{"id":7526,"date":"2017-11-30T09:00:52","date_gmt":"2017-11-30T07:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7526"},"modified":"2017-11-30T09:00:52","modified_gmt":"2017-11-30T07:00:52","slug":"mode-herbst-2017von-marlen-hobrack30-11-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/11\/30\/mode-herbst-2017von-marlen-hobrack30-11-2017\/","title":{"rendered":"Mode Herbst 2017von Marlen Hobrack30.11.2017"},"content":{"rendered":"<p>Fetischmaterial<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Stiefel aus schwarzem Lackleder. Polyurethan, um genau zu sein. Der lange Schaft, der bis kurz unters Knie reicht und eigentlich nur von einer langbeinigen Gazelle getragen werden kann, schmiegt sich jedoch nicht eng ans Bein. Er ist weit und hat die Form eines weichen Lederstiefels, wie ihn die Musketiere des 17. Jahrhunderts trugen. Das feste Lackleder imitiert darin das Verhalten allerzartesten Leders. Nur muss es dazu gezwungen werden, durch Abn\u00e4her und k\u00fcnstlichen Faltenschlag. Spitzer als die Schuhspitze sind nur die Hacken, die auf einen sehr schmalen Pfennigabsatz zulaufen. Wenn eine Frau in diesen Stiefeln nicht gef\u00e4hrlich aussieht, in welchen dann? Verkauft aber wurden diese Stiefel in der letzten Saison nicht im Fetischbedarfswarenladen, sondern zwischen Sneakers und braven Pumps bei H&amp;M.<\/p>\n<div id=\"attachment_7528\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.34.56-e1511784185629.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7528\" class=\"size-full wp-image-7528\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.34.56-e1511784185629.png\" alt=\"H&amp;M Lacklederstiefel\" width=\"500\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.34.56-e1511784185629.png 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.34.56-e1511784185629-300x142.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7528\" class=\"wp-caption-text\">Lacklederstiefel von H&amp;M<\/p><\/div>\n<p>Diese Schuhe strahlen Dominanz aus und schreien \u201eSEX\u201c in kapitalen Lettern. Zugleich nehmen sie im Faltenwurf durchaus ein Romantikmotiv auf. Wir sehen einen ganz \u00e4hnlichen Stiefel in Schwarz oder Cognac in der Winterkollektion von Saint Laurent, wo er zu asymmetrischen Lackjacken mit breiten Schultern getragen wird. Auf der Berlin-Fashion-Week lie\u00df Marina Hoermanseder ihre Models in der Herbst\/Winter-Kollektion nicht nur Lack-Overknee-Stiefel, sondern auch allerhand Riemen, Schnallen und kettenverzierte Outfits vorf\u00fchren.<\/p>\n<div id=\"attachment_7529\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.05.35-e1511784598150.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7529\" class=\"size-full wp-image-7529\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.05.35-e1511784598150.png\" alt=\"Aus der Kollektion von Saint Laurent Herbst\/Winter 2017\/18\" width=\"500\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.05.35-e1511784598150.png 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.05.35-e1511784598150-300x204.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7529\" class=\"wp-caption-text\">Aus der Kollektion von Saint Laurent, Herbst\/Winter 2017\/18<\/p><\/div>\n<p>Bei der Ready-to-Wear-Kollektion f\u00fcr das Fr\u00fchjahr 2018 aus dem Hause Chanel dominierten Overknee-Stiefel, Handschuhe und Capes aus durchsichtigem PVC. Hier ist das Material scheinbar von jedem sexuellen Anklang gereinigt. Gerade das reine Wei\u00df strahlt einen cleanen Krankenhaus-Schick aus.<\/p>\n<div id=\"attachment_7530\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.38.25-e1511784696182.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7530\" class=\"size-full wp-image-7530\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.38.25-e1511784696182.png\" alt=\"Aus der Ready-to-Wear-Kollektion von Chanel, Fr\u00fchjahr 2018\" width=\"500\" height=\"235\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.38.25-e1511784696182.png 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-22-um-09.38.25-e1511784696182-300x141.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7530\" class=\"wp-caption-text\">Aus der Ready-to-Wear-Kollektion von Chanel, Fr\u00fchjahr 2018<\/p><\/div>\n<p>In der Fr\u00fchjahrskollektion von Balmain sieht man Lack-Overalls, durchsichtige PVC-Ankle-Boots sowie Lackr\u00f6cke mit \u00fcppigen Volants am Saum. Besonders interessant die schwarz-wei\u00df gestreiften Lackhosen. Auch hier scheint sich das Material seiner sexuellen Konnotation entledigen zu wollen.<\/p>\n<div id=\"attachment_7531\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.13.12-e1511784864753.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7531\" class=\"size-full wp-image-7531\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.13.12-e1511784864753.png\" alt=\"Aus der Kollektion von Balmain, Fr\u00fchjahr\/Sommer 2018\" width=\"500\" height=\"371\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.13.12-e1511784864753.png 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.13.12-e1511784864753-300x223.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7531\" class=\"wp-caption-text\">Aus der Kollektion von Balmain, Fr\u00fchjahr\/Sommer 2018<\/p><\/div>\n<p>Auch Lackr\u00f6cke in Knallfarben wie rot und gelb begegnen uns allenthalben in den Kollektionen. Wer es dezenter mag, greift auf das schwarze Modell zur\u00fcck. Was sie alle gemein haben, ob sie nun bei ASOS oder Mango vertrieben werden: Meist wird die klassische Tulpenform durch allerhand applizierte Rei\u00dfverschl\u00fcsse aufgebrochen. Manche Exemplare lie\u00dfen sich durch einen beherzten Zug am Rei\u00dfverschluss kurzerhand von oben bis unten \u00f6ffnen. Andere Zipper sind diagonal angebracht. Funktionen haben die T\u00e4schchen freilich keine. Wie auch? Das Material sitzt hauteng an der Tr\u00e4gerin, gef\u00fcllte Taschen w\u00fcrden den Rock ausbeulen.<\/p>\n<p>Der Nachhall von Vivien Westwoods fr\u00fchen Punklooks ist \u00fcberall deutlich sp\u00fcrbar. Und zwar nicht nur in der dominanten Rolle der Zipper und der asymmetrischen, wie \u201efalsch\u201c zusammengen\u00e4hten Formen, sondern auch in der Bedeutung der Rolle von Sex. Man erinnere sich: Westwoods Shopfront im Londoner Stadtteil Chelsea trug drei gro\u00dfe, rosafarbene Vinyllettern: SEX. Der Punklook wurde aus einer Mischung aus Fetisch-Wear und selbstgedruckten T-Shirts kreiert.<\/p>\n<p>Nicht nur in England trug der Protopunk \u201ePatentleather\u201c. Auch die New York Dolls zeigten sich in dem Material. Auf einem legend\u00e4ren Foto aus dem Jahr 1975 sieht man sie in rotem Lackleder, grauen Socken und roten Zungenschuhen, die an die Schuhmode des Aristokraten im 17. Jahrhundert erinnern. Sprich: Um auch visuell die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Differenz zu den schwingenden Kleidchen der Hippies und den Cordhosen der Folkrocker herzustellen, bediente man sich in der SM-Kleiderkiste, und damit an Kleidungsst\u00fccken, die einerseits eindeutig sexuell, andererseits als Modezitat (noch) unmarkiert waren. Dass dabei die Schockwirkung der Fetischkleidung, die f\u00fcr sexuelle Devianz und Perversion stand, einkalkuliert wurde, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Bb_AoDRFgQX\/?taken-by=thelipstickkillers\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7536\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.40.44-e1511786498449.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-11-27 um 13.40.44\" width=\"500\" height=\"244\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.40.44-e1511786498449.png 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.40.44-e1511786498449-300x146.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kehrt man nun zum Fashion-Jetzt zur\u00fcck, stellt sich unmittelbar die Frage: Will die Kundin, die roten Lack tr\u00e4gt, schockieren? Will sie gar ihre sexuelle Persona ins Bild setzen? Daran muss man zweifeln. Nicht zuletzt deshalb, weil Modebibeln angesichts des schwierigen Materials \u201eDowndressing\u201c empfehlen: Die Sch\u00e4rfe der gl\u00e4nzenden Lackoberfl\u00e4che, der Hauch von Devianz, der sie umweht, die eindeutige sexuelle Konnotation muss gebrochen werden. Empfohlen wird die Kombination mit flie\u00dfendem Stoff oder grobem Strick.<\/p>\n<p>Wie kommt es zur Parallelexistenz von Oversize-, Romantik- und Fetisch-inspirierten Looks? Neben Polyurethan haben auch \u201eChoker\u201c in Lederform mit eingearbeiteten Metallherzen und Stoffkorsetts ihren Auftritt in der Mainstream-Mode, und zwar besonders gerne dort, wo \u201eTeen-Mode\u201c verkauft wird. Auff\u00e4llig ist auch, dass wir es mit den Stilelementen der Fetisch-Wear zumindest au\u00dferhalb von Haute Couture mit einem tats\u00e4chlich relativ neuen Trend zu tun haben, w\u00e4hrend romantische Volant- und R\u00fcschenlooks den Frauenk\u00f6rper seit Jahren immer wieder heimsuchen. Nur der Samt, in Form von Shorts oder bauchfreien Tops, f\u00fcgt sich nicht ganz ins Bild des Fashion-Wiederg\u00e4ngers und feierte seinen letzten gro\u00dfen Auftritt in der Grunge-Mode.<\/p>\n<p>Von Haute Couture und Pr\u00eat-\u00e0-porter inspirierte Looks hielten ihren Fashion-Siegeszug auch durch das Auftauchen in Musikvideos von Stars wie Lady Gaga \u00fcber Beyonc\u00e9 bis zu Nicki Minaj. In Taylor Swifts Video f\u00fcr ihren Song \u201eBad Blood\u201c (2015) tritt eine ganze Armada von Frauen aus dem Showbusiness in Lack-, Leder- und Latexoutfits auf. Die k\u00e4mpferische Frau, feministisch noch dazu, kleidet sich in martialisch anmutende, hypersexualisierte Outfits, die visuell zwischen Futurismus und Amazonen-Revival schwanken. Das Video setzt den \u201eSlut-Walk\u201c auf ganz neue Art in Szene. Dass die Frau in all den gl\u00e4nzenden Outfits mit m\u00e4chtigen Schulterpolstern und Brustpads an einen Cyborg erinnert und mit der Maschine in Form des Motorrads verschmilzt, ist dabei wohl kein Zufall. W\u00e4hrend anderswo Sexpuppenhersteller mit lebensecht anmutender Silikonhaut ihrer Sexautomaten werben, kleidet sich die echte Frau kurzerhand in gl\u00e4nzende Kunsthaut, die sich so eng an ihren K\u00f6rper schmiegt, dass beide eins werden. Es kommt also buchst\u00e4blich zur Verschmelzung von Frau und Fetischobjekt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Taylor Swift - Bad Blood ft. Kendrick Lamar\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/QcIy9NiNbmo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Das ist ein gro\u00dfer Unterschied zu den Fetischlooks zum Beispiel von Madonna in ihrem Video zu \u201eJustify my love\u201c (1990). Die Kleidungsst\u00fccke waren immer deutlich als solche erkennbar: Als etwas, das an- und ausgezogen, an- und abgelegt werden kann. Insofern trugen diese Kleidungsst\u00fccke die Funktion von Masken, die der Tr\u00e4gerin eine neue \u201ePersona\u201c verliehen. Die Tr\u00e4gerin als Subjekt betrieb also Anverwandlung. Darin offenbart sich ein Lustspiel, das sich im Changieren zwischen Objekt- und Subjektebene entfaltete. Werden in \u201eJustify my love\u201c vor allem die Blickbeziehung und die Rolle von Voyeur und Exhibitionist in Szene gesetzt (worin das Video an klassische Strategien der Filme von Rainer Werner Fassbinder erinnert), bei denen sich die Verh\u00e4ltnisse jederzeit umkehren k\u00f6nnen, symbolisiert das Video Swifts die Erstarrung der Frau zum Nur-Objekt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Madonna - Justify My Love (Official Video) [HD]\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Np_Y740aReI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Leder, an dem man die Poren der Tierhaut sehen und f\u00fchlen kann, ist Polyurethan so glatt wie das Image der Popk\u00f6nigin Taylor Swift. Man kann ihr nicht einmal vorwerfen, dass sie in ihrem Video \u201ezu viel Fleisch\u201c zeigt. Hier ist Mode mal keine Fleischbeschau. Stattdessen wird eine Schicht, die vielleicht nicht zuf\u00e4llig an die Vakuumverpackung von Fleisch erinnert, um den K\u00f6rper gelegt. Fetischverpackung \u00fcberdeckt die fleischliche Lust. Ausgerechnet im Hurenlook mit Lackstiefeln oder R\u00f6cken wird das fleischliche Begehren stummgestellt, indem es zu einem reinen Oberfl\u00e4chenlook sublimiert wird: Die Tr\u00e4gerin feiert ja nicht ihre Sexualit\u00e4t, sie tr\u00e4gt nur ein Fashionmaterial. Je sexualisierter der Look, desto weniger Erotik strahlt die Tr\u00e4gerin aus. Nicht zuf\u00e4llig ist die gl\u00e4nzende Lackoberfl\u00e4che ein idealer Spiegel: In diesem spiegelt sich allerdings nicht die Tr\u00e4gerin als Subjekt oder vor\u00fcbergehend als Objekt der Begierde, sondern unmittelbar der begehrende Blick des Betrachters.<\/p>\n<p>Noch vor zwei oder drei Jahren war es das Latexkleidchen, das die K\u00f6rper der wagemutigen Prominenten eroberte. Das bewundernde Auge fragte sich, ob man Kim Kardashian nicht in ihr hautenges Latexkleid gegossen hatte. Zugleich wirkte sie darin nackter als in ihrem legend\u00e4ren Magazin-Cover f\u00fcr das Magazin \u201ePaper\u201c, auf dem ihre Haut, kein Zufall, \u00f6lig glossy gl\u00e4nzt. Auch Miley Cyrus \u00fcbte sich in eindeutigen Posen und Verrenkungen im knappen Latexzweiteiler. Doch so sehr die Chefredaktion mancher Frauenzeitschrift versuchte, die Latexkleidung an die Frau zu bringen \u2013 bis hin zum Selbstversuch auf der Stra\u00dfe, der beweisen sollte, dass das Pellwurstkleidchen an jedem K\u00f6rper gut aussehen w\u00fcrde \u2013, zum Verkaufsschlager wurden die Latexlooks nicht. Erfolgreicher ist da schon das in der Mode stets pr\u00e4sente (Fake)Leder, das wahlweise rockig als kurz geschnittene A-Linie, oder mit Sch\u00f6\u00dfchen und Volants versehen sogar einen romantischen Auftritt bekommen kann. Lackleder, so k\u00f6nnte man nun meinen, bildet einen Kompromiss zwischen den beiden Materialen: Vereint es doch den Glanz und das Gef\u00fchl des an den K\u00f6rper-gegossen-Seins des Latex mit dem gr\u00f6\u00dferen Tragekomfort des Leders.<\/p>\n<div id=\"attachment_7533\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.27.19-e1511785689409.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7533\" class=\"size-full wp-image-7533\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.27.19-e1511785689409.png\" alt=\"Lady Gage, Miley Cyrus und Kim Kardashian im Latex-Outfit\" width=\"500\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.27.19-e1511785689409.png 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2017-11-27-um-13.27.19-e1511785689409-300x154.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7533\" class=\"wp-caption-text\">Lady Gage, Miley Cyrus und Kim Kardashian im Latex-Outfit<\/p><\/div>\n<p>Im Fetischmaterial dr\u00fcckt sich zudem auf frivole Art die Rolle der K\u00e4uferin als Fashion Victim aus: Wie der Fetischist, der eben nicht anders kann, als auf das Fetischmaterial zu reagieren, erzeugt auch das Fashion-Produkt den Kaufreflex. Wie das gekaufte Kleidungsst\u00fcck mit der Tr\u00e4gerin in Konversation tritt, ist dabei nebens\u00e4chlich. Was z\u00e4hlt, ist der Fetischcharakter der Ware. Nur gewinnt die Ware ein Eigenleben angesichts der Kundin, die sich Mode anverwandelt, die ihren K\u00f6rper zum Objekt macht.<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend der M\u00e4nnerk\u00f6rper in der Mode der Moderne seine Geschlechtlichkeit unmarkiert l\u00e4sst, geht es in der weiblichen Mode ausschlie\u00dflich um die Markierung der Geschlechtlichkeit.\u201c Das stellt Barbara Vinken in ihrem Buch \u201eAngezogen\u201c fest. Ein vom Fetisch inspirierter, hypersexualisierter Look ist das glatte Gegenteil zur Unisex-Kleidung, oder genauer gesagt: Die Unisexkleidung befindet sich am anderen Ende des Spektrums. Lack- und Leder tragen in der BDSM-Szene schlie\u00dflich auch M\u00e4nner, hetero- wie homosexuell. Auch empfehlen sich die Materialien Subs- und Doms. Auf bizarre Art ist der Lackleder- wohl der demokratischste Fashion-Look, nur eben nicht sonderlich tragbar au\u00dferhalb der eigenen vier W\u00e4nde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><a href=\"www.marlen-hobrack.de\">Marlen Hobrack<\/a> studiert Kultur- und Medienwissenschaften an der TU Dresden und schreibt als freie Autorinnen u.a. f\u00fcr den Freitag und Zeit Online.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fetischmaterial<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1342,1343,1350,1356,1541,1662,1812,1918,1923,2117,2472],"class_list":["post-7526","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-lackleder","tag-lackstifel","tag-latex","tag-leder","tag-mode","tag-new-york-dolls","tag-polyurethan","tag-punk","tag-pvc","tag-sex","tag-vivien-westwood"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7526"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7526\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}