{"id":6902,"date":"2017-06-07T09:09:04","date_gmt":"2017-06-07T07:09:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6902"},"modified":"2017-06-07T09:09:04","modified_gmt":"2017-06-07T07:09:04","slug":"the-vikings-return-ueber-die-unmoeglichkeit-histotainment-und-wissenschaft-erfolgreich-zu-vereinen-von-niels-penke6-6-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/06\/07\/the-vikings-return-ueber-die-unmoeglichkeit-histotainment-und-wissenschaft-erfolgreich-zu-vereinen-von-niels-penke6-6-2017\/","title":{"rendered":"The Vikings Return \u00dcber die Unm\u00f6glichkeit, Histotainment und Wissenschaft erfolgreich zu vereinen von Niels Penke7.6.2017"},"content":{"rendered":"<p>Drachenschiff statt rostzerfressene Halbheiten<!--more--><\/p>\n<p>\u201eVikingarna \u00e4r tillbaka igen\u201c &#8211; an jedem zweiten Laternenpfahl Stockholms wird derzeit die R\u00fcckkehr der Wikinger verk\u00fcndet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-06-um-12.01.32.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6903\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-06-um-12.01.32.png\" alt=\"denke\" width=\"559\" height=\"328\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-06-um-12.01.32.png 559w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/06\/Bildschirmfoto-2017-06-06-um-12.01.32-300x176.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 559px) 100vw, 559px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mittels popul\u00e4rer Chiffren, die wenig \u00fcberraschend Drachenboote in Aktion, wei\u00dfrote Segel, Helme und Schwerter kompilieren, verhei\u00dft das Museum <i>Vikingaliv<\/i> ein \u201awahres Abenteuer\u2019, f\u00fcr die ganze Familie. Und f\u00fcr Schweden \u2013 immerhin wirkte K\u00f6nig Carl Gustaf selbst mit medievaler B\u00fcgelschere und Helm an der <a href=\"\/\/www.svt.se\/nyheter\/inrikes\/kungen-invigde-museum-i-vikingahjalm\">Er\u00f6ffnung<\/a> mit.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist, dass hinter dieser aufmerksamkeitsheischenden Werbeikonografie mit den altbekannten Emblemen nicht nur eine multimediale Ausstellung mit wissenschaftlichem Fundament steckt, sondern \u2013 noch erstaunlicher \u2013 durchaus ideologiekritischer Perspektivierung. Nachdem Fotokulissen und Kasse passiert sind, er\u00f6ffnen die MacherInnen den Rundgang durch die Ausstellungsfl\u00e4che mit der Frage nach dem \u201aHow did it happen?\u2019 Wie konnte sich Schweden derart erfolgreich an der Erfindung des Wikingers beteiligen und die kulturellen Festschreibung so weit vollziehen, dass sich etwa heutige Fu\u00dfballfans ironisch-unironisch mit H\u00f6rnerhelm als authentische Nachfahren inszenieren? \u00dcber nationale Mythenbildung, die sich nur insofern f\u00fcr historische Wirklichkeit interessierte, wie sie die gew\u00fcnschten Belege bieten konnte. Der \u00fcberwiegende Teil wird als Phantasterei erkannt, demnach stellt sich das Museum die Aufgabe \u201aIt\u2019s time to modify this picture!\u2019.<\/p>\n<p>Diese angestrebte Modifikation unterl\u00e4uft sich allerdings medial selbst. Neben klassischen Replikaten zum Anfassen und ansprechend gestalteten Schaubildern bietet Vikingaliv auch einige multimediale Angebote, die merklich im Zentrum der Publikumsaufmerksamkeit stehen. An Themenstationen, die mehrere Videosequenzen von wenigen Minuten L\u00e4nge bieten und in denen teils Spielfilmszenen, teils Interviews ausgewiesener ExpertInnen zu sehen sind, k\u00f6nnen sich die Besucher \u00fcber Geschlechterrollen und soziale Funktionen, Raubz\u00fcge und Handel, Magie und Religion informieren zu lassen. In der Gesamtheit von ca. 40 Filmclips nimmt dies bis zu zwei Stunden in Anspruch, und erfordert inmitten des lautstarken Trubels drum herum gro\u00dfe Aufmerksamkeit und gute Nerven.<\/p>\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr ist das Herzst\u00fcck des Museums eine Wikingerfahrt. Wie in einer Geisterbahn l\u00e4sst sich auch die Ragnfrids Saga (vollautomatisch) erfahren. Elf Minuten dauert die Reise an Miniatur-Landschaften und Spielfilmsequenzen entlang, welche die Geschichte von Ragnfrid und ihrem seefahrenden Mann erz\u00e4hlen. Auch wenn es sich um eine Neuerfindung handelt, sind die Stationen, Figuren und Motive allesamt aus den mittelalterlichen isl\u00e4ndischen Sagas bekannt. Daher wirkt die Rundfahrt stimmig, auch wenn sie technisch noch nicht ganz ausgereift ist (besonders die schwankende Lautst\u00e4rke und zahlreiche St\u00f6rger\u00e4usche sind der vollst\u00e4ndigen Immersion ins kriegerische und magieerf\u00fcllte Mittelalter abtr\u00e4glich). Insgesamt unterhaltsam, bilderreich \u2013 aber doch faktenarm.<\/p>\n<p>Um die konkreten historischen Hintergr\u00fcnde und Details nachzureichen, zeigt eine gro\u00dfformatige, reich bebilderte Zeittafel die wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen. Diese ist gut gemacht, aber deutlich zu komplex, wie die Praxis zeigt. Obwohl die Tafel einen klaren Eindruck davon vermittelt, dass es so etwas wie homogene V\u00f6lkerschaften auch im 10. Jahrhundert kaum gegeben hat, phantasiert eine Zweiergruppe neben mir von \u201eihren wilden Vorfahren\u201c. Sie sprechen Deutsch und verstehen offenbar kein Wort des dort Geschriebenen, ihr kulturelles Vorwissen scheint allerdings so stark eingepr\u00e4gt, dass jede museumsp\u00e4dagogische Relativierung daran scheitert.<\/p>\n<p>Oder verstellt die Erwartung eines eventf\u00f6rmig organisierten Wikingerlebens bereits die angestrebte Relativierung? Sind die Bildschirme und interaktiven Module bereits zu viel Entertainment, um noch Faktenwissen vermitteln zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Aber die Alternativen sind weniger popul\u00e4r. Im Hinblick auf ein gr\u00f6\u00dferes Publikum haben wissenschaftliche Perspektiven auf die Wikingerzeit vom 8. bis 11. Jahrhundert zwei Makel: sie sind, wie immer, wenn \u00fcber gro\u00dfe Zeit- und Geor\u00e4ume gesprochen wird, komplex. Zugleich sind sie aber auch defizit\u00e4r, da die Quellenlage l\u00fcckenhaft ist. Schriftliche Selbstzeugnisse aus \u201aheidnischer\u2019 Zeit gibt es kaum, und wenn, sind sie viel sp\u00e4ter verfasst. Wie zuverl\u00e4ssig Fremdbeschreibungen sind, ist wiederum schwer einzusch\u00e4tzen. In jedem Fall sind sie auf Interpretationen angewiesen, die auf Grundlage arch\u00e4ologischer Funde schwierig bleiben, da die Sagbarkeit limitiert ist \u2013 wer sich nur an die Sachlage ohne bunte Imaginationen h\u00e4lt, wird keine Besucherstr\u00f6me locken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie karg diese Ann\u00e4herung \u00fcber das blo\u00dfe Material beizeiten ausf\u00e4llt, zeigt das Historiska Museet nur wenige hundert Meter weiter. Rostzerfressene Halbheiten sind ein ungleich schlechteres Material bunte Vorstellungen vom Mittelalter vors geistige Auge zu zaubern. Entsprechend leer sind die Schaur\u00e4ume hier.<\/p>\n<p>Viel besser funktionieren die etablierten, immer \u00e4hnlichen Bilder von wei\u00df-roten Segeln und dem Drachenhals \u2013 da folgt der Rest automatisch und die Imagination macht schnell eine klare Sache\u00a0daraus. Insofern zeugt das <i>Vikingaliv<\/i> allzu deutlich von der Unm\u00f6glichkeit, das Mittelalter zugleich popul\u00e4r und wissenschaftlich angemessen auszustellen. Die Gegenprobe zumindest klingt nicht erfolgversprechend. Ein Pflug kann das Schwert, ein Schweinekoben das Drachenschiff vermutlich nicht ersetzen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Vikingaliv\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/actYmCueJIs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/germanistik\/mitarbeiter\/penke_niels\/\">Dr. Niels Penke<\/a>\u00a0ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drachenschiff statt rostzerfressene Halbheiten<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[42886,2242,2451,2463,2536,2551],"class_list":["post-6902","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-ausstellung","tag-stockholm","tag-vermittlung","tag-vikingaliv","tag-wikinger","tag-wissenschaftlichkeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6902","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6902"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6902\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6902"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6902"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6902"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}