{"id":7489,"date":"2017-11-22T10:03:40","date_gmt":"2017-11-22T08:03:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7489"},"modified":"2017-11-22T10:03:40","modified_gmt":"2017-11-22T08:03:40","slug":"mit-augustin-im-braunen-saloneine-nicht-nur-poptheologische-auseinandersetzung-mit-konstantin-sachers-tempo-roman-und-erloese-michvon-frank-thomas-brinkmann22-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/11\/22\/mit-augustin-im-braunen-saloneine-nicht-nur-poptheologische-auseinandersetzung-mit-konstantin-sachers-tempo-roman-und-erloese-michvon-frank-thomas-brinkmann22-11-2\/","title":{"rendered":"Mit Augustin im \u201ebraunen Salon\u201c?Eine nicht nur poptheologische Auseinandersetzung mit Konstantin Sachers Tempo-Roman \u201eUnd erl\u00f6se mich\u201cvon Frank Thomas Brinkmann22.11.2017"},"content":{"rendered":"<p>Im Rampenlicht egoistischer Snobs<!--more--><\/p>\n<p>Vermutlich geh\u00f6rt es in den gro\u00dfen Pool kultureller Grundph\u00e4nomene, wom\u00f6glich auch milieu- und standes\u00fcbergreifender humaner Basis\u00e4u\u00dferungen, dass Menschen ein gewisses Interesse f\u00fcr die (Lebens-) Geschichtchen anderer Menschen aufbringen: sei es, dass diesen als Person ein gewisser Popularit\u00e4tsstatus anhaftet, sei es, dass ihnen als Figur ein exemplarisch-prototypischer Wert eingeschrieben scheint. Die eigent\u00fcmliche Hinwendung zu so genannten <i>viri illustres<\/i> &#8211; eine dem h\u00f6chsten senatorischen Rangtitel im sp\u00e4tantiken R\u00f6mischen Reich entlehnte Bezeichnung f\u00fcr heldische Figuren erz\u00e4hlter und wirklicher Welten \u2013 und die im Renaissance-Bildtypus der <i>uomine famosi <\/i>bzw. der <i>donne famose<\/i> stilistisch verdichtete Hochsch\u00e4tzung von zyklischen Lebensbeschreibungen bedeutender Personen korrespondieren derzeit auf sehr spezielle Weise mit dem dominanten Projekt der Gegenwartskultur, sich an den trivialen Lippenbekenntnissen und schicksals\u00fcbers\u00e4ttigten Lebensepisoden jener buchstabenklassifizierten A-E-Prominenz abzuarbeiten, die sich in trashigen TV-Formaten und schillernden Hochglanzmagazinen zur Schau stellen lassen.<\/p>\n<p>Zunehmend h\u00e4ufen sich Argumente f\u00fcr die Mutma\u00dfung, dass es am Ende auch zu einer Teilsignatur der Popkultur geworden ist, wenn eine eigent\u00fcmliche, aus Anteilnahme, Voyeurismus und Lebensgestaltungswut vermischte Sehnsuchtshaltung bedient wird von Gattungen, deren Wesenskern assoziativ charakterisiert werden kann als Amalgam von Exhibitionismus und Nabelschau, Geldnot und Publikumsgeilheit: Mit kuriosen Memoiren, mit semiseri\u00f6sen Rekonstruktionen der bewegenden Entwicklungsetappen eines bewegt schreibenden Subjekts, mit grenzg\u00e4ngerischen Autobiografien, mit retrospektiv angelegten Lebenslauffiktionen voller dramatischer H\u00f6he- und Wendepunkte, schlie\u00dflich auch mit Romanen, deren Einbandklappentexte bereits die Identit\u00e4t zwischen AutorIn, Erz\u00e4hlerIn und ProtagonistIn verraten wollen, kurz: mit Beschreibungen erinnerter, mitunter auch phantasievoll ersponnener Lebensanekdoten lassen sich eben nicht nur verstaubte Bibliotheksabteilungen bef\u00fcllen, sondern auch ewige Bestsellerlisten komplettieren. Einmal ganz abgesehen davon, was alle Jahre wieder auf Buchmessen geschieht, wenn Autorenlesungen unter Autobiografieverdacht gestellt und entsprechend inszeniert werden.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re vielleicht schon ein erster \u00dcbergang zu Konstantin Sachers Deb\u00fct \u201eUnd erl\u00f6se mich\u201c gefunden, ein Roman, dessen autobiografische Aura aus weiter Ferne mit der Dynamis der <i>Confessiones<\/i> von Augustin kokettiert, explizit dort, wo sich der erz\u00e4hlende Held, ein Theologiestudent, zu diesem lateinischen Kirchenvater \u2013 bzw. zu dessen literarischer Mutter aller Autobiografien \u2013 als Kinde verh\u00e4lt: \u201eAugustin schreibt in seinen<i> Confessiones<\/i>, dass er ein unglaublich ausschweifendes Sexleben und Saufleben hatte, bevor er fromm geworden ist. Er ist mein Vorbild. Irgendwann werde ich auch mal fromm, aber vorher, vorher will ich saufen und, na ja, Frauen kennenlernen.\u201c, erkl\u00e4rt Sachers Protagonist einer Kommilitonin, und er erh\u00e4lt von der Theologin exakt jene pointierte R\u00fcckmeldung, auf die er sein Lebensmotto ohnehin abzustimmen geneigt war: \u201eDu meinst, du willst Frauen ficken.\u201c Ja. Das will er, der Protagonist, und Sacher beschreibt dies auf eine Art und Weise, die seinen Roman letztendlich mit den (dr)eckigen Klammern des [<i>camp<\/i>] versieht und ihn de facto \u2013 und zwar im Sinne der Susan Sontag\u2019schen Anf\u00fchrungszeichen \u2013 als \u201eAutobiografie\u201c von den ernsten kategorialen Sammelbegriffen Autobiographie bzw. autobiographischer Roman abgrenzt.<\/p>\n<p>Mit Goethes Schilderungen seiner geistigen und seelischen Entwicklungslinien in <i>Dichtung und Wahrheit<\/i>, einem Highlight in der Geschichte der Autobiographieschreibung, oder mit Rousseaus geistesgeschichtlich ungemein wirkungsvollen <i>Confessions <\/i>hat diese Lebensbeichte also nichts gemein, aber eben auch nicht mit all den Erinnerungen, die in den letzten Jahren etwa von popkulturellen Pr\u00e4gegestalten wie Morissey, Bud Spencer, Hape Kerkeling, Boris Becker oder Christian Dior mit Hilfe geistreicher Ghostwriter unecht zu Papier gebracht wurden.<\/p>\n<p>Indes, die Menge verbleibender Referenztexte ist noch gro\u00df genug; immerhin werden ja auch Thomas de Quinceys <i>Bekenntnisse eines englischen Opiumessers<\/i> als autobiographische Arbeit qualifiziert, ebenso die <i>Erinnerungen<\/i> des Giacomo Casanova, die <i>Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Z\u00fcchtling<\/i> namens Joseph M. H\u00e4gele und die grafisch umspielten Notizen, die Wilhelm Busch unter dem Titel <i>Von mir \u00fcber mich<\/i> addiert hat. Derlei Werke, in denen groteske Erlebnisse notiert und zu jener skurrilen Passage verwoben werden, die dann als (v)erlebtes Leben erlesen werden k\u00f6nnte, haben je einen gewissen Kultstatus erreicht, insbesondere dann, wenn sie sich eignen, den schmalen Grat zwischen Sexbeichte und Bu\u00dfritual zu illustrieren, die Nahtstellen von Credo und Selbsterschaffung mit melancholischem Glamour zu verkleben oder auf jene moralischen Turbulenzen aufmerksam zu machen, die so mancher intellektuellen Flugreise in postmodernen Jetstreams eine Zwischenlandung abn\u00f6tigen wird.<\/p>\n<p>Der erweitere Katalog solcher Arbeiten enth\u00e4lt \u2013 selbstverst\u00e4ndlich unter dem Vorbehalt einer kalkulierten Verletzung traditionell eingepflegter Autobiografie-Definitionen und Gattungsbestimmungen \u2013 neben allerlei schriftlich abgelegten us-amerikanischen Erinnerungen etwa von Ernest Hemingway, Henry Miller, Jack Kerouac und William S. Burroughs nat\u00fcrlich auch all jene visk\u00f6sen Alter Egos der hochkulturellen alten Welt, die sich zwischen Herrmann Hesses <i>Steppenwolf <\/i>Harry Haller und Thomas Manns Adrian Leverk\u00fchn vom <i>Zauberberg<\/i> verstrecken. Es ist nur ein bl\u00e4tternder Katzensprung in den Appendix dieser Sammlung, wo sich Heinz Sobotas <i>Minus-Mann<\/i> und Klaus Kinskis <i>Erdbeermund<\/i> Seite an Seite einfinden m\u00fcssten mit Salingers <i>F\u00e4nger im Roggen<\/i>, Charles Bukowskis <i>Mann mit der Ledertasche<\/i> und Brett Easton Ellis\u2018 <i>American Psycho<\/i>, wom\u00f6glich auch flankiert von einigen gonzojournalistischen Autoreportagen eines Hunter S. Thompson oder jenem kurzen Text, den F. Scott Fitzgerald 1929 f\u00fcr den <i>New Yorker<\/i> als seine <i>Short Autobiography <\/i>qualifizierte: Eine Auflistung der alkoholischen Getr\u00e4nke, die er in den Jahren 1913 bis 1929 (a) an n\u00e4her bezifferten Orten (b) mit namentlich benannten Personen (c) unter konkret veranschaulichten Rahmenbedingungen und Stimmungen konsumiert hat!<\/p>\n<p>Die postmoderne Neuauflage dieses besagten Katalogs nun macht freilich den ber\u00fchmten Unterschied \u2013 und stellt z.B. vor die Aufgabe, jene Generation um Eckhart Nickel, Alexander von Sch\u00f6nburg und den jetzigen Netz-Autobiografen Joachim Bessing einzupflegen, Literaten, die zum Ende der 1980er Jahre als Kohorte \u00bbparf\u00fcmierter Popschn\u00f6sel\u00ab mit \u00bbWeltwulst-Lamento\u00ab und \u00bbangestrengtem Insider-Jargon\u00ab auf sich aufmerksam gemacht hatten, um am Ende als \u00bbentfesselte Mittelstandsmucker gestriger Chipspartys\u00ab ihrer eigenen popkulturellen Konsumbeschw\u00f6rung zu erlegen: Christian Kracht etwa, der 1995 in seinem Erstlingswerk <i>Faserland<\/i> eine teilnahmslose Ich-Perspektive w\u00e4hlt, um die sinnarm-machtlosen Deutschlanddurchquerungen seines Protagonisten, eines anonymen Champagnerparty-Endzwanzigers zu beschreiben, bei dem der Hass aufkommt, als sich ein Passant \u00fcber seinem t\u00fcrkisfarbenen Porsche erbricht, und dessen Vorletztes auf einem Ruderboot auf dem Z\u00fcrichsee in der Leere endet, w\u00e4re so ein Kandidat, aber gewiss auch Benjamin Stuckrad-Barre, der recht unl\u00e4ngst (2016) mit seinem sehr selbstbezogenen Roman <i>Panikherz<\/i> ein (Zwischen-)Res\u00fcmee des kurzen Lebens zog, um dessen Summe in einem Interview zu pr\u00e4sentieren: \u201eEin Aschenbecher mit wei\u00dfen Filtern, an denen Lippenstift klebt \u2013 das sieht nach gelungenem Leben aus.\u201c<\/p>\n<p>Dass Stuckrad-Barre \u00fcbrigens auf Fitzgerald (s.o.) schw\u00f6rt und sich dessen Votum \u201eThere are no second acts in American lives\u201c zu eigen gemacht hat, soll hier ebenso wenig unerw\u00e4hnt bleiben wie der Verdacht, dass mit <i>Faserland <\/i>und <i>Panikherz <\/i>nicht einfach nur eine Epoche umschlossen, sondern ziemlich genau jenes Lebensgef\u00fchl abgerundet wird, von dem auch j\u00fcngere Autobiografiediskurse Kenntnis genommen haben: Der Fragmentcharakter moderner Lebensbilder steht zur Debatte, das Gef\u00fchl einer permanenten Diskontinuit\u00e4t des Lebens, die Bef\u00fcrchtung, dass das Ich aus mehreren Ichs besteht, die postmoderne Vergewisserung s\u00e4mtlicher Grenzen und offenen Stellen einer koh\u00e4renten Identit\u00e4tskonstruktion \u2013 all dies kommuniziert in den j\u00fcngsten Romanen, die unter Autobiografieverdacht stehen, mit der praktizierten assoziativen Reihung disparater Erinnerungsst\u00fccke und Wunschbilder, die letztlich nur auf die ergebnislose Suche nach Identit\u00e4t verweisen, die Unabschlie\u00dfbarkeit eines Selbstentwurfs thematisieren und als Spiegelung eines neuen Ich- und Selbstgef\u00fchls gelten m\u00fcssten. Und so verfl\u00fcchtigt sich die alte Leitfrage, ob denn die Autorin ihr Leben als Entwicklung in einem historischen Kontext geb\u00fchrend reflektiert, zugunsten der Besinnung dar\u00fcber, welche Bedeutung dem Prozess des Schreibens zukommt, so er sich w\u00fcrdigen l\u00e4sst als Versuch einer Ann\u00e4herung an das eigene Selbst, auch auf dem Wege, es \u00fcber mehrere Versionen zu probieren.<\/p>\n<p>Nun gut. Mit dieser Generation, deren (autobiografisches) Schreiben zur Not noch als der kreative Akt von Selbstverzauberung und \u2013erschaffung gedeutet werden k\u00f6nnte, in dem Fiktion und Wirklichkeitsdarstellung gleichberechtigte Teile des Ganzen sind, k\u00f6nnte man tats\u00e4chlich den spezielleren Fl\u00fcgel der genealogischen Halle autobiografischer Arbeiten versiegeln. Gern auch, ohne \u00fcber den Stellenwert von Charlotte Roches <i>Feuchtgebiete<\/i>n und <i>Sto\u00dfgebete<\/i>n sinnieren zu m\u00fcssen \u2013 bzw. \u00fcber die Frage, was es mit der experimentell-sch\u00f6pferischen, geistreich-originellen Ann\u00e4herung an die Fragmentarizit\u00e4t des eigenen Selbst auf sich hat, wenn sich im finalen Zenit dieses erspielten Selbst zwar ein gro\u00dfer Abgrund auftut, aber eben blo\u00df der eigene, meist vaginale, gelegentlich anale. Die Antwort k\u00f6nnte dahin gehen, wo es weh tut, und sie mag lauten, dass der Sinnhorizont des Lebens und die Grenzen des Sagbaren nicht zwingend erweitert werden, wenn man nur oft genug das F-Wort benutzt oder auf K\u00f6rper\u00f6ffnungen zeigt. Ansonsten, ja ansonsten ist es n\u00e4mlich eine ganz biedere Schreibe, die sich schlichtweg an einer trivialen Lesart \u2013 bzw. an einer als autobiografisch schattierte Lebenserz\u00e4hlung verschm\u00fcckten Popul\u00e4rtransmutation \u2013 des Freud\u2019schen Diagnoseapparats versucht, indem sie sich daran begibt, von Todes- und Defiziterfahrungen zu erz\u00e4hlen, Schuldgef\u00fchle zu exhibitionieren, Zwangshandlungen zu erkl\u00e4ren und religionsaffine Bu\u00df\u00fcbungen mit einer sexuellen Dimension zu \u00fcberladen.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive freilich ist nun endlich auch (wieder) von Konstantin Sacher zu reden, von \u201eUnd erl\u00f6se mich\u201c \u2013 und von einem Schriftsteller, der sich in den sp\u00e4ten 1980er Jahren v.a. mit der zynischen Dauerkolumne <i>100 Zeilen Hass<\/i>, ver\u00f6ffentlicht im Hamburger Magazin <i>Tempo<\/i>, einen gewissen Ruf als Provokateur und Zeitgeist-Literat in der Pop-Szene erworben hatte: Maxim Biller, immer wieder f\u00fcr eine (literarische) Kontroverse, eine \u00fcberraschende Short Story oder eine Teilnahme beim Literarischen Quartett des ZDF gut geblieben, gibt auch dem Verlag Hoffmann &amp; Campe seine Starthilfe, als die neue Reihe TEMPO-B\u00fccher, quasi als Imprint, lanciert werden soll. Biller liefert f\u00fcr die Reihe, die laut Verlagsank\u00fcndigung \u201eneue, unkonventionelle literarische Stimmen aus Deutschland und der Welt, Sachb\u00fccher, die so gut geschrieben sind, dass die Grenze zur Literatur verschwimmt, literarische Reportagen sowie B\u00fccher in den Bereichen Mode, Film, Kunst oder Musik\u201c pr\u00e4sentieren m\u00f6chte, eine Anthologie seiner Hasszeilen, aber eben auch den Vorschlag, einen jungen Mann namens Sacher zu Wort kommen zu lassen.<\/p>\n<p>Und so kommt es dazu, dass ein evangelischer Vikar der hessischen Kirche, derzeit bewegt von ernsten Promotionsabsichten an der Uni Leipzig, stammend aus dem Frankfurter Umland des Taunuskreises, wo der Wohlstand in guten H\u00e4usern wohnt, seine nach eigener Auskunft \u201ein vier Wochen dahingeschriebene\u201c Fiktion einer Lebensbeichte auf gut 230 Seiten bringt, sie bereits mit dem zweiten Publikationsschub ver\u00f6ffentlicht \u2013 und das Cover der Verlagswerbebrosch\u00fcre mit seinem Portr\u00e4tfoto veredeln darf. Man scheint Hoffnungen auf ihn gesetzt zu haben, platziert ihn auf der Buchmesse und versendet gro\u00dfz\u00fcgig Presseexemplare an diejenigen, die nicht schon vorab eine digitale Version haben studieren d\u00fcrfen. Die Reaktionen, u.a. eine wohlwollend oberfl\u00e4chliche Rezension in der FAZ und gl\u00fchend hei\u00dfe Anerkennungsvoten aus der Phalanx der theologischen Grandseigneurs, die\u00a0den jungen Literaten auf seine besonderen Qualit\u00e4ten anzusprechen suchten, potenzieren die Aura, mit der er sich ohnehin zu umgeben scheint:<\/p>\n<p>\u201eWir sind was besseres, schalalala, wir sind was besseres, schalalala, wir tragen Rolex und ihr nicht!\u201c singt Sachers Protagonist mit seinen Freunden auf einer Taxifahrt, nachdem sie den Taxifahrer aufs \u00dcbelste beschimpft \u2013 und zuvor auf einer Champagnerparty den Kleiderschrank des Gastgebers f\u00fcr die Verrichtung ihrer Notdurft kollektiv zweckentfremdet haben. \u201eIhr seht schon\u201c, werden die Lesenden adressiert, \u201enett war ich damals nicht gerade.\u201c Daran besteht kein Zweifel, zumal der Ich-Erz\u00e4hler alles daran setzt, dieses Selbstbild zu erh\u00e4rten, indem er seinen vergleichsweise noch harmlosen sozialen Unversch\u00e4mtheiten eine Reihe geschmackloser Episoden anf\u00fcgt, die sich im Wesentlichen auf jene bereits von der Kommilitonin anerkennend kommentierte Neigung zur Genitalakrobatik bezieht. In epischer Zwanghaftigkeit werden Sequenzen ausgebreitet, in denen sich der Romanheld exzessiv sexuell und hochkonzentriert mit jener K\u00f6rper\u00f6ffnung besch\u00e4ftigt, die dem Slang als \u201eBrauner Salon\u201c gel\u00e4ufig ist; und wom\u00f6glich ist sowohl der intensivsprachlichen Schilderung als auch der bevorzugten Region selbst geschuldet, dass die Romanfigur letztlich von den direkt adressierten Lesenden wissen will, ob er wom\u00f6glich selbst \u201eein Arschloch\u201c sei.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, mit dieser Erkundungsbitte ist nicht wirklich die M\u00f6glichkeit einer Verwechslungsgefahr angesprochen, wohl aber die moralische Wertigkeit der Hauptfigur, die sich selbst als Grenzg\u00e4nger erf\u00e4hrt: ein psychopathischer Hypochonder auf der Gratwanderung zwischen Egoismus und Nihilismus, Leben und Tod, Liebe und Verzweiflung, Schnaps und Schambehaarung, Gott und Vagina. Mit einem roten Porsche \u2013 in Krachts <i>Faserland <\/i>war es ja dasselbe Fahrzeug in Gr\u00fcn \u2013 d\u00fcst er durch die Buchseiten, man\u00f6vriert sich vom Champagnerkater hin zur ersten gro\u00dfen Liebe, die von ihrer Borderline-Mutter abgefackelt wird, vom fast unfreiwilligen Sexualkontakt mit einer anorektischen Sektenf\u00fchrerin in Spanien hin zu drogenbeeinflussten Alptr\u00e4umen, in denen er mit einer durch Masturbation herbeigef\u00fchrten Spermaeruption die Milchstra\u00dfe schafft, von verhaltenen Sozialengagements im Obdachlosencafe der Dominikaner hin zu der Augenzeugenschaft einer analintimen Szene zwischen M\u00f6nch und Schutzbefohlenen, von unterlassenen und unterbrochenen Hilfeleistungen hin zu alkoholisierten Besuchen bei einer Stripperin, die auf dem Oberschenkel die Golgathaszene t\u00e4towiert tr\u00e4gt, und zwar so, dass das Haupt des Gekreuzigten an die Schambehaarung grenzt, der Heiland eine dreidimensionale Dornenkrone erh\u00e4lt \u2013 und dem Romanhelden die Assoziation abzwingt, dass Gott doch einer Muschi sehr \u00e4hnlich sei, weil aus beiden Leben kommt.<\/p>\n<p>Seine Odyssee ist nicht wirklich die eines Taugenichts, und doch ist er letzten Endes noch weniger als das, denn seine Identit\u00e4tssuche bleibt ergebnislos, oder auch, mit einer Sacher\u2019schen Basismetapher gefasst, \u201ef\u00fcr den Arsch\u201c. Selbst als der Protagonist eine neue Beziehung eingeht, betr\u00fcgt er sie mit weitl\u00e4ufig Bekannten und einer Prostituierten. Er vermag keine Bindungsn\u00e4he aufzubauen, h\u00e4lt Liebe f\u00fcr eine Konstruktion, bleibt an der Oberfl\u00e4che seiner gro\u00dfen Frage haften, was diese Existenz f\u00fcr einen Sinn hat, wenn es denn blo\u00df nur eine Existenz ist. Dabei ist er doch Theologiestudent, will Pfarrer werden, quittiert seine Puffbesuche mit Gottesdiensten, m\u00f6chte den Segen nicht verpassen, obschon es nicht Gott ist, der \u00fcber ihn urteilen wird:<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich richtet Gott nicht \u00fcber die Menschen. In dem Sinne, dass Gott sich auf einen Thron setzt und anf\u00e4ngt, die schlechten und die guten Taten aufzuz\u00e4hlen, und wer mehr gute als schlechte hat, der hat Gl\u00fcck gehabt und darf in den Himmel. Das ist nat\u00fcrlich Quatsch. Gott kann den Menschen nicht verurteilen, denn Gott ist selber schuld an allem, was der Mensch tut. Gott hat den Menschen gemacht, hat ihm alles gegeben, was er hat, das Gute und das Schlechte, wie k\u00f6nnte sie, Gott, also den Menschen f\u00fcr etwas verurteilen, das sie ihm selbst gegeben hat. Alles was ich habe, habe ich von Gott.\u201c, res\u00fcmiert Sachers Held zwischenzeitlich, um sich einmal mehr an die gro\u00dfen Lesenden zu wenden: <i>Sagt mir schnell, was ihr von mir haltet. Was mein Leben wert ist und was nicht. Sagt ihr mir, wer ich bin, ich wei\u00df es nicht.<\/i> Ein Mailadresse, an die sich die Lesenden richten d\u00fcrfen, wenn sie Antworten haben, wird in Sachers \u201eUnd erl\u00f6se mich\u201c mehrfach genannt. Eventuell mag ja jemand reagieren. Vielleicht gibt es ja auch welche, die sich tats\u00e4chlich kurz an Augustin erinnert f\u00fchlen. Wom\u00f6glich registrieren aber auch die meisten, dass eine R\u00fcckmeldung der Lesenden nicht mehr relevant sein wird, weil Sachers Buch diese M\u00f6glichkeit gar nicht zul\u00e4sst. \u201eIch m\u00f6chte nicht einfach leben und sterben. Das machen ja alle.\u201c beschlie\u00dft der scheidende Held seine Lebensbeichte. Und stellt sich einmal mehr in das Rampenlicht egoistischer Snobs, ohne wirklich gezeigt zu haben, warum es sich lohnt, die Oberfl\u00e4che zu dekonstruieren oder theologisch zu untergraben.<\/p>\n<p>Ein Fazit? Nun, vielleicht sollte man sich h\u00fcten, Sachers Werk \u2013 angeblich liegt der Zeitpunkt seiner Verfassung auch schon sieben Jahre zur\u00fcck \u2013 allein \u00fcber den Gehalt der Fragmente erschlie\u00dfen zu wollen, die zwischen den Sexeskapaden aufscheinen; auch der Versuch, seine Erz\u00e4hlung zur Erl\u00f6sungsbitte als Zitat vom Zitat zu identifizieren und folgerichtig irgendwo zwischen Augustin und Kracht zu positionieren, ergibt nur begrenzt Sinn. Die Funktion dieser Arbeit freilich verdient ein Augenmerk, denn gewisslich wird dieses B\u00fcchlein eine Differenzierung der Lesendenschar mit sich bringen. Den einen wird es zuviel sein, dass sich sogar das leise tictactictac der Zimmeruhr im Deutungsfokus des Protagonisten zum lauten fickfackfickfack (Zitat!) einer weiblichen Vulva tranformiert, und sie werden sich den Vorwurf anh\u00f6ren m\u00fcssen, unverst\u00e4ndige Spie\u00dfer zu sein.<\/p>\n<p>Die anderen k\u00f6nnten der ausgelegten Spur der Ver\u00f6ffenlichungsinszenierung folgen und der hingerotzten Schreibe \u2013 augenscheinlich auch ein Stil! \u2013 das Potential attestieren, die legitime Nachfolge jener Literatur anzutreten, die das fragile Selbst- und Lebensgef\u00fchl einer ganzen Generation veranschaulichen konnte. So oder so, Sacher w\u00e4re, obschon erst zur Mitte der 1980er auf die Welt gekommen, ein w\u00fcrdiger Zeitgenosse jener Autoren gewesen, denen er mit deutlichem Zeitverzug nahe steht. Bleibt allein die Frage, welchen Gefallen er sich selbst mit dieser Ver\u00f6ffentlichung getan hat. Es w\u00e4re ja durchaus m\u00f6glich, dass man ihm sein Buch vor die Nase h\u00e4lt, wenn er sich auf eine Pfarrstelle bewirbt oder auf eine Professur; ob es dann gen\u00fcgt, kleinlaut zu erkl\u00e4ren, dass ihm weiland doch reichlich viel Mut gemacht worden ist, seiner unabgeschlossenen Sinnsuche diesen speziellen Ausdruck zu geben und zu schweinigeln auf Augustins Spuren, bleibt offen. Am Horizont wetterleuchten sie n\u00e4mlich, die Ausw\u00fcchse der Wucht, die er selbst literarisch beschworen hat auf seiner Tour de Force durch die braunen Salons. Er k\u00f6nnte verloren sein, es sei denn, er ergreift die Flucht nach vorn und h\u00e4lt sich an die Empfehlung von Hunter S. Thompson: Literarisch weiterficken, was das Zeug h\u00e4lt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Prof. Dr.<a href=\"https:\/\/www.uni-giessen.de\/fbz\/fb04\/institute\/evtheo\/prakt-theo\/personen\/brinkmann-frank\/brinkmann\"> Frank Thomas Brinkmann<\/a> ist Hochschulprofessor f\u00fcr Praktische Theologie am Institut f\u00fcr Evangelische Theologie der Justus-Liebig Universit\u00e4t Gie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rampenlicht egoistischer Snobs<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[264,312,424,467,662,979,1106,1268,1816,1846,2422,2540],"class_list":["post-7489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-autobiografie","tag-benjamin-stuckrad-barre","tag-champagnerparty","tag-confessiones","tag-ernest-hemingway","tag-henry-miller","tag-jack-kerouac","tag-konstantin-sacher","tag-pop","tag-popliteratur","tag-und-erloese-mich","tag-william-s-burroughs"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7489"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7489\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}