{"id":7065,"date":"2017-07-27T13:10:48","date_gmt":"2017-07-27T11:10:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7065"},"modified":"2017-07-27T13:10:48","modified_gmt":"2017-07-27T11:10:48","slug":"der-wahlkampf-auf-instagram-5von-wolfgang-ullrich27-7-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/07\/27\/der-wahlkampf-auf-instagram-5von-wolfgang-ullrich27-7-2017\/","title":{"rendered":"Der Wahlkampf auf Instagram (5)von Wolfgang Ullrich27.7.2017"},"content":{"rendered":"<p>Wer gewinnt den gro\u00dfen Fotowettbewerb?<!--more--><\/p>\n<p>Der Bundestagswahlkampf 2017 ist der erste, in dem auch Bilder der Sozialen Medien, vor allem Bilder auf den Instagram-Accounts von Parteien und Abgeordneten eine Rolle spielen. Statt nur Reden zu halten oder Kundgebungen zu veranstalten, machen Politikerinnen und Politiker mittlerweile also auch zunehmend selbst Bilder, um f\u00fcr ihre Botschaften zu werben. Bis zur Bundestagswahl wird Wolfgang Ullrich\u00a0einzelne dieser Bilder in loser Folge genauer betrachten und Instagram als\u00a0Medium politischer Ikonografie in der Phase seiner Entstehung begleitend kommentieren.<\/p>\n<p>Teil 5 der Kooperation\u00a0von <a href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\">Ideenfreiheit<\/a> und pop-zeitschrift.de<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BXAlAS1DUki\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7066\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/07\/Bildschirmfoto-2017-07-27-um-13.03.45.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-07-27 um 13.03.45\" width=\"695\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/07\/Bildschirmfoto-2017-07-27-um-13.03.45.png 695w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/07\/Bildschirmfoto-2017-07-27-um-13.03.45-300x192.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nicht f\u00fcr alle Parteien eignet sich Instagram gleicherma\u00dfen gut als Wahlkampfmedium. St\u00e4rker als auf anderen Plattformen der Social Media geht es hier vornehmlich darum, mit Bildern aus dem eigenen Leben etwas zu demonstrieren: wie gesund man sich ern\u00e4hrt, wie sch\u00f6n man eingerichtet ist, was f\u00fcr coole Freunde man hat, mit wie viel Spa\u00df man seine Freizeit verbringt, was man Tolles einkauft. Instagram ist also ein Ort, an dem Menschen zeigen, dass sie Standards guten Lebens erfolgreich erf\u00fcllen und sogar noch mehr als andere erreicht haben. F\u00fcr jeden Lebensbereich haben sich eigene Bildmuster etabliert, um sichtbar zu machen, dass man fitter ist als andere oder dass man totaler als sie relaxen kann. Hashtags fordern erst recht zum Vergleich heraus, l\u00e4sst sich doch direkt \u00fcberpr\u00fcfen, was andere zu bieten haben, die ihre Bilder ihrerseits mit #sixpack oder #feierabendbier oder #entspannungpur verschlagwortet haben. Nirgendwo sonst ist die Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft realer als auf Instagram.<\/p>\n<p>Zur FDP passt Instagram daher besonders gut. Keine andere Partei hat ein so ungebrochen affirmatives Verh\u00e4ltnis zu Leistung und Wettbewerb, keine andere Partei versteht sich so sehr als Anwalt des starken Individuums, das sich selbstbestimmt verwirklichen will. Auf Instagram kann die FDP also ihre Werte, ihr Programm direkt umsetzen. Und wie in anderen Belangen geht ihr Vorsitzender dabei tatkr\u00e4ftig voran. Christian Lindner sagt nicht nur, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/WEB.DE\/videos\/10155172543452935\/\">dass ihm Instagram lieber sei als Twitter oder Facebook<\/a>, sein Account belegt es auch. Mit fast jedem Bild macht er deutlich, wie intensiv und professionell er sein Leben lebt \u2013 wie sehr er jeweils das Beste zu bieten und zu erleben versucht. Er zeigt, dass er jede freie Minute zwischen seinen vielen Terminen dazu nutzt, ein (anspruchsvolles) Buch zu lesen, Sport zu machen oder einen Vortrag zu konzipieren, und stolz dokumentiert er, vor wie vielen Menschen er seine Reden h\u00e4lt. Aber er beweist ebenso, dass er perfekt Urlaub zu machen versteht, wenn er sich daf\u00fcr mal ein paar Tage Zeit nimmt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Teile Deutschlands im Dauerregen versinken, entspannt Lindner auf Mallorca. Am 26. Juli postete er von dort ein Urlaubsfoto. Zu sehen ist das Heck eines Motorboots, das gerade durch das Wasser pfl\u00fcgt, im Hintergrund die K\u00fcste, auf dem Boot eine Deutschlandfahne. Dazu die Hashtags <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/explore\/tags\/holiday\/\">#holiday<\/a> <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/explore\/tags\/vacaymode\/\">#vacaymode<\/a> <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/explore\/tags\/ocean\/\">#ocean<\/a> #spain. Vor allem #vacaymode weist Lindner als Instagram-Profi aus, ist es doch Social Media-Slang, der ungef\u00e4hr f\u00fcr das steht, was man fr\u00fcher als \u201aUrlaubsgef\u00fchle\u2019 bezeichnet h\u00e4tte. Die Verwendung dieses Hashtags ist aber auch als Ansage zu verstehen: Mein Urlaub ist perfekt! Oder gibt es etwas Geileres, als auf einem Boot in freier Fahrt unterwegs zu sein? Andere User posten unter demselben Hashtag Bilder von Sonnenunterg\u00e4ngen, sinnlichen Outfits, leckerem Essen, aber so eine Spritztour im Meer (#ocean) ist nur schwer zu toppen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/explore\/tags\/vacaymode\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-7067\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/07\/Bildschirmfoto-2017-07-27-um-13.06.23.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-07-27 um 13.06.23\" width=\"587\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/07\/Bildschirmfoto-2017-07-27-um-13.06.23.png 930w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/07\/Bildschirmfoto-2017-07-27-um-13.06.23-300x211.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/07\/Bildschirmfoto-2017-07-27-um-13.06.23-768x540.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wohlmeinende Kommentatoren \u00e4u\u00dfern die Sorge, Lindner k\u00f6nnte mit einem solchen Foto Neidgef\u00fchle auf sich ziehen. Tats\u00e4chlich stellt sich die Frage, wie ein Hartz IV-Empf\u00e4nger oder eine gestresste Alleinerziehende es wahrnehmen, dass jemand \u00fcber das Geld und die M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgt, seine Bed\u00fcrfnisse so kompromisslos auszuleben. M\u00fcssen sie sich nicht d\u00fcpiert vorkommen? Oder sogar provoziert und verletzt f\u00fchlen? In den letzten Jahren kam es wiederholt vor, dass einzelne Gruppen gerade Bilder auf Instagram als diskriminierend empfanden. So f\u00fchlten sich etwa Frauen, die nicht in der Lage sind, ihre Babys zu stillen, von Fotos gest\u00f6rt, auf denen M\u00fctter das Stillen als nat\u00fcrlich und sch\u00f6n in Szene setzen. Sie erleben sich dadurch als schlechte M\u00fctter, ja als \u201eB\u00fcrger zweiter Klasse\u201c (\u201esecond class citizens\u201c). Die Journalistin Laura Ewert l\u00f6ste 2015 eine gr\u00f6\u00dfere Debatte aus, als sie in einem <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/medien\/article138471077\/Instagram-macht-uns-alle-zu-Psychopathen.html\">Artikel in der WELT <\/a>behauptete, dass auf Instagram jedes Bild zu einem Imperativ werde, der dazu auffordere, ein mindestens so sch\u00f6nes und gutes Leben zu zeigen wie alle anderen. So f\u00fchren die Bilder zu einem \u201eWettr\u00fcsten\u201c und gef\u00e4hrden das gesellschaftliche Klima, sie \u201chetzen und verh\u00f6hnen\u201c \u2013 zumindest aus der Perspektive der Verlierer des gro\u00dfen Fotowettbewerbs.<\/p>\n<p>Da die FDP zum Prinzip \u201aWettbewerb\u2019 ohne Wenn und Aber steht, muss sie sich hier keine gro\u00dfen Gedanken machen, doch f\u00fcr Parteien, die der Leistungsgesellschaft misstrauen und daf\u00fcr lieber Werte wie \u201aGleichheit\u2019 und \u201aSolidarit\u00e4t\u2019 st\u00e4rken wollen, ist zu \u00fcberlegen, ob und wie sie auf Instagram \u00fcberhaupt agieren sollen. Ist diese Plattform nicht so programmiert, dass letztlich alles in den Sog der Wettbewerbslogik ger\u00e4t? Wird hier nicht jede und jeder dazu gebracht, mit dem eigenen Status anzugeben, die individuellen Vorz\u00fcge in Szene zu setzen und, vor allem anderen, die eigenen Konsumgewohnheiten zu offenbaren?<\/p>\n<p>Christian Lindner kann unterdessen noch seinen Urlaub genie\u00dfen, um danach wieder voller Power in den Wahlkampf zur\u00fcckzukehren. Die prominent ins Bild gesetzte Deutschlandfahne mag das Signal daf\u00fcr sein, dass der Politiker auch fernab vom Berufsalltag seine Ziele nicht vergisst. Dabei gelingt Lindner das Bekenntnis zum eigenen Land ohne zu viel Pathos; man braucht beim Anblick seines Fotos also nicht gleich an die oft bem\u00fchte und hochtrabende Metapher vom Staatsschiff zu denken. Vielmehr erweist sich der anerkannt gute Redner auch als ein geschickter Bildrhetoriker.<\/p>\n<p>Wer den Instagram-Account von Christian Lindner verfolgt, ahnt auf einmal, dass es k\u00fcnftig ganz selbstverst\u00e4ndlich sein k\u00f6nnte, von Politikern zu erwarten, ihre Themen, ihre Agenda, ihren Lifestyle gerade auch mit m\u00f6glichst starken Bildern zu veranschaulichen. Anh\u00e4nger mobilisiert man nicht nur mit markigen Spr\u00fcchen, sondern mindestens so gut mit einem gekonnten Schnappschuss. Noch sind Politiker wie Christian Lindner, die selbst ihre Bilder machen, in der Minderheit, aber bald k\u00f6nnte es denjenigen, die keine Fotokompetenz besitzen, als Schw\u00e4che ausgelegt werden. Zumindest in einer so wettbewerbsfreudigen Partei wie der FDP.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Wahlkampf auf Instagram:<\/p>\n<p>Teil 1:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/06\/28\/der-wahlkampf-auf-instagram-1von-wolfgang-ullrich28-6-2017\/\">Mit dem\u00a0Regenbogenherz ins politische Sommerm\u00e4rchen<\/a><br \/>\nTeil 2:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/02\/der-wahlkampf-auf-instagram-2von-wolfgang-ullrich02-7-2017\/\">Martin Schulz in der Schule<br \/>\n<\/a>Teil 3: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/09\/der-wahlkampf-auf-instagram-3von-wolfgang-ullrich9-7-2017\/\">Wochenende eines protestantischen L\u00e4ufers<br \/>\n<\/a>Teil 4: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/17\/der-wahlkampf-auf-instagram-4von-wolfgang-ullrich17-7-2017\/\">K\u00f6rpersprache statt Dingsymbole<\/a><a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/09\/der-wahlkampf-auf-instagram-3von-wolfgang-ullrich9-7-2017\/\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer gewinnt den gro\u00dfen Fotowettbewerb?<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-7065","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7065"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7065\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}