{"id":7250,"date":"2017-09-18T09:00:28","date_gmt":"2017-09-18T07:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7250"},"modified":"2017-09-18T09:00:28","modified_gmt":"2017-09-18T07:00:28","slug":"die-russische-oktoberrevolution-beelzebub-und-die-rolling-stonesvon-michail-bulgakow-zu-sympathy-for-the-devilvon-martin-malek-18-9-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/09\/18\/die-russische-oktoberrevolution-beelzebub-und-die-rolling-stonesvon-michail-bulgakow-zu-sympathy-for-the-devilvon-martin-malek-18-9-2017\/","title":{"rendered":"Die russische Oktoberrevolution, Beelzebub und die Rolling StonesVon Michail Bulgakow zu \u00bbSympathy for the Devil\u00abvon Martin Malek 18.9.2017"},"content":{"rendered":"<p>Just call me Lucifer<!--more--><\/p>\n<p>Vor genau 100 Jahren st\u00fcrzten Wladimir Lenins Bolschewiki die Provisorische Regierung, die Russland nach der Abdankung des letzten Zaren Nikolaus II. im Februar 1917 f\u00fcr wenige Monate mehr schlecht als recht gef\u00fchrt hatte. F\u00fcnf Jahrzehnte sp\u00e4ter nahmen die Rolling Stones mit \u201eSympathy for the Devil\u201c ein Lied auf, das sich unter anderem darauf bezieht und bis heute in ihren Livekonzerten dargeboten wird. Weit weniger bekannt als die Musik sind aber die literarischen Urspr\u00fcnge und Hintergr\u00fcnde des St\u00fcckes, das die Musikzeitschrift \u201eRolling Stone\u201c immerhin auf Rang 32 ihrer Liste der \u201e500 Greatest Songs of All Times\u201c gesetzt hat.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"The Rolling Stones - Sympathy For The Devil (Live) - OFFICIAL\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ZRXGsPBUV5g?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">An der Kreuzung von Popul\u00e4rkultur und Weltliteratur<\/p>\n<p>Die Einleitung \u2013 \u201ePlease allow me to introduce myself, I\u2019m a man of wealth and taste\u201c \u2013 zeigt Parallelen zu Michail Bulgakows Roman \u201e<a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/leseprobe\/Der-Meister-und-Margarita-Roman\/leseprobe_9783630620930.pdf\">Der Meister und Margarita<\/a>\u201c, in dem ein in der Maske eines weltgewandten Ausl\u00e4nders auftretender Teufel unvermittelt den beiden Schriftstellern Berlioz und \u201eBesdomny\u201c (ein Pseudonym, zu Deutsch \u201eObdachloser\u201c) erscheint, die in einem Park gerade die Frage diskutieren, ob Jesus Christus als historische \u2013 also nicht nur mythische \u2013 Gestalt gelten kann: \u201eEntschuldigen Sie bitte, wenn ich, ohne Sie zu kennen, mir die Freiheit nehme\u2026\u201c \u201eSympathy\u201c erw\u00e4hnt dann Jesus und seinen r\u00f6mischen Richter Pontius Pilatus, deren Begegnung im zweiten Kapitel des Romans ihren Anfang nimmt. Bevor er zur Revolution in Russland \u00fcbergeht, r\u00e4umt der Erz\u00e4hler des Songs, eben der Teufel, ein, dass seine Zuh\u00f6rer verwirrt sein k\u00f6nnten (\u201eBut what\u2019s puzzling you is the nature of my game\u201c). Ein \u00e4hnliches Symptom zeigt auch Besdomny: \u201eWas zum Teufel will er eigentlich?\u201c. Bulgakows bizarrer Humor durchdringt noch die Details der Konversation. So erkl\u00e4rt der Teufel (bei Bulgakow \u201eVoland\u201c) auf eine entsprechende Nachfrage, \u201ewohl Deutscher\u201c zu sein, und gibt als Beruf \u201eSpezialist f\u00fcr schwarze Magie\u201c an.<\/p>\n<p>Nicht t\u00e4uschen lassen sollte man sich von der H\u00f6flichkeit des Teufels bei Bulgakow wie bei den Stones. H\u00f6flichkeit ist ja, so Ambrose Bierce desillusionierend in seinem \u201eW\u00f6rterbuch des Teufels\u201c (1906\/1911), \u201edie annehmbarste Heuchelei\u201c. Mit dieser \u201eH\u00f6flichkeit\u201c \u2013 besser: Scheinheiligkeit \u2013 will der Teufel seine k\u00fcnftigen Opfer nur in Sicherheit wiegen und einlullen.<\/p>\n<p>Der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen H\u00f6risch fand in \u201eSympathy\u201c eine Anspielung auf Johann Wolfgang von Goethes \u201eFaust I\u201c \u2013 konkret: auf jene bekannte Szene (Kapitel 6), in dem Mephistopheles dem Gelehrten erstmals gegen\u00fcbertritt. Mephistopheles bem\u00e4ngelt zun\u00e4chst, von Faust \u00fcberhaupt nach seinem Namen gefragt worden zu sein: \u201eDie Frage scheint mir klein \/ F\u00fcr einen, der das Wort so sehr verachtet.\u201c Doch Faust l\u00e4sst nicht locker: \u201eBei Euch, ihr Herrn, kann man das Wesen \/ Gew\u00f6hnlich aus dem Namen lesen \/ Wo es sich allzu deutlich weist \/ Wenn man euch Fliegengott, Verderber, L\u00fcgner hei\u00dft. Nun gut, wer bist du denn?\u201c Mephistopheles antwortet mit dem l\u00e4ngst sprichw\u00f6rtlich gewordenen Reim (den Bulgakow seinem ganzen Roman als Motto voranstellt): \u201eEin Teil von jener Kraft \/ Die stets das B\u00f6se will und stets das Gut schafft.\u201c Mepistopheles nennt also nicht seinen Namen, scheinen ihm doch seine F\u00e4higkeiten und Funktionen wichtiger. Allerdings sind sich die Charaktere von Mephistopheles und Voland durchaus un\u00e4hnlich. Letzterer verk\u00f6rpert nicht wirklich das Prinzip des B\u00f6sen und des Verf\u00fchrers, der seine Opfer vom \u201erechten Weg\u201c abbringt, sondern eher r\u00e4chende Gerechtigkeit: Er entlarvt und bestraft gro\u00dfe und kleine Verbrecher, die betr\u00fcgen, unterschlagen und stehlen, denunzieren und morden.<\/p>\n<p>Stones-S\u00e4nger Mick Jagger freilich l\u00fcftet \u2013 wenngleich erst gegen Ende von \u201eSympathy\u201c \u2013 das l\u00e4ngst offene Geheimnis um seine Identit\u00e4t: \u201eJust call me Lucifer\u201c. Vorher bezieht sich der Text des St\u00fcckes, das \u00fcbrigens urspr\u00fcnglich \u201eThe Devil is my Name\u201c hei\u00dfen sollte, auf spektakul\u00e4re Morde und andere blutige Ereignisse in der Geschichte der Menschheit aus der Perspektive des \u2013 aufgrund seiner Langlebigkeit, wenn nicht Unsterblichkeit (\u201eI\u2019ve been around for a long, long years\u201c) stets am Ort spektakul\u00e4rer Ereignisse pr\u00e4senten Teufels, darunter den Prozess gegen Jesus (\u201eMade damn sure that Pilate washed his hands to seal his fate\u201c), europ\u00e4ische Religionskriege (\u201eI watched with glee while your kings and queens fought for ten decades for the gods they made\u201c), den Zweiten Weltkrieg (\u201eI rode a tank, held a general\u2019s rank when the blitzkrieg raged, and the bodies stank\u201c) sowie die Revolution in Russland vor genau 100 Jahren und die Ermordung von Nikolaus II sowie seiner ganzen Familie einige Monate sp\u00e4ter (\u201eI stuck around St. Petersburg when I saw it was a time for a change \/ Killed the Tsar and his ministers \/ Anastasia screamed in vain\u201c). Dieser Vers, der einzige explizite Hinweis im ganzen Song auf Russland, erw\u00e4hnt also das im Westen wohl bekannteste Kind Nikolaus\u2019: die 17j\u00e4hrige Anastasia sollte ja ger\u00fcchteweise \u00fcberlebt haben, und mehrere Betr\u00fcgerinnen (am bekanntesten wurde Anna Anderson ab 1922) gaben sich in der Folge als \u201e\u00dcberlebende\u201c aus. DNA-Tests haben das freilich l\u00e4ngst widerlegt.<\/p>\n<p>Jagger reagierte w\u00e4hrend der Aufnahmesessions von \u201eSympathy\u201c noch insofern auf die Ermordung von Robert Kennedy am 5. Juni 1968, als er die Zeile \u201eI shouted out who killed Kennedy\u201c (gemeint: dessen Bruder, US-Pr\u00e4sident John F., im Jahre 1963) in \u201eI shouted out who killed the Kennedy<i>s<\/i>\u201c \u00e4nderte. Zudem herrscht in der von Jagger\/Luzifer beschriebenen Welt offenbar Konfusion, alles scheint m\u00f6glich: \u201eEvery cop is a criminal \/ And all the sinners saints.\u201c Solche Zeilen waren dem damaligen (nicht zuletzt dank ihres Managers Andrew Loog Oldham kultivierten) Ruf der Stones, eine subversive Gruppe zu sein, nicht gerade abtr\u00e4glich. Mit der Realit\u00e4t d\u00fcrfte das freilich wenig zu tun haben. Zwar bem\u00e4ngelte Jagger an John Lennon (der wiederum seine Beatles 1966 mit Jesus \u2013 dem Antipoden des Teufels \u2013 verglich), nie Karl Marx gelesen zu haben. Allerdings war auch Jaggers eigener Lebenswandel nie irgendwie \u201erevolution\u00e4r\u201c. So traf er sich gerne mit Gro\u00dfbritanniens erzkonservativer Premierministerin Margaret Thatcher, von der er sich \u201ebegeistert\u201c zeigte. Der Umstand, dass Jagger politisch immer schwer einzuordnen war, lag auch und gerade an seiner Begabung f\u00fcr Sarkasmus und Selbstironie. Schon in \u201eStreet Fighting Man\u201c, oft f\u00e4lschlich als Hymne auf die Revolte verstanden, hatte er die eigene Attit\u00fcde verh\u00f6hnt (\u201eWhat can a poor boy do than to sing for a rock\u2019n\u2019roll band?\u201c). Und H\u00f6risch urteilte \u00fcberhaupt, dass es zu den \u201eunsterblichen Verdiensten\u201c der Stones geh\u00f6re, \u201eeine ganze Generation \u00fcbermoralisierter 68-er-Jugendlicher mit dem b\u00f6sen Kapitalismus vers\u00f6hnt\u201c zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">An den Quellen von \u201eSympathy\u201c<\/p>\n<p>Es ist wahrscheinlich, dass Jaggers damalige Freundin Marianne Faithfull die Inspiration zu \u201eSympathy\u201c geliefert hat. Sie selbst gab an, dass der Song aus Jaggers Lekt\u00fcre von \u201eMeister und Margarita\u201c entstanden sei. Jagger habe insbesondere am Glamour von Bulgakows Satan Gefallen gefunden. Der US-Autor Rich Cohen meinte, dass \u201eDer Meister und Margarita\u201c mit \u201eversteckten Hinweisen und Signalen, die direkte Anspielungen auf die Stones sein k\u00f6nnten\u201c, gef\u00fcllt sei. Vermutlich deshalb f\u00fchlte sich Jagger von dem Werk so angezogen.<\/p>\n<p>Der Stones-Frontmann selbst sagte bei einem Interview 1995, dass die Grundideen zu \u201eSympathy\u201c vom franz\u00f6sischen Dichter Charles Baudelaire (1821-1867) stammen k\u00f6nnten, doch sei er sich nicht mehr sicher. \u201eWenn ich mir meine Baudelaire-B\u00fccher ansehe, finde ich es dort nicht.\u201c In dem Dokumentarfilm \u201eCrossfire Hurricane\u201c von 2012 meinte Jagger, bei \u201eSympathy\u201c von Baudelaire und Bulgakow beeinflusst gewesen zu sein. Jedenfalls bescheinigte Jagger sein britischer Biograph Philip Norman, \u201eeinen der ganz wenigen klassischen Songtexte\u201c verfasst zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Bulgakow und sein Hauptwerk<\/p>\n<p>Michail Bulgakow wurde 1891 in Kiew geboren, wo er auch Medizin studierte. Zur Zeit des Russischen B\u00fcrgerkrieges (1918-1920) wurde er in verschiedene sich bek\u00e4mpfende Armeen als Milit\u00e4rarzt einberufen. Im Februar 1920 beschloss er, sich ausschlie\u00dflich dem Schreiben zu widmen. Im Folgejahr \u00fcbersiedelte er nach Moskau, 1923 trat er in den sowjetischen Schriftstellerverband ein. Ab 1930 gelang es ihm aber kaum noch zu publizieren und seine Theaterst\u00fccke auf die B\u00fchne zu bringen, sodass er in Armut lebte. Seit 1929 hatte Bulgakow konkrete Pl\u00e4ne, die UdSSR zu verlassen, doch lie\u00dfen ihn die Beh\u00f6rden nicht gehen. Verhaftet wurde er allerdings \u2013 im Unterschied zu vielen anderen Schriftstellern und Intellektuellen \u2013 nicht einmal am H\u00f6hepunkt des Staatsterrors 1937-1938, was angesichts seines Rufes, ein \u201eB\u00fcrgerlicher\u201c und Gegner der Revolution ohne Sympathie f\u00fcr den in Kunst und Literatur l\u00e4ngst allseits verbindlichen \u201eSozialistischen Realismus\u201c zu sein, durchaus erstaunt. Das Verh\u00e4ltnis des sowjetischen F\u00fchrers Josef Stalin zu Bulgakow war in jeder Beziehung ambivalent. So meinte der \u201eVater der V\u00f6lker\u201c \u00fcber Bulgakows Theaterst\u00fcck \u201eBatum\u201c (\u00fcber Stalins Jugend), dass es \u201egut\u201c sei, aber nicht auf die B\u00fchne kommen solle. Bulgakows 1926 uraufgef\u00fchrtes St\u00fcck \u201eDie Tage der Turbins\u201c, das 1918\/19 \u2013 und damit w\u00e4hrend des russischen B\u00fcrgerkrieges \u2013 in Kiew spielt, sah Stalin 15 Mal.<\/p>\n<p>1928 begann Bulgakow mit der Abfassung von \u201eMeister und Margarita\u201c, einem der bedeutendsten in russischer Sprache verfassten Romane des 20. Jahrhunderts. 1930 verbrannte er die erste Fassung, um im Folgejahr neu zu beginnen. Die Forschung hat sieben verschiedene Fassungen aufgesp\u00fcrt, an denen Bulgakow mit vielen Unterbrechungen arbeitete. Offenbar war ihm bald bewusst, dass das Manuskript zu seinen Lebzeiten nicht zum Druck bef\u00f6rdert werden w\u00fcrde. Von Herbst 1937 an bis ins Fr\u00fchjahr 1938 \u00fcberarbeitete Bulgakow die sechste Fassung des Romans von 1936. Die siebente, 1938 vollendete Version ist im Wesentlichen die letzte. Allerdings revidierte sie Bulgakow noch an verschiedenen Stellen und f\u00fcgte Erg\u00e4nzungen und einen \u201eEpilog\u201c hinzu, sodass sich die Arbeit bis zu seinem Tod 1940 erstreckte; er konnte sein <i>Opus magnum<\/i> nicht mehr zu Ende korrigieren.<\/p>\n<p>Der Roman wurde in der UdSSR, freilich erheblich zensiert und gek\u00fcrzt, erstmals 1966\/67 in zwei Teilen von der Literaturzeitschrift \u201eMoskva\u201c (Moskau) ver\u00f6ffentlicht und geriet sofort zum Kult. Noch 1967, also vor genau 50 Jahren, erschien eine englische \u00dcbersetzung. Auf Deutsch wurde das Buch zum bisher letzten Mal 2014, und zwar in einer Neu\u00fcbersetzung von Alexander Nitzberg, aufgelegt.<\/p>\n<p>\u201eDer Meister und Margarita\u201c entwickelt sich auf drei miteinander verwobenen Handlungsebenen. Die erste ist zu einer nicht n\u00e4her bezeichneten Zeit (vermutlich die 1930er Jahre) in Moskau angesiedelt und wird von den Aktionen Volands und seines Gefolges dominiert. Die zweite Ebene schildert das Schicksal eines Schriftstellers \u2013 eben des \u201eMeisters\u201c, dessen Namen man nicht erf\u00e4hrt \u2013 und die Anstrengungen seiner Geliebten Margarita, ihn und seinen ungedruckten Roman zu retten. Das gelingt schlie\u00dflich, weil sie sich von Voland als K\u00f6nigin auf seinem Satansball engagieren hat lassen und daf\u00fcr einen Wunsch \u00e4u\u00dfern darf. Die dritte Ebene spielt in Jerusalem vor fast 2.000 Jahren im Umfeld der Hinrichtung von Jesus (bei Bulgakow \u2013 \u201eJeschua\u201c). Allerdings ist nicht er die zentrale Figur, sondern der Pr\u00e4fekt (bei Bulgakow: \u201eProkurator\u201c) im unruhigen Jud\u00e4a, Pontius Pilatus (von dem wiederum der Roman des Meisters handelt). Dabei \u00e4u\u00dfern die Unterdr\u00fcckten \u2013 wie Jeschua gegen\u00fcber Pilatus, der auf sein schlechtes Image gro\u00dfen Wert legt (\u201e \u2026 fl\u00fcstert man sich zu, ich sei ein grausames Ungeheuer, und das ist vollkommen richtig\u201c) \u2013 ketzerische Ideen: \u201eIch habe [\u2026] gesagt, dass von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe und dass eine Zeit kommen werde, in der kein Kaiser noch sonst Macht hat.\u201c Offenbar lie\u00df Bulgakow hier und an vielen anderen Stellen Autobiographisches einflie\u00dfen. Manche Interpretationen erblickten in Voland Stalin (weil beide \u201eallm\u00e4chtig\u201c seien) und Bulgakow selbst im Meister. Das l\u00e4sst sich aber kaum aufrechterhalten, w\u00e4re es doch, wie etwa der russische Literaturwissenschaftler Benedikt Sarnow in seiner volumin\u00f6sen Untersuchung \u201eStalin und die Schriftsteller\u201c (Moskau 2011) betont, mit Bulgakows Sicht auf Stalin und den von diesem veranlassten Staatsterror v\u00f6llig unvereinbar gewesen. Im Unterschied zu Stalin weckt Voland durchaus positive Assoziationen \u2013 eben \u201eSympathy for the Devil\u201c. Und in den postsowjetischen russischen Verfilmungen des Bulgakow-Stoffes wurde Voland meist von auf positive Helden abonnierten Schauspielern dargestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ein Teufel in den Rolling Stones?<\/p>\n<p>Der britische Photograph Tony Sanchez gab \u00fcber seine acht Jahre als Keith Richards\u2019 \u201eAssistent\u201c 1979 ein Buch heraus, das 1983 ausgerechnet als \u201eSympathy for the Devils. 30 Jahre mit den Rolling Stones\u201c auf Deutsch erschien und \u201eSympathy\u201c als \u201eenge Begegnung zwischen Rock \u2019n\u2019 Roll und Voodookult\u201c bezeichnete. Andere Beobachter meinten auch und gerade aufgrund von \u201eSympathy\u201c, dass Jagger einem D\u00e4monenkult und\/oder Schwarzer Magie gehuldigt habe, was aber Faithfull in ihrer Autobiographie entschieden zur\u00fcckwies: Der Song sei \u201ereiner Pappmach\u00e9satanismus\u201c gewesen.<\/p>\n<p>Rich Cohen zufolge spielte Jagger durch das Kokettieren mit der Gestalt des Teufels im Umfeld von \u201eSympathy\u201c gewollt oder ungewollt auf einen der \u00e4ltesten Mythen des Blues, dem \u201eUrsprung\u201c der Musik der Stones (zu dem sie 2016 mit ihrem bislang letzten Studioalbum \u201eBlue and Lonesome\u201c zur\u00fcckkehrten), an: Robert Johnson (1911-1938) soll auf einer Kreuzung der beiden Hauptverkehrsstra\u00dfen des Coahoma County im US-Bundesstaat Mississippi einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben und so zum Virtuosen an der Bluesgitarre geworden sein (der u.a einen \u201eMe and the Devil Blues\u201c komponierte). Die Stones wiederum haben nat\u00fcrlich Johnsons Songs gecovert (\u201eLove in Vain\u201c, \u201eStop Breaking Down\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Besetzung und Musik<\/p>\n<p>Brian Jones machte bei den Aufnahmen von \u201eSympathy\u201c in den Londoner Olympic Sound Studios, die der franz\u00f6sische Kultregisseur Jean-Luc Godard f\u00fcr seinen Film \u201eOne Plus One\u201c festhielt, kaum noch mit, und wenn, dann fand er sich nicht wirklich in den Song hinein. Da kam Jagger hinzu und zeigte ihm, wie mit der Gitarre umzugehen ist \u2013 obwohl der Multiinstrumentalist Jones seinen Bandkollegen urspr\u00fcnglich klar \u00fcberlegen war. <i>Auch<\/i> das zeigte, dass der Exzentriker und von massivem Drogenkonsum gezeichnete Jones, der doch 1962 die Stones gegr\u00fcndet hatte, kaum noch \u201edazugeh\u00f6rte\u201c. Genau ein Jahr sp\u00e4ter, im Juni 1969, warfen ihn Jagger und Richards aus der Band, und kaum einen Monat darauf fand man ihn tot in seinem Swimmingpool. Da war die LP \u201eBeggars Banquet\u201c \u2013 mit \u201eSympathy\u201c und \u201eStreet Fighting Man\u201c, dem \u201epolitischsten\u201c Lied der Stones \u2013 schon ein halbes Jahr erfolgreich im Handel.<\/p>\n<p>Richards bediente auf \u201eSympathy\u201c neben der f\u00fcr ihn \u00fcblichen E-Gitarre auch ausnahmsweise den Bass. Bill Wyman beschr\u00e4nkte sich auf die Maracas und bestritt \u2013 zusammen mit Faithfull, Richards Freundin Anita Pallenberg, Jones, Richards, Pianist Nicky Hopkins und Produzent Jimmy Miller \u2013 den Hintergrundgesang. Dessen monotone \u201eWoo-Woos\u201c f\u00fcgten dem Song nach dem plausiblen Eindruck des US-Autors Douglas Cruickshank eine gewisse \u201espookiness\u201c hinzu. Ansonsten hat die am H\u00f6hepunkt der \u201eFlower Power\u201c-\u00c4ra aufgenommene Musik nichts Erschreckendes oder gar Teuflisches an sich, ja sie ist mit dem Beat eines Samba, der zum Mitsingen und -tanzen einl\u00e4dt, eindeutig partytauglich. Richards notierte in seiner Autobiographie \u201eLife\u201c zu den Aufnahmesessions: \u201eDer Song verwandelte sich durch eine Rythmus\u00e4nderung im Laufe mehrerer Takes von einem dylanesken, ziemlich pathetischen Folksong in einen rockenden Samba und damit von einem Flop in einen Hit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sp\u00e4tfolgen<\/p>\n<p>Das St\u00fcck hat bis heute seinen festen Platz im Live-Repertoire der Band. Falsch ist die bis heute mitunter anzutreffende Behauptung, wonach beim Gratiskonzert auf dem Altamont Speedway bei Livermore in Kalifornien am 6. Dezember 1969 der (unter Drogen stehende) Jugendliche Meredith Hunter ausgerechnet w\u00e4hrend \u201eSympathy\u201c von einem der als Ordner engagierten \u201eHells Angels\u201c erstochen worden sei: das geschah erst sp\u00e4ter, und zwar bei \u201eUnder My Thumb\u201c. 2006 und 2014 traten die Stones in China auf, wo das Kulturministerium freilich die Auff\u00fchrung einiger St\u00fccke (darunter etwa \u201eHonky Tonk Women\u201c) verbot; gegen \u201eSympathy\u201c und \u201eStreet Fighting Man\u201c hatte es nichts einzuwenden. Die Band bot \u201eSympathy\u201c auch bei ihrem ersten Konzert in Havanna, der Hauptstadt des kommunistischen Kuba, am 25. M\u00e4rz 2016 dar (und zwar fulminant), w\u00e4hrenddessen Totenk\u00f6pfe, andere Fratzen und lodernde Flammen auf die B\u00fchne projiziert wurden.<\/p>\n<p>In der s\u00fcdostenglischen Stadt Dartford, von wo Jagger und Richards stammen, gibt es seit einigen Jahren nach Stones-Songs benannte Ortsbezeichnungen, darunter einen \u201eSympathy Vale\u201c. Und nat\u00fcrlich haben zahlreiche Interpreten, darunter Bryan Ferry, Guns N\u2018 Roses, Mot\u00f6rhead, Ozzy Osbourne, Blood, Sweat &amp; Tears und sogar das altehrw\u00fcrdige London Symphony Orchestra, \u201eSympathy\u201c nachgespielt. Michail Bulgakow k\u00f6nnte immerhin letztere Version gefallen haben: er machte sich nichts aus Unterhaltungsmusik, sondern zog Klassik vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website malek\" href=\"http:\/\/www.bundesheer.at\/wissen-forschung\/publikationen\/person.php?id=47\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Malek<\/a>,<span id=\"yui_3_16_0_ym19_1_1505114698965_3261\"> geb. 1965, promovierte 1991 in Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t Wien und ist seit 1998 (ziviler) wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landesverteidigungsakademie (Wien). Er arbeitet u.a. am Monitoring von ethnischen Konflikten in der fr\u00fcheren Sowjetunion, der Analyse von Sicherheits- und Milit\u00e4rpolitik der fr\u00fcheren Sowjetrepubliken und\u00a0<i id=\"yui_3_16_0_ym19_1_1505114698965_3262\">failed-states<\/i>-Theorien. <\/span><span id=\"yui_3_16_0_ym19_1_1505114698965_3263\" lang=\"DE\">Gastforscheraufenthalte in Deutschland, Russland, der Ukraine und den USA.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Just call me Lucifer<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[523,720,1137,1141,1215,1528,1530,1705,2029,2271,2301],"class_list":["post-7250","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-der-meister-und-margarita","tag-faust","tag-jochen-hoerisch","tag-johann-wolfgang-von-goethe","tag-kennedy","tag-michail-bulgakows","tag-mick-jagger","tag-oktoberrevolution","tag-rolling-stones","tag-sympathy-for-the-devil","tag-teufel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7250"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7250\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}