{"id":7298,"date":"2017-10-01T16:52:07","date_gmt":"2017-10-01T14:52:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7298"},"modified":"2017-10-01T16:52:07","modified_gmt":"2017-10-01T14:52:07","slug":"wahlergebnisse-und-charts-populaere-kulturvon-thomas-hecken1-10-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/10\/01\/wahlergebnisse-und-charts-populaere-kulturvon-thomas-hecken1-10-2017\/","title":{"rendered":"Wahlergebnisse und Charts \u2013 popul\u00e4re Kulturvon Thomas Hecken1.10.2017"},"content":{"rendered":"<p>Popul\u00e4re Kultur \u2013 eine Neubestimmung<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[aus: <a title=\"website heft 11 transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3807-3\/pop?c=273\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 11<\/a>, Herbst 2017, S. 144-172]<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/gomez-most-likes.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7322\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/gomez-most-likes.jpg\" alt=\"gomez most likes\" width=\"1024\" height=\"654\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/gomez-most-likes.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/gomez-most-likes-300x192.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/gomez-most-likes-768x491.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im heutigen Sprachgebrauch besitzt \u203apopul\u00e4r\u2039 zwei Bedeutungen, eine qualitative und eine quantitative. Um \u203apopul\u00e4r\u2039 zu sein, muss etwas geliebt, zumindest gemocht werden. Dem popul\u00e4ren Gegenstand wird eine positive Eigenschaft zugeschrieben, er verf\u00fcgt in den Augen seiner Anh\u00e4nger \u00fcber eine lobenswerte Qualit\u00e4t. Es reicht aber nach Ma\u00dfgabe des \u00fcblichen Sprachgebrauchs nicht, wenn nur sehr wenige zu dieser Einsch\u00e4tzung gelangen. Um \u203apopul\u00e4r\u2039 zu sein, muss etwas bei vielen Beliebtheit erzielen. Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t m\u00fcssen zusammenkommen, damit von \u203aPopularit\u00e4t\u2039 die Rede sein kann \u2013 die guten Eigenschaften m\u00fcssen von vielen anerkannt werden. Der Satz \u203ax ist bei mir sehr popul\u00e4r\u2039 wird deshalb im allt\u00e4glichen Gespr\u00e4ch nur dann nicht als unsinnige Angabe eingestuft, wenn er als ironische Aussage gilt.<\/p>\n<p>Der Einfachheit halber billigt eine Reihe von Leuten, die in den \u00fcblichen Sprachgebrauch einstimmen, aber oft auch einem Gegenstand Popularit\u00e4t zu, wenn sie nur das Objekt kennen und gar nicht wissen, ob es viele gut finden. Sie sind \u00fcberzeugt, dass nur ganz bestimmte Eigenschaften von vielen gesch\u00e4tzt werden k\u00f6nnen, vor allem eing\u00e4ngige, reizvolle oder stark schematisierte Partien. Treffen sie auf diese Eigenschaften, unterstellen sie dem Gegenstand, der Handlung oder dem Ereignis, popul\u00e4r zu sein, selbst wenn ihnen keine Statistiken vorliegen, die einigerma\u00dfen genau belegen, wie viele Leute den einzelnen Gegenstand m\u00f6gen.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig sind mit solchen Annahmen feste \u00dcberzeugungen verbunden, die den Zuschnitt der Anh\u00e4ngerschaft betreffen. Als sicher gilt dann bei solchen Beobachtern und \u203aKennern\u2039 nicht nur, dass mit bestimmten Eigenschaften des Objekts eine gro\u00dfe Zahl an Anh\u00e4ngern einhergeht, fest steht f\u00fcr sie auch, welche Merkmale diese Anh\u00e4nger besitzen: Es handle sich um Angeh\u00f6rige der \u203aUnterschicht\u2039, des \u203aniedrigen Volks\u2039, um Ungebildete \u2013 oder positiv gewendet: um Angeh\u00f6rige der Arbeiterklasse, einer solidarischen, noch nicht liberalkapitalistisch atomisierten Gemeinschaft, um Entrechtete, die dennoch ihre eigene, widerst\u00e4ndige Kultur behaupten, um Unverbildete. Unter \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 f\u00e4llt dann zwar immer noch, was bei vielen Beliebtheit erzielt, das Potenzial aber, was beliebt werden kann und bei wem, ist dadurch stark eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Anders gesagt: Wegen dieser Einschr\u00e4nkung f\u00e4llt es den \u203aKennern\u2039 popul\u00e4rer Kultur leicht, nicht nur von speziellen Merkmalen auf die Beliebtheit des Gegenstands zu schlie\u00dfen, sondern auch von Angeh\u00f6rigen bestimmter Gruppen auf all ihre Vorlieben. Ohne dies im Einzelnen empirisch untersuchen zu m\u00fcssen, steht dann z.B. fest, dass die Ungebildeten oder Unverbildeten nur das Reizvolle und Eing\u00e4ngige sch\u00e4tzen \u2013 und weil sie eine derart gro\u00dfe Gruppe bilden, ist Popularit\u00e4t nur auf diesem Weg zu erzielen. Dadurch bleibt \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 ausschlie\u00dflich eine Kultur des Eing\u00e4ngigen, Schematisierten, Widerst\u00e4ndigen etc.<\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die sich dem niederen Volk und der Masse nicht zugeh\u00f6rig oder verbunden f\u00fchlen, f\u00e4llt \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 oft unter die negativ eingestuften Begriffe. Wie die Rezipienten oder Akteure, so die popul\u00e4ren Objekte oder Handlungen, auch sie werden oftmals abgewertet. Die meisten Gebildeten sch\u00e4tzen das Originelle, Innovative, Kreative, Eigenartige, nicht das Schematisierte. Sie geben vor, die Kontemplation zu bevorzugen, nicht die Erregung. Sie loben das Komplexe, Vielschichtige, Dissonante, nicht das Eing\u00e4ngige. Da sie popul\u00e4re Kultur mit einem Ensemble des Eing\u00e4ngigen, Standardisierten, Reizstarken, Schlichten identifizieren, ist sie bei ihnen gar nicht beliebt. Die Schichten oder Gruppen, von denen sie annehmen, dass sie Dinge popul\u00e4r machen, sind bei ihnen darum ebenfalls unbeliebt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/kardashian-most-liked.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7323\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/kardashian-most-liked.jpg\" alt=\"kardashian most liked\" width=\"1018\" height=\"604\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/kardashian-most-liked.jpg 1018w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/kardashian-most-liked-300x178.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/kardashian-most-liked-768x456.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1018px) 100vw, 1018px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal geh\u00f6rt \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 aber genau umgekehrt zu den positiven Begriffen. Anh\u00e4nger des Volks, der Plebejer, der Marginalisierten etc. sch\u00e4tzen aus romantischen und\/oder politischen Gr\u00fcnden die kreativen oder gemeinschaftsstiftenden Antriebe und Wirkungen der m\u00f6glichen Antagonisten b\u00fcrgerlicher Herrschaft hoch ein. Linke wie rechte Kreise der Gebildeten heben den sinnlich ansprechenden, nicht hermetisch abgedichteten, authentischen Grundzug der Dinge hervor, die unter unverbildeten, antihegemonialen Gruppen oder Schichten beliebt seien. \u203aPopul\u00e4re Kultur\u2039 wird so zum Lobestitel.<\/p>\n<p>Um zu solchen Einsch\u00e4tzungen zu gelangen \u2013 um zu wissen, was die vielen Angeh\u00f6rigen dieser ungebildeten oder unverbildeten Schichten im Einzelnen sch\u00e4tzen \u2013, m\u00fcssen beide, Freunde wie Gegner des Popul\u00e4ren, gar kein Zahlenmaterial vorliegen haben. Die Beliebtheit von Dingen und Ereignissen lesen sie den Ph\u00e4nomenen direkt ab. Ihnen reicht ein Blick auf die jeweiligen Gegenst\u00e4nde, um zur Behauptung zu gelangen, diese seien (mindestens potentiell) popul\u00e4r \u2013 denn sie seien leicht verst\u00e4ndlich, stereotyp, wenig komplex, effektvoll oder gemeinschaftsstiftend, widerst\u00e4ndig, allt\u00e4glich benutzbar. Darum ben\u00f6tigen sie auch keine Zahlen. Ihrer \u00dcberzeugung nach k\u00f6nnen quantitative Angaben ihre Auffassungen blo\u00df best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Zweifellos liegen sie in vielen einzelnen F\u00e4llen mit ihrer Einsch\u00e4tzung nicht falsch. Selbst aber, wenn sie in allen F\u00e4llen vollkommen richtig l\u00e4gen, bliebe die Frage, weshalb diese quantitativen Angaben so zahlreich anzutreffen sind, offen. Auch deshalb soll in diesem Essay einmal eine andere Bestimmung der \u203apopul\u00e4ren Kultur\u2039 durchgespielt werden \u2013 einer \u203apopul\u00e4ren Kultur\u2039, zu deren wichtigsten Merkmalen die Ver\u00f6ffentlichung von Wahlergebnissen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/likes-instagram.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7345\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/likes-instagram.png\" alt=\"likes instagram\" width=\"824\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/likes-instagram.png 824w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/likes-instagram-300x194.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/likes-instagram-768x498.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 824px) 100vw, 824px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wahlergebnisse<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den Substantialisten \u2013 den \u203aKennern\u2039, Ver\u00e4chtern, wohlmeinenden p\u00e4dagogischen Aufkl\u00e4rern oder Bewunderern der Massen, des Nationalvolks oder des niederen oder unterdr\u00fcckten Volks \u2013 stehen jene, die sich f\u00fcr viele einzelne Zahlenangaben interessieren, um zu einer Bestimmung des Popul\u00e4ren zu gelangen. Niedrige Zahlen nehmen sie mitunter auch zur Kenntnis, um \u00fcber Vergleichsgr\u00f6\u00dfen zu verf\u00fcgen; aus Interesse am Popul\u00e4ren richtet sich ihre Aufmerksamkeit aber in erster Linie auf die relativ hohen Ziffern. Regelm\u00e4\u00dfig betrachten sie quantitative Angaben, damit sie \u00fcber aktualisierte Kenntnisse verf\u00fcgen. Sie glauben nicht von vornherein zu wissen, was popul\u00e4r ist und was nicht, sondern lassen sich von den erhobenen Daten informieren, leiten und mitunter \u00fcberraschen. Dass sie \u00dcberraschungen in dieser Hinsicht f\u00fcr m\u00f6glich halten, h\u00e4lt ihr Interesse an den Zahlen wach und begr\u00fcndet prinzipiell ihre quantitative Bestimmung des Popul\u00e4ren.<\/p>\n<p>Selbst wenn sie nicht bewusst nach solchen Angaben suchen, k\u00f6nnen sie sich ihnen kaum entziehen, zu h\u00e4ufig und an zu zentraler Stelle werden die Zahlen bekanntgegeben. Diese Daten werden aber nat\u00fcrlich nicht erhoben, um einen Beitrag zur Popul\u00e4rkulturtheorie zu leisten, sondern aus vielerlei \u00f6konomischen, politischen, publizistischen Gr\u00fcnden. Teilweise werden entsprechende Studien punktuell in Auftrag gegeben oder Z\u00e4hlverfahren permanent etabliert, um private Unternehmen, \u00f6ffentlich-rechtliche Anstalten, Verwaltungsorganisationen und politische Parteien zu informieren, welche ihrer speziellen Angebote wahrgenommen werden oder wie die Stimmungslage allgemein ausf\u00e4llt. Die nicht seltene Ver\u00f6ffentlichung der Ergebnisse solcher Verfahren und Studien zeigt jedoch, dass auch ein breiteres Publikum unbedingt erfahren soll, wie es um den Verkauf, die Rezeption, den Verbrauch einzelner Objekte, die Durchf\u00fchrung einzelner Aktionen und die \u00c4u\u00dferung einzelner Meinungen zahlenm\u00e4\u00dfig steht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnisse.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7319 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnisse.png\" alt=\"wahlergebnisse\" width=\"610\" height=\"528\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnisse.png 610w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnisse-300x260.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 610px) 100vw, 610px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zwingend vorgeschrieben ist dies bei politischen Wahlen: Wenn auch der einzelne Wahlakt geheim bleiben muss, das Wahlergebnis insgesamt darf es nicht. Bei allen anderen Ver\u00f6ffentlichungen besteht jedoch keine Pflicht zur Ver\u00f6ffentlichung der Daten, die auf der Dokumentation einzelner Wahlhandlungen beruhen. Neben dem Mitteilungsdrang, dem Legitimationsbed\u00fcrfnis und der Steuerungsabsicht derjenigen, die \u00fcber diese quantitativen Angaben verf\u00fcgen, darf deshalb allgemein ein gewisser Reiz der Zahlenangabe vermutet werden, die substantielle Bestimmungen und alle moralischen, p\u00e4dagogischen, politischen, \u00e4sthetischen, gelehrten Bewertungen und Begr\u00fcndungen erst einmal unterl\u00e4sst und unterbindet.<\/p>\n<p>Einige Beispiele solcher Angaben: In der ersten Runde der franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaftswahl 2017 erh\u00e4lt Emmanuel Macron 8.656.346 Stimmen (24,01%; W\u00e4hlende insgesamt: 37.003.728; Wahlberechtigte: 47.582.183). Ver\u00f6ffentlichungen von Elena Ferrante: bis August 2015 eine Million verkaufte Exemplare weltweit; 2016 werden ca. 400.000 Exemplare von \u00bbMeine geniale Freundin\u00ab allein auf Deutsch ausgeliefert. 565.395 Facebook-Accounts \u00bbgef\u00e4llt\u00ab der Facebook-Account von Schwester Ewa, der Account von Horst Seehofer verzeichnet 109.516, der von Helene Fischer 1.632.751 Gefallensbekundungen (Stand: 2.7.2017). Durchschnittliche Auflage (Einzelverk\u00e4ufe und Abos) im zweiten Quartal 2017: \u00bbBild\u00ab (inklusive \u00bbFussball Bild\u00ab) 1.618.911, \u00bbSZ\u00ab 299.064, \u00bbFAZ\u00ab 206.429, \u00bbDer Spiegel\u00ab 573.542 Exemplare. Das Fu\u00dfballspiel der deutschen U21-Nationalmannschaft gegen Spanien sehen beim ZDF 8,71 Millionen Zuschauer (Marktanteil 30,5%), davon 2,54 Millionen in der Zielgruppe von 14-49 Jahren (Marktanteil 28,2%); zur gleichen Abendzeit am 30.6.2017 kommt RTL mit \u00bbDie 100 abenteuerlichsten Tiere vor laufender Kamera\u00ab auf 2,29 bzw. 1,10 Millionen Zuschauer (12,7 bzw. 8,1%). Der Tweet \u00bbMein Sohn ist ledig. Das Thema \u203aEhe f\u00fcr alle\u2039 macht ihn sehr nerv\u00f6s\u00ab von Thomas Gottschalk vom 29.6.2017, 11:48 Uhr, verf\u00fcgt am 2.7.2017 um 16:35 Uhr \u00fcber 1245 \u00bb\u203aGef\u00e4llt mir\u2039-Angaben\u00ab (Gottschalk hat 36.900 Twitter-\u00bbFollower\u00ab), der von Martin Schulz (\u00bbDie Ehe f\u00fcr alle ist beschlossen. Damit gibt es Einigkeit und Recht und Freiheit in Deutschland jetzt f\u00fcr alle, die sich lieben\u00ab; 30.6.2017, 00:14 Uhr) \u00fcber 3719 (415.000 \u00bbFollower\u00ab), der von Jan B\u00f6hmermann (\u00bbOkay, Merkel hat gegen Ehe f\u00fcr alle gestimmt, ABER kam in Drag in den Bundestag\u00ab 30.6.2017, 02:24 Uhr) \u00fcber 1400 (1.590.000 \u00bbFollower\u00ab). Mitunter stehen auch Symbole f\u00fcr Ziffern ein: 1976 bekommt Johnnie Taylor in den USA eine Platin-LP f\u00fcr zwei Millionen verkaufte Exemplare der Single \u00bbFoxy Lady\u00ab, 1989 symbolisiert Platin nur noch eine Million verkaufte Tontr\u00e4ger.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadvisor.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7316\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadvisor.jpg\" alt=\"tripadvisor\" width=\"660\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadvisor.jpg 660w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadvisor-300x160.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Art und Weise, diese Zahlen festzustellen, ist denkbar einfach: Jemand tippt oder klickt auf etwas auf einem Bildschirm, kauft eine CD, schaltet einen Fernsehkanal an, \u00e4u\u00dfert sich zu einer Frage oder macht ein Kreuz auf einem Wahlzettel oder der Vorlage eines Meinungsforschungsinstituts; der jeweilige Wahlakt wird registriert; schlie\u00dflich werden die einzelnen Akte addiert. Vorausgesetzt, es gibt standardisierte, automatisch identifizierbare Elemente \u2013 verkaufte CDs mit Barcode, eingeschaltete Fernsehkan\u00e4le, Kreuzchen hinter Namen oder vorgegebenen Meinungsalternativen, Digitalisate \u2013 f\u00e4llt das Z\u00e4hlen besonders leicht. Beim Addieren ist einem dann alles gleich, bis auf den einen Unterschied: Gekaufte CD von den Beatles, gekaufte CD von Beethoven, Klick auf die Ebay-Seite, Klick auf die Amazon-Seite. Unter den Bedingungen elektronischer Speichermedien k\u00f6nnen riesige Datenmengen erfasst und beinahe gleichzeitig ausgewertet werden. Die digitale Technik vollendet die M\u00f6glichkeiten der Z\u00e4hl-Kultur: Einfach jeder Mausklick wird registriert, jede Finger- oder Cursorbewegung auf dem Display.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnis.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7318\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnis.png\" alt=\"wahlergebnis\" width=\"1000\" height=\"555\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnis.png 1000w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnis-300x167.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/wahlergebnis-768x426.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erleichtert wird das Vorgehen auch dadurch, dass bei der Registrierung des einzelnen Akts zumeist nicht erfasst werden soll, ob der Wahl diese oder jene Motivation, ob ihr \u203arational choice\u2039 oder selbstzerst\u00f6rerische Begierde, lange \u00dcberlegungen oder fl\u00fcchtige Impressionen, moralische oder unmoralische Zielsetzungen zugrunde lagen. Bedeutungslos ist daf\u00fcr auch, ob die Wahl dem Zusammenhang einer Gemeinschaft entsprang oder ob sie den Ausdruck einer Pers\u00f6nlichkeit darstellte; vielmehr wird der Mensch als Individuum isoliert und dann lediglich einer seiner Akte registriert. Erfasst wird nicht einmal, ob der registrierte Akt beabsichtigt war oder ob es sich um einen unwillk\u00fcrlichen Reflex handelte. Auch das zuf\u00e4llig, versehentlich zustande gekommene Kreuz auf dem Wahlzettel geht in die Ausz\u00e4hlung ein und gibt vielleicht den Ausschlag, wer Pr\u00e4sident wird oder st\u00e4rkste Partei (vorausgesetzt, das Kreuz wurde an einer daf\u00fcr vorgesehenen Stelle und in der richtigen Anzahl gemacht).<\/p>\n<p>Um eine gewisse Vern\u00fcnftigkeit der Wahl zu erreichen, werden allerdings bestimmte Handlungsweisen und Auffassungen von staatlichen Einrichtungen vorab sanktioniert. Wer sich z.B. unter einer sog. Vollbetreuung oder nach richterlichem Schuldunf\u00e4higkeits-Beschluss in einer psychiatrischen Einrichtung befindet, kann nicht beliebig Geld ausgeben. Bei Entscheidungen \u00fcber politische \u00c4mter ist die Regelung besonders strikt: In Deutschland sind derart \u203aUnvern\u00fcnftige\u2039 nicht wahlberechtigt; Kinder und Jugendliche sind sogar generell ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Bei allen anderen gibt es jedoch nicht einmal mehr den Ansatz einer Kontrolle, alle verf\u00fcgen \u00fcber dieselbe, eine Stimme, Gebildete wie Ungebildete, Anh\u00e4nger der niederen wie der hohen Kultur. Kein Wahlberechtigter wird vor der Abgabe seiner Stimme vom Wahlleiter befragt, ob er Arbeiter ist, Musil-Leser oder Angeh\u00f6riger einer Punk-Subkultur. Niemand fragt ihn offiziell, ob er seine Wahl im Sinne solcher Vorlieben und Gewohnheiten treffen wird. Niemand m\u00f6chte im Wahllokal von ihm in Erfahrung bringen, ob er seine Wahl unter dem Diktat kulturindustrieller Manipulation trifft. Niemand will von ihm wissen, ob er seine Wahl konformistisch an der Entscheidung einer vermuteten Mehrheit ausrichtet. Niemand fragt ihn, ob er die Wahl als Unikum, Standesangeh\u00f6riger oder als atomisierter Massenmensch absolviert. Niemand befragt ihn im Moment der Stimmabgabe, ob er die Entscheidung ernst nimmt, ob er sich gut informiert hat oder ob ihm die Wahlprozedur Spa\u00df bereitet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/zigaretten.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7339\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/zigaretten.gif\" alt=\"zigaretten\" width=\"300\" height=\"156\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich vollzieht sich das beim Kaufakt. Hier k\u00f6nnten solche Fragen im station\u00e4ren Handel zwar vom Verk\u00e4ufer gestellt werden, niemand wird aber \u2013 wie immer die Antwort auch ausfallen mag \u2013 schlie\u00dflich an der Kasse am Kauf \u00f6ffentlich zug\u00e4nglicher Waren gehindert, falls er \u00fcber gen\u00fcgend Geld verf\u00fcgt. Der gr\u00f6\u00dfere Unterschied zur politischen Wahl liegt deshalb darin, als Einzelner mit mehreren Wahlakten in die Umsatzbilanz eingehen zu k\u00f6nnen. Gilt bei demokratischen Wahlen: jeder W\u00e4hler hat eine Stimme, und bei Meinungsumfragen: jeder Befragte z\u00e4hlt einzeln, so werden bei kommerziellen Erhebungen die gekauften Objekte addiert. Jeder K\u00e4ufer, der zweimal in denselben Film geht oder der f\u00fcnf Exemplare derselben Jeans kauft, z\u00e4hlt darum \u2013 bildlich gesprochen \u2013 doppelt bzw. f\u00fcnfmal so sehr wie derjenige, der nur eine Kinokarte oder eine Hose kauft (bei Website-Statistiken wird differenzierter vorgegangen, dort erhebt man etwa gesonderte Zahlen f\u00fcr \u203aVisits\u2039 und \u203aUnique Users\u2039). In einige Z\u00e4hlungen von Kaufakten gehen zudem die Wahlakte von Institutionen ein; auch Firmen und staatliche Institutionen kaufen B\u00fccher oder CDs.<\/p>\n<p>Bei Netz-Z\u00e4hlungen wiederum stellt sich mitunter die Aufgabe, die \u203aLike\u2039-Aktionen der Bots von jenen Wahlakten zu unterscheiden, die Menschen vorgenommen haben. Da Roboter nicht w\u00e4hlen d\u00fcrfen und auch ihre Kaufakte von (juristischen) Personen, die \u00fcber Konten verf\u00fcgen, gedeckt sein m\u00fcssen, besitzt diese Unterscheidung politisch wie \u00f6konomisch einigen Wert. Keine Bedeutung besitzt aber der Unterschied, ob der Wahlakt von einem \u2013 im emphatischen Sinne \u2013 \u203aIndividuum\u2039, von einer \u203aPers\u00f6nlichkeit\u2039, einem \u203awertvollen Menschen\u2039 oder von einem unvern\u00fcnftigen \u203aNichtsnutz\u2039 vollzogen wurde. Dies geht in die Bilanz der Wahlakte oftmals ebenso wenig ein wie Antworten auf die Frage, aus welchen Motiven und Interessen heraus die Wahl getroffen wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr Firmen, Parteien und andere Organisationen ist aber genau dies mitunter von Interesse, wenn sie in die Zukunft blicken und sich nicht mit den Wahlergebnissen aus der (j\u00fcngsten) Vergangenheit zufriedengeben wollen. Zwar kann die Untersuchung der Wahlmotive nichts mehr an den erfolgten Entscheidungen \u00e4ndern, sie soll aber \u2013 so die Hoffnung der Auftraggeber einschl\u00e4giger Untersuchungen \u2013 Aufschluss geben, wie zuk\u00fcnftige Angebote erfolgreicher vermarktet werden k\u00f6nnen. Durch Meinungsumfragen und andere Beobachtungsmethoden wollen sie deshalb \u00fcber die Ausrichtung ihrer Anh\u00e4nger und Kunden Kenntnis erlangen. Auf diese Weise f\u00e4llt nicht nur Datenmaterial \u00fcber die H\u00e4ufigkeit der Motive und W\u00fcnsche, sondern manchmal auch \u00fcber Einsch\u00e4tzungen und Gebrauchsweisen an.<\/p>\n<p>Erst dadurch kann sich jetzt im Zahlenwerk ein nachgewiesener Zusammenhang von Popularit\u00e4t im quantitativen (gr\u00f6\u00dfere Beachtung) wie qualitativen Sinne (gr\u00f6\u00dfere Beliebtheit) ergeben. Zur Angabe etwa, dass eine CD millionenfach gekauft wurde, tritt dann der Vermerk, dass 300.000 K\u00e4ufer das Werk komplett geh\u00f6rt und 230.000 davon es insgesamt f\u00fcr gut befunden haben. Bei Zahlen zu Internetangeboten wird dieser Schritt bereits einigerma\u00dfen gut vorbereitet: Wenn man auf einer Seite mitgeteilt bekommt, dass ihr Inhaber \u00fcber eine bestimmte Anzahl an Freunden oder Followern verf\u00fcgt, wei\u00df man zwar nicht, wie viele davon der Seite tats\u00e4chlich freundschaftlich oder nur aus Abneigung, Pflichtbewusstsein oder Routine verbunden sind; Likes zu einzelnen Postings auf der Seite zeigen aber immerhin an, wie viele Menschen und Bots bereit waren, ihrem besonderen Gefallen standardisierten Ausdruck zu verleihen. Das mag zwar immer noch aus Routine und freundschaftlichem Pflichtbewusstsein heraus geschehen, verweist aber in solchen besonderen F\u00e4llen zumindest auf ein verst\u00e4rktes, wiederholtes Engagement.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-likes.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7335\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-likes.png\" alt=\"facebook likes\" width=\"791\" height=\"579\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-likes.png 791w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-likes-300x220.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-likes-768x562.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 791px) 100vw, 791px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In jedem Fall steht f\u00fcr den Leser eine Zahl bereit: 321.000 Freunde; 37.000 verkaufte Poster; 112.000 Besucher in Museum x; 2.000.000 Website-Visits; 57% aller B\u00fcrger der Nation y finden, Person z sei geeignet, das Au\u00dfenministeramt auszu\u00fcben; 12% aller Einwohner der Stadt x spielen gerne Tischtennis; in Kreis y wird Tischtennis von 9000 Vereinsmitgliedern gespielt; 654.890 Menschen unterst\u00fctzen Petition z, usf. Wenn man die Gesamtzahl, einen Durchschnittswert oder Angaben von anderen Websites kennt, kann man selbst rasch \u00fcberschlagen, wie viele Einwohner es in absoluten Zahlen sind, die Tischtennis spielen, oder einigerma\u00dfen einsch\u00e4tzen, ob das Museum und die Facebook-Seite \u00fcber vergleichsweise wenige oder viele Besucher oder Freunde verf\u00fcgt. Die einzelne Zahl sagt einem das aber nat\u00fcrlich selten, hier m\u00fcssten es schon sehr kleine oder gro\u00dfe absolute Zahlen im ein-, zwei- oder mindestens sechsstelligen Bereich sein, um ohne Vergleichsgr\u00f6\u00dfen auf nicht vorhandene, geringe oder beachtliche Popularit\u00e4t schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>All diesen Ziffern liegen Z\u00e4hlungen zugrunde, die nach bestimmten Kriterien einzelne Aktionen von Menschen \u2013 Meinungs\u00e4u\u00dferungen, K\u00e4ufe, Cursor-Bewegungen, Rezeptionsakte usf. \u2013 festhalten und addieren. Oft achten die ausz\u00e4hlenden Instanzen darauf, dass vorab festgelegte, standardisierte Verfahren die unproblematische Erfassung isolierter, diskreter Elemente erm\u00f6glichen. Wenn mehrere M\u00f6glichkeiten vorliegen, wird h\u00e4ufig die einfachere, kosteng\u00fcnstigere, mitunter auch die f\u00fcr die Organisation interessantere Variante gew\u00e4hlt. Gez\u00e4hlt wird dann z.B. nicht jeder Mensch, der die Ausstellungsr\u00e4ume betritt und sich die Bilder interessiert anschaut, gez\u00e4hlt wird stattdessen jede verkaufte Eintrittskarte; gemessen wird nicht die Freude beim Tischtennisspielen, sondern wie viele Menschen innerhalb einer repr\u00e4sentativen Stichprobe die Frage \u203aSpielen Sie gerne Tischtennis?\u2039 bejaht haben; verbucht wird nicht, wie viele Menschen die Petition gelesen, sondern wie viele sie unterschrieben haben; vermeldet wird nicht, wie viele Studenten ihre Pers\u00f6nlichkeit ausbilden, sondern wie viele sich eingeschrieben und in der Universit\u00e4tsbibliothek B\u00fccher ausgeliehen haben; registriert wird nicht, wie viele Menschen eine TV-Sendung sehen, sondern wie viele ein Programm zu einem bestimmten Zeitpunkt einschalten.<\/p>\n<p>Nicht alles, was isoliert und dann gez\u00e4hlt wird, ist aber ein Wahlergebnis. Eine Wahl setzt mindestens eine Alternative sowie die Abwesenheit von Zwang und mitunter auch die M\u00f6glichkeit, etwas zu verwirklichen, voraus. Die Bilanz, dass lebende Menschen schlafen gehen, x Prozent unter Schlafst\u00f6rungen leiden, y Prozent wegen Krankheiten schlecht einschlafen k\u00f6nnen, z Prozent sich an ihre Tr\u00e4ume nicht erinnern k\u00f6nnen, beruht nicht auf Wahlergebnissen; die Angabe, dass Menschen ohne Einkommen und Verm\u00f6gen sich keine Luxuslimousine kaufen, ebenfalls nicht. Von einem Wahlergebnis wird aber gesprochen, wenn Menschen vermerken, ob sie lieber kurz oder lang schlafen, ob sie vor dem Schlafengehen (gerne) Alkohol trinken, ob sie unifarbene oder gemusterte Bettw\u00e4sche benutzen. Ein Wahlergebnis l\u00e4ge auch bei Antworten einkommensloser Menschen auf die Frage vor, ob sie gerne einen sehr teuren Wagen kaufen w\u00fcrden, wenn sie \u00fcber gen\u00fcgend Geld oder Kredit verf\u00fcgten.<\/p>\n<p>Falls die F\u00e4lle diffiziler sind, endet bei der Bilanz von Handlungsweisen aber sofort die Gewissheit. Bei Zahlen zu Handlungen aus dem Bereich von Arbeit und Ausbildung ist nicht sicher, ob die Ergebnisse das Resultat einer Wahl sind oder Engp\u00e4sse, Rationalisierungen und Abh\u00e4ngigkeiten reflektieren (liegt dem eine freie Entscheidung zugrunde, wenn 19.563 Arbeiter und Angestellte der Firma x h\u00f6flich zu ihren Vorgesetzten sind? Gab es eine andere M\u00f6glichkeit, wenn unbezahlte \u00dcberstunden gemacht wurden?). Der Schluss von einer relativ hohen Zahl bestimmter Handlungen auf die Beliebtheit dieser Handlungen auch im qualitativen Sinne wird deshalb gemeinhin h\u00e4ufiger vollzogen, wenn es um Handlungen geht, die wenig kosten und\/oder im Freizeitbereich angesiedelt sind.<\/p>\n<p>Meinungen sind frei und billig, besonders wenn ihre \u00c4u\u00dferung anonym bleibt (wie etwa im Rahmen von Umfragen). In diesem Fall sind auch sehr viele Alternativen denkbar. K\u00e4ufe und Rezeptionsakte, die in der Freizeit erfolgen, verf\u00fcgen in relativ wohlhabenden, kapitalistischen Gesellschaften sogar fast immer \u00fcber zahlreiche konkrete Wahlm\u00f6glichkeiten. Deshalb ist es naheliegend, die Schlussfolgerung anzustellen: Wenn eine Million Menschen eine bestimmte DVD kauft, beweist dies, in welch ungew\u00f6hnlich breitem Ma\u00dfe die Erwartung vorhanden ist, diese DVD werde einem Freude bereiten. Schon um einiges weniger naheliegend ist der Schluss, die vielen K\u00e4ufe der DVD zeigten an, dass viele K\u00e4ufer ihren Inhalt f\u00fcr gut befunden h\u00e4tten oder w\u00e4hrend der Rezeption zufrieden gewesen seien. Deshalb eignen sich wiederholte Handlungen besser f\u00fcr diesen Beweis: Wenn eine Handlung im Freizeitbereich von einer Person oft vollzogen wird, erscheint es zwingender, anzunehmen, sie f\u00fchre diese Handlung gerne aus. Eine einzelne Zahl liefert dar\u00fcber aber keinen Aufschluss, hierf\u00fcr m\u00fcsste das Wahlergebnis \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeit mehrfach erhoben werden. Auskunft \u00fcber Popularit\u00e4t im quantitativen wie qualitativen Sinne liefert das einzelne Wahlergebnis darum nur, wenn es sich um die Zahl aus einer Meinungsumfrage handelt, in der eine Bewertung eingefordert wurde. Genauer gesagt: Nur wenn die Zahl positiver Antworten (\u203aich finde x gut\u2039) \u00fcber viele Nullen verf\u00fcgt, ist Popularit\u00e4t in zweierlei Hinsicht festgestellt. Dass so viele Wahlergebnisse ausgez\u00e4hlt und ver\u00f6ffentlicht werden, die nicht auf Meinungsumfragen beruhen, beweist jedoch, wie attraktiv die Feststellung rein quantitativer Popularit\u00e4t gegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/like.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-7313\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/like-1024x680.jpg\" alt=\"like\" width=\"695\" height=\"462\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/like-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/like-300x199.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/like-768x510.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/like.jpg 1889w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Charts<\/p>\n<p>Um Charts zu bilden, ben\u00f6tigt man mehr als einen ausgez\u00e4hlten Wahlakt. Charts bestehen aus mehreren Wahlergebnissen, die in eine Rangfolge gebracht werden. Unter \u203aCharts\u2039 werden Listen verstanden, deren Elemente nach der H\u00e4ufigkeit der ausgez\u00e4hlten Wahlakte angeordnet sind. Vor der Bildung der jeweiligen Charts muss festgelegt werden, was die auszuz\u00e4hlenden Elemente gemeinsam haben (etwa dass sie alle dem Genre \u203aKinderbuch\u2039 zugeordnet und in der Kalenderwoche 27 in Deutschland gekauft worden sind). Wie bereits beim Zustandekommen des einzelnen Wahlergebnisses grunds\u00e4tzlich sichtbar wurde: Die Elemente m\u00fcssen von den Produzenten der Charts vorab allgemein so definiert worden sein, dass sie ihnen einzeln identifizierbar und damit z\u00e4hlbar erscheinen.<\/p>\n<p>Die Charts sehen nach erfolgter Z\u00e4hlung so aus: Oben auf der Seite (oder manchmal links in der Spalte) stehen jene Ph\u00e4nomene mit ihren Bezeichnungen, die \u00fcber die meisten Stimmen, K\u00e4ufe, Rezeptionen, Ausf\u00fchrungen verf\u00fcgen; darunter (oder mitunter rechts daneben) stehen die mit dem zweith\u00f6chsten Ergebnis, usw. Die Abfolge der Elemente besagt nicht: Das erste existierte vor dem zweiten, das zweite wurde vom ersten hervorgebracht, das erste ist die Bedingung des zweiten, das erste ist per se sch\u00f6ner als das zweite, usf. Die Reihung ist aber auch nicht mehr oder minder zuf\u00e4llig entstanden. Die Abfolge besagt (nur und genau), dass das erste Element zu einem bestimmten Zeitpunkt ein h\u00f6heres Wahlergebnis aufwies. Diese Rangfolge kann durch eine Abfolge von Ordinalzahlen, etwa von 1 bis 10, durch verschiedene grafische Techniken und durch eine beigef\u00fcgte Angabe (\u203aCharts\u2039, \u203aBestsellerliste\u2039, \u203aHitparade\u2039 etc.) verdeutlicht werden. Fehlen solche Angaben, bleibt f\u00fcr den Betrachter unklar, ob es sich um eine nach (bestimmten) Mengenangaben sortierte Konfiguration oder um eine anders geordnete (oder ungeordnete) Liste handelt.<\/p>\n<p>Dank der Z\u00e4hlung vergleichbarer Handlungen, die verschiedene Auspr\u00e4gungen desselben Handlungstyps oder verschiedene Gegenst\u00e4nde desselben Genres betreffen, wei\u00df man, welches von diesen Objekten mehr oder weniger rezipiert, gekauft oder positiv eingestuft wurde \u2013 und man wei\u00df, welche Meinung oder Handlung anderen vorgezogen wurde. Dadurch unterscheiden sich Charts von der Angabe eines einzelnen Wahlergebnisses. Wie bei der Bekanntgabe vieler einzelner Wahlergebnisse geht allerdings auch aus vielen Charts nicht hervor, welche Bewertung die K\u00e4ufer, Rezipienten und Subjekte den von ihnen zahlreich gekauften Objekten, rezipierten Ph\u00e4nomenen und ihren eigenen, insgesamt oft vollzogenen Handlungen zukommen lassen. Viele Charts registrieren lediglich, dass etwas ausgew\u00e4hlt wurde. Sie verzeichnen, dass etwas gekauft, gesehen, geh\u00f6rt, getan wurde, sie geben nicht an, ob das ausgew\u00e4hlte Ph\u00e4nomen den Akteuren bzw. den W\u00e4hlern gefallen hat.<\/p>\n<p>Wenn Charts Popularit\u00e4t nur in quantitativer Hinsicht sichtbar machen, werden relative St\u00e4rken angezeigt: Was sich auf Platz 1 befindet, ist h\u00e4ufiger gekauft, angekreuzt oder gelesen worden als das auf Platz 2, 3, 4 usf. Nicht nur bleibt oft nach Studium der Informationen, die solche Ranglisten enthalten, unmittelbar ganz und gar unklar, wer zu den K\u00e4ufern oder H\u00f6rern geh\u00f6rte und welche Eigenschaften das Gelesene oder Angeklickte besitzt \u2013 im Dunklen bleibt oft sogar, ob das Gekaufte, Geh\u00f6rte, Gelesene beliebt oder unbeliebt ist. Ob es augenblicklich f\u00fcr gut befunden oder \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum gesch\u00e4tzt wurde, diese Information liefern Charts dann ebenfalls nicht. Sie bilanzieren in Form einer Rangliste lediglich, was mehr oder weniger Beachtung gefunden hat, was h\u00e4ufiger oder seltener gekauft, geh\u00f6rt oder angeklickt wurde.<\/p>\n<p>Die Annahme, was sich in den vorderen R\u00e4ngen der Charts befinde, sei nicht nur h\u00e4ufig beachtet worden, sondern werde auch von vielen f\u00fcr gut befunden, ist deshalb oft eine Annahme von Leuten, die sich Charts anschauen, und keine Aussage der Charts selber. Wenn z.B. auf der Taschenbuch-Bestsellerliste ein Titel auf Platz 3 steht, dann besagt dies nur, dass er in einem bestimmten Zeitraum unter einer bestimmten Sorte von B\u00fcchern am dritth\u00e4ufigsten auf legale Weise erworben wurde; es besagt nicht, dass der Titel von den K\u00e4ufern am drittliebsten gelesen wurde; es besagt sogar nicht, dass ihn \u00fcberhaupt jemand gerne gelesen hat; ja es besagt nicht einmal, dass er von irgendjemandem gelesen wurde (vielleicht ist er nur gekauft und dann ungelesen ins Regal gestellt worden, wie das bekanntlich nicht nur bei Geschenken passiert).<\/p>\n<p>In vielerlei anderer Hinsicht bieten Charts h\u00e4ufig ebenfalls keine Informationen. Besonders wichtig: Den ver\u00f6ffentlichten Kaufcharts kann man zwar entnehmen, dass es bei ihren Ranglisten um etwas Spezielles geht, besonders bei k\u00fcnstlerischen Werken wird aber zumeist nur ein recht abstrakter Begriff angegeben: R&amp;B, Belletristik, Thriller etc. Vollkommen unklar bleibt deshalb, was die Urheber der Charts darunter fassen und folglich bei ihrer Z\u00e4hlung erfassen. Ebenso unklar bleibt, mit welcher Methode die Z\u00e4hlung vorgenommen wird. Dies steht im Regelfall nicht einmal im Kleingedruckten unter den Charts, manchmal wissen darum sogar Branchenangeh\u00f6rige nur ungenau \u00fcber die jeweilige Genredefinition und die Methoden der Genrezuordnung und Ausz\u00e4hlung Bescheid.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/bestsellerliste.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7308\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/bestsellerliste.jpg\" alt=\"bestsellerliste\" width=\"756\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/bestsellerliste.jpg 756w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/bestsellerliste-300x238.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 756px) 100vw, 756px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dies liegt auch daran, wie umfangreich und nuanciert manche Bestimmung ausf\u00e4llt. Der \u00bbSpiegel\u00ab beh\u00e4lt sich bei seiner Liste meistverkaufter B\u00fccher sogar besondere \u00bbEingriffe\u00ab vor (im Juli 2017 nutzte man diese M\u00f6glichkeit und strich ein als \u00bbrechtsradikal\u00ab eingestuftes Werk von der \u00bbSachbuch\u00ab-Liste). In solchen F\u00e4llen verliert die Rangliste momentan ihren Status als Charts und wandelt sich mindestens teilweise zur Empfehlungsliste der Redaktion. Vor solchen Ausnahmef\u00e4llen muss aber die grunds\u00e4tzliche Entscheidung stehen, was \u00fcberhaupt gez\u00e4hlt werden soll. Bei der \u00bbB\u00fccher-Bestseller\u00ab-Liste des \u00bbSpiegel\u00ab im Segment \u00bbBelletristik\u00ab z.B. f\u00e4ngt es damit an, dass zwischen \u00bbHardcover\u00ab und \u00bbPaperback\u00ab unterschieden wird. Dies steht \u00fcber den Charts, ebenso die Angabe (hier Mitte des Jahres) \u00bb27\/2017\u00ab, was dem Leser den Schluss erlaubt, dass sich die Liste auf Messungen aus einer Kalenderwoche erstreckt. Um N\u00e4heres zu erfahren, muss man einem Link zu einer anderen Website folgen. Erst dort erf\u00e4hrt man die \u00bbKriterien\u00ab f\u00fcr das Genre \u00bbBelletristik\u00ab sowohl bei \u00bbHardcover\u00ab- als auch bei \u00bbPaperback\u00ab-Ausgaben (Taschenb\u00fccher unterliegen teils anderen Bestimmungen): Zweitausgaben, \u00bbKompilationen, Zusammenstellungen bereits ver\u00f6ffentlichter Texte\u00ab etwa werden einfach nicht mitgez\u00e4hlt, Klassiker sind darum von den Charts de facto ausgeschlossen: \u00bbEs muss sich um eine Original- oder Deutsche Erstausgabe in gedruckter Form handeln.\u00ab Damit nicht genug, es kommen sehr viele weitere Punkte hinzu, u.a. dass \u00bbKinder- und Jugendb\u00fccher\u00ab nicht auf der Bestsellerliste \u00bbBelletristik\u00ab gef\u00fchrt werden d\u00fcrfen, es sei denn, sie erreichten \u00bb\u00fcber die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen hinaus in gro\u00dfem Umfang auch Erwachsene\u00ab oder w\u00fcrden durch \u00bbredaktionelle Einzelfallentscheidung einbezogen\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbBelletristik\u00ab wird vom \u00bbSpiegel\u00ab also nicht eigens definiert; die Bestimmung soll offenbar durch die Abgrenzung von anderen Gegenst\u00e4nden zustande kommen. Neben dem Kinder- und Jugendbuch (das wie gesehen durch seine Zielgruppe definiert wird) werden zur Abgrenzung weitere Buchgenres aufgef\u00fchrt, etwa \u00bbSchulb\u00fccher, Ratgeber (z.B. Kochb\u00fccher, Medizinratgeber, Fitnessanleitungen), Reisef\u00fchrer sowie Geschenkb\u00fccher und Bildb\u00e4nde\u00ab sowie jene \u00bbHumoristische[n] Bearbeitungen von Sachthemen\u00ab, bei denen die \u00bbInformations- und Wissensvermittlung klar ersichtlich im Vordergrund steht\u00ab. Da all diese Genres aber ihrerseits kaum oder gar nicht definiert werden, entsteht streng genommen \u00fcberhaupt keine tragf\u00e4hige Bestimmung von \u00bbBelletristik\u00ab. Man verl\u00e4sst sich wohl bei der Ausz\u00e4hlung auf Vorwissen dar\u00fcber, was Ratgeber, Wissensvermittlungen, Reisef\u00fchrer usf. sind \u2013 auf Vorwissen, das als derart selbstverst\u00e4ndlich erscheint, dass die Abgrenzung gegen\u00fcber der \u00bbBelletristik\u00ab m\u00fchelos und unerkl\u00e4rt gelingt.<\/p>\n<p>Aufschlussreich ist auch der Hinweis, diese Kriterien g\u00e4lten seit dem 1.10.2012. Wenn man auf die Bestsellerliste des \u00bbSpiegel\u00ab in den Jahrzehnten zuvor schaut, blickt man also auf Charts, die mindestens einmal nach anderen Kriterien zusammengesetzt worden sind. Am variabelsten haben sich in dieser Hinsicht die Musikcharts erwiesen, deren Konstitution sich seit Jahrzehnten permanent ver\u00e4nderten Kriterien und Z\u00e4hlverfahren verdankt. Den Charts selber ist dies aber keineswegs anzusehen, sie haben unver\u00e4nderlich dieselbe Form: Ordinalzahl, Interpret, Titel; manchmal kommen noch weitere Angaben hinzu: Platzierung in der Vorwoche, h\u00f6chste Platzierung, Verweildauer in den Charts, Label.<\/p>\n<p>Durch die Zusatzinformation, seit wie vielen Wochen der Titel sich in der Hitparade h\u00e4lt und wie hoch er bisher geklettert ist, wird der Schluss auf Beliebtheit im qualitativen Sinn unterst\u00fctzt: Was \u00fcber einen langen Zeitraum vergleichsweise oft gekauft, im Radio geh\u00f6rt, als Musikvideo wahrgenommen oder auf Social-Media-Seiten gepostet und geteilt wurde, muss doch von vielen sehr gesch\u00e4tzt worden sein! So richtig das insgesamt auch sein mag, sagt es im jeweiligen Einzelfall jedoch nichts aus, schlie\u00dflich kann die Wahrnehmung auch weitgehend aus dem Grund erfolgen, sich zu informieren, \u00fcber etwas zu spotten, \u00fcberlegene Kritik zu \u00e4u\u00dfern etc. Charts, die Kauf- und Rezeptionsakte nach ihrer Anzahl bilanzieren, kann nun einmal lediglich quantitative Popularit\u00e4t abgelesen werden.<\/p>\n<p>Einen anderen Fall stellen nur jene Charts dar, die auf Meinungsumfragen beruhen, bei denen Menschen Wertungen abverlangt werden: \u203aHaben Sie die Songs x und y im Zeitraum z (wiederholt) gerne geh\u00f6rt?\u2039, k\u00f6nnte solch eine Frage lauten. Oder: \u203aWas h\u00f6ren Sie lieber, Soul oder Reggae?\u2039 Zwei Dinge fielen hier anders aus als bei den zuvor angef\u00fchrten Bestsellercharts, Einschaltquoten und Click Rates: Zum einen sollten die Befragten \u00e4sthetische u.a. Urteile formulieren \u2013 es geht also auch um Popularit\u00e4t im qualitativen Sinne \u2013, zum anderen erfolgte die semantische Bestimmung nicht durch die Organisationen, die Charts herstellen, sondern ebenfalls durch die Befragten: An ihnen l\u00e4ge es, \u203agerne\u2039, \u203aSoul\u2039 und \u203aReggae\u2039 mit einer Bedeutung zu versehen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/beliebte-politiker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-7306\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/beliebte-politiker.jpg\" alt=\"beliebte politiker\" width=\"1920\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/beliebte-politiker.jpg 1920w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/beliebte-politiker-300x156.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/beliebte-politiker-768x400.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/beliebte-politiker-1024x533.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbWie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der Bundesregierung?\u00ab, lautet etwa eine tats\u00e4chlich gern gestellte Frage in der politischen Meinungsforschung. Was unter \u203aZufriedenheit\u2039 und \u00bbArbeit der Bundesregierung\u00ab zu verstehen ist, m\u00fcssen die Befragten selbst entscheiden. Im Mai 2017 antworten auf diese Frage 52% mit \u00bbzufrieden\u00ab, 35% geben \u00bbweniger zufrieden\u00ab an, 9% \u00bbgar nicht zufrieden\u00ab, 3% \u00bbsehr zufrieden\u00ab. Hier ist unmittelbar deutlich, dass die Befragten nicht nur die \u00bbArbeit der Bundesregierung\u00ab zu kennen meinen, sondern sie auch \u00fcberwiegend sch\u00e4tzen. Da nur 1% Prozent keine Wertung abgegeben hat, ist die Popularit\u00e4t der Bundesregierung quantitativ wie qualitativ festgestellt: H\u00f6chstens 1% kennt sie nicht, 55% sind mindestens zufrieden mit ihr. Unklar ist nur, in welchem Ma\u00dfe die \u00bbArbeit der Bundesregierung\u00ab bekannt ist (fl\u00fcchtige Impressionen oder intensives Studium?). Zudem fehlt der Vergleich, den Charts erm\u00f6glichen: Sind andere Regierungen popul\u00e4rer? Der Auflistung ist nur zu entnehmen, dass es mehr \u00bbzufriedene\u00ab als wenig(er) \u00bbzufriedene\u00ab Einstufungen gibt, usf.<\/p>\n<p>Einen Vergleich bietet jedoch etwa eine bekannte Meinungsumfrage zur Bedeutung deutscher Politiker. Der \u00bbSpiegel\u00ab l\u00e4sst ein Institut regelm\u00e4\u00dfig danach fragen, welche Politiker \u00bbk\u00fcnftig eine wichtige Rolle spielen\u00ab sollten. Meist steht der jeweilige Bundespr\u00e4sident an der Spitze der Charts, oft geben um die 70% der Befragten an, er m\u00fcsse eine noch gr\u00f6\u00dfere \u203aWichtigkeit\u2039 erlangen. In Zusammenfassungen ist dann regelm\u00e4\u00dfig zu lesen, die Umfrage habe ergeben, x sei \u00bbbeliebter\u00ab oder \u00bbpopul\u00e4rer\u00ab als y, wenn x eine \u203awichtigere Rolle\u2039 zugebilligt wurde als y. Aus der Top Twenty, die der \u00bbSpiegel\u00ab zeigt, gehen aber auch Bekanntheitswerte hervor. Politiker, die sich auf den hinteren Pl\u00e4tzen der Top Twenty befinden (denen noch h\u00e4ufig von 20 bis 30% der Befragten eine \u00bbwichtige Rolle\u00ab zugebilligt wird), sind oftmals 20 bis 40% der Deutschen unbekannt. Falls sie bei ihnen Beachtung gefunden haben sollten, dann offenkundig keine, die das Namens- und Bilderged\u00e4chtnis l\u00e4nger besch\u00e4ftigt hat.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/meinungsumfrage-s\u00fcdtirol.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7314 size-medium\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/meinungsumfrage-s\u00fcdtirol-300x221.jpg\" alt=\"meinungsumfrage s\u00fcdtirol\" width=\"300\" height=\"221\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/meinungsumfrage-s\u00fcdtirol-300x221.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/meinungsumfrage-s\u00fcdtirol-768x567.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/meinungsumfrage-s\u00fcdtirol.jpg 961w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sentation solcher Meinungsumfragen f\u00e4llt fast immer anders aus als die der Kauf- oder Rezeptionscharts. Im Unterschied zu einer Darstellung, welche die meistgekauften etc. Titel mit der Zahl 1 (oder 1.) und der obersten Platzierung auf der Seite markiert (und den danach am meisten gekauften, geh\u00f6rten etc. Titel mit der Ziffer 2 darunter auff\u00fchrt), wird bei Meinungsumfragen oft auf die Nummerierung verzichtet und der am h\u00e4ufigsten genannte Punkt durch das relativ gr\u00f6\u00dfte grafische Symbol ausgezeichnet (die kleineren Symbole sind nicht selten daneben angeordnet). Dies liegt auch oder vor allem daran, dass durch die Prozentangabe die unterschiedliche Gr\u00f6\u00dfenordnung der grafischen Symbole (etwa Rechtecke, S\u00e4ulen oder Tortenst\u00fccke) genau in ihrer Relation berechnet werden kann. Viele Charts verzichten auf diese Prozentangabe (in B\u00fccherbestsellerlisten gibt es z.B. keine Angabe, dass Platz 1 auf der Liste in der zw\u00f6lften Kalenderwoche 12% der Buchk\u00e4ufe insgesamt auf sich gezogen hat, Platz 2 lediglich 5%), auch aus diesem Grund entf\u00e4llt bei ihnen die Visualisierung mit geometrischen Symbolen. Die Abstufung von erstem und zweitem Platz usf. offenbart bei ihnen darum nur ein \u203aMehr\u2039 und \u203aWeniger\u2039, nicht aber das Ausma\u00df des Abstands.<\/p>\n<p>Bei der g\u00e4ngigen Pr\u00e4sentation von Meinungsumfragen hingegen geht der Abstand sowohl aus den geometrischen Symbolen als auch den Prozentangaben hervor. Wahrscheinlich liegt darin der Grund f\u00fcr den Verzicht, die Ergebnisse von Meinungsumfragen mit Ordinalzahlen zu ordnen: Die Prozentzahl bietet schon genug Orientierung \u00fcber das \u203aMehr\u2039 und das \u203aWeniger\u2039, \u00fcber den Spitzenplatz und die hinteren R\u00e4nge. Absolute Zahlen hingegen werden wohl aus einem anderen Grund ausgespart: Bei repr\u00e4sentativen Umfragen verzichtet man in Illustrierten etc. wahrscheinlich auf die Nennung, wie viele Teilnehmer aus dem Sample sich f\u00fcr Politiker x oder Meinung y ausgesprochen haben, weil die Zahl so niedrig ausf\u00e4llt. Auf die Hochrechnung der z.B. 354 Beteiligten, die eine bestimmte Antwortm\u00f6glichkeit angekreuzt oder genannt haben, zu dadurch repr\u00e4sentativ ermittelten sieben Millionen Deutschen verzichtet man wiederum wohl, weil die vielen Millionen jeweils nicht leibhaftig Antwort gegeben haben. So bleibt es bei der etwas schamhaften Mitteilung, x Prozent der erwachsenen Bundesb\u00fcrger h\u00e4tten irgendetwas getan oder gemeint.<\/p>\n<p>Bei der Angabe von Einschaltquoten hingegen wird aus unbekannten Gr\u00fcnden anders verfahren: Charts mit genauen Aufschl\u00fcsselungen zu den meistgesehenen Sendungen eines bestimmten Zeitabschnitts sind keine Seltenheit, obwohl auch die von ihnen ausgewiesenen Millionen Zuschauer hochgerechnet wurden und nicht pers\u00f6nlich Auskunft gaben. Dann hei\u00dft es z.B.: Am 30.7.2017 besa\u00df der Spitzenreiter des ZDF, der Fernsehfilm \u00bbKatie Fforde: Geschenkte Jahre\u00ab, im Hauptabendprogramm einen Marktanteil von 16,9 Prozent beim Gesamtpublikum; aber auch die absolute Zahl wird errechnet und angegeben: 4,98 Millionen Zuschauer. In solchen F\u00e4llen f\u00fchrt die Stichprobe \u2013 Daten einer Panelgruppe von ein paar tausend Haushalten \u2013 zur genauen Angabe der Gesamtzuschauerzahl (bzw. zur Zahl eingeschalteter Fernseher mit dem jeweiligen Programm), die auch in den Charts vermerkt werden (\u00fcber die Angabe des Rangplatzes hinaus).<\/p>\n<p>Bei Meinungsumfragen k\u00f6nnten solche absoluten Zahlen auch jederzeit ausgewiesen werden; falls ihr Sample repr\u00e4sentativ f\u00fcr alle B\u00fcrger einer Nation steht, geben diese Zahlenangaben im Rahmen der \u00fcblichen statistischen Abweichung genau an, wie viele Personen eines Landes (oder einer anderen Gruppe) z.B. etwas gut und wie viele etwas weniger gut finden. Eine repr\u00e4sentative Erhebung, die nach der Einsch\u00e4tzung zu Musikst\u00fccken fragt, k\u00f6nnte darum genau ermitteln, wie viele Deutsche insgesamt bestimmte Songs mehr oder minder sch\u00e4tzen \u2013 \u00a0im Gegensatz etwa zu Kaufcharts, die lediglich vermerken k\u00f6nnten, wie oft etwas konkret erworben wurde.<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichte Kaufcharts kommen sogar fast immer ohne solch eine Zahlenangabe aus, wie oft ein Produkt verkauft wurde. Deshalb bieten diese Charts keinen Aufschluss \u00fcber nationale Pr\u00e4ferenzen, \u00f6konomische Entwicklungen oder ge\u00e4nderte kulturelle Vorlieben. Manchmal zeigen Charts Unterschiede zur Platzierung beim letzten Erhebungszeitpunkt an, einen Vergleich zum Vorg\u00e4ngerprodukt gew\u00e4hren sie jedoch bislang nicht. Die Krise einer ganzen Branche machen sie ebenfalls zumeist nicht sinnf\u00e4llig. Den Kaufcharts kann man oftmals nicht entnehmen, ob ihre vorderen Ranglisteninhaber von Zehn- oder Hunderttausenden gekauft wurden, hier bleibt es bei der Auskunft \u203aDeutsche Single-Charts Platz 1\u2039, oder \u203aAmazon-Bestseller-Rang: Nr. 9 in Schuhe &amp; Handtaschen\u2039. Ob in dem einen Jahr 10.000 und in dem davor noch 20.000 K\u00e4ufe oder Klicks n\u00f6tig waren, um denselben Platz zu erreichen, ist diesen Charts nicht zu entnehmen, hier hilft es auch nichts, zwei Ranglisten nebeneinanderzulegen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/amazon-bestseller-detail.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-7305\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/amazon-bestseller-detail.jpg\" alt=\"amazon bestseller detail\" width=\"1398\" height=\"620\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/amazon-bestseller-detail.jpg 1398w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/amazon-bestseller-detail-300x133.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/amazon-bestseller-detail-768x341.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/amazon-bestseller-detail-1024x454.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1398px) 100vw, 1398px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insgesamt gesehen sind vor allem Websites aber recht auskunftsfreudig. Wahlergebnisse pr\u00e4sentieren sie h\u00e4ufig in absoluten Zahlen (23.498 Friends, 3426 Retweets, 894.657 Streams etc.). Darum erstaunt es wenig, dass sie diese mitunter auch in Charts pr\u00e4sentieren (wenn auch dabei nicht immer die absoluten Zahlen mit aufgef\u00fchrt werden, sondern lediglich Ordinalzahlen und\/oder grafische Anordnungen die Reihung und die Abst\u00e4nde verdeutlichen): Spotify-\u00bbCharts\u00ab, Twitter-\u00bbTrending Topics\u00ab, KnowYourMeme-\u00bbTrending Images\u00ab, Instagram-\u00bbRankings\u00ab, Amazon-\u00bbBestseller\u00ab.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/twitter-trending.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7317 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/twitter-trending.jpg\" alt=\"twitter trending\" width=\"971\" height=\"2610\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/twitter-trending.jpg 971w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/twitter-trending-112x300.jpg 112w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/twitter-trending-768x2064.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/twitter-trending-381x1024.jpg 381w\" sizes=\"auto, (max-width: 971px) 100vw, 971px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Bereich \u00bbB\u00fccher\u00ab der st\u00fcndlich aktualisierten Amazon-Charts z.B. lautet der Spitzenreiter am 5.7.2017 um 14:54 Uhr: \u00bbBretonisches Leuchten\u00ab von Jean-Luc Bannalec; auf Platz 3 befindet sich das \u00bbB\u00fcrgerliche Gesetzbuch\u00ab, Amazon folgt hier also nicht anderen Bestsellerlisten mit ihren Genre-Trennungen, sondern reiht einfach alle B\u00fccher aus seinem Sortiment unterschiedslos auf, getrennt nur nach der Verkaufszahl. Die wissenschaftlichen B\u00e4nde besitzen auch alle eine Chartsposition, meist liegt ihr Platz zwischen Nr. 130.000 und 1.300.000.<\/p>\n<p>Dies kann man aber nur beim Blick auf die Webpages mit Hinweisen zum je einzelnen Buch erkennen, fortlaufende Charts, die das komplette Amazon-Buch-Programm umfassten, sind nicht zu finden. Wie bei allen anderen Internetkonzernen bleiben bei Amazon die Charts auf wenige Titel beschr\u00e4nkt: Top 20, h\u00f6chstens Top 100. Dadurch ist deutlich erkl\u00e4rt, dass Charts der Ausstellung und Feier des Popul\u00e4ren dienen, nicht der Dokumentation aller Gattungsmitglieder. Hochgradig ausgeweitet wird das Chartsprinzip aber durch die Vervielf\u00e4ltigung der Ranglisten. Amazon bietet eine un\u00fcbersichtlich gro\u00dfe Zahl an spezielleren Charts an. Wenn man Popularit\u00e4t an gro\u00dfen Zahlen mit mindestens vier Nullen misst, k\u00f6nnen die Objekte auf diesen Listen sie h\u00e4ufig nicht erzielen; oft reichen wenige K\u00e4ufe pro Woche aus, um sie auf Spitzenpl\u00e4tze zu bef\u00f6rdern. Dass Popularit\u00e4t relativ sein kann, lernt man an diesen Charts rasch. So gibt es etwa im Bereich \u00bbB\u00fccher\u00ab bei Amazon auch \u00bbBestseller\u00ab nur zum Thema \u00bbPopkultur\u00ab. \u00c4hnlich spezielle Charts gibt es zu vielen anderen Warengruppen, von \u00bbBestsellern\u00ab in \u00bbHenkeltaschen (Damenhandtaschen)\u00ab bis zu \u00bbBestsellern\u00ab in \u00bbWandtattoos &amp; Wandbilder\u00ab.<\/p>\n<p>Ein Ranking erfahren ebenfalls die Anmerkungen der Kunden zu jedem einzelnen Produkt. Im Stil von Meinungsumfragen wird Internetusern die M\u00f6glichkeit gegeben, die Produkte zu bewerten, indem sie eins bis f\u00fcnf Sterne vergeben. \u00dcber diese standardisierte Vorgabe hinaus k\u00f6nnen sie auch individuelle Texte zu den einzelnen Waren verfassen: Sie beschreiben ihren Gebrauch des Produkts, sch\u00e4tzen das Preis\/Leistungs-Verh\u00e4ltnis ein oder \u00e4u\u00dfern verschiedene andere Wertungen. Angeordnet werden diese Eintr\u00e4ge von Amazon, indem die am h\u00e4ufigsten von anderen Usern als positiv eingestufte \u00bbKundenrezension\u00ab an die erste Stelle gesetzt wird; die nachfolgenden Eintr\u00e4ge besitzen jeweils niedrigere Empfehlungszahlen bzw. subjektive Angaben (x \u00bbPersonen fanden diese Information hilfreich\u00ab) \u2013 \u00bbTop-Kundenrezensionen\u00ab.<\/p>\n<p>Das Chartsprinzip wird im Netz selbst von traditionellen Organen nicht verschm\u00e4ht. Ihre qualitativ \u203abesten Angebote\u2039 weisen sie dort nicht regelm\u00e4\u00dfig aus, auch wenn sie intern bei Redaktionsbesprechungen und Firmenkonferenzen sowie in publizierten Kommentaren und Rezensionen fortw\u00e4hrend substantielle Argumente f\u00fcr solche Selektionen verwenden. Stattdessen erkennen sie das kapitalistische Prinzip und vor allem die quantitative Bedeutung der Abnehmer an, indem sie nicht nur ihre Produkte generell auf zielgruppengerechte Verk\u00e4uflichkeit hin ausrichten, sondern zus\u00e4tzlich angeben, welche einzelnen Angebote besonders stark wahrgenommen worden sind (die Website der \u00bbFAZ\u00ab z.B. gruppiert st\u00e4ndig auf ihrer Startseite Artikel unter der \u00dcberschrift \u00bbMeist gelesen auf faz.net\u00ab).<\/p>\n<p>Angesichts der F\u00fclle an Click Rates, die sie messen und teilweise einzeln gut sichtbar vermelden, w\u00e4ren bei vielen Websites noch sehr viele weitere Bilanzen und Angaben in Chartsform m\u00f6glich. Printorgane und TV-Sendungen f\u00fcllen diese L\u00fccke zum Teil, indem sie \u00f6ffentlich sichtbare Social-Media-Wahlergebnisse in Charts zusammenstellen (\u00bbDas sind die derzeit 16 wichtigsten Influencer in Deutschland\u00ab). Vor allem gibt es eine Vielzahl an spezialisierten Websites, die unterschiedliche Wahlakte auf Social-Media-Seiten in Ranglisten bilanzieren (etwa im \u00bbKlout Score\u00ab oder beim 10000-Flies-Ranking \u00bbSocial-Network-Resonanz\u00ab etc.).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-in-charts.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7336\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-in-charts.png\" alt=\"facebook in charts\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-in-charts.png 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-in-charts-300x225.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-in-charts-768x576.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als Grenzfall ist schlie\u00dflich die wichtigste Website, Google, einzustufen. Nach einer Suchangabe werden zehn Treffer angezeigt, man kann das \u00fcber \u00bbSucheinstellungen\u00ab bis auf hundert pro Webpage steigern \u2013 wieder einmal die bekannte Chartseinteilung von Top Ten bis Top Hundred. F\u00fcr den Versuch, Google-Trefferlisten als Charts zu klassifizieren, spricht auch der Beginn der Suchmaschine vor zwanzig Jahren. Trotz aller Geheimnisse rund um die Google-Platzierungskriterien ist der Ausgangspunkt bestens bekannt: der Algorithmus PageRank. Dank ihm werden jene Seiten bevorzugt angezeigt, die von vielen anderen Seiten verlinkt worden sind, welche wiederum bestenfalls selbst oft von anderen in Link-Form angef\u00fchrt werden. Auch wenn der Google-Algorithmus seitdem viele \u00c4nderungen erfahren hat, kommt das Kriterium der \u203alink popularity\u2039 wohl weiter zur Anwendung. Bei der Gewichtung der Suchergebnisse spielen aber auch andere, qualitative Kriterien eine Rolle. Da sie keineswegs allein und direkt auf die z\u00e4hlbaren Voten der \u00bbQuality Rater\u00ab zur\u00fcckgehen, die Google zu Tausenden besch\u00e4ftigt, kann die Trefferliste nicht rein als Charts eingestuft werden.<\/p>\n<p>Recht undurchsichtig bleiben auch die Listen anderer Algorithmen, sofern ihre Rankings nicht rein auf standardisierten Bewertungen einzelner User in Form von z.B. eins bis f\u00fcnf Sternen beruhen, sondern auch Rezensionstexte einbeziehen, um deren Aussagen f\u00fcr Ranglisten wie \u203aDie besten 25 Hotels\u2039, \u203aDie besten 10 Str\u00e4nde\u2039, \u203aDie besten 50 Gourmet-Restaurants\u2039 nach teils unbekannten Kriterien zu gewichten und zu bilanzieren. Sie befinden sich mit ihren Verfahren der Auswertung von Kundeneinsch\u00e4tzungen irgendwo zwischen der standardisierten Meinungsumfrage und der qualitativen, nicht repr\u00e4sentativen Inhaltsanalyse. Auch wenn man sie darum nicht zu den Charts rechnen m\u00f6chte, sind sie dennoch ein nachdr\u00fccklicher Beleg f\u00fcr die Bedeutung des Chartsprinzips und die starke Pr\u00e4senz seiner Darstellungstechniken.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadisor-family.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7315\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadisor-family.png\" alt=\"tripadisor family\" width=\"900\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadisor-family.png 900w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadisor-family-300x188.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/tripadisor-family-768x480.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Popul\u00e4re Kultur<\/p>\n<p>Popul\u00e4r ist, was viele zumindest vor\u00fcbergehend beachten und sch\u00e4tzen. Nimmt man diese einfache Wortbedeutung zum Ausgangspunkt, lassen sich einige weitere Beobachtungen zum Sprachgebrauch anschlie\u00dfen. \u203aViele\u2039 meint hier \u00fcblicherweise: vergleichsweise viele. Popul\u00e4r ist also z.B., was viele Musikh\u00f6rer gerne an Musik rezipieren, was viele Wahlberechtigte bei Wahlen w\u00e4hlen, was Geisteswissenschaftler h\u00e4ufig zustimmend zitieren, was K\u00e4ufer bevorzugt gebrauchen, was Parteimitglieder ins Parteiprogramm aufnehmen oder wen Sch\u00fcler einer Klasse f\u00fcr ihren Lieblingslehrer halten.<\/p>\n<p>Dieser Wortgebrauch von \u203apopul\u00e4r\u2039 \u00e4ndert sich, wenn zu \u203apopul\u00e4r\u2039 noch die \u203aKultur\u2039 hinzukommt. Zur \u203apopul\u00e4ren Kultur\u2039 werden zumeist nur ganz bestimmte Ph\u00e4nomene geschlagen, nicht unterschiedslos alles, das relativ beliebt ist. Auch reicht es nicht, wenn die Gruppe, die etwas mag, nur ein paar dutzend oder hundert Leute umfasst. Die Rede von der \u203apopul\u00e4ren Kultur\u2039 setzt eine gr\u00f6\u00dfere Zahl an Menschen voraus. Andererseits kann man im allt\u00e4glichen Zusammenhang auch von \u203apopul\u00e4rer Kultur\u2039 sprechen, wenn Dinge nicht durchgehend beliebt sind, sondern oft nur stark beachtet werden.<\/p>\n<p>Angesichts der Befunde des letzten Kapitels soll nun aber ein teilweiser Bruch mit dem g\u00e4ngigen Sprachgebrauch erfolgen. Wegen der zahlreichen Belege f\u00fcr die Bedeutung von Charts, in denen Wahlergebnisse nach H\u00e4ufigkeit geordnet werden, soll \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 eine eingeschr\u00e4nktere Bestimmung erfahren. Der Vorschlag zum Begriffsgebrauch lautet darum in einem ersten Angang: Von \u203apopul\u00e4rer Kultur\u2039 sollte gesprochen werden, wenn h\u00e4ufig standardisierte Verfahren zum Einsatz kommen, die es erm\u00f6glichen, Wahlakte in quantitativer Hinsicht zu erfassen und zu beziffern. Entsprechende Ergebnisse m\u00fcssen in ver\u00f6ffentlichter Form vorliegen und nicht in den Archiven von Firmen und Exekutivorganen als Privateigentum oder geheime Information ruhen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/citation.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7311\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/citation.png\" alt=\"citation\" width=\"940\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/citation.png 940w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/citation-300x128.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/citation-768x327.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zur popul\u00e4ren Kultur sollen aber ebenfalls bestimmte Gegenst\u00e4nde dieser Z\u00e4hl- und Pr\u00e4sentationsformen geh\u00f6ren, sofern durch exakte Erhebungen oder einigerma\u00dfen zuverl\u00e4ssige Sch\u00e4tzungen sichergestellt ist, dass die jeweiligen Vorlieben von einer gro\u00dfen Zahl an Menschen geteilt werden (gemessen z.B. an der Einwohnerzahl eines Landes). Je mehr Leute bzw. ihre Wahlakte in bestimmter Hinsicht von den Z\u00e4hlverfahren einzeln erfasst oder je h\u00f6here Prozents\u00e4tze nach repr\u00e4sentativen Stichproben errechnet worden sind, desto st\u00e4rker geh\u00f6ren diese Ph\u00e4nomene zur popul\u00e4ren Kultur.<\/p>\n<p>Wer den Begriff \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 lieber f\u00fcr andere Ph\u00e4nomene gebrauchen m\u00f6chte, weil ihm das \u203aVolk\u2039 in der ein oder anderen Hinsicht wichtig und wertvoll erscheint, k\u00f6nnte stattdessen z.B. von der \u203aCharts-Gesellschaft\u2039 oder vom \u203a(neo-)liberalen Z\u00e4hl-Regime\u2039 sprechen. Dass die genannten Ph\u00e4nomene innerhalb der liberalkapitalistischen Gesellschaften seit Mitte des 20 Jahrhunderts von gro\u00dfer Bedeutung sind, d\u00fcrfte wohl grunds\u00e4tzlich unbestritten sein (zu politischen Wahlergebnissen treten Ende des 19. Jahrhunderts die ersten, kleinen Bestsellerlisten; Meinungsumfragen sowie die \u00bbBillboard\u00ab-\u00bbHit Parade\u00ab- und \u00bbPopular Music\u00ab-Charts kommen in den USA seit den 1930er Jahren hinzu, bevor sie sich ab den 1950er Jahren international stark ausbreiten). Es w\u00e4re darum von Vorteil, \u00fcber einen Begriff daf\u00fcr zu verf\u00fcgen (einzelne Nachweise dazu in meinem <a title=\"website buch popul\u00e4re kultur\" href=\"http:\/\/www.posth-verlag.de\/reihen\/schriften-zur-popkultur\/populare-kultur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Buch \u00bbPopul\u00e4re Kultur\u00ab<\/a> aus dem Jahr 2006, dem auch einige modifizierte Ideen und Formulierungen dieses Essays entnommen sind).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/billboard-charts-1942.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7309\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/billboard-charts-1942.png\" alt=\"billboard charts 1942\" width=\"2000\" height=\"2943\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/billboard-charts-1942.png 2000w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/billboard-charts-1942-204x300.png 204w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/billboard-charts-1942-768x1130.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/billboard-charts-1942-696x1024.png 696w\" sizes=\"auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u203aCharts\u2039 \u2013 um auch diesen Begriff festzuhalten \u2013 listen Wahlakte nach ihrer quantitativ ermittelten Rangfolge auf und weisen keineswegs alle gez\u00e4hlten Wahlakte bzw. deren Objekte aus, sondern blo\u00df eine geringe Anzahl an Elementen (z.B. Top-Ten- oder Top-Twenty-Charts). Bei Charts handelt es sich nicht um wissenschaftliche Tabellen oder statistische Angaben, die das H\u00e4ufigste bis Seltenste umfassen, sondern um Listen, die das H\u00e4ufigste pr\u00e4ferieren, weil sie es an die Spitze der Darstellung setzen und das Seltene konsequent aussparen.<\/p>\n<p>Auch Charts, die keine hohen Wahlergebnisse auff\u00fchren k\u00f6nnen, geh\u00f6ren zur popul\u00e4ren Kultur, nicht aber ihre aufgelisteten Gegenst\u00e4nde: Charts z.B. mit Angaben zu den popul\u00e4rsten Lehrern einer Schule, zu den meistgekauften Aufsatzsammlungen zur Systemtheorie oder zu den Top-Kundenrezensionen zum Glaskaraffen-Wassersprudler Soda-Stream Chrystal 2.0 geh\u00f6ren zur popul\u00e4ren Kultur, weil sie wie Charts allgemein auf dem Verfahren der Z\u00e4hlung von Wahlakten beruhen und deren Ergebnisse ohne (eigene) qualitative Gewichtung sortieren; die jeweils erfassten und aufgelisteten Lehrer, Sammelb\u00e4nde und Top-Kundenrezensionen rechnen aber nicht dazu.<\/p>\n<p>Wenn sie selbst gro\u00dfe Beachtung erfahren, sind Charts in zweifacher Hinsicht Teil der popul\u00e4ren Kultur: Chart-Shows besitzen manchmal hohe Einschaltquoten, B\u00fccherbestsellerlisten sind nicht nur in Zeitschriften, sondern auch an zentraler Stelle in umsatzstarken Buchhandlungen zu finden. Grafische Darstellungen von Umfrageergebnissen bilden einen festen Bestandteil politischer Illustrierten, aus ihnen beziehen viele ihre Meinung dar\u00fcber, was popul\u00e4r ist. Im Internet kommen sehr viele Homepages nicht ohne Hinweise auf die am meisten gelesenen, empfohlenen oder kommentierten Beitr\u00e4ge aus. Social-Media-Accounts k\u00f6nnen ihre eigene Position in Ranglisten verorten lassen und dadurch jeweils ermessen, in welch gro\u00dfem Abstand sie sich noch zu den vorderen Pl\u00e4tzen befinden; viele Websites geben ihnen Tipps, wie sie die F\u00fchrenden nachahmen k\u00f6nnen, um st\u00e4rker von den Algorithmen erfasst zu werden und so ihr Ranking zu verbessern.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-verbesserung.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7337\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-verbesserung.png\" alt=\"facebook verbesserung\" width=\"596\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-verbesserung.png 596w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/facebook-verbesserung-300x178.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 596px) 100vw, 596px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Unter \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 fallen im hier vorgeschlagenen Sinn also \u2013 abschlie\u00dfend definiert und zusammengefasst \u2013 zwei Dinge: Erstens geh\u00f6rt sowohl die Ausz\u00e4hlung und anschlie\u00dfende Ver\u00f6ffentlichung einzelner Wahlakte als auch die Verfertigung und anschlie\u00dfende Ver\u00f6ffentlichung von Charts dazu. Zweitens geh\u00f6ren im Sinne der Rede von den zahlreichen Wahlakten sowohl h\u00e4ufig rezipierte Ph\u00e4nomene und h\u00e4ufig vorgenommene Handlungen als auch h\u00e4ufig f\u00fcr gut befundene Ph\u00e4nomene zur popul\u00e4ren Kultur.<\/p>\n<p>Popularit\u00e4t im qualitativen und Popularit\u00e4t im quantitativen Sinne m\u00fcssen in dieser popul\u00e4ren Kultur demnach nicht in eins fallen: Personen, Gegenst\u00e4nde, Handlungen und Ereignisse, die oftmals wahrgenommen werden, aber unbeliebt sind, z\u00e4hlen ebenfalls zur popul\u00e4ren Kultur. Sie werden oft rezipiert, um sie (wiederholt) kritisieren zu k\u00f6nnen. Be- und Verachtung gehen hier Hand in Hand. Ihnen schenkt man gerne Aufmerksamkeit, um mit einiger Begeisterung oder zumindest Emphase festzustellen, dass man sie nicht gernhat. TV-Programme und Webpages, die sie pr\u00e4sentieren, werden fast ebenso oft eingeschaltet und angeklickt, wie ihr Sujet anschlie\u00dfend verdammt wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/trump-dislikes.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7321\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/trump-dislikes.jpg\" alt=\"trump dislikes\" width=\"514\" height=\"588\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/trump-dislikes.jpg 514w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/trump-dislikes-262x300.jpg 262w\" sizes=\"auto, (max-width: 514px) 100vw, 514px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00dcbernimmt man diesen Begriffsvorschlag\u201a geht \u203apopul\u00e4re Kultur\u2039 nicht von vornherein in substantiellen Einheiten auf: weder im Wesen des Volks noch im \u00fcberzeitlichen \u203acommon sense\u2039, noch in der ihrer selbst bewussten Arbeiterklasse, in der systemisch kaum \u00fcberformten Alltagskommunikation und Lebenswelt, in den einfachen Leuten oder wahren Fans.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/instagram.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7312\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/instagram.png\" alt=\"instagram\" width=\"610\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/instagram.png 610w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/instagram-300x149.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 610px) 100vw, 610px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ebenfalls geh\u00f6ren demnach nicht per se zur popul\u00e4ren Kultur: populistische Meinungen, reizvolle oder standardisierte B\u00fccher und Videos, einfache, eing\u00e4ngige Songs, leicht verst\u00e4ndliche Botschaften etc. Sie k\u00f6nnen (auch sehr h\u00e4ufig) in den Top Five vertreten sein, m\u00fcssen es aber nicht. Falls sie dort einmal nicht anzutreffen w\u00e4ren, handelte es sich bei den Charts und mitunter auch bei ihren aufgelisteten Gegenst\u00e4nden (falls sie \u00fcber eine sehr hohe Zahl an K\u00e4ufen, Rezeptionen, Nennungen etc. verf\u00fcgten) dennoch um Ph\u00e4nomene der popul\u00e4ren Kultur.<\/p>\n<p>Wenn man diese Begriffsfestlegung teilt, ist popul\u00e4re Kultur in ihrem Zuschnitt, nicht aber in ihrem inhaltlichen Ergebnis festgelegt. Das fortgesetzte Z\u00e4hlen \u00f6ffnet zwar nicht zwangsl\u00e4ufig die Zukunft, setzt jedoch ebenso wenig voraus, dass die Gegenwart genauso ist wie die Vergangenheit. Bei der n\u00e4chsten Wahl in vier Jahren kann es einen anderen Sieger geben; die Einschaltquote sinkt vielleicht bereits in drei Wochen erheblich; was in der Meinungsumfrage vor drei\u00dfig Jahren noch kaum Zustimmung erhielt, wird vielleicht in der Gegenwart mehrheitlich unterst\u00fctzt oder gew\u00fcnscht. Bei Kaufcharts ist es \u2013 abgesehen etwa von Listen zu beliebten Grundnahrungsmitteln \u2013 ohnehin schwer m\u00f6glich, sich \u00fcber Jahre an der Spitze zu halten; unter verschiedenen Marken und ihren Angeboten ist der Konkurrenzdruck hoch, die Positionen in den oberen R\u00e4ngen wechseln h\u00e4ufiger, als es den zeitweiligen Spitzenreitern lieb ist. Unver\u00e4ndert bleibt darum prinzipiell allein die Entscheidung, sich das Urteil \u00fcber Popularit\u00e4t von ausgez\u00e4hlten Wahlakten und ihrer Pr\u00e4sentation in Charts bestimmen zu lassen.<\/p>\n<p>Zur Offenheit und Variabilit\u00e4t tr\u00e4gt auch der geringe Informationsgehalt vieler Charts bei. Wie bereits ausgef\u00fchrt, kann man vielen Charts nicht ablesen, ob die in ihnen aufgef\u00fchrten Ph\u00e4nomene in absoluten Zahlen hoch zu veranschlagen sind; sichtbar ist nur, dass etwas mehr oder weniger gekauft, angeh\u00f6rt, ausgef\u00fchrt wurde. Nat\u00fcrlich ist durch andere Daten, aber auch eigene Beobachtungen (gef\u00fcllte Stadien und Konzerthallen, viel Publicity, gro\u00dfe Warenmengen in vielen Gesch\u00e4ften, allt\u00e4glicher Gebrauch, starke Pr\u00e4senz in der Facebook-Timeline etc.) f\u00fcr den Au\u00dfenstehenden oft recht gut einzusch\u00e4tzen, wie der Status sein mag, ein Moment der Unsicherheit bzw. Unkenntnis bleibt aber mitunter erhalten. Deshalb k\u00f6nnen Charts manchmal erfolgreich den Anschein von Popularit\u00e4t erzeugen: Sie weisen Spitzenpl\u00e4tze aus, die bei Betrachtern, die nicht \u00fcber genauere Kenntnisse verf\u00fcgen, den Eindruck hoher Bekanntheit und Beliebtheit erwecken, auch wenn die Rangunterschiede tats\u00e4chlich blo\u00df zwischen insgesamt mittelm\u00e4\u00dfig rezipierten Dingen bestehen. Solch ein Aufmerksamkeitserfolg wiederum kann in der Folge zur weiter steigenden Popularit\u00e4t auch im Sinne hoher Zahlen beitragen. Auch diese Wirkung bleibt aber verborgen, solange nicht weitere Zahlenangaben zur blo\u00dfen Abfolge der Ranglistenpl\u00e4tze hinzukommen.<\/p>\n<p>Direkt ablesen kann man Charts in den allermeisten F\u00e4llen ebenfalls nicht, ob die hoch platzierten Ph\u00e4nomene sich dort befinden, weil sie der Wahlentscheidung einer Gruppe entstammen, oder ob sie ihren Top-Five-Rang Angeh\u00f6rigen verschiedener Gruppen verdanken. Charts k\u00f6nnen darum im Gegensatz zu soziologischen Erhebungen einen Schichten- und Generationenunterschied (mindestens vor\u00fcbergehend) verdecken oder aufheben, falls auch sonst den Betrachtern weitgehend unklar ist, wer zum Chartserfolg besonders beigetragen hat. Nur selten wei\u00df man, nachdem man auf Charts geschaut hat, wer zu den K\u00e4ufer- und Rezipientengruppen einzelner Titel z\u00e4hlte; fast nie wei\u00df man, ob es sich um dieselben Leute handelte, die im Monat oder Jahr zuvor denselben oder anderen Titeln die Top-Five-Position verschafften.<\/p>\n<p>Bei den \u203aMainstream\u2039-Charts handelt es sich deshalb blo\u00df um eine Behauptung, deren Existenz nicht von genauen Bestimmungen der Chartsbetreiber und ihren damit verbundenen Z\u00e4hlweisen abh\u00e4ngt, sondern von normativen \u00dcberlegungen. Ebenso wenig ist Charts zu entnehmen, dass die Spitzenreiter statistisch gesehen im Bereich des \u203aNormalen\u2039 situiert sind oder dass die Selbstbeschreibung einer \u203aPartei der Mitte\u2039 auf die erfolgreichste Partei zutrifft. Charts zeigen nur an, dass die auf dem ersten Platz anzutreffenden Gegenst\u00e4nde in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe ausgew\u00e4hlt wurden als alle anderen, die sich in den jeweiligen Listen befinden.<\/p>\n<p>Wie die wiederholt angef\u00fchrten Beispiele schon zeigen, besteht die popul\u00e4re Kultur keineswegs nur aus Popmusikcharts und Bestsellerlisten. Hinzu kommen vor allem Ranglisten politischer Wahlen, von Meinungsumfragen und Click Rates. Charts sind auch bei wenig bekannten Gegenst\u00e4nden das Darstellungsmittel der Wahl: Zitationsrankings etwa verzeichnen, welche Autoren und Texte von Wissenschaftlern am h\u00e4ufigsten ausgew\u00e4hlt wurden, um angegeben oder diskutiert zu werden; Kritiker-Bestenlisten setzen sich aus Angaben zu den Favoriten einer Reihe von Kulturjournalisten zusammen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/best-books.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7307\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/best-books.jpg\" alt=\"best books\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/best-books.jpg 1920w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/best-books-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/best-books-768x432.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/best-books-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Bilanz f\u00e4llt darum leicht: Das Chartsprinzip pr\u00e4gt die Darstellung vieler Wahlergebnisse, seine Wirkung ist mitunter gro\u00df. Die Auflistung quantitativ ermittelter Wahlergebnisse geschieht nicht aus Freude an irgendeiner statistischen Ordnung, sondern zielt genau auf die Herauspr\u00e4parierung und Etablierung von Spitzenpositionen. Deren Inhabern kommt dank der Top-Platzierung manchmal eine betr\u00e4chtliche Macht und Wirkung zu: Das, was nach Behauptung der Charts am h\u00e4ufigsten gekauft, gew\u00e4hlt und gemeint wurde, besitzt das Vorrecht. Es bekommt vor\u00fcbergehend noch mehr Aufmerksamkeit, wird zeitweilig verst\u00e4rkt rezipiert und gekauft, in Neuauflagen oder Abwandlungen weiter hergestellt oder fortgef\u00fchrt. Mindestens untergr\u00fcndig (oftmals aber ausdr\u00fccklich) orientieren sich auch P\u00e4dagogen, Eltern, Geschmacksrichter, Wissenschaftler, Verfassungsrechtler an aktualisierten Ranglisten vorherrschender Meinungen \u2013 und nicht nur die Anh\u00e4nger des Starsystems an Bestsellerlisten. Besonders stark f\u00e4llt die Wirkung im politischen und staatlichen Bereich aus: die an die Spitze der Charts gew\u00e4hlten Abgeordneten, Pr\u00e4sidenten, Sheriffs, Richter, B\u00fcrgermeister verf\u00fcgen \u00fcber gro\u00dfe politische, exekutive oder judikative Macht.<\/p>\n<p>Aus der Sicht der W\u00e4hlenden formuliert: Die Mehrheit m\u00fcndiger Erwachsener bestimmt, wer der Gesetzgeber des ganzen Nationalvolks ist (zumeist k\u00f6nnen sie aber nicht die Gesetze selbst diktieren); eine gro\u00dfe Zahl von K\u00e4ufern, Abonnenten, Geb\u00fchrenzahlern bestimmt indirekt mit, was im Fernsehen l\u00e4uft, auf Websites oder in den Zeitschriften steht und in den L\u00e4den liegt; selbst die Wissenschaften unterliegen den z\u00e4hlbaren Trends innerhalb fachlicher Interpretations- und Verifikationsgemeinschaften; kleine Szenen und Periodika ermitteln ihre Favoriten mit den gleichen Verfahren, die sie in den Augen einer gro\u00dfen Zahl zur Minderheit machen.<\/p>\n<p>Erhaben klingen mitunter die \u00dcberzeugungen, die solche Z\u00e4hlverfahren und Orientierungsprinzipien begleiten und begr\u00fcnden: Jeder B\u00fcrger hat die Freiheit zu w\u00e4hlen; im Reich der Politik, des Rechts, der Moral und der Kunst gibt es keine Naturgesetze, sondern nur menschliche, wandelbare Setzungen. Ungew\u00f6hnlicher formuliert: \u203aManipulation\u2039 und \u203aIdeologie\u2039 sind nur leere Worte f\u00fcr die \u00dcberredungsversuche der jeweiligen Gegner. Allt\u00e4glicher h\u00f6rt sich schon an: Was man heute als dringendes Bed\u00fcrfnis erkennt, langweilt einen morgen eventuell bereits wieder. Und f\u00fcr viele, die Wahlfreiheit als hohes Gut feiern, klingt die Auffassung, dass es keine sichere Erkenntnis des Guten und Sch\u00f6nen (vielleicht sogar des Wahren) geben k\u00f6nne, h\u00f6chstwahrscheinlich eher bedrohlich als verhei\u00dfungsvoll: Zwar erweitern sich durch die Verneinung gesicherter, zeitenthobener Einsicht die Wahlm\u00f6glichkeiten enorm, zugleich stellt sich aber unabweislich die Notwendigkeit der Wahl.<\/p>\n<p>Wenn das Sch\u00f6ne, Richtige und Wahre nicht unabh\u00e4ngig von beliebigen Meinungen festst\u00fcnde, k\u00f6nnte es letztlich auch nicht argumentativ festgestellt werden. Um ihm gr\u00f6\u00dfere, vor allem institutionelle Bedeutung zu geben, bliebe dann u.a. als L\u00f6sung \u00fcbrig, sich auf das Resultat bestimmter, tempor\u00e4rer Wahlen und ihrer (relativen) Mehrheiten zu berufen. Das Sch\u00f6nste w\u00e4re dann, was sich an der Spitze der \u00c4sthetik-Charts bef\u00e4nde, das moralisch Richtige, was die meisten in Meinungsumfragen als gut eingestuft h\u00e4tten, das Wahre, was B\u00fcrger, Studenten oder Wissenschaftler \u00fcberwiegend als angemessene Beschreibung ans\u00e4hen. F\u00fcr Aufkl\u00e4rer wie Konservative w\u00e4re dies schwer oder gar nicht zu ertragen: Nach dem Wegfall der Wesensschau und unverbr\u00fcchlicher Anschauungen bes\u00e4\u00dfe das quantitative Prinzip der popul\u00e4ren Kultur mindestens genauso viel Wert wie die von ihnen als unabdingbar eingestuften Qualit\u00e4ten der \u203a\u00e4sthetischen Erfahrung\u2039, des \u203acommon sense\u2039, der systematischen, \u203aobjektiven\u2039 Analyse oder der \u203aBildung\u2039.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/carey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7310\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/carey.jpg\" alt=\"carey\" width=\"850\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/carey.jpg 850w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/carey-300x141.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/carey-768x361.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Anders gesagt und mit einer positiven Wertung versehen: Wenn einem auf vielen Gebieten die essentielle Einsicht fehlt und das richtige Argument deshalb auf diesen Feldern keine Diskussion beschlie\u00dfen kann, ist es sinnvoller, ein z\u00e4hlbares Mehrheitsvotum zu akzeptieren, als Gewalt entscheiden zu lassen \u2013 denn Mehrheiten k\u00f6nnen sich im Laufe fortgef\u00fchrter Debatten wandeln, Gewaltakte hingegen alles still stellen oder vernichten. Zweifellos bleibt es aber Auffassungssache, ob man dieses Ausz\u00e4hlen von Wahlentscheidungen als vor\u00fcbergehendes Mittel zum Zweck ansieht, nach anschlie\u00dfend fortgef\u00fchrter Diskussion zuk\u00fcnftig die richtige Einsicht zu erlangen, oder als Praxis, die solche Einsicht verhindert \u2013 oder als einen im demokratischen Sinne unumg\u00e4nglichen Vorgang, nachdem die \u00dcberzeugung, man k\u00f6nne zur unverg\u00e4nglichen Idee des Sch\u00f6nen, Wahren, Guten vorsto\u00dfen, verabschiedet worden ist.<\/p>\n<p>Eindrucksvoll \u2013 f\u00fcr manche zugleich \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdig oder erschreckend \u2013 klingen diese S\u00e4tze, weil sie das in der westlichen Welt weitgehend durchgesetzte Prinzip der parlamentarischen Wahl \u2013 die Erm\u00e4chtigung durch quantitativ bemessenen Chartserfolg \u2013 auf viele andere Gebiete \u00fcbertragen. Da die Verfahren \u2013 Standardisierung von Alternativen, Ausz\u00e4hlung, Darstellung in Ranglisten \u2013 sehr gut erprobt sind, w\u00e4re es tats\u00e4chlich kein Problem, auf diesem Wege die Spitzenreiter des jeweils als wahr, gut und sch\u00f6n Erachteten zu ermitteln. Viele solcher Ausz\u00e4hlungen finden bereits statt, man m\u00fcsste nur noch den Schritt gehen, z.B. die Top Five der Musikjahrescharts zu den besten Titeln des Jahres und folgerichtig zum Unterrichtsstoff zu erkl\u00e4ren, die in Meinungsumfragen repr\u00e4sentativ ermittelte Pr\u00e4ferenz bei der Russlandpolitik zur au\u00dfenpolitischen Leitlinie, usf.<\/p>\n<p>An diesen Beispielen l\u00e4sst sich jedoch bereits ablesen, dass die Auspr\u00e4gungen der popul\u00e4ren Kultur oftmals nicht auf institutionalisiertem Boden ruhen; ihre Spitzenreiter erfahren zumeist nur mehr Aufmerksamkeit, sie gelten aber in vielerlei Hinsicht nicht als ma\u00dfgebend. Was oftmals in den wichtigsten Sektoren des Staates den Ausschlag gibt \u2013 der Spitzenreiter der Wahlcharts stellt die meisten Abgeordneten oder nimmt das Pr\u00e4sidentenamt ein \u2013, ist eigent\u00fcmlicherweise in vielen anderen, weniger entscheidenden Bereichen au\u00dfer Kraft gesetzt. Darum bleibt der Chartserfolg bei vielen Organisationen bislang weitgehend ohne unmittelbare Auswirkung: Der F\u00fchrende der Spotify-Charts wird nicht zum Creative Director und erst recht nicht zum CEO von Spotify, der Erste der Hardcover-Bestsellerliste nicht der Vorsitzende einer Schrifttumskammer, die Nr. 1 des Zitations-Rankings nicht automatisch Akademiepr\u00e4sident.<\/p>\n<p>Die nachhaltige Beschr\u00e4nkung fast aller popul\u00e4ren Vorlieben und Wahlentscheidungen liegt darin, dass sie direkt folgenlos bleiben. Indirekt verm\u00f6gen sie aber sehr wohl zu wirken. Die Bedeutung der popul\u00e4ren Kultur sollte man deshalb nicht zuletzt daran messen, in welchem Ma\u00df die h\u00e4ufig mit Hilfe der Charts formierte Popularit\u00e4t Entscheidungen der staatlichen Exekutive und der freien Unternehmer beeinflusst. Auch Charts, die nicht auf Volksbefragungen im Rahmen direkter Demokratie beruhen und allenfalls \u00fcber einen informierenden Charakter verf\u00fcgen, besitzen vielfach beachtliche Wirkungen: Subjekte nutzen die Chartsergebnisse dazu, ihren Geschmack und ihre Moral anzupassen oder kontr\u00e4r auszurichten; Medien und Parteien nehmen Umfragewerte als Auftrag oder Best\u00e4tigung; die \u00f6konomische Auswertung von K\u00e4ufen beeinflusst die firmeninterne Planung der k\u00fcnftigen Produktion.<\/p>\n<p>Im \u00f6konomischen, k\u00fcnstlerischen, wissenschaftlichen, juristischen, p\u00e4dagogischen Bereich finden aber keine Wahlen statt, die den Top-Rankings direkt Entscheidungsgewalt verleihen. Die Entscheidung \u00fcber das Richtige, Wahre und Sch\u00f6ne soll nicht von den jeweiligen Spitzenreitern abh\u00e4ngen. Selbst in der politischen Arena, die doch auf dem Chartsprinzip beruht, wird dieser Standpunkt gegenw\u00e4rtig nicht korrigiert. Abgeordnete und die von ihnen legitimierten Exekutiven verzichten z.B. darauf, Schulen auf die Behandlung von Bestsellern zu verpflichten, Gerichte auf weit verbreitete, repr\u00e4sentativ ermittelte Moralvorstellungen, Professoren auf Theoriemoden oder Theater auf Inszenierungen der beliebtesten St\u00fccke.<\/p>\n<p>So gibt es viele Einschr\u00e4nkungen und Grenzen, die eine direkt durchschlagende Wirkung der in Charts ausgewiesenen Vorlieben verhindern: Abgeordnete sind bei parlamentarischen Abstimmungen nur ihrem Gewissen verpflichtet; Verfassungsgerichte haben regelrecht die Aufgabe, bestimmte Mehrheitsentscheidungen zu \u00fcberpr\u00fcfen und eventuell zu revidieren; Wissenschaftler sind aufgerufen, herrschende Ansichten nicht ungepr\u00fcft zu \u00fcbernehmen; auf wirtschaftlichem Gebiet k\u00f6nnen Unternehmen mit Werbekampagnen versuchen, bestehende Mehrheitsansichten zu ver\u00e4ndern, nicht nur sie auszunutzen; moderne K\u00fcnstler sehen im \u00f6konomischen Erfolg geradezu einen \u00e4sthetischen Misserfolg, und viele Museen, Theater und Redaktionen \u00f6ffentlich-rechtlicher Sender folgen ihnen in dieser Auffassung (wenn sie auch nicht selten wenigstens insgeheim gl\u00fccklich sind, vergleichsweise gut besuchte Ausstellungen, Auff\u00fchrungen, Programme zu pr\u00e4sentieren); kein Fernsehsender kann gezwungen werden, etwas zu senden, nur weil es hohe Einschaltquoten verspricht; kein Unternehmen muss Waren herstellen, die ihm von Marktforschern nach der Auswertung von Umfrageergebnissen empfohlen werden; Firmen lassen sich ihre k\u00fcnftigen Investitionen auch nicht von vergangenen oder gegenw\u00e4rtigen Chartserfolgen diktieren, die Entscheidung liegt bei den Eigent\u00fcmern, nicht bei den Kunden, die diese Erfolge herbeigef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Allerdings sind diese letzten \u00dcberlegungen \u00f6konomisch gesehen wertlos, falls sie lediglich das Grundkapital aufzehren. Um nicht vom Markt zu verschwinden, muss ein Unternehmen erfolgreich sein. Eine gro\u00dfe Zahl an K\u00e4ufern dient diesem Ziel, solange sie einen Preis entrichten, der \u00fcber den Herstellungskosten liegt. Deshalb wird unter den Bedingungen kapitalistischer Marktwirtschaft gesetzm\u00e4\u00dfig alles hergestellt, von dem man sich einen profitablen Absatz verspricht, also auch (und wegen positiver Skaleneffekte der Massenproduktion oftmals gerade) das, was relativ viele (voraussichtlich) erwerben wollen und sich leisten k\u00f6nnen (und diese Voraussicht st\u00fctzt sich gerne auf Erfahrungen der Vergangenheit, die Charts abzulesen sind). Auch das als schlecht Erkannte, das Unbeliebte im qualitativen Sinne, wird produziert und publiziert, sofern es im quantitativen Sinne popul\u00e4r ist (genauer gesagt: sofern eine profitable Nachfrage erwartet wird).<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzliche oder sehr weitreichende Gegenkr\u00e4fte zur popul\u00e4ren Kultur sind darum nur in der privaten und staatlichen Sph\u00e4re, in Beh\u00f6rden, Vereinen, Parteien oder Verb\u00e4nden, nicht aber innerhalb des kapitalistischen Wettbewerbs denkbar. Tats\u00e4chlich diskutieren Parlamente regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Verbote m\u00f6glicher popul\u00e4rer Ph\u00e4nomene (Sex- und Gewaltdarstellungen, Beleidigungen, Einblicke in die Intimsph\u00e4re, Satiren, \u203aFake News\u2039, \u203apopulistische\u2039 \u00c4u\u00dferungen, terroristische Aufrufe) und erlassen nicht selten entsprechende Bestimmungen, die Beh\u00f6rden und Gerichte ausf\u00fchren, interpretieren oder \u00fcberpr\u00fcfen (Anfang 2017 hat das deutsche Bundesverfassungsgericht z.B. den Verbotsantrag des Bundesrats gegen eine verfassungsfeindliche, nationalsozialistische Partei zur\u00fcckgewiesen, weil sie zu unpopul\u00e4r sei). Zudem haben fast alle staatlich subventionierten Kulturinstitutionen und \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender den Auftrag, ein Gegenwicht zu den kommerziell erfolgreichen Charts-Spitzenreitern zu bilden. Allerdings setzt dieser Auftrag die popul\u00e4re Kultur mit ihrer Ausrichtung auf hohe Wahlergebnisse nicht vollst\u00e4ndig au\u00dfer Kraft. Viele politische Parteien und ihre Mandatstr\u00e4ger achten unter Berufung auf demokratische Prinzipien darauf, dass Zuschauerzahlen nicht durchg\u00e4ngig gering ausfallen, schon allein deshalb, um ihre eigene Publizit\u00e4t gesichert zu wissen. Vor allem im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk werden darum politische Informationssendungen von Fu\u00dfball\u00fcbertragungen und Krimis flankiert.<\/p>\n<p>Entschiedener gehen sehr viele privat initiierte, haupts\u00e4chlich vom unbezahlten Engagement der Mitglieder getragene Foren und Vereine vor; sie berufen sich noch ausdr\u00fccklicher auf Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4be, um ihre starke Abneigung gegen\u00fcber dem quantitativen Prinzip und der damit verbundenen Bevorzugung der Charts-Ranglistenersten anzuzeigen. Sie versuchen ihre Auffassung auch dann beizubehalten und durchzusetzen, wenn die von ihnen als qualitativ hochwertig erachteten Gegenst\u00e4nde nicht mit einer quantitativ gro\u00dfen Unterst\u00fctzung rechnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Auffassung wird auch von vielen Firmen geteilt, mitunter wegen moralischer oder \u00e4sthetischer \u00dcberzeugungen der Inhaber, zumeist aus Imagegr\u00fcnden (wenn die Werbung die Qualit\u00e4t des Produkts herausstellt und\/oder die Unternehmen in Nischen- oder Luxusm\u00e4rkten engagiert sind). Das bleibt aber die Position einzelner Wettbewerber und besitzt keine Konsequenzen f\u00fcr die Warenproduktion insgesamt, die vom Gesetz der Renditenmaximierung bestimmt wird (prinzipiell ungeachtet m\u00f6glicher Qualit\u00e4tsdefizite profitabler oder auf Profit abzielender Produkte).<\/p>\n<p>Im Rahmen der kapitalistischen Logik kann grunds\u00e4tzlich allenfalls die Frage diskutiert werden, ob das Warenangebot und seine Reklame den gro\u00dfen Absatz, der in Charts teilweise dokumentiert wird, selbst geschaffen hat oder ob die popul\u00e4re Kultur den urspr\u00fcnglichen, substantiellen W\u00fcnschen einer gro\u00dfen Zahl entspringt. Wenn man allerdings nicht voraussetzt, dass es so etwas wie \u203aeigentliche\u2039, m\u00f6glicherweise unterdr\u00fcckte menschliche Bed\u00fcrfnisse gibt (\u00fcber Essen, Trinken, Schlafen hinaus), bleibt die Frage theoretisch bedeutungslos. Popul\u00e4re Kultur versucht diese Frage praktisch bedeutungslos zu machen, weil sie mit dem Z\u00e4hlen und der Auflistung von Wahlergebnissen in Charts nie aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/popularit\u00e4t.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7320\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/popularit\u00e4t.jpg\" alt=\"popularit\u00e4t\" width=\"920\" height=\"690\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/popularit\u00e4t.jpg 920w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/popularit\u00e4t-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/10\/popularit\u00e4t-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des <a title=\"website heft 11 transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3807-3\/pop?c=273\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">transcript Verlags<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Popul\u00e4re Kultur \u2013 eine Neubestimmung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[105774,427,517,702,1325,1495,1806,1859,1865,1867,2368,2386,2488,2489],"class_list":["post-7298","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-algorithmen","tag-charts","tag-demokratie","tag-facebook-likes","tag-kulturtheorie","tag-meinungsumfragen","tag-politische-wahlen","tag-populare-kultur","tag-populaerkulturdefinition","tag-populaerkulturtheorie","tag-top-ten","tag-trending-topics","tag-wahlen","tag-wahlergebnisse"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7298"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7298\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}