{"id":689,"date":"2012-10-10T11:53:43","date_gmt":"2012-10-10T09:53:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=689"},"modified":"2012-10-10T11:53:43","modified_gmt":"2012-10-10T09:53:43","slug":"pop-denkengegenwartsfetischismus-oder-ruckkoppelungseffektvon-nadja-geer10-10-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/10\/10\/pop-denkengegenwartsfetischismus-oder-ruckkoppelungseffektvon-nadja-geer10-10-2012\/","title":{"rendered":"Pop-Denken:Gegenwartsfetischismus oder R\u00fcckkoppelungseffekt?von Nadja Geer10.10.2012"},"content":{"rendered":"<p>Popdiskurs<!--more--><small>[Dieser Vortrag wurde am 4.10.2012 unter dem Titel \u00bbLieber ein bisschen zu viel als zu wenig: Pop als Realutopie darf nicht sterben\u00ab auf der Jahrestagung der Gesellschaft f\u00fcr Medienwissenschaften, \u00bbSpekulation\u00ab, in Frankfurt gehalten.]<\/small><\/p>\n<p>Brauchen wir wirklich eine Bestimmung dessen, was Pop ist? Oder bedarf Pop nicht vielmehr der Spekulation oder sagen wir eines gewissen spekulativen Denkens, das mit der diskurshistorischen Tatsache, dass Pop in Deutschland lange Zeit als ein Oberbegriff f\u00fcr bestimmte Stile, Posen und Politiken fungierte, sympathisiert, anstatt sie schlichtweg zu ignorieren? Nat\u00fcrlich kann man von der \u00bbKulturalisierung der Kritik\u00ab (Rauen 2011: 201) im Popdiskurs in Deutschland halten, was man will, was man jedoch nicht in Frage stellen kann, ist, dass sie existiert. Anders ausgedr\u00fcckt: Man kann die diskursiven Wahrheiten, die die Pop-Intellektuellen in Deutschland produziert haben, zwar kritisieren, unsinnig w\u00e4re es jedoch, sie ungeschehen machen zu wollen.<\/p>\n<p>Die Metaphysik im deutschen Popdiskurs hat seltsamerweise dazu gef\u00fchrt, dass in Deutschland versuchsweise ein fundierter Diskurs \u00fcber Pop gef\u00fchrt wird, was in den USA und in Gro\u00dfbritannien keineswegs der Fall ist. Dort sind Pop-Ph\u00e4nomene \u203anur\u2039 Gegenstand eines deskriptiven Diskurses, was man daran erkennt, dass dort auch nur in den seltenen F\u00e4llen von Pop als einem zu bestimmenden Begriff gesprochen oder geredet wird. So sprechen die Kritiker von \u00bbThe Wire\u00ab beispielsweise \u00fcber \u00bbexperimental\u00ab oder \u00bbavantgardistic\u00ab music, ohne das Wort \u203aPop\u2039 in den Mund zu nehmen, und auch jemand wie Mark Greif widmet sich Reality-TV und YouTube au\u00dferhalb eines ausgewiesenen Pop-Kontextes. Nun kann man die Sache nat\u00fcrlich auch pragmatisch sehen und eine neue Pop-Definition nicht legitimieren, sondern einfach daran messen, ob sie sich durchsetzt. Nur was hie\u00dfe das anderes, als eine Art Theoriedarwinismus einzuf\u00fchren?<\/p>\n<p>Und im Grunde f\u00e4ngt das Problem ja schon fr\u00fcher an: Bevor man eine Bestimmung vorlegt \u2013 die dann wenig Raum f\u00fcr Spekulation l\u00e4sst \u2013, muss man sich den Gegenstand anschauen, den man bestimmen will. Pop ist aber kein vermessbarer Gegenstand. Besonders im popkritischen Alltag w\u00fcrde sich eine statische Definition fatal auswirken, da sie im Vorhinein einen viel zu gro\u00dfen Bereich ausschlie\u00dft \u2013 vielleicht sogar den interessantesten, zumindest den f\u00fcr Intellektuelle am Pop faszinierendsten: Wahrnehmungsmuster erschaffen, am diskursiven Wirklichkeitsbegriff mitarbeiten. Hier finden die Allmachtsfantasien von Intellektuellen fruchtbaren Boden. N\u00e4hme man dem Popdiskurs in Deutschland diese Komponente, n\u00e4hme man ihm meiner Meinung nach seine Anziehungskraft. Ich w\u00fcrde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Schlie\u00dft man Pop durch eine Bestimmung ab, begr\u00e4bt man den ganzen Diskurs.<\/p>\n<p>Denn Schnelligkeit und Unabgeschlossenheit spielen tragende Rollen in der Poptheorie. Das \u00bbGerade Eben Jetzt\u00ab des Pop, um Eckhard Schumacher zu zitieren, sollte wenigstens als Spur im Diskurs erhalten bleiben \u2013 ebenso wie der Abbau des Gegensatzes zwischen Logozentrismus und sp\u00fcrbarer Empirie. Popdenken basiert nicht auf Definitionen, akzeptiert nicht das Apriori. Es sind die Ph\u00e4nomene selbst, die die Theorie formen \u2013 das ist das Hin\u00fcberretten, das Transformieren der Fanhaltung in den Denkstil. So zumindest der Anspruch. Man setzt sich dem Neuen aus und versucht dann, es f\u00fcr sich selbst zu visualisieren, um es nachfolgend zu beschreiben. Damit das nicht zur Meta-Poesie gerinnt \u2013 und hier liegt meine Differenz zu Holger Schulzes \u00bbSonic Fiction\u00ab (Schulze 2012:208) \u2013, geh\u00f6rt zur theoretischen Ann\u00e4herung an Pop nicht nur Mut zur Spekulation und Fantasie, sondern auch die Distanz, die das Wissen schafft. Nur wer das Alte kennt, wei\u00df, was an einem Sound oder einer musikalischen Geste neu ist.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Neuerung der Pop-Gegenwart ist zweifelsohne die Digitalisierung. Ein Pop-Denken, das die Digitalisierung unserer Kultur schlichtweg ausblendet, f\u00fchrt zu einer seltsam r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Verzerrung. Was ist ein Aufnahmeger\u00e4t gegen einen Algorithmus? Die Zwischenr\u00e4ume und Interdependenzen, die die digitale Kultur bereits erschaffen hat und immer weiter erschafft, erfordern einen v\u00f6llig NEUEN Materialbegriff, f\u00fcr den ein positivistischer Ansatz nicht mehr ausreicht. Denn dieser neue Begriff umfasst sowohl eine neuartige \u00e4sthetische Praxis, die akustische und visuelle R\u00e4ume \u2013 oder auch akustisch-visuelle R\u00e4ume \u2013 schafft, als auch eine neuartige Form der Immersion von Theoretikern in die produktiven Kontingenzen, die das Material erzeugt (Coole\/Frost 2010: 7). In diesem Sinne ist auch der New Materialism in den USA und UK, der die Neudefinition von Subjekt und Objekt fordert \u2013 A kann auch Nicht-A sein \u2013, eine Herausforderung f\u00fcr die Poptheorie.<\/p>\n<p>Doch gehen wir zeitlich noch mal einen Schritt zur\u00fcck, dann sehen wir ein ganz anderes Verh\u00e4ltnis von Pop und Theorie, das sich in einem narrativen Moment der Poptheorie zeigte. So behauptete Simon Frith, dass die Bedeutung von Punk dadurch aufgewertet wurde, dass Dick Hebdige in seinem 1979 erschienenen Buch \u00bbSubculture: The Meaning of Style\u00ab aus einem \u00bbdisparate, noisy set of people and events\u00ab eine \u00bbfantastical theoretical narrative of \u203aSubculture\u2039\u00ab (Frith 1992: 179) schuf. Und nicht nur f\u00fcr die Leser von \u00bbSubculture\u00ab wurde Punk interessanter, sondern auch, so glaubt zumindest Frith, f\u00fcr die Punks selbst (for all participants). Auch hier existierten also, glaubt man Frith, schon R\u00fcckkoppelungseffekte in die Wirklichkeit: Pop wurde dadurch aufregender, dass Hebdige ihn theoretisiert hat. Und Hebdiges Theorie wurde dadurch aufregender, dass Hebdige so pop war, dass selbst die Referenzen, die er herangezogen hatte, \u00bbexclusively pop\u00ab gewesen seien: \u00bbthe latest French theorist packaged as fashion goods\u00ab, wie Frith schreibt.<\/p>\n<p>Mit Thorstein Veblen k\u00f6nnte man hier von einer intellektuellen Form des \u00bbconspicuous consumption\u00ab sprechen. Eben genau diesen auff\u00e4lligen Konsum von Theorie und deren Inkorporierung in die eigenen literarischen Texte habe ich in einer Studie bei den deutschen Pop-Intellektuellen der Nachpunkzeit wie Rainald Goetz, Diedrich Diederichsen und Thomas Meinecke, um nur drei zu nennen, untersucht und unter dem Begriff der \u203aSophistication\u2039 zusammengefasst. Ein intellektueller Habitus, der in seinem Wunsch zu scheinen, zu gl\u00e4nzen und zu schimmern, zwischen Denkstil und Pose einzuordnen ist und von dem der Pophistoriker Bodo Mrozek meinte, dass dieser Denkstil, dieser Diskurs, diese Theorieerz\u00e4hlung unser heutiges Pop-Denken in Deutschland extrem beeinflusst habe \u2013 aber nicht nur das Denken und Reden \u00fcber bestimmte Pop-Ph\u00e4nomene, sondern auch unseren Begriff davon, was man alles f\u00fcr Pop h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die \u00bbpolitics of knowledge\u00ab der Pop-Sophistication und ihr \u00bbdisrespect for the lessons of educated taste\u00ab (Ross 1989: 231) zeigen, dass die \u00fcberzogenen Anspr\u00fcche, die Intellektuelle an Pop stellten und hoffentlich immer noch stellen, nie umsonst gewesen sind \u2013 oder gar \u00fcberfl\u00fcssig, sondern immer eine interessante Blaupause geliefert. In Deutschland kreierte Diedrich Diederichsen 1985 seinen \u00bbHip-Intellektuellen\u00ab (Diederichsen 1985: 62), dessen Snobismus als exemplarisch gelten kann f\u00fcr gesamten danach einsetzenden Diskurses, der von Moritz Ba\u00dfler auch deswegen treffend als \u00bb\u00e4sthetisch-snobistischer\u00ab (Ba\u00dfler 2009: 17) bezeichnet wurde. Andererseits \u2013 und um sich zumindest oberfl\u00e4chlich von den b\u00fcrgerlichen Intellektuellen abzusetzen \u2013 eiferten die deutschen Pop-Intellektuellen einer Working-Class-Intellektualit\u00e4t nach, wie es sie in Deutschland zu jener Zeit gar nicht gab, wohl aber in Gro\u00dfbritannien. Der britische Popstar Mark E. Smith w\u00e4re hier zu nennen, Frontmann der Band \u00bbThe Fall\u00ab. Attit\u00fcde, Bildung, Witz und Glamour wurden zu einer Form des \u00bbm\u00e4nnlichen Dagegensein[s]\u00ab (Michaela Meli\u00e1n, zitiert nach Geer 2012: 11) verbunden, die einigen als Matrix des intellektualisierten Popdiskurses in Deutschland gilt. (Es existiert hier also ein Widerspruch: Im Gegensatz zu der patriarchalen Intellektualit\u00e4t des B\u00fcrgertums wirkt die Pop-Intellektualit\u00e4t auf den ersten Blick effeminiert, wird aber, mit Ausnahme einiger Frauen, Clara Drechsler, Jutta Koether und die Schwestern Sandra und Kerstin Grether sind hier zu nennen, fast ausschlie\u00dflich von M\u00e4nnern eingesetzt.)<\/p>\n<p>Die Sophistication \u00fcbertrug den Wunsch nach neuen Distinktionen auf die Inszenierung des Selbst \u2013 das Magazin f\u00fcr diesen distinktionslastigen Popdiskurs wurde Spex. Doch auch Spex hat eigentlich nur gelernt vom \u2013 oder abgeschaut beim \u2013 britischen NME. Doch anders als im erw\u00e4hnten \u00e4sthetisch-snobistischen (man k\u00f6nnte auch sagen: romantizistisch-idealistischen) deutschen Diskurs scheint bei ihnen die Pop-Sophistication eine gewissen integrierende Kraft gehabt zu haben und so unterschiedlichen Modellen wie der Working-Class-Intellektualit\u00e4t und der klassischen Oxbridge-Kultur Raum gelassen zu haben. Vielleicht liegt gerade hierin auch ein Grund, warum \u2013 wie am Anfang erw\u00e4hnt \u2013 angels\u00e4chsische Intellektuelle, die sich mit Pop-Ph\u00e4nomenen besch\u00e4ftigen, dies ganz ohne das W\u00f6rtchen Pop k\u00f6nnen: Weil bei ihnen die Opposition zur Hochkultur, die den deutschen Popdiskurs in den Achtzigern ins Leben gerufen hat und seitdem als Mythos weiter in ihm herumgeistert, schon l\u00e4nger schlicht irrelevant ist.<\/p>\n<p>Einen H\u00f6hepunkt britischer selbstreflexiver Sophistication stellte f\u00fcr mich ein Auftritt von Kodwo Eshun dar, den ich vor zwei Jahren auf einer Pop-Konferenz des Musikmagazins The Wire erlebt habe. Eshun sprach hier angemessen narzisstisch, stilvoll und elegant den gerne totgeschwiegenen Willen zur Macht an, den viele Pop-Intellektuelle besitzen. Subjekttheoretisch bewandert, mit einem ausgepr\u00e4gten Bewusstsein f\u00fcr Hipness und very sophisticated, stellte sich Eshun selbst in den Mittelpunkt seiner Theorie und machte aus seiner Oxbridge-Sozialisation keinen Hehl. Unbescheiden sch\u00e4tzte er den Beginn seiner Karriere als Freelancer bei Musikmagazinen ein: \u00bbPeople who should run the country were running into self-poverty.\u00ab Wer in der Lage ist, die \u00c4sthetik der Zukunft in Worte zu fassen (in seinem pers\u00f6nlichen Fall Clubmusik wie Drum \u2019n\u2019 Bass und Grime), erschaffe Wahrnehmungsmuster und arbeite damit am diskursiven Wirklichkeitsbegriff. Es musste eine Brite sein, der klar und gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig das ausspricht, was der abgehobene Popdiskurs in Deutschland niemals aussprechen w\u00fcrde: Wenn man schon kein Geld verdient in der Poptheorie, dann will man wenigstens Deutungsmacht und Unsterblichkeit. Sehr sch\u00f6n lie\u00df sich an Eshuns Auftritt auch eine Verbindung mit dem alten, in der Narration verankerten, sophisticateten Anspruch mit der neuen spekulativen Theorie sehen \u2013 womit der kleine poptheoretische Geschichtsexkurs endet.<\/p>\n<p>Eshun formulierte bei der Tagung einen Gedanken, der so avanciert war, dass er jetzt erst in die deutsche Poptheorie einsickert. Die Zukunft, so Eshun, geh\u00f6re dem Pop-Materialismus, der in der Geste die \u00bbphysische Idee\u00ab erkennen w\u00fcrde. Dieser Gedanke der physischen Idee, den Eshun damals so nonchalant aufs Tapet gebracht hat, findet momentan seinen Niederschlag im Hype, der um den Spekulativen Realismus \u2013 gerade und besonders in Gro\u00dfbritannien \u2013 existiert. Die \u00dcberwindung von Realismus und Idealismus, f\u00fcr die diese neue Richtung in der zeitgen\u00f6ssischen Philosophie steht, ist aber auch \u00e4u\u00dferst reizvoll in einem Denken von Pop, dem der Widerstreit zwischen dem Geistigen und dem Sinnlichen \u2013 mit Nietzsche k\u00f6nnte man auch von dem Apollinischen und dem Dionysischen sprechen \u2013 eingeschrieben ist.<\/p>\n<p>\u00bbDeshalb wirft Pop Probleme auf, f\u00fcr den denkenden Menschen, die aber Probleme des Denkens sind, nicht des Pop\u00ab (Goetz 1986: 188). \u00dcber 25 Jahre, nachdem dieser Satz von Rainald Goetz ver\u00f6ffentlich wurde, hat er nichts von seiner Wahrheit verloren. Die Problemlage ist geblieben, das Herangehen ist st\u00e4ndiger Ver\u00e4nderung unterworfen. Deshalb ist der \u00bbRun\u00ab, wenn ich es mal so ausdr\u00fccken darf, auf den Spekulativen Realismus als m\u00f6gliche neue Denkart der Empirie durchaus verst\u00e4ndlich. \u00bbDie St\u00e4rke des Transzendentalen liegt nicht darin, den Realismus als illusorisch, sondern darin, ihn als staunenswert darzustellen: scheinbar undenkbar und dennoch wahr \u2013 und in diesem Sinne au\u00dferordentlich problematisch\u00ab schreibt Quentin Meillassoux (2008: 45) in seinem Buch, dessen Denken einer radikalen Kontingenz, obgleich nicht dezidiert politisch, praktisch das leistet, was die Dialektik behauptet hat: Ein Denken der Zukunft \u2013 Zukunft als ein deduktiv-logisch abzuleitendes Sein, das in Kraft tritt, wenn die Endlichkeit aufh\u00f6rt zu existieren.<\/p>\n<p>Die \u00bbinnovative Kraft des [\u2026] Pop kommt [\u2026] ohne die \u00bbpathetische Kategorie \u203aZukunft\u2039\u00ab aus, schrieb ein Popkritiker k\u00fcrzlich. Der Popdiskurs wurde zu lange von der Gespenst der Utopie heimgesucht, k\u00f6nnte man diese Aussage deuten, jetzt geht es darum, sich durch \u00bbSchrullen\u00ab in \u00bbgute Laune\u00ab (Lintzel 2012: 69) versetzen zu lassen. Doch muss man wirklich, nur weil so lange Zeit ein ideologischer Utopie-Begriff an Pop herangetragen wurde, der dem Wesen des Pop diametral entgegensteht, jeglicher Spekulation im Zusammenhang mit Pop entsagen? W\u00e4hrend ich den marxistisches Utopiebegriff, der an ein dialektisches Denken des Fortschritts gebunden ist, im Zusammenhang mit Pop ebenso ablehne wie den b\u00fcrgerlichen, von Max Weber herzuleitenden, der auf der protestantischen Ethik aufbaut, getragen von dem Gedanken, dass der Lohn im Himmel schon all die M\u00fchen auf der Erde wett macht, impliziert Pop f\u00fcr mich dennoch ein alternatives Moment, das philosophisches Denken geradezu herausfordert. Allerdings zeichnet sich diese Alternative dadurch aus, dass sie nicht in der Zukunft oder an einem fernen Ort liegt, sondern im Hier und Jetzt. Nicht die Theorie ist es, die auf Pop angewendet werden soll, sondern Pop soll zur Theorie werden. Und wurde es ja auch schon! In der Praxis wurde Utopie im Pop zur Realutopie, und zwar in zwei Formen: Im realen Rausch und der Intensit\u00e4t des Nachtlebens sowie im imagin\u00e4ren Konstruieren von M\u00f6glichkeitsbedingungen einer anderen Gesellschaft, anderen Arbeitsbedingungen, einer anderen Kultur. Beiden Formen ist gemein, dass es sich um Praxisformen handelt \u2013 einmal im Realen, einmal im M\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Pop als Begriff hat in Deutschland deswegen Karriere machen k\u00f6nnen, weil in seinem Namen \u00fcber die Postmoderne unter postdemokratischen Bedingungen nachgedacht wurde, das war \u2013 und ich w\u00fcrde sogar behaupten: \u2013 ist immer noch \u203astate of the art\u2039. Wenn man Pop \u203adicht\u2039 machen w\u00fcrde, ans Ende seiner Bestimmung f\u00fchrt \u2013 welcher gro\u00dfe Geist w\u00fcrde sich dann noch mit ihm besch\u00e4ftigen? Strategisches Denken, das im Popdiskurs in Deutschland so eine gro\u00dfe Rolle gespielt hat, sollte auf den Diskurs selbst angewendet werden: Wir haben mit dem sophistikativen Popdiskurs in Deutschland etwas, was es im internationalen Vergleich nicht gibt \u2013 warum sollte man es desophistizieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Diana Coole\/Frost, Samantha (2010): New Materialisms. Ontology, Agency, and Politics, Durham und London.<br \/>\nBa\u00dfler, Moritz (2009) \u00bb\u203aDer Freund\u2039. Zur Poetik und Semiotik des Dandyismus am Beginn des 21. Jahrhunderts\u00ab, in: Alexandra Tacke\/Bj\u00f6rn Weyand (Hg.): Depressive Dandys. Spielformen der Dekadenz in der Pop-Moderne, K\u00f6ln u.a., S. 199-217.<br \/>\nDiederichsen, Diedrich (1984): Sexbeat, K\u00f6ln.<br \/>\nFrith, Simon (1992): \u00bbThe Cultural Study of Popular Music\u00ab, in: Lawrence Grossberg\/Cary Nelson\/Paula A. Treichler: Cultural Studies, New York, S. 174-186.<br \/>\nGeer, Nadja (2012): Sophistication. Zwischen Denkstil und Pose, G\u00f6ttingen.<br \/>\nGoetz. Rainald (1986): Hirn, Frankfurt am Main.<br \/>\nLintzel, Aram (2012): \u00bbHypnagogic Pop\u00ab . In: Pop. Kultur und Kritik, Heft 1, Bielefeld, S. 66-69.<br \/>\nMeillassoux, Quentin (2008): Nach der Endlichkeit, Berlin.<br \/>\nRauen, Christoph (2011): \u00bbKulturalisierung als Potenzierung der Kritik\u00ab, in: Ole Petras\/Kai Sina (Hg.): Kulturen der Kritik: Mediale Gegenwartsbeschreibung zwischen Pop und Protest, Dresden, S. 193-211.<br \/>\nRoss, Andrew (1989): No Respect: Intellectuals and Popular Culture, London und New York.<br \/>\nSchulze, Holger (2012): \u00bbAdventures in Sonic Fiction. Eine Heuristik der Popkulturwissenschaft\u00ab, in: Markus S. Kleiner\/Michael Rappe (Hg.): Methoden der Popul\u00e4rkulturforschung, Berlin, S. 95-110.<br \/>\nSchumacher, Eckhard (2003): Gerade Eben Jetzt. Schreibweisen der Gegenwart, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Popdiskurs<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[824,829,1309,1315,1612,1816,1827,2034,2589],"class_list":["post-689","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-geer","tag-gegenwartsfetischismus","tag-kritik","tag-kultur","tag-nadja","tag-pop","tag-pop-denken","tag-ruckkoppelungseffekt","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=689"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/689\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=689"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}