{"id":7451,"date":"2017-11-07T09:48:39","date_gmt":"2017-11-07T07:48:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7451"},"modified":"2017-11-07T09:48:39","modified_gmt":"2017-11-07T07:48:39","slug":"die-wiederkehr-der-schoenheit-ueber-einige-unangenehme-begegnungenvon-wolfgang-ullrich07-11-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/11\/07\/die-wiederkehr-der-schoenheit-ueber-einige-unangenehme-begegnungenvon-wolfgang-ullrich07-11-2017\/","title":{"rendered":"Die Wiederkehr der Sch\u00f6nheit \u00dcber einige unangenehme Begegnungenvon Wolfgang Ullrich07.11.2017"},"content":{"rendered":"<p>Die Identit\u00e4re Bewegung im Kontext<!--more--><\/p>\n<p>Ich komme aus einer Zeit, zu der es selbstverst\u00e4ndlich war, Probleme mit der Sch\u00f6nheit zu haben. Zumal in Verbindung mit Kunst stand sie unter dem Verdacht, Missst\u00e4nde zu verharmlosen oder zu vertuschen und damit letztlich repressiv zu sein. Zumindest aber galt es als bieder, Sch\u00f6nheit zu reklamieren. \u201eDie nicht mehr sch\u00f6nen K\u00fcnste\u201c war die \u2013 genau im Jahr 1968 \u2013 zum Buchtitel gewordene Formel f\u00fcr mehr als nur eine Generation.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In dem \u201enicht mehr\u201c lag keinerlei kulturpessimistisches Bedauern, sondern viel eher die Genugtuung und \u00dcberzeugung, es handle sich um einen Fortschritt, endlich jegliche Fixierung auf Sch\u00f6nheit \u00fcberwunden zu haben.<\/p>\n<p>Als ich w\u00e4hrend meines Studiums zusammen mit einer Gaststudentin aus New York \u00fcber ein Jahr hinweg \u2013 1989\/90 \u2013 Martin Heideggers Aufsatz \u201eDer Ursprung des Kunstwerkes\u201c las und dabei herausgefordert war, der Nicht-Deutschen semantische Zwischent\u00f6ne der Diktion sowie ideengeschichtliche Zusammenh\u00e4nge zu erkl\u00e4ren, diskutierten wir auch lange \u00fcber die einzige Passage des Textes, in der es \u2013 zu meinem damaligen Missfallen sehr emphatisch \u2013 um Sch\u00f6nheit geht. Diese sei, so Heidegger, \u201eeine Weise, wie Wahrheit als Unverborgenheit west\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. In Gestalt eines Kunstwerks erzeugt Sch\u00f6nheit also eine Evidenz, der sich niemand entziehen kann. Wie totalit\u00e4r das gemeint ist, verdeutlichen andere Aussagen, die zur Zeit meiner Lekt\u00fcre, obwohl es damals schon eine Debatte \u00fcber Heideggers Rolle im Nationalsozialismus gab, gerne \u00fcberlesen wurden. So hei\u00dft es etwa, formuliert im Jahr 1936 und erstmals publiziert in der Bundesrepublik des Jahres 1950: \u201eImmer wenn Kunst geschieht, [&#8230;] kommt in die Geschichte ein Sto\u00df, f\u00e4ngt Geschichte erst oder wieder an. [&#8230;] Geschichte ist die Entr\u00fcckung eines Volkes in sein Aufgegebenes als Einr\u00fcckung in sein Mitgegebenes.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Dass ein Volk dann, wenn Kunst und Sch\u00f6nheit sich ereignen, wie Soldaten in eine Kaserne einr\u00fcckt, befremdete mich. Weiter hei\u00dft es, die Erfahrung von Kunst, also von Sch\u00f6nheit, \u201evereinzelt die Menschen nicht auf ihre Erlebnisse, sondern r\u00fcckt sie ein in die Zugeh\u00f6rigkeit zu der im Werk geschehenden Wahrheit und gr\u00fcndet so das F\u00fcr- und Miteinandersein\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Ein solcher Vorgang kollektiver \u00dcberw\u00e4ltigung und Gemeinschaftskonstitution aber besitzt sogar faschistischen Charakter, zumindest wenn man der Etymologie folgt und auf das lateinische \u201afascis\u2018 verweist, das \u201aRutenb\u00fcndel\u2018 meint und eine Machtinsignie benennt, mit der geschlagen und alles und jedes auf Linie gebracht werden kann. Ich f\u00fchlte mich daher best\u00e4tigt im Argwohn gegen das Sch\u00f6ne und sah es fortan nicht nur als naiv-harmonisierend oder verlogen, sondern sogar als aggressiv gleichschaltend an.<\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter in meinem Studium lernte ich jedoch eine Tradition des Sch\u00f6nheitsbegriffs besser kennen, die Heideggers Auffassung diametral gegen\u00fcbersteht. Ich las viel Kant und fast genauso viel Schiller, die das Sch\u00f6ne beide als eine Erfahrung w\u00fcrdigen, die dem Einzelnen zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung verhilft. Etwas als sch\u00f6n wahrzunehmen, bedeutet f\u00fcr Kant, in einen Modus der Kontemplation und Reflexion zu geraten und sich an dem \u201afreien Spiel\u2019 zu erfreuen, in das die Erkenntniskr\u00e4fte eintreten. Es hei\u00dft, Abstand nehmen zu k\u00f6nnen von Denkroutinen und sich belebt, in \u201eSchwung\u201c versetzt zu f\u00fchlen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Doch so sehr die Erfahrung des Sch\u00f6nen bei Kant dem jeweiligen Subjekt zukommt, so sehr denkt er sie zugleich in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. Im Zuge eines Gedankenexperiments behauptet er n\u00e4mlich, dass \u201eein verlassener Mensch auf einer w\u00fcsten Insel\u201c sich nicht f\u00fcr Sch\u00f6nes interessieren k\u00f6nne. Den einzelnen befriedige \u201eein Objekt nicht [&#8230;], wenn er das Wohlgefallen an demselben nicht in Gemeinschaft mit andern f\u00fchlen kann\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Es ist also offenbar wichtig, im Moment der Erfahrung von Sch\u00f6nem zu wissen, dass das andere Menschen grunds\u00e4tzlich genauso wahrnehmen k\u00f6nnen. Sie alle sind n\u00e4mlich gleicherma\u00dfen \u2013 qua Menschen \u2013 in der Lage, in jenen Modus freier Reflexion zu gelangen; man kann sich ihnen daher verbunden f\u00fchlen, sobald man etwas als sch\u00f6n erf\u00e4hrt. Doch so sehr dadurch die Idee eines \u201asensus communis\u2019 geweckt und ein universalistischer Geist gest\u00e4rkt wird, so wenig ereignet sich eine kollektive \u00dcberw\u00e4ltigung oder konstituiert oder vergewissert sich gar ein Volk. Vielmehr erlaubt die Erfahrung von Sch\u00f6nheit jedem, bei sich zu bleiben oder sogar erst zu sich zu finden.<\/p>\n<p>Vor allem diese Dimension betont auch Schiller, wenn er herausstellt, dass es dem Menschen durch die Erfahrung der Sch\u00f6nheit \u201em\u00f6glich gemacht ist, aus sich selbst zu machen, was er will\u201c, ja dass \u201eihm die Freiheit, zu sein, was er sein soll, vollkommen zur\u00fcckgegeben ist\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Das Sch\u00f6ne ist damit eine emanzipatorische Kraft, weit entfernt davon, jemanden dazu zu zwingen, irgendwo einzur\u00fccken. Aber auch bei Schiller f\u00fchrt der Umgang mit Sch\u00f6nem nicht nur zu einer St\u00e4rkung des Individuums, sondern erteilt diesem zugleich \u201eeinen <i>geselligen Charakter<\/i>\u201c, da sie Harmonie in ihm stiftet und damit \u201eHarmonie in die Gesellschaft\u201c bringt.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Insgesamt beschreibt Schiller die Sch\u00f6nheit als eine Erfahrung, die integrierend wirkt und Grenzen zwischen Lebensbereichen sowie zwischen Menschen aufzuheben vermag.<\/p>\n<p>So idealistisch Schillers Idee einer \u00e4sthetischen Erziehung sein mag, so konnte ich durch sie doch endlich Frieden schlie\u00dfen mit der Sch\u00f6nheit. Das hatte auch damit zu tun, dass ich mittlerweile misstrauischer gegen\u00fcber dem Credo der Moderne geworden war, die Kunst solle \u201enicht mehr\u201c sch\u00f6n sein. Immerhin f\u00fchrte gerade dies zu diversen Spielarten von Schroffheit und Verweigerung \u2013 und damit zu einer Exklusivierung, ja zu neuen Grenzen, was die gesellschaftspolitischen Ziele der Avantgarde unglaubw\u00fcrdig werden lie\u00df, zumindest aber um ihren m\u00f6glichen Erfolg brachte.<\/p>\n<p>Der Frieden hielt f\u00fcr mich bis zum Jahr 2015. Damals erschienen kurz hintereinander zwei B\u00fccher, die mir bewusst machten, dass nun wieder \u2013 f\u00fcr mich zuerst sehr \u00fcberraschend \u2013 Konzepte von Sch\u00f6nheit auf dem Vormarsch sind, die auf \u00dcberw\u00e4ltigung statt auf Emanzipation setzen. Das erste der beiden B\u00fccher tr\u00e4gt den Titel <i>Die Errettung des Sch\u00f6nen<\/i>; sein Autor ist Byung-Chul Han. Er war f\u00fcr einige Jahre mein Kollege an der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Karlsruhe, daher kannte ich bereits seine kulturpessimistische, antimoderne Neigung, \u00fcber die wir mehr als nur einmal in Disput geraten waren. Auch seine N\u00e4he zu Heidegger verleugnete er nie. Dennoch war ich erstaunt, dass Han schon auf den ersten Seiten seines Buchs die \u201eSto\u00dfwirkung\u201c der Kunst beschwor. Etwas Sch\u00f6nes, so seine Worte, \u201est\u00f6\u00dft den Betrachter um\u201c, und \u201eder Anblick des Sch\u00f6nen l\u00f6st kein Wohlgefallen, sondern eine Ersch\u00fctterung aus\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Ausdr\u00fccklich kritisiert Han Kant daf\u00fcr, \u201edas Sch\u00f6ne in seiner Positivit\u00e4t\u201c zu isolieren und auf ein \u201eautoerotisches Gef\u00fchl\u201c zu reduzieren: \u201eDas Sch\u00f6ne ist [bei Kant] nicht das <i>Andere<\/i>, von dem sich das Subjekt hinrei\u00dfen lie\u00dfe. Das Wohlgefallen am Sch\u00f6nen ist das Wohlgefallen des Subjekts an sich selbst.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Folgt man Han, hat Kant damit bereits einer schmeichelnd-glatten Konsum\u00e4sthetik den Boden bereitet, die heute alles beherrsche und zu totaler Oberfl\u00e4chlichkeit f\u00fchre, welche durch die Digitalisierung und die Sozialen Medien, die nur unspezifische \u201aLikes\u2018 und \u201aFriends\u2018 kennen, weiter gesteigert werde. Dagegen f\u00fchrt Han Carl Schmitt ins Feld, der nicht viele Freunde, sondern <i>einen<\/i> Feind f\u00fcr erstrebenswert gehalten habe, mit dem man sich k\u00e4mpfend auseinandersetzen m\u00fcsse, \u201eum das eigene Ma\u00df, die eigene Grenze, die eigene Gestalt zu gewinnen\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>. Nur so \u2013 das Hans Credo \u2013 entstehe Dauer, Verbindlichkeit, Sch\u00f6nheit.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Von Carl Schmitt \u00fcbernimmt Han auch eine Verkl\u00e4rung des Ausnahmezustands, als den er das Ereignis der Sch\u00f6nheit betrachtet. Das aber verbindet ihn ebenso mit Heidegger, f\u00fcr den klar ist, dass nur selten ein Sto\u00df in die Geschichte kommt, durch den jedoch \u201edas Ungeheure aufgesto\u00dfen und das bislang geheuer Scheinende umgesto\u00dfen\u201c werde.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Sch\u00f6nheit \u00fcberwindet, zumindest teil- und zeitweise, Seinsvergessenheit und Nihilismus, auf sie richten sich daher adventistische Hoffnungen auf eine sinnerf\u00fcllte Zukunft, einen anderen Anfang.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnliche T\u00f6ne schl\u00e4gt das zweite Buch an, in dem mir im Jahr 2015 die Wiederkehr eines ebenso martialischen wie soteriologischen Verst\u00e4ndnisses von Sch\u00f6nheit begegnete. Es stammt von Philipp Ruch, dem Gr\u00fcnder und Chef des <i>Zentrums f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit<\/i>, einer Berliner Gruppe von Kunstaktivisten, die seit 2008 mit etlichen gro\u00df angelegten Aktionen auf sich aufmerksam machen, vor allem weil sie die Grenzen zwischen Kunst und Politik provokant missachten. In seinem Buch \u2013 mit dem Titel <i>Wenn nicht wir, wer dann?<\/i> \u2013 beschw\u00f6rt Ruch Sch\u00f6nheit als \u201edas Erdbeben unserer Existenz\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>. Sch\u00f6nheit k\u00f6nne \u2013 und das ist durch und durch positiv gemeint \u2013 \u201eein ganzes Leben zerkrachen lassen\u201c, sei daher \u201eein Wagnis und nur etwas f\u00fcr risikobereite Seelen\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>. Habe man sie erfahren, \u201elangweilt [&#8230;] einen, was auf dieser Welt sicher ist\u201c.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit ist f\u00fcr Ruch und das <i>Zentrum f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit<\/i> also ebenfalls gerade keine Erfahrung, die in einen Zustand freier Reflexion versetzt. Als politische Kategorie soll sie vielmehr l\u00e4uternd und erhebend wirken und den sonst \u201eperfekten Nihilismus empfindlich st\u00f6r[en]\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>. Sch\u00f6nheit wird gem\u00e4\u00df Ruch durch nichts st\u00e4rker verk\u00f6rpert als durch ein von humanistischen Idealen getragenes Handeln, und entsprechend sieht er es als die Aufgabe des Kunstaktionismus an, musterhaft \u201eHandlungen mit moralischer Lichtintensit\u00e4t\u201c zu initiieren. Da diese aber am st\u00e4rksten im Kontrast zur \u201eFinsternis und Abgr\u00fcndigkeit der gr\u00f6\u00dften Verbrechen\u201c zur Geltung k\u00e4men, sind Genozide das wichtigste Sujet der Kunst des <i>Zentrums f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit<\/i>.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Dabei geht es nie nur darum, Opfern und Verfolgten zu helfen, sondern vielmehr dem heimischen Kunstpublikum \u2013 denjenigen, die an Aktionen teilnehmen oder sie mitfinanzieren \u2013 die Erfahrung der \u201eSchlagkraft von Sch\u00f6nheit\u201c zu bereiten, sei sie doch \u201ef\u00fcr den Reichtum der Seele unabdingbar\u201c. In der nihilistischen Gegenwart leide der Mensch hingegen darunter, \u201eSch\u00f6nheit nicht mehr zu f\u00fchlen\u201c, er habe den Zugang zum \u201etiefen Brunnen\u201c der Seele verloren und f\u00fchle sich deshalb wertlos, wie es in Ruchs kulturkritischem Manifest hei\u00dft.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Ich rezensierte 2015 sowohl das Buch von Byung-Chul Han als auch das von Philipp Ruch und zog mir beider Unmut zu, als ich mich gegen ihren Sch\u00f6nheitsbegriff und ihren Adventismus \u2013 gegen die Vorstellung, die Welt k\u00f6nne durch eine Wiederkehr von echtem Sch\u00f6nen genesen \u2013 wandte.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Zwar war ich mit meinem Missfallen nicht alleine, doch fanden beide B\u00fccher auch viel Zustimmung, ja Han und Ruch haben jeweils zuverl\u00e4ssige Fangemeinden. Interessant ist f\u00fcr mich, dass selbst Kritiker aber nie so weit gingen, die Verbindung zwischen Han und Ruch und dem Sch\u00f6nheitsverst\u00e4ndnis Heideggers aufzuzeigen. Dann w\u00e4re man wohl nicht umhingekommen, beide Autoren genauer hinsichtlich ihres Verh\u00e4ltnisses zu Gewalt zu befragen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2015 erfuhr ich, dank Michel Houellebecqs Roman <i>Unterwerfung<\/i>, auch erstmals von der Identit\u00e4ren Bewegung, und 2017 begann ich damit, Texte ihrer Vertreter sowie einiger anderer rechter und rechtsextremer Autoren zu lesen. Bei ihnen erwartete ich von vornherein einen ebenso martialischen wie adventistischen Duktus, einen Neoheideggerianismus \u2013 und nicht zuletzt ein schw\u00e4rmerisch-totalit\u00e4res Verst\u00e4ndnis von Sch\u00f6nheit. Tats\u00e4chlich finden sich gen\u00fcgend Belege daf\u00fcr, und im Unterschied zu Han und Ruch wird das nun vor allem auch in v\u00f6lkischen Kategorien diskutiert. Sie sind zentral f\u00fcr die Identit\u00e4re Bewegung. Eines ihrer Hauptdogmen, der Ethnopluralismus, besagt, dass jede Ethnie in dem ihr angestammten Raum verbleiben und dort m\u00f6glichst rein bewahrt werden soll. Jede Form von Multikulturalismus wird abgelehnt und vielmehr, in aristotelischem Essentialismus, suggeriert, es gebe eine unab\u00e4nderlich feststehende Anzahl an Ethnoentit\u00e4ten. Seit wann es sie gibt und warum sich an ihnen nichts \u00e4ndern darf, bleibt ebenso unklar wie das Verh\u00e4ltnis zwischen verschiedenen Zugeh\u00f6rigkeiten, die jeder Mensch besitzt. Manchmal scheinen die Identit\u00e4ren in Nationen zu denken, manchmal in Kulturkreisen, manchmal in Rassen, manchmal in Sprachr\u00e4umen. In einzelnen Aktionen setzen sie sich f\u00fcr die Identit\u00e4t Deutschlands oder die Identit\u00e4t Frankreichs ein, w\u00e4hrend sie parallel eine Aktion wie \u201eDefend Europe\u201c starten, bei der im Sommer 2017 eine internationale Besatzung \u2013 paradoxerweise sogar zusammen mit Vertretern der US-amerikanischen Alt Right-Bewegung \u2013 ein Schiff charterte, um im Mittelmeer die Fl\u00fcchtlingsrettungspolitik von NGOs zumindest zu beobachten, vielleicht auch zu behindern.<\/p>\n<p>Einige Identit\u00e4re berufen sich mit dem Ethnopluralismus-Dogma, das zwar grunds\u00e4tzlich eine Gleichwertigkeit verschiedener Ethnien impliziert, in der Praxis aber doch immer zumindest auf einen westlichen Kulturchauvinismus hinausl\u00e4uft, ausdr\u00fccklich auf Martin Heidegger.<\/p>\n<div id=\"attachment_7452\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BMqU0aVhIp-\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7452\" class=\" wp-image-7452\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.29.11.png\" alt=\"Martin Sellner liest Heidegger, lernt bei Thomas von Aquin, wie man sich als Christ erfolgreich gegen Moslems und Juden behauptet, und bekennt sich zu Donald Trump\" width=\"600\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.29.11.png 697w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.29.11-300x192.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7452\" class=\"wp-caption-text\">Martin Sellner liest Heidegger, lernt bei Thomas von Aquin, wie man sich als Christ erfolgreich gegen Moslems und Juden behauptet, und bekennt sich zu Donald Trump<\/p><\/div>\n<p>So diskutieren etwa Martin Sellner, der wohl bekannteste Identit\u00e4re aus \u00d6sterreich, und Walter Spatz, Mitglied der deutschen Identit\u00e4ren Bewegung, in einem (ebenfalls) 2015 \u2013 unter dem Titel <i>Gelassen in den Widerstand<\/i> \u2013 publizierten \u201eGespr\u00e4ch \u00fcber Heidegger\u201c dar\u00fcber, wie gut man von dem Philosophen lernen k\u00f6nne, dass es \u201egerade nicht die Mi\u00dfachtung der anderen\u201c zu bedeuten brauche, wenn es gelinge, \u201eals Volk geschichtlich zu werden und eine seinsgeschichtliche Aufgabe zu erkennen\u201c. Vielmehr gehe es um den \u201eVersuch, in dem Drama der Vernichtung, das sich vor unseren Augen abspielt, Kulturr\u00e4ume zerst\u00f6rt, Menschen entwurzelt und uns \u201aweltarm\u2019 macht, einen Boden und einen Widerstand \u2013 Bodenst\u00e4ndigkeit zu finden\u201c. Daher m\u00fcsse jedes Volk, so Martin Sellner, \u201eaus sich heraus seine Verstrickung und Verantwortung im epochalen Verlauf der Seinsgeschichte finden und in einer Annahme des Erbes den Nihilismus auf seine eigene Weise verwinden.\u201c<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Der letzte Satz entspricht inhaltlich Heideggers Definition von Geschichte als \u201eEntr\u00fcckung eines Volkes in sein Aufgegebenes\u201c sowie \u201eals Einr\u00fcckung in sein Mitgegebenes\u201c: Nur wer sein Erbe annimmt, kann die Seinsvergessenheit \u00fcberwinden und (wieder) geschichtlich werden. Walter Spatz konkretisiert das, wenn er davon spricht, dass die Entscheidung zum eigenen Dasein, zu Volk und Geschichte, erst einmal eine Ent-Scheidung, also eine Trennung, Abspaltung und Abwendung \u2013 Sezession \u2013 verlange. Die \u201eEinzigsten\u201c, als die er die Identit\u00e4ren versteht, m\u00fcssten sich von jeglichem Mainstream distanzieren, um das Eigene \u00fcberhaupt erst zu erkennen und dann auch annehmen zu k\u00f6nnen. \u201eDas Abwenden macht das Hinwenden erst m\u00f6glich\u201c, schreibt Spatz, womit er sich und seinen Mitstreitern eine heroische Oppositionsrolle, gar eine m\u00e4rtyrerhafte Mission zuspricht.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a><\/p>\n<p>Bei Sellner klingt das noch viel pathetischer, und vor allem wird durch seine Worte bewusst, dass die aus Boden und Widerstand hervorgehende Bodenst\u00e4ndigkeit auch ein \u00e4sthetisches Programm verlangt: \u201eUnser Ziel ist die geistige Versch\u00e4rfung. Wir wollen die Herzen in Brand setzen, etwas in Bewegung bringen, die entscheidenden Fragen erneut, tiefer und mit politischen Folgen stellen. Die geistige Unruhe, der schlafende Furor teutonicus, das ewig unzivilisierbare, urdeutsche Fieber, das uns aus germanischen Urw\u00e4ldern wie aus gotischen Kathedralen entgegenstrahlt, versammelt sich in uns.\u201c<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>Wie aber setzt man Herzen in Brand und gibt das Strahlen, das man in sich zu sp\u00fcren glaubt, an andere weiter? In einem neueren Text, der seine Arbeit in der Identit\u00e4ren Bewegung zum Thema hat, beschw\u00f6rt Sellner in \u00e4hnlicher Metaphorik das \u201eLeuchtfeuer\u201c, das in jeder Aktion \u201eals Zeichen der Hoffnung aufscheinen\u201c solle. Dem Politaktivismus wird somit eine entscheidende Rolle zugesprochen. Jede Aktion solle \u201eder Bewegung Bekanntheit und Profil verschaffen und neue Aktivisten, Sympathisanten oder Unterst\u00fctzer gewinnen\u201c. Dazu aber m\u00fcsse sie, so Sellners Worte, \u201ekreativ und sch\u00f6n\u201c sein. \u00c4hnlich formuliert es Mario Alexander M\u00fcller, Leiter von <i>Kontrakultur<\/i>, einer Identit\u00e4ren Gruppierung in Halle, der vom \u201e\u00e4sthetischen Gestaltungswillen\u201c des Aktivismus spricht und proklamiert, dessen \u201eMa\u00dfstab\u201c sei \u201edas Gute und das Sch\u00f6ne\u201c: \u201eJedes Banner mu\u00df ein Gem\u00e4lde, jede Parole ein Gedicht, jede Aktion ein B\u00fchnenst\u00fcck sein!\u201c Die Sch\u00f6nheit sei deshalb so wichtig, weil \u201esie [uns] widerf\u00e4hrt und bewegt [&#8230;], ohne da\u00df wir etwas dagegen tun k\u00f6nnen\u201c. <a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Sch\u00f6nheit ist also ein Mittel der Mission, mit ihr lassen sich neue Anh\u00e4nger rekrutieren.<\/p>\n<p>Taucht auch hier wieder das Motiv der \u00dcberw\u00e4ltigung auf, so wundert dennoch die prononcierte Verwendung der Vokabel \u201asch\u00f6n\u2019. So fordert Sellner im selben Zusammenhang, in dem er von \u201aLeuchtfeuer\u2019 und \u201aHoffnung\u2019 schw\u00e4rmt, jede Aktion habe \u201ewie eine visuelle Flaschenpost aus der Zukunft die kommenden, noch viel schrecklicheren Szenarien im Hier und Jetzt sichtbar zu machen.\u201c Und weiter: \u201eDer Effekt mu\u00df ein heilsamer Schock sein, der das gesamte Bewu\u00dftsein ver\u00e4ndert.\u201c<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/p>\n<p>Dass Sch\u00f6nheit als Erdbeben und Ersch\u00fctterung wirken k\u00f6nne, behaupten auch Han und Ruch, aber w\u00e4hrend sie dabei vornehmlich an eine \u00c4sthetik des Erhabenen denken, sind Sellners Beispiele anderen Charakters: \u201eEine Burka auf einer Statue, [&#8230;] eine provokante Botschaft, die mit einem Laster auf die Fassade eines Parlaments projiziert wird, ein Besuch von verkleideten DDR-Beamten und Burkatr\u00e4gerinnen sind Beispiele unserer \u00e4sthetischen Interventionen.\u201c<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_7453\" style=\"width: 611px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BNY1RjDh7Ej\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7453\" class=\" wp-image-7453\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.30.58.png\" alt=\"In der Nacht vom 28. zum 29. November 2016 verh\u00fcllten Identit\u00e4re in Wien ein Denkmal von Kaiserin Maria Theresia mit einer Burka\" width=\"601\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.30.58.png 696w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.30.58-300x192.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7453\" class=\"wp-caption-text\">In der Nacht vom 28. zum 29. November 2016 verh\u00fcllten Identit\u00e4re in Wien ein Denkmal von Kaiserin Maria Theresia mit einer Burka<\/p><\/div>\n<p>Jeweils geht es somit darum, einen Kontrast herzustellen und dort, wo vermeintlich Harmonie und Sicherheit herrschen, Unruhe zu stiften und im Sinne jenes \u201aheilsamen Schocks\u2019 daf\u00fcr zu sorgen, dass m\u00f6glichst viele Menschen sich in ihrer Lebensweise bedroht \u2013 von einem Gegner oder Feind angegriffen \u2013 f\u00fchlen. Durch das Gef\u00fchl der Bedrohung soll dann ein Bewusstsein f\u00fcr das Eigene \u2013 f\u00fcr das, was man auf keinen Fall verlieren will \u2013 und damit f\u00fcr die Identit\u00e4t entstehen oder gest\u00e4rkt werden. Diese konstituiert sich also \u00fcber ein Feindbild, erh\u00e4lt dadurch sogar erst Form und Gestalt \u2013 und wird deshalb als sch\u00f6n erfahren.<\/p>\n<p>Sellner und die Identit\u00e4ren h\u00e4ngen somit derselben Denkfigur an, die Han im Rekurs auf Carl Schmitt entwickelt. Sch\u00f6nheit hat bei ihnen daher sowohl eine martialische Dimension, da sie Widerstand gegen eine Bedrohung mobilisieren, also m\u00f6glichst viele Menschen zum \u201aEinr\u00fccken\u2019 bewegen soll, als auch eine sentimentale Konnotation, da schon halb verloren scheint, was durch den Widerstand \u2013 gegen den Feind \u2013 gerettet werden soll. Die eigene Identit\u00e4t wird sogar umso mehr zu etwas Sch\u00f6nem verkl\u00e4rt und als sch\u00f6n erfahren, je einsamer man sich im Kampf gegen ihre Feinde f\u00fchlt, je st\u00e4rker also sowohl das martialische wie das sentimentale Moment hervortreten.<\/p>\n<p>Wie eng beide Momente in der Identit\u00e4ren Bewegung zusammenh\u00e4ngen, wird am deutlichsten auf Blogs, meist bei <i>Tumblr<\/i>, auf denen ein Bildprogramm einge\u00fcbt, ja ein visueller Sound, ein Moodboard als Basis der politisch-\u00e4sthetischen Arbeit arrangiert wird.<\/p>\n<div id=\"attachment_7454\" style=\"width: 611px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-08.12.40.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7454\" class=\" wp-image-7454\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-08.12.40.png\" alt=\"Screenshot von buendischerwaldgang.tumblr.com\" width=\"601\" height=\"690\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-08.12.40.png 668w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-08.12.40-261x300.png 261w\" sizes=\"auto, (max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7454\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot von buendischerwaldgang.tumblr.com<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_7455\" style=\"width: 614px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-02-um-18.58.18.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7455\" class=\" wp-image-7455\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-02-um-18.58.18.png\" alt=\"Screenshot von amor-fati-graz.tumblr.com\" width=\"604\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-02-um-18.58.18.png 1182w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-02-um-18.58.18-300x206.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-02-um-18.58.18-768x528.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-02-um-18.58.18-1024x704.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7455\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot von amor-fati-graz.tumblr.com<\/p><\/div>\n<p>Man trifft hier auf Bilder ganz unterschiedlicher Provenienz, aus der Historienmalerei genauso wie aus der Filmgeschichte, aus hoch- wie aus volkskulturellen Zusammenh\u00e4ngen, aus der Antike und aus der Gegenwart. Aber immer ergibt sich, oft zus\u00e4tzlich betont durch Zitate aus Literatur und Politik, eine Mischung von Motiven, die Gewalt, Kampf und Heldentod zum Thema haben, mit Motiven, auf denen Wehmut, Weltschmerz und Verkl\u00e4rung bis hin zu Erotik und Todeslust inszeniert werden. Beide Motivfelder stehen oft unverbunden nebeneinander und \u00fcberlagern sich so zu einer schwerm\u00fctig-schw\u00fclen Atmosph\u00e4re, in der sich viel Selbstmitleid und Sehnsucht ausdr\u00fcckt, die aber so stark heroisch kaschiert und \u00fcberh\u00f6ht sind, dass daraus Widerstandsgeist entstehen kann.<\/p>\n<p>Der wohl am weitesten verbreitete Topos in den Blogs, aber auch bei anderen Verlautbarungen der Identit\u00e4ren Bewegung ist der Wald. Die Art und Weise, wie Sellner die germanischen Urw\u00e4lder aufruft und in ihnen die Urbilder gotischer Kathedralen, aber auch Orte einer unzivilisierbaren Wildheit sieht, war schon seit der Romantik beliebt und diente oft als Motiv innerhalb einer Geschichtsideologie, die meist ebenso reaktion\u00e4r wie adventistisch darin bestand, eine Zukunft zu beschw\u00f6ren, die eine Wiederholung einer idealisierten Vergangenheit sein sollte. Das \u201aMitgegebene\u2019 \u2013 Vergangenheit und Tradition \u2013 war also zugleich das \u201aAufgegebene\u2019 \u2013 das in der Zukunft neu zu Verwirklichende \u2013, um es nochmals in Heideggers Diktion zu formulieren.<\/p>\n<p>Auf denselben Wald-Topos bezog sich auch Ernst J\u00fcnger, als er 1951 seinen Essay <i>Der Waldgang<\/i> publizierte, in dem er die Figur des Waldg\u00e4ngers entwickelt. Der Waldg\u00e4nger steht in Opposition zum Mainstream, zu Gegenwart und Zivilisation, zu den herrschenden M\u00e4chten der Politik, Wissenschaft und Technik. Er ist es, der sich abwendet, der sich \u2013 metaphorisch \u2013 in den Wald zur\u00fcckzieht, als \u201aEinzigster\u2019, als Elite und Vorhut einer neuen Zeit, auf die er wartet, w\u00e4hrend er sich im geheimen Bund mit anderen Waldg\u00e4ngern zum Widerstand r\u00fcstet. Waldg\u00e4nger tr\u00e4umen, so J\u00fcnger, von einer \u201ek\u00fcnftigen Epoche\u201c, in der \u201edie Tyrannis von Parteien und fremden Eroberern\u201c \u00fcberwunden ist und \u201ein gesunden V\u00f6lkern\u201c sich \u201edie elementare Freiheit\u201c wieder Bahn bricht. Der Widerstand des Waldg\u00e4ngers sei \u201eabsolut\u201c, er kenne \u201ekeinen Pardon\u201c.<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a><\/p>\n<p>Nachdem J\u00fcngers Essay jahrzehntelang kaum mehr gelesen worden war, wurde er in den letzten Jahren zu einem Kultbuch der identit\u00e4ren Szene. Viele ihrer Protagonisten bezeichnen sich als Waldg\u00e4nger, ihre Blogs haben Namen wie <i>buendischerwaldgang<\/i>, und in den Sozialen Medien inszenieren sie das Motiv ebenso hartn\u00e4ckig wie variantenreich.<\/p>\n<div id=\"attachment_7456\" style=\"width: 807px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-14-um-07.30.57.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7456\" class=\" wp-image-7456\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-14-um-07.30.57.png\" alt=\"Robert Timm bei Twitter\" width=\"797\" height=\"432\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-14-um-07.30.57.png 1435w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-14-um-07.30.57-300x163.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-14-um-07.30.57-768x416.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-14-um-07.30.57-1024x555.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 797px) 100vw, 797px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7456\" class=\"wp-caption-text\">Robert Timm bei Twitter<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_7457\" style=\"width: 803px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-18.47.42.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7457\" class=\" wp-image-7457\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-18.47.42.png\" alt=\"Jonathan Rudolph bei Twitter, nennt sich &quot;einwaldgaenger&quot;\" width=\"793\" height=\"294\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-18.47.42.png 1425w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-18.47.42-300x111.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-18.47.42-768x285.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-10-26-um-18.47.42-1024x379.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 793px) 100vw, 793px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7457\" class=\"wp-caption-text\">Jonathan Rudolph bei Twitter, nennt sich &#8222;einwaldgaenger&#8220;<\/p><\/div>\n<p>Dabei steht ihnen ein reicher Schatz an Bildern, Gedichten und Zitaten zur Verf\u00fcgung, in denen der Wald sentimental verkl\u00e4rt oder auch erotisch aufgeladen wird. Beliebt sind etwa Bilder, auf denen eine einzelne junge Frau, festlich oder nur leicht bekleidet, mitten in einem Wald zu sehen ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_7458\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-06-um-14.41.01.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7458\" class=\" wp-image-7458\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-06-um-14.41.01.png\" alt=\"Screenshot von amor-fati-graz.tumblr.com\" width=\"600\" height=\"483\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-06-um-14.41.01.png 987w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-06-um-14.41.01-300x242.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-06-um-14.41.01-768x619.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7458\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot von amor-fati-graz.tumblr.com<\/p><\/div>\n<p>Solche Bilder belohnen m\u00e4nnerphantasierende \u201aWaldg\u00e4nger\u2019 mit der Aussicht, eine einsame Frau \u2013 vor Fremdem? \u2013 retten zu k\u00f6nnen. Das wiederum verleiht ihrer Verachtung der modernen Welt sowie ihrer politischen Konspiration einmal mehr eine heldenhafte Dimension; es stimuliert erst recht zum Widerstand. Daher sind solche Bilder mehr als harmlose Wald- und Weltschmerzverkl\u00e4rung; f\u00fcr sie gilt, was J\u00fcnger im ersten Satz seines Essays feststellt: \u201eDer Waldgang \u2013 es ist keine Idylle, die sich hinter dem Titel verbirgt.\u201c<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a><\/p>\n<p>Auch sonst verwenden Identit\u00e4re oft das Motiv der Frau, meist um Angst vor Vergewaltigung und \u00dcberfremdung \u2013 vor dem \u201aGro\u00dfen Austausch\u2019, also einer systematischen rassischen Eroberung des eigenen Volkes \u2013 zu sch\u00fcren.<\/p>\n<div id=\"attachment_7459\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BGSJKdRMSSR\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7459\" class=\" wp-image-7459\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.40.26.png\" alt=\"Am 5. Juni 2016 verteilten Aktivisten der Kontrakultur Halle Abwehrspray an Frauen\" width=\"600\" height=\"381\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.40.26.png 694w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.40.26-300x191.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7459\" class=\"wp-caption-text\">Am 5. Juni 2016 verteilten Aktivisten der Kontrakultur Halle Abwehrspray an Frauen<\/p><\/div>\n<p>Ziel entsprechender Aktionen ist es, nicht nur Bedrohungsgef\u00fchle, sondern sogar Ohnmachtserfahrungen zu erzeugen. Es soll sich immer wieder best\u00e4tigen, dass man auf fast verlorenem Posten k\u00e4mpft, sich einer \u00dcbermacht entgegenstellt und deshalb auch M\u00e4rtyrer ist.<\/p>\n<p>Sogar schon ihrer Struktur nach sind identit\u00e4re Aktionen auf Ohnmachtserfahrungen hin angelegt. So werden sie grunds\u00e4tzlich nicht bei den Beh\u00f6rden angemeldet. Die Illegalit\u00e4t, in die Identit\u00e4re sich damit begeben, schwei\u00dft sie nicht nur als konspirativ-widerst\u00e4ndige Truppe zusammen, sondern f\u00fchrt vor allem auch dazu, dass sie die Polizei und den Rechtsstaat gegen sich aufbringen. Oft sind ihre Banner und Zeichen nur f\u00fcr wenige Minuten zu sehen, bevor sie wegger\u00e4umt werden; die Aktivsten m\u00fcssen mit Prozessen und Strafen rechnen, es ist von vornherein klar, dass sie keine Chance haben, den \u00f6ffentlichen Raum wirklich zu besetzen. Ein Banner an einem prominenten Ort wie dem Brandenburger Tor oder dem K\u00f6lner Hauptbahnhof erm\u00f6glicht es ihnen daher ebenso wie eine Demonstration vor dem Bundesjustizministerium oder die Okkupation der SPD-Parteizentrale in Berlin, sich selbst als Opfer in Szene zu setzen.\u00a0Und mit einem einzigen relativ kleinen Schiff das Mittelmeer kontrollieren und Europa verteidigen zu wollen, muss ebenfalls als aussichtsloser Kampf erlebt werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_7460\" style=\"width: 612px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BOkDjwnFnyL\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7460\" class=\" wp-image-7460\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.41.35.png\" alt=\"Am 28.12.2016 protestieren Identit\u00e4re am K\u00f6lner Hauptbahnhof \" width=\"602\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.41.35.png 693w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.41.35-300x179.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 602px) 100vw, 602px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7460\" class=\"wp-caption-text\">Am 28. Dezember 2016 protestieren Identit\u00e4re am K\u00f6lner Hauptbahnhof<\/p><\/div>\n<p>Damit aber gelingt es den identit\u00e4ren Aktivisten immer wieder, den Feind als umso gef\u00e4hrlicher und aggressiver, vor allem aber als alles umfassend darzustellen. Zwischen Fl\u00fcchtlingen und Staatsanwaltschaft, islamischen Predigern und westlichen Medien, CDU und NGOs wird nicht eigens unterschieden \u2013 man hat alle gegen sich. Gruppen wie das <i>Zentrum f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit<\/i> bezeichnen Identit\u00e4re wie Sellner hingegen ver\u00e4chtlich als \u201eStaatsk\u00fcnstler\u201c, die gerade keine echten Gegner h\u00e4tten und daher h\u00f6chstens mit \u00e4sthetischen Mitteln provozieren k\u00f6nnten. Sie m\u00fcssten \u201edie Reize st\u00e4ndig steigern\u201c und w\u00fcrden dabei \u201eabsurd und geschmacklos\u201c, letztlich b\u00f6ten sie nur \u201eartistische Bockspr\u00fcnge in einer geistigen Gummizelle\u201c.<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind viele Aktionen des <i>Zentrums f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit<\/i>, aber auch anderer Aktivistengruppen von \u00f6ffentlichen Theatern und von Spendern finanziert, die das wiederum von der Steuer absetzen k\u00f6nnen, sind somit legal, k\u00f6nnen gr\u00f6\u00dfer dimensioniert und l\u00e4ngerfristig angelegt sowie von \u00d6ffentlichkeit und Medien ausf\u00fchrlicher begleitet werden. Allein deshalb sind sie \u00e4sthetisch komplexer als die meist ziemlich sch\u00fclerhaft-dilettantisch wirkenden Nacht-und-Nebel-Aktionen der Identit\u00e4ren, bei denen bei weitem nicht jedes Banner ein Gem\u00e4lde und bei weitem nicht jede Parole ein Gedicht ist. Aktionen des <i>Zentrums f\u00fcr Politische Sch\u00f6nheit<\/i> bestehen meist sogar aus mehreren Teilen, die sich \u00fcber mehrere Wochen hinweg parallel und nacheinander entwickeln und die allein logistisch oft h\u00f6chst aufwendig sind, gerade damit aber die von Ruch beanspruchte \u201aSchlagkraft\u2019 und \u201aLichtintensit\u00e4t\u2019 entfalten sollen. So organisierte man etwa im Zuge der Aktion \u201eDie Toten kommen\u201c am 21. Juni 2015 in Berlin einen \u201eMarsch der Entschlossenen\u201c, bei dem rund 5000 Menschen auf die Wiese vor dem Reichstagsgeb\u00e4ude zogen, wo sie symbolische Gr\u00e4ber f\u00fcr ertrunkene Fl\u00fcchtlinge aushoben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/4MZXNjJHB6\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7461\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.42.45.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-11-07 um 08.42.45\" width=\"601\" height=\"380\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.42.45.png 694w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-07-um-08.42.45-300x190.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zudem gab es ein \u201aechtes\u2019 Begr\u00e4bnis, wie \u00fcberhaupt immer wieder die Macht des Realen und der \u201aechte\u2019 Ausnahmezustand beschworen wird, um das Publikum, aber auch eine breitere \u00d6ffentlichkeit damit in den Bann zu ziehen, dass man mehr als nur Fiktion und Show bietet. So stand 2016 bei der Aktion \u201eFl\u00fcchtlinge fressen\u201c etwa immer im Raum, dass sich wirklich jemand von einem Tiger fressen l\u00e4sst, um gegen die Europ\u00e4ische Einwanderungspolitik zu protestieren.<\/p>\n<p>Gerade die Aktionen des <i>Zentrums f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit<\/i> setzen ganz auf Immersion, sie sind in ihrem Charakter \u00fcberw\u00e4ltigender und martialischer als Aktionen von identit\u00e4ren Gruppen \u2013 und das nicht, wie Sellner unterstellt, weil man mit \u00e4sthetischen Mitteln einen Mangel an brisanten Inhalten zu kompensieren hat. Vielmehr braucht es die bei einer Aktion erzeugte Erhabenheit, um den Menschen, die daran teilhaben, eine Idee von Humanit\u00e4t und Menschheit emotional gegenw\u00e4rtig zu machen und um ihnen den Eindruck zu vermitteln, sie verk\u00f6rperten selbst eine solche Idee in besonders reiner Form. Es geht nicht darum, die \u00dcberw\u00e4ltigung dazu zu nutzen, kollektiv in eine bestimmte Tradition oder Identit\u00e4t einzur\u00fccken; vielmehr st\u00e4rkt die Erhabenheitserfahrung letztlich das Individuum, das sich als moralisch gut und sinnerf\u00fcllt erleben, aber zugleich in einer Community Gleichgesinnter und -gestimmter wiederfinden kann.<\/p>\n<p>Allerdings impliziert die partizipativ-immersive Dimension der Aktionen des <i>Zentrums f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit<\/i> auch, dass diejenigen, die nicht daran teilnehmen, ja die weder Zeit noch Geld aufwenden, um daran teilzuhaben, als weniger leuchtend, gar als moralisch minderwertig eingesch\u00e4tzt werden. So entsteht innerhalb der Gesellschaft eine neue Grenze, gar ein sozialer Konflikt \u2013 wie das auch zu anderen Zeiten der Fall war, als manche Menschen dank ablasshandelsartiger Strukturen \u2013 eben durch Einsatz von Zeit und Geld \u2013 Heilsakquise betrieben und so \u00dcberlegenheitsgef\u00fchle entwickelten.<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnliches geschieht bei anderen politisch-alternativen Gruppen und Projekten \u2013 und auch dann spielt der Rekurs auf Sch\u00f6nheit eine entscheidende Rolle. Die Akteure nehmen sie f\u00fcr sich in Anspruch und wollen sich damit von anderen Milieus und Tendenzen abgrenzen, aber auch \u00fcber sie erheben. So findet sich etwa in einem Konzeptpapier der Besetzer der Berliner Volksb\u00fchne aus dem September 2017 der Satz, man stelle sich \u201eden be\u00e4ngstigenden gesellschaftlichen Entwicklungen [&#8230;] in einem Akt kollektiver Sch\u00f6nheit entgegen\u201c.<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a> Diese Sch\u00f6nheit soll Gentrifizierer und Neoliberale gleichsam besch\u00e4men und im weiteren l\u00e4hmen und delegitimieren, umgekehrt soll sie die Besetzer in einen Zustand der Immunit\u00e4t versetzen. Aufgrund der behaupteten Sch\u00f6nheit berufen diese sich auf die Freiheit der Kunst und stellen sich damit erkl\u00e4rterma\u00dfen \u00fcber andere Menschen, denen h\u00f6chstens Meinungsfreiheit zugestanden wird.<\/p>\n<p>Doch auch wenn Sch\u00f6nheit hier zum Mittel der Distinktion, ja zur Etablierung einer Grenze zwischen \u201agut\u2019 und \u201aschlecht\u2019 eingesetzt wird und insofern neben einer \u00e4sthetischen mindestens genauso eine moralische Qualit\u00e4t impliziert, unterscheiden sich Projekte wie die Volksb\u00fchnenbesetzung in ihrem Charakter von Aktionen der Identit\u00e4ren Bewegung. Da deren Mitglieder sich und ihre Identit\u00e4t von vornherein \u00fcber Feindschaften definieren, Grenzen also bereits voraussetzen, dienen ihre Aktionen dazu, ein starkes Gemeinschaftsgef\u00fchl zu erzeugen, das durch Angst- und Bedrohungsszenarien noch fester etabliert wird. Aus ihrer Sicht ist das Individuum in jedem Fall zu schwach und unbedarft, um sich halten zu k\u00f6nnen. Ziel ist daher auch nicht, dem Einzelnen Sinn, eine Community und bestenfalls Schutz \u2013 Immunit\u00e4t durch Legitimit\u00e4tsboni \u2013 zu geben, sondern es geht um die Erfahrung von Wesensmerkmalen, die man mit anderen teilt, so dass man sich nicht alleine f\u00fchlen muss und sogar bereit ist, Individuelles aufzugeben. Einzur\u00fccken in das \u201aMitgegebene\u2019 \u2013 in Tradition und Geschichte \u2013 wird zur Verhei\u00dfung: aus der Vereinzelung herauszufinden, aus dem Wald herauskommen zu k\u00f6nnen, das \u201aAufgegebene\u2019 zu realisieren, am eigenen Wesen zu genesen.<\/p>\n<p>Mir graut es vor dem Moment, in dem sich die immersive \u00c4sthetik, die bisher nur Gruppen wie das <i>Zentrum f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit<\/i> praktizieren, mit den essentialistisch-v\u00f6lkischen Angstszenarien der Identit\u00e4ren Bewegung verbindet. Mir graut es auch davor, dass das Sch\u00f6ne dann noch enger und selbstverst\u00e4ndlicher zugleich das Gute sein soll und entsprechend alles, was nicht als sch\u00f6n und also auch nicht als gut empfunden wird, in seiner Existenz gef\u00e4hrdet ist. Dann droht ein in Form und Ziel martialischer Aktionismus, dann ist das lupenreiner Faschismus. Es beunruhigt mich also, wenn ich bei Martin Sellner lese, f\u00fcr ihn und die Identit\u00e4ren geh\u00f6re das <i>Zentrum f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit<\/i> \u2013 aller politischen Gegens\u00e4tze zum Trotz \u2013 zu den \u201eInspirationsquellen\u201c.<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a> Und es beunruhigt mich erst recht, wie wenig intellektueller Widerstand den diversen Wiederauff\u00fchrungen eines Verst\u00e4ndnisses von Sch\u00f6nheit als Ersch\u00fctterung, Sto\u00df und Schlagkraft bisher begegnet. Man braucht sich daf\u00fcr nicht auf Kant und Schiller zu berufen, aber man kann es nat\u00fcrlich tun. Und man kann sich dann zumindest einen wichtigen Unterschied bewusst machen. So ist die Idee eines \u201asensus communis\u2018 und einer Geselligkeit, bei der sich Menschen in der freien Begegnung mit etwas Sch\u00f6nem wechselseitig ineinander erkennen k\u00f6nnen, etwas g\u00e4nzlich anderes als die Erfahrung einer Community, zu der man nur infolge exklusiver Teilhabe an Sch\u00f6nem geh\u00f6rt, und nochmals etwas g\u00e4nzlich anderes als das Gef\u00fchl, in einer starken Gemeinschaft, einem Volk aufzugehen. Das Denken in Communities und starken Gemeinschaften f\u00fchrt zu Elitarismus und Chauvinismus, doch wenn eine Sch\u00f6nheitserfahrung weder durch Immersion noch durch Angst erzwungen ist, sondern sich aus Freiheit ergibt, dann enth\u00e4lt sie, neben aller Begl\u00fcckung f\u00fcr den Einzelnen, auch noch die Dimension einer Verbundenheit, die niemanden fesselt und niemanden ausschlie\u00dft \u2013 die Erfahrung eines \u201acommon ground\u2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Aufsatz ist das Manuskript eines Vortrags, den Wolfgang Ullrich auf\u00a0der\u00a0Tagung &#8222;<a href=\"http:\/\/popkultur.uni-siegen.de\/files\/2017\/10\/Flyer_CG_2017-1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00c4sthetik und Rhetorik des Common Ground<\/a>&#8220; der Forschungsstelle <a href=\"http:\/\/popkultur.uni-siegen.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Popul\u00e4re Kulturen<\/a> an der Universit\u00e4t Siegen am 27.10.2017 gehalten hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Hans Robert Jau\u00df (Hg.): Die nicht mehr sch\u00f6nen K\u00fcnste. Grenzph\u00e4nomene des \u00c4sthetischen. Poetik und Hermeneutik Bd. 3, M\u00fcnchen 1968.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Martin Heidegger: \u201eDer Ursprung des Kunstwerkes\u201c (1936), in: Ders.: Holzwege, Frankfurt\/Main 1950, S. 7\u201368, hier S. 44.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd., S.64.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd., S.56.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (1790), B 196.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ebd., B 163.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Friedrich Schiller: \u00dcber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschen (1795), in: ders.: Nationalausgabe, Bd. 20, hrsg. v. B. v. Wiese, Weimar 1962, S. 377f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ebd., S. 410.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Byung-Chul Han: Die Errettung des Sch\u00f6nen, Frankfurt\/Main 2015, S. 15, 26.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ebd., S. 29f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ebd., S. 63.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. ebd., S. 97.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Heidegger, a.a.O. (Anm. 2), S. 54.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann. Ein politisches Manifest, M\u00fcnchen 2015, S. 13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ebd., S.98.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Ebd., S.13.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Ebd., S.73.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> http:\/\/www.politicalbeauty.de\/Zentrum_fur_Politische_Schonheit.html.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ruch, a.a.O. (Anm. 14), S. 104.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Vgl. Wolfgang Ullrich, in: SWR2 Forum Buch vom 16. August 2015, auf: https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/2015\/08\/16\/buchrezension-von-byung-chul-han-die-errettung-des-schoenen-swr-2-16-august-2015\/; Ders.: \u201eDas Erdbeben der Sch\u00f6nheit\u201d, in: Die ZEIT 48\/2015, auf: http:\/\/www.zeit.de\/2015\/48\/philipp-ruch-kunst-politik-manifest-antimodernismus\/komplettansicht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Martin Sellner\/ Walter Spatz: Gelassen in den Widerstand. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Heidegger, Schnellroda 2015, S. 47.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Ebd. S. 56.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Ebd. S. 90.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Mario Alexander M\u00fcller: Kontrakultur, Schnellroda 2017, S. 17.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Martin Sellner: Identit\u00e4r! Geschichte eines Aufbruchs, Schnellroda 2017, S. 47f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Ebd., S. 69f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Ernst J\u00fcnger: Der Waldgang (1951), Stuttgart 2014, S. 68.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Ebd., S. 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Sellner, a.a.O. (Anm. 25), S. 71.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> Vgl. Wolfgang Ullrich: Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur, Berlin 2017, S. 142ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> \u201eDas Konzeptpapier B61-12\u201c, auf: https:\/\/b6112.de\/2017\/09\/23\/das-konzeptpapier-b61-12\/.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> Sellner, a.a.O. (Anm. 25), S. 70.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Identit\u00e4re Bewegung im Kontext<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[324,406,462,463,663,798,1047,1048,1055,1285,1453,1464,1769,1860,2078,2110,2427,2476,2480,2495,2594],"class_list":["post-7451","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-besetzung","tag-byung-chul-han","tag-common-ground","tag-community","tag-ernst-juenger","tag-friedrich-schiller","tag-identitaere-bewegung","tag-identitaet","tag-immanuel-kant","tag-kontrakultur-halle","tag-mario-mueller","tag-martin-heidegger","tag-philipp-ruch","tag-populaere-kulturen","tag-schoenheit","tag-sensus-communis","tag-universitaet-siegen","tag-volk","tag-volksbuehne","tag-waldgang","tag-zentrum-fuer-politische-schoenheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7451","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7451"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7451\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}