{"id":6735,"date":"2017-04-24T14:37:06","date_gmt":"2017-04-24T12:37:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6735"},"modified":"2017-04-24T14:37:06","modified_gmt":"2017-04-24T12:37:06","slug":"social-media-aprilvon-maria-maennig24-4-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/04\/24\/social-media-aprilvon-maria-maennig24-4-2017\/","title":{"rendered":"Social Media Aprilvon Maria M\u00e4nnig24.4.2017"},"content":{"rendered":"<p>Dividuum statt Individuum<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der griechische Anti-Held Narziss war stets \u00fcber alle Avancen erhoben, bis er sich schlie\u00dflich in sein Spiegelbild verliebte.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Sich nicht mehr von diesem l\u00f6sen k\u00f6nnend, fand er erst Wahnsinn, dann Tod. Auf Ovids Erz\u00e4hlung gr\u00fcndet der Befund des \u201eNarzissmus\u201c, der als Krankheitsbild seit rund hundert Jahren existiert .<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>In seiner popularisierten Form dient der Narzissmus als Instrument der Ferndiagnose, mit dem sich die Gesellschaft als Ganzes, einzelne Gruppen oder Personen vermeintlich abschlie\u00dfend charakterisieren lassen.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> Just im Jahr 2013, als das \u201eSelfie\u201c vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres gek\u00fcrt wurde, entz\u00fcndete sich eine Narzissmusdebatte um die zugeh\u00f6rige \u201eGeneration Me\u201c.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> Hierzu soll mit dem vorliegenden Text ein Gegenmodell entwickelt werden.<\/p>\n<p>Neben einer Abhandlung \u00fcber die Unw\u00e4gbarkeiten der Liebe enth\u00e4lt Ovids Erz\u00e4hlung auch Elemente einer Medientheorie. Darin thematisiert der Autor die Faszination am eigenen Bild. Der Wunsch, dieses zu fixieren, kostet seinem Helden das Leben. Als bildgebendes Verfahren erzeugt die Wasseroberfl\u00e4che protokinematografisch ein Abbild, kann dieses aber nicht aufzeichnen.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnlich reproduktiv, aber ebenso ohne Speicherkapazit\u00e4t funktioniert Echo, die Ovid dem Narziss als akustisches Pendant zur Seite gestellt hat. Auch die sch\u00f6ne Nymphe, dazu verdammt, Ausgesprochenes nur wiederholen zu k\u00f6nnen, geh\u00f6rt zur Schar der von ihm Verschm\u00e4hten. Aus Gram \u00fcber die Zur\u00fcckweisung des Selbstverliebten versteinert sie und bleibt als reiner Schall zur\u00fcck. Auf tragische Weise m\u00fcssen wir miterleben, wie der Kommunikationsversuch zwischen den beiden scheitert.<\/p>\n<p>Als Medienensemble gelesen, wird der Text zu einer Reflexion \u00fcber die (Un)M\u00f6glichkeit audiovisueller Reproduktion. Aufgrund der jeweiligen Unzul\u00e4nglichkeit der nat\u00fcrlichen \u201eMedien\u201c, die auf optische und akustische Reflexion beschr\u00e4nkt bleiben, nehmen die beiden Schicksale ihren ungl\u00fccklichen Verlauf. Durch sie sind die beiden Akteure unmittelbar an ihre Gegenwart gekoppelt. Um ihn aufzur\u00fctteln, wendet sich der r\u00f6mische Dichter daher direkt an seinen Helden:<\/p>\n<p>\u201eLeichtgl\u00e4ubiger! Was greifst du vergeblich nach dem fl\u00fcchtigen Bild! Was du erstrebst, ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild. Es hat kein eigenes Wesen: mit dir kam es, mit dir bleibt es, mit dir wird es fortgehen \u2013 wenn du nur fortgehen k\u00f6nntest!\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Stellen wir uns vor, wie glimpflich die Geschichte ausgegangen w\u00e4re, h\u00e4tte Narziss ein Selfie von sich anfertigen k\u00f6nnen. Oder anders formuliert: Der Text offenbart eine Chance, die in den sonst gerne so stigmatisierten Aufzeichnungssystemen liegt. Dass das Selfie nun ausgerechnet zum Symptom des Narzissmus werden konnte, erscheint aus dieser Perspektive besehen schon fast zynisch. Ein Blick in die Kulturgeschichte verdeutlicht, wie es zu dieser Zuschreibung kam.<\/p>\n<div id=\"attachment_6736\" style=\"width: 552px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.06.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6736\" class=\"size-full wp-image-6736\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.06.png\" alt=\"Abb. 1 Hieronymus Bosch, Die sieben Tods\u00fcnden, 1505\/10, Detail \" width=\"542\" height=\"659\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.06.png 542w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.06-247x300.png 247w\" sizes=\"auto, (max-width: 542px) 100vw, 542px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6736\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1 Hieronymus Bosch, Die sieben Tods\u00fcnden, 1505\/10, Detail<\/p><\/div>\n<p>Moralisch relevant wird der Spiegel im Mittelalter. Als Attribut der Superbia kennzeichnet er die erste unter den Tods\u00fcnden. In einem Gem\u00e4lde von Hieronymus Bosch, das die kardinalen Laster in Figurenszenen thematisiert, ist der Hoffart eine exponierte Rolle einger\u00e4umt (Abb. 1). Zentral als R\u00fcckenfigur bei der Anprobe ist sie in einer zeitgen\u00f6ssischen Wohnstube platziert. Hinter dem massiven M\u00f6belst\u00fcck f\u00e4hrt eine asthenische Ungeheuerlichkeit hervor, die ihr den Spiegel vorh\u00e4lt. In diesem erkennen wir das Profil der Dame, deren aufw\u00e4ndig hohlsaumverzierte Haube auf boshafte Weise von der Kopfbedeckung der Kreatur dupliziert wird.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> In stark komprimierter und konzentrierter Form wird das Alltagsutensil somit zum Teufelswerkzeug umkodiert.<\/p>\n<p>Die Charakterisierung des ovidschen Narziss als hochm\u00fctig erlaubte den Kurzschluss des antiken Stoffes mit der Superbia. Zunehmend popularisiert wurde das Motiv in Text und Bild vor allem ab dem 13. Jahrhundert: Die einschl\u00e4gige Ikonografie zeigt den Narziss entweder an einem Brunnen oder \u2013 textgetreuer \u2013 an einer Quelle im Wald allein oder in Begleitung der Echo (Abb. 2).<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_6737\" style=\"width: 629px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.19.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6737\" class=\" wp-image-6737\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.19.png\" alt=\"Abb. 2 Narzissus, Tapisserie, um 1500\" width=\"619\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.19.png 767w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.19-300x264.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6737\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2 Narzissus, Tapisserie, um 1500<\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend der Renaissance wurden Spiegelungen nicht nur in der Malerei selbst, sondern auch in der Kunsttheorie ein Thema. So erkennt Leon Battista Alberti im Narziss den Erfinder der Malkunst.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> W\u00e4hrend des Malprozesses dient der mechanische Spiegel zudem als praktisches Hilfsmittel. Ihm kommt die Rolle des \u201eunbestechlichen Richters\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a> (Alberti) oder des \u201eLehrmeisters\u201c (Leonardo) zu.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> Auf Konkurrenz mit der Wirklichkeit verpflichtet, gelingt es der Malerei, die Illusion zu erzeugen, sie k\u00f6nne das fl\u00fcchtige Simulacrum endg\u00fcltig fixieren. Wie Hans Belting f\u00fcr die altniederl\u00e4ndische Malerei gezeigt hat, erweitern gemalte Spiegel den Bildraum und setzen K\u00f6rper oder Objekte in verschiedenen Ansichten ins Bild.<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a> Spiegelnde Oberfl\u00e4chen f\u00fchren nicht nur die malerische Virtuosit\u00e4t vor Augen, sondern dienen als zus\u00e4tzliche Reflexionsebene des Dargestellten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend vor allem die neuzeitliche Konzeption des Narziss neben der moralisierenden Belehrung auch eine positive Komponente, n\u00e4mlich die Chance auf Selbsterkenntnis enth\u00e4lt, ist die pathologisierte Version des Mythos ein Produkt des 19. und 20. Jahrhunderts. Zun\u00e4chst in Bezug auf autoerotische Praktiken verwendet, kn\u00fcpft der Topos in seiner biopolitischen Dimension an tief in der abendl\u00e4ndischen Kultur verankerte Moralvorstellungen an.<\/p>\n<p>Im Narzissmus-Vorwurf schwingt, wie Andr\u00e9 Gunthert bemerkt hat,<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a> eine frauenfeindliche Komponente mit. Bereits die Queerness der mythologischen Figur entzieht sich eindeutigen Geschlechterrollen. In diesem Sinne wird insbesondere auch die Selfie-Praxis vorwiegend als weibliches Ph\u00e4nomen aufgefasst. Ihre emanzipatorische Kraft, als Ausstieg aus klassischen Subjekt-Objekt-Konstellationen der Malerei und Fotografie, wird damit entwertet.<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Beobachtet man Bildpraktiken in den sozialen Medien, so ist das Selfie hier zun\u00e4chst nur eines unter vielen Internet-Ph\u00e4nomenen. Dennoch, denke ich ist es zentral: Durch die Frontkamera und das Display wird das eigene Spiegelbild fixierbar, die klassische Trennung von Fotograf_in und Modell wird somit aufgehoben. Das Trugbild verfestigt sich also zum Bild. Als Beglaubigung einer erlebten Situation wird es Teil von Kommunikationsakten \u2013 mit potenziell globaler Reichweite.<\/p>\n<div id=\"attachment_6738\" style=\"width: 398px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.38.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6738\" class=\" wp-image-6738\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.38.png\" alt=\"Abb. 3 Selfie-Produktion im Chinesischen Nationalmuseum, Peking (Foto: MM)\" width=\"388\" height=\"517\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.38.png 514w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-08.15.38-225x300.png 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 388px) 100vw, 388px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6738\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3 Selfie-Produktion im Chinesischen Nationalmuseum, Peking (Foto: Maria M\u00e4nnig)<\/p><\/div>\n<p>Die junge Frau in rotem Kleid, die ich im Chinesischen Nationalmuseum in Peking dabei fotografiert habe, wie sie ein Selfie von sich macht, illustriert die Internationalit\u00e4t dieses Ph\u00e4nomens (Abb. 3). Dieses #Artselfie entsteht vor einem Superlativ, dem gr\u00f6\u00dften chinesischen Gem\u00e4lde, das 4,8 x 17 Meter misst. Es handelt sich um ein zeitgen\u00f6ssisches Historienbild von Tang Yongli, das den Gr\u00fcndungsakt der chinesischen Republik portr\u00e4tiert. Seit 2015 ist es Teil der permanenten Ausstellung in Halle 1, die offizieller Propagandakunst vorbehalten ist, hier gelabelt als \u201etraditionelle chinesische Malerei\u201c. Zentrale Figur ist Mao Zedong, mit dem die Chinesin hier posiert. In unz\u00e4hligen Abbildungen pr\u00e4sent, wird die politische Ikone \u2013 wie auf vielen anderen chinesischen Selfies auch \u2013 so mit ins Bild geholt.<\/p>\n<p>Im Vergleich mit Thomas Struths Museumsbildern wird klar, dass wir es mit einem grunds\u00e4tzlich anderen Dispositiv zu tun haben:<a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[15]<\/a> \u00dcberwiegen auf seinen Fotografien R\u00fcckenfiguren, dreht das Selfie-Subjekt dem Werk den R\u00fccken zu, um sich selbst mit ins Bild zu setzen. Wenn Struth die anderen fotografiert, fotografiert sich das Selfie-Subjekt selbst.<\/p>\n<p>Besonders vor dem Hintergrund von Instagram-\u00c4sthetiken betrachtet, f\u00e4llt auf, wie oft der Fotograf die Menschenmengen im Museum von einem erh\u00f6hten Standpunkt aus abgelichtet hat. Auf der Plattform hat sich l\u00e4ngst ein eigenes Genre um die Museumsbesucher_innen herum ausgebildet. Dabei dominiert neben der Normalperspektive eher eine reduzierte \u00c4sthetik, die gekennzeichnet ist durch einen bildparallelen Aufbau, Symmetrie, den Fokus auf einzelne Besucher_innen oder kleine Gruppen vor einem Werk. Auch hier wird geduldig abgewartet, bis eine fotogene Situation entsteht, aus der sich eine besondere Harmonie oder ein spezieller Kontrast zum Werk ergibt, die schlussendlich den Reiz des Fotos ausmacht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BS-Oz3BBVvA\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-6749\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-14.32.24.png\" alt=\"artwatcher\" width=\"585\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-14.32.24.png 788w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-14.32.24-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/04\/Bildschirmfoto-2017-04-24-um-14.32.24-768x492.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 585px) 100vw, 585px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Interessant w\u00e4re nun die Frage, ob Struth, der bereits 1989 mit seinem Werkzyklus begann, dies alles antizipiert hat. Ausschlaggebend f\u00fcr die Etablierung dieses Massenph\u00e4nomens sind neben Struths k\u00fcnstlerischer Vorleistung aber auch andere Mechanismen, wie die wachsende Bereitschaft der Museen, das Fotografieren zu erlauben, das passende Equipment in Form von Smartphones in sowie das Vorhandensein entsprechender Sharing-Plattformen.<\/p>\n<p>Vor rund drei Jahren fotografierte etwa Anika Meier in Pariser Museen #artwatchers im Rahmen eines von Instagram lancierten Weekend-Hashtag-Projekts.<a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\">[16]<\/a> Die zugeh\u00f6rige Arbeitsanweisung lautete:<\/p>\n<p>\u201eHead to a museum or sculpture park if you have one nearby, but don\u2019t be afraid to explore unconventional art like neighborhood murals and statues.<br \/>\nLook for interesting colors and patterns, both in the art and in the clothing of the people in your shot.<br \/>\nThink about the way your art watchers move and pause\u2014groups assembling, viewers sketching, or solitary people contemplating a piece.\u201c<a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Derartige Diffusionsmechanismen sind ungef\u00e4hr so alt wie die Fotografie selbst. Stets wurde durch einschl\u00e4gige Periodika technisches und \u00e4sthetisches Wissen an Amateure vermittelt. Die Dimension, in der uns diese digitale Bildproduktion sichtbar und konsumierbar entgegentritt, ist allerdings neu im Digitalen. Abseits instruktiver Eingriffe durch Moderator_innen, erleben wir, gestalterische Normen betreffend, Stabilisierungsph\u00e4nomene in den sozialen Netzwerken. Es l\u00e4sst sich beobachten und nachweisen, dass die Communities Konventionen etablieren: K\u00fcrzlich widmete sich eine Studie Restaurantkritiken, die auf dem franz\u00f6sischen Online-Portal LaFourchette ver\u00f6ffentlicht werden.<a href=\"#_edn18\" name=\"_ednref18\">[18]<\/a> Wie die Autoren zeigen konnten, sind es keineswegs die egozentrischen Selbstdarsteller_innen, die das Netzwerk dominieren, vielmehr wirkt hier eine moderat agierende Masse konventionsbestimmend.<\/p>\n<p>Wie nun umgehen mit diesen Mechanismen? Die Analyse erfordert meines Erachtens ein neues Vokabular, das dazu in der Lage ist, das Spannungsverh\u00e4ltnis von Originalit\u00e4t und Nachahmung innerhalb dieser Produktionskaskaden zu fassen. Um sich einem Genre als zugeh\u00f6rig zu erweisen, m\u00fcssen sich Texte wie Bilder Konventionen unterordnen. Gleichzeitig bilden sich durch Neuerungen, welche durch die Akteur_innen wiederum selbst eingebracht werden, Subgenres und neue Genres aus, die dadurch erfolgreich werden, dass sie eine kritische Masse erreichen und als solche wahrnehmbar und vorbildhaft werden.<\/p>\n<p>Produktiv l\u00e4sst sich an dieser Stelle das Konzept des Dividuellen einf\u00fchren.<a href=\"#_edn19\" name=\"_ednref19\">[19]<\/a> Gewisserma\u00dfen als Antipode zum \u00fcbersteigerten Individualismus entfaltet sich das Dividuum innerhalb der Schnittstellen in den Datenstr\u00f6men.<a href=\"#_edn20\" name=\"_ednref20\">[20]<\/a> Aus den segmentierten Individuen formen sich Dividuen als durch Daten charakterisierbare Einheiten, die wiederum im Verh\u00e4ltnis zu einer Masse anderer Datenmengen stehen. Bespielt etwa eine Person oder Institution unterschiedliche Plattformen, so wird sie dort in jeweils modifizierter Form in Erscheinung treten, auf Instagram etwa prim\u00e4r durch Bilder, auf Twitter in erster Linie durch Text. Innerhalb der Plattformen empf\u00e4ngt das Dividuum algorithmisch auf die eigenen Interessen zugeschnittene Informationen, die es wiederum konsumiert und\/oder verteilt. Sichtbar wird es durch Teilhabe, indem es Inhalte kuratiert und selbst produziert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Narzissmusdebatte \u2013 auf das Selfie gem\u00fcnzt \u2013 den Blick f\u00fcr andere Netzph\u00e4nomene, wie Meme, verstellt, er\u00f6ffnet das Konzept des Dividuellen die M\u00f6glichkeit, die aktuelle Vielfalt von permanenter Varianz zu begreifen. Dividuelle Autorschaft bedeutet kollektive Teilhabe an der Produktion von Inhalten verschiedenster Art. Ihren Sinn entfaltet sie erst im medialen Echoraum innerhalb der digitalen \u00d6ffentlichkeit. Auch Narziss und Echo lassen sich als dividuell konzipierte Erscheinungsformen lesen. Als einzelne Segmente operieren sie mit einem Fokus auf der Sprache bzw. dem Bild. Ihr Scheitern f\u00fchrt uns letztlich auch die M\u00f6glichkeiten vor Augen, die audiovisuelle Kommunikationsformen bereithalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Ovid, Metamorphosen, Stuttgart 2010, V. 339 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Siehe: Sylvia Zwettler-Otte, Narzissmus im Spiegel antiker Mythologie, in: Ausst.-Kat. Galerie im Taxispalayis, Innsbruck, Der Spiegel des Narziss. Vom mythologischen Halbgott zum Massenph\u00e4nomen, K\u00f6ln 2012, S. 36\u201350.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> So etwa: Christopher Lasch, The Culture of Narcissism, New York 1979.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Joel Stein, The Me Me Me Generation, in: TIME, Mai 2013, <a href=\"http:\/\/content.time.com\/time\/subscriber\/article\/0,33009,2143001,00.html\">http:\/\/content.time.com\/time\/subscriber\/article\/0,33009,2143001,00.html<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Eine Re-Lekt\u00fcre mit Fokus auf den Spiegel als Medium bei: Thomas Macho, Narzi\u00df und der Spiegel. Selbstrepr\u00e4sentation in der Geschichte der Optik, in: Almut-Barbara Renger (Hrsg.): Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cyberspace, Stuttgart\/Weimar 2002, S. 13\u201325<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Ovid, Metamorphosen, V. 432\u2013437.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Gundula Wolter, Teufelsh\u00f6rner und Lust\u00e4pfel. Modekritik in Wort und Bild 1150\u20131620, Marburg 2002, S. 61 ff. Hinweis von Sabine de G\u00fcnther.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Beispiele bei: Johann Reidemeister, Superbia und Narzi\u00df. Personifikation und Allegorie in Miniaturen mittelalterlicher Handschriften, 2006 Tournhols.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Hier hei\u00dft es u. a.: \u201eW\u00fcrdest du vom Malen sagen, es sei etwas anderes als ein \u00e4hnliches Umarmen jener Wasserfl\u00e4che durch Kunst?\u201c, siehe: Leon Battista Alberti, Della Pittura. \u00dcber die Malkunst, hrsg. von Oskar B\u00e4tschmann und Sandra Gianfreda, Darmstadt 2002, S. 102.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Ebd., S.143.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Zit. n.: Hans Belting, Die Erfindung des Gem\u00e4ldes, in: ders., Christiane Kruse, Die Erfindung des Gem\u00e4ldes. Das erste Jahrundert der niederl\u00e4ndischen Malerei, M\u00fcnchen, 1994, S. 76.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Siehe: Ebd., bes. S. 74 \u201379.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Andr\u00e9 Gunthert, The consecration of the selfie. A cultural history, in: \u00e9tudes photographiques, Nr. 32, 2015, <a href=\"https:\/\/etudesphotographiques.revues.org\/3537?lang=fr\">https:\/\/etudesphotographiques.revues.org\/3537?lang=fr<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> Anika Meier, Selfies Can Be Feminist \u2013 In Conversation With Charlotte Jansen, in: widewalls, 2017, <a href=\"http:\/\/www.widewalls.ch\/charlotte-jansen-interview\/\">http:\/\/www.widewalls.ch\/charlotte-jansen-interview\/<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[15]<\/a> Thomas Struth, Museum Photographs, 2. Aufl., M\u00fcnchen 2005.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[16]<\/a> Anika Meier, #artwatchers oder Museumsbilder aus Paris, in: artefakt. Blog f\u00fcr Kunst und Kritik, 5.2.2014, <a href=\"http:\/\/www.artefakt-sz.net\/portraet\/artwatchers-oder-museumsbilder-aus-paris-3\">http:\/\/www.artefakt-sz.net\/portraet\/artwatchers-oder-museumsbilder-aus-paris-3<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[17]<\/a>\u00a0Quelle: <a href=\"http:\/\/blog.instagram.com\/post\/59133009487\/whp-85\">http:\/\/blog.instagram.com\/post\/59133009487\/whp-85<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref18\" name=\"_edn18\">[18]<\/a> Jean-Samuel Beuscart und Kevin Mellet, Die Online-Stimmen von Verbrauchern in Form bringen. Algorithmischer Apparat oder Bewertungskultur?, in: Jonathan Roberge und Robert Seyfert, Algorithmuskulturen. \u00dcber die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit, Bielefeld 2017, S. 107\u2013130.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref19\" name=\"_edn19\">[19]<\/a> Hierzu ausf\u00fchrlicher: Maria M\u00e4nnig, Instagram als Hyperimage, in: Sabine Bartelsheim (Hg.), Hyperimages in zeitgen\u00f6ssischer Kunst und Gestaltung 2, kunsttexte.de, Sektion Kunst, Design, Alltag, Nr. 1, 2017,\u00a0<a href=\"http:\/\/edoc.hu-berlin.de\/kunsttexte\/2017-1\/maennig-maria-3\/PDF\/maennig.pdf\">http:\/\/edoc.hu-berlin.de\/kunsttexte\/2017-1\/maennig-maria-3\/PDF\/maennig.pdf<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref20\" name=\"_edn20\">[20]<\/a> Gerald Raunig, Dividuum. Maschinischer Kapitalismus und molekulare Revolution, Wien 2015.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/artincrisis.hypotheses.org\">Maria M\u00e4nnig<\/a> ist Dozentin f\u00fcr Kunstgeschichte an der <a title=\"http:\/\/www.merz-akademie.de\" href=\"http:\/\/www.merz-akademie.de\/\" target=\"_blank\">Merz Akademie<\/a>\u00a0in\u00a0Stuttgart.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dividuum statt Individuum<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[207,239,577,989,1065,1618,1619,1732,2106,2342],"class_list":["post-6735","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-antike-mythologie","tag-artwatcher","tag-dividuum","tag-hieronymus-bosch","tag-individuum","tag-narziss","tag-narzissmus","tag-ovid","tag-selfies","tag-thomas-struth"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6735","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6735"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6735\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6735"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6735"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6735"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}