{"id":6969,"date":"2017-06-19T10:06:42","date_gmt":"2017-06-19T08:06:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=6969"},"modified":"2017-06-19T10:06:42","modified_gmt":"2017-06-19T08:06:42","slug":"hohe-kultur-6von-niels-werber19-6-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/06\/19\/hohe-kultur-6von-niels-werber19-6-2017\/","title":{"rendered":"Hohe Kultur (6)von Niels Werber19.6.2017"},"content":{"rendered":"<p>Unsere unkultivierte Gegenwart. Zur Unterscheidung gepflegter und ungepflegter Semantik<!--more --><\/p>\n<p>Teil 6 der Serie von <a title=\"website merkur-blog\" href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/blog\/\" target=\"_blank\">Merkur-Blog<\/a> und pop-zeitschrift.de<\/p>\n<p>Zum Nikolaus 1988 haben mir meine Eltern ein Buch von Niklas Luhmann geschenkt: \u201eGesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Band 1\u201c \u2013 passenderweise, denn Niklas und Niels sind Kurzformen des unter Heiligen und P\u00e4psten verbreiteten Namens, Gelesen habe ich es auch, Systemtheorie war ausgesprochen hip an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum in diesen Zeiten, und es gab Wissenschaftler von Rang, die den Begriff \u201aDiskurs\u2018 in ihren Manuskripten gegen \u201aSystem\u2018 austauschten. Beeindruckend an diesem Buch ist f\u00fcr mich nach wie vor die Radikalit\u00e4t, mit der die Vergangenheit in die Gegenwart und die Gesellschaft in das eigene Erleben und Handeln geholt wurde.<\/p>\n<p>Schon der erste Aufsatz des Bandes \u00fcber \u201eGesellschaftliche Struktur und semantische Tradition\u201c beginnt mit einer folgenreichen Vorannahme zur Gegenw\u00e4rtigkeit: Unsere \u201eRealit\u00e4t\u201c \u2013 und dazu z\u00e4hlt insbesondere die Vergangenheit, mit der unsere Wirklichkeit ausgestattet wird \u2013 habe nur Sinn, so Luhmann, \u201eim aktuellen Vollzug und sei daher stets gegenw\u00e4rtig.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Alles, was man als Geschichte, Tradition oder auch Kultur bezeichnen k\u00f6nnte, erh\u00e4lt mithin Relevanz aus einer Aktualisierung oder Vergegenw\u00e4rtigung, die jetzt stattfindet. Dies gilt f\u00fcr das Bewusstsein wie f\u00fcr die Kommunikation gleicherma\u00dfen, also f\u00fcr beide Operationsweisen, die Sinn als Medium nutzen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Sinn operiert allein in der Gegenwart, nicht fr\u00fcher, nicht sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Wie sollte man auch anders als jetzt kommunizieren oder denken? Kommunikation und Bewusstsein \u201ehaben\u201c keine Zeit, operieren auch nicht in der Vergangenheit oder gar in der Zukunft, sondern stellen Zeit anhand der Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft laufend her \u2013 und dabei produziert unweigerlich jede Operation Erinnern und Vergessen zugleich. Was die aktuelle Operation nicht als Rekursion mit sich f\u00fchrt, ist bereits vergessen. Was sich in keiner Weise als anschlussf\u00e4hig erwiesen hat im Netzwerk der Operationen, z\u00e4hlt nicht zur Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Alles, was auf der operativen Ebene der Kommunikation (mit einem von Luhmann sp\u00e4ter in seine Theorie der Gesellschaft eingef\u00fchrten Begriff: Autopoiesis) geschieht, passiert f\u00fcr die Gesellschaft gleichzeitig, weder vergangene noch zuk\u00fcnftige Operationen sind f\u00fcr ein Kommunikationssystem <em>jetzt<\/em> verf\u00fcgbar. Vergangene Operationen werden nicht einfach gespeichert, um sie dann im Bedarfsfall zu erinnern \u2013 als w\u00fcrde man Texte, Fotos oder Akten ablegen und dann wieder hervorkramen.<\/p>\n<p>Kein Archiv macht irgendwie die Vergangenheit der Gesellschaft (oder ihre Kultur) zug\u00e4nglich \u2013 die Vergangenheit steht in der Gegenwart operativ grunds\u00e4tzlich nicht zur Verf\u00fcgung. Sie ist vielmehr eine Konstruktion, eine in der Gegenwart getroffene Unterscheidung \u2013 und muss sich als solche bew\u00e4hren. Als kommunikative Operation ist eine bestimmte Erinnerung daher nicht auf eine Vergangenheit angewiesen, die so und nicht anders gewesen ist, sondern auf spezifische Bedingungen der Aktualisierung. Solche Bedingungen kann man dann etwa \u201aErinnerungskultur\u2018 nennen.<\/p>\n<p>Auch die \u201ahohe Kultur\u2018 verdankt sich der Tatsache, dass sie zum \u201eRealisationskern des aktuellen Vollzugs\u201c wird.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Auch sie muss in der Gegenwart als eminente Vergangenheit Beachtung finden, und dies ist nur als Kette von Operationen m\u00f6glich, die jeweils <em>jetzt<\/em> stattfinden \u2013 und sei es, dass man an jedem 6. Dezember bestimmte Lieder singt (\u201aNiklaus, komm in unser Haus&#8230;\u2018), alte Texte erneut liest oder alte Bilder noch einmal betrachtet.<\/p>\n<p>All dies sind aber gegenw\u00e4rtige Operationen, sei es der Kommunikation, sei es des Bewusstseins. Auch \u201aHochkulturelles\u2018 \u2013 und f\u00fcr einen Protagonisten der \u201aHochkultur\u2018 ist das ganz selbstverst\u00e4ndlich eine Henze-Oper und ein Philip Roth-Roman und nicht \u201eDer K\u00f6nig der L\u00f6wen\u201c oder ein Dan Brown-Thriller<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> \u2013 bedarf der Aktualisierung im \u201emenschlichen Erleben und Handeln\u201c, andernfalls existierte es gar nicht.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Dass im Feuilleton der <em>Zeit<\/em> die Verkn\u00fcpfung von \u201aHochkultur\u2019, \u201aHenze\u2019 und \u201aRoth\u2019 \u00fcberhaupt spezifischen Sinn macht, also f\u00fcr das Erleben und Handeln Anschl\u00fcsse in eine bestimmte Richtung nahelegt und in andere Richtungen unwahrscheinlich macht, setzt gesellschaftliche Strukturen voraus, die die unfassbare F\u00fclle m\u00f6glichen Erlebens und Handels \u201eim Rahmen des sozial Erwartbaren und Anschlu\u00dff\u00e4higen\u201c h\u00e4lt.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Lax formuliert: Etwas Bestimmtes wird in der Gegenwart \u00fcberhaupt nur deswegen erinnert, weil gesellschaftliche Einrichtungen dies wahrscheinlich machen. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Beispiele, die Jessen gew\u00e4hlt hat: \u201aMan\u2018 wei\u00df ungef\u00e4hr, was mit Henze oder Roth als Hochkultur auf einen zukommt und l\u00e4sst sich auf die Erfahrung ein \u2013 oder auch nicht, um einem Musical (\u201eK\u00f6nig der L\u00f6wen\u201c) oder Thriller (Dan Brown) den Vorzug zu gehen.<\/p>\n<p>Falls \u201aman\u2018 allerdings bei Henze nicht an Neue Musik denkt, sondern an einen TV- bzw. Star-Koch, dann hat sich die Hochkultur, wie Jens Jessen sie hochleben l\u00e4sst, ver\u00e4ndert, denn die vom Namedropping evozierten Anschl\u00fcsse liefen in eine ganz andere Richtung: \u201eKlar, lieber mal ein Kochbuch als schon wieder einen Roman\u201c, so k\u00f6nnte man die Passage in der <em>Zeit<\/em> dann aktualisieren. Was als \u201eRealisationskern des aktuellen Vollzugs\u201c zum Tragen kommt, h\u00e4ngt eben auch bei Jessens Beispielen davon ab, was zu einem bestimmten Zeitpunkt \u201eim Rahmen des sozial Erwartbaren und Anschlu\u00dff\u00e4higen\u201c liegt. Wenn dazu immer noch Henze und Roth geh\u00f6ren, dann liegt das gerade nicht allein an ihren Opern oder Romanen, sondern an dem Aufwand, den die Gesellschaft treibt, diese Werke zu vergegenw\u00e4rtigen und als Erinnerung verf\u00fcgbar zu halten.<\/p>\n<p>Kultur tradiert sich also nicht von selbst, sie muss \u201egepflegt\u201c werden. Luhmann spricht daher von Kultur als \u201egepflegter Semantik\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Kultur bedarf der Pflege, sie muss, im lateinischen Sinn des Wortes \u201acultura\u2018 (Anbau, Pflege, Ausbildung), kultiviert werden. Agrikultur meint, dass man das Wachsen von Pflanzen nicht dem Zufall \u00fcberl\u00e4sst, sondern derart pflegt, dass das Ergebnis einigerma\u00dfen erwartbar ausf\u00e4llt: hier Spargel im Fr\u00fchling, dort Wein im Herbst.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung von Kultivierung wurde im 18. Jahrhundert ganz selbstverst\u00e4ndlich auf den Menschen \u00fcbertragen, der zwar von selbst gr\u00f6\u00dfer und \u00e4lter wird, aber zu seiner Bildung Pflege ben\u00f6tigt. Akademien, wie etwa Friedrich Schiller sie besucht hat, hie\u00dfen daher \u201ePflanzschule\u201c; die Karlssch\u00fcler hatten sich in jene Richtung zu entwickeln, die der F\u00fchrung der Schule angebracht schien. Abirrende Triebe wurden beschnitten und Ungezogene zurechtgestutzt, um im Bild zu bleiben. Die meisten derart kultivierten Absolventen dieser Pflanzschule sind der Erwartung gerecht geworden, \u201eim Rahmen des sozial Erwartbaren und Anschlu\u00dff\u00e4higen\u201c zu erleben und zu handeln.<\/p>\n<p>Genau daf\u00fcr sorgt Kultur als Pflege der Semantik: Erwartbarkeit und Anschlussf\u00e4higkeit f\u00fcr Bestimmtes \u2013 alles andere dagegen landet auf dem Kompost- oder Abfallhaufen. Die Pflege der Kultur findet in all jenen Institutionen statt, die Jessen auflistet: Musikschulen, altsprachliche Gymnasien, Theatern, Opern, Museen. Und sicher z\u00e4hlt auch eine Wochenzeitung wie \u201eDie Zeit\u201c dazu, unter deren Leserinnen, so Jessen, \u201ejeder wei\u00df, was damit gemeint ist\u201c, wenn der \u201eBegriff Hochkultur\u201c f\u00e4llt.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Genau diese Unterstellung liefert im Grunde eine treffende Definition von \u201ahoher\u2018 Kultur: Es handelt sich dabei um solche Artefakte, die, dank entsprechender Pflege, umstandslos, fraglos, erwartbar der Hochkultur zugerechnet werden. Die Leichtigkeit und Selbstverst\u00e4ndlichkeit dieser Zurechnung (\u201ejeder wei\u00df, was damit gemeint ist\u201c) ist jenem ungeheuren Aufwand zu verdanken, den Luhmann als Pflege bezeichnet hat. Denn dass man sich, um bei Jessens Beispielen zu bleiben, bei Henze eher erkundigt, wie viele Teile des Publikums die Philharmonie in der Pause verlassen haben m\u00f6gen, oder bei Roth, ob es schon wieder um die Familie Zuckerman (und nicht um den Bien!) gehe, ist enorm voraussetzungsvoll: Staatliche oder \u00f6ffentlich gef\u00f6rderte Einrichtungen aller Art und entsprechende direkte und indirekte Subventionen w\u00e4ren hierzulande mindestens zu nennen.<\/p>\n<p>Die kontinuierliche Vergegenw\u00e4rtigung der Hochkultur ist in jeder Hinsicht aufw\u00e4ndig. Der Grund f\u00fcr diesen Aufwand liegt in der schieren Unwahrscheinlichkeit, dass ein Werk der Neuen Musik oder ein Roman \u00fcber das alter ego eines amerikanischen Schriftstellers tats\u00e4chlich zu einem Teil unserer Realit\u00e4t zu z\u00e4hlen sind, also permanent als \u201eRealisationskern des aktuellen Vollzugs\u201c zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Diese Unwahrscheinlichkeit liegt nicht etwa in der Komplexit\u00e4t des hochkulturellen Artefakts begr\u00fcndet \u2013 Martins \u201eA Song of Fire and Ice\u201c ist alles andere als unterkomplex, obwohl er nicht zur hohen Kultur gez\u00e4hlt wird \u2013, der Unterschied liegt eher darin, dass bei \u201eA Game of Thrones\u201c tats\u00e4chlich nahezu \u201ejeder wei\u00df, was damit gemeint ist\u201c, w\u00e4hrend dies bei Henze und Roth auf gar keinen Fall so ist. Kurz und schlicht: Es ist geradezu ein Wunder, dass Jens Jessen bei seinen Lesern voraussetzen kann, Henze mit Musik und Roth mit Literatur zu verbinden. Dieses Wunder ist der Pflege zu verdanken, die die Hochkultur in Deutschland genie\u00dft. Vom \u201eDa Vinci Code\u201c oder \u201eHarry Potter\u201c hat dagegen fast jeder schon einmal geh\u00f6rt, und dies offenbar ganz ohne Pflege.<\/p>\n<p>Da Niklas Luhmann ein Kenner der Thesen seines Bielefelder Kollegen Reinhard Koselleck zur Funktion von Begriffen und Gegenbegriffen f\u00fcr die Konstitution der historischen Semantik gewesen ist, muss es erstaunen, dass sich in seinem umfassenden Schrifttum zu \u201eGesellschaftsstruktur und Semantik\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> der Begriff der \u201eungepflegten Semantik\u201c nicht findet. Wenn es Kultur als \u201egepflegte Semantik\u201c geben soll, dann l\u00e4ge es doch nahe zu fragen, was aus jener Semantik wird, der keine Pflege zuteil wird. Ohne einen Gegenbegriff macht \u201egepflegte Semantik\u201c jedenfalls wenig Sinn.<\/p>\n<p>Rudolf Helmstetter hat vor zehn Jahren den Begriff der \u201eungepflegten Semantik\u201c in einer Seitenbemerkung eines Aufsatzes \u00fcber die \u201eMassenmedien als Apriori des Popul\u00e4ren\u201c eingef\u00fchrt.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> \u201ePopul\u00e4r werden kann nur, was publik ist\u201c, variiert Helmstetter Thomas Heckens pr\u00e4gnante Formulierung, popul\u00e4r sei, was bei vielen Beachtung finde.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> \u201ePflege\u201c im Sinne einer besonderen institutionalisierten M\u00fche um das Bewahren und Tradieren ausgesuchter \u201eBedeutungskomplexe und Sinnkonserven der Gesellschaft\u201c spiele in den \u201emodernen Massenmedien\u201c kaum eine Rolle; statt dessen werde \u201efl\u00e4chendeckend \u201aungepflegte\u2018 und pflegeleichte Semantik ausgestrahlt\u201c.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Entscheidend an diesen \u00dcberlegungen Helmstetters ist die Hypothese, dass die \u201e\u201aungepflegte\u2018 und pflegeleichte Semantik\u201c als Popularisierung von \u201eHochkulturellem\u201c missverstanden w\u00e4re; sie sei also keineswegs ein Produkt der Popularisierung \u201egepflegter Semantik\u201c. \u201eUngepflegte\u201c Semantik ist also nicht <em>Goethe light<\/em> im Blockbuster oder <em>Verdi light<\/em> im Werbefilmchen; sie ist kein \u201agesunkenes\u2018 Kulturgut. Anders als die pseudoliberale Formel, man habe nichts gegen lange Haare, aber gepflegt m\u00fcssten sie sein, suggerieren mag, wird auch umgekehrt aus ungepflegter Semantik nicht Hochkultur, wenn man sie nur endlich einmal mit Bedacht pflegen w\u00fcrde. Popul\u00e4r ist die \u201aungepflegte\u2018 Semantik ja nicht deshalb, weil sie von \u201eInstitutionen mit limitierten Zugangsm\u00f6glichkeit\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> (wie etwa Jessens altsprachliche Gymnasien, Musikschulen oder Konzerthallen) tradiert und reaktualisiert w\u00fcrde; popul\u00e4r ist sie allein deshalb, weil sie von vielen beachtet wird.<\/p>\n<p>Je gr\u00f6\u00dfer die Beachtung eines Artefakts ausf\u00e4llt, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sich in der Kommunikation mit Erfolg darauf beziehen kann \u2013 etwa in einer Anspielung auf \u201eStar Wars\u201c oder \u201eGame of Thrones\u201c, mit einer Zeile Beatles oder Madonna, einem Verweis auf Donald Duck oder Harry Potter. Luhmann hat kaum sagen wollen, dass \u201eStar Wars\u201c oder Donald Duck zu jenem \u201eThemenvorrat\u201c zu z\u00e4hlen w\u00e4ren, der \u201eeigens [!] f\u00fcr Kommunikationszwecke aufbewahrt wird\u201c und von ihm ganz kulturkonservativ<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> \u201eernsthafte, bewahrenswerte Semantik\u201c genannt wird;<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> dennoch sind Darth Vader oder Dagobert Duck so viel popul\u00e4rere Figuren als der Baron de Charlus oder Nathan Zuckerman.<\/p>\n<p>Disney unternimmt sicherlich alles, damit dies auch in Zukunft so bleibt, aber ohne die Beachtung durch viele wird dies nicht gelingen. Nur eine popul\u00e4re Saga wird weiterentwickelt und crossmedial verwertet; wenn die Kinos leer oder die Streaming-Angebote ungenutzt bleiben, werden die Filme schlie\u00dflich selbst im Fernsehen nicht mehr zu sehen sein und Lego wird sich anderen Phantasiewelten zuwenden. Dieses Schicksal des Popul\u00e4ren<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> h\u00e4tten Artefakte der Hochkultur nicht zu bef\u00fcrchten, denn sie erhalten ja institutionalisierte Pflege, die daf\u00fcr sorgt, dass die \u201eernsthafte, bewahrenswerte Semantik\u201c bewahrt wird \u2013 um die ganze tautologische Konstruktion der Hochkultur noch einmal deutlich zu markieren. Eine Tautologie, die offenbar Latenzschutz genie\u00dft, denn in Dutzenden von Texten, die mit Verweis auf Luhmann gepflegte Semantik als Vorrat bewahrenswerter Kommunikation definieren, wird nicht thematisiert, was denn das Bewahrenswerte und Gepflegte vom Ungepflegten und Nicht-Bewahrenswerten unterscheidet.<\/p>\n<p>Eine Antwort auf diese Frage liegt nun offensichtlich auf dem Tisch: Die ungepflegte Semantik findet auch ohne Pflege von vielen Beachtung. Ob das derart Beachtete auch in irgendeiner Hinsicht \u201ebewahrenswert\u201c sei, spielt keine Rolle, es ist popul\u00e4r, das gen\u00fcgt. Soziologisch und (popul\u00e4r-)kulturwissenschaftlich entscheidend ist die Tatsache, dass die ungepflegte Semantik ein gigantisches Reservoir an Artefakten bereith\u00e4lt, an die jeder mit gro\u00dfer Erfolgswahrscheinlichkeit kommunikativ genauso lange anschlie\u00dfen kann, wie diese Artefakte popul\u00e4r sind.<\/p>\n<p>Dies mag ebenfalls tautologisch formuliert sein, doch besteht ein Unterschied zur Bestimmung von \u201ahoher\u2018 Kultur als gepflegter Semantik darin, dass die Popularit\u00e4t der ungepflegten Semantik empirisch zu \u00fcberpr\u00fcfen ist. Die Zuschauerzahlen eines \u201eStar Wars\u201c-Franchise sind jedem zug\u00e4nglich. Die vergangenen Charterfolge der Beatles sind leicht nachzuweisen; \u201eBillboard\u201c hat die Band aufgrund andauernder Verkaufserfolge Jahrzehnte nach ihrer Aufl\u00f6sung auf Platz Eins der \u201eall-time most successful Hot 100 artists\u201c platziert. Die von kommerziellen Unternehmen gef\u00fchrten Beatles- oder \u201eStar Wars\u201c-Museen profitieren von dieser Popularit\u00e4t, umgekehrt werden jedoch Gymnasien, Musikschulen oder Museen zur Pflege der Erinnerung an die Weltraumsaga oder die Liverpooler Band nicht ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>So unpassend es w\u00e4re, das Popul\u00e4re als popularisierte, sozusagen \u201aherabgelassene\u2018 Hochkultur aufzufassen, so falsch w\u00e4re es, der \u201aungepflegten\u2018 Semantik die Intention zuzuschreiben, zur \u201ahohen\u2018 Kultur \u201aemporgehoben\u2019 zu werden. Es l\u00e4ge daher viel n\u00e4her, die Asymmetrie von \u201ahoher\u2018 und \u201apopul\u00e4rer\u2018 (= niedriger) Kultur aufzugeben. Die \u201aungepflegte\u2018 Semantik des Popul\u00e4ren jedenfalls bedarf der \u201ahohen\u2019 Kultur als Gegenbegriff \u00fcberhaupt nicht, da das Popul\u00e4re skalierbar ist: von geringer bis gro\u00dfer Beachtung, von Platz Eins bis Platz 100 oder 1000 oder 100.000 &#8230;<\/p>\n<p>Im Popul\u00e4ren entf\u00e4llt das Problem, \u201ahohe\u2018 und \u201aniedere\u2018 Kultur zu diskriminieren, denn es gen\u00fcgt vollauf, den immer nur tempor\u00e4ren Beachtungserfolg anzugeben. Die f\u00fcr die Popul\u00e4rkulturforschung interessanten Fragen lauteten dann nicht l\u00e4nger, warum ein Artefakt \u201anur\u2018 zur \u201aniederen\u2018 Kultur gez\u00e4hlt werde oder inwiefern es die \u201ahohe\u2019 Kultur subvertiere, sondern wie, warum und wo es (viel oder wenig) Beachtung gefunden hat. Da f\u00fcr das kulturelle Ged\u00e4chtnis unserer Gegenwart und das eigene Erleben und Handeln im Rahmen einer sozial geteilten, aktualisierten \u201eRealit\u00e4t\u201c die popul\u00e4re, beachtete, ungepflegte Kultur relevant, wenn nicht entscheidend geworden ist, scheinen diese Fragen mindestens so dringend zu sein wie die nach der Bewahrenswertheit \u201ahoher\u2018 Kultur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Niklas Luhmann, Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition, in: Ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 1, Frankfurt am Main 1980, S. 9-71, S. 17f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Niklas Luhmann, Sinn als Grundbegriff der Soziologie, in: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie &#8211; Was leistet die Systemforschung? , hrsg. von J\u00fcrgen Habermas, Niklas Luhmann, Frankfurt am Main 1971, S. 25-100. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundri\u00df einer allgemeinen Theorie [1984], Frankfurt am Main 1987, S. 92ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Luhmann, Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition, S. 17f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Jens Jessen, bis 2014 Ressortleiter des Feuilletons der Zeit, in seinem Artikel \u201eHoch die Hochkultur! Und nieder mit ihren Ver\u00e4chtern: Sie ist der Ma\u00dfstab, den unsere Zivilisation nicht verlieren darf.\u201c In: DIE ZEIT Nr.\u00a028\/2011, 7. Juli 2011 (http:\/\/www.zeit.de\/2011\/28\/Hochkultur).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Luhmann, Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition, S. 17.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ebd., S. 18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ebd., S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/autoren\/J\/Jens_Jessen\/index.xml\">Jens Jessen<\/a>, Hoch die Hochkultur!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimit\u00e4t [1982], Frankfurt am Main <sup>4<\/sup> 1988; Niklas Luhmann (Hrsg.), Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der Gesellschaft (4 Bde.), Frankfurt am Main: 1980ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Rudolf Helmstetter, Der Geschmack der Gesellschaft. Die Massenmedien als Apriori des Popul\u00e4ren, in: Das Popul\u00e4re der Gesellschaft. Systemtheorie und Popul\u00e4rkultur, hrsg. von Christian Huck, Carsten Zorn, Wiesbaden 2007, S. 44-72, S. 44.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Thomas Hecken, Popul\u00e4re Kultur. Mit einem Anhang \u201aGirl und Popkultur\u2018, Bochum 2006, S. 85.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Rudolf Helmstetter, Der Geschmack der Gesellschaft. Die Massenmedien als Apriori des Popul\u00e4ren, S. 58.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Rudolf Helmstetter, &#8222;Der Geschmack der Gesellschaft. Die Massenmedien als Apriori des Popul\u00e4ren&#8220;, in: Das Popul\u00e4re der Gesellschaft. Systemtheorie und Popul\u00e4rkultur, hrsg. von Christian Huck, Carsten Zorn, Wiesbaden 2007, S. 58.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Luhmanns Kulturbegriff ist vielschichtig. Sein Vorschlag, Kultur als Medium des Vergleichs zu aufzufassen, ist nicht von dem Anspruch belastet, es m\u00fcsse auch ernsthaft und bewahrenswert sein. Vgl. Niels Werber, Interessante Vergleiche. Zur Systemtheorie der Kultur und ihrer Medien, in: Kulturen des Vergleichs, hrsg. von Annette Simonis, Linda Simonis, Heidelberg 2016, S. 183-190.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Luhmann, Soziale Systeme, S. 224.ei<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Zum Popul\u00e4ren als \u201eKurzzeitged\u00e4chtnis\u201c der Gesellschaft vgl. Carsten Zorn, Die Simpsons der Gesellschaft. Selbstbeschreibungen moderner Gesellschaft und die Popul\u00e4rkultur, in: Das Popul\u00e4re der Gesellschaft, hrsg. von Christian Huck, Carsten Zorn, Wiesbaden 2007, S. 73-96, S. 76.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website werber\" href=\"http:\/\/www.soziale-insekten.de\/Start.html\" target=\"_blank\">Niels Werber<\/a> ist Professor f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Siegen und Sprecher der Forschungsstelle <a title=\"website forschungsstelle\" href=\"http:\/\/popkultur.uni-siegen.de\/\" target=\"_blank\">\u201ePopul\u00e4re Kulturen\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hohe Kultur:<br \/>\nTeil 1: <a title=\"Hohe Kultur Teil 1\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/02\/02\/hohe-kultur-1merkur-blog-und-pop-zeitschrift2-2-2017\/\" target=\"_blank\"> Einleitung<br \/>\n<\/a>Teil 2: <a title=\"Hohe Kultur Teil 2\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/02\/28\/hohe-kultur-2von-thomas-hecken28-2-2017\/\" target=\"_blank\">Hohe und niedrige Metaphern \u2013 \u201ahigh culture\u2018, \u201alow culture\u2018 u.a.<\/a><br \/>\nTeil 3: <a title=\"Hohe Kultur Teil 3\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/03\/13\/hohe-kultur-3von-christina-dongowski13-3-2017\/\" target=\"_blank\">Elphi \u2013 oder Hochkultur als Subventionsbetrug<\/a><br \/>\nTeil 4: <a title=\"Hohe Kultur Teil 4\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/03\/23\/hohe-kultur-4von-annekathrin-kohout23-3-2017\/\" target=\"_blank\">Die Verachtung der popul\u00e4ren Kultur durch die Neuen Rechten<br \/>\n<\/a>Teil 5:\u00a0<a title=\"Hohe Kultur Teil 5\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/04\/10\/hohe-kultur-5von-stefan-krankenhagen10-4-2017\/\" target=\"_blank\">Priceless. Die hohe Kultur und das Geld<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere unkultivierte Gegenwart. Zur Unterscheidung gepflegter und ungepflegter Semantik<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[4541,1009,1679,1859,2107],"class_list":["post-6969","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-archiv","tag-hohe-kultue","tag-niklas-luhmann","tag-populare-kultur","tag-semantik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6969","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6969"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6969\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}