{"id":7244,"date":"2017-09-11T16:43:07","date_gmt":"2017-09-11T14:43:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7244"},"modified":"2017-09-11T16:43:07","modified_gmt":"2017-09-11T14:43:07","slug":"der-wahlkampf-auf-instagram-9von-wolfgang-ullrich11-9-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/09\/11\/der-wahlkampf-auf-instagram-9von-wolfgang-ullrich11-9-2017\/","title":{"rendered":"Der Wahlkampf auf Instagram (9)von Wolfgang Ullrich11.9.2017"},"content":{"rendered":"<p>#kunstistpolitisch<!--more--><\/p>\n<p>Der Bundestagswahlkampf 2017 ist der erste, in dem auch Bilder der Sozialen Medien, vor allem Bilder auf den Instagram-Accounts von Parteien und Abgeordneten eine Rolle spielen. Statt nur Reden zu halten oder Kundgebungen zu veranstalten, machen Politikerinnen und Politiker mittlerweile also auch zunehmend selbst Bilder, um f\u00fcr ihre Botschaften zu werben. Bis zur Bundestagswahl wird Wolfgang Ullrich\u00a0einzelne dieser Bilder in loser Folge genauer betrachten und Instagram als\u00a0Medium politischer Ikonografie in der Phase seiner Entstehung begleitend kommentieren.<\/p>\n<p>Teil 9 der Kooperation\u00a0von <a href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\">Ideenfreiheit<\/a> und pop-zeitschrift.de<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BY1EpLCnBNw\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-7245\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.34.22.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-09-11 um 16.34.22\" width=\"601\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.34.22.png 690w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.34.22-300x191.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wahlkampf findet auch auf der <i>documenta 14<\/i> statt. Schon mehrere Politiker (z.B. Cem \u00d6zdemir und Peter Tauber) waren hier im Lauf des Sommers und posteten Fotos und ein Statement auf Instagram. Doch niemand nutzte den Kassel-Besuch so markant f\u00fcr eine politische Positionierung wie Katja Kipping, die Vorsitzende von <i>Die Linke<\/i>, die am 9. September auf der <i>documenta <\/i>war. Drei Fotos auf ihrem Account zeigen sie vor jeweils prominenten Werken. So nahm Mark M\u00fchlhaus, Kippings Fotograf, sie am Fu\u00df eines Obelisken auf, den der nigerianische K\u00fcnstler und Kurator Olu Oguibe am K\u00f6nigsplatz aufstellen lie\u00df und der auf seinen vier Seiten mit einem Satz aus dem Matth\u00e4us-Evangelium beschriftet ist. Auf Deutsch, Englisch, T\u00fcrkisch und Arabisch steht hier \u201eIch war ein Fremdling und Ihr habt mich beherbergt\u201c. W\u00e4hrend Obelisken traditionell Herrschaftszeichen waren \u2013 oft von Kaisern aus \u00c4gypten importiert, die damit ihre Macht demonstrierten \u2013, l\u00e4sst Oguibe also einen machtlosen Fl\u00fcchtling sprechen. Damit kehrt er die Hierarchien um, so dass jeder, der hilfsbed\u00fcrftig ist, durch den Obelisken und dessen zentralen Standort zu neuem Selbstbewusstsein finden kann und endlich nicht mehr nur Opfer ist. Kipping identifiziert sich mit dieser Revolution; aus Untersicht fotografiert und direkt an den Obelisken gelehnt, signalisiert sie ihre Verbundenheit mit dem \u201eFremdling\u201c, der hier spricht. Ihre linke \u00dcberzeugung wird durch Hashtags wie #solidarity und #refugeeswelcome sowie ein knallrotes Kost\u00fcm zus\u00e4tzlich demonstriert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BY1PnBdHeCR\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-7246\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.36.01.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-09-11 um 16.36.01\" width=\"600\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.36.01.png 688w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.36.01-300x193.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist es beim zweiten Foto, auf dem Kipping vor einer Installation aus Baurohren kniet, die Hiwa K auf dem Friedrichsplatz platziert hat. Die R\u00f6hren sind mit diversen Wohnutensilien gef\u00fcllt, dienten solche Rohre Fl\u00fcchtlingen doch schon wiederholt als Versteck. Auch Hiwa K fl\u00fcchtete \u201eaus dem Irak bis nach Athen in einem LKW mit Baurohren\u201c, wie Kipping im Kommentar zum Foto vermerkt. Ihre Solidarit\u00e4t dr\u00fcckt sich vor allem darin aus, dass sie mit ihrer rechten Hand eines der Rohre ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Da diesmal fast alle, die auf der <i>documenta<\/i> mit Werken vertreten sind, ihre eigene Biographie als Betroffene veranschaulichen, liegen derartige Solidarit\u00e4tsbekundungen auch nahe. Anders als sonst muss die Kunst nicht erst f\u00fcr an sich fremde Zwecke vereinnahmt werden; vielmehr dr\u00e4ngen sich gerade die Werke im Au\u00dfenraum als Bekenntnis-Parcours regelrecht auf. Deshalb wundert sogar, dass nicht noch mehr Politiker \u2013 gerade der Linken und der Gr\u00fcnen \u2013 davon Gebrauch machten und Kipping die erste ist, die das Wahlkampf-Potenzial der <i>documenta<\/i> erkannte. (Vermutlich f\u00fchlen sich die meisten zeitgen\u00f6ssischer Kunst gegen\u00fcber zu unsicher: Sie haben die Sorge, sie oder ihre Rezipienten k\u00f6nnten Entscheidendes nicht verstehen, oder aus Ehrfurcht gegen\u00fcber der Kunst scheuen sie davor zur\u00fcck, diese ins Tagespolitische zu ziehen.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BY1GJqtnorX\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-7247\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.36.52.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-09-11 um 16.36.52\" width=\"600\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.36.52.png 692w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/09\/Bildschirmfoto-2017-09-11-um-16.36.52-300x192.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das interessanteste Foto aber entstand vor dem Parthenon der B\u00fccher \u2013 dem Motiv, das standardm\u00e4\u00dfig auch bei anderen Politikern auftaucht, die in diesem Sommer auf der <i>documenta<\/i> waren. Wiederum handelt es sich um politische Kunst, diesmal aber von konsensstiftendem Charakter, denn kein demokratisch gesinnter Mensch wird dem Anliegen der argentinischen K\u00fcnstlerin Marta Minujin widersprechen. So widmet sie ihre Arbeit B\u00fcchern, die irgendwo auf der Welt verboten waren oder verboten sind \u2013 und macht damit auf die zahllosen Bedrohungen der Meinungsfreiheit aufmerksam. Besucher konnten selbst B\u00fccher f\u00fcr den Tempel stiften, seit dem 10. September kann man B\u00fccher von dort auch mitnehmen, und diese doppelte Partizipation soll die gef\u00e4hrdet-gef\u00e4hrliche Literatur umso besser zirkulieren lassen. Vor Ort kann zwar der Eindruck entstehen, es handle sich eher um eine Sammlung von Klassikern und Bestsellern als um in ihrer Existenz bedrohte Werke, man kann angesichts von Titeln von Franz Kafka, G\u00fcnter Grass und Joanne K. Rowling sogar argw\u00f6hnen, dass der Parthenon der B\u00fccher letztlich verharmlose, was es f\u00fcr Autoren bedeuten kann, verboten zu werden, aber als Ort f\u00fcr Bekenntnisse zu Freiheit und f\u00fcr Solidarit\u00e4tsbekundungen mit unterdr\u00fcckten Schriftstellern und Intellektuellen eignet er sich allemal.<\/p>\n<p>Das nutzt auch Katja Kipping und stellt sich vor ein Buch von Deniz Y\u00fccel, den sie im Kommentar zum Bild auch eigens erw\u00e4hnt (#FreeDeniz). Aber bemerkenswerter ist etwas anderes, eine Geste: Wieder ber\u00fchrt Kipping mit der rechten Hand die Installation, doch nicht Y\u00fccels Buch, \u201eDoktor Schiwago\u201c von Boris Pasternak. Der 1957 erstmals (in italienischer \u00dcbersetzung) erschienene Roman, der schon ein Jahr sp\u00e4ter mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, durfte in der Sowjetunion erst 1988 publiziert werden, da es in ihm um die Geschichte eines kommunistischen K\u00e4mpfers geht, der zum Dissidenten wird. Kipping w\u00fcrdigt mit ihrer Geste also ein Buch, das von einem Regime verboten wurde, das f\u00fcr viele in unmittelbarer ideologischer N\u00e4he zur Partei <i>Die Linke<\/i> steht. Gerade einer solchen N\u00e4he widerspricht Kipping aber mit ihrer Geste, zumindest jedoch macht sie deutlich, dass sie es f\u00fcr falsch h\u00e4lt, dass dieses Buch einmal verboten war, entschuldigt sich gleichsam stellvertretend daf\u00fcr. Vielleicht will sie sogar signalisieren, hier ein ihr besonders wichtiges Buch wiederzufinden. Tats\u00e4chlich berief sie sich schon in einem fr\u00fchen <a href=\"http:\/\/ef-magazin.de\/2012\/06\/19\/3570-eigentuemlich-frei-vor-zehn-jahren-linken-vorsitzende-kipping-und-ef-wuenschten-sich-viel-erfolg\">Interview<\/a> (2002) auf \u201eDoktor Schiwago\u201c, als sie f\u00fcr ihr Verst\u00e4ndnis von Solidarit\u00e4t auf Pasternaks Buch verwies.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu den beiden anderen Fotos ist Kippings Bekenntnis beim Parthenon der B\u00fccher also mehr als nur plakativ. Es geht \u00fcber eine vorhersehbare Reaktion hinaus. Und wenn sie hier, anders als im Angesicht der beiden anderen Werke, zudem den Hashtag #kunstistpolitisch verwendet, ist zu vermuten, dass sie damit mehr noch als Minujins Installation Pasternaks Roman \u2013 und viele andere der in Kassel pr\u00e4sentierten B\u00fccher \u2013 meint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Wahlkampf auf Instagram:<\/p>\n<p>Teil 1:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/06\/28\/der-wahlkampf-auf-instagram-1von-wolfgang-ullrich28-6-2017\/\">Mit dem\u00a0Regenbogenherz ins politische Sommerm\u00e4rchen<\/a><br \/>\nTeil 2:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/02\/der-wahlkampf-auf-instagram-2von-wolfgang-ullrich02-7-2017\/\">Martin Schulz in der Schule<br \/>\n<\/a>Teil 3: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/09\/der-wahlkampf-auf-instagram-3von-wolfgang-ullrich9-7-2017\/\">Wochenende eines protestantischen L\u00e4ufers<br \/>\n<\/a>Teil 4: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/17\/der-wahlkampf-auf-instagram-4von-wolfgang-ullrich17-7-2017\/\">K\u00f6rpersprache statt Dingsymbole<br \/>\n<\/a>Teil 5: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/07\/27\/der-wahlkampf-auf-instagram-5von-wolfgang-ullrich27-7-2017\/\">Wer gewinnt den gro\u00dfen Fotowettbewerb?<br \/>\n<\/a>Teil 6: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/08\/03\/der-wahlkampf-auf-instagram-6von-wolfgang-ullrich3-8-2017\/\">Ein Mann sieht rot<br \/>\n<\/a>Teil 7:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/08\/14\/der-wahlkampf-auf-instagram-7von-wolfgang-ullrich14-8-2017\/\">Mit zwei K\u00f6rpern kandidieren<br \/>\n<\/a>Teil 8: <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2017\/08\/29\/der-wahlkampf-auf-instagram-8von-wolfgang-ullrich29-8-2017\/\">Friede, Freude, Eierkuchen<\/a><\/p>\n<p class=\"first-para\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#kunstistpolitisch<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[372,518,550,580,581,787,793,919,1006,1082,1104,1210,1455,1463,1713,1799,1967,2490],"class_list":["post-7244","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-boris-pasternak","tag-deniz-yuecel","tag-die-linke","tag-documenta-14","tag-doktor-schiwago","tag-franz-kafka","tag-freedeniz","tag-guenter-grass","tag-hiwa-k","tag-instagram","tag-j-k-rowling","tag-katja-kipping","tag-mark-muehlhaus","tag-marta-minujin","tag-olu-oguibe","tag-politik","tag-refugeeswelcome","tag-wahlkampf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7244"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7244\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}