{"id":6716,"date":"2017-04-11T08:40:27","date_gmt":"2017-04-11T06:40:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6716"},"modified":"2017-04-11T08:40:27","modified_gmt":"2017-04-11T06:40:27","slug":"der-populaere-donald-trumpvon-thomas-hecken11-4-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/04\/11\/der-populaere-donald-trumpvon-thomas-hecken11-4-2017\/","title":{"rendered":"Der popul\u00e4re Donald Trumpvon Thomas Hecken11.4.2017"},"content":{"rendered":"<p>Millionen und Milliard\u00e4re gegen das Establishment<!--more--><\/p>\n<p>[zuerst erschienen in: <a title=\"heft 10 inhalt\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/04\/05\/pop-kultur-und-kritik-heft-10-fruehling-2017inhaltsuebersicht5-4-2017\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 10<\/a>, Fr\u00fchling 2017, S. 10-21]<\/p>\n<p>Als wir vor gut f\u00fcnf Jahren diese Zeitschrift planten, mussten wir uns entscheiden, ob es nur um Popmusik, Pop-Art, Popdiskurs, Popdesign gehen sollte oder ebenfalls um Fragen der popul\u00e4ren Kultur. Dass wir auch der Popul\u00e4rkultur ihren Platz zugestanden haben, hat sich insofern rasch als richtige Entscheidung herausgestellt, als Debatten rund um Nation und Volk heute forciert gef\u00fchrt werden. Grunds\u00e4tzlich ist das keine \u00dcberraschung. In Zeiten, in denen staatliche Institutionen in mannigfacher Weise das Leben der Bev\u00f6lkerung steuern und Nationen ihre Politik daraufhin ausrichten, die eigene Bilanz in Sachen Wirtschaftswachstum und internationaler Machtaus\u00fcbung zu verbessern, besteht die politische Diskussion unabl\u00e4ssig aus der Bewertung, ob die Entscheidungen zum Wohl oder Wehe des Nationalvolks ausfallen.<\/p>\n<p>Kooperationen, B\u00fcndnisse, Freihandelsabkommen, partielle Grenz\u00f6ffnungen sind immer auch Mittel, Vorherrschaft oder Absicherung zu erreichen. Sie stellen darum nicht das Ende nationaler Konkurrenz dar, auch wenn die offiziellen, diplomatischen Reden sich zumeist im Lob der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vorteils ergehen. Aushandlungen und Konflikte innerhalb von Nationalstaaten \u00fcber das richtige Ma\u00df an Souver\u00e4nit\u00e4t, Internationalit\u00e4t, freiem Warenverkehr, Migrationssteuerung etc. stehen folgerichtig fast jederzeit auf der Tagesordnung. \u00dcberraschen kann nur (oder freilich) das Ausma\u00df und die inhaltliche Pr\u00e4gung solcher Auseinandersetzungen. Mit Blick auf die Themen unserer Zeitschrift gesagt: von Auseinandersetzungen und Konjunkturen innerhalb der Popul\u00e4r- sowie in kleinerem Ma\u00dfe manchmal auch in der Popkultur. Besonders im Bereich der Popul\u00e4rkultur geht es fortw\u00e4hrend um die Bestimmung, was das Volk substantiell ausmache und wer zu ihm geh\u00f6re.<\/p>\n<p>Mit der Wahl Donald Trumps zum Pr\u00e4sidenten der USA haben die Reden dar\u00fcber eine neue Qualit\u00e4t gewonnen, schlie\u00dflich handelt es sich um die f\u00fchrende Wirtschafts- und Milit\u00e4rmacht der Welt. Diese Weltmacht gibt sich in Gestalt Trumps zwar blo\u00df das \u00fcbliche nationale Programm vor, die eigene Macht und den eigenen Wohlstand zu mehren, die zugrundeliegende Bilanz ist jedoch au\u00dfergew\u00f6hnlich: \u00bbWe\u02bcve made other countries rich while the wealth, strength, and confidence of our country has disappeared over the horizon\u00ab, stellte Trump in seiner Antrittsrede fest. Die neue Regierung der USA vertritt die Auffassung, alle anderen h\u00e4tten von ihrer Weltmacht profitiert, nur sie selbst nicht, und leitet daraus selbstverst\u00e4ndlich den Auftrag ab, dies zu \u00e4ndern. Ob Trump f\u00e4hig sein wird, seinen bemerkenswert undiplomatischen Reden z.B. entsprechend gravierende wirtschaftspolitische Taten gegen\u00fcber der EU und China folgen zu lassen, darf man bezweifeln, dennoch reicht es nat\u00fcrlich mehr als aus, dass er nach seinen \u00c4u\u00dferungen ins Amt gew\u00e4hlt wurde, um sie grunds\u00e4tzlich ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Eine Zwischenbilanz zu Trump und dem, was sich zu seiner Wahl nach Ma\u00dfgabe der Popul\u00e4rkulturforschung sagen l\u00e4sst, ist deshalb unumg\u00e4nglich, selbst wenn man sich w\u00fcnschen w\u00fcrde, blo\u00df heiteren und hedonistischen Popthemen Aufmerksamkeit widmen zu k\u00f6nnen. Innerhalb des ernsten Themenfelds tr\u00e4gt immerhin zur Abwechslung bei, dass es eine Vielzahl recht unterschiedlicher popul\u00e4rkultureller Zug\u00e4nge gibt. Die Traditionen des Redens \u00fcber popul\u00e4re Kultur sind zahlreich, sie bieten darum in ihrer Gesamtheit einige Anregungen \u2013 popul\u00e4re Kultur quantitativ bestimmt, essentiell, karnevalesk, hegemonial, medial, unterhaltsam, kulturindustriell.<\/p>\n<p>Um mit Ziffern anzufangen: Nach der quantitativen Bestimmung popul\u00e4rer Kultur z\u00e4hlt dazu, wer nach einer Wahl weit oben in den Charts steht. Zum politisch-demokratischen Verfahren geh\u00f6rt, dass jedes wahlberechtigte Individuum nur einmal w\u00e4hlen darf (im Unterschied etwa zu Kauf-Charts, in die auch mehrfache K\u00e4ufe desselben Gegenstands durch eine Person sowie durch Institutionen eingehen). Bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl ergab die Ausz\u00e4hlung: Trump 62.985.105, Clinton 65.853.625, Gary Johnson knapp 4.5, Jill Stein knapp 1.5, andere Kandidaten ca. 2 Millionen Stimmen. Dieses Ergebnis hei\u00dft im US-amerikanischen Sprachgebrauch \u203apopular vote\u2039. Das Volk ist hier das Wahlvolk. Sieger des \u203apopular vote\u2039 ist demnach nicht Trump, sondern Hillary Clinton. Man kann noch weiter gehen und feststellen: Bei ungef\u00e4hr 250 Millionen Einwohnern, die sich im wahlf\u00e4higen Alter befinden, und ca. 231 Millionen Wahlberechtigten ist offenkundig die Nichtbeteiligung bzw. Wahlverweigerung am popul\u00e4rsten.<\/p>\n<p>\u203aPopular vote\u2039 entscheidet jedoch nicht \u00fcber die Pr\u00e4sidentschaft, sondern ein ausgekl\u00fcgeltes System, nach dem ein \u203aelectoral board\u2039 abstimmt \u2013 eine Variante in der langen Geschichte, sich in der Demokratie vor den oftmals gef\u00fcrchteten \u203aMassen\u2039 der Besitzlosen und Ungebildeten zu sch\u00fctzen: Wahlrecht nur f\u00fcr Eigent\u00fcmer, Selbstst\u00e4ndige, M\u00e4nner, Erwachsene; viele unterschiedliche Regeln f\u00fcr die W\u00e4hlerregistrierung und Wahlkreiszuschnitte; repr\u00e4sentative Demokratie mit Abgeordneten und Exekutivspitzen, die nur ihrem \u203aGewissen\u2039 oder dem \u203aAllgemeinwohl\u2039 unterliegen.<\/p>\n<p>Andererseits bewirkt das US-amerikanische Wahlsystem bisher zuverl\u00e4ssig, dass sich zwei Massen gegen\u00fcberstehen (solange die Nicht-W\u00e4hler keine bemerkbar eigene bilden und sich in vielen einzelnen Bundesstaaten keine regionalen Kandidaten durchsetzen; in beiden F\u00e4llen drohte am Ende Sezession bzw. B\u00fcrgerkrieg). Zumindest angesichts des Stimmzettels spaltet sich der w\u00e4hlende Teil des US-Nationalvolks regelm\u00e4\u00dfig und bildet auch au\u00dferhalb der Wahlkabine zwei virtuelle Massen, die bei seltenen \u2013 Republikaner demonstrieren offenbar nicht gerne \u2013 Aufz\u00fcgen und Versammlungen in kleinem Ma\u00dfstab als r\u00e4umliche Mengen greifbar werden und gegeneinanderstehen. Wegen der aggressiven Rhetorik und reaktion\u00e4ren Politik Trumps sind dennoch zahlreiche Konflikte zu erwarten; ausgerechnet der amoralische, h\u00f6chst egoistische Kapitalist gibt den Protagonisten des fr\u00f6mmelnden Patriotismus; sp\u00e4testens wenn er erste stark umstrittene Gesetzesvorhaben durchgesetzt hat, k\u00f6nnte sich militanter Widerstand von libert\u00e4rer und anarchistischer Seite entwickeln.<\/p>\n<p>Geradezu perfekt manifestiert sich die Spaltung im Reich der Meinungen: manisch, eine eminente Gefahr f\u00fcr die Demokratie, l\u00e4cherlich \u2013 das sind einige der h\u00e4ufig gebrauchten Einsch\u00e4tzungen vieler Gegner Trumps auch zu Beginn seiner Pr\u00e4sidentschaft. Auff\u00e4llig ist die ungebrochene Bereitschaft, es nicht einmal bei politischen Maximalurteilen und -prognosen zu belassen, sondern fortw\u00e4hrend pers\u00f6nliche, pathologisierende Anw\u00fcrfe zu \u00e4u\u00dfern. Wenn Clinton gew\u00e4hlt worden w\u00e4re, h\u00e4tte sie sich mindestens Vergleichbares anh\u00f6ren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Ungeteilt ist die Popularit\u00e4t der Kandidaten der zwei Parteien deshalb nur in Charts, die mediale Pr\u00e4senz und Rezeption oder allt\u00e4gliche Gespr\u00e4chsthemen bilanzieren, dort stehen beide auf Platz 1. Wahrscheinlich st\u00fcnden sie dort auch in Meinungsumfragen zu den unbeliebtesten Personen. Zwar muss die Beliebtheit der einen nicht automatisch die Abneigung gegen\u00fcber dem anderen (und umgekehrt) bedeuten, noch viel weniger geht hier aber allgemeine Bekanntheit mit \u00fcberwiegender Beliebtheit einher. Das Wahlergebnis formiert schlie\u00dflich die weitgehende Zweiteilung: Wie in den Jahrzehnten zuvor kamen Republikaner und Demokraten 2016 auf Stimmanteile nahe 50% (Clinton: 48,1%; Trump: 46%).<\/p>\n<p>Diese offizielle Auskunft reicht den Berichterstattern und Kommentatoren allerdings nie aus. Die \u00a0Wahl der gleichberechtigten B\u00fcrger (jeder verf\u00fcgt \u00fcber eine Stimme, mittlerweile prinzipiell ungeachtet von \u203aclass, race, gender\u2039) ger\u00e4t f\u00fcr sie rasch zum Fest der Unterschiede. Wie viele Frauen welcher Konfession, welchen Einkommens etc. haben wen gew\u00e4hlt; wie sah es bei M\u00e4nnern mit College-Abschluss aus, etc.? Biologische und soziokulturelle Pr\u00e4gungen r\u00fccken an die Stelle der freien Wahl. Die quantitativ ermittelte Popul\u00e4rkultur weicht den Qualit\u00e4ten von Herkunft, Kultur, \u203aEthnie\u2039, Geschlecht, sie wird dadurch momentan zur alten \u203aVolkskultur\u2039.<\/p>\n<p>Das substantiell bestimmte Volk oder Geschlecht mit der ihm \u203awesenseigenen Kultur\u2039 tritt aber sofort wieder in den Hintergrund, wenn es darum geht, Unterschiede zur vorherigen Wahl herauszustellen. Auch katholische M\u00e4nner und angestellte Afroamerikanerinnen k\u00f6nnen ihr Kreuz einmal in einer anderen Spalte machen, findet man heraus. V\u00f6llig bestimmend wirkt sich die jeweilige Volkskultur oder biologische Essenz also doch nicht aus.<\/p>\n<p>Die qualitativ bestimmte Popul\u00e4rkultur bekommt jedoch erneut ihr Vorrecht zur\u00fcck, wenn die Analysen sich auf die Aussage verk\u00fcrzen, die \u203awei\u00dfen\u2039, m\u00e4nnlichen Arbeiter h\u00e4tten Trump zum Pr\u00e4sidenten gemacht. Entscheidend ist in unserem Zusammenhang nicht, dass dabei \u00fcbergangen wird, wie viele Akademiker z.B. ihn ebenfalls gew\u00e4hlt haben (43% mit College-Abschluss votierten f\u00fcr Trump, von den \u201awei\u00dfen\u2018 W\u00e4hlen mit College-Abschluss entschieden sich nach einer Umfrage von Edison Research 49% f\u00fcr ihn), sondern die Konzentration auf bestimmte Wechselw\u00e4hler: Da einige der \u203awhite trash\u2039-Angeh\u00f6rigen diesmal in den \u203aswing states\u2039 nicht wie zuvor bei Obama f\u00fcr die Demokraten votiert h\u00e4tten, sei Trump als Sieger hervorgegangen, lautet das Argument. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der W\u00e4hler, die ungeachtet der Person f\u00fcr den Kandidaten \u203aihrer\u2039 Partei stimmte, wird dadurch in ihren Handlungen als gegeben vorausgesetzt \u2013 als m\u00fcssten sie nicht mehr weltanschaulich gewonnen werden, als sei es eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass sie erneut ihr republikanisches oder demokratisches Kreuz machten, als handele es sich um einen Ausdruck ihrer kaum ver\u00e4nderbaren Kultur (was den Wesens- und Nat\u00fcrlichkeitsvorstellungen der \u203aVolkskultur\u2039-Anh\u00e4nger einigerma\u00dfen nahe kommt).<\/p>\n<p>Trump selbst \u00fcberbot das, indem er \u2013 als die Prognosen f\u00fcr ihn m\u00e4\u00dfig ausfielen \u2013 die kommende Wahl in ihrer Legitimit\u00e4t anzweifelte. Wenn er die Wahl verliere, m\u00fcsse es sich um einen Betrug handeln, konnte er im Brustton der \u00dcberzeugung ausf\u00fchren, weil er vorgab zu wissen, was das \u203awahre Volk\u2039 (das nicht mit dem Nationalvolk identisch ist) wolle. Auf dieses Wissen will er sich aber nicht v\u00f6llig verlassen. Er m\u00f6chte keineswegs nur f\u00fcr symbolische Grenzziehungen sorgen, sondern eine \u00bbbeautiful wall\u00ab errichten (wodurch die Mauer zwischen DDR und BRD, die zwei feindliche Gesellschaftssysteme und atomar ger\u00fcstete Milit\u00e4rbl\u00f6cke im \u203aKalten Krieg\u2039 voneinander trennte und nicht Angeh\u00f6rige verschiedener \u203aKulturen\u2039, vielleicht in ein neues, etwas \u203asch\u00f6neres\u2039 Licht r\u00fcckt).<\/p>\n<p>\u203aVolkskultur\u2039-\u00dcberzeugungen verbinden sich wegen der rassistischen und\/oder kulturalistischen Abgrenzung mit dem, was h\u00e4ufig unter \u203aPopulismus\u2039 abgebucht wird. Auch \u203aPopulismus\u2039 wird oft als Anschauung definiert, die versucht, Anh\u00e4nger zu versammeln und zu mobilisieren, indem sie diese als \u203awahres Volk\u2039 aufruft. Die Grenzziehung besitzt aber ihre Bedeutung nicht blo\u00df gegen\u00fcber einem geografisch lokalisierten \u203aAu\u00dfen\u2039 (das freilich erst insofern wieder hergestellt werden m\u00fcsse, als dessen mobil gewordene \u203akulturfremde\u2039 Agenten gerade dabei seien, das \u203aInnen\u2039 zu besetzen und nachhaltig zu \u203azersetzen\u2039, wenn man sie nicht massiv daran hindere, so die reaktion\u00e4re Maxime). Die Grenze wird von Populisten sogar gezogen, um Leute, die man nach eigenen Kriterien als \u203aethnisch\u2039-kulturell zugeh\u00f6rig betrachtet, auszuschlie\u00dfen. Das \u203awahre Volk\u2039 tritt dann \u2013 wie in der US-amerikanischen People\u02bcs bzw. Populist Party um 1900 \u2013 als \u203acommon man\u2039, als \u203aeinfache Leute\u2039 oder spezifischer als \u203akleiner Mann\u2039, gegen die st\u00e4dtischen, zumal finanzkapitalistischen, Eliten an. Wie leicht zu sehen, kann diese Tradition heutzutage auch von einem weltweit operierenden Immobilienunternehmer in Anspruch genommen werden (und ben\u00f6tigt nicht mehr eine agrarisch gepr\u00e4gte Partei mit \u203agrass roots\u2039-Anspruch): In seiner Antrittsrede stellte Trump \u00bbthe people\u00ab hart gegen das \u00bbestablishment\u00ab.<\/p>\n<p>In seinen \u00bbNotes on Deconstructing \u203athe Popular\u2039\u00ab hat Stuart Hall 1981 ausgef\u00fchrt, dass \u00bbpopular culture\u00ab in besonderem Ma\u00dfe durch den Gegensatz von \u00bbpopular forces\u00ab und \u00bbpower bloc\u00ab bestimmt sei. Was \u00bbpopular\u00ab und was ihr \u00bbcollective subject\u00ab \u2013 \u00bb\u203athe people\u2039\u00ab \u2013 sei, bleibe aber unbestimmt und historisch wandelbar. Es k\u00f6nne sich um eine \u00bbpopular-democratic popular force\u00ab handeln; der Kampf um eine demokratisch-sozialistische Kultur (\u00bbto construct a culture which is genuinely popular\u00ab) k\u00f6nne aber auch scheitern, denn die Gegenseite sei stets bem\u00fcht, \u00bb\u203athe people\u2039\u00ab hegemonial zu formieren: als \u00bb\u203athe people\u2039 who need to be disciplined more, ruled better, more effectively policed, whose way of life needs to be protected from \u203aalien cultures\u2039\u00ab. Darum bleibe \u00bbpopular culture\u00ab (offenbar solange sie nicht \u203awahrhaft\u2039 ist) ein Kampfplatz: \u00bbPopular culture is one of the sites where this struggle for and against a culture of the powerful is engaged: it is also the stake to be won or lost in this struggle.\u00ab Im Zuge der Niederlage gegen den \u00bbpower bloc\u00ab bilde \u00bb\u203athe people\u2039\u00ab eine \u00bbeffective populist force, saying \u203aYes\u2039 to power.\u00ab Im Lichte der historischen Erfahrungen (auch der j\u00fcngsten) k\u00f6nnte man anders als Hall aber auf die Idee kommen, die Berufung auf \u203athe people\u2039 sei stets der Ort, an dem sich eine \u00bbeffective populist force\u00ab, die \u203aJa\u2039 zur Macht sagt, bildet.<\/p>\n<p>Trug die historische Populist Party ihren Namen noch mit Stolz, ist \u203aPopulismus\u2039 in Deutschland, England und den USA fast blo\u00df noch ein Wort, das seine Gegner bem\u00fchen. Besonders gel\u00e4ufig ist die Aussage, Populisten seien dadurch gekennzeichnet, ihre Versprechen nicht einhalten zu k\u00f6nnen \u2013 sie appellierten an Emotionen, stellten sich nicht der Realit\u00e4t mit ihren Sachzw\u00e4ngen. Ein sehr vertrautes, popul\u00e4res Argument: Den Anschein von Alternativlosigkeit konnte in den letzten Jahrzehnten besonders jene Anschauung erzeugen, die wirtschaftsliberal und in der Au\u00dfenpolitik milit\u00e4risch-interventionistisch ausgerichtet ist.<\/p>\n<p>Nun aber sehen diese Liberalen ihre Hegemonie bedroht. Ob sie mit ihrer Einsch\u00e4tzung richtig liegen, ist zweifelhaft. Zumindest kann man jetzt schon sicher vorhersagen: Was Trump zusammen mit den republikanischen Abgeordneten am schnellsten wird durchsetzen k\u00f6nnen, sind Steuersenkungen (am gr\u00f6\u00dften nat\u00fcrlich f\u00fcr Wohlhabende und Unternehmen) und Reduzierungen staatlicher Regulierungen und Sozialprogramme, also wirtschaftsliberale Ma\u00dfnahmen par excellence. Die angek\u00fcndigten staatlichen Bauma\u00dfnahmen sollen zudem in Form der Public-Private-Partnership durchgef\u00fchrt werden, dem sicheren Mittel unternehmerischer Renditesteigerung. \u00dcberraschend w\u00e4re auch, wenn sich nicht neue M\u00f6glichkeiten zur Destabilisierungs- und Interventionspolitik im Namen westlicher Werte finden lie\u00dfen; der alte Feind Iran k\u00f6nnte erneut in den Mittelpunkt r\u00fccken; Provokationen im Chinesischen Meer sind ebenfalls zu erwarten.<\/p>\n<p>Wegen der projektierten Schutzz\u00f6lle und der vermutlichen Ann\u00e4herung an Russland sehen viele Liberale dennoch ihre hegemoniale Position gef\u00e4hrdet. Angesichts ihrer vermuteten kommenden Niederlagen gibt es nun neben der Behauptung der \u203aAlternativlosigkeit\u2039 noch eine simplere, rasch popul\u00e4r gewordene, medial ungemein erfolgreiche Variante, die einfach die Unwahrheit gegnerischer \u00c4u\u00dferungen behauptet. Tats\u00e4chlich gibt es gen\u00fcgend Beispiele f\u00fcr falsche Behauptungen. N\u00e4her betrachtet, sind aber viele wichtige \u203aFakten\u2039, die nach liberaler Auffassung missachtet werden, doch wieder nur die prognostizierten zuk\u00fcnftigen Missst\u00e4nde, in die man gerate, wenn man sich der wirtschaftsliberalen Ordnung und interventionistischen Au\u00dfenpolitik verweigere.<\/p>\n<p>Eine Variante dessen stellt die Auskunft dar, die W\u00e4hler h\u00e4tten unwissentlich gegen ihre eigenen Interessen gestimmt. Die liberalen Vordenker verlieren an dieser Stelle auch aus dem Auge, welch starke, vollkommen bewusste Interessen durch die Verfolgung nationaler und chauvinistischer Ziele befriedigt werden. Manche Anh\u00e4nger einer exklusiven Volks- und Nationalkultur k\u00f6nnen selbst eine langfristige Verfehlung solcher Ziele einigerma\u00dfen ertragen, wenn nur unabl\u00e4ssig versucht wird, sie zu erreichen. Gew\u00e4hrleistet muss f\u00fcr sie allerdings sein, dass es einer ganzen Reihe Ausgegrenzter w\u00e4hrend dieser Bem\u00fchungen sichtbar schlechter geht.<\/p>\n<p>Oder besser gesagt: h\u00f6rbar schlechter geht. Im Gegensatz zu den liberalen, b\u00fcrokratischen Ma\u00dfnahmen, mit denen der US-amerikanische Staat seit Jahren routiniert und ohne gro\u00dfe Verlautbarungen Abschiebungen illegaler Einwanderer durchf\u00fchrt (unter Obama die Rekordzahl von 2,5 Millionen Deportationen zwischen 2009 und 2015), die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen auf ein sehr geringes Ma\u00df begrenzt und au\u00dferhalb der eigenen Grenzen Drohnen zu milit\u00e4rischen Todesschl\u00e4gen nutzt, setzen die Popul\u00e4rkultur-Chauvinisten zus\u00e4tzlich starke \u00dcbertreibungen, offene Drohungen, Witze auf Kosten anderer, Beleidigungen und Herabsetzungen ein. Indem sie gegen \u203apolitisch korrekte\u2039 Sprachregelungen opponieren, k\u00f6nnen sie sich sogar vor\u00fcbergehend einen freiheitlichen Anstrich verschaffen.<\/p>\n<p>Einige Verfechter der Cultural Studies (von ihren Gegnern gerne als \u203aCultural Populism\u2039 abgewertet) wie John Fiske haben das zum Teil als Signum der popul\u00e4ren Kultur herausgestellt: Die Vermischung von Fakten und Fiktionen, die boulevardesken \u00dcbertreibungen und Elemente spielerischer Rhetorik erm\u00f6glichten es den meritokratisch Abgeh\u00e4ngten erst, eine eigene politische Sprache zu sprechen und nicht von den liberal-technokratischen Eliten mit ihrem ungreifbaren Vokabular und ihren Sachzwang-Standards zum Schweigen gebracht zu werden. Mit seinem ungew\u00f6hnlichen Kurzsatz- und Ellipsen-Stil, mit seinen Scherzen, Prahlereien und Beleidigungen hat Trump da den rechten, anti-elit\u00e4ren Ton bestens getroffen.<\/p>\n<p>Dass er selbst f\u00fcr jeden sichtbar Teil der Elite ist, schadet ihm darum nicht. Seiner Art von Machtaus\u00fcbung, seiner Art von opulentem, demonstrativem Reichtum h\u00e4tten sich Trumps W\u00e4hler auch nahe gef\u00fchlt, wenn er nicht bereits seit Jahrzehnten mit einigem Erfolg daran gearbeitet h\u00e4tte, zur massenmedialen Marke, zur \u203aBrand\u2039 aufzusteigen. Zudem hat ihn ein Gro\u00dfteil genau deshalb gew\u00e4hlt, weil er anscheinend gesch\u00e4ftlichen (und auch sexuellen) Erfolg hatte. Rein von einer Au\u00dfenseiterposition zu kandidieren ist f\u00fcr einen republikanischen Kandidaten unm\u00f6glich; der Freiheitswille, die Distanz gegen\u00fcber dem Staat muss durch \u00f6konomischen Erfolg, durch Siege innerhalb der wirtschaftlichen Konkurrenz beglaubigt sein.<\/p>\n<p>Trump selbst misst Erfolg nicht ausschlie\u00dflich am Kontostand. Einschaltquoten und Click Rates bedeuten ihm ebenfalls sehr viel, wenn auch hohe Ratings, die sich nicht in hohe Einnahmen umm\u00fcnzen lie\u00dfen, sicherlich keine Begeisterung bei ihm ausl\u00f6sten. Kaum Beachtung wert sind ihm zahlreiche popkulturelle Varianten des Erfolgs, die cooler Attit\u00fcde, einer kurzfristigen Mode, laienhaftem Charme, ausgestellter Verweigerung gegen\u00fcber dem Gesch\u00e4ft oder netter, unangestrengter Unterhaltung entspringen. Trump ist weitgehend vom \u00e4lteren Show-Ethos der popul\u00e4ren Kultur gepr\u00e4gt, das auf Profitum, Durchsetzungsh\u00e4rte, Leistungsanspruch und reibungslosem Management gr\u00fcndet, immer im Wissen, dass gekonnte, trickreiche Verst\u00f6\u00dfe gegen dieses Ethos oft erst den Erfolg garantieren, erfolglose Verst\u00f6\u00dfe aber harte Sanktionen und Missachtung nach sich ziehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Bei Trump bleibt dieses Ethos nun einerseits intakt, andererseits aber wird es aufgel\u00f6st. Gro\u00dfer Erfolg ist f\u00fcr ihn unver\u00e4ndert der sichere Beleg f\u00fcr eine starke, professionelle Leistung und eine perfekte, kulturindustriell hergestellte Show. Erfolglosigkeit \u2013 gerade im Zuge der Erkenntnis weiter Teile des Publikums, dass mitunter getrickst, falsch gespielt und dabei der Professionalit\u00e4tsanschein nicht gewahrt worden sei \u2013 w\u00fcrde er aber pers\u00f6nlich nie anerkennen. Dies w\u00e4re f\u00fcr ihn nicht der Nachweis, wegen mangelnder Leistung zu Recht aus der Konkurrenz ausgeschieden zu sein, sondern lediglich der Beweis, dass man ihm und den Seinen \u00fcbel mitgespielt h\u00e4tte. Deshalb ist f\u00fcr Trump das Hin und Her zwischen der Berufung auf Quantit\u00e4t und der Beschw\u00f6rung von Essenz \u2013 zwischen der popul\u00e4ren Kultur der Charts und jener des \u203awahren Volks\u2039 \u2013 eine probate L\u00f6sung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des <a title=\"heft 10 transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3806-6\/pop?c=273\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">transcript Verlags<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Millionen und Milliard\u00e4re gegen das Establishment<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[584,1638,1864,1870,2488],"class_list":["post-6716","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-donald-trump","tag-neolineralismus","tag-popularkultur","tag-populismus","tag-wahlen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6716","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6716"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6716\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6716"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6716"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6716"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}