{"id":7577,"date":"2017-12-06T08:00:33","date_gmt":"2017-12-06T06:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7577"},"modified":"2017-12-06T08:00:33","modified_gmt":"2017-12-06T06:00:33","slug":"social-media-dezembervon-agnieszka-roguski06-12-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/12\/06\/social-media-dezembervon-agnieszka-roguski06-12-2017\/","title":{"rendered":"Social Media Dezembervon Agnieszka Roguski6.12.2017"},"content":{"rendered":"<p>Kuratierte Beziehungen<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eYou\u2019re a total catch!\u201c, sagt mir das Onlinedating-Portal <i>OkCupid<\/i> und fordert mich auf, zur \u201aRush Hour\u2019 ein bisschen mehr Aktivit\u00e4t zu zeigen. Ich verteile also einige \u201aLikes\u2019 per Sternchen und lade schnell noch ein weiteres Foto von mir hoch. Ohne Sichtbarkeit keine Chance, so lerne ich hier. Beim n\u00e4chsten \u201aLike\u2019-Klick werde ich \u00fcberrascht: Jemand hat auch mir ein Sternchen gegeben. Automatisch \u00f6ffnet sich ein Chatfenster zwischen mir und dem auserkorenen Profil, mein Adrenalinspiegel steigt. Nichts passiert, ich klicke weiter. Gibt es noch bessere Optionen zur Auswahl?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-05-um-14.09.37.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7581 alignnone\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-05-um-14.09.37.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-12-05 um 14.09.37\" width=\"599\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-05-um-14.09.37.png 1013w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-05-um-14.09.37-300x160.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-05-um-14.09.37-768x410.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht fing die Debatte \u00fcber \u201aLiebe 2.0\u2019 dort an, wo zun\u00e4chst keine digitalen Profile zu \u201amatches\u2019 verquickt wurden; sondern zu jenem Zeitpunkt, als der Begriff der \u201aquality time\u2019 in mediale Diskurse und Coaching-Programme Einzug hielt und die Anspr\u00fcche an die eigene Freizeit deutlich anstiegen. Es wirkt paradox, dass im gleichen Zuge das durch die gemeinsame Zeit entstehende Liebesleben mit dem Schlagwort der Beziehungsarbeit versehen wird. Die quality time einer Beziehung w\u00e4re damit das Resultat erfolgreich erledigter Arbeit. Daran ist nicht nur abzulesen, dass dem Ph\u00e4nomen widerspr\u00fcchliche Kommunikationsformen zugrunde liegen, sondern es zeigt sich auch als eine Konsequenz neoliberaler \u00d6konomien, die im Sinne gouvernementaler Lebensf\u00fchrung weit in den Alltag liebender Subjekte vorgedrungen ist.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>\u00dcberschattet vom Druck, nicht nur viel Zeit in die Arbeit zu investieren, sondern zudem viel Arbeit in das private Zeitbudget zu stecken, kann eine Mischung aus Anspruchsdenken und endlosem Spiel der M\u00f6glichkeiten schnell zu toxischen Verstimmungen f\u00fchren; \u00dcberforderung, Panik, Minderwertigkeitsgef\u00fchle \u2013 wo kann da noch die zarte Pflanze der Liebe gedeihen? Wenn Erreichbarkeit zum legitimen Grundbed\u00fcrfnis einer Gesellschaft erwachsen kann und Mobilit\u00e4t zum Muss der privilegierten Klasse geh\u00f6rt, werden damit nicht nur Kontaktm\u00f6glichkeiten potenziert. Im wachsenden Gewirr der Anschl\u00fcsse geht der Augenblick des Kontakts zunehmend mit Distanz einher: Kontakt findet in verschiedenen Zeitzonen statt, w\u00e4hrend unterschiedlichen Gespr\u00e4chen oder zwischen einander kaum bekannten Menschen. Um diese Distanz also sowohl qualitativ wertvoll \u2013 und damit einer physischen N\u00e4he \u00e4hnlicher \u2013 zu gestalten, als auch passgenau in den eigenen Organisationsrhythmus einzuspeisen, braucht es vor allem eines: die F\u00e4higkeit zur Selektion.<\/p>\n<p>In Onlinedating-Portalen wird diese F\u00e4higkeit zun\u00e4chst per Wisch-Logik gef\u00f6rdert: Profile, die ich mag, wische ich auf dem Handy-Display nach rechts, wer aus meinem Sichtfeld verschwinden soll, wird nach links gewischt. Das Wischen wirkt so weniger wie ein h\u00e4uslicher Putzvorgang, sondern dient vielmehr der Bewusstwerdung meiner Au\u00dfenperspektive. Was dann folgt, ist ein \u2013 nicht selten taktisches \u2013 Spiel der Unterhaltungsversuche, die bestenfalls in ein Date jenseits des Bildschirms m\u00fcnden. Dabei wird betont, was man sich im Idealfall auch von der \u201aechten&#8216; Kontaktaufnahme erhofft: Lockeres, selbstsicheres und kreatives Ich trifft auf ein engagiertes, aktives Anderes. Wie bei einem online bestellten Artikel kann dann beim ersten Treffen beurteilt werden, ob die Lieferung passt oder zu sehr vom digitalen Angebot abweicht.<\/p>\n<p>Umgekehrt, und im \u201arealen\u2018 Leben angekommen, greifen Paare gerne auf den Bildschirm zur\u00fcck, wenn Kilometer oder Terminkalender die gemeinsame Zeit ihrer Beziehung schm\u00e4lern. Instant Message und Touch Screen scheinen dabei zu helfen, die unmittelbare N\u00e4he zum Display-Date herzustellen, das via <i>Skype<\/i> oder <i>FaceTime<\/i> stattfindet. Wer sich hier verabredet, muss nicht extra Zeit und Geld f\u00fcr Transportmittel und gemeinsame Unternehmungen aufbringen, sondern kann den richtigen Zeitpunkt im eigenen Arbeitstag w\u00e4hlen, \u00fcberall dort, wo die Internetverbindung gut genug ist.<\/p>\n<p>Momente der N\u00e4he werden durch die digitale Kommunikation nicht nur hergestellt, sondern zudem mit bestimmten Selektionsstrategien aufgewertet. Wenn im Chat Fotos verschickt oder im Dating-Profil ganz bestimmte Aspekte der Pers\u00f6nlichkeit hervorgehoben werden, dann handelt es sich nicht nur um das Teilen von Intimit\u00e4t, sondern genauso um die Inszenierung dessen, was in einem bestimmten Moment als besonders wertvoll erachtet wird. Kontaktmomente verlassen so die Sph\u00e4re des nicht steuerbaren Zufalls, der \u00fcber das eigene Handeln hereinbricht und k\u00f6nnen selbst das Unvorhersehbare \u2013 etwa ein unerwartetes \u201aMatch\u2019 \u2013 wie einen guten Wein reifen lassen und veredelt zur\u00fcckgeben, zum Beispiel mit einem besonders einfallsreichen Einstieg in den Chat. N\u00e4he, ein Grundbestandteil von engen Beziehungen, wird im Digitalen dementsprechend durch ein Arrangement von Akteuren, Zeit, Medium (Ger\u00e4t und Applikation) und Handlung (Nutzung) erzeugt. Gewinnen Beziehungen also durch die T\u00e4tigkeit des Kuratierens (das im Lateinischen \u2013 curare \u2013 bedeutet, sich um jemanden zu sorgen, zu k\u00fcmmern) zunehmend an N\u00e4he und Qualit\u00e4t? Wenn dem so ist, dann stellt sich notwendigerweise die Frage, wer sie kuratiert \u2013 und mit welchen Konsequenzen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst scheint es wichtig, nicht jeden Auswahlprozess als kuratorischen Akt zu bezeichnen \u2013 sonst w\u00e4re die Partnerwahl prinzipiell ein kuratorisches Unterfangen. Das Schlagwort \u201akuratiert\u2019 wird derzeit h\u00e4ufig als G\u00fctesiegel und Heilsversprechen verwendet. Kuratieren hei\u00dft hier, im nicht enden wollenden Newsfeed oder der un\u00fcberschaubaren Produktpalette eine Selektion in Aussicht zu stellen. Dabei verweist der Begriff l\u00e4ngst nicht mehr nur ins Reich von Kunst und Kultur, sondern gilt im Allgemeinen als professionalisierte Geste, die entweder von einer namhaften, einzigartigen Pers\u00f6nlichkeit ausgef\u00fchrt wird, oder aber von ihr handelt (bestenfalls beides). \u201aKuratiert\u2019 deutet somit nicht auf eine beliebige Zusammenstellung hin, sondern es wird die individuelle Inszenierung hinsichtlich der \u00d6ffentlichkeitswirksamkeit mitgedacht. Nur wie kann im Nahbereich der Liebe von \u00f6ffentlichen Auff\u00fchrungen gesprochen werden?<\/p>\n<p>Wer mir einen verstohlenen Blick zuwirft bleibt im Verborgenen. Postet die gleiche Person jedoch einen zwinkernden Smiley mit rosa Herz unter mein Bild auf <i>Instagram<\/i>, wird mir damit ihre digitale Identit\u00e4t zug\u00e4nglich gemacht, sofern sie es nicht ohnehin schon ist. Herz und Smiley stehen dabei nur selten f\u00fcr spontane Gef\u00fchlsausbr\u00fcche, sondern f\u00fcr wohl \u00fcberlegte Gesten, die bearbeitet und kommentiert werden k\u00f6nnen \u2013 und die vor allem als gespeicherter Inhalt f\u00fcr alle sichtbar sind und bleiben, die mein Profil betrachten. Sie erz\u00e4hlen nicht nur von einer N\u00e4he zwischen uns, die Herzchen erlaubt, sondern auch von der Handschrift individueller Profilpflege, die mit jedem Post vorgenommen wird. Beziehungen kuratorisch zu gestalten hei\u00dft also immer, dabei auch sich selbst als Gestalter*in pr\u00e4sent zu machen und aufzuwerten.<\/p>\n<p>Eine Liebesbeziehung unter digitalen Bedingungen zu f\u00fchren, bedeutet jedoch nicht zwangsl\u00e4ufig, sie in eine virtuelle Welt der Pixel auszulagern. Auf <i>Instagram<\/i> Herzen zu posten, kann eine fast nat\u00fcrliche Begleiterscheinung aller tats\u00e4chlich ausgesprochenen Liebesbekundungen einer Beziehung sein \u2013 und das Ausbleiben jener Herzen das Zeichen einer ohnehin bestehenden Krise. Digitalit\u00e4t weist auf mediale Lebensbedingungen hin, die sich schon vor der massentauglichen Nutzung des Smartphones entwickelt haben. Bestehende soziale Transformationsprozesse paarten sich mit neuen Technologien, die das Schaffen von Verbindungen zwischen Menschen, Dingen und Plattformen zum Motor haben. Laut dem Kulturwissenschaftler Felix Stalder kann Digitalit\u00e4t als ein \u201eSet von Relationen\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> definiert werden, das sich innerhalb eines Netzwerks digitaler Produkt- und Handlungs-Strukturen entfaltet.<\/p>\n<p>Nicht nur Online-Dating geh\u00f6rt so in den Intimbereich des Digitalen, sondern jedwede Liebesbeziehung, die wesentlich mit digitalen Netzwerken und Ger\u00e4ten in Verbindung steht \u2013 oder von ihnen beeinflusst wird, wenn Fernbeziehungen \u00fcber <i>Skype<\/i> aufrecht erhalten werden oder ein Wiederholen der ersten gemeinsamen Nacht \u00fcber gemeinsame Event-Besuche auf <i>Facebook<\/i> in die Wege geleitet wird. Relationalit\u00e4t \u2013 das komplexe Zusammenspiel verschiedener Beziehungen \u2013 ist ebenso ein Grundprinzip des Kuratorischen, man denke an das Gef\u00fcge von Ausstellung, Kunstwerk, K\u00fcnstler*in, Kurator*in und Publikum. Entscheidend ist in Kunst- wie Netzwelt dabei immer der Kontext, der geschaffen wird. So stellen nicht nur auf <i>Whatsapp<\/i> verschickte Fotos mit jedem Bild einen Zusammenhang zwischen allein und gemeinsam verbrachter Zeit auf speziell arrangierte Weise her, auch das Markieren von Partner*innen in Profilbildern auf <i>Facebook<\/i> demonstriert Zugeh\u00f6rigkeit zu einem vielleicht witzig, romantisch oder abenteuerlich anmutenden Kontext: der eigenen Beziehung. Kuratieren hei\u00dft jedoch nicht nur, dass etwas kombiniert und kontextualisiert wird, sondern es stellt zugleich eine \u00f6ffentliche Inszenierung dar.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/DE8tkRDUAAAvfej.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7583 alignnone\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/DE8tkRDUAAAvfej.png\" alt=\"DE8tkRDUAAAvfej\" width=\"140\" height=\"138\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/DE8tkRDUAAAvfej.png 1009w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/DE8tkRDUAAAvfej-300x296.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/DE8tkRDUAAAvfej-768x757.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/DE8tkRDUAAAvfej-100x100.png 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 140px) 100vw, 140px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Digitalen gibt es nicht mehr <i>die<\/i> \u00d6ffentlichkeit als geschlossene Einheit, sondern eine Vielzahl von personalisierten \u00d6ffentlichkeiten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Zudem verbindet sich in der Internet\u00f6ffentlichkeit scheinbar Privates mit dem \u00d6ffentlichen. Schein hat hier l\u00e4ngst eine eigene \u201aEchtheit\u2018 erlangt \u2013 denn digitales Handeln hat auch Konsequenzen f\u00fcr den analogen Raum,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und soziale Modelle wie eine \u201eHinterb\u00fchne\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, auf der die \u00f6ffentliche Rolle auch einmal abgelegt werden kann, scheinen in Anbetracht der immer transparenter werdenden Kommunikationswelt nicht mehr zu greifen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite wird dadurch auch das blo\u00dfe Zuschauen obsolet: Allgegenw\u00e4rtige Online-Dienste wie <i>Facebook<\/i> oder <i>Google<\/i> verstehen User*innen nicht als Publikum, sondern als Teilnehmer*innen, als Material f\u00fcr all jene Daten-basierten Prozesse, die dem Auge verborgen bleiben. Wo sich das Beziehungsleben gro\u00dfteilig auf Online-Plattformen und Chats abspielt, findet dies grunds\u00e4tzlich \u00fcber mediale Formen der Darstellung, auf der B\u00fchne einer privaten \u00d6ffentlichkeit statt, deren Sichtbarkeitsdimensionen je nach Teilnahme variieren.<\/p>\n<p>Auf dieser B\u00fchne eine Liebesbeziehung zu f\u00fchren, stellt zum einen wegen der Ambivalenz der eigenen Relation zum Netz eine Herausforderung dar \u2013 denn wer Plattformen und Chats nutzt, gestaltet sie durch die eigenen Inhalte auch mit. Zum anderen ist der Kontext, den jede Liebesbeziehung schafft, eingebettet in ein Netzwerk aus<b> <\/b>Applikationen und Onlineplattformen. Dieses Gewebe aus allerlei datenbasierten und algorithmisch verkn\u00fcpften Akteuren nennt der Philosoph Timothy Morton \u201eHyper-Objetcs\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>: ein nicht zu \u00fcberblickendes Netz aus menschlichen und nicht menschlichen Knotenpunkten. Zwischen Daten-Cloud, Web-Server, Followern und Chatfenstern den konkreten und best\u00e4ndigen Kontext einer Beziehung herzustellen, ist dementsprechend per se eine Kombination verschiedener Nutzungs-Ebenen. Vor allem aber ist das Kuratieren, also die bewusst aufeinander abgestimmte und sichtbar gemachte Auswahl dieser Ebenen, hier unm\u00f6glich als autonome Entscheidung der Liebenden zu werten. Ein un\u00fcberschaubares Netzwerk kuratiert sie gewisserma\u00dfen algorithmisch mit.<\/p>\n<p>Das Versprechen einer kuratierten Beziehung, n\u00e4mlich die gemeinsame \u201aquality time\u2019, wird letztendlich uneinl\u00f6sbar, wenn man bedenkt, dass kuratorische Akte immer Momente der Inszenierung sind. Sie folgen so zwar einer spezifischen Vorstellung des Arrangements, weichen aber im Moment ihrer Auff\u00fchrung notgedrungen davon ab, da Handlungsmomente immer unterschiedlich, fl\u00fcchtig und nie ganz kontrollierbar sind. So kann der Video-Anruf via <i>FaceTime<\/i> an einer schlechten Verbindung scheitern, mein extra f\u00fcr die Handykamera aufgelegtes Make-Up verpixelt \u00fcbertragen werden oder das gepostete Bild eines frisch verliebten P\u00e4rchens im Newsfeed der Freunde und Follower als kaum beachtet untergehen. Und beim tats\u00e4chlich stattfindenden Date kann trotz des Abgleichs von gemeinsamen Interessen und intimer Chats eine Atmosph\u00e4re gegenseitiger Fremdheit herrschen.<\/p>\n<p>Das permanente Performen von User*innen als Profile, in Chats und mit Bildmaterial erzeugt schlie\u00dflich zwar eine m\u00f6glichst einzigartige und kreative Form der Pr\u00e4senz, l\u00e4sst diese aber auch zur professionalisierten Geste in semi-privaten \u00d6ffentlichkeitsstrukturen werden.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Die Algorithmizit\u00e4t des Digitalen macht au\u00dferdem auch den intimsten Chat auf formeller Ebene zum automatisierten Verfahren der Entscheidung. Hier kuratorisch zu handeln verspricht weder das perfekte \u201aMatch\u2019, noch das ideale Setting f\u00fcr Liebe. Dass dieses kuratorische Vorgehen aufgrund seines Auff\u00fchrungscharakters letztlich immer etwas anderes zutage treten l\u00e4sst als die vorab geschaffene Vision, muss jedoch nur im ersten Moment bedauert werden. Tats\u00e4chlich kommt in der Abweichung, dieser uneinl\u00f6sbaren Hoffnung auf gelenkte Qualit\u00e4t das Intimste, Pr\u00e4senteste und Liebevollste zum Vorschein, was kuratierte Beziehungen dennoch erzeugen: ein Moment aufgehobener Kontrolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Eva Illouz: Gef\u00fchle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt a. M. 2006.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Felix Stalder: Kultur der Digitalit\u00e4t. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2016, S. 18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Oliver Hahn \/ Ralf Hohlfeld, \/ Thomas Knieper (Hg.): Digitale \u00d6ffentlichkeiten. Konstanz und M\u00fcnchen 2015, 11.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Im Sinne des Thomas-Theorems (aufgestellt 1928 von William Isaac Thomas) hat menschliches Handeln reale Konsequenzen, auch wenn die das Handeln verursachende Situation als irreal definiert wurde: \u201eIf men define situations as real, they are real in their consequences\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Erving Goffman: War alle spielen Theater. M\u00fcnchen 1969.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Zitiert von Christopher Kulendran Thomas: ART &amp; COMMERCE: Ecology Beyond Spectatorship, 2014. http:\/\/dismagazine.com\/discussion\/59883\/art-commerce-ecology-beyond-spectatorship\/ (letzter Zugriff: 23.11.2017).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. Sven L\u00fctticken: General Performance. In: e-flux journal 31 (Januar 2012), http:\/\/www.e-flux.com\/journal\/31\/68212\/general-performance\/ (letzter Zugriff: 23.11.2017).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/agnieszkaroguski.de\/\">Agnieszka Roguski<\/a> lebt als freie Autorin und Kuratorin in Berlin. Sie promoviert an der FU Berlin \u00fcber Modi des \u00d6ffentlich Werdens unter digitalen Bedingungen und ist assoziiert am DFG Graduiertenkolleg \u201eDas fotografische Dispositiv\u201c an der HBK Braunschweig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kuratierte Beziehungen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[330,563,564,689,699,729,1082,1338,1372,1702,1928,2150,2358],"class_list":["post-7577","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-beziehungen","tag-digitalisierung","tag-digitalitaet","tag-eva-illouz","tag-face-time","tag-felix-stalder","tag-instagram","tag-kuratieren","tag-liebe-2-0","tag-okcupid","tag-quality-time","tag-skype","tag-tinder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7577"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7577\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}