{"id":7098,"date":"2017-08-03T10:44:05","date_gmt":"2017-08-03T08:44:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7098"},"modified":"2017-08-03T10:44:05","modified_gmt":"2017-08-03T08:44:05","slug":"der-wahlkampf-auf-instagram-6von-wolfgang-ullrich3-8-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/08\/03\/der-wahlkampf-auf-instagram-6von-wolfgang-ullrich3-8-2017\/","title":{"rendered":"Der Wahlkampf auf Instagram (6)von Wolfgang Ullrich3.8.2017"},"content":{"rendered":"<p>Ein Mann sieht rot<!--more--><\/p>\n<p>Der Bundestagswahlkampf 2017 ist der erste, in dem auch Bilder der Sozialen Medien, vor allem Bilder auf den Instagram-Accounts von Parteien und Abgeordneten eine Rolle spielen. Statt nur Reden zu halten oder Kundgebungen zu veranstalten, machen Politikerinnen und Politiker mittlerweile also auch zunehmend selbst Bilder, um f\u00fcr ihre Botschaften zu werben. Bis zur Bundestagswahl wird Wolfgang Ullrich\u00a0einzelne dieser Bilder in loser Folge genauer betrachten und Instagram als\u00a0Medium politischer Ikonografie in der Phase seiner Entstehung begleitend kommentieren.<\/p>\n<p>Teil 6 der Kooperation\u00a0von <a href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\">Ideenfreiheit<\/a> und pop-zeitschrift.de<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BXP-5mPH_vV\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7099\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-02-um-23.48.31.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-08-02 um 23.48.31\" width=\"929\" height=\"594\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-02-um-23.48.31.png 929w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-02-um-23.48.31-300x192.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-02-um-23.48.31-768x491.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 929px) 100vw, 929px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In den 1920er Jahren kam das Diktum auf, dass k\u00fcnftig nicht nur diejenigen, die nicht lesen und schreiben k\u00f6nnten, als Analphabeten bezeichnet w\u00fcrden, sondern genauso alle, die unkundig im Fotografieren seien. Das war zu der Zeit, als sich Rollfilmkameras durchsetzten, die es auch Laien erlaubten, in gro\u00dfem Stil Fotos zu machen. Aber erst durch Digitalisierung, Smartphones und Social Media-Plattformen wie Instagram ist die damals vorhergesehene Zukunft endg\u00fcltig Gegenwart geworden: Wer sich nicht tagt\u00e4glich mit Fotos besch\u00e4ftigt, nicht selbst fotografiert und die Bildplattformen nicht aktiv nutzt, gilt mittlerweile vielen als r\u00fcckst\u00e4ndig \u2013 als Analphabet insofern, als er oder sie das neben der Sprache wichtigste Medium der Kommunikation nicht beherrscht und schlimmstenfalls nicht einmal versteht.<\/p>\n<p>K\u00fcnstler und Theoretiker wie L\u00e1szl\u00f3 Moholy-Nagy, Franz Roh oder Jan Tschichold, die prophezeiten, das das Fotografieren k\u00fcnftig zu den grundlegenden Kulturtechniken geh\u00f6ren w\u00fcrde, waren zugleich Protagonisten eines \u201aNeuen Sehens\u2019. F\u00fcr sie war klar, dass die von Apparaten erzeugten Bilder auch die Wahrnehmung ver\u00e4ndern w\u00fcrden. Das Sehen w\u00fcrde technischer und abstrakter werden; es w\u00fcrden Aufnahmen aus Perspektiven und in Ausschnitten entstehen, die mit der herk\u00f6mmlichen Welterfassung nicht viel zu tun h\u00e4tten. Das \u201aNeue Sehen\u2019 wollte nicht das Wesen der Dinge offenbaren, vielmehr wurde ein Muster, ein Rapport, ein rechter Winkel \u2013 ein formales Ereignis \u2013 zum Anlass f\u00fcr ein autonomes Bild.<\/p>\n<p>Auch noch ein knappes Jahrhundert sp\u00e4ter verfallen fast alle, die eine Kamera zur Hand nehmen, immer wieder darauf, Fotos im Stil des \u201aNeuen Sehens\u2019 zu machen. Dazu verleitet die Lust an der Verfremdung des Allt\u00e4glichen oder die schmeichelhafte Vermutung (bei manchen sogar \u00dcberzeugung), \u00fcber einen besonderen Blick zu verf\u00fcgen, wenn man das Abstrakte im Gegenst\u00e4ndlichen zu entdecken vermag. Nicht zuletzt bei Erstsemestern an Kunsthochschulen sind abstrahierend-verfremdende Fotos daher nach wie vor sehr beliebt.<\/p>\n<p>Aber selbst auf den Accounts von Politikern und Wahlk\u00e4mpfern finden sich solche Bilder. Sie stechen unter sonst ziemlich profanen Aufnahmen heraus, die nur schnappschussartig etwas festhalten und ohne formale oder ikonographische Ambition entstanden sind. Der Account des SPD-Politikers Niels Annen, ehemaliger Juso-Vorsitzender und nun u.a. Bundestagsabgeordneter f\u00fcr Hamburg, ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel. Brav pr\u00e4sentiert Annen fast t\u00e4glich Fotos seiner Termine, Reden, Begegnungen, gibt Einblicke in den Haust\u00fcrwahlkampf, macht Werbung f\u00fcr die Themen und den Spitzenkandidaten seiner Partei. Vieles sieht dabei etwas angestrengt aus, als sei Politik ein h\u00f6chstens durchschnittlich spannender Beruf mit \u00fcberdurchschnittlich vielen Pflichten.<\/p>\n<p>Doch am 1. August postete Annen pl\u00f6tzlich ein Bild, das viel mehr mit \u201aNeuem Sehen\u2019 als mit Schnappschussroutine zu tun hat. Das Foto besteht aus einer Reihe horizontaler Streifen in Wei\u00dfnuancen und graubraun melierten T\u00f6nen. Ein grell roter Streifen im oberen Bereich des Bildes dominiert jedoch alles; ein Echo \u2013 wie ein Schatten oder Abklatsch \u2013 findet er in einem fast schwarzen Streifen in der Bildmitte. Vertikal teilt das Bild (zumindest in der unteren H\u00e4lfte) eine dunkle Linie, etliche weitere hellere und d\u00fcnnere Linien verlaufen achsensymmetrisch zur Mittellinie in leichter Schr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Der Bildausschnitt zeigt einen Bahnsteig sowie den unteren Teil eines ICE. Annen selbst teilt via Hashtags mit, das Foto vor einer Fahrt zu einem Wahlkampftermin in M\u00fcnster am Bahnhof Hamburg-Dammtor geknipst zu haben: F\u00fcr einen Moment, w\u00e4hrend des Wartens auf seinen Zug, hat der Parteifunktion\u00e4r sich von seiner \u00fcblichen Rolle befreit und hat die Anwandlung, nicht nur eine Aufnahme, sondern ein k\u00fcnstlerisches Bild zu machen. Als wollte er sich und seinen Followern zeigen, dass in ihm verborgene Talente schlummern. Vielleicht ist er sogar ein wenig stolz darauf, \u00fcberhaupt in eine poetische Stimmung geraten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber selbst dann kommt er nicht so richtig los von der Politik. So d\u00fcrfte der Ausl\u00f6ser \u2013 und letztlich die Legitimation \u2013 f\u00fcr sein Bild allein jener rote Streifen gewesen sein. Er geh\u00f6rt zum Corporate Design der Deutschen Bahn, aber Niels Annen erkennt darin vor allem das Corporate Design seiner Partei \u2013 der SPD \u2013 wieder. Vermutlich hat er den Ausschnitt seines Fotos sogar bewusst so gew\u00e4hlt, dass der rote Streifen nicht l\u00e4nger mit der Deutschen Bahn assoziiert werden muss, sondern markant freigestellt ist und daher gleichsam neu verf\u00fcgbar wird. Mit den Techniken des \u201aNeuen Sehens\u2019 erobert Annen das Rot also, zumindest auf seinem Account, f\u00fcr seine Partei. Das zeugt von Treue, Disziplin, Pflichtbewusstsein, aber man k\u00f6nnte auch eine \u201ad\u00e9formation professionelle\u2019 darin erkennen, dass der SPD-Mann im Wahlkampf nur noch rotsieht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/nielsannen\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7100\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-03-um-10.36.40.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-08-03 um 10.36.40\" width=\"952\" height=\"633\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-03-um-10.36.40.png 952w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-03-um-10.36.40-300x199.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/08\/Bildschirmfoto-2017-08-03-um-10.36.40-768x511.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 952px) 100vw, 952px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Wahlkampf auf Instagram:<\/p>\n<p>Teil 1:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/06\/28\/der-wahlkampf-auf-instagram-1von-wolfgang-ullrich28-6-2017\/\">Mit dem\u00a0Regenbogenherz ins politische Sommerm\u00e4rchen<\/a><br \/>\nTeil 2:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/02\/der-wahlkampf-auf-instagram-2von-wolfgang-ullrich02-7-2017\/\">Martin Schulz in der Schule<br \/>\n<\/a>Teil 3: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/09\/der-wahlkampf-auf-instagram-3von-wolfgang-ullrich9-7-2017\/\">Wochenende eines protestantischen L\u00e4ufers<br \/>\n<\/a>Teil 4: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/17\/der-wahlkampf-auf-instagram-4von-wolfgang-ullrich17-7-2017\/\">K\u00f6rpersprache statt Dingsymbole<br \/>\n<\/a>Teil 5: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/27\/der-wahlkampf-auf-instagram-5von-wolfgang-ullrich27-7-2017\/\">Wer gewinnt den gro\u00dfen Fotowettbewerb?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann sieht rot<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1082,1653,1674,1799,2490],"class_list":["post-7098","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-instagram","tag-neues-sehen","tag-niels-annen","tag-politik","tag-wahlkampf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7098"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7098\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}