{"id":6783,"date":"2017-06-01T15:01:25","date_gmt":"2017-06-01T13:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6783"},"modified":"2017-06-01T15:01:25","modified_gmt":"2017-06-01T13:01:25","slug":"das-nachleben-faschistoider-aesthetik-in-bildern-der-gegenwart-am-beispiel-von-lady-gagas-alejandro-von-jelena-jazo1-6-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/06\/01\/das-nachleben-faschistoider-aesthetik-in-bildern-der-gegenwart-am-beispiel-von-lady-gagas-alejandro-von-jelena-jazo1-6-2017\/","title":{"rendered":"Das Nachleben faschistoider \u00c4sthetik in Bildern der GegenwartAm Beispiel von Lady Gagas \u201eAlejandro\u201c von Jelena Jazo1.6.2017"},"content":{"rendered":"<p>Nazismus und Popkultur<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[Auszug aus: Jelena Jazo, \u201ePostnazismus und Popul\u00e4rkultur. Das Nachleben faschistoider \u00c4sthetik in Bildern der Gegenwart\u201c, Transcript Verlag, Bielefeld 2017]<\/p>\n<p>Die Bedeutung nazistischen Bildprogramms f\u00fcr die Bildproduktion der Gegenwart ist in Anbetracht des Widerhalls faschistoider \u00c4sthetik in der popul\u00e4ren Kultur kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen, denke man beispielsweise an die zahlreichen Reminiszenzen an Riefenstahl\u2019sche K\u00f6rper\u00e4sthetik, die ihren Kulminationspunkt in dem Musikvideo <i>Stripped<\/i> von Rammstein erreicht, an das omnipr\u00e4sente ikonische Hitlerbild, das wiederkehrend als Internet-Meme oder Comicfigur (<i>Hipster Hitler<\/i>), auf Buchcovern (<i>Er ist wieder da<\/i>) oder in Musikvideos (K.I.Z \u2013 <i>Ich bin Adolf Hitler<\/i>) auftaucht, oder an die unz\u00e4hligen Filme, Computerspiele oder Serien (wie zuletzt <i>The Man in the High Castle<\/i>), die Bildern des Nazismus fortw\u00e4hrend neue Vitalit\u00e4t verleihen. Durch seine vielfachen medialen Wiederbelebungen ist der Nationalsozialismus visuell ungebrochen pr\u00e4sent und hat sich zu einem persistenten Motiv der Gegenwartskultur entwickelt.<\/p>\n<p>Der Nationalsozialismus durchdringt heutige Bildwelten in einem Ma\u00dfe, dass von einem Nachleben faschistoider \u00c4sthetik in der visuellen Kultur der Gegenwart gesprochen werden kann. Faschistoide \u00c4sthetik hat sich von ihrem origin\u00e4ren Artikulationszusammenhang emanzipiert, ist migriert und hat ein nahezu spukhaftes Eigenleben in den Bilduniversen der Popkultur entwickelt.<\/p>\n<p>Im Pop hat faschistoides Bildprogramm nicht die Funktion, auf eine historische Realit\u00e4t zu verweisen, vielmehr steht es, enthistorisiert und inhaltlich ausgeh\u00f6hlt, als reine Oberfl\u00e4che und konsumierbare Formel f\u00fcr neue Bedeutungsproduktionen und Sinnzusammenh\u00e4nge zur Verf\u00fcgung. Der visuelle Nationalsozialismus hat sich damit selbst \u00fcberlebt und ist so radikal zum Bild geworden, dass er, wie ein Perpetuum mobile, ewig in Bewegung bleibt und best\u00e4ndig weitere Bilder nach sich zieht. Pop-Bilder des Nazismus sind folglich durch ihre Praxis zu begreifen.<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr ihre unabl\u00e4ssige Reproduktion ist die Reproduktion selbst. Durch ihre Ubiquit\u00e4t und Zirkulation haben sie sich ikonisch verselbstst\u00e4ndigt. Das Wissen um die Geschichte, um die Realgestalt des Nationalsozialismus, nimmt ab, die Bildproduktion jedoch nicht. So ist der Nazismus heute nicht mehr nur eine historische Tatsache, sondern gleichzeitig auch eine Bilder-Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Insofern hat sich der mediale\u00a0Nationalsozialismus neben den faktischen\u00a0gestellt, mehr noch scheint das Bild seine Bedeutung \u00fcberholt zu haben. Popkulturelle Bild-Imaginationen und Fiktionalisierungen des Faschistoiden werden damit zu Wissens-und Ged\u00e4chtnisspeichern und wirken auch auf das gesellschaftliche Geschichtsbewusstsein und auf kollektive Vorstellungen einer historischen Realit\u00e4t ein.<\/p>\n<p>Die Kontinuit\u00e4t des Nazismus als visuelles Motiv der Gegenwart beziehungsweise\u00a0das \u00dcberleben faschistoider \u00e4sthetischer Ideen in der Popkultur resultiert aus der unleugbaren negativen Faszination, die von der bildgewaltigen visuellen Inszenierung und expressiven Au\u00dfenseite des Nationalsozialismus ausgeht.<\/p>\n<p>Einige Forschungslinien weisen darauf hin, dass eine origin\u00e4r faschistische \u00c4sthetik als eigenst\u00e4ndige \u00e4sthetische Kategorie oder qualitatives Merkmal nicht existiert, da der Nationalsozialismus kein genuin eigenes Repertoire \u00e4sthetischer Ausdrucksmittel entwickelt hat, sondern bestehende respektive vergangene \u00e4sthetische Traditionen usurpierte und folglich \u00fcber die Zeit und den Kontext des Nationalsozialismus hinausweisend vergleichbare visuelle Darstellungen gefunden werden k\u00f6nnen. Dem muss entgegengehalten werden, dass bestimmte Bilder ihre faschistoide Konnotation allein durch die Konvergenz mit Ausdrucksmustern anderer, nicht faschistischer Zeichensysteme keinesfalls verlieren. Vielmehr ist das Bildererbe des Nationalsozialismus derart pr\u00e4gend, dass es, tief im kollektiven Bildged\u00e4chtnis verankert, die Wahrnehmung nachhaltig infiziert hat und andere visuelle Codes und Deutungs- respektive Zuordnungsmechanismen dominiert.<\/p>\n<p>Ein Bild, eine visuelle Darstellung oder Inszenierung evoziert die Assoziation des Faschistoiden, wenn bestimmte Faktoren und Elemente, die symptomatisch f\u00fcr den visuellen Ausdrucksapparat und den Bilderkanon des Nationalsozialismus sind, in einer als charakteristisch wahrgenommenen Konstellation auftauchen. Uniformierte Massenrituale und ornamentale Massenchoreografien stellen in diesem Sinne ein beispielhaftes Szenario faschistoider \u00c4sthetik dar.<\/p>\n<p>Massenaufm\u00e4rsche, Milit\u00e4rparaden oder orchestrierte K\u00f6rperformationen bei Sportwettk\u00e4mpfen zielten im Nationalsozialismus auf individuelle sowie kollektive Transformation. Sie sind als symbolische Praktiken zu verstehen, die Sinnbilder nationalen Zusammenhalts schaffen und in die K\u00f6rper sowie den \u00f6ffentlichen Raum einschreiben. Im uniformierten Massenritual l\u00f6sen sich unter der Pr\u00e4misse der Homogenit\u00e4t die Ich-Identit\u00e4ten des Einzelnen auf; \u00fcber Uniformen und synchronisierte Bewegungsabl\u00e4ufe vollzieht sich die Gestaltung eines monumentalen, megalomanischen Meta-K\u00f6rpers, der die Subjekte in sich aufnimmt und in ein Gesamtes transzendiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Lady Gaga: <i>Alejandro<\/i><\/p>\n<p>Uniformit\u00e4t und Masse spielen auch in der visuellen Inszenierung des im Jahr 2010 erschienenen Musikvideos <em>Alejandro<\/em>, einem Bildamalgam aus christlicher Ikonografie, Revue- \u00c4sthetik, sexuellen Fetisch-Phantasien und soldatischer Drill-Faszination, eine entscheidende Rolle. Der Geist totalit\u00e4rer \u00c4sthetik wird hier visuell absorbiert und in die N\u00e4he popkultureller Bildentw\u00fcrfe ger\u00fcckt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Lady Gaga - Alejandro (Official Music Video)\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/niqrrmev4mA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>In <em>Alejandro<\/em> zeigt sich Lady Gaga umringt von einer T\u00e4nzerarmee, gewandet in schwarzer, ledern-gl\u00e4nzender Uniform. Das Kost\u00fcm der Performer ist un\u00fcbersehbar angelehnt an den Dienstanzug der SS: Die schwarzen Milit\u00e4rjacken mit Schulterklappen, silbernen Kn\u00f6pfen, Tailleng\u00fcrteln und roten Armbinden erinnern deutlich an SS-Uniformen. Hochgeschlossene Hemden mit stilisierten Kragen-Abzeichen, schwarze Hosen und schwere Schaftstiefel wecken \u00fcberdies als markante Insignien unweigerlich Assoziationen zu faschistischen vestiment\u00e4ren Codes. So wirken die T\u00e4nzer wie das popkulturelle Produkt nahezu perfekter SS-Maskerade.<\/p>\n<p>Paula Diehl beschreibt in ihrer Arbeit \u00fcber die K\u00f6rperbilder der SS-M\u00e4nner die politisch-soziale Funktion der SS-Uniformen wesentlich als Medium der Homogenisierung. Die Homogenit\u00e4t der K\u00f6rper visualisiere politische Koh\u00e4sion, Ordnung und inszeniere damit Macht.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Die Uniform erm\u00f6gliche \u201eeine emblematische Konzentration der SS-K\u00f6rperbilder und ihre Fixierung im sozialen Imagin\u00e4ren\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>. Dies bedeute, dass die Uniformen die Aufmerksamkeit von den individuellen K\u00f6rpermerkmalen und Gesichtsz\u00fcgen der SS-M\u00e4nner ablenken, und sie stattdessen in ein Stilbild des SS-Mannes mit symbolischer Wirkung f\u00fcgen. Fixiert wird also auf das Einheitliche und die \u00c4hnlichkeit der SS-Erscheinungen.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Individuelle Charakteristika treten zugunsten der Formation eines Sinnbildes zur\u00fcck. Dieser Aspekt der Entindividualisierung findet sich auch in der Bildrhetorik des Musikvideos <em>Alejandro<\/em> beispielhaft wieder. Nicht nur die gleichf\u00f6rmige faschistoide Kost\u00fcmierung evoziert diese Wirkung; der Uniformit\u00e4ts- und Homogenisierungs-Gedanke kulminiert bei den T\u00e4nzern zus\u00e4tzlich in identischen Frisuren: Sie tragen alle tiefschwarze, zu einer Art Tonsur gelegte Haare. Damit gleichen die Performer Tanzklonen, die sich um Lady Gaga als zentrale Figur winden. Alles Heterogene scheint hier nivelliert, das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild vollends vereinheitlicht diszipliniert und kosmetisiert, sodass die einzelnen K\u00f6rper wie ein ornamentales Ganzes funktionieren.<\/p>\n<p>Ebenjene K\u00f6rperchoreografien, die Sigfried Kracauer bereits 1927 als \u201edas Ornament der Masse\u201c<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> beschreibt, sind auf \u00e4sthetischer Ebene anschlussf\u00e4hig an den visuellen Ausdrucksapparat des Nationalsozialismus. Die \u00c4sthetisierung einer \u201enationalen Physis\u201c<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> als integrales Moment faschistischer \u00c4sthetik artikulierte sich in streng ritualisierten K\u00f6rperpraktiken und fand ihren Ausdruck z.B. in den K\u00f6rperlandschaften von Massenaufm\u00e4rschen oder den Inszenierungen synchron bewegter Massenk\u00f6rper von Athleten und Gymnastinnen in Reifenstahls Olympia-Film.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hxrXcb6ala8\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hxrXcb6ala8<\/a><\/p>\n<p>Das Formen eines multiplen Kollektivk\u00f6rpers, der singul\u00e4re Individuen physisch in sich aufhebt und transzendiert\u00a0<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> bildete ein grundlegendes Deutungsschema und Prinzip faschistischer symbolischer Politik. Folglich bedient sich das Musikvideo <em>Alejandro<\/em> auch auf dieser Ebene faschistoiden Bildprogramms. Die \u00c4sthetik einer kollektiven Physiognomie findet seine popkulturelle Entsprechung in der streng synchronisierten Bewegungssprache der T\u00e4nzer. Die gleichgeformten K\u00f6rper verhalten sich als Einheit; ihre individuellen Bewegungen sind an die kollektive Bewegung der Gruppe gebunden. Somit werden die singul\u00e4ren Tritte, Geb\u00e4rden und Posen jedes Einzelnen im Takt von der Totalit\u00e4t des Gesamtgebildes absorbiert. Die Simultanit\u00e4t der Choreografie l\u00e4sst den Rekurs auf Canettis Beschreibung der Masse zu, in der alle Glieder zur Deckung gebracht werden: \u201eSchlie\u00dflich tanzt vor einem ein einziges Gesch\u00f6pf, mit f\u00fcnfzig K\u00f6pfen, hundert Beinen und hundert Armen ausgestattet, die alle auf genau dieselbe Weise oder in einer Absicht agieren.\u201c<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> F\u00fcr Canetti ist die rhythmische Masse also an die gemeinsame Bewegung gebunden: \u201eAlles h\u00e4ngt hier an Bewegung. Alle K\u00f6rperreize, die zu erfolgen haben, sind vorausbestimmt und werden im Tanze weitergegeben.\u201c<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Susan Sontag folgend entfaltet sich faschistische \u00c4sthetik in einem charakteristischen Gepr\u00e4nge:<\/p>\n<p><i>\u201eVereinigung von Menschengruppen zu Menschenansammlungen; Umformung von Menschen zu Objekten; Multiplikation oder Reproduktion von Objekten; und das Zusammenscharen von Menschen\/Objekten um eine allm\u00e4chtige, hypnotische F\u00fchrerfigur [&#8230;]. Im Mittelpunkt faschistischer Dramaturgie steht das orgiastische Wechselspiel zwischen machtvollen Kr\u00e4ften und ihren einheitlich gekleideten, zu immer gr\u00f6\u00dferen Massen anschwellenden Marionetten.\u201c<\/i><i><\/i><a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Diese Beschreibung liest sich geradezu wie eine Paraphrase der visuellen Inszenierung in <em>Alejandro<\/em>. Wechselnde Szenen zeigen Lady Gaga gleichsam als leuchtende Heiligengestalt, um die sich die gleichgeschaltete Menschenmasse rankt. Das t\u00e4nzerisch inszenierte Buhlen der Masse um die S\u00e4ngerin illustriert nahezu modellhaft Sontags Beschreibung eines machtvollen orgiastischen Kampfes. Die Choreografie der Tanzsoldaten oszilliert dabei zwischen harten, akkuraten Marschschritten und effeminierten, flie\u00dfend-weichen Bewegungen; der milit\u00e4rische Auftritt mischt sich mit der \u00c4sthetik einer Revue. Das verbindende Element zwischen soldatischem Aufmarsch und der Revue\u00e4sthetik besteht in der Fokussierung auf einen einheitlichen, orchestrierten Kollektivrhythmus.<\/p>\n<p>Die Masse ist stets in Bereitschaft sich zu einem gleichf\u00f6rmigen Ganzheitsleib zu formieren: \u201eWas beide, Revuetheater und Milit\u00e4rparade, gemeinsam haben, ist die Aufforderung zu einem Blick auf die Einheit. Es geht um eine \u00c4sthetik der Ordnung, die Disziplin und Homogenit\u00e4t als Hauptmotiv darstellt.\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a> Lady Gaga, mit wei\u00dfblondem Kurzhaarschnitt und zun\u00e4chst im schwarzen schlichten Overall, anschlie\u00dfend mit einem B\u00fcstenhalter bekleidet, an dem zwei Maschinengewehr-Vorderteile als Brustforts\u00e4tze appliziert sind, steht als Protagonistin im Mittelpunkt der Szenerie. Sie wird flankiert von den einmarschierenden T\u00e4nzern in SS-Montur. Die Simultanit\u00e4t des Tritts und der orchestrierte Laufstil der Performer erinnert an milit\u00e4rischen Gleichschritt ebenso wie an eine pastichehaft-\u00fcberzeichnete Imitation der Gangart von Laufsteg-Mannequins. Die starre Uniform scheint die K\u00f6rper und ihre Beweglichkeit dabei physisch zu reglementieren. Die Steifheit des Anzugmaterials zwingt zur geraden Haltung, die schweren Stiefel sorgen f\u00fcr einen festen Stand und starken Tritt. Der enge Uniformschnitt schr\u00e4nkt den K\u00f6rper sichtbar ein und scheint den Bewegungschor an allzu effeminierten Posen regelrecht zu hindern. Die SS-Uniform ist somit nicht nur symbolisch codiert, als \u00e4sthetische K\u00f6rperprothese nimmt sie auch auf die gesamte Physis und den Habitus der M\u00e4nner immensen Einfluss.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> Eine intendierte aufrechte und soldatisch-stramme K\u00f6rperpositur wird von der Uniform hervorgebracht, indem sie den K\u00f6rper an manchen Stellen, wie etwa der Taille, begrenzt und an anderen Stellen, etwa der Brust und der Schulterpartie, optisch gr\u00f6\u00dfer und damit kraftvoll und m\u00e4chtig erscheinen l\u00e4sst. <i>\u201eThe emphasis was on creating desirable silhouettes: tight jackets with high collars, peak caps, jodhpurs and black leather boots contributed to a mystique that symbolized the power and authority of the regime.\u201c<\/i><a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Ebenso wie die Kleidung sind auch die Stiefel als wichtiges Reglementierungselement der K\u00f6rpersprache zu betrachten, denn eine Beeinflussung des Gangs wirkt auf s\u00e4mtliche K\u00f6rperbewegungen ein und definiert dadurch das gesamte Erscheinungsbild, sowohl des Einzelnen als auch der Masse, was f\u00fcr die \u00c4sthetik des Nationalsozialismus wesentlich erscheint:<\/p>\n<p><i>\u201eDie schwarzen Stiefel sind deshalb konstitutive Elemente der NS-Machtinszenierung in zweierlei Hinsicht: auf Grund ihrer symbolischen Bedeutung und auf Grund ihres Einflusses auf die K\u00f6rpersprache der SS-M\u00e4nner. Diese lernten beim Marschexerzieren, zackige und kr\u00e4ftige Schritte zu \u00fcben. [&#8230;] Die gleichzeitigen Tritte der Marschierenden verdeutlichen die summierten Kr\u00e4fte der Gruppe. Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum sich die Stiefeltritte in Marschparaden als wirksames Element zur Machtdarstellung eignen.\u201c<\/i><i><\/i><a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Blickt man auf das im Musikvideo pr\u00e4sentierte K\u00f6rperbild, so ist zu konstatieren, dass der Leib hier eine Aufwertung von Merkmalen wie St\u00e4rke, Kraft, H\u00e4rte und Erhabenheit erf\u00e4hrt. Der Tanzkorps rekrutiert sich durchg\u00e4ngig aus athletischen, muskul\u00f6sen M\u00e4nnern, die in ihrer Statur ausnahmslos wie fleischgewordene Abziehbilder der Aktplastiken von Arno Breker wirken. Die T\u00e4nzer erscheinen wie vollkommene Stahlgestalten; ihr Muskelkost\u00fcm gleicht einem &#8222;K\u00f6rperpanzer&#8220; <a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a>. Die heroisch-virilen, gleichsam hypermaskulinen K\u00f6rper sind damit anschlussf\u00e4hig an das im Nationalsozialismus imaginierte Ideal des gesunden, kr\u00e4ftigen und \u00fcberlegenen Menschentyps. Adrian Schmidtke spricht im Bezug auf die rassistische und nationalistische K\u00f6rperkonstruktion im Nationalsozialismus von einem \u201eunbedingten Glauben an die \u00dcberlegenheit der arischen Rasse und der Hochsch\u00e4tzung ihrer vermeintlichen Eigenschaften wie [&#8230;] k\u00f6rperliche Robustheit, Stolz oder Sch\u00f6nheit\u201c, der \u201edie Zucht \u201akerngesunder K\u00f6rper\u2018, die St\u00e4hlung des Leibes, das Ausm\u00e4rzen von Schw\u00e4che\u201c<a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[15]<\/a> bedingte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">In visuell- \u00e4sthetischer Hinsicht ist im Musikvideo <em>Alejandro<\/em> folglich eine Verquickung von soldatischen K\u00f6rpermerkmalen und \u201areinen\u2018, vollendeten Figuren zu beobachten. Es wird damit bewusst mit einem Konzept von K\u00f6rperlichkeit operiert, das formal unweigerlich eine N\u00e4he zu faschistoidem Bildinventar und dem Ideal k\u00f6rperlicher Makellosigkeit, wie es in nazistischen Bildprodukten hergestellt wird, aufweist. Susan Sontag stellt in dieser Hinsicht fest: \u201eFaschistische Kunst (&#8230;) stellt eine utopische \u00c4sthetik zur Schau \u2013 jene der physischen Vollkommenheit.\u201c<a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\">[16]<\/a> Wenngleich sich an der Bewegungssprache durchaus irritierende, weil nichtheteronormative Inszenierungscharakteristika ablesen lassen und die Gesten und Posen der M\u00e4nnlichkeit gebrochen werden, bleibt das propagierte K\u00f6rperbild doch dominant auf dem Sinnbild des Hypermaskulinen verhaftet. Der faschistoide K\u00f6rperfetisch wird affirmiert und erf\u00e4hrt hier seine popkulturelle \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>In Interviews auf das Musikvideo angesprochen, bekundet die S\u00e4ngerin h\u00e4ufig, dass der Clip ihrer gro\u00dfen homosexuellen Fan-Community gewidmet sei.<a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[17]<\/a> Tats\u00e4chlich wird das uniformierte K\u00f6rperbild hier teilweise homoerotisch aufgeladen, denn das durch die Choreografie inszenierte Begehren richtet sich \u2013 neben Lady Gaga als zentraler Adorationsfigur \u2013 auch deutlich homoerotisch auf die T\u00e4nzer untereinander. \u00dcberdies ist zu erw\u00e4hnen, dass der hypermaskulinen \u00c4sthetik der SS-Uniform generell ein Moment homosozialen und auch homoerotischen Begehrens innewohnt. So verweist auch Marjorie Garber auf eine Reihe von Faktoren, die zu einer entsprechenden sexuellen Aufladung der Uniform gef\u00fchrt haben:<\/p>\n<p><i>\u201eWhatever the specific semiotic relationship between military uniforms and erotic fantasies of sartorial gender, the history of cross-dressing within the armed services attests to a complicated interplay of forces, including male bonding, acknowledged and unacknowledged homosexual identity, carnivalised power relations, the erotics of same-sex communities, and the apparent safety afforded by theatrical representation.\u201c<\/i><i><\/i><a href=\"#_edn18\" name=\"_ednref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Dass das Bildrepertoire in <em>Alejandro<\/em> eine nicht-heteronormative \u00c4sthetik bedient, ist also offenkundig. Trotzdem hier ein Moment der Desavouierung vorliegen mag, l\u00e4sst sich daraus keine substanzielle Demontage der Symbolik ableiten. Die faschistoide \u00c4sthetik l\u00f6st sich keineswegs in homosexueller \u00c4sthetik auf und schafft dadurch auch keine neuen Sinnzusammenh\u00e4nge. Vielmehr bleibt die Faszination schwerer Stiefel und schwarzer Uniformen \u2013 wenngleich in einen anderen narrativen Kontext eingebettet \u2013 ungebrochen und die von Susan Sontag formulierte Frage damit offen: \u201eWieso ist Nazi-Deutschland, eine Gesellschaft, in der alles Sexuelle unterdr\u00fcckt wurde, erotisch geworden? Wie konnte ein Regime, das Homosexuelle verfolgte, zum Stimulans f\u00fcr Schwule werden?\u201c<a href=\"#_edn19\" name=\"_ednref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Die Todessemantik der SS-Uniformen \u2013 verk\u00f6rpert durch die dominante Farbe Schwarz und den omnipr\u00e4senten SS-Totenkopf \u2013 wird in dem Musikvideo durch den Gebrauch zahlreicher weiterer Todessymbole fortgef\u00fchrt und sogar noch \u00fcbersteigert. S\u00e4rge, Grabtr\u00e4ger und Kruzifixe, ebenso wie ein in der Schlusssequenz zu sehendes Gesichts-Close-Up der S\u00e4ngerin, das ausgehend von den Augen- und Mund\u00f6ffnungen verbrennt und damit eine ikonografische N\u00e4he zu Totenkopf-Abbildungen aufweist, sprechen ebenfalls f\u00fcr die beharrliche Faszination, der dieses Video erliegt. Saul Friedl\u00e4nder sieht in der Juxtaposition von Kitsch-Harmonie auf der einen und der Beschw\u00f6rung von Themen wie Tod und Zerst\u00f6rung auf der anderen Seite eine eigent\u00fcmliche Dissonanz, die den \u00e4sthetischen Reiz des Nazismus ausmacht.<a href=\"#_edn20\" name=\"_ednref20\">[20]<\/a> Ebenjenes Nebeneinander von Kitsch und Tod durchzieht das Video <em>Alejandro<\/em> fast paradigmatisch.<\/p>\n<p>Die gebrauchten Zitate faschistischen Bildrepertoires lassen sich einordnen in eine triviale Pulp-\u00c4sthetik, wie sie die Kunstfigur Lady Gaga in zahlreichen ihrer Videoclips und sonstigen Bilderzeugnissen produziert. Innerhalb der Mash-Up-\u00c4sthetik der S\u00e4ngerin bildet die faschistoide Folklore lediglich eine weitere Spielart eklektizistischer Bilderverwertung.<\/p>\n<p>So bleibt in Anschluss an Susan Sontag zu konstatieren: \u201e<i>Kunst, die an die Themen faschistischer \u00c4sthetik erinnert, ist heute popul\u00e4r, und f\u00fcr die meisten Menschen bedeutet es nicht mehr als\u00a0<\/i><i>eine Variante von camp.\u201c<\/i><a href=\"#_edn21\" name=\"_ednref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Paula Diehl: Macht \u2013 Mythos \u2013 Utopie. Die K\u00f6rperbilder der SS-M\u00e4nner. Berlin 2005, S. 167.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Ebd., S. 166.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Siegfried Kracauer: Das Ornament der Masse. In: Ders.: Das Ornament der Masse.<br \/>\nEssays. Frankfurt am Main 1977, S. 50-63.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Inge Baxmann: \u00c4sthetisierung des Raumes und nationale Physis. Zur Kontinuit\u00e4t politischer \u00c4sthetik. Vom fr\u00fchen 20. Jahrhundert zum Nationalsozialismus. In: Karlheinz Barck, Richard Faber (Hrsg.): \u00c4sthetik des Politischen \u2013 Politik des \u00c4sthetischen. W\u00fcrzburg 1999, S. 79-95, hier S. 79.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Vgl. Elena Pavlova: K\u00f6rperBilder \u2013 BildK\u00f6rper. Ann\u00e4herungen an Elfride Jelineks Theater unter besonderer Ber\u00fccksichtigung seiner kritischen Dekonstruktion des faschistischen K\u00f6rper-Diskurses. Saarbr\u00fccken 2007, S. 163.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Elias Canetti: Masse und Macht. Frankfurt am Main 1996, S. 34.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Ebd., S. 31.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Susan Sontag, Faszinierender Faschismus. In: Dies.: Im Zeichen des Saturn. Essays. Frankfurt am Main 2003, S. 97-126, hier S. 113.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Diehl, S. 93.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Zur Anpassung des K\u00f6rpers durch SS-Uniformen: Siehe Ebd., S. 173ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Jennifer Craik: Uniformes Exposed. The Proliferation of Uniforms in Popular Culture as Markers of Change and Identity. In: Gabriele Mentges, Dagmar Neuland-Kitzerow, Birgit Richard (Hrsg.): Uniformierungen in Bewegung. Vestiment\u00e4re Praktiken zwischen Vereinheitlichung, Kost\u00fcmierung und Maskerade. M\u00fcnster 2007, S. 37-55, hier S. 46.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Diehl, S. 196-197.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> Vgl. Kaus Theweleit: Klaus Theweleit: M\u00e4nnerphantasien, Band 2. M\u00e4nnerk\u00f6rper. Zur Psychoanalyse des wei\u00dfen Terrors. M\u00fcnchen 1995, S. 206ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[15]<\/a> Adrian Schmidtke: K\u00f6rper-Formationen. Fotoanalysen zur Formierung und Disziplinierung des K\u00f6rpers in der Erziehung des Nationalsozialismus. M\u00fcnster 2007, S. 18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[16]<\/a> Vgl. Sontag, S. 114.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[17]<\/a> Siehe Harald Peters: Wie Lady Gaga bei Leni Riefenstahl kopiert. In: Welt.de,11.06.2010, http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article7993238\/Wie-Lady-Gaga-bei-Leni-Riefenstahl-kopiert.html (zuletzt aufgerufen am 14.05.2017).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref18\" name=\"_edn18\">[18]<\/a> Marjorie Garber: Vested Interests. Cross-Dressing and Cultural Anxiety. New York 1992, S. 55-56.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref19\" name=\"_edn19\">[19]<\/a> Sontag, S. 123.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref20\" name=\"_edn20\">[20]<\/a> Vgl. Saul Friedl\u00e4nder: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus. Frankfurt am Main 2007, S. 26 und 32\/33.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref20\" name=\"_edn20\">[20]<\/a> Sontag, S. 119.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichung des Auszugs aus dem Buch von Jelena Jazo, <a title=\"verlagshinweis buch jazo\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3752-6\/Postnazismus-und-Populaerkultur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Postnazismus und Popul\u00e4rkultur<\/a>, mit freundlicher Genehmigung des\u00a0 Transcript Verlags.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nazismus und Popkultur<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[102304,718,969,1290,1344,1626,1633,1714,1946,2003,2250,2261],"class_list":["post-6783","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-alejandro","tag-faschistoide-aesthetik","tag-heimatbilder","tag-koerperinszenierung","tag-lady-gaga","tag-nationalsozialismus","tag-nazismus","tag-olympia","tag-rammstein","tag-riefenstahl","tag-stripped","tag-susan-sontag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6783","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6783"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6783\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6783"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6783"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6783"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}