{"id":679,"date":"2012-10-08T17:11:10","date_gmt":"2012-10-08T15:11:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=679"},"modified":"2012-10-08T17:11:10","modified_gmt":"2012-10-08T15:11:10","slug":"digitale-einfuhrung-rezension-zu-chris-rojek-pop-music-pop-culturevon-thomas-hecken8-10-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/10\/08\/digitale-einfuhrung-rezension-zu-chris-rojek-pop-music-pop-culturevon-thomas-hecken8-10-2012\/","title":{"rendered":"Digitale Einf\u00fchrung Rezension zu Chris Rojek, \u00bbPop Music, Pop Culture\u00abvon Thomas Hecken8.10.2012"},"content":{"rendered":"<p>Es beginnt mit Platon<!--more-->Die anglo-amerikanischen Wissenschaftsverlage ver\u00f6ffentlichen mit Vorliebe Zusammenfassungs- und Einf\u00fchrungsb\u00e4nde. Gegen\u00fcber vergleichbaren deutschen, franz\u00f6sischen etc. B\u00fcchern verf\u00fcgen sie \u00fcber einen immensen Marktvorteil. Dank der Weltsprache Englisch ist der Absatz garantiert. Universit\u00e4tsbibliotheken in allen L\u00e4ndern stellen die B\u00e4nde in ihre Regale; Dozenten \u2013 nicht nur in England und den USA \u2013 beruhigen ihr didaktisches Gewissen damit, dass sie die B\u00fccher ihren Studentinnen und Studenten als \u00dcbersichts- und Grundlagenwerke empfehlen, auch wenn sie meist nur zu gut wissen, dass solche B\u00fccher f\u00fcr B.A.-Aspiranten oft gleicherma\u00dfen zu viel und zu wenig Informationen bieten. Zu viel \u2013 denn die Revue aller m\u00f6glichen Ans\u00e4tze und Bereiche verwirrt den Anf\u00e4nger nur, wenn er sie rasch hintereinander aufnimmt. Zu wenig \u2013 denn die einzelnen Kapitel und Unterkapitel bleiben im Regelfall zu oberfl\u00e4chlich, wenn man sie zur speziellen Lekt\u00fcre nutzt. Ein weiteres Problem liegt darin, dass solche B\u00fccher fast immer das Hauptgewicht auf die Darstellung unterschiedlicher Gro\u00dftheorien und -methoden legen: Psychoanalyse, Strukturalismus, Marxismus, Systemtheorie etc., die de facto die Arbeiten von Studenten (und h\u00e4ufig auch von Wissenschaftlern) gar nicht pr\u00e4gen, weil sie ihre Themen viel unreiner oder mit Theorien mittlerer Reichweite angehen.<\/p>\n<p>Es bleibt also die Frage, ob man dieses Buchgenre (abgesehen von den \u00f6konomischen Interessen der Verlage) \u00fcberhaupt braucht \u2013 ob es nicht sinnvoller w\u00e4re, stattdessen eine kurze Liste mit B\u00fcchern und Aufs\u00e4tzen aufzustellen, die \u00fcberzeugende Untersuchungen auf eine gut erkl\u00e4rte, nachvollziehbare Weise bieten. Und selbst wenn man der Ansicht ist, dass gro\u00dffl\u00e4chige Einf\u00fchrungen eine wichtige Funktion besitzen, stellt sich seit einigen Jahren die zus\u00e4tzliche Frage, ob man sie noch braucht in einer Zeit, in der man im Internet zu allen m\u00f6glichen Stichworten Einf\u00fchrendes und Zusammenfassendes findet.<\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigt man diese Probleme, legt Chris Rojek, Professor f\u00fcr Soziologie und Kultur an der englischen Brunel University (Uxbridge, West-London), ein gelungenes, ansprechendes Werk vor. Wie der Titel schon sagt, betrachtet Rojek die Popmusik im Zusammenhang kultureller Fragen (wobei Kultur bei ihm ungef\u00e4hr das umfasst, was man vor vierzig Jahren noch mit \u203aGesellschaft\u2039 angesprochen h\u00e4tte). In typisch soziologischer Manier begr\u00fcndet Rojek seine Abneigung dagegen, das autonome musikalische Werk und seinen Sch\u00f6pfer bei der Untersuchung ins Zentrum zu stellen, mit dem Hinweis auf die soziokulturellen Bedingungen solcher Sch\u00f6pfung. Vern\u00fcnftigerweise bel\u00e4sst er es nicht nur bei einer Vogelperspektive, sondern stellt z.B. die Bedeutung des Managements bei der Untersuchung der Popmusik greifbar heraus. Dennoch erkl\u00e4rt sich sein Vorgehen sicherlich ebenfalls schlicht daraus, dass er nun einmal Kultursoziologe und kein Musikologe ist. Auf musikwissenschaftliche Untersuchungen im engeren Sinne trifft man bei ihm folglich kaum, soziologische, kulturwissenschaftliche, aber auch philosophische, \u00f6konomische Ans\u00e4tze dominieren.<\/p>\n<p>Fast unvermeidlich (s.o.) ist bei einem solch weiten Spektrum, dass die Auswahl der vorgestellten Richtungen und Theoretiker oftmals willk\u00fcrlich erscheint. Manchmal ger\u00e4t zudem der Kotau vor der Bildungstradition allzu stark, etwa wenn unter dem Stichwort \u00bbStructuralist Approaches\u00ab ausf\u00fchrlich Plato, Aristoteles, Attali, L\u00e9vi-Strauss und Adorno er\u00f6rtert werden. Teilweise wettgemacht wird das jedoch, weil Rojek (leider dann meist in Kurzform) auch Theorien mittlerer Reichweite zur Popmusik vorstellt (etwa die in Deutschland bislang zu wenig bekannten Forschungen von Theodore Gracyk).<\/p>\n<p>Rojeks Buch ist aber auch \u00fcber das Einf\u00fchrungsgenre hinaus von Interesse. Rojek legt gro\u00dfen Wert auf die Feststellung, dass die Popmusik gegenw\u00e4rtig eine entscheidende Wandlung durchlaufe. Die digitalen Neuerungen h\u00e4tten \u00bba radical technological and cultural transformation in the production, exchange and consumption of pop music\u00ab erm\u00f6glicht (S. 3). (Eine innerwissenschaftliche Pointe ist, dass Rojek seinen angloamerikanischen Kollegen vorschl\u00e4gt, angesichts dieser Transformationen endlich den \u00e4lteren Begriff \u00bbpopular music\u00ab \u2013 mit seinem Volkskultur-Kern \u2013 bei Analysen aktueller Musik zugunsten von \u00bbpop music\u00ab und \u00bbpop\u00ab zu streichen; au\u00dferhalb der Wissenschaften ist dies ohnehin l\u00e4ngst weitgehend geschehen). In zehn Bereichen stellt Rojek die Konsequenzen der Implementierung digitaler Technologien besonders heraus:<\/p>\n<p>1. Popmusik l\u00f6st sich stark von der Rezeption an einem daf\u00fcr vorgesehenen Ort (Kinderzimmer mit Postern und Kassettenradio, Wohnzimmer mit Stereoanlage, Schallplattengesch\u00e4ft, Club) und ist dank Handys, Laptops etc. allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>2. Diese individuelle Mobilit\u00e4t bildet die Ursache f\u00fcr den Bedeutungsverlust jener Subkulturen, die sich traditionell an bestimmten Orten gebildet und versammelt haben.<\/p>\n<p>3. Zu einem R\u00fcckgang der Verbindung von Musik und visuell wahrnehmbaren Stilelementen f\u00fchrt die digitale Revolution nicht. YouTube, Myspace etc. sorgen sogar zunehmend daf\u00fcr, dass T\u00f6ne zusammen mit Bildern rezipiert werden.<\/p>\n<p>4. Die digitalen, billigen Produktions-, Distributions- und Marketingm\u00f6glichkeiten verringern die Macht der Schallplattenfirmen betr\u00e4chtlich. An ihre Stelle k\u00f6nnten allerdings schnell durch andere Web-Firmen auferlegte Zw\u00e4nge treten.<\/p>\n<p>5. Die Musikpresse verliert in beachtlichem Ausma\u00df ihre Gatekeepermacht und ihre Deutungshoheit an Blogs und soziale Netzwerke.<\/p>\n<p>6. Da grundlegende F\u00e4higkeiten, mit dem Computer umzugehen, einen bereits in die Lage versetzen, Popst\u00fccke anzufertigen, ist es nun vielen m\u00f6glich, zum Komponisten\/Musiker\/Produzenten aufzusteigen.<\/p>\n<p>7. Zugleich bietet die digitale Technologie den H\u00f6rern die Chance, selbst kreativ t\u00e4tig zu werden, indem sie die vorgegebenen St\u00fccke modifizieren.<\/p>\n<p>8. Die gro\u00dfe Verf\u00fcgbarkeit des digitalen Angebots hebt die Limitationen, die von den r\u00e4umlichen Grenzen des LP- und CD-Ladens gesetzt waren, auf. Das f\u00fchrt dazu, dass Chartshits im Regelfall \u00fcber geringere Popularit\u00e4t als fr\u00fcher verf\u00fcgen und es eine gr\u00f6\u00dfere Nischenvielfalt gibt.<\/p>\n<p>9. Damit verbunden ist eine gr\u00f6\u00dfere Geschmackspluralit\u00e4t und ein geringeres Gewicht der scharfen \u00e4sthetisch-sozialen Distinktionslogik.<\/p>\n<p>10. Musikalisch findet das sein Gegenst\u00fcck nicht nur in der Kultivierung von Retro-Sounds, sondern im wachsenden, neuartigen Synkretismus der Popsongs: Genremischungen, die die Grenzen von Blues, Country, Punk etc. \u00fcbersteigen, sind an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Mit diesen Punkten legt Rojek eine \u00fcberzeugende, umfangreiche Liste an Thesen und Beobachtungshilfen vor. Ob sie alle einer empirischen \u00dcberpr\u00fcfung standhalten, ist fraglich. Wie unter angloamerikanischen Popkulturwissenschaftlern \u00fcblich, d\u00fcrfte die Bedeutung der Rezipientenkreativit\u00e4t von ihm ebenso zu hoch veranschlagt worden sein wie die des Synkretismus. Diese Vermutung \u00e4ndert aber nichts daran, dass Rojek mit seinen Punkten k\u00fcnftige Untersuchungen in die richtige Richtung lenkt. Umso n\u00f6tiger w\u00e4re es gewesen, die Ausf\u00fchrungen zu Plato etc. zu reduzieren und st\u00e4rker aktuelle Untersuchungen vorzustellen.<\/p>\n<p>PS: In dem vierb\u00e4ndigen Sammelband \u00bbPopular Music\u00ab (London: Sage 2011), den Rojek herausgegeben hat und in dessen Einleitung er seine oben skizzierten Thesen wiederholt, sind einige solcher aktuellen Aufs\u00e4tze nachgedruckt. Wegen des absurd hohen Preises (600 Pfund) \u2013 und weil die vier B\u00e4nde zumeist gut bekannte und greifbare Beitr\u00e4ge versammeln (von Adorno bis Frith), neben denen die von Rojek aus verschiedenen Wissenschaftsperiodika ausgesuchten Beitr\u00e4ge unbekannterer Autoren wegen oftmals sehr spezieller Fragestellungen im Rahmen solch eines \u00dcberblickswerks wenig \u00fcberzeugen \u2013 kann dieses Werk nur denjenigen empfohlen werden, die sich in einer Bibliothek eine erste Orientierung verschaffen wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nChris Rojek<br \/>\nPop Music, Pop Culture<br \/>\nCambridge: Polity Press 2012<br \/>\nISBN-13: 978-0-7456-4263-5<br \/>\n237 Seiten<\/p>\n<p>Wer den Artikel in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren m\u00f6chte, verweise bitte auf die mit Seitenzahlen versehene PDF-Version:<\/p>\n<p><a title=\"Rezension Hecken Rojek Pop Music\" href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2012\/10\/rezension-hecken-rojek-pop-music.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-114\" title=\"Pdf-Version download\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2012\/08\/download-pdf.png\" alt=\"\" width=\"60\" height=\"56\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es beginnt mit Platon<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[435,947,1309,1315,1816,1818,1819,1993,2025,2335,2589],"class_list":["post-679","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-chris","tag-hecken","tag-kritik","tag-kultur","tag-pop","tag-pop-culture","tag-pop-music","tag-rezension","tag-rojek","tag-thomas","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=679"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=679"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}