur\u00fcckweisungen ihrer eigenen kulturellen Kompetenzen und Pr\u00e4ferenzen sehr sensibel wahrnehmen (und leider oft auch internalisieren), ist zwar mittlerweile Thema innerhalb der Kultur- und Museumsp\u00e4dagogik, aber in der Praxis kaum angekommen, \u2013 auch nicht in der Elbphilharmonie. Entsprechend bescheiden sind bisher die Erfolge in der Erschlie\u00dfung neuer Besucherschichten f\u00fcr Klassische Musik und Oper. Und selbst Museen, die hier viel weiter sind, haben es schwer, \u00fcber die \u00fcblichen b\u00fcrgerlichen Kreise hinauszukommen.<\/p>\n<p>Auch bei der Elbphilharmonie \u2013 und hier aufgrund der wichtigen Funktion, die Kulturvermittlung bei der Legitimation dieser Titanic der Hochkultur \u00fcberhaupt einnimmt, vielleicht ganz besonders, \u2013 bleibt v\u00f6llig unbefragt, ob und warum das, was da vermittelt werden soll, \u00fcberhaupt von Interesse f\u00fcr die Zielgruppen ist. Und ob es sie \u00fcberhaupt erreicht. Was soll zum Beispiel f\u00fcr M\u00e4dchen und junge Frauen, die das Werk von Beyonc\u00e9, Nicki Minaj oder Sertab Erener nachsingen und -tanzen k\u00f6nnen, an der Elbphilharmonie und der Heranf\u00fchrung an Beethoven und Mahler attraktiv sein?<\/p>\n<p>Schon die h\u00fcbschen Bilder, mit denen die Website der Elbphilharmonie ihre Vermittlungsangebote dekoriert, sprechen eine deutliche Sprache: Da am\u00fcsieren sich lauter niedlich-adrette, meist blonde Kinder pr\u00e4chtig beim Ausprobieren von Musikinstrumenten oder w\u00e4hrend der Kinderkonzerte, begleitet von ihren M\u00fcttern und Gro\u00dfm\u00fcttern im praktischen Hamburger Schick. Serdar, Aise oder Kevin hei\u00dft da niemand.<\/p>\n<p>Und was sollten die da auch? Ein Angebot, sich auch auf die kulturellen Praxen einzulassen, die jemandem aus Wilhelmsburg vielleicht gel\u00e4ufiger sind als jemandem aus Eppendorf, findet sich nicht \u2013 noch nicht mal in der gew\u00e4hlten Sprach- und Bild\u00e4sthetik. Dass hier die besseren Hamburger Kreise die Ma\u00dfst\u00e4be setzen \u2013 und sonst niemand \u2013, deutlicher kann man es nicht machen. Man klopft sich bereits daf\u00fcr auf die Schulter, dass man nun auch ein bisschen Kohle f\u00fcr das Heranf\u00fchren der niederen St\u00e4nde an die Hochkultur investiert. Vielleicht er\u00f6ffnet sich f\u00fcr den einen oder die andere ja dadurch die Chance, selbst mal dazu zu geh\u00f6ren! Oder vielleicht entdeckt man den neuen Gustavo Dudamel? Und wahrscheinlich meinen das alle auch ganz ernst.<\/p>\n<p>Was die Wohlmeinenden tats\u00e4chlich tun, f\u00e4llt ihnen wahrscheinlich gar nicht auf \u2013 nur deswegen funktioniert das ja auch noch so reibungslos: Sie missbrauchen das (sozialdemokratische) Versprechen, sich auch durch \u00e4sthetische Bildung aus dem K\u00e4fig der begrenzenden sozialen Umst\u00e4nde emanzipieren zu k\u00f6nnen, um das eigene Bildungserlebnis und das des eigenen Nachwuchses zu finanzieren. Hochkultur in ihrer exklusiveren Form scheint immer noch oder gerade wieder alive and kicking people out: Aise putzt weiter die Klos, Serdar macht den Schlie\u00dfdienst und Kevin passt auf, dass sich keine Penner irgendwo im Geb\u00e4ude festsetzen.<\/p>\n<p>Kulturvermittlung als Programm, die \u00e4sthetischen, kulturellen und sozialen Hierarchien zu stabilisieren, \u2013 so hatte sich Hilmar Hoffmann \u201eKultur f\u00fcr Alle\u201c eigentlich nicht vorgestellt. Aber seien wir ehrlich: F\u00fcr ein emanzipatorisches Kunst- und Kulturprogramm gibt \u201eunsere\u201c Gesellschaft einfach nicht 900 Millionen Euro aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hohe Kultur:<br \/>\nTeil 1: <a title=\"Hohe Kultur Teil 1\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/02\/02\/hohe-kultur-1merkur-blog-und-pop-zeitschrift2-2-2017\/\" target=\"_blank\"> Einleitung<br \/>\n<\/a>Teil 2: <a title=\"Hohe Kultur Teil 2\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/02\/28\/hohe-kultur-2von-thomas-hecken28-2-2017\/\" target=\"_blank\">Hohe und niedrige Metaphern \u2013 \u201ahigh culture\u2018, \u201alow culture\u2018 u.a.<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elphi \u2013 oder Hochkultur als Subventionsbetrug<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[623,633,927,1010,1322],"class_list":["post-6631","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-elbphilharmonie","tag-elphi","tag-hamburg","tag-hohe-kultur","tag-kulturpolitik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6631","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6631"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6631\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6631"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}