{"id":7060,"date":"2017-07-17T09:45:46","date_gmt":"2017-07-17T07:45:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7060"},"modified":"2017-07-17T09:45:46","modified_gmt":"2017-07-17T07:45:46","slug":"common-groundfernseh-rituale-und-netflix-gewohnheitenvon-maren-lickhardt17-6-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/07\/17\/common-groundfernseh-rituale-und-netflix-gewohnheitenvon-maren-lickhardt17-6-2017\/","title":{"rendered":"Common Ground?Fernseh-Rituale und Netflix-Gewohnheitenvon Maren Lickhardt17.6.2017"},"content":{"rendered":"<p>Geteilte Aufmerksamkeit<!--more--><\/p>\n<p>Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit bietet das Fernsehen nur noch wenige. Die Zeiten von <em>Wetten, da\u00df \u2026?<\/em> sind vorbei, in denen zuverl\u00e4ssig in den Sonntagszeitungen nachgelesen werden konnte, wie die Show, die wir alle am Samstagabend gesehen hatten, zu bewerten ist, um diese Debatte am Montagmorgen in der Schule oder auf der Arbeit fortzuf\u00fchren. Selbst in schlechteren Zeiten kam die Sendung auf einen Marktanteil von ca. 30%, und mehr noch sind die privaten und zahlreichen \u00f6ffentlichen Kritiken in Erinnerung geblieben.<\/p>\n<p>Lassen wir politische Talkshows, Nachrichten und Wahlsendungen einmal au\u00dfer Acht \u2013 bei denen die Quote weniger beeindruckt als das Wiederk\u00e4uen in anderen Medien \u2013 und schauen wir ausschlie\u00dflich auf den Unterhaltungssektor, kann allenfalls noch der <em>Tatort<\/em> eine \u00e4hnliche Dynamik aufweisen. Der <em>Tatort<\/em> M\u00fcnster hatte 2016 \u00fcber 35% Marktanteil, und neben professionellen Kritiken gibt es ja bekanntlich <em>Tatort<\/em>-Abende als gemeinsames Rezeptionsritual, die eine kollektive Bewertungskultur oder Kommentierungspraxis beg\u00fcnstigen, die montags weitergeht.<\/p>\n<p>Zuerst die Zunahme an Fernsehprogrammen, dann ausgefeiltere Vertriebsstrukturen der Videoverleiher und anschlie\u00dfend Netzanbieter haben zu einer Diversifizierung des Angebots gef\u00fchrt, sodass es unwahrscheinlich geworden ist, dass wir alle zu derselben Zeit dieselbe Sendung rezipieren. Zu einem gro\u00dfen Teil hat sich das, wor\u00fcber wir sprechen und was wir teilen, auf Tweets, Facebook-Posts und YouTube-Videos verschoben, aber das damit verbundene vielmals beschworene Virale hat eine andere zeitliche Dimension.<\/p>\n<p>Zum einen gibt es nicht mehr diejenigen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ein f\u00fcr alle Mal in- oder exkludiert sind, sondern stattdessen diejenigen, die bestimmte Inhalte fr\u00fcher, und diejenigen, die sie sp\u00e4ter rezipieren. Zum anderen wird beim Fernsehen seitens der RezipientInnen erst kollektiv geteilt und dann bewertet, w\u00e4hrend in den netzf\u00f6rmigen Prozessen eine erste Bewertung vor dem Teilen stattfindet.<\/p>\n<p>Kristallisationspunkt oder Urszene gemeinsamer Aufmerksamkeit kann nat\u00fcrlich nach wie vor auch eine Fernsehsendung sein, aber es ist eben unwahrscheinlicher geworden, dass es solch <em>eine<\/em> Sendung gibt. Nun vergleiche ich \u00c4pfel mit Bananen, indem ich nicht nur unterschiedliche Medien betrachte, sondern auch ganz unterschiedliche Formate, aber unabh\u00e4ngig von den Formaten besteht die wesentliche Umstellung unserer Rezeptionsgewohnheiten darin, dass sich <em>fr\u00fcher<\/em> alles, was uns gemeinsam interessiert hat, sofort in den unendlichen Weiten des Alls zerstreut hat \u2013 wenn es nicht vereinzelt auf Datentr\u00e4gern aufgezeichnet wurde, die allerdings nicht allen immer zug\u00e4nglich waren \u2013, w\u00e4hrend heute fast alle mit Hilfe diverser digitaler Archive \u00fcber fast alles verf\u00fcgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Fall der britischen Kult-Serie <em>Doctor Who<\/em> besitzt noch nicht einmal die BBC alle Folgen aus den 60er Jahren, weil man einige der Magnetb\u00e4nder, auf denen die Sendungen urspr\u00fcnglich aufgezeichnet wurden, \u00fcberspielt hat, um Lager- und Materialkosten zu sparen. \u2013 W\u00e4hrend im \u00dcbrigen <em>Metropolis<\/em> einer Entdeckung in Buenos Aires weitere 25 Minuten verdankt, wurden einige verschollene Datentr\u00e4ger der britischen Serie vor wenigen Jahren gut erhalten in Nigeria gefunden. \u2013 So viel zur Archivierung und Kanonisierung von Pop.<\/p>\n<p>Es geht mir nun aber nicht um Archivierungspraktiken, die es auf die eine oder andere Weise mehr oder weniger zuverl\u00e4ssig immer gegeben hat, sondern um das pop- oder auch popul\u00e4rkulturelle Ritual der geteilten Aufmerksamkeit, auf deren Basis sich der <em>common ground<\/em> f\u00fcr unsere Kommunikationen ausbildet, der wesentlich nicht nur mit massenmedialen Inhalten, sondern auch mit deren Distributionswegen verbunden ist. Und da war \u2013 und nat\u00fcrlich ist es auch noch \u2013 Ausstrahlung eine besondere Sache. Man beachte allein das sch\u00f6ne Wort.<\/p>\n<p>Wenn wir fr\u00fcher oder sp\u00e4ter dasselbe rezipieren, stellt sich zwar eine geteilte intertextuelle Kompetenz ein, aber es ist eben ein anderer Vorgang, wenn wir etwas gleichzeitig anschauen. Wenn wir die Aufmerksamkeit in demselben Augenblick auf ein und dieselbe Sache richten, bilden wir ein kollektives deiktisches Zentrum \u2013 eine Wir-jetzt-nicht-hier-Origo, wenn man so will.<\/p>\n<p>Wir orientieren uns fast instantan hinsichtlich der Relevanz, Bedeutsamkeit und Qualit\u00e4t des Gesehenen aneinander, und wir t\u00e4tigen auf dessen Basis gemeinsame Folgehandlungen. Gleichzeitig entsteht aufgrund der gemeinsamen Bewertungskultur und Folgehandlungen eine Orientierung \u00fcbereinander, und wir konstituieren pop- oder popul\u00e4rkulturelle Distinktionskriterien. Das passiert nat\u00fcrlich auch aktuell, aber <em>fr\u00fcher<\/em> stellte sich das eben sehr schnell ein oder gar nicht, aber nun, da die ephemere Ausstrahlung der fixierten Datenspeicherung gewichen ist, ist auch die Rezeptionslage eine andere.<\/p>\n<p>Um nun \u00c4pfel mit Birnen zu vergleichen, also unterschiedliche Medien, aber \u00e4hnliche Formate: Zun\u00e4chst einmal die M\u00f6glichkeit, ganze Staffeln einer Fernsehserie auf DVD zu kaufen, dann die M\u00f6glichkeiten des legalen wie illegalen Streamens \u2013 und im legalen Bereich sei hier insbesondere Netflix hervorgehoben \u2013 werden h\u00e4ufig im Zusammenhang mit der komplexen narrativen Struktur der neuen Qualit\u00e4tsserie in Verbindung gebracht, und ich kann wirklich aus frischer Erfahrung saggen, dass es schier unertr\u00e4glich ist, beide Staffeln der episodischen Kult-Serie <em>Die Zwei<\/em> mit Roger Moore und Tony Curtis am St\u00fcck zu schauen, so witzig, unterhaltsam und poppig sie bei vereinzelter w\u00f6chentlicher Rezeption auch waren bzw. immer noch sind. Gleiches gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr die urspr\u00fcnglichen Staffeln der <em>Gilmore Girls<\/em>, die niemals auf eine Rezeption am St\u00fcck angelegt waren. Umgekehrt w\u00e4re es bei einer Staffel <em>House of Cards <\/em>unpassend, nach jeder Folge auf die n\u00e4chste warten zu m\u00fcssen, ist sie doch aus einem gro\u00dfen Bogen bzw. f\u00fcr die Rezeption in einem gro\u00dfen Happen gemacht.<\/p>\n<p>Aber es geht ja um die Frage des Zeitpunkts der gemeinsamen Rezeption. Amy Sherman-Palladino, die Produzentin der <em>Gilmore Girls<\/em>, war sich des Wertes der gleichzeitig geteilten, h\u00e4ppchenweisen Rezeption bewusst. Sie hatte gehofft, dass Netflix nicht sofort alle der nachtr\u00e4glichen, 2016 erschienenen Folgen der <em>Gilmore Girls<\/em> zug\u00e4nglich machen w\u00fcrde. Sie wollte den Raum der Erwartungen von Folge zu Folge wiederer\u00f6ffnet wissen. Zum einen bildet sich dadurch eine Leerstelle aus als wunderbarer Diskussionsanlass, was der Sache eine zus\u00e4tzliche Dynamik verleiht. Zum anderen kann so der Kenntnisstand der RezipientInnen synchronisiert werden. Sherman-Palladino wollte ausdr\u00fccklich verunm\u00f6glichen, dass jemand entscheidet, die letzte Folge zuerst zu sehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind auch bei einer sukzessiven Ausstrahlung verschiedene Rezeptionsweisen und -zeitpunkte m\u00f6glich, aber es ist vielleicht wahrscheinlicher, dass man die Leute zur gleichen Zeit vor den Bildschirm bekommt, wenn man eine Serie seriell ver\u00f6ffentlicht. Gemeinsame, geteilte Aufmerksamkeit und Zwischenr\u00e4ume f\u00fcr Diskussionen, also pop-kulturelle Rezeptionsrituale, die bis in die 00er Jahre \u00fcblich waren, sollten interessanterweise wiederaufleben, wenn es nach dem Wunsch der Produzentin gegangen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ging es aber nicht. Wir konnten alle Folgen <em>Gilmore Girls. A Year in Life<\/em> ab dem Start am St\u00fcck sehen; nat\u00fcrlich wie bei Netzangeboten \u00fcblich nicht unbedingt zeitlich synchron. Und in diesem Kontext f\u00e4llt einmal mehr eine Praktik auf, die es <em>fr\u00fcher<\/em> in gro\u00dfem Ma\u00df einfach nicht gegeben hat. Das indiziert auch die Tatsache, dass das Wort erst seit den letzten Jahren Konjunktur hat, auch wenn Kinofilm und Filmverleih immer schon davon betroffen waren. Das <em>Spoilern<\/em>.<\/p>\n<p>Laut \u201eGoogle Trends\u201c h\u00e4lt sich die Verwendung des Verbs \u201aSpoilern\u2018 relativ konstant, soweit die Statistik reicht, also zur\u00fcck bis 2004, was angesichts des semantischen Spektrums nicht verwundert. <em>Spoiler alert<\/em> jedoch steigt ab 2010 massiv an; ebenso <em>Spoileralarm<\/em>. Im selben Jahr erwarb Netflix die Rechte am Onlinevertrieb diverser amerikanischer Filmstudios und steigerte sowohl sein Angebot als auch seinen Marktwert deutlich.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201aSpoilern\u2018 hat Eingang in den Duden gefunden, und die aktuelle Definition lautet: \u201eZusammenfassung eines Films, Buchs oder \u00c4hnlichem, die dem Leser oder Zuschauer das Interesse an der Geschichte verdirbt, indem f\u00fcr Spannung sorgende Informationen aus er Handlung verraten werden.\u201c W\u00e4hrend wir <em>fr\u00fcher<\/em> schlicht verpasst haben, was wir verpasst hatten, und darum darauf angewiesen waren, dass uns jemand eine Br\u00fccke \u00fcber die fehlende Folge baut, k\u00f6nnen wir dies nun jederzeit selbst nach-sehen, weshalb eine derartige Hilfestellung nicht mehr sehr erw\u00fcnscht oder beliebt ist. Das sei an der Stelle ausdr\u00fccklich betont.<\/p>\n<p>Es ist schon m\u00fchevoll, Spoilern aus dem Weg zu gehen, wenn man die erste Welle der Rezeption nach Ver\u00f6ffentlichung aus irgendeinem Grund verpasst hat, und genau das kann ja, wie gesagt, nun ziemlich leicht passieren. Es gibt sooo viele Serien, dass man nicht bei jeder synchron bleiben kann. So musste ich in der Siegener Mensa, bevor ich endlich mit der englischen oder amerikanischen Version von <em>House of Cards<\/em> anfangen konnte, von Mitessern, deren Namen hier nicht erw\u00e4hnt werden sollen, die sich aber hoffentlich wiedererkennen und getadelt f\u00fchlen, h\u00f6ren, es sei ja \u201akrass, dass er sie wirklich umbringt.\u2018 Das h\u00e4tte man nicht gedacht. Ich leider nun schon. Wenige Minuten nach meinem eigenen Einstieg in die Serie war mir also das Ende des ersten wesentlichen Handlungsstrangs um Underwood und Zoe absolut klar. Glenn wird brutal von Negan ermordet. Das ist die sp\u00e4te Rache an allen Spoilern, die die siebte Staffel von <em>The Walking Dead<\/em> vielleicht noch nicht gesehen haben. Nun habe ich selbst aber auch noch nicht die siebte Staffel von <em>The Walking Dead<\/em> gesehen und war wieder einmal Opfer einer Spoiler-Attacke. W\u00e4hrend ich mich nun mit der siebten Staffel von <em>The Walking Dead<\/em> bei den entsprechenden Spoilern f\u00fcr die ersten beiden Staffeln von <em>House of Cards<\/em> r\u00e4chen kann, brauche ich vermutlich die sechste Staffel von <em>Shameless<\/em> (US), um mich bei den <em>Walking Dead<\/em>-Spoilern zu r\u00e4chen. Wie Kartenquartett: <em>Shameless<\/em> 6 toppt <em>The Walking Dead<\/em> 7.<\/p>\n<p>Sherman-Palladino hat ja letztlich dennoch ihre zeitlich geteilte Aufmerksamkeit erhalten. Vier Doppelfolgen sind schlie\u00dflich nichts. Daher findet sich doch eher schnell eine M\u00f6glichkeit, Anschluss zu finden an der allgemeinen Bewertungskultur, bei der ich wei\u00df, dass Du wei\u00dft, dass ich wei\u00df, was Du wei\u00dft. Aber ganz so wie <em>fr\u00fcher<\/em> ist es eben trotzdem nicht, wenn Angebote als Konserven stets zug\u00e4nglich sind und flexibel gehandhabt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es gibt eine beobachtbare erste Welle an Anschlusskommunikation und Folgepraktiken in Foren und Tweeds, auf Facebook und in traditionellen Medien, aber nicht mehr den einen direkten Schub. Au\u00dferdem: Die erste Welle kann durch soziale Netzwerke sogar sehr direkt entstehen, aber nun stellt sich bei deren Partizipation die Frage, ob es sich bei gelungener Anschlusskommunikation um Zufallstreffer unter Spezialinteressierten handelt, oder ob sich ein (pop-)kulturell repr\u00e4sentativer <em>common ground<\/em> ausbildet bzw. man sich auf einem solchen bewegt.<\/p>\n<p>Den neuen Qualit\u00e4tsserien, so auch den Eigenproduktionen von Netflix, wird im Gro\u00dfen und Ganzen nicht gerade mangelnder Erfolg nachgesagt. Wir haben also nach Jahren des eher d\u00fcsteren Fernsehprogramms trotz der Diversifikation der Angebote unseren <em>common ground<\/em> wieder \u2013 und nur f\u00fcr das RTLplus der 80er oder das Sat 1 der 90er Jahre k\u00f6nnte ich auf Netflix noch verzichten, eventuell.<\/p>\n<p>Aber: nachgesagterweise. Wir k\u00f6nnen nicht wirklich wissen, ob und auf welchem <em>common ground<\/em> wir uns bewegen, denn Netflix ver\u00f6ffentlicht keine Quoten. Es g\u00e4be keinen wirtschaftlichen Grund, dies zu tun. So hei\u00dft es! W\u00e4hrend wir also bei <em>Wetten, da\u00df\u2026?<\/em> und <em>Tatort<\/em> nicht nur hinsichtlich der absoluten und prozentualen Zahlen unserer MitseherInnen im Bilde waren bzw. sind, wussten wir auch in soziodemographischer Hinsicht ziemlich genau, in welcher Gesellschaft wir uns befanden.<\/p>\n<p>Quantifizierung und Ranking, also Listenbildung wird zu Recht von Moritz Ba\u00dfler bis Matthias Schaffrick als integraler Bestandteil der Pop- oder Popul\u00e4rkultur beschrieben. Zur Pop- oder Popul\u00e4rkultur geh\u00f6ren also nicht nur massenmediale Inhalte als Formen der kulturellen Selbstbeschreibung und darauf basierende kulturell formgebende Rezeptionspraktiken. Letztere bilden auch das Feedback f\u00fcr Ersteres, weil sie quantifizierbar Erfolg oder Misserfolg abbilden, der die weitere Produktion best\u00e4tigt, modifiziert oder stoppt. Aber nicht zuletzt werden die Zahlen wiederum an die RezipientInnen zur\u00fcckgespielt, die sich daran reflexiv ihrer selbst vergewissern k\u00f6nnen. Wir hatten es also eigentlich immer mit einem transparenten vielfach reziproken Prozess zu tun. Das bleibt nun auf gespenstische Weise in gewisser Hinsicht aus.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich schaut Netflix auf den Erfolg, als dessen Indikator neben der Quote diverse Daten fungieren, die sich \u00fcber netnographische Methoden erfassen lassen, also alle m\u00f6glichen Effekte in sozialen Netzwerken. S\u00e4mtliche Daten liegen uns RezipientInnen aber nicht in verifizierter, autorisierter repr\u00e4sentativer Form vor. Immer wieder gilt etwas als Netflix\u02bc neuer Erfolg, so z.B. <em>Stranger Things<\/em> und <em>Dirk Gently\u2019s Holistic Detective Agency<\/em>, aber das l\u00e4sst sich ja leicht behaupten. Nun finde ich diese Serien auf je unterschiedliche Weisen absolut grandios, aber es k\u00f6nnte sich bei deren Erfolg, falls der \u00fcberhaupt quantitativ besteht, um sich selbst erf\u00fcllende Prophezeiungen handeln, dass also der Glaube an einen <em>common ground<\/em> diesen erst erschafft und somit auch den Gegenstand, um den sich das Ganze rankt, am Leben h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Vielleicht befinden wir uns im Status einer weltweiten Parallelaktion. Zum Gl\u00fcck, denn das trifft meinen Geschmack, aber nun haben wir immer noch keine M\u00f6glichkeit, uns dessen valide zu vergewissern, ob wir Mainstream oder Nerds sibd. In Bezug auf einige Netzanbieter und nicht nur auf Netflix fehlt uns also nicht nur die Synchronit\u00e4t mit den anderen RezipientInnen, sondern wir sind auch auf qualitativ-anekdotische, statt empirisch-statistischer Evidenz zur\u00fcckgeworfen, wenn es um die Ausmessung des <em>common grounds<\/em> und die eigene (pop-)kulturelle Selbstvergewisserungen in Bezug auf diesen geht.<\/p>\n<p>Letztlich unterwerfe ich mich aber freiwillig der Steuerung durch Netflix, denn all dies ist kein Grund auf \u00f6ffentlich-rechtliches oder auch privates Fernsehen mit all seiner Transparenz und Langweiligkeit zur\u00fcckzukehren, es sei denn, das ZDF traut sich noch mal an die Serie <em>Lerchenberg<\/em> mit dem sich selbst darstellenden Sascha Hehn ran oder <em>Knight Rider<\/em> erh\u00e4lt wie die <em>Gilmore Girls<\/em> ein Revival finanziert von RTL, in dem sich dann David Hasselhoff selbst spielen k\u00f6nnte. Ansonsten gilt: W\u00e4hrend Fernsehen immer ein kollektives Ritual war und hin und wieder immer noch ist, haben wir eben alle so unsere vereinzelten Netflix-Gewohnheiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website lickhardt\" href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/germanistik\/mitarbeiter\/lickhardt_maren\/publikationen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maren Lickhardt<\/a> ist Assistenzprofessorin am Institut f\u00fcr Germanistik der Leopold-Franzens-Universit\u00e4t Innsbruck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geteilte Aufmerksamkeit<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[462,743,1643,2204,2247,2401],"class_list":["post-7060","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-common-ground","tag-fernsehrezeption","tag-netflix","tag-spoiler","tag-streaming","tag-tv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7060","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7060"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7060\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}