{"id":741,"date":"2012-10-15T08:36:03","date_gmt":"2012-10-15T06:36:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=741"},"modified":"2012-10-15T08:36:03","modified_gmt":"2012-10-15T06:36:03","slug":"popcorn-und-popteil-2von-thomas-hecken15-10-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/10\/15\/popcorn-und-popteil-2von-thomas-hecken15-10-2012\/","title":{"rendered":"Popcorn und Pop(Teil 2)von Thomas Hecken15.10.2012"},"content":{"rendered":"<p>Pop-Zeitschriften und wir<!--more-->Im ersten Teil dieser kleinen Geschichte der Zeitschriften, die (wie unsere Printausgabe \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab heute) als Obertitel \u00bbPop\u00ab stehen hatten, konnten wir im deutschsprachigen Raum den Weg von \u00bbPop\u00ab \u00fcber \u00bbPopRocky\u00ab nach \u00bbPopcorn\u00ab gehen. Tats\u00e4chlich war es ein deutscher Sonderweg. Im englischsprachigen Raum gab es keine bekannten Entsprechungen. \u00bbMelody Maker\u00ab (inzwischen eingestellt) und \u00bbNew Musical Express\u00ab entspringen \u00e4lteren Quellen und tragen im Titel deshalb keinen Pop-Verweis. Die bekannteren amerikanischen Zeitschriftenneugr\u00fcndungen in den Jahren und Jahrzehnten nach 1968 sind nicht dem Pop, sondern dem Rock verpflichtet und hei\u00dfen deshalb \u00bbRolling Stone\u00ab, \u00bbCreem\u00ab, \u00bbPunk\u00ab und (am Ende der zeitlichen Reihe fehlt schon der rechte Elan) \u00bbSpin\u00ab. Wahrscheinlich wird es einige Zeitschriften in den USA und Gro\u00dfbritannien unter der Pop-Losung gegeben haben, aber der Rockhegemon hat wohl in den 1970er Jahren ihre internationale Verbreitung verhindert.<\/p>\n<p>Immerhin, heute gibt es eine Illustrierte, die umstandslos \u00bbPop\u00ab hei\u00dft und aus England kommt. Doch halt, verlegt wird sie von der Bauer Media Group. Pop \u2013 eine deutsche Dom\u00e4ne? Wenn man sich die Toptitel des deutschen Bauer-Stammhauses anschaut (\u00bbBravo\u00ab, \u00bbInTouch\u00ab, \u00bbTina\u00ab, \u00bbBilligflieger.de\u00ab), muss man das wohl bejahen. Progressive Kreativdirektoren haben aber in England bei Bauer London Lifestyle Ltd. gemeint, nicht darauf verzichten zu k\u00f6nnen, ein weiteres avanciertes Modejournal zu ver\u00f6ffentlichen. Originell daran ist nur der Titel \u00bbPop\u00ab. Im Heft das gewohnte Bild: die ersten zwanzig, drei\u00dfig Seiten dieselben Anzeigenstrecken von Louis Vuitton bis Dsquared2, die man in allen Magazinen dieser Art findet, dann einige Pseudowortbeitr\u00e4ge mit hohem Anspruch (gesungen wird das ewig moderne Lied des kreativen Sch\u00f6pfers), danach redaktionelle Fotostrecken mit originellen Posen und Settings (originell nat\u00fcrlich nur gemessen an der Modefotografie vor WK II). Kurz und gut: Fantastische Farben, erstklassiges Layout, wagemutige Fotografen, hochklassige Mode, aber nur der Rede wert, wenn es nicht hunderte Bl\u00e4tter gleichen Inhalts g\u00e4be.<\/p>\n<p>Dennoch hatte die Zeitschrift ihren geschichtlichen Moment. Er liegt nicht lange zur\u00fcck. Von 2008 bis Ende 2010 firmierte Daria Schukowa als \u00bbeditor-in-chief\u00ab von \u00bbPop\u00ab. Schukowa, Jahrgang 1981, Tochter eines russischen \u00d6lmagnaten und (in Italien deshalb zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilten) Waffenh\u00e4ndlers, war zu der Zeit bereits die Freundin von Roman Abramowitsch, dem vielfachen Milliard\u00e4r, der sich in den Wirren nach der Selbstaufl\u00f6sung der Sowjetunion beachtliche Teile der ehemals verstaatlichten Ressourcen aneignen konnte (irgendjemand muss in der freien Marktwirtschaft ja als Eigent\u00fcmer bereitstehen).<\/p>\n<p>Zu einer der Taten Schukowas f\u00fcr \u00bbPop\u00ab aus dem Bauer Verlag z\u00e4hlte der Auftrag f\u00fcr Takashi Murakami, Fotos von Britney Spears f\u00fcr das Cover zu bearbeiten (au\u00dferdem im Heft: ein Ex-Pr\u00e4sidentengattinnen-Interview von Barbara Bush mit Hillary Clinton sowie eine Arbeit von Cindy Sherman). Bei der New York Fashion Week im Sp\u00e4tsommer 2010, auf der Marc Jacobs seine Seventies-inspirierte Show zeigte, veranstaltete sie eine Party, auf der u.a. Iggy Pop auftrat. Starg\u00e4ste Chlo\u00eb Sevigny und Gwen Stefani h\u00f6rten dem Rockidol zu und schauten an der Bar auf \u00bbraunchy hard-core sex tapes scratched and reworked by the photographer Sante D\u2019Orazio\u00ab, wie es im Partybericht auf der Internetseite der \u00bbNew York Times\u00ab hei\u00dft.<\/p>\n<p>Schukowa ist zudem die Gr\u00fcnderin des Moskauer Garage Center for Contemporary Culture, das Ausstellungen von Mark Rothko, zu \u00bbHundred Years of Performance\u00ab und im Winter 2010\/11 zu \u00bbVinyl: Records and Covers by Artists\u00ab (etwa von Dieter Roth, Velvet Underground, Sonic Youth, Laurie Anderson) zeigt. Sie durfte nat\u00fcrlich auch nicht fehlen, als Francesco Vezzoli sein Spektakel \u00bbBallet Russes Italian Style (The Shortest Musical You Will Never See Again)\u00ab mit Unterst\u00fctzung von Frank Gehry, Lady Gaga, Prada auff\u00fchrte. Zwar nicht anwesend, aber verantwortlich f\u00fcr das Design von Gagas Piano (\u00bbpink, with cobalt butterflies painted on it\u00ab), das sie w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung spielt, war Damien Hirst. Gagas Kleid hingegen ging auf einen Klassiker der Moderne zur\u00fcck (\u00bbdesigned by Vezzoli and Miuccia Prada, after the costume that Giorgio de Chirico made for Diaghilev\u2019s \u203aLe Bal\u2039\u00ab \u2013 nach Angabe des \u00bbNew Yorker\u00ab). In der Auff\u00fchrung gab es noch eine andere Reminiszenz an die Tage der modernen Avantgarde: Lady Gagas Kopf war auf Plakaten nach Art des sowjetischen Konstruktivismus zu sehen. Die wichtigsten G\u00e4ste der Veranstaltung kamen freilich aus dem aktuellen russischen Gegenentwurf zum Sowjetstaat, besagte Schukowa mit Anhang.<\/p>\n<p>Mit Bauers \u00bbPop\u00ab-Magazin unter der Leitung Schukowas ist das, was ich als <a title=\"Thomas Hecken Buchpublikation Avant-Pop\" href=\"http:\/\/www.posth-verlag.de\/reihen\/schriften-zur-popkultur\/hecken-avant-pop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbAvant-Pop\u00ab<\/a> bezeichne, zur h\u00f6chsten Form der Mode\/Avantgarde\/Reichen-Kunst verschmolzen. Mit Schukowa als Nukleus wird der Avant-Pop \u00fcberall f\u00fcndig: Marc Jacobs bei \u00bbTaxi Driver\u00ab und Takashi Murakami, Murakami bei Louis Vuitton und Britney Spears, die Bauer-Media-Group bei Iggy Pop, Damien Hirst bei Lady Gaga, Gaga bei Armani, Francesco Vezzoli und Frank Gehry, Francesco Vezzoli bei Prada, Gaga, Gehry, Diaghilev usf. (Sonic Youth und Laurie Anderson sind auch nicht weit)<\/p>\n<p>Mit Schukowas Abgang hat sich am Avant-Pop-Zuschnitt von \u00bbPop\u00ab aus dem Hause Bauer Media nichts ge\u00e4ndert, das aktuelle Heft (Nr. 27, Autumn\/Winter 2012) bietet die Bernadette Corporation, Yayoi Kusame, Armani in China, Venus X auf. Es fehlt aber nat\u00fcrlich der Glamour der resozialisierten sowjetischen Rohstoff-Milliarden.<\/p>\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Dann gibt es noch eine mutige englische Zeitschriften-Neugr\u00fcndung \u00bbWe Love Pop\u00ab, Zielgruppe 13- bis 15-j\u00e4hrige M\u00e4dchen, wie der Verlag, Egmont Publishing, mitteilt. Viel Gl\u00fcck, sonst muss am Ende die Deutsche Forschungsgemeinschaft allein Pop retten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pop-Zeitschriften und wir<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1309,1315,1816,1843,2337,2589],"class_list":["post-741","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-kritik","tag-kultur","tag-pop","tag-popcorn","tag-thomas-hecken","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=741"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/741\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}