{"id":6757,"date":"2017-05-05T09:05:10","date_gmt":"2017-05-05T07:05:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6757"},"modified":"2017-05-05T09:05:10","modified_gmt":"2017-05-05T07:05:10","slug":"star-trek-deep-space-nine-kausale-finale-und-metafiktionale-motivierung-in-der-pop-kultur-von-maren-lickhardt-5-5-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/05\/05\/star-trek-deep-space-nine-kausale-finale-und-metafiktionale-motivierung-in-der-pop-kultur-von-maren-lickhardt-5-5-2017\/","title":{"rendered":"Star Trek Deep Space NineKausale, finale und metafiktionale Motivierung in der Pop-Kultur von Maren Lickhardt 5.5.2017"},"content":{"rendered":"<p>Propheten der DS9<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u201eEs ist ganz einfach Commander. Sie unternehmen nur die Reise, die immer f\u00fcr sie vorgesehen war.\u201c<\/em><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Star Trek Deep Space Nine Opening Intro (Season 6)\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DsOE73pxpys?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Wir schreiben Sternzeit 46379.1 oder das Jahr 2369: Commander Benjamin Sisko befindet sich auf dem Weg zur Raumstation DS9, die sich in einem abgelegenen Sektor des F\u00f6derationsgebiets befindet, wo die Sternenflotte in einem Blauhelmeinsatz den ehemals von Cardassianern besetzten Planeten Bajor sch\u00fctzen soll. Sisko hat von der Sternenflotte das Kommando \u00fcber die Station erhalten und folgt dem Befehl widerwillig.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>So werden wir aber nicht in die neue <em>Star Trek<\/em>-Serie <em>DS9<\/em> eingef\u00fchrt, sondern ein Vorspann erinnert an Sternzeit 43997, zu der Captain Jean-Luc Picard vom Raumschiff Enterprise von den Borg entf\u00fchrt wurde und als Locutus einen Angriff auf Wolf 359 ver\u00fcbt hatte. Was wir zu dieser Zeit noch nicht ahnen konnten und nun erfahren, ist, dass Siskos Ehefrau bei diesem Angriff ums Leben gekommen ist.<\/p>\n<p>Dass Sisko ausgerechnet von Picard auf DS9 begr\u00fc\u00dft wird und dabei sogar deutlich wird, dass Picard ihm das Kommando verschafft hatte, macht die Situation f\u00fcr Sisko nicht gerade angenehmer, der diesen Posten ohnehin nie gewollt hatte und in Begriff ist, von ihm zur\u00fcckzutreten.<\/p>\n<p>In dieser ersten Folge stellt sich au\u00dferdem heraus, dass die Bajoraner im Grunde immer schon auf Sisko gewartet hatten. Kai Opaka, die geistige F\u00fchrerin der Bajoraner, bef\u00fchlt nach einer traditionellen Gepflogenheit Siskos Ohr, um sein Pak \u2013 das scheint irgendetwas zwischen Charisma\/Pers\u00f6nlichkeit und Karma\/Vorhersehung\/Schicksal zu sein \u2013 zu erforschen und stellt fest: \u201eWelche Ironie. Jemand, der es nicht w\u00fcnscht, soll Abgesandter werden.\u201c (s01e01, 23:58)<\/p>\n<p>Wir lernen, dass die Bajoraner an Propheten glauben, die ihnen neun Drehk\u00f6rper aus dem Himmel geschickt haben \u2013 darunter einen Drehk\u00f6rper der Prophezeiung \u2013, dass Auserw\u00e4hlte wie Opaka einen Sinn f\u00fcr das Pak haben und dass es prophetische \u00dcberlieferungen in der bajoranischen Kultur gibt. Und Opaka prophezeit Sisko: \u201eEs ist ganz einfach Commander. Sie unternehmen nur die Reise, die immer f\u00fcr sie vorgesehen war.\u201c (29:54)<\/p>\n<p>Ausgerechnet Sisko findet nun zusammen mit Lieutenant Jadzia Dax eher zuf\u00e4llig den Eingang zu einem stabilen Wurmloch, das von den Bajoranern als Himmelstempel betrachtet wird, und die dort lebenden Wurmlochwesen\/Verteronen\/Propheten sprechen zu ihm, w\u00e4hrend sie Jadzia zur\u00fcckschicken.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Wesen existiert die lineare Zeit nicht. F\u00fcr sie ist alles gleichzeitig und unendlich. Es ist f\u00fcr sie nicht denkbar, dass etwas nicht mehr oder noch nicht ist. Ursachen und Wirkungen gibt es nicht. Auch Kategorien wie Erfahrung und Charakterbildung sind daher unbekannt. Ach ja: K\u00f6rperlich sind sie nat\u00fcrlich auch nicht.<\/p>\n<p>Mithilfe einer Allegorie \u2013 dem Ablauf eines Baseball-Spiels \u2013 erl\u00e4utert ihnen Sisko die lineare Existenz: Man wirft einen Ball, der zur\u00fcckgeschlagen wird. Jedes Mal wenn man den Ball wirft, k\u00f6nnen daraus hundert verschiedene Dinge resultieren. Man denkt sich Strategien und Taktiken aus, um zu gewinnen, aber letztlich wei\u00df man nicht, wie das Spiel verlaufen wird, bis es zu Ende gespielt ist. Es w\u00fcrde aber keinen Spa\u00df machen, wenn man vorher schon genau w\u00fcsste, was passieren wird. Das menschliche Leben wird vom Unbekannten bestimmt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"DS9 - Emissary; human existence\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/dJ33e9BK9aU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Die Propheten sind begeistert, erlauben den k\u00f6rperlich-zeitlichen Wesen in Zukunft eine Passage durch das Wurmloch, und Sisko beschlie\u00dft, dass er seine Aufgabe als Commander von DS9 erf\u00fcllen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die reflexive Verhandlung von Charakteren und Plot-Strukturen im Seriellen<br \/>\nund die Erwartungen in der Pop-Kultur.<\/p>\n<p>Wer nun entt\u00e4uscht war, weil das wunderbare Science Fiction-Universum <em>Star Trek<\/em> ins Esoterische abzugleiten drohte, oder den Handlungsstrang um die Propheten heute noch als Schwachpunkt von DS9 erachtet, sollte Folgendes bedenken:<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>In Wirklichkeit haben wir den 30. Dezember 1992, und das <em>Star Trek<\/em>-Franchise expandiert. <em>Next Generation<\/em> (TNG) befindet sich in der sechsten Staffel und l\u00e4uft parallel noch weiter. Im Dezember 1992 werden in TNG als Verschr\u00e4nkung der beiden Serien die Cardassianer in der Doppelfolge <em>Chain of Command<\/em> (!) n\u00e4her beleuchtet, nachdem wir schon einiges \u00fcber die Bajoraner gelernt hatten. Der Stoff der neuen Serie geht aus der alten hervor, und es erfolgt nun in gewisser Weise eine Staffel\u00fcbergabe des alten Captain Picard an den neuen Commander\/Captain Sisko.<\/p>\n<p>Wir haben es also mit einer partiell vertrauten Situation zu tun, was f\u00fcr Stabilit\u00e4t im Franchise sorgt und den \u00dcbergang erleichtern soll. Wir kennen au\u00dferdem nicht nur die Regeln f\u00fcr <em>Star Trek<\/em>, sondern auch die in den 1990er Jahren (!) geltenden Regeln f\u00fcr Science Fiction-Serien oder Serien \u00fcberhaupt:<\/p>\n<p>Hauptfiguren haben immer eine herausgehobene Position. Sie sind von Beginn an da und werden auch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sterben. Ihnen widerf\u00e4hrt Besonderes, und sie treffen wichtige Entscheidungen. Sie bestimmen den Gang der Handlung genauso wie sie durch diesen bestimmt werden. Sehr wahrscheinlich kommt es zu kriegerischen Auseinandersetzungen. In der milit\u00e4rischen Organisation der Sternenflotte ist es daher selbstverst\u00e4ndlich, dass zumindest eine der Hauptfiguren durch den rangh\u00f6chsten Offizier gestellt wird.<\/p>\n<p>Die Propheten, die Sisko \u00fcbrigens nicht als Abgesandten, sondern als \u201eden Sisko\u201c bezeichnen, wissen, was die Produzenten der Serie ebenso wie die RezipientInnen l\u00e4ngst auch schon wissen. \u201aDer Sisko\u2018 hat eine herausgehobene Funktion. Uns wundert es schlie\u00dflich \u00fcberhaupt nicht, dass die Propheten Jadzia Dax zur\u00fcckschicken und Sisko bevorzugt behandeln, obwohl die beiden das Wurmloch gleichzeitig entdecken:<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist es der Commander der Station, der auf diese Weise herausgehoben wird. Selbstverst\u00e4ndlich ist es die in der Serie zuerst gezeigte Figur, die einen besonderen Stellenwert hat \u2013 die uns von den Produzenten gesendet wurde, die abgesandt wurde, um ihren Charakter zu bilden und die Handlung zu \u2026 entweder gestalten oder erleben.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Anfang: Aus Siskos fiktiver Perspektive ist er ein Offizier unter vielen anderen und befindet sich an einem beliebigen Abschnitt seines Lebens. Aus Perspektive der Produzenten und den RezipientInnen ist er der neue Held der neuen <em>Star Trek<\/em>-Serie. Sisko ist Sisko, weil vor dem Start der Serie, also vor dem Einsatz der fiktiven Deixis schon entschieden war, dass er \u201ader Sisko\u2018 ist. Die Figurengestaltung unterliegt also gemessen an der fiktiven Welt einer \u00fcberzeitlichen Konstruktion.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sisko besteht eine biographische Verbindung zu Picard als unabsichtlichen M\u00f6rder seiner Frau. Auf der Ebene der Produktion und Rezeption vollzieht sich das Aufeinandertreffen der Hauptdarsteller. Wichtiger als die Verbindung von Lebensschicksalen im fiktiven Szenario ist die metafiktionale \u00dcberbr\u00fcckung zwischen den beiden Serien. F\u00fcr den weiteren Verlauf der Handlung spielt es n\u00e4mlich keine Rolle, wer f\u00fcr den Tod von Siskos Frau verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Im fiktiven Szenario befindet sich die Raumstation DS9 an der Peripherie des F\u00f6derationsgebietes, wo das wesentliche Geschehen schon zur\u00fcckliegt, weil die Cardassianer ihre Besatzung bereits aufgegeben und einen Vertrag mit der F\u00f6deration geschlossen haben. Aus Produzenten- und RezipientInnenperspektive bildet die Raumstation jetzt schon den Mittelpunkt des k\u00fcnftigen Geschehens, d.h. es ist v\u00f6llig klar, dass sich dort neue Handlungsb\u00f6gen entfalten, die relevant, spannend und vor allem f\u00fcr das fiktive Universum zentral sind.<\/p>\n<p>Die Propheten spiegeln mit ihrem \u00fcberzeitlichen Wissen also den narrativen wie den rezeptiven Akt. Sie wissen, was Produzenten und RezipientInnen ohnehin auch l\u00e4ngst wissen. Ihre Existenz in der Serie macht uns unser Wissen bewusst, d.h. sie f\u00fchren zu einer reflexiven Verhandlung verschiedener k\u00fcnstlerischer Prinzipien: Charakter und Plot-Strukturen in der Kunst, spezieller im Seriellen sowie Erwartungen in der Pop-Kultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der Einbruch des Metafiktionalen in die Fiktion der Serie<\/p>\n<p>Das Pak vereint im Fiktiven all das, was aus metafiktionaler Perspektive selbstverst\u00e4ndlich ist: Jede Figur hat basierend auf ihrer Pers\u00f6nlichkeit ein Schicksal, das mehr oder weniger festgelegt ist. Figuren in der Kunst sind immer konsistenter als unser reales Lebensschicksal, und sie unterliegen immer einer mehr oder weniger ausgepr\u00e4gten k\u00fcnstlerischen Intention. Was innerhalb des Fiktiven wie Esoterik wirkt, ist erz\u00e4hllogisch betrachtet der Einbruch des Metafiktionalen bzw. der Reflexivit\u00e4t k\u00fcnstlerischer Prinzipien in die Diegese der Serie.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch, dass es in der Serie zwei verschiedene Handlungslogiken gibt, die in unserem (Lehr-)Klassiker der Literaturwissenschaft, n\u00e4mlich der <em>Einf\u00fchrung in die Erz\u00e4hltheorie<\/em> von Matias Mart\u00ednez und Michael Scheffel folgenderma\u00dfen beschrieben werden, die also in der Literaturgeschichte zumeist unabh\u00e4ngig voneinander, manchmal aber auch in der Verschr\u00e4nkung eine gro\u00dfe Rolle spielen:<\/p>\n<p>\u201eDie Motivierung (oder Motivation) des Geschehens, so wurde gesagt, integriert das dargestellte Geschehen zum sinnhaften Zusammenhang einer Geschichte. [\u2026] Die kausale Motivierung erkl\u00e4rt ein Ereignis, indem sie es als Wirkung in einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang eingebettet, der als empirisch wahrscheinlich oder zumindest m\u00f6glich gilt. Kausale Motivierung umfa\u00dft nach dieser Bestimmung nicht nur Figurenhandlungen, sondern auch Geschehnisse [\u2026]. Vor allem bei \u00e4lteren Erz\u00e4hltexten ist die Handlung au\u00dfer durch kausale Motivierung h\u00e4ufig auch durch eine finale Motivierung bestimmt. Die Handlung final motivierter Texte findet vor dem mythischen Sinnhorizont einer Welt statt, die von einer numinosen Instanz beherrscht wird. Der Handlungsverlauf ist hier von Beginn an festgelegt, selbst scheinbare Zuf\u00e4lle enth\u00fcllen sich als F\u00fcgungen g\u00f6ttlicher Allmacht.\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Bevor ich in ein paar Abs\u00e4tzen auf Star Trek zur\u00fcckkomme, sei an den deutschen Bildungsroman erinnert, der bei uns ganz nachhaltig die Erwartung einer kausalen Motivierung hinterlegt hat. Friedrich Blanckenburgs Romantheorie aus dem 18. Jahrhundert, die den Bildungsroman beschreibt, geht davon aus, dass im Roman das \u201eSeyn des Menschen, sein innerer Zustand\u201c<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> zur Darstellung kommen solle, indem \u201ediese Schrift ein vollkommen dichterisches Ganzes, eine Kette von Ursach und Wirkung ausmacht.\u201c<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Der Charakter bildet sich aus, indem er in einer kausalen Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht, d.h., dass er sein Schicksal von vorne mitbestimmt, dieses aber auch immer in Form von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden und Vergangenheit auf ihn einwirkt, er aber wiederum frei und intelligibel damit umgehen kann. In einem kausalen Weltbild, wie es im 18. Jahrhundert vorherrscht und Blanckenburgs ganzer Theorie zugrunde liegt, imitiert der Sch\u00f6pfer eines literarischen Werkes damit ein g\u00f6ttliches Prinzip der Weltgestaltung, d.h. kausale Motivierung, Charakterbildung und Handlungsabfolge werden als mimetisch bzw. realistisch erachtet.<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit zahlreichen antiken, mittelalterlichen und fr\u00fchneuzeitlichen Texten, in denen Gott selbst als Agens auftritt.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> Das trifft nicht immer ganz oder w\u00f6rtlich zu, aber die Figur eines Textes ist in einer g\u00f6ttlichen Ordnung geborgen, die ihr nicht allzu viele Entfaltungsspielr\u00e4ume l\u00e4sst, d.h. sie ist von vorne herein determiniert bzw. steuert auf ein immer schon festgelegtes Ziel zu.<\/p>\n<p>Der K\u00f6rper ver\u00e4ndert sich nicht,<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> der Charakter entwickelt sich nicht, Zeitpunkte folgen nicht kausal auf- bzw. besser gesagt: auseinander<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a>, sondern reihen sich als punktuelle Momente oder repetitive Zyklen nebeneinander, bis das Ende erreicht ist. Zur Not wird es immer irgendeinen einen Schiffbruch oder einen anderen deus ex machina geben, der das Erreichen des Ziels sicherstellt.<\/p>\n<p>In <em>Star Trek DS9<\/em> findet recht ostentativ eine \u00dcberlagerung von finaler und kausaler Motivierung statt. Der Abgesandte Benjamin Sisko ist immer schon ausersehen als der, der den Bajoranern die Erl\u00f6sung vom B\u00f6sen bringen wird, indem er die Pah-Geister in die Feuerh\u00f6hlen, also in die H\u00f6lle zur\u00fcck verbannt. Der Sternenflottenkommandant Benjamin Sisko wird die Kampfeins\u00e4tze gegen das Dominion koordinieren, um den Alpha-Quadranten und damit auch Bajor vor der drohenden Versklavung zu retten.<\/p>\n<p>Die beiden Handlungsstr\u00e4nge sind miteinander verbunden, spiegeln und bedingen sich, verweisen allegorisch aufeinander. F\u00fcr beide Handlungsstr\u00e4nge gilt: Der Abgesandte realisiert nach und nach, was gem\u00e4\u00df der Propheten immer schon vorgesehen war, und zwar auch als Sternenflottenkommandant, aber als solcher tappt er st\u00e4ndig im Dunkeln, k\u00f6nnte immer auch anders handeln, wei\u00df er nicht, welche Folgen seine Handlungen haben werden, handelt er also im Rahmen empirisch-wahrscheinlicher M\u00f6glichkeiten kausal-psychologisch motiviert.<\/p>\n<p>Bei beiden Handlungsstr\u00e4ngen besteht jedoch f\u00fcr die RezipientInnen kein Zweifel daran, dass er seine Aufgabe bew\u00e4ltigen und alles zu einem guten Ende f\u00fchren wird, und dies wissen wir, weil es auch eine Art metafiktionale Motivierung gibt. In pop-kulturellen Serien war es bis in die 1990er Jahre hinein nicht denkbar, dass der Gute seine Aufgabe nicht zu bew\u00e4ltigen imstande ist. Die Produzenten stellen mit ihrem Willen und dem narrativen Akt sicher, dass die Serie gut ausgehen wird, und wir wissen von vorne herein, dass sie das tun. Die Frage ist nur, wie sich Charakter und Handlung vollziehen werden.<\/p>\n<p>Vielleicht muss man angesichts der R\u00fcckkopplungseffekte in der Pop-Kultur zwischen ProduzentInnen und RezipientInnen, also der intertextuellen Kompetenz aller Beteiligten sowie der Erwartungen und Erwartungserwartungen, die bei seriellen Formaten potenziert auftreten, die metafiktionale Motivierung als neue erz\u00e4hllogische Kategorie in Betracht ziehen, die \u2013 reiht man sich bei Mart\u00ednez und Scheffel ein \u2013 die vierte Art von narrativer Motivierung w\u00e4re.<\/p>\n<p>Es gibt n\u00e4mlich nach Mart\u00ednez und Scheffel noch eine dritte, n\u00e4mlich die kompositorische Motivierung, die sich auf Tschechovs ber\u00fchmtes Diktum bezieht, dass ein Nagel an der Wand zu Beginn einer Erz\u00e4hlung jener sein muss, an dem sich der Held am Ende aufh\u00e4ngt.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> Hier geht es aber eben um kompositorische Prinzipien im fiktiven Raum, w\u00e4hrend die metafiktionale Motivierung im nicht-fiktiven Kommunikationsraum zwischen ProduzentInnen und RezipientInnen verankert ist und stattfindet, und zwar auch dann, wenn eine Serie dies nicht, wie im vorliegenden Beispiel, reflexiv thematisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die \u00dcberlagerung von finaler und kausaler Motivierung in <em>Star Trek DS9<\/em><\/p>\n<p>Nun zu einigen Beispielen aus <em>DS9<\/em> und zwar zun\u00e4chst zum B\u00f6sen: Kai Opaka, die ideale geistige F\u00fchrerin, verschwindet recht schnell wieder von der Bildfl\u00e4che. Sie taucht eines Tages (s01e12) scheinbar unmotiviert auf der Station auf und l\u00e4sst sich von Sisko, Kira und Dr. Julien Bashir durch das Wurmloch fliegen, wo die vier auf einem kriegsgebeutelten Planeten landen.<\/p>\n<p>Damit tr\u00e4gt sie dazu bei, dass sich eine Prophezeiung realisiert. Am Ende der Folge erfahren wir, dass sie zumindest eine Ahnung hatte, dass sie im Gegensatz zu den anderen drei f\u00fcr immer auf diesem Planeten festsitzen w\u00fcrde. Ihre Handlungsmotivation bezieht die Kai also aus der Prophezeiung, dass Etwas geschehen soll. Sie st\u00f6\u00dft bewusst und freiwillig von vorne etwas an, dessen Ende schon \u2013 mehr oder weniger \u2013 vorgegeben war.<\/p>\n<p>Ihre k\u00fcnftige Abwesenheit ist f\u00fcr den gesamten Gang der Serie wichtig, denn nur dadurch kann sich die korrupte Winn zur neuen geistigen F\u00fchrerin aufschwingen, und den Pakt mit dem Teufel eingehen<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a>, der wiederum dazu f\u00fchrt, dass ein gewisses Buch \u2013 das Buch des Kosst Amojan \u2013 auftaucht, dessen Verbrennung am Ende die Erl\u00f6sung bringen wird.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Commander Sisko: Sein Lebensweg, der ihn zur Raumstation gef\u00fchrt hat, erscheint ihm selbst als kontingent. Vorherbestimmt ist er auf der fiktiven Ebene nur aus Sicht der Bajoraner, die ihn auf Basis von Prophezeiungen in die Rolle des Abgesandten dr\u00e4ngen. Damit f\u00fchlt er sich \u00e4u\u00dferst unwohl, und er beharrt lange Zeit darauf, dass er in erster Linie Sternenflottenoffizier und dementsprechend dem Kodex der F\u00f6deration verpflichtet ist, aber genau dadurch realisiert er paradoxerweise umso mehr seine Rolle als Abgesandter.<\/p>\n<p>So ignoriert er z.B. Trekors Prophezeiungen (s03e15), dass eine Gefahr in Form von drei Vipern auftauchen w\u00fcrde, weil er beim besten Willen nicht sicher wissen kann, was damit gemeint ist. Die Prophezeiung erf\u00fcllt sich zwar auf unerwartete Weise, aber es stellt sich als richtig heraus, dass er sich nicht von der vermeintlichen Zukunft hatte determinieren lassen. Durch seinen Versuch, kausal aus sich selbst heraus zu handeln, tut er genau das Richtige, auch wenn sich dadurch realisiert, was ohnehin passieren sollte, in dem Fall also, dass die Gefahr gegen Ende der Folge abgewendet wird.<\/p>\n<p>Genervt von seiner Rolle als Abgesandter, trifft es sich gut f\u00fcr Sisko, dass eines Tages ein Bajoraner aus dem Wurmloch\/der Vergangenheit auftaucht, der den Posten f\u00fcr sich reklamiert (s04e17). Sisko ist sofort bereit zur\u00fcckzutreten, muss dann jedoch mit Entsetzen zusehen, wie der neue Abgesandte die D\u2019jarras wiedereinf\u00fchrt, also das alte bajoranische Kastensystem, das dieser aus seiner Zeit kennt.<\/p>\n<p>Nicht als Abgesandter oder M\u00f6chtegern-Abgesandter, sondern als Offizier der Sternenflotte mit demokratischer Gesinnung kann Sisko das nicht akzeptieren. Er k\u00e4mpft nun um das Amt des Abgesandten. Die beiden Figuren fliegen in das Wurmloch, um die Propheten zu befragen, wem dieses Amt nun zusteht. Nat\u00fcrlich ist es Sisko, dem der Konkurrent nur geschickt wurde, damit er sich endlich mit seiner Aufgabe identifiziert und erkennt, dass er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, und zwar als \u201ader Sisko\u2018, der er nun einmal ist.<\/p>\n<p>Der mittlerweile sehr an der bajoranischen Kultur interessierte und sich mit seiner Rolle als Abgesandter identifizierende Sisko besch\u00e4ftigt sich in einer sp\u00e4teren Folge mit einer antiken Steintafel (s06e21), deren Inschrift sich an den Abgesandten richtet. Alle Versuche, die Tafel komplett zu \u00fcbersetzen scheitern. Als er sie deshalb in einem Wutanfall umst\u00f6\u00dft und sie zerbricht, setzt er dadurch einen im Stein gebundenen Propheten frei, der zu einem Endkampf mit einem Pah-Geist antreten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Diese Aktion passt zum temperamentvollen Commander, der auch mal Leute anschreit oder Q mit der Faust niederschl\u00e4gt. Er ist nicht idealtypisch konstruiert, sondern auch impulsiv oder j\u00e4hzornig. Und mit dieser Eigenschaft, die ihn in einem klassischen Sinn charakterisiert und dazu f\u00fchrt, dass er eine kausal-psychologisch erkl\u00e4rbare Handlung t\u00e4tigt, realisiert er einen Teil einer Handlungskette, die immer schon vorgegeben war und zu einer finalen Abrechnung zwischen dem Guten und dem B\u00f6sen f\u00fchren soll.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re am Ende der sechsten Staffel aber zu schade, denn das w\u00fcrde bedeuten, dass die Serie endet, und deshalb verhindert Kai Winn die Abrechnung. Sie muss das einerseits tun, damit die Serie weitergehen kann, was eine finale und vor allem metafiktionale Erkl\u00e4rung darstellt. Andererseits muss sie das tun, weil sie zu eitel ist, um Sisko und den Propheten das Geschehen zu \u00fcberlassen, was eine kausale Erkl\u00e4rung darstellt.<\/p>\n<p>Besonders sch\u00f6n ist die Folge <em>Sacrifice of Angels<\/em> (s06e05): Die F\u00f6deration ist im Grunde am Ende. Der Alpha-Quadrant ist so gut wie verloren. DS9 wurde aufgegeben. Dort hat sich das Dominion eingenistet und ist in Begriff, die einzige und letzte Rettung der F\u00f6deration zu demontieren: selbstreplikative Mienen vor dem Wurmloch, die verhindern, dass zehntausende von Jem\u2019Hadar Kriegern in den Alpha-Quadranten eindringen, die auf der anderen Seite genau darauf warten.<\/p>\n<p>RezipientInnen kennen alle Figuren auf ihren Posten, deren Wertigkeit und die Zugregeln in dem Spiel, d.h. man kann nun Szenarien durchdenken, wie die F\u00f6deration den Krieg doch noch gewinnen wird &#8211; wird, nicht k\u00f6nnte! Warum man da so sicher sein kann, obwohl in der fiktiven Welt alles f\u00fcr eine Niederlage sprechen w\u00fcrde? Weil wir \u00fcber metafiktionales, pop-kulturelles Wissen verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Serie befindet sich in einer recht sp\u00e4ten Staffel. Sowohl TNG als auch alle m\u00f6glichen anderen Serien mit Staffelstruktur enden gew\u00f6hnlich zwischen der sechsten und der achten Staffel. Mit einer Niederlage kann die Staffel aber kaum enden, weil es bei allen Modifikationen eben doch noch um eine Star Trek-Serie in den 1990er Jahren handelt. Bei einer Niederlage w\u00e4re ein sehr gro\u00dfer neuer Handlungsbogen n\u00f6tig, der sich dieser neuen Ausgangssituation widmet, insbesondere der Frage, wie die F\u00f6deration reagiert und in den Widerstand geht.<\/p>\n<p>Dies w\u00e4re im Rahmen der DS9-Diegese kaum m\u00f6glich oder w\u00fcrde so viele weitere Staffeln erfordern, dass die Serie das Durchschnittsalter von Serien weit \u00fcberschreiten w\u00fcrde. Sie w\u00fcrde sich au\u00dferdem sehr stark ver\u00e4ndern m\u00fcssen. Ein Spin-Off mit der genannten Thematik ist unwahrscheinlich, weil es schon l\u00e4ngst mit Voyager eine weitere Auskopplung im Franchise gibt.<\/p>\n<p>Aufgrund von unserem Wissen um die Mechanismen von k\u00fcnstlerischen Produkten, Serien oder pop-kulturellen Artefakten ist ziemlich absehbar, dass ein Handlungsumschwung kommen muss, egal wie unwahrscheinlich dies ist, wenn man Wahrscheinlichkeiten auf Basis der Elemente und Verkn\u00fcpfungsregeln der fiktiven Welt bedenkt.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Diegese ist es naheliegend, daran zu denken, dass ein Weg gefunden werden muss, wie man die selbstreplikativen Mienen erhalten kann. Die Untergrundk\u00e4mpfer auf der Station versuchen dies auch, scheitern allerdings. Aber selbst wenn es gelungen w\u00e4re, w\u00e4re das Dominion immer noch bei Weitem \u00fcberlegen gewesen.<\/p>\n<p>Des Weiteren k\u00f6nnte man geheimdienstlich oder im Rahmen von Sabotageakten Misstrauen innerhalb des Dominions, also zwischen den Cardassianern und den Vorta\/Gr\u00fcndern\/Jem\u2018Hadar, s\u00e4hen. Auch dies versuchen die Untergrundk\u00e4mpfer auf der Station \u2013 jedoch mit wenig Erfolg. Aber selbst wenn es gelungen w\u00e4re, w\u00e4ren die Jem\u2019Hadar allein vermutlich noch \u00fcberlegen gewesen.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re im Rahmen eines realistischen bzw. wahrscheinlichen Umgangs mit den fiktiven Versatzst\u00fccken m\u00f6glich? Da gibt es noch ein omin\u00f6ses, m\u00e4chtiges Volk, das oft erw\u00e4hnt wurde, aber bislang noch keine echte Rolle gespielt hat: die Breen. Sie k\u00f6nnten auf der Seite der F\u00f6deration in den Krieg eintreten. (Tats\u00e4chlich f\u00e4llt den Produzenten in der siebten Staffel ein, dass es den Posten Breen auch noch gibt. Allerdings treten die Breen dann dem Dominion bei.)<\/p>\n<p>Klar ist, dass es eine L\u00f6sung geben wird, dass den Produzenten etwas eingefallen sein muss, um das Schicksal der F\u00f6deration zum Positiven zu wenden. Denn die Produzenten sind die G\u00f6tter, die das Geschick der Diegese lenken.<\/p>\n<p>Auf der fiktiven Ebene ziehen die Figuren nun bewusst in den Untergang. Sisko f\u00fchrt eine kleine Flotte an, die DS9 zur\u00fcck erobern will. Die Untergrundk\u00e4mpfer f\u00fchren die genannten Operationen durch. In einer Kaskade von Fehlschl\u00e4gen scheitert fast alles, und muss scheitern, weil der Gegner aufgrund seiner Grundanlage und einiger plausibler Entwicklungen so \u00fcberm\u00e4chtig geworden ist. Das einzige, was auf der kausalen, wahrscheinlichen fiktiven Ebene gelingt, ist die Inaktivierung der Waffensysteme der Station durch den r\u00fchrenden Helden Rom.<\/p>\n<p>Bar jeder vern\u00fcnftigen Handlungsm\u00f6glichkeit beschlie\u00dft Sisko nun, in das Wurmloch zu fliegen, um es zur Not zu zerst\u00f6ren. Obwohl er die Rolle des Abgesandten l\u00e4ngst akzeptiert hat, ist er bereit, den Himmelstempel zu opfern und die Propheten zu t\u00f6ten oder zumindest zu verlieren, um den Alpha-Quadranten zu retten. Denn wenn das Wurmloch zerst\u00f6rt ist, kommen die Jem\u2019Hadar Krieger nicht durch. Dass er zum Wurmloch gelangt und nicht vorher abgeschossen wird, liegt daran, dass die Waffensysteme der Station inaktiviert wurden.<\/p>\n<p>Was dann aber geschieht, kommt den erw\u00e4hnten Schiffbr\u00fcchen gleich, nur dass sich die Dinge zum Positiven wenden. Ein deus ex machina erscheint. Die Propheten nehmen Kontakt zu Sisko auf, und er schafft es, sie davon zu \u00fcberzeugen, alle Jem\u2019Hadar Krieger der anderen Seite, die sich nun im Wurmloch befinden, schlicht inexistent zu machen. Daf\u00fcr wird von ihm ein Preis verlangt, den er sp\u00e4ter tats\u00e4chlich zahlen muss. Aber quasi mit einem Fingerschnippen wird eine Situation aufgel\u00f6st, die im Rahmen einer kausal-wahrscheinlichen Motivierung und Bewegung aller Posten fast unm\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Star Trek Episode Recap - DS9 6X05 &quot;Sacrifice of Angels&quot;\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/eCG69gszrWc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Es vollzieht sich Phantastisches. Andererseits h\u00e4tten die Produzenten auch leicht die Breen auf der Seite der F\u00f6deration in den Krieg eintreten lassen k\u00f6nnen. Dann h\u00e4tte die F\u00f6deration im Rahmen einer kausalen, wahrscheinlichen Handlungsf\u00fchrung die Oberhand gewonnen. Dann w\u00e4ren die Produzenten aber als G\u00f6tter der Serie unsichtbar geblieben.<\/p>\n<p>Durch die v\u00f6llig unmotiviert erscheinende F\u00fcgung des Schicksals, die nat\u00fcrlich einer finalen Motivierung dient, weil nun das Gute nach und nach siegen kann, k\u00f6nnen die Produzenten auftreten und sich selbst inszenieren. Im Grunde handelt es sich bei der Szene um eine Sichtbarmachung der konstruktiven Macht der Produzenten, die alles k\u00f6nnen, wenn sie wollen. Sie m\u00fcssen es einfach nur hinschreiben. Hier reflektiert sich einmal mehr die Motivierung der seriellen Pop-Kultur und das pop-kulturelle Wissen selbst.<\/p>\n<p>Dies ist fast (!) der Kulminationspunkt der metafiktionalen Ebene der Serie, weil hier die kausale Motivierung komplett aussetzt und ein Sprung vollzogen wird, aufgrund dessen die Situation danach wieder auf der fiktiven Ebene handhabbar ist. Und es zeigt sich, dass die Propheten zwar auch das \u00fcberzeitliche Wissen der RezipientInnen repr\u00e4sentieren, aber mehr noch den narrativen Akt verk\u00f6rpern, der nat\u00fcrlich eine metafiktionale \u00dcbersicht \u00fcber Erz\u00e4hlung und Geschichte hat.<\/p>\n<p>Aber er hat noch mehr als metafiktionale \u00dcbersicht. Die Propheten wissen nicht nur, was vorbestimmt ist, sondern sie konstruieren es auch \u2013 und es ist die Konstruiertheit der Serie, die hier ins Auge fallen soll. Deutlicher wird dies noch, als Sisko in der letzten Staffel feststellt, dass seine Mutter nicht seine leibliche Mutter war, sondern dass eine Frau namens Sarah ihn zur Welt gebracht und seinen Vater anschlie\u00dfend verlassen hat (s07e01). Sarah war von einem Propheten besessen.<\/p>\n<p>Sisko erweist sich also als Kind der Propheten, der immer schon geboren war, um die Erl\u00f6sung zu bringen. Hier schlie\u00dft sich der Kreis. Denn die Hauptfigur der Serie hatte diese Funktion ab dem Zeitpunkt inne, an dem die Serie geplant war. Noch bevor ein Name f\u00fcr diese Figur feststand, war klar, dass es sie geben muss. Er wurde in beiden Hinsichten vor dem Einsetzen der Diegese geboren.<\/p>\n<p>Und die Figur muss erschaffen\/geboren werden von den Produzenten, die ihn mit ihrer Feder durch das Szenario f\u00fchren und zur Not auch zwingen, die der Figur Entfaltungsspielraum lassen, um sie als psychologisch-realistische Identifikationsfigur aufzubauen, wozu die kausale Motivierung beitr\u00e4gt, die die Figur aber auch determinieren, um den notwendigen Serien-Plot zu realisieren, wozu die finale Motivierung dient.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig liegt immer eine metafiktionale Motivierung vor, weil ein Schema realisiert oder ein Ritual vollzogen wird, das in der Pop-Kultur hinterlegt ist und sich in einem Kommunikationsraum zwischen ProduzentInnen und RezipientInnen bewegt, der der Serie immer schon vorausgesetzt ist und sie weiter begleitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Metafiktion und Prophezeiung<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich bleibt das Serielle immer beweglich. <em>DS9<\/em> wurde, z\u00e4hlt man den Pilotfilm mit, in den USA zwischen 1992 und 1999 erstmals ausgestrahlt. Das Prophetische der Serie spiegelt schon immer metafiktionales, pop-kulturelles Wissen, z.B. das, dass sich alles aufl\u00f6sen wird, aber auch klar ist, dass 1992 nicht exakt feststehen konnte, wie sich alles aufl\u00f6sen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als Sisko die Propheten zum ersten Mal sieht, gibt es keine Hinweise darauf, dass sie ihn wiedererkennen. Sie erkennen ihn lediglich als \u201aden Sisko\u2018. Sehr viel, also sieben Staffeln oder sieben Jahre sp\u00e4ter sieht Sisko im Wurmloch seine wahre Mutter, die ihn wiedererkennt, pers\u00f6nlich adressiert und offensichtlich liebt. (Die Mutter opfert aber dennoch ihren einzigen Sohn.)<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man sagen, dass sich Prophezeiungen am besten von alleine erf\u00fcllen, und dass es einen mythischen Zweck hat, wenn sich die Propheten nicht von Beginn an als Eltern zu erkennen geben, dass freiwillig und ohne Kenntnis der Sachlage gewollt werden musste, was immer schon feststand. (Im Neuen Testament verh\u00e4lt es sich ja auch so, dass \u201aGottes Sohn\u2018 sehr menschliche \u00c4ngste aussteht und nicht immer souver\u00e4n \u00fcber den Dingen steht und trotz allem freiwillig sein Schicksal annimmt.)<\/p>\n<p>Aber eigentlich werden nur Mythen der Pop-Kultur verhandelt und keine anderen. Wahrscheinlicher ist, dass die Propheten am Anfang omin\u00f6s und distanziert sind, weil zwar klar war, dass die Produzenten in allegorischer Beziehung zu den Propheten stehen, den Handlungsbogen sinnvoll f\u00fchren und die Handlung am Ende auch aufl\u00f6sen m\u00fcssen, aber die konkrete Art und Weise der Aufl\u00f6sung vermutlich ganz einfach noch nicht feststand. Die Produzenten wussten wohl nicht, dass der ohnehin strukturell Auserw\u00e4hlte am Ende auch noch der Sohn der Propheten sein wird.<\/p>\n<p>Eine letzte Folge muss diskutiert werden: Wenn von Metafiktion die Rede ist, muss sofort in den Sinn kommen, dass der Drehk\u00f6rper des Abgesandten, den Sisko gegen Ende findet, in eine andere Dimension f\u00fchrt. In <em>Far beyond the Stars<\/em> (s06e13) ist Sisko im Rahmen einer Erfahrung mit diesem Drehk\u00f6rper pl\u00f6tzlich der Science Fiction-Autor Benny Russell im New York von 1953. Er f\u00fchlt sich magisch von einer Zeichnung von der Raumstation Deep Space Nine angezogen und m\u00f6chte deren Geschichte schreiben. Es gibt diverse Ausf\u00fchrungen der Produzenten, wie zentral das Design der Raumstation f\u00fcr die Serie war, dass diese Requisite prim\u00e4r war und viele Strukturelemente der Serie gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>Wichtiger ist aber, dass Benny Russell im Folgenden in einer Psychiatrie landet und am Schreiben gehindert werden soll. Immer, wenn die Psychiater das Schreiben verhindern, stagniert auch das Geschehen auf DS9. Immer wenn Benny Russell zum Weiterschreiben kommt, geht das Geschehen auf DS9 auf die gew\u00fcnschte Weise weiter. Hier wird \u00fcberdeutlich ausgedr\u00fcckt, dass in der Fiktion oder im Fiktiven nur geschehen kann, was der narrative Akt konstruiert. Die b\u00f6sen ingenia hindern Benny am Schreiben, die guten bef\u00f6rdern es.<\/p>\n<p>Nun verhandelt die Serie hier aber auch in zwei anderen Hinsichten Prophetisches (und Metafiktionales). Zun\u00e4chst einmal g\u00e4be es das gesamte Star Trek-Universum nicht, wenn es nicht AutorInnen gegeben h\u00e4tte, die zur Popularisierung des Science Fiction-Genres beigetragen h\u00e4tten. Dies ist die Bedingung der M\u00f6glichkeit von DS9, die unter anderem in die 1950er Jahre zur\u00fcckreicht.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus arbeitet in der Redaktion mit Benny Russel ein Afroamerikaner \u2013 wie auch Sisko gespielt von Avery Brooks.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> Major Kira hat dort auch eine metafiktionale Rolle als Sciene Fiction-Autorin Kay Eaton, die unter dem geschlechtlich nicht markierten Pseudonym K.C. Hunter schreibt \u2013 gespielt von Nana Visitor. Als die Redaktion eine Fotografie von sich ver\u00f6ffentlichen soll, werden die beiden 1953 gebeten, am Tag der Aufnahme abwesend zu bleiben. Man soll nicht sehen, dass Benny schwarz und K.C. weiblich ist, dass Schwarze und Frauen also einen ungeheuren Beitrag zur Popul\u00e4r- und Pop-Kultur leisten.<\/p>\n<p>Im <em>Star Trek<\/em>-Franchise und \u00fcberhaupt in der Popul\u00e4r- und Pop-Kultur zeigt sich nun in den 1990er Jahren ein gesellschaftlicher Fortschritt. Interessanterweise ist Folgendes in der Serie selbstverst\u00e4ndlich und f\u00e4llt nur auf, weil der B\u00fcrgerrechtsaktivist Avery Brooks selbst in zahlreichen Interviews darauf hingewiesen hat: Mit Avery Books spielt ein afroamerikanischer Schauspieler die Hauptrolle in einer weltweit beliebten Serie bzw. der Commander\/Captain des wichtigsten Ortes der fiktiven Welt ist schwarz. Mit Nana Visitor spielt eine Frau eine weitere Hauptrolle in einer weltweit beliebten Serie bzw. der Major des wichtigsten Ortes der fiktiven Welt ist weiblich. Wenn das mal nicht prophetisch war. Barack Obama hat es geschafft, Hilary Clinton leider nur fast.<\/p>\n<p>Die Pop-Kultur ist hier einmal mehr voraus, denn ab 1995 gibt es ein weiteres Spin-Off im Star Trek-Franchise, n\u00e4mliche Voyager, und hier ist Kathryn Janeway, gespielt von Jane Mulgrew, die Captain.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"DS9 Season 6 Extras - Far Beyond the Stars\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/e_KsbNmVjJc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a>\u00a0Rauscher, Andreas: Das Ph\u00e4nomen Star Trek. Virtuelle R\u00e4ume und metaphorische Weiten. Marburg 2003, S. 294.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a>\u00a0Nicht so Andreas Rauscher, der aber in seinen Ausf\u00fchrungen auf den Sachverhalt eingeht (Rauscher 2003, S. 294-295).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a>\u00a0Mart\u00ednez, Matias, Michael Scheffel: Einf\u00fchrung in die Erz\u00e4hltheorie. M\u00fcnchen 2005, S. 111.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a>\u00a0Blanckenburg, Friedrich: Versuch \u00fcber den Roman. [1774] Berlin, 2013, S. 14.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a>\u00a0Blanckenburg 2013, S. 12.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a>\u00a0Werner, Lukas: \u201aZeit\u2018. In: Mat\u00edas Mart\u00ednez (Hg.): Handbuch Erz\u00e4hlliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart\/Weimar 2011, S. 150\u2013158; Werner, Lukas: Gleichzeitigkeit \u2013 Formen und Funktionen. Narratologische \u00dcberlegungen zum Schelmenroman (\u203aLazaril von Tormes\u2039 \u2013 \u203aSimplicissimus\u2039 \u2013 \u203aSchelmuffsky\u2039). In: Coralie Rippl\/Susanne K\u00f6bele (Hg.): Gleichzeitigkeit. Narrative Synchronisierungsmodelle in der Literatur des Mittelalters und der Fr\u00fchen Neuzeit. W\u00fcrzburg 2015; Fricke, Werner: Providenz und Kontingenz. Untersuchungen zur Schicksalssemantik im deutschen und europ\u00e4ischen Roman des 17. Und 18. Jahrhunderts. T\u00fcbingen 1988.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a>\u00a0Bachtin, Michail M.: Chronotopos. Frankfurt\/Main 1986, S. 9-35.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a>\u00a0Mart\u00ednez, Scheffel 2005, S. 109.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a>\u00a0Martinez, Scheffel 2005, S. 114.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a>\u00a0Das B\u00f6se in Star Trek ist so faszinierend, weil es so banal ist. Ein paar mittelm\u00e4\u00dfige Kleinb\u00fcrger mit Geltungssucht, die ihre Position im gesellschaftlichen Getriebe ein wenig erh\u00f6hen wollen, begehen zu diesem Zweck gerne nebenbei auch mal einen milliardenfachen Massenmord. So viel zu Kai Winn und einigen anderen. Ein bisschen ungew\u00f6hnlicher ist Gul Dukat, der immerhin wenigstens ein richtiger und vor allem charismatischer Psychopath ist (Rauscher 2003, S. 305-307). Und die anderen haben halt einfach nichts gewusst oder nur Befehle ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a>\u00a0Rauscher 2003, S. 297.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Maren Lickhardt\u00a0ist <span class=\"meta-value affiliations\">Assistenz-Professorin am Institut f\u00fcr Germanistik der Leopold-Franzens-Universit\u00e4t Innsbruck<\/span>.<\/p>\n<div class=\"sfsi_Sicons\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Propheten der DS9<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[515,1513,1907,2115,2218],"class_list":["post-6757","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-deep-space-nine","tag-metafiktionale-motivierung","tag-prophezeiung","tag-serien","tag-star-trek"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6757"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6757\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}