{"id":6798,"date":"2017-05-19T10:01:11","date_gmt":"2017-05-19T08:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6798"},"modified":"2017-05-19T10:01:11","modified_gmt":"2017-05-19T08:01:11","slug":"mit-fluegeln-an-den-fuessenvon-hans-j-wulff19-5-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/05\/19\/mit-fluegeln-an-den-fuessenvon-hans-j-wulff19-5-2017\/","title":{"rendered":"&#8230;mit Fl\u00fcgeln an den F\u00fc\u00dfen!Von Turnschuhen und Film-Rentnern, die Sneakers tragenvon Hans J. Wulff19.5.2017"},"content":{"rendered":"<p>Ende einer Provokation<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Objektbedeutungen und -funktionen<\/p>\n<p>Kleidung ist Teil der kulturellen Arbeit an den Bedeutungshorizonten aller ihrer Elemente. Kleidungsst\u00fccke wie Schuhe tragen nicht von sich aus Bedeutungen, sondern erlangen diese erst in besonderen kulturellen Kontexten. Darum sind sie interpretationsbed\u00fcrftig, durchaus ambivalent, weil Bedeutungen zugeschrieben sind, den Objekten nicht <i>per se<\/i> innewohnen. Es geht nicht um Objektgeschichte, sondern um Bedeutungsassoziationen \u2013 erst sie verankern Objekte im sozialen Leben. Diejenigen, die spezifische Kleidungsst\u00fccke tragen, etablieren ebenso die Deutungshorizonte wie diejenigen, von denen sie wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>Turn- bzw. Sportschuhe entstanden als Zweckschuhe im fr\u00fchen 19. Jahrhundert. Erst in den 1950ern emanzipierten sie sich aus dem baren Zweckverband sportlichen Tuns, wurden vor allem in den Jugendkulturen als modisches Accessoire entdeckt, mit dem sich die Differenz zu den Kleidungs-Konventionen der Erwachsenenkulturen ausdr\u00fccken lie\u00df. Manches dient der <i>Provokation<\/i>. Oft werden Medienfiguren wie James Dean und Marlon Brando (vor allem in seiner Rolle als Stanley Kowalski in <i>A Streetcar Named Desire<\/i> [<i>Endstation Sehnsucht<\/i>], USA 1951, Elia Kazan) als diejenigen benannt, die die Popularit\u00e4t der Turnschuhe in den Jugendkulturen ihrer Zeit f\u00f6rderten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Halbstarken geh\u00f6rten Turnschuhe aus Leinen (<i>chucks<\/i>) zum subkulturellen Erscheinungsbild. Parallel dazu entstanden die <i>Teddy Girls<\/i> (manchmal auch: <i>Judies<\/i>) als weibliche Variante der rock\u2018n\u2018roll-affinen m\u00e4nnlichen Form; ihr Kleidungsstil \u2013 mit aufgerollten Jeans und flachen Schuhen wie Espadrilles \u2013 galt seinerzeit als ausgesprochen androgyn. Die Welle kam auch in der BRD an: Horst Buchholz etwa hatte in <i>Die Halbstarken<\/i> (BRD 1956, Georg Tressler) ein Paar Turnschuhe provokant \u00fcber seinem Bett h\u00e4ngen. Auch die junge Cornelia Froboess wurde in <i>Hula-Hopp, Conny<\/i> (BRD 1958, Heinz Paul) zusammen mit ihren Freunden in den Outfits der Halbstarken gezeichnet. Die so sehr mit der Rock-, sp\u00e4ter auch der Hippiebewegung (w\u00e4hrend der die Schuhe oft bemalt wurden) assoziierte Bedeutung der <i>chucks<\/i> war noch anfangs der 1970er sp\u00fcrbar, als 1971 etwa Mick und Bianca Jagger in Turnschuhen (es handelte sich um den <i>Taylor All Star<\/i> von Converse) vor dem Standesamt erschienen.<\/p>\n<p>Das Moment des Protestes blieb lange erhalten, findet sich noch in den <i>chucks<\/i> der Grungekultur, des Punk und auch im Umfeld der Skaterszene. Ein Vorbild des heutigen popul\u00e4ren Wissens \u00fcber die solcherart vorinterpretierten Sneakers-Moden mag immer noch Joschka Fischer sein, der am 12.12.1985 zum hessischen Umweltminister vereidigt wurde \u2013 er war in Turnschuhen (und ohne Krawatte) im Landtag angetreten. Provokativit\u00e4t wohnte zu dieser Zeit aber kaum noch den <i>chucks<\/i> als Signalen jugendkulturellen Protests inne, sondern zielte auf eine viel breitere, linksliberale und \u00f6kologische eingef\u00e4rbte politische Subkultur. Vor allem bedurfte es der so ganz unangemessenen Umgebung des Landtages, um das Skandal-Potential der Schuhe erneut zu entfachen (und dadurch die stillschweigend geltenden restriktiven Kleidungskonventionen greifbar zu machen).<\/p>\n<div id=\"attachment_6799\" style=\"width: 687px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/05\/Joschka_Fischer_Turnschuhe.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6799\" class=\"wp-image-6799 \" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/05\/Joschka_Fischer_Turnschuhe.jpeg\" alt=\"Turnschuhe von Joschka Fischer, in welchen er den Amtseid als erster Gr\u00fcner Minister in Deutschland leistete. Aufgenommen im Ledermuseum Offenbach.\" width=\"677\" height=\"452\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/05\/Joschka_Fischer_Turnschuhe.jpeg 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/05\/Joschka_Fischer_Turnschuhe-300x200.jpeg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/05\/Joschka_Fischer_Turnschuhe-768x513.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 677px) 100vw, 677px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6799\" class=\"wp-caption-text\">Turnschuhe von Joschka Fischer, in welchen er den Amtseid als erster Gr\u00fcner Minister in Deutschland leistete. Aufgenommen im Ledermuseum Offenbach.<\/p><\/div>\n<p>Heute sind Sportschuhe in der BRD l\u00e4ngst nicht nur im Jugend-, sondern auch im etablierten b\u00fcrgerlichen Milieu nicht weiter auffallender Standard geworden. Sie haben sogar die ihnen lange so eigene Urbanit\u00e4t des Tragens verloren, finden sich auch in Kleinst\u00e4dten und auf dem Lande. Dabei entstammen viele der Bedeutungen, die auch im hiesigen Marketing f\u00fcr die Sneakers \u2013 die besonders hochpreisigen Varianten der Turnschuhe, die zudem eng mit Markenfetischismus verbunden sind \u2013 US-amerikanischen kulturellen Kontexten, die aber ihrerseits vielen Turnschuhtr\u00e4gern im einzelnen gar nicht bekannt sind, weil sie zu Objekten einer im Grunde geschichtslosen Lifestyle-Inszenierung geworden sind. Dass diese Schuhe z.B. von Connaisseuren nicht zugebunden werden, war in der HipHop-Szene \u201eurspr\u00fcnglich eine subtile Solidarit\u00e4tsbekundung mit afroamerikanischen Strafgefangenen, da in amerikanischen Gef\u00e4ngnissen Schn\u00fcrb\u00e4nder (genauso wie G\u00fcrtel) verboten sind)\u201c (Niedenthal 2005) \u2013 diese an innergesellschaftliche Konflikte gemahnende Bedeutung ist heute vergessen.<\/p>\n<p>Zeitgen\u00f6ssische Ausdrucksfunktionen nutzen sich ab; der Turnschuh ist heute Allerweltsware geworden. Kulturologische Analyse zeigt allerdings, dass die Kommunikation um Sportschuhe resp. Sneakers tief in die Bedeutungsgeschichte, in kulturelle Wertgeschichten und in Traditionen innergesellschaftlicher Differenzierung zur\u00fcckweisen. Einen solch weiten kulturhistorischen Bogen spannt Dylan A.T. Miner (2009) auf. F\u00fcr ihn ist die Turnschuhproduktion in der Sportbekleidung des Viktorianischen 19. Jahrhunderts entstanden und so eine Entwicklung aus einer klar m\u00e4nnlich dominierten Freizeitt\u00e4tigkeit. Sie waren lange reserviert als Mittel, m\u00e4nnliche Identit\u00e4t in der sich schnell entfaltenden Warenwelt auszuweisen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Miner bedarf es f\u00fcr ein tieferes Verst\u00e4ndnis der Sneakers als kultureller Einheiten einer Zusammenschau der Geschichte der Sportschuhe, der Beziehungen zwischen den Rassen, der allgemeinen Geschichte und der der M\u00e4nnlichkeit, vor allem, um den immer wieder abweichenden Bedeutungszuweisungen auf die Spur kommen zu k\u00f6nnen. Auffallend ist ihm der Widerspruch zwischen der tats\u00e4chlichen Nutzung von Sportschuhen in multi-ethnischen Subkulturen und ihrem Marketing als feste Ingredienzien der Schwarzen- und der Eingeborenen-Gemeinschaften; die zeitgen\u00f6ssischen kulturellen Vorstellungsbilder von Sneakers sind so gemeinsam gespeist aus der Tradition Viktorianischer Mode, der Kunstgeschichte sowie der neueren Schwarzenkulturen des HipHop und der Gef\u00e4ngnisse.<\/p>\n<p>Eine ganze Reihe von Untersuchungen versuchen, sich an eine kulturologisch-historisierende Analyse der Sneaker-Kulturen heranzutasten \u2013 fast ausschlie\u00dflich im Kontext der US-amerikanischen Kultur, weshalb manchmal der Turnschuh als <i>American Icon<\/i> bezeichnet wird. Eine schlichte \u00dcbertragung auf seine Bedeutungen in der BRD erscheint darum h\u00f6chst problematisch.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Skepsis artikulieren auch BraceGovan\/de BurghWoodman (2008), die in ihrer auf neokolonialistischen Annahmen basierenden Analyse Sneaker-Bedeutungen in den USA und Frankreich miteinander kontrastieren. W\u00e4hrend Sneaker in der afroamerikanischen Stra\u00dfenkultur Themen wie soziale Entfremdung, (rassische und individuelle) Identit\u00e4t und eine rigoros-konsumistische Grundhaltung artikulieren, sind die Bedeutungshorizonte in postkolonialen franz\u00f6sischen Gemeinschaften ganz anders gelagert. In der Konsequenz fordern die Autorinnen eine nuancierte Interpretation der symbolischen Horizonte der Konsumption in verschiedenen Nationen, abh\u00e4ngig von der Geschichte der jeweiligen traditionellerweise marginalisierten Subkulturen. Methodisch sind diese \u00dcberlegungen folgenreich \u2013 nicht nur, dass sich historische Bedeutungen und pragmatische Funktionen u.U. rasend schnell ver\u00e4ndern, sondern auch, dass man in verschiedenen Gesellschaften mit ganz anderen Bedeutungen konfrontiert wird.<\/p>\n<p>Dass dem Sneakergebrauch selbst im Kontext einer einzigen Kultur eine wahre Gemengelage von Bedeutungsassoziationen zukommt, ist auch die Grundlage der Analyse von Ramsay (2002): Auch wenn das eigentliche Interesse seiner Analyse der HipHop-Musik gewidmet ist, attestiert er der HipHop-Kultur eine aggressiv ausgelebte gemeinschaftliche Konsumhaltung, die sich im Bem\u00fchen um das Neusein der Sneakers ebenso manifestiert wie in der Gesamtinszenierung des Breakdance-T\u00e4nzers, in der Sneakers, T-Shirt, Hosen und Kappen miteinander harmonieren sollen; hinzu kommt, dass im Idealfall das Outfit Teil des Auftritts vor der Mauer der Umstehenden ist, dass also der T\u00e4nzer zur zentralen Figur des szenischen Arrangements wird.<\/p>\n<p>Es mag wiederum als widerspr\u00fcchlich gelten, dass die Krise der US-amerikanischen urbanen Zentren zugleich die Entstehung der musikalischen Idiome des HipHop, der Popularit\u00e4t der Bildwelten des Sports, der spezifischen Mode-Konventionen, damit verbunden rassistischer Themen, Imaginationen der Gefahr ebenso wie des Vergn\u00fcgens gef\u00f6rdert hat. Gro\u00dfe Mode-Unternehmen wie Nike, Reebok oder L.A. Gear haben in ihren diversen Werbemedien die br\u00fcchigen urbanen Lebensr\u00e4ume romantisiert, vor allem diejenigen, in denen sich schwarze Jugendliche zurechtfinden m\u00fcssen. Auch der von David L. Andrews herausgegebene Sammelband (2001) \u00fcber den schwarzen Basketballspieler und erfolgreichen Unternehmer Michael Jordan, der einen Exklusiv-Werbevertrag mit Nike hatte und dort als repr\u00e4sentativer (sportiver und erfolgreicher) Sneakerstr\u00e4ger vermarktet wurde, verankert die Sneaker-Kulturen in der schwarzen Subkultur des HipHop und des Breakdance, die sich seit den 1970ern von New York aus ausbreitete. Filme wie <i>Do the Right Thing<\/i> (<i>Do the Right Thing<\/i>, USA 1988, Spike Lee) trugen zur fetischartigen Popularisierung der Sneakers in der HipHop-Kultur der Zeit bei.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Do The Right Thing - Yo! Buggin&#039; Out New Air Jordans\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/IA3oxE4X5w8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>\u00c4hnlich diesen anderen Autoren verankert Jacqueline Botterill (2007) die Images der Sneakers im Historischen. F\u00fcr sie stehen der Cowboy, der genialische K\u00fcnstler und der Gesetzlose als Inkarnationen authentischer Individualit\u00e4t im 19. und 20. Jahrhundert, die zwar vielfach parodiert und verunkt worden sind, in Verbindung mit der in Jugendkulturen verbreiteten \u201etotemistischen\u201c Interpretation der Jeans und der Sneakers (vgl. Saltz 2005, Kawamura 2015, 32ff; Chalmers\/Arthur 2008 sprechen sogar von einer \u201eSakralisierung\u201c der Beziehung von Subkulturen zu kommerzialisierten Objekten), deren Gebrauch suggeriert, dass die Individualismus-Werte von Freiheit, Autonomie und Individualit\u00e4t nach wie vor realisierbar seien.<\/p>\n<p>In der Werbung f\u00fcr diese Jugend-Waren (<i>youth commodities<\/i>) werden Sportwerte wie das Athletische, die Disziplin und der Teamgeist weiterhin eingesetzt, suggerieren den Effekt einer Selbst-Authentifizierung im Sport. Paradoxerweise entsteht so ein Widerspruch zwischen der versprochenen Wert-Assimilierung und der Tatsache, dass sie Teil eines umfassenden Konsumssystems sind. Konsequenterweise spricht die Autorin dem Gebrauch der Modeobjekte einen imagin\u00e4ren therapeutischen Wert zu.<\/p>\n<p>Die Differenz m\u00e4nnlicher und weiblicher Werte und Identit\u00e4tsentw\u00fcrfe bildet einen eigenen Themenkreis, der in der schmalen Literatur zur kulturellen Bedeutung der Turnschuhe (resp. der Sneaker als ihrer neuen Auspr\u00e4gung) behandelt wird. D. Travers Scott (2011) stellt einen Versuch vor, die Sneakers-Bedeutungen im Horizont von Gender-Kategorien und ihren Beziehungen zur dominanten Kultur zu verorten (am besonderen Beispiel der amerikanischen Schwulen-Kulturen). Danach lassen sich drei Positionen aus der Perspektive schwuler M\u00e4nner skizzieren: (1) Sneakers gelten als feminin und werden in Opposition zur dominanten Kultur abgelehnt; (2) sie gelten als maskulin und werden der hegemonialen Rahmenkultur assimiliert; (3) sie gelten als maskulin und werden in Opposition eben dieser genutzt (behalten also ihr Protestpotential). Die Differenzierung der Objektbedeutungen betrifft aber eine nur vor\u00fcbergehende Phase, an deren Ende sich Bedeutungen m\u00f6glicherweise aufgel\u00f6st haben, sprich: sie keine Ausdrucksfunktionen mehr tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bestimmungselemente des M\u00e4nnlichen in den Sneaker-Kulturen zu diagnostizieren, durchzieht alle mir bekannt gewordenen Untersuchungen. Insofern verdienen zwei \u00dcberlegungen Aufmerksamkeit, die sich der Adressierung von Frauen in Nike-Werbungen als Sneakers-Konsumenten widmen. Bis heute sind sneakers-tragende Frauen gegen\u00fcber den m\u00e4nnlichen Konsumenten in einer dramatischen Unterzahl, auch wenn sich inzwischen auch f\u00fcr M\u00e4dchen und junge Frauen entworfene Sportschuhe im Angebot finden. Es sind drei TV-Werbespots, die Lucas\u2018 (2000) Untersuchung zu Grunde liegen. Nike (bzw. die Nike-Produkte) werden als Mittel positioniert, die es jungen Frauen erm\u00f6glichen, Sport zu treiben \u2013 und dadurch zu einem reicheren und ges\u00fcnderen Leben zu gelangen, vor allem sie zu intensivem Vergn\u00fcgen zu bef\u00e4higen. Allerdings bleibt die m\u00e4nnliche Dominanz erhalten, weil die Clips implizit unterstellen, dass junge Frauen keine eigene Handlungsmacht oder -initiative haben und auf die Hilfestellung von Nike angewiesen bleiben. Auch die Analyse von Helstein (2003) zeigt, wie sich Nike jungen Frauen gegen\u00fcber als seri\u00f6ser Anwalt eines Ideals weiblichen Athletentums ausgibt \u2013 und dieses gleich mit Idealen der Emanzipation kurzschlie\u00dft.<\/p>\n<p>In der Summa legen die Nike-Werbungen nahe, dass \u201aVergn\u00fcgen\u2018 (eher im Sinne von <i>desire<\/i> als von <i>fun<\/i>) an politische und kulturelle Bedingungen gebunden ist, eine Zielvorstellung, \u00fcber die sich die Werbungen allerdings ausschweigen. Offenbar greift Nike auf ein diffuses Hintergrundwissen zur\u00fcck, in dem die k\u00f6rperliche Selbstbest\u00e4tigung ein zentraler Wert ist \u2013 etwas, das traditionellerweise der m\u00e4nnlichen Lebensweise zugeordnet wird.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Nike: &quot;Free Yourself&quot; TV-Spot f\u00fcr junge Frauen\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/U94wPClYHmA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Alle Untersuchungen, die dem kurzen Bericht zu Grunde lagen, handeln von jungen Adressaten der Werbung und von jungen Leuten, die Sneakers tragen. \u00c4ltere oder gar Alte tauchen nicht auf. Allerdings zeigt die Alltagserfahrung, dass eine Altersdifferenzierung der Gesellschaft angesichts des Sneakertragens h\u00f6chstens noch partiell m\u00f6glich ist \u2013 Sportschuhe der genannten Art sind inzwischen altersunspezifisch geworden. Allerdings steht zu vermuten, dass die mit den Schuhen assoziierten Werte auch im Konsum \u00c4lterer eine Rolle spielen, wenn auch befreit vom Wissen um die Bez\u00fcge zu allgemeineren gesellschaftlichen Praktiken, in die sie urspr\u00fcnglich einmal eingebettet waren.<\/p>\n<p>Waren die Schuhe in den 1960ern noch lesbar als gegen die Einkerkerung der F\u00fc\u00dfe gerichtete Protestaktion, richteten sie gleichzeitig die Kleiderordnung als Ausdrucksform einer umfassenderen und im Kern repressiven Ordnungsvision vieler Handlungsr\u00e4ume zugrunde. An den F\u00fc\u00dfen der Yuppies der 1980er l\u00f6sten sie sich aus dem semantischen Horizont der Auflehnung und wurden sie zu Indikatoren einer umfassenden Mobilit\u00e4t (als w\u00e4ren die Laufschuhtr\u00e4ger st\u00e4ndig dabei, von einem Ort zum anderen zu laufen; vgl. Stern\/Stern 1992, 431f).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sneakers an den F\u00fc\u00dfen von Alten<\/p>\n<p>Die Stufen der Lebensalter sind nicht nur symbolisch getrennt, sondern werden auch durch Kleidungsstile angezeigt: Kinder tragen Kinderkleidung (nicht nur wegen der Gr\u00f6\u00dfe), Jugendliche ihre eigene Klamotten \u2013 und eben auch die Alten die ihnen typische Kleidung. Auch wenn sich die Konventionen ver\u00e4ndern, wenn sich gar Abschnitte der Lebensalter neu herausbilden, so kann man doch mit den Formen spielen. Kinder im Anzug sind ebenso l\u00e4cherliche Gestalten wie Sechzigj\u00e4hrige im HipHop-Outfit. Die Filme, um die es hier geht, verfahren aber anders: Sie modulieren die altersgem\u00e4\u00dfe Kleidung mit Elementen, die herausstechen, die Widerspr\u00fcche signalisieren. Soziale Identit\u00e4t wird dynamisiert, das erkennbare soziale Subjekt bricht aus der Ordnung der <i>appearances<\/i> aus. Die Turnschuh-Alten spielen ein semiotisches Spiel mit den Ausdruckselementen ihrer Kultur, signalisieren ihren Austritt aus den Kollektiverwartungen, wie und wer jemand zu sein hat, der zu seiner Altersgruppe geh\u00f6rt. Sie reklamieren Subjektivit\u00e4t, die das Prinzip der Verkleidung, das schon den Kodifizierungen alterstypischer Kleidung zu Grunde liegt, persiflieren.<\/p>\n<p>Sneakers sind modisches Accessoire geworden, geh\u00f6ren zudem dem Mainstream an \u2013 in keinem Bereich der Schuhindustrie steigen die Umsatzzahlen wie in dem der Turnschuhe (zur Geschichte der Turnschuhe vgl. Kawamura 2015). Das gilt auch f\u00fcr die alten Konsumenten. Je n\u00e4her sie den konsumistischen oder hedonistischen Milieus lokalisiert sind, desto selbstverst\u00e4ndlicher sind Turnschuhe als Teil der Alltagskleidung. Man spricht in der Schuhindustrie sogar von <i>silver sneakers<\/i> als eigenem Marktsegment. Nicht nur, dass sich die Altenkleidung in den letzten drei\u00dfig Jahren hin zu einer gegen\u00fcber den \u00e4lteren Stilen offeneren, bunteren, saisonabh\u00e4ngigeren Form entwickelt hat, es hat auch eine <i>\u00dcbertragung der Anmutungsqualit\u00e4ten<\/i> der Jugendlichkeit, der Wellness-Orientierung, des Lebensgenusses (etwa als Urlaub) und einer allgemeinen Mobilisierung der Alten stattgefunden, die tats\u00e4chliches Lebensalter mit Erlebnisorientierungen (und den dazu geh\u00f6renden Freizeit- und Konsumangeboten) gef\u00fchrt hat. Die einstmals mit den Turnschuhen verbundene Auflehnung gegen die gesellschaftliche Kleiderordnung ist verschwunden.<\/p>\n<p>Man mag diesen Prozess als eine Form \u201aintergenerationellen Lernens\u2018 ansehen, die mit einer tiefen Ver\u00e4nderung der Altersbilder und der Selbstwahrnehmungen von Alten einhergeht. Zwischen die Phase der Erwachsenen im Erwerbsleben ist eine neue Phase einger\u00fcckt, die von der Konsum- und Erlebnisfreudigkeit \u201ajunger Alter\u2018 eingenommen wird, der die Phase des \u201aeigentlichen Alters\u2018 vorausgeht (Pichler 2010). Wenn Clint Eastwood (damals 67) in <i>Absolute Power<\/i> (<i>Absolute Power<\/i>, USA 1997, Clint Eastwood) einen alternden Meisterdieb spielt, der einen Mord beobachtet, dann sind die Sneakers an seinen F\u00fc\u00dfen ein Hinweis auf seine Beweglichkeit, Wachsamkeit und Vorsicht und zudem ein klares Differenzsignal zu der Kleiderordnung seiner Feinde und Verfolger (bis hinauf zum amerikanischen Pr\u00e4sidenten). Manches bleibt irritierend, deutet auf eine K\u00fcnstlichkeit der Alten-Outfits hin. Die hellblauen Schuhe, die Cath\u00e9rine Deneuve (67) in <i>Potiche<\/i> (<i>Das Schmuckst\u00fcck<\/i>, Frankreich 2010, Fran\u00e7ois Ozon) zu einem roten Jogging-Anzug tr\u00e4gt, verwirren etwa ob der eigenartigen Farbkombination.<\/p>\n<p>Auch die Converse-Sneakers, die die Endsechzigerin Annie (Geraldine Chaplin) in <i>Et si on vivait tous ensemble?<\/i> (<i>Und wenn wir alle zusammenziehen?<\/i>, Frankreich 2011, St\u00e9phane Robelin) beim Abstecken eines Pools im Garten, den sie gegen den Willen ihres Mannes anlegen will, deuten auf die ungew\u00f6hnliche Aktivit\u00e4t und Beweglichkeit der Akteurin hin; dass sie die gleichen Schuhe auch in anderen Situationen tr\u00e4gt, in denen sie sich dagegen wehrt, wenn ihre Interessen verletzt werden \u2013 die Sneakers signalisieren ihr selbst und dem Zuschauer die Bereitschaft zur Gegenwehr, die Haltung der Renitenz und die Selbstbestimmung des Handelns.<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, dass alte Sportler Sportschuhe anhaben \u2013 sie nutzen deren urspr\u00fcngliche Qualit\u00e4t als Zweckschuhe. Wenn es also um alte Langstreckenl\u00e4ufer geht wie in dem Dokumentarfilm <i>Herbstgold<\/i> (BRD 2010, Jan Tenhaven) \u00fcber f\u00fcnf sportbegeisterte Senioren, die sich auf die Olympischen Spiele f\u00fcr Senioren 2009 im finnischen Lahti vorbereiten, oder in dem Spielfilm <i>Sein letztes Rennen<\/i> (BRD 2013, Kilian Riedhof) \u00fcber einen \u00fcber 70j\u00e4hrigen Marathonl\u00e4ufer (Dieter Hallervorden, damals 75), der das Training zum Berliner Marathonlauf beginnt \u2013 dann sind die Sportschuhe Teil der Sportlerausstattung. Und auch die vier <i>Space Cowboys<\/i> (<i>Space Cowboys<\/i>, USA 2000, Clint Eastwood) tragen w\u00e4hrend ihres Fitness-Trainings f\u00fcr die Weltraumreise situationsangemessen Turnschuhe, wie auch der Wrestler Randy Robinson (Mickey Rourke, 56) in <i>The Wrestler<\/i> (<i>The Wrestler \u2013 Ruhm, Liebe, Schmerz<\/i>, USA 2008, Darren Aronofsky) seine K\u00e4mpfe in blassgr\u00fcnen <i>chucks<\/i> bestreitet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vV3i2SeXhSM\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vV3i2SeXhSM<\/a><\/p>\n<p>Das ist in anderen Filmen anders. Die von der 74j\u00e4hrigen Bernadotte Lafont gespielte Titelheldin des Films <i>Paulette<\/i> (<i>Paulette<\/i>, Frankreich 2012, J\u00e9r\u00f4me Enrico) ist angewiesen auf ihre Mindestrente; fr\u00fcher hatte sie mit ihrem Mann ein gutgehendes Restaurant gehabt, das sie kurz vor dem Tod ihres Mannes schlie\u00dfen musste. Sie ist verbittert, selbst ihren alten Freundinnen gegen\u00fcber abweisend und verschlossen. Als auch noch ihre Wohnungseinrichtung gepf\u00e4ndet wird, beginnt sie, in den Drogenhandel einzusteigen. Ihr Alter macht sie unverd\u00e4chtig, wenn sie auf der Stra\u00dfe Marihuana verkauft \u2013 mit zunehmendem Erfolg. Als sie von konkurrierenden Dealern zusammengeschlagen wird und ihr Enkel zuf\u00e4llig ein St\u00fcck Marihuana der Kuchenmasse beimengt, die auf dem K\u00fcchentisch steht, entsteht eine neue Gesch\u00e4ftsidee: Haschverkauf in Form von Pl\u00e4tzchen. Ihre alten Freundinnen sind begeistert, als sie selbst von den Pl\u00e4tzchen gekostet haben \u2013 Paulette stellt die drei alten Damen ein, der Keksverkauf ab Wohnung beginnt zu florieren. Als sie jedoch mitbekommt, dass der russische Gangsterboss, der sie mit der Haschisch-Rohmasse beliefert, plant, die Kekse auch an Schulen zu verkaufen, steigt Paulette aus. Die Polizei hilft ihr aus den folgenden Verwicklungen heraus; die vier alten Damen kommen mit einer Bew\u00e4hrungsstrafe davon. Zusammen mit Paulettes Tochter f\u00fchren die alten Frauen das Gesch\u00e4ft in legaler Form in Amsterdam weiter.<\/p>\n<p>Eine Geschichte, die ebenso komische wie bittere T\u00f6ne anschl\u00e4gt. Das brennende Thema der Altersarmut vor allem von Frauen, die damit einhergehende Vereinsamung, das Abgeschnittenwerden von der Sph\u00e4re des Konsums, die Abschirmung der Alten von der Umwelt der Stadt in einem kartenspielenden Sozialheim; und dagegen die Vorstellung, dass der Rauschgifthandel von Bossen im Hintergrund und auf der Stra\u00dfe von kriminalisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen kontrolliert wird und eben nicht von alten Frauen wie der Titelheldin \u2013 ein Widerspruch, aus dem das komische Potential des Films entspringt. Paulette ist unsicher, wie sie an Kunden gelangen, wen sie ansprechen und wie sie auftreten soll. Wenn sie sich eine Sonnenbrille aufsetzt und dazu Sneakers anzieht, dann ist es, als wolle sie vor allem sich selbst signalisieren, dass sie nun in die soziale Rolle einer Kriminellen eingetreten sei, dass man es nicht mit der verbitterten Rentnerin, sondern der Dealerin zu tun hat. Die Sonnenbrille ist ein altes Requisit des Krimis \u2013 M\u00f6rder, Privatdetektive, Spione und andere, die nicht erkannt werden wollen und meist zugleich Verbotenes vorhaben. Paulette nutzt dieses Signalement, transformiert sich zu einer Genrefigur des Films.<\/p>\n<p>Eine ganz andere Strategie unterliegt der Entscheidung, Sneakers anzuziehen. Diese sind Jugendmode, zudem in Jugendszenen verbreitet, die auch im Ruf stehen, drogenaffin zu sein. Betreibt Paulette eine Art \u201eSzenenmimikry\u201c, indem sie sich mittels der Schuhe als Szenen-Oma ausweist? Oder zieht sie just jene Schuhe an, die als Schuhtracht der Alten so ganz und gar nicht <i>en vogue<\/i> ist, eher l\u00e4cherlich und grotesk als elegant wirkt, um ihren Anschluss an ein Gesch\u00e4ftsfeld, ein Thema, vielleicht sogar eine Lebensform der Jungen zu indizieren? Oder vielleicht sogar beides? Sie tr\u00e4gt Sneakers, keine <i>chucks<\/i>. Das ist insofern signifikant, als sie auf einen anderen Bedeutungshof ausgreift als diejenigen Alten, die zu den viel billigeren Leinen-Sportschuhen greifen, was man wiederum als Hinweis auf die Armut gelesen werden k\u00f6nnen, in der die Protagonisten handeln.<\/p>\n<p>Paulette wird eine andere, indem sie die Schuhe wechselt. Noch deutlicher ist die dramaturgische Funktion in dem isl\u00e4ndischen Film <i>B\u00f6rn n\u00e1tt\u00farunnar<\/i> (<i>Children of Nature \u2013 Eine Reise<\/i>; aka: <i>Kinder der Natur \u2013 Eine Reise oder Kinder der Natur<\/i>, BRD\/Island\/Norwegen 1991, Fri\u00f0rik \u00de\u00f3r Fri\u00f0riksson): Der \u00fcber achtzigj\u00e4hrige verwitwete Bauer \u00deorgeir (G\u00edsli Halld\u00f3rsson, 62) sieht sich nicht mehr in der Lage, allein seinen Hof zu bewirtschaften. Bei seiner Tochter in Reykjavik zu wohnen, f\u00fchrt zu Konflikten; er muss ins Altersheim umziehen. Dort trifft er Stella (Sigr\u00ed\u00f0ur Hagal\u00edn, 62) wieder, eine Jugendliebe, die 50 Jahre zur\u00fcckliegt. Sie lebt schon etwas l\u00e4nger im Heim und gilt als rebellische Au\u00dfenseiterin, die sich immer wieder gegen die Bevormundungen und Kontrollen der Alten durch die diktatorische Heimleitung auflehnt. Die beiden nehmen die alte Beziehung wieder auf und beschlie\u00dfen, aus dem Heim zu fliehen und sich nach Hornstrandir in den Westfjorden der Insel durchzuschlagen, wo sie aufgewachsen sind. Sie stehlen einen Jeep, nachdem sie sich mit Turnschuhen ausgestattet haben, und fliehen. Sie fliehen, um in Freiheit zu sterben.<\/p>\n<p>Auch hier markieren die Turnschuhe einen signifikanten \u00dcbergang: das Heraustreten aus der zivilisatorisch vorgesehenen Beendung des Lebens im Heim, die schleichende Entm\u00fcndigung der Alten, das Antreten einer \u201eletzten Reise\u201c in Selbstverantwortung. Der Film radikalisiert und allegorisiert dieses moralische Argument, als die beiden \u2013 zu Dieben geworden \u2013 in die Kriminalit\u00e4t eintreten m\u00fcssen, von der Polizei gejagt werden und gelegentlich nur durch einen Wunder-Stopptrick entkommen k\u00f6nnen. Die Reise findet statt im Au\u00dfen der gesellschaftlichen Ordnung. Die Turnschuhe erm\u00f6glichen dies nicht, aber sie zeigen es h\u00f6chst markant an.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"PAULETTE Offizieller Trailer Deutsch German | 2013 Official Film [HD]\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/vkLLbg27y0M?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>F\u00fcr manche im Rentenalter sind Sneakers also weiterhin signifikant und signalisieren Figuren in der Krise und im \u00dcbergang. Bill Murray war zwar erst 53, als er <i>Lost in Translation<\/i> (<i>Lost in Translation &#8211; Zwischen den Welten<\/i>, USA 2003, Sofia Coppola) drehte, doch tragen seine Schuhe zum Eindruck bei, dass er einen zutiefst verwirrten, seiner Identit\u00e4t unsicheren Charakter spielt. Das ist in der Charakterisierung des Degenhard Schagowetz (gespielt von Joachim Fuchsberger, 83) in <i>Die Sp\u00e4tz\u00fcnder<\/i> (BRD 2010, Wolfgang Murnberger) ganz anders \u2013 er ist der renitenteste der Altenheimbewohner, besorgt Zigaretten und Alkoholika und tr\u00e4gt Sneakers. Seien Rolle als Aufst\u00e4ndler gegen das Regime der Heimleitung ist seinen Handlungen ebenso ablesbar wie seinen Schuhen. Die Rolle des Volker Hartmann, die\u00a0 Michael Gwisdek (72) in Jan Georg Sch\u00fcttes improvisierter Dialogkom\u00f6die <i>Altersgl\u00fchen \u2013 Speeddating f\u00fcr Senioren<\/i> (BRD 2014) spielt, hatte er selbst ausgestaltet \u2013 ein schlottrig-nerv\u00f6ser, des eigenen Lebensalters offenbar unsicherer Typus, gro\u00dfm\u00e4ulich, Jugendlichkeit vort\u00e4uschend; dass Schirmkappe und Sneakers dazugeh\u00f6ren, macht die Figur im Kontext des Speeddating lesbar.<\/p>\n<p>Auch wenn all diese Bedeutungen des Sneakertragens nicht feststehen, nur funktional erfasst werden k\u00f6nnen: Die Beispiele zeigen, dass Turnschuhe einer symbolischen Strategie zugeh\u00f6ren, mit der Br\u00fcche in der biographischen Kontinuit\u00e4t und Konsistenz sich selbst und anderen angezeigt werden k\u00f6nnen, die weit \u00fcber das schlichte Schuhkleiden hinausgehen.<\/p>\n<p>Dem konsumistischen Paradox, Individualismus mittels von Massenprodukten auszudr\u00fccken (Mackinney-Valentin 2014), k\u00f6nnen sie nicht ausweichen: Gerade deshalb ist es so wichtig, die Bedeutungshorizonte solcher Gebrauchsweisen von Objekten nicht mit Geschmacksurteilen abzufertigen, sondern in deren innere Motivationen einzutreten. Im Verhalten mancher Alter bleibt ein Protestimpuls erhalten, der im allgemeinen l\u00e4ngst in der \u00dcberf\u00fchrung der <i>chucks<\/i> und Sneakers zu einer modischen Ware unter anderen versunken ist und der nur noch einen Impuls der Selbstbest\u00e4tigung tr\u00e4gt. Die Fl\u00fcgel an den F\u00fc\u00dfen, die an Hermes erinnern, den G\u00f6tterboten, und die die Geschwindigkeit des Denkens symbolisieren: Sie erinnern auch an den Aufbruch zu neuen Ufern, an die Eroberung des Neuen, an die Fortentwicklung des Selbst \u2013 an ein utopisches Moment eben. Und nicht an das Versinken in einer dem Kunden zubereiteten Konsumwelt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"ADIDAS Werbung BREAK FREE I Eugen Merher\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/6XVoTCapmsw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte hier auch anders enden: Die Turnschuhe sind aus der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Geltung von Macht und Konvention, um das Recht auf Selbstbestimmung und Anderssein, um die Uniformit\u00e4t der Teilnahme an gesellschaftlichen Handlungssph\u00e4ren heute wieder herausgetreten. Nat\u00fcrlich signalisieren sie immer noch Bedeutungen \u2013 Anmutungen der Jugendlichkeit, des Mobilseins, der Modernit\u00e4t u.\u00e4. \u2013, doch sind sie kein Teil einer symbolischen Politik mehr. Sie sind in den kapitalistischen Warenkreislauf zur\u00fcckgekehrt. Manchmal aber erz\u00e4hlt das Kino Geschichten, in denen sie symbolisch aufgeladen werden, individuellen Aufbr\u00fcchen und Befreiungen Gesicht verleihen. Provokativ sind sie aber auch dann nicht mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkung<\/p>\n<p>[*] Nicht ber\u00fccksichtigt wurde die Spottbezeichnung der <i>little old ladies in tennis shoes<\/i> (selten auch: &#8230;<i>in sport shoes<\/i>; manchmal werden die <i>little old ladies<\/i> als <i>little old women<\/i> bezeichnet), die im Kalifornien der 1960er Jahre als Sozial- und Kleidungstypus verbreitet waren \u2013 \u00e4ltere Frauen gehobener Mittelschicht, konservativ orientiert, kleinlich und b\u00fcrokratisch, pr\u00fcde. Der Typus steht in klarer Opposition zu den Bedeutungen, die den <i>chucks<\/i> in den Jugendkulturen der Zeit zukam. Es gibt allerdings keine Mischungen der beiden Typen; die Bezeichnung markiert wohl eine Mode-\u00dcbergriffigkeit, die aber gar nicht in den subkulturellen Bezeichnungen der Zeit verankert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Andrews, David L. (ed.) (2001) <i>Michael Jordan, Inc. Corporate Sport, Media Culture, and Late Modern America<\/i>. Albany: State University of New York Press (SUNY Series on Sport, Culture &amp; Social Relations.).<\/p>\n<p>Botterill, Jacqueline (2007) Cowboys, Outlaws and Artists. The Rhetoric of Authenticity and Contemporary Jeans and Sneaker Advertisements. In: <i>Journal of Consumer Culture<\/i> 7,1, March 2007, S. 105125.<\/p>\n<p>BraceGovan, Janice \/ de BurghWoodman, H\u00e9l\u00e8ne (2008) Sneakers and Street Culture: A Postcolonial Analysis of Marginalized Cultural Consumption. In: <i>Consumption Markets &amp; Culture<\/i> 11,2, S. 93112.<\/p>\n<p>Chalmers, Tandy D. \/ Arthur, Damien (2008) ,Hard-Core Members\u2019 of Consumption-Oriented Subcultures Enactment of Identity: the Sacred Consumption of Two Subcultures. In: <i>NA &#8211; Advances in Consumer Research<\/i> 35, S. 570-575.<\/p>\n<p>Helstein, Michelle T. (2003) That\u2019s Who I Want to Be. The Politics and Production of Desire within Nike Advertising to Women. In: <i>Journal of Sport and Social Issues<\/i> 27,3, Aug. 2003, S. 276292.<\/p>\n<p>Kawamura, Yuniya (2015) <i>Sneakers: Fashion, Gender and Subculture<\/i>. New York\/London: Bloomsbury Academic (Dress, Body, Culture.).<\/p>\n<p>Lucas, Shelley (2000) Nike&#8217;s Commercial Solution. Girls, Sneakers, and Salvation. In: <i>International Review for the Sociology of Sport<\/i> 35,2, June 2000, S. 149164.<\/p>\n<p>MackinneyValentin, Maria (2014) MassIndividualism: Converse All Stars and the Paradox of Sartorial Sameness. In: <i>Clothing Cultures<\/i> 1,2, S. 127142.<\/p>\n<p>Miner, Dylan A.T. (2009) Provocations on Sneakers: The Multiple Significations of Athletic Shoes, Sport, Race, and Masculinity. In: <i>CR: The New Centennial Review <\/i>9,2, Fall 2009,<\/p>\n<p>Niedenthal, Clemens (2005) Auf den leisen Sohlen der Rebellion. In: <i>Berliner Zeitung<\/i>, 23.3.2005.<\/p>\n<p>Pichler, Barbara (2010) Aktuelle Altersbilder: \u201ejunge Alte\u201c und \u201ealte Alte\u201c. In:<i> Handbuch soziale Arbeit und Alter<\/i>. Hrsg. v. Kirsten Aner u. Ute Karl. Wiesbaden: VS, Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaft, S. 415-425.<\/p>\n<p>Ramsey, Guthrie P. (2002) Muzing New Hoods, Making New Identities: Film, HipHop Culture, and Jazz Music. In: <i>Callaloo<\/i> 25,1, Winter 2002, S. 309-320.<\/p>\n<p>Saltz, Ina (2005) The Fetishization of Sneakers: If You Let Them Build. In: <i>Step Inside Design Magazine<\/i> 21,6, Nov.\/Dec. 2005, S. 1419.<\/p>\n<p>Scott, D. Travers (2011) Contested Kicks: Sneakers and Gay Masculinity, 19642008. In: <i>Communication and Critical\/Cultural Studies<\/i> 8,2, S. 146164.<\/p>\n<p>Stern, Jane \/ Stern, Michael (1992) <i>Encyclopedia of Pop Culture.<\/i> [&#8230;] New York: HarperPerennial.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Filmographie<\/p>\n<p>Just for Kicks; Frankreich\/USA 2005, Thibaut de Longeville, Lisa Leone. &#8212; Dokumentarfilm. 67min. \u00dcber die Geschichte der Sneakers als HipHop-Mode.<\/p>\n<p>Sneaker; USA 2007 [2013]. &#8212; Dokumentarfilm. 49min. Teil der Lehrfiolm-Reihe <i>Confidential: A Closer Look At<\/i>, ed. by Content Media Corporation. \/ Films for the Humanities &amp; Sciences (Firm) \/ Films Media Group. \u00dcber die Entwicklung der Laufschuhe zum allgemeinen Schuhwerk der Gegenwart und zu seinen Bedeutungen in der Popul\u00e4rkultur.<\/p>\n<p>Sneaker confidential; Kanada 2008, Leora Eisen, David Wells, Caroly Larson. &#8212; Dokumentarfilm. 45min. \u00dcber die Erfolgsgeschichte der Sneakers.<\/p>\n<p>Sneakers (Sneakers &#8211; Der Kult der Turnschuhe); Niederlande 2004, Femke Wolting. &#8212; Dokumentarfilm. 55min. Zur Geschichte und zu den Marketingsstrategien der Sneakers.<\/p>\n<p>Sneakerheadz; USA 2015, David T. Friendly, Mick Partridge. &#8212; Dokumentarfilm. 73min. Zur Geschichte des Sneaker-Sammelns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage wulff\" href=\"http:\/\/www.ndl-medien.uni-kiel.de\/personal\/professoren\/hans-juergen_wulff\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hans J\u00fcrgen Wulff<\/a> war Professor f\u00fcr Medienwissenschaft an der Universit\u00e4t Kiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende einer Provokation<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[96670,755,994,1270,1678,2161,2208],"class_list":["post-6798","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-adidas","tag-filmgeschichte","tag-hip-hop","tag-konsum","tag-nike","tag-sneakers","tag-sportschuhe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6798","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6798"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6798\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6798"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6798"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6798"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}