{"id":7176,"date":"2017-08-23T09:43:20","date_gmt":"2017-08-23T07:43:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7176"},"modified":"2017-08-23T09:43:20","modified_gmt":"2017-08-23T07:43:20","slug":"die-republik-der-voyeuredas-elend-der-anderen-als-programm-am-beispiel-von-hartz-und-herzlich-die-eisenbahnsiedlung-von-duisburgvon-marcus-s-kleiner23-8-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/08\/23\/die-republik-der-voyeuredas-elend-der-anderen-als-programm-am-beispiel-von-hartz-und-herzlich-die-eisenbahnsiedlung-von-duisburgvon-marcus-s-kleiner23-8-2017\/","title":{"rendered":"Die Republik der Voyeure?Das Elend der Anderen als Programm \u2013 am Beispiel von \u201eHartz und herzlich \u2013 Die Eisenbahnsiedlung von Duisburg\u201cvon Marcus S. Kleiner23.8.2017"},"content":{"rendered":"<p>Unterschichtenfernsehen?<!--more--><\/p>\n<p>Wenn es um RTL2-Docutainment-Sendungen wie aktuell \u201e<a title=\"sendung rtl2\" href=\"http:\/\/www.rtl2.de\/sendung\/hartz-und-herzlich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hartz und herzlich<\/a>\u201c<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> geht, spricht die Fernsehkritik gerne vom zynischen Trash-TV. Diese Sozialdokumentation begleitet vier Monate lang den Alltag von Menschen in der Rheinhauser Eisenbahnsiedlung, die Hartz IV-Empf\u00e4nger sind und an der Armutsgrenze leben. Das Ziel besteht darin, einen authentischen und intimen Einblick in die Lebensrealit\u00e4t von Menschen zu vermitteln, die am Rande der Gesellschaft leben.<\/p>\n<p>Was <em>wir<\/em> in dieser Sendung und vergleichbaren Formaten zu sehen bekommen, so die Kritik, ist die verantwortungslose Darstellung stigmatisierter Sozialit\u00e4t: <em>Wir<\/em> sehen Menschen am Rande der Gesellschaft, die den gesellschaftlich geteilten und medial vermittelten Vorstellungen von Menschen am Rande der Gesellschaft entsprechen. Stigmatisierung erfordert, um sie sozial zu etablieren, fokussierte Wiederholung und Wiedererkennung. In diesen Sendungen werden aus der Perspektive der Kritiker weder Empathie f\u00fcr die vorgestellten Schicksale noch eine konstruktive Auseinandersetzung mit den dargestellten sozialen Verh\u00e4ltnissen erm\u00f6glicht. Vielmehr werde durch die plakative und tabulose Zurschaustellung der Lebenswirklichkeit der Protagonisten ausschlie\u00dflich die voyeuristische Sehlust der Zuschauer angesprochen. Was bleibe, sei eine milieuspezifische Pornographie des Elends als Fernsehunterhaltung.<\/p>\n<p>Schon vor zw\u00f6lf Jahren attestierte der Stern-Redakteur Hans-Ulrich J\u00f6rges, dass sich das deutsche Fernsehen in einer \u201eLegitimationskrise\u201c befinde, seinen Programmauftrag aus den Augen verloren habe und vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit kapituliere. Diese <a title=\"artikel stern\" href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/aus-stern-nr--42-2004-morgenthau-im-tv-3548470.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Einsch\u00e4tzung<\/a> bezieht sich gleicherma\u00dfen auf die \u00f6ffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender. An den Privaten kritisiert J\u00f6rges im Besonderen, dass sie \u201ekein Wertger\u00fcst mehr\u201c kennen und sich besonders hinsichtlich der Darstellung von sozialem Elend, K\u00f6rpern und Sexualit\u00e4t durch einen \u201esozialdarwinistischen Voyeurismus\u201c auszeichnen w\u00fcrden. Die Sendung \u201eHartz und herzlich\u201c w\u00e4re aus der Perspektive von Hans-Ulrich J\u00f6rges ein Musterbeispiel f\u00fcr seine Kritik. Die Zuschauer w\u00fcrden die Sender daf\u00fcr allerdings haltungsvoll abstrafen: \u201eEin Publikum, das kl\u00fcger ist, als man ihm unterstellt, straft solche Realit\u00e4tsflucht gottlob mit Quotenentzug. Der Zuschauer zeigt mehr W\u00fcrde als der Sender.\u201c Begeistert sich also nur ein w\u00fcrdeloses Publikum f\u00fcr ein w\u00fcrdeloses Programm? Bekommt also jeder Zuschauer immer das, was er verdient? Sind die eigenen Sehgewohnheiten (unbewusste) Spiegelbilder des Selbst? J\u00f6rges w\u00fcrde diese Fragen eindeutig mit Ja beantworten.<\/p>\n<p>Anstatt gr\u00fcndlicher, multiperspektivischer und didaktisch \u00fcberlegter Informationen, \u201eum den Zuschauer urteilsf\u00e4hig zu machen\u201c, bekomme man, so J\u00f6rges weiter, beim Privatfernsehen nur einen nicht verantwortungsvollen, qualit\u00e4tslosen und bildungsfernen \u201eProleten-Guckkasten\u201c vorgesetzt. Warum der Zuschauer nicht als bereits \u201eurteilsf\u00e4hig\u201c angesehen wird, bleibt offen.<\/p>\n<p>Die Einsch\u00e4tzung von J\u00f6rges ist prototypisch f\u00fcr die Kritik am Privatfernsehen im Allgemeinen und an mit \u201eHartz und herzlich\u201c vergleichbaren Docutainment-Sendungen im Speziellen. Diese Kritik wiederholt sich entsprechend, ohne dabei die Ma\u00dfst\u00e4be der Kritik selbst zu hinterfragen, die eigene kritische Haltung argumentativ zu plausibilisieren oder die jeweils kritisierten Formate vor der von vornherein feststehenden Fundamentalkritik zun\u00e4chst differenziert zu analysieren. Die Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Fernsehen, zwischen Qualit\u00e4t und Trash, zwischen Bildung und Volksverdummung, scheint unmittelbar evident und unumst\u00f6\u00dflich zu sein.<\/p>\n<p>Die Bezugspunkte dieser Kritik sind u.a. der \u00f6ffentlich-rechtliche Programmauftrag, das b\u00fcrgerliche Bildungsverst\u00e4ndnis, der b\u00fcrgerliche Hochkulturbegriff sowie die daraus hergeleiteten Auffassungen von Qualit\u00e4t, \u00c4sthetik und Geschmack. Die Forderung nach einer unvoreingenommenen und differenzierten Kritik an den Sendungen des Privatfernsehens wird aus dieser Perspektive schnell abgetan, indem man entgegnet, dass es sich sowieso immer nur um relativ gleiche Programme und Programmatiken handele. Die Kritik bleibt letztlich genauso wandlungsresistent wie die von ihr kritisierten Gegenst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Die Drastik der Kritik resultiert hierbei zumeist aus dem (impliziten) Wissen um die Ohnmacht der eigenen Position im Kontext der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung mit dem Privatfernsehen und seinen Programmen. Die professionelle Fernsehkritik produziert gr\u00f6\u00dftenteils nur f\u00fcr diejenigen, die eine vergleichbare Meinung haben. Sie ist dabei weniger meinungsbildend als meinungsverst\u00e4rkend. Ihr Informationswert ist daher relativ niedrig. Die Kritiker produzieren f\u00fcr ihre Zielgruppen, die Sender f\u00fcr die ihren. Ein Dialog ist somit (fast) unm\u00f6glich \u2013 und in den meisten F\u00e4llen auch gar nicht gew\u00fcnscht. Dadurch verspielen beide Seiten die kreativen Potentiale, die eine produktive Interaktion von Machern und Kritikern erm\u00f6glichen kann.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus offenbart die explizite Kritik am Programm des Privatfernsehens, wie etwa die von J\u00f6rges, eine unangebrachte Arroganz: zum einen gegen\u00fcber den Menschen in den jeweiligen Sendungen, zum anderen gegen\u00fcber den Zuschauern. Die abwertende Rede von Trash- oder Assi-TV, \u201eUnterschichtenfernsehen\u201c (<em>Titanic<\/em>, Paul Nolte u.a.), von der \u201emedialen Klassengesellschaft\u201c (Peter Winterhoff-Spurk) oder dem Privatfernsehen als \u201eProleten-Guckkasten\u201c (Hans-Ulrich J\u00f6rges) ist hierf\u00fcr symptomatisch. Diese Abwertungsrhetorik, die h\u00e4ufig die Absetzung der kritisierten Sendungen fordert, ist fast so bekannt wie die Sendungen selbst und ebenso plakativ bzw. rei\u00dferisch, wie sie es diesen Sendungen vorwirft.<\/p>\n<p>Die \u00dcberzeugung, dass nur <em>Unterschichtler<\/em> oder <em>Proleten<\/em>, d.h. einkommensschwache Menschen mit einem unterstellten Mangel an Geschmack und Bildung, Sendungen wie \u201eHartz und herzlich\u201c sehen, h\u00e4lt sich bis heute hartn\u00e4ckig in vielen <a title=\"artikel zeit\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2005\/11\/Titel_2fUnterschicht_11\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Feuilletons<\/a>: \u201eGuck nicht mit den Schmuddelkindern\u201c (Christoph Amend). So sind z.B. Docutainment-Sendungen oder Unterhaltungsformate immer informationslos sowie bildungsfern und f\u00fcr sozial Schw\u00e4chere konzipiert. Eine sehr gewagte These, denn heutzutage ist es nicht mehr m\u00f6glich, Fernsehgebrauch schichtspezifisch zu unterscheiden. Hinter dieser Haltung verbirgt sich oft die Angst vor dem zunehmenden Bedeutungsverlust hochkultureller Formate.<\/p>\n<p>Diese anhaltende allgemeine Stigmatisierung des Programms und der Zuschauer des Privatfernsehens kritisiert Lothar Mikos, Professor f\u00fcr Fernsehwissenschaft an der Filmuniversit\u00e4t Babelsberg \u201eKonrad Wolf\u201c, <a title=\"interview-zitat artikel kurier\" href=\"https:\/\/kurier.at\/kultur\/dschungelcamp\/dschungelcamp-frauentausch-und-co-die-etwas-andere-bildung-durch-trash-tv\/174.891.922\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">deutlich<\/a>: \u201eJede Show bildet. Das geh\u00f6rt zu den Prinzipien des Fernsehens. Wer noch immer glaubt, Unterhaltungsshows bilden nicht, zeigt nur, wie borniert er ist und wie wenig er sich mit dem Fernsehen besch\u00e4ftigt\u201c. Die informelle Bildung durch Unterhaltung wird hierbei, so Mikos, ignoriert.<\/p>\n<p>Die vorausgehende Kritik an der Fernsehkritik behauptet nicht deren Belanglosigkeit. Allerdings weist sie darauf hin, dass das Privatfernsehen und sein Programm die professionelle Fernsehkritik zumeist \u00fcberfordert. Diese \u00dcberforderung ist selbst verschuldet und macht aus der Fernsehkritik ein dauerhaftes Krisenph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Fernsehkritik erfordert einen n\u00fcchternen, interessierten, offenen und multiperspektivischen Blick auf die Gegenst\u00e4nde ihrer Kritik. Eine kontinuierliche Neugier auf das Neue. Beurteilt werden sollten diese Gegenst\u00e4nde zun\u00e4chst mit Blick auf das, was sie selbst sein wollen, nicht aber ausgehend von den normativen Erwartungshaltungen der Kritiker an das, was Fernsehen aus ihrer Sicht zu sein hat. Ohne ein intensives Einlassen auf die konkreten Gegenst\u00e4nde ist Fernsehkritik sinn- und nutzlos. Nur dadurch kann Fernsehkritik \u2013 im besten Fall \u2013 produktiv zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Privatfernsehen und seinem Programm beitragen. Ausgehend von dieser bewertenden Auseinandersetzung k\u00f6nnte die Fernsehkritik Vorschl\u00e4ge machen, wie die von ihnen kritisierte Umsetzung von Themen verbessert werden k\u00f6nnte \u2013 gerade auch mit Blick auf Sendungen, die sie f\u00fcr besonders wertvoll im Umgang mit den jeweiligen Themen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die Sendung \u201eHartz und herzlich\u201c soll diese Kritik an der Fernsehkritik beispielhaft plausibilisieren. Als Einstieg bietet sich die Frage nach dem Selbstverst\u00e4ndnis der <em>Macher<\/em> an. In einem <a title=\"interview albrecht\" href=\"http:\/\/www.quotenmeter.de\/n\/84013\/stefan-albrecht-echt-pur-und-fernab-jeglicher-zuspitzung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview<\/a> formuliert der RTL2-Docutainment-Leiter Stefan Albrecht die Intentionen der Sendung:<\/p>\n<p>Die sozial relevanten und angstbesetzten Themen Arbeitslosigkeit, Hartz IV und das Leben an der Armutsgrenze in Deutschland werden anhand von einigen konkreten Schicksalen anschaulich gemacht. Der Fokus liegt auf den individuellen Schicksalen, die ungefiltert gezeigt werden und nicht nur stellvertretend f\u00fcr das Leitthema der Sendung sind. Insofern sind auch nur wenige Schicksale dokumentiert worden, um diesen Raum geben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Immer wieder wird auch die Frage aufgeworfen, ob sich Arbeit in Deutschland \u00fcberhaupt noch lohnt. In der Sozialdokumentation werden \u201eunverstellte\u201c, \u201eauthentische\u201c und \u201eereignisoffene\u201c Einblicke \u201eauf Augenh\u00f6he\u201c in die Lebenswirklichkeit der vorgestellten Menschen vermittelt. Jede klischeehafte Darstellung wird vermieden. Von einer Kommentierung oder Betroffenheitsinszenierung wird abgesehen. Ausschlaggebend f\u00fcr das Zustandekommen der Sendung ist die Bereitschaft der Menschen, das Kamerateam an ihrem Leben, an ihrem Leiden, ihrem Elend, ihren \u00c4ngsten, Sorgen, W\u00fcnschen oder Widerspr\u00fcchen ebenso teilhaben zu lassen wie an ihrer Herzlichkeit, mit der sie ihr Leben am Rand der Gesellschaft jeden Tag mehr oder weniger meistern. \u201eHartz und herzlich\u201c verdeutlicht, dass es h\u00e4ufig die Betroffenen selbst sind, die wollen, dass man ihr einmaliges Leiden darstellt.<\/p>\n<p>Die Geschichte der vorgestellten Schicksale wird in \u201eHartz und herzlich\u201c mit der Geschichte eines Duisburger Stadtteils, der Rheinhauser Eisenbahnsiedlung, in Verbindung gebracht \u2013 einem Ort, der den Wandel von Tradition, d.h. einer milieuspezifischen Arbeiter- und Lebenskultur, zu wachsender Armut abbilden soll. Der Bezug zur Eisenbahnsiedlung ist allerdings \u00e4u\u00dferst konstruiert, denn die Protagonisten der Sendung sind, abgesehen vom Trinkhallenbesitzer Julian ,Julz\u2019 Spies, seiner Schwester Jana, seiner Mutter und dem Hilfsarbeiter Klaus, keine Siedler, sondern leben nur wohnungsbedingt in der Siedlung.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus fokussiert sich die Sendung nur auf wenige Orte der Siedlung. Eine Fahrt durch die Eisenbahnsiedlung vermittelt einen ganz anderen als in der Sendung vermittelten Eindruck. \u201eDie Echtheit ist somit Stilprinzip der Erz\u00e4hlung\u201c \u2013 so beschreibt Albrecht das entscheidende Qualit\u00e4tsmerkmal der Sozialdokumentation. Albrecht blendet dabei aber aus, dass kein Medium die in ihm dargestellte Wirklichkeit authentisch repr\u00e4sentieren, sondern im besten Fall einen authentischen Wirklichkeitseindruck erzeugen kann. Die Entscheidung, ob \u201eHartz und herzlich\u201c dies schafft, liegt bei den Zuschauern.<\/p>\n<p>Dieses von Albrecht formulierte Selbstverst\u00e4ndnis der Sendung wirft drei Fragen auf, durch deren Beantwortung die Qualit\u00e4t der Sendung bewertet werden kann.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen die Bilder des Elends im Betrachter ausl\u00f6sen, wenn diese als Fernsehunterhaltung pr\u00e4sentiert werden? \u201eHartz und herzlich\u201c erm\u00f6glicht zwei Rezeptionsweisen: Zum einen kann die Sendung als affektiver Katalysator f\u00fcr die Gef\u00fchlswelten der\u00a0Zuschauer, aber auch der Kritiker, fungieren. Im L\u00e4stern \u00fcber das Format und die Figuren erh\u00f6ht sich der Zuseher selbst, weil man scheinbar besser wei\u00df, wie man zu leben, zu reden, zu lieben, sich selbst zu pr\u00e4sentieren\u00a0hat (<em>Republik der Voyeure<\/em>). Zum anderen kann \u201eHartz und herzlich\u201c als Appell an die Betrachter aufgefasst werden, eine eigenst\u00e4ndige Auseinandersetzung mit den Leitthemen der Sozialdokumentation anzustellen. Aus dieser Perspektive kann die Sendung als Medium der Selbstreflexion dienen.<\/p>\n<p>In der Sendung liegt daher, wie bei vergleichbaren Docutainment-Formaten auch, eine \u00e4sthetische Doppelmoral, die einerseits imstande ist, etwas vollkommen Unterhaltungsfremdes, also das reale Leben mit Hartz IV und an der Armutsgrenze, als Unterhaltung zu pr\u00e4sentieren, die man distanziert konsumieren kann; andererseits aber auch, uns eindringliche Einblicke von diesem Leben zu vermitteln, dass in uns, ohne moralischen Zeigefinger, eine unwiderrufliche Betroffenheit ausl\u00f6st. Die mediale Distanz (der Kamera und des Fernsehens) kann einen reellen Schock erzeugen und einen Eindruck vom Elend der Anderen vermitteln.<\/p>\n<p>Wer ist das Publikum, an das sich \u201eHartz und herzlich\u201c wendet? Beim Betrachten des Elends anderer sollte man kein <em>Wir<\/em> als selbstverst\u00e4ndlich voraussetzen, denn es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den direkt Betroffenen und den Zuschauern, die nicht von den dargestellten Themen in Mitleidenschaft gezogen sind und sich in Sicherheit vor dem sozialen Abstieg wiegen. Diese Einsch\u00e4tzung gilt aber auch f\u00fcr Menschen, die sich in einer vergleichbaren Lebenssituation befinden. Der Fokus von \u201eHartz und herzlich\u201c auf individuelle Schicksale ist daher konsequent und \u00fcberzeugend. Die Geschichten der Sendung sollen ber\u00fchren, erregen und Beispiel geben, sie liegen aber jenseits dessen, was man ver\u00e4ndern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Allerdings ist der <em>Appetit<\/em> auf Bilder und Geschichten, die das Elend anderer zeigen, fast so stark wie das Verlangen nach Bildern, die nackte K\u00f6rper zeigen (<em>Republik der Voyeure<\/em>). Die demonstrative Verbindung von sozialem Elend und (fast) nackten K\u00f6rpern fokussiert sich in der Sendung auf \u201eOlaf (46)\u201c, der (physisch und psychisch) krank und stark \u00fcbergewichtig ist, einen sehr besch\u00e4digten K\u00f6rper hat und dadurch kaum in der Lage ist, sein Leben zu bew\u00e4ltigen. Die drastische und wiederholte Inszenierung seines K\u00f6rpers ist f\u00fcr die Darstellung seiner Geschichte irrelevant und potenziert nur den voyeuristischen Blick auf ihn. Das Gleiche gilt f\u00fcr die kontinuierlichen Nahaufnahmen seiner Wohnung \u2013 aber auch f\u00fcr alle anderen Wohnungseinblicke. Die Themen soziales Elend und K\u00f6rperinszenierungen sind zudem zwei Leitthemen des Privatfernsehens.<\/p>\n<p>Welchen Beitrag leistet die Sendung im Kontext der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Themen \u201eHartz IV\u201c, \u201eArbeitslosigkeit\u201c und \u201eArmut\u201c? Dokumentationen wie \u201eHart und herzlich\u201c k\u00f6nnen versuchen, die Lebenswirklichkeit von Menschen, die langzeitarbeitslos sind, Hartz IV beziehen und an der Armutsgrenze leben, verst\u00e4ndlich zu machen. Sie m\u00fcssen sich dabei aber, etwa mit Blick auf die begrenzte Sendezeit und die Komplexit\u00e4t der Thematik, stark beschr\u00e4nken. Daraus resultiert die h\u00e4ufig dichotome und stereotype Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen.<\/p>\n<p>Bilder hingegen sind suggestiver als die Erz\u00e4hlungen. Sie k\u00f6nnen heimsuchen und einen nicht mehr loslassen. Dadurch k\u00f6nnen sie, etwa mit Blick auf \u201eHartz und herzlich\u201c, zu Sinnbildern des Elends sowie des Leidens und dadurch zu Gegenst\u00e4nden einer kontemplativen Auseinandersetzung werden. Die Bilder dieser Dokumentation sind, auch bei aller Redundanz, bedeutend instruktiver, um die Lebenswirklichkeit der Protagonisten zug\u00e4nglich bzw. empathief\u00e4hig zu machen, als die erz\u00e4hlten Geschichten oder die Sprecherkommentare.<\/p>\n<p>So sehr diese Bilder Mitgef\u00fchl wecken k\u00f6nnen, gerade aufgrund der durch sie glaubw\u00fcrdig vermittelten Traurigkeit und Ausweglosigkeit der Lebenssituationen, so sehr k\u00f6nnen sie auch abstumpfen lassen und das informative Potential der audiovisuellen Elends- und Leidensbilder neutralisieren. Bilder verlieren ihre suggestive Kraft durch die Art, wie sie benutzt werden und wie oft man sie sehen kann. H\u00e4ufig f\u00fchrt der Bilderfluss zu einer Erschlaffung der Betrachter. Die permanente Wiederholung von Elends- und Leidensbildern im Privatfernsehen, etwa hinsichtlich der in \u201eHartz und herzlich\u201c behandelten Themen, tr\u00e4gt hierzu bei und f\u00fchrt durch die h\u00e4ufige Verwendung vergleichbarer Bildinszenierungen zur visuellen Stereotypbildung. Hierbei sind die Betrachter allerdings herausgefordert, sich zu fragen, woher sie diese visuellen Stereotype kennen und, warum sie ihnen zumeist als vertraut bzw. unmittelbar evident erscheinen. Auch aus dieser Perspektive kann \u201eHartz und herzlich\u201c als Medium der Selbstreflexion genutzt werden.<\/p>\n<p>Gleichwohl ist es wichtig, die Bilder von sozialem Elend und Leiden immer wieder zu vergegenw\u00e4rtigen und diese Themen zum Programm zu machen, weil sie uns, wie \u201eHartz und herzlich\u201c, zum Nachdenken aus der Distanz auffordern. Dem lauten Nachdenken der Protagonisten wird in der Sendung zwar viel Raum einger\u00e4umt, allerdings dreht sich dieses Nachdenken <em>nur<\/em> um wenige Themen. Hier h\u00e4tten die Produzenten mehr Themen ansto\u00dfen k\u00f6nnen, \u00fcber die sich die Protagonisten der Sendung \u00e4u\u00dfern, damit man einen noch umfassenderen Eindruck von ihrer Lebenswirklichkeit und deren Selbstreflexion bekommt. Dar\u00fcber hinaus wird zu viel Sendezeit f\u00fcr die diversen Nachbarschafts- und Familienstreitigkeiten verbraucht, die nur peripher etwas mit den Leitthemen der Sendung zu tun haben.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz bietet \u201eHartz und herzlich\u201c, bei aller Kritik, die man an der Sendung \u00fcben kann, einen intimen und glaubw\u00fcrdigen Einblick in die Lebenswirklichkeit von Menschen, die ein Leben an der Armutsgrenze f\u00fchren. Ein Eindruck, der nicht verallgemeinert werden muss, auch wenn sich einige Stereotype in der Sendung finden, denn individuelle Schicksale sind bedeutend aussagekr\u00e4ftiger als die blo\u00dfe Verwendung von individuellen Schicksalen als Stellvertreter des Allgemeinen.<\/p>\n<p>Bei der Medialisierung des Elends und Leidens der Anderen sollten sich Fernsehproduzenten aber grunds\u00e4tzlich an einer Maxime des franz\u00f6sischen Filmemachers Jean-Luc Godard orientierten, die er, mit Blick auf den Kriegsfilm, in seiner Dokumentation \u201eGeschichte(n) des Kinos\u201c formuliert hat: \u201e(D)as Leiden ist kein Star\u201c.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkung<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Bisher sind zwei Mini-Serien von \u201eHartz und herzlich\u201c erschienen: \u201eHartz und herzlich \u2013 Die Eisenbahnsiedlung von Duisburg\u201c (2016) und \u201eHartz und herzlich \u2013 Die Benz-Baracken von Mannheim\u201c (2017). Die allgemeine Themendarstellung und die Figurenkonstellationen sind in beiden Serien fast identisch. Insofern fokussiere ich mich exemplarisch nur auf eine der beiden Serien: \u201eHartz und herzlich \u2013 Die Eisenbahnsiedlung von Duisburg\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website kleiner\" href=\"http:\/\/medienkulturanalyse.de\/wp\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dr. Marcus S. Kleiner<\/a> ist Professor f\u00fcr Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH Hochschule der popul\u00e4ren K\u00fcnste in Berlin und dort Studiengangleiter des Master-Studiengangs <a title=\"website srh\" href=\"https:\/\/www.hdpk.de\/de\/studium\/master\/erlebniskommunikation\/?gclid=EAIaIQobChMIy_-G2_3n1QIVZbXtCh01rQhjEAAYASAAEgKsDPD_BwE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erlebniskommunikation<\/a>. Beim SWR hat er die beiden Radio-Rubriken \u201eMusik-Professor\u201c und \u201eAnsichtssache\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterschichtenfernsehen?<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[742,942,943,1957,2033,2187],"class_list":["post-7176","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-fernsehkritik","tag-hartz-iv","tag-hartz-und-herzlich","tag-reality-tv","tag-rtl2","tag-sozialdokumentation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7176"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7176\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}