{"id":7590,"date":"2017-12-07T19:02:54","date_gmt":"2017-12-07T17:02:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7590"},"modified":"2017-12-07T19:02:54","modified_gmt":"2017-12-07T17:02:54","slug":"pop-adventskalendervon-birthe-muehlhoffdezember-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2017\/12\/07\/pop-adventskalendervon-birthe-muehlhoffdezember-2017\/","title":{"rendered":"Pop-Adventskalendervon Birthe M\u00fchlhoffDezember 2017"},"content":{"rendered":"<div>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">24. Dezember \u2013 Vorabendl\u00e4nder<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Es gibt Reisl\u00e4nder und Weizenl\u00e4nder. Es gibt Kaffee- und Teel\u00e4nder, Bier- und Weinl\u00e4nder. So weit ich wei\u00df, gibt es keine Morgen- und Abendl\u00e4nder, und wenn sich Sachsen-Anhalt das \u201eLand der Fr\u00fchaufsteher\u201c nennt, klingt das doch ein wenig so, als g\u00e4be es dort sonst nichts. Ich w\u00fcrde aber behaupten, dass man zwischen Vorabendl\u00e4ndern und Mitternachtsl\u00e4ndern unterscheiden kann. In Vorabendl\u00e4ndern beginnen Festtage mit dem Sonnenuntergang, um 18 Uhr meinetwegen. Der j\u00fcdische Sabbat f\u00e4ngt am fr\u00fchen Abend des Vortags an, das muslimische Fastenbrechen beginnt mit dem Sonnenuntergang und so h\u00e4lt man es auch bei Geburtstagen. Das viel zitierte Abendland ist hingegen alles andere als ein Abendland, geschweige denn ein Vorabendland. Hier f\u00e4ngt ein Fest \u2013 egal was es ist, ein Geburtstag, ein Jubil\u00e4um oder eben Weihnachten \u2013 um Mitternacht an, um Punkt Null Uhr. Gratuliert man auch nur einige Minuten zu fr\u00fch, bringt das Ungl\u00fcck. Werktags geh\u00f6rt dem Vorabend in Deutschland im besten Falle das Feierabendbier. Im schlechtesten Fall widmet man ihn den, tja, da ist das Wort wieder: Vorabendserien. Das sagt schon alles. Der Vorabend ist die Zeit des Wartens auf den korrekten Tagesanfang \u2013 irgendwann mitten in der Nacht.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Okay, und damit jetzt frohe Weihnachten.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">\u2212<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">23. Dezember \u2013 Fr\u00fchgeschichte<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Ich lese viele B\u00fccher \u00fcber Fr\u00fchgeschichte. Es ist ein Hobby sozusagen. Gerade im Winter, wenn man dazu Tee trinken kann, denke ich gerne dar\u00fcber nach, warum wer wann nicht ausgestorben ist. Je weiter man in der Zeit zur\u00fcckgeht, desto enger liegen die Fragen beieinander: Was wir hier \u00fcberhaupt machen und wer wir \u00fcberhaupt sind.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Im Sommer besuche ich Dolmen. Die gro\u00dfen Steine liegen da und was auch immer dort getan oder gefeiert wurde, es hat sich in das Ged\u00e4chtnis der Landschaft eingeschrieben.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Es gibt einen Typ, der auf einer Webseite mit dem kryptischen Namen <a title=\"websites t4t35\" href=\"http:\/\/www.t4t35.fr\/Megalithes\/Default.aspx\" target=\"_blank\">t4t35<\/a> alle pr\u00e4historischen St\u00e4tten und Dolmen in Westeuropa auf Googlemaps einzeichnet. Egal wo man im Urlaub ist, man kann dort nachschauen, wie man zum n\u00e4chsten Dolmen kommt.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Auf einer anderen Seite sammelt er Bilder von Oldtimer-Motorr\u00e4dern. Ich habe ihm einen Fanbrief geschrieben und gefragt, ob er eine dritte Webseite f\u00fcr Lunchboxen hat. Er muss doch auch mal Rast machen, wenn er auf seinen einsamen Motorradtouren von Dolmen zu Dolmen f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die guten B\u00fccher der letzten Jahre:<br \/>\n<em>Das Gilgamesch-Epos<\/em>. Neu \u00fcbersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul. C. H. Beck 2005.<br \/>\nAlain Testart: <i>L\u2019amazone et la cuisini\u00e8re. Anthropologie de la division sexuelle du travail.<\/i> \u00c9ditions Gallimard 2014.<br \/>\nHermann Parzinger: <i>Die Kinder des Prometheus: Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift.<\/i> C.H. Beck 2015.<br \/>\nJ\u00fcrgen Kaube: <i>Anf\u00e4nge von Allem<\/i>. Rowohlt 2017.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Und manchmal schaue ich mir auch eine Episode von Jared Diamond an. Der hat einen genauso d\u00e4mlichen Backenbart wie Hans-Werner Sinn, aber seine Antworten auf die nicht ganz einfache Frage, warum die Europ\u00e4er und Eurasier so ziemlich den ganzen Rest der Welt unterworfen haben und nicht andersherum, finde ich sehr interessant.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">[youtube id=&#8220;i885hopsw6E&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p>22. Dezember \u2013\u00a0Richard Pryor<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Ich kannte Richard Pryor nicht! Ich habe einiges an Stand-Up-Comedy gesehen, aber bis jetzt wusste ich nicht, wer Richard Pryor war. F\u00fcnfundzwanzig Jahre Lebenszeitverschwendung. Was f\u00fcr ein rassistischer Planet, auf dem das m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Schwer zu sagen, was Richard Pryor auf der B\u00fchne eigentlich macht. Wenn Bruno Latour Humor h\u00e4tte, was ich inzwischen bezweifle, h\u00e4tte er seine helle Freude daran: Alles lebt. Alle Dinge f\u00fchren ein Eigenleben. Richard Pryor verk\u00f6rpert ein Herz im Augenblick seines Infarkts. (Bei seinem ersten war er 39 Jahre alt). Er verk\u00f6rpert die Faust seines Vaters, die ihn als zehnj\u00e4hrigen Jungen verpr\u00fcgelt. So hart, dass sein Brustkorb sich um die Faust faltet und nicht mehr von ihr abgeht, wohin auch immer dieser seinen Arm bewegt. So springt Pryor \u00fcber die B\u00fchne: Um eine imagin\u00e4re Faust gewrappt, die versucht, ihn abzusch\u00fctteln.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Sowieso, es ist irre, was in seinem Leben alles passiert ist. 1940 wird er in Peoria, Illinois, geboren, in einem Arbeiterviertel, wo es lauter normale Familien gibt: \u201eEleven kids. Yaah, no parents \u2013 just kids\u201c. Er w\u00e4chst in einem Bordell auf, das der Gro\u00dfmutter geh\u00f6rt, seine Eltern prostituieren sich beide darin. Er wird zum gr\u00f6\u00dften Star der 70er Jahre. Er kauft Kokain in Kilogramm. \u00dcberlebt nur knapp, als er sich auf Drogen selbst anz\u00fcndet, weil eine Sendung \u00fcber Vietnam im Fernsehen l\u00e4uft. Brennend rennt er \u00fcber mehr als eine Meile die Stra\u00dfe\u00a0\u00a0herunter. Er macht ein Comeback und wird noch ber\u00fchmter. Z\u00fcndet ein Streichholz auf der B\u00fchne an und wedelt damit herum: Was ist das? Das ist Richard Pryor.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">1986 wird bei ihm die schwere Nervenkrankheit Multiple Sklerose festgestellt. \u201eMS? What does that stand for?! More shit?\u201c<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Show \u201eRichard Pryor: Live in Concert\u201c (1979) auf Netflix.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Show \u201eRichard Pryor: Live on the Sunset Strip\u201c (1982).<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Doku \u201eRichard Pryor: Omit the Logic\u201c (2013):\u00a0<a href=\"https:\/\/vimeopro.com\/user18105648\/features\/video\/65456553\">https:\/\/vimeopro.com\/user18105648\/features\/video\/65456553<\/a><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Richard Pryor &amp; Robin Williams at The Comedy Store in L A\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/eQ9dU4pAxTc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\" style=\"text-align: center\">\u00a0\u2212<\/p>\n<div>21. Dezember \u2013\u00a0Jane Fonda<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Jane Fonda ist die Hildegard Knef des Workouts. Denkt einmal dar\u00fcber nach, es stimmt. Auch im Gesicht gibt es \u00c4hnlichkeiten, und sie haben einen \u00e4hnlichen futuristischen Blick. In diesem Jahr hat Jane Fonda auf den Filmfestspielen von Venedig den Ehrenpreis f\u00fcr ihr Lebenswerk bekommen. Dabei ist ihr Leben bestimmt noch lange nicht zu Ende. Sie wird als Hildegard Fonda wiedergeboren werden, als Schutzheilige der VHS-Kassetten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Mein Lieblingsworkout ist, ganz klassisch, dieses hier, ich h\u00f6re es auch manchmal zum Einschlafen:<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Jane Fonda - Working Out para PRINCIPIANTES\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/RuLS3_2yqrs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Auch super: Barbarella, ein Science-Fiction-Film von 1968. Hat mit &#8222;Science&#8220; aber nichts zu tun.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Barbarella (1968) Trailer\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/0Xo6FaypcpY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>(Tolles Foto:\u00a0<a href=\"http:\/\/rebrn.com\/re\/jane-fonda-on-the-set-of-barbarella-2605444\/\">http:\/\/rebrn.com\/re\/jane-fonda-on-the-set-of-barbarella-2605444\/<\/a>)<\/div>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">20. Dezember \u2013 Djivan Gasparyan<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Zeit f\u00fcr DJ Ivan, sage ich manchmal, wenn ich mich abends allein ins Bett schicke.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Die Duduk ist das Nationalinstrument Armeniens, sie \u00e4hnelt einer Klarinette im Klang und einer kurzen Oboe in der Form. Ihr Ton ist tiefer, aber \u00e4hnlich nasal, weinerlich \u2013 als w\u00fcrde sich die Luft etwas str\u00e4uben, durch diesen engen Spalt des Schilfrohrs getrieben zu werden. F\u00fcr gew\u00f6hnlich ist die Duduk aus Aprikosenholz gemacht.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Djivan Gasparyan ist der bekannteste und unumstritten beste Dudukspieler Armeniens. N\u00e4chstes Jahr wird er 90 Jahre alt. Es soll sogar eine Wodkasorte geben, die nach ihm benannt ist.\u00a0Mit Hans Zimmer hat er Filmmusik aufgenommen. Mit Peter Gabriel \u2013 was hei\u00dft das schon.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">In dieser Welt nicht traurig sein, das geht nur mit trauriger Musik.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">&#8222;I will not be sad in this world&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=r8SjbyFQ__A\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=r8SjbyFQ__A<\/a><\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">19. Dezember \u2013\u00a0Sense8<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Acht Leute, auf vier Kontinenten verteilt, finden heraus, dass sie in die Gedankenwelt der anderen eintauchen und einander F\u00e4higkeiten verleihen k\u00f6nnen. Sie bilden einen achtk\u00f6pfigen sogenannten \u201eSensate\u201c-Cluster und irgendwer versucht, sie zu t\u00f6ten. Das ist genauso wie es klingt: \u00fcberdrehter, nerviger, extrem kalifornischer Globalisierungskitsch in Form einer Serie. In Bestform, sozusagen.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Es ist okay, wenn man beim Zuschauen etwas befremdet ist. Die Wachowski-Geschwister (<i>Matrix<\/i>) haben keine ironische Zwischendecke eingezogen, auf die man sich bei Bedarf retten k\u00f6nnte. Die mysteri\u00f6s verbundene Gedankenwelt der Sensates l\u00e4dt zu einer Orgie im Pool \u00fcber den D\u00e4chern von Mexico City doch geradezu ein. Ein andermal sieht man zu klassischer Musik acht verschiedene Entbindungen in Frontalansicht. Das Wunder des Lebens als kaleidoskopartig bunter, blutiger Taumel. Weil, why not?<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Nach zwei Staffeln hat Netflix die Serie aus Kostengr\u00fcnden abges\u00e4gt, im Fr\u00fchjahr 2018 wird es lediglich eine finale Doppelfolge geben. Es folgte: Entr\u00fcstung bei den Fans und die lustigste Idee des Jahres, ein offener Brief des Betreibers der Porno-Webseite xhamster an Lilly und Lana Wachowski mit dem Angebot, sie d\u00fcrften die Serie auf xhamster weitermachen. \u201eWe know we\u2019re an unlikely home. But five years ago, people laughed at the idea of Netflix producing original series. We think that our time, like yours, has come.\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/de.xhamster.com\/blog\/posts\/691955\">https:\/\/de.xhamster.com\/blog\/posts\/691955<\/a><\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">\u00a0Pornoserien! Das ist die n\u00e4chste Revolution des Fernsehens, ich gehe jede Wette ein.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Sense8 | official trailer (2015)  J. Michael Straczynski Tom Tykwer Netflix\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/E9c_KSZ6zMk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<div>18. Dezember \u2013\u00a0Ren Hang<\/div>\n<p>Fast dachte ich: Ren Hang passt\u00a0<i>zu gut<\/i>\u00a0in den Weihnachtskalender f\u00fcr die Pop-Zeitschrift. Ein Kultfotograf hat uns gerade noch gefehlt. Au\u00dferdem hat er sich umgebracht, dieses Jahr, mit nur 29 Jahren. Das kann man nicht unerw\u00e4hnt lassen. Das steht dann aber wie ein Elefant im Porzellanladen vor seinen Bildern herum und verdeckt die Sicht. Andererseits w\u00e4re es doch ebenfalls morbide, w\u00fcrde man wegen des Bekanntheitsgrads, in den er sich 28 Stockwerke tief gest\u00fcrzt hat, jetzt nicht \u00fcber ihn schreiben. Man muss n\u00e4mlich \u00fcber ihn schreiben, weil es so gro\u00dfartig ist, was er da gemacht hat.<\/p>\n<p>Fotografien von seinen nackten chinesischen Mitbewohnern: So anr\u00fchrend, so lustig, traurig, menschlich, geometrisch, dass man sich ganze N\u00e4chte lang auf seiner Webseite verlieren kann (<a href=\"http:\/\/renhang.org\/\">renhang.org<\/a>). Was der Mensch ist, ist die Frage, die er stellt; irgendwas mit Menschen, ist seine Antwort. Wer wei\u00df, ob er das selbst so gesagt h\u00e4tte, aber das denke ich und unterschreibe ich sofort.<\/p>\n<p>Eine Ausstellung mit Fotografien von Ren Hang ist in Leipzig zu sehen, nicht mehr lang, nur noch bis zum 7. Januar.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/mdbk.de\/ausstellungen\/ren-hang\/\">https:\/\/mdbk.de\/ausstellungen\/ren-hang\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Ba00LJrAIxZ\/?taken-by=mdbkleipzig\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-7642\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-18-um-20.10.32.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2017-12-18 um 20.10.32\" width=\"535\" height=\"254\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-18-um-20.10.32.png 926w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-18-um-20.10.32-300x143.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-18-um-20.10.32-768x365.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 535px) 100vw, 535px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p>17. Dezember \u2013\u00a0\u00a0Brazilian Waxing<\/p>\n<p>Neonr\u00f6hren liegend von unten betrachtet: Niemals ein gutes Gef\u00fchl. Immer Zahnarzt. Die mit Krepp-Papier belegte Schaumstoffliege quietscht unter mir. Liegen und Warten, das ist der Versuch einer Vertikalspannung in der Horizontalen. Ich sage mir, entspann dich. Gesagt, getan. Ich schlie\u00dfe die Augen, ich lasse das Licht der Neonr\u00f6hren in der Dunkelheit des inneren Auges nachflimmern. Was man auch tun k\u00f6nnte: Eine Debatte dar\u00fcber f\u00fchren, wie es dazu kommt, dass ich hier liege. Stellt sich mit sehr viel Klarheit, diese Frage, wenn das Wachs viel zu hei\u00df auf die Haut trifft. Wozu tue ich das? Wozu wir? K\u00f6nnte man. In der zweiten H\u00e4lfte des Schmerzes kann man es schon nicht mehr. Hier geht es um Sekunden. Vor dem Schmerz: nicht wegzucken, dieses Mal nicht wegzucken, n\u00e4chstes Mal nicht wegzucken. Doch gezuckt haben. Die Sekunde darauf: eine seltene Klarheit flutet das Gehirn. Weniger schlimm als gedacht, sagt die Klarheit und das Neonlicht nickt. Besser als jedes Koffein, sagt der Tag.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\">16. Dezember \u2013\u00a0\u201eMein Flirt\u201c von Veranda Spuk<\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\">Es hat mich noch nie jemand nach meiner Meinung gefragt, aber: Nat\u00fcrlich gibt es Liebe auf den ersten Blick. Alles andere w\u00e4re doch absurd. Menschen sind schlie\u00dflich keine DHL-Pakete, die man, nachdem man einen Zettel im Briefkasten gefunden hat, obwohl man doch die ganze Zeit zuhause war, an irgendeiner Paketstation abholen, m\u00fchsam auspacken muss und dann feststellt: Ach so, voll vergessen, hatte ich mir ja letztens bestellt.<\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\">Mit B\u00fcchern ist es meistens komplizierter als mit Menschen. Man muss sie bis zum Ende durchlesen, um herauszufinden, ob sie gut sind.<\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\">So ist es oft, so war es aber nicht mit diesem Buch. Veranda Spuk: \u201eMein Flirt mit einem ganz bestimmten Superstar oder der Pappkarton im Bettlaken\u201c, Suhrkamp Verlag, 1982. Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich im Internet darauf gesto\u00dfen bin. Ich habe es sofort bestellt und darauf gewartet. Ich wusste, dieses Buch wurde f\u00fcr mich geschrieben. Der Titel, das Pseudonym (Veranda Spuk!), die Pappschachtel in Form einer Schokoladentafel, in der dieses gl\u00e4nzend goldene Buch liegt \u2013 das alles ist genau so, wie das, was darin steht. Es geht um Pappkartons, einen Superstar und ja, auch um Schokolade. Es ist das Tagebuch eines jungen M\u00e4dchens. Es ist total irre.<\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\">Mehr muss ich dazu gar nicht sagen. Wer f\u00fcr dieses Buch bestimmt ist, der wei\u00df Bescheid.<\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\">Anmerkung: Ein Text von mir \u00fcber dieses Buch erscheint in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift \u201eKultur &amp; Gespenster\u201c (Textem Verlag Hamburg).<\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG-2868-e1513413613322.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7619 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG-2868-e1513413613322.jpg\" alt=\"IMG-2868\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG-2868-e1513413613322.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG-2868-e1513413613322-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"m_-1430700444996156890gmail-western\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">15. Dezember \u2013\u00a0Blue Planet II \u2013 Playlist<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">Ich find&#8217;s gut, dass meine Kopfh\u00f6rer einen Wackelkontakt haben, ich muss immer das Kabel zurechtzippeln, damit rechts Sound kommt. Das verst\u00e4rkt den Unterwassereffekt von Musik. Manchmal reicht es auch, wenn ich ein bisschen den Kopf schief lege, sodass das Wasser aus dem Ohr rausl\u00e4uft und irgendein Kabelende wieder Kontakt findet.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">2017 ist ein gutes Jahr. Die Unterwasservariante von Planet Earth findet seine Fortsetzung auf BBC: Blue Planet II. Sir David Attenborough, der niedlichste Opa der edlen Television, zeigt uns wieder die lustigen Lebewesen der Weltmeere.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">DJ Benji B spendiert die Musik dazu. Hier ist sein Blue Planet II Mix auf BBC Radio One.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\"><a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/b09gffzw\">http:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/b09gffzw<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p>14. Dezember \u2013\u00a0Harry Dean Stanton<\/p>\n<p>Es gibt Menschen, denen schaut man einfach gerne dabei zu, wie sie etwas machen. Egal was. Am besten sie existieren einfach vor sich hin, laufen rum, schauen kurz f\u00fcr einen Kaffee vorbei, den sie am Tresen trinken, und \u201em\u00fcssen\u201c dann wieder \u201elos\u201c. Wie kleine Modellautos rollern sie durch die Gegend. Gegebenenfalls weichen sie Hindernissen aus, und zwar mit der viel zitierten schlafwandlerischen Sicherheit. Als w\u00fcrden sie von einer unbekannten Macht ferngesteuert. Ihre Fahrtrichtung beeinflussen kann man nur durch Lockrufe, durch Kaffee zum Beispiel oder andere Dinge, auf die sie magnetisch reagieren. Man w\u00fcrde sie gerne als Haustiere halten, doch\u00a0man wei\u00df, dass das nicht geht.<\/p>\n<p>Eines dieser Modellautos ist Harry Dean Stanton. Man schaut ihm gerne zu, plus: er l\u00e4uft dauernd irgendwohin. Weshalb es Sinn macht, dass er Schauspieler geworden ist, Nebendarsteller, um genau zu sein. Ein Kult-Nebenschauspieler. In der Serie\u00a0<i>Twin Peaks<\/i>\u00a0von David Lynch, mit dem er lange befreundet war, spielt er den Hauswart eines Wagenplatzes, auf dem die abgerissensten Gestalten von\u00a0<i>Twin Peaks<\/i>in in ihren mobile homes wohnen. Auch hier: Mobile Homes.<\/p>\n<p>Die einzige Hauptrolle seines Lebens hat er in\u00a0<i>Paris, Texas<\/i>\u00a0von Wim Wenders gespielt, das war 1984, und in der Erz\u00e4hlung von Wenders klingt durch, wie schwierig es gewesen sein muss, einen l\u00e4ngeren Monolog mit ihm zu drehen. Er dachte \u2013 damals \u2013, er w\u00e4re schon viel zu alt daf\u00fcr. Aber es passt nat\u00fcrlich sehr gut: Travis, ein verwirrter, verwahrloster Mann, l\u00e4uft durch die W\u00fcste. Nicht viel mehr als das.<\/p>\n<p>In seiner zweiten einzigen Hauptrolle spielt er sich selbst. \u201eLucky\u201c (2017) ist ein Spielfilm, der sich von der Doku, die 2012 \u00fcber ihn gedreht wurde, gar nicht so wesentlich unterscheidet. Aber die hatte den Titel \u201ePartly Fiction\u201c.<\/p>\n<p>Die brennende Zigarette wartet im Aschenbecher, w\u00e4hrend der 90-j\u00e4hrige Harry Dean Stanton seine t\u00e4glichen Yoga-\u00dcbungen absolviert. Zwischen den \u00dcbungen zieht er daran. Wollte man Kritik \u00fcben, k\u00f6nnte man sagen, \u201eLucky\u201c ist nicht viel mehr als eine sehr sympathische Langversion einer Zigarettenwerbung, in deren Verlauf der Marlboro-Man mit seinem Cowboyhut nicht an Krebs sterben wird. (Es ist allerdings nicht Marlboro, Harry Dean Stanton raucht American Spirit \u2013 was alle hippen Gro\u00dfstadtraucher freuen wird). Aber warum sollte man Kritik \u00fcben? Nur zur Erinnerung: Wir befinden uns in der Weihnachtszeit, der Eltern- oder Gro\u00dfelternbesuch steht an, allein schon als Methode der Selbstsensibilisierung kann, darf, sollte man sich diese r\u00fchrende Gestalt anschauen.<\/p>\n<p>In\u00a0<i>Twin Peaks: The Return<\/i>, der Fortsetzung der Serie 25 Jahre sp\u00e4ter, spielt Harry Dean Stanton wieder den Blockwart. Er sieht nicht aus wie 90. Er war schon vor 25 Jahren der \u00e4lteste am Set. Ich wei\u00df gar nicht, ob man es Alterslosigkeit nennen kann, wenn jemand, der so alt ist, so jung wirkt. Jungenhaft. K\u00f6nnten wir dem nicht eine lateinische Bezeichnung geben? Ich w\u00e4re f\u00fcr Automobilitas.<\/p>\n<p>Am 15. September 2017, morgen vor drei Monaten, ist er gestorben. RIP!<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0<i>Paris, Texas.<\/i>\u00a0(Wim Wenders, 1984)<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0<i>Twin Peaks<\/i>\u00a0(1991-93 und 2017)<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0<i>Partly Fiction\u00a0<\/i>(Doku von Sophie Huber, 2012)<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0<i>Lucky\u00a0<\/i>(Spielfilm von John Carroll Lynch. Filmstart Deutschland: 8. M\u00e4rz 2018).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Lucky - Official Trailer\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/2KLLkj84GAo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p class=\"gmail-western\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">13. Dezember \u2013\u00a0John Coltrane<\/p>\n<p class=\"gmail-western\"><span style=\"font-family: Times, 'Times New Roman'\">Jazz ist eine der wenigen realexistierenden hegelianischen Aufhebungen\u00a0<i>on earth<\/i>. Man kann Jazz h\u00f6ren bevor die G\u00e4ste kommen, w\u00e4hrend sie da sind und wenn sie weg sind, wenn man am Folgetag alleine durch die Wohnung streift und Bierflaschen an erstaunlichen Orten findet. Das kann nicht jede Musik! Je nachdem ob man selbst entspannt oder aufgedreht ist, ist es entspannte oder aufgedrehte Musik. \u201eMy Favorite Things\u201c ist daher auch ein ganz gro\u00dfartiger Titel f\u00fcr das Album des Saxophonisten John Coltrane. Lieblingssachen haben es ja so an sich, dass sie auch in den verschiedensten Situationen immer richtig sind.<\/span><\/p>\n<p class=\"gmail-western\"><span style=\"font-family: Times, 'Times New Roman'\">Also, wenn es nach mir ginge, dass g\u00e4be es bald einmal zwei Megatrends, ein Comeback des Jazz, meinetwegen elektronisch getwistet, und eine Wiederentdeckung der Orgel als Universalinstrument. Kirchenorgel, meine ich. Da m\u00fcsste ich jetzt aber weiter ausholen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"gmail-western\"><span style=\"font-family: Times, 'Times New Roman'\">John Coltrane, My Favorite Things (1961)<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YHVarQbNAwU\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YHVarQbNAwU<\/a><\/p>\n<p class=\"gmail-western\" style=\"text-align: center\"><span style=\"font-family: Times, 'Times New Roman'\">\u2212<\/span><\/p>\n<p class=\"gmail-western\">12. Dezember \u2013\u00a0<i>A Brief History of Meteorite Falls<\/i><\/p>\n<p class=\"gmail-western\">Das Buch erinnert mich daran, wie ich einmal meiner Gro\u00dfmutter versucht habe zu erkl\u00e4ren, was DJs machen. Es war gar nicht so einfach, weil es ganz offensichtlich paradox klingt: Man kann Musik machen, ohne, tja, Musik\u00a0zu\u00a0machen.\u00a0<i>A Brief History of Meteorite Falls\u00a0<\/i>ist ein Gedichtband, keine Frage. Es enth\u00e4lt blo\u00df keine Gedichte.\u00a0Und die Autorin, die K\u00fcnstlerin Regine Petersen, hat keinen der Texte selbst verfasst.\u00a0Sie hat Zeitungsartikel und Augenzeugenberichte gesammelt, viele auf Englisch, einige auf Deutsch, von Menschen, die Meteoriten gefunden haben oder zugegen waren als sie auf die Erde einschlugen. Nur mit Orts- und Datumsangabe versehen, als bek\u00e4me der Meteorit erst mit dem Moment des Einschlags einen rechtm\u00e4\u00dfigen Platz in Raum und Zeit, stehen diese Berichte kommentarlos nebeneinander. Manche Anekdoten sind einfach sehr lustig; in der Komposition sind sie poetisch.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\"><span style=\"color: #000000\">Der Schreck, die Angst, die Neugier; g\u00f6ttliches Zeichen, wissenschaftliches Interesse, der Gesch\u00e4ftssinn.\u00a0<\/span><span style=\"color: #000000\">Mister Lloyd-Jones zog seit seinem Erlebnis am 14. April 1931 seinen Hut nicht mehr aus, ging sogar mit ihm schlafen,\u00a0<\/span><span style=\"color: #000000\">so ver<\/span>\u00e4ngstigt war er. In Atoka, Oklahoma, waren sich die Leute am 17. September 1945 unsicher, ob es sich nicht vielleicht um eine Bombe handelte \u2013 ein Mann, der eine lebenslange Gef\u00e4ngnisstrafe abzusitzen hatte, musste den Stein ausgraben. Oder Strathmore, 1917: \u201eThen there came what seemed like a double knock at the door, which she opened, but found no one there.\u201c<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">Ebenso schnell wie ein Meteorit die Frage aufwirft, was man mit ihm tun soll, sind die Antworten bei der Hand. Er muss an Ort und Stelle bleiben und wehe ihn r\u00fchrt jemand an (sagten die Geheimnism\u00e4nner der Saskatchewan), wir h\u00e4ngen ihn in der Kirche auf (Ensisheim, 1492), er geh\u00f6rt ins Museum! Ins Labor! Jaja. Die Geschichte der Menschheit l\u00e4sst sich vielleicht tats\u00e4chlich erz\u00e4hlen anhand dieser Dinge, die \u00e4lter sind als der\u00a0Planet.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">PS: In Paris l\u00e4uft noch bis zum n\u00e4chsten Sommer eine Ausstellung \u00fcber Meteoriten, die ich unbedingt sehen will. 350 Exponate gibt es zu sehen \u2013 von den immerhin 20.000 Tonnen au\u00dferirdischen Ger\u00f6lls, die jedes Jahr in die Erdatmosph\u00e4re eintreten.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">Regine Petersen,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.textem.de\/index.php?id=2567\"><i>A Brief History of Meteorite Falls<\/i><\/a>, Textem-Verlag Hamburg 2014.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\">Ausstellung \u201e<a href=\"http:\/\/meteorites.grandegaleriedelevolution.fr\/\">M\u00e9t\u00e9orites \u2013 Entre ciel et terre<\/a>\u201c. 18. Oktober 2017 \u2013 10. Juni 2018. Grande Galerie de l\u2018\u00e9volution, Paris.<\/p>\n<p class=\"gmail-western\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"p1\">11. Dezember \u2013 Das Wendland<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Hier ist das\u00a0Land nicht nur einfach flach, hier ist geschliffen worden.\u00a0Man sieht der Gegend den Schliff noch an; vergleichbar mit einem\u00a0kalten\u00a0Tee, dessen K\u00e4lte man anmerkt, dass sie noch jung ist, gerade erst\u00a0abgek\u00fchlt. So ist es auch mit dem Wendland. Man ahnt die Gletscher noch, die in der Eiszeit hier weggeschabt haben, was gerade noch da gewesen war. Die Bauern, die hier siedelten, sind immer arm geblieben. Sandb\u00f6den, da w\u00e4chst nicht viel. Wir fahren die Landstra\u00dfe lang,\u00a0es ist Nacht. Zwischen Kiefern und Birkengr\u00fcppchen h\u00e4ngt Nebel, wie bodennahe Wolken, die aufheulen, wenn das Scheinwerferlicht sie trifft. Giftgasangriff\u00a0auf die K\u00fchlerhaube. Einmal macht die Stra\u00dfe einen Knick und gleich wieder noch einen, mitten im Nirgendwo \u2013\u00a0das ist die Grenze gewesen, DDR-BRD. Das Wendland lugte wie eine Nase in die DDR hinein. Es ist das autobahnfreieste St\u00fcck Land in Deutschland.\u00a0Ich habe die Bahn genommen, von Berlin f\u00e4hrt man eineinhalb Stunden nach Salzwedel\u00a0und von dort muss man mit dem Auto weiter.\u00a0In Salzwedel\u00a0wurde der Baumkuchen erfunden,\u00a0hei\u00dft es, und das macht Sinn, wo es hier kaum etwas anderes gibt als Sandb\u00f6den und B\u00e4ume.\u00a0\u2028Abgeschiedenheit und H\u00f6fe\u00a0zum Spottpreis.\u00a0In den 60er Jahren\u00a0fingen\u00a0die Hippies an, hierhin zu ziehen, Kommunen zu gr\u00fcnden.\u00a0Das\u00a0Endlager\u00a0in Gorleben, an dem wir vorbeifahren,\u00a0war\u00a0noch gar kein Thema,\u00a0da waren die Gegner schon da.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Die Wenden waren von Osten eingewandert, sie\u00a0hatten \u00e4hnlich\u00a0wie die Sorben in Ostsachsen\u00a0\u00a0eine\u00a0eigene Sprache und Kultur.\u00a0Die Orte haben immer noch wendische Namen. B. meint, dass die Armut der Wenden auch ein Grund war, weshalb sich die Leute von hier und die Hippies so gut verstanden haben. Wer hier lebt,\u00a0war\u00a0immerschon\u00a0auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Ob die Nachbarn\u00a0Gro\u00dfst\u00e4dter sind\u00a0und ihre K\u00fche\u00a0nicht um 6 sondern\u00a0um 11 Uhr morgens melken, ist da Nebensache.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das Wendland: Das ist Norddeutschland, aber ohne\u00a0K\u00fcste.\u00a0Ich stelle mir vor, dass sich der Norden von Bayern \u00e4hnlich anf\u00fchlen muss, Bayern ohne Berge.\u00a0Nur die Elbe ist hier. Tr\u00e4ge und d\u00fcster und breit liegt sie da. Auch sie war Grenze. Die gef\u00e4hrliche Str\u00f6mung war schon\u00a0Stacheldraht genug.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Auf der\u00a0BRD-Seite\u00a0gibt es\u00a0einen H\u00fcgel, der steil zum Ufer hin abf\u00e4llt. Auf dem H\u00fcgel steht ein rot-wei\u00dfer Mast. Ein riesiger Mast, hoch wie ein Fernsehturm. Teil einer Abh\u00f6ranlage,\u00a0wie es sie\u00a0entlang der Grenze\u00a0einige\u00a0gab.\u00a0Andernorts wurden sie\u00a0abgebaut.\u00a0Aber hier macht dieser Mast auch irgendwie Sinn. Er steht da und horcht in die Landschaft hinein. Ich stelle mir vor, wie er nach unten ins Erdinnere genauso tief st\u00f6\u00dft wie in den Himmel; in den Sand, die Salzlagerst\u00e4tten, die unter der Last von Gletschern komprimierten Schichten.\u00a0Fahrt mal ins Wendland!<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG_0184-e1512987078636.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7610\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG_0184-e1512987078636.jpg\" alt=\"IMG_0184\" width=\"450\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG_0184-e1512987078636.jpg 450w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/IMG_0184-e1512987078636-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">10. Dezember \u2013<\/span> Schneefrei<\/p>\n<p class=\"p1\">Heute hat Birthe M\u00fchlhoff schneefrei. Stattdessen ein Gru\u00df aus der Redaktion mit Rejjie Snow:<\/p>\n<p class=\"p1\">[youtube id=&#8220;2iRVCbBPPHw&#8220; align=&#8220;center&#8220; autoplay=&#8220;no&#8220;]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0\u2212<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">9. Dezember \u2013 <\/span>Rainald Goetz: <em>Insane<\/em><\/p>\n<p class=\"gmail-western\" style=\"margin: 0cm;margin-bottom: .0001pt\"><span style=\"color: #222222\">Die eigene Alma Mater beschimpft man nicht. Das ist eine dieser goldenen Regeln, die tats\u00e4chlich<\/span> niemandem weiterhilft. Es h\u00e4tte mir durchaus weitergeholfen, h\u00e4tte mir damals, als ich 18 war und nur wusste, dass ich nicht in Berlin studieren wollte, jemand gesagt, dass das Philosophische Institut an der Universit\u00e4t Hamburg ein Witz ist. Stell dir vor, du gehst an einem B\u00fcchertisch vorbei, in einem geisteswissenschaftlichen Institut, und da liegt <em>Abfall f\u00fcr alle<\/em> herum!<span style=\"color: #222222\"> Und du gehst drei Schritte darauf zu und es liegt immer noch da! Dann stimmt etwas nicht.<\/span><\/p>\n<p class=\"gmail-western\" style=\"margin: 0cm;margin-bottom: .0001pt\">Ob man Goetz mag oder nicht, ist eine berechtigte, in diesem Fall aber unbedeutende Frage. Rainald Goetz beschimpft man nicht!<\/p>\n<p>Und das alles: Aus Anlass. Endlich wurde <em>Irre<\/em> ins Englische \u00fcbersetzt. <span style=\"color: #222222\">Schenkt es euren <em>international friends<\/em><\/span><span style=\"color: #222222\"> zu Weihnachten. Der gr\u00f6\u00dfte lebende deutsche Schriftsteller braucht den Fame, den er verdient.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm;margin-bottom: .0001pt\"><span style=\"color: #222222\"><span style=\"color: #222222\">Rainald Goetz: <a title=\"Insane Website\" href=\"https:\/\/fitzcarraldoeditions.com\/books\/insane\" target=\"_blank\">Insane <\/a><\/span><\/span><span style=\"color: #222222\">(Translated by Adrian Nathan West, Fitzcarraldo Editions 2017)<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm;margin-bottom: .0001pt\"><span style=\"color: #222222\"><span style=\"color: #222222\">PS: Aus seri\u00f6ser Quelle wei\u00df ich, dass ein Interview mit Rainald Goetz im <span style=\"color: #222222\">\u201e<\/span>Tank\u201c-Magazine erscheinen wird, freut euch auch darauf.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0\u2212<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">8. Dezember \u2013\u00a0<\/span>Gyokuro<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s2\">Erleuchtungen sind zumeist keine materiellen Gegenst\u00e4nde. Au\u00dfer es handelt sich um welche aus der Gattung der Lampen. Lampen und andere Lichtquellen. Ansonsten leuchtet es nur, wo es sch\u00f6n vergeistigt zugeht. Ideen k\u00f6nnen zum Beispiel einleuchtend sein \u2013 oder man erlebt gleich eine ganze Erleuchtung, eine spirituelle Erfahrung, in der einem ganz w\u00f6rtlich ein Licht aufgeht.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s2\">Und dann gibt es noch Gyokuro. <\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s2\">Gyokuro ist eine japanische Teesorte, genauer: die hochwertigste, teuerste, beste. Kurz vor der Ernte werden die Teepflanzen beschattet, wodurch die Bl\u00e4tter einen starken und zugleich sanften Geschmack entwickeln. Mit seiner satten klargr\u00fcnen Farbe leuchtet der Tee, und er leuchtet wirklich, und alles f\u00e4ngt an zu leuchten und anders kann ich es nicht beschreiben.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s2\">Wenn ich so frei sein darf, empfehle ich an dieser Stelle zum Beispiel diesen Saemidori aus dem Bohea-Teeladen in Berlin-Friedrichshain:\u00a0https:\/\/www.bohea.de\/teesortiment\/gruener-tee\/japan\/item\/307-gyokuro-saemidori.html<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-08-um-09.46.10-e1512722860664.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7593\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-08-um-09.46.10-e1512722860664.png\" alt=\"tee\" width=\"450\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-08-um-09.46.10-e1512722860664.png 450w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Bildschirmfoto-2017-12-08-um-09.46.10-e1512722860664-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"p3\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">7. Dezember \u2013\u00a0<\/span>Jeune Femme (2017)<\/p>\n<p class=\"p1\">Der beste Filmtitel des Jahres geht an<i>\u00a0Jeune Femme\u00a0<\/i>von\u00a0<span class=\"s2\">L\u00e9onor<\/span><span class=\"s2\">\u00a0Serraille<\/span>. Ja, ich wei\u00df, das hei\u00dft einfach nur \u201eJunge Frau\u201c und sieht auf den ersten Blick nach nichts Besonderem aus. Er klingt wie der j\u00e4hrliche franz\u00f6sische Spielfilm des Fr\u00fchherbsts, in dem, wie eine Freundin letztens ganz trefflich formulierte, \u201eeine junge Frau aus irgendwelchen Gr\u00fcnden freiwillig gegen Geld mit alten M\u00e4nnern schl\u00e4ft\u201c. So geschehen beispielsweise in dem auch aus anderen Gr\u00fcnden gr\u00e4sslichen Film\u00a0<i>Jeune et Jolie\u00a0<\/i>(2013).<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\"><i>Jeune Femme<\/i>\u00a0ist anders. Erz\u00e4hlt werden ungef\u00e4hr vierzehn Tage im Leben der 31-j\u00e4hrigen Paula (L\u00e6titia Dosch). Sie verliert ihre Wohnung, irrt ziellos durch Paris, versucht ihr Leben im Griff zu behalten oder in den Griff zu bekommen \u2013 sie f\u00e4ngt an, in einem Dessous-Laden in einer Shopping Mall zu arbeiten. Das prek\u00e4re Leben in der Gro\u00dfstadt, in der man viel, sehr viel Geld br\u00e4uchte, um ihre Vorz\u00fcge ganz genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Und hier offenbart der Titel seine ganze, ja, Brillanz. Eine \u201ejunge Frau\u201c ist man mit 31 Jahren n\u00e4mlich nur in zwei F\u00e4llen: Wenn alle anderen Anwesenden \u00e4lter sind (noch besser: \u00e4ltere M\u00e4nner) oder wenn man eine Karriere hat. Wenn man keine Karriere hat, so wie Paula, dann ist man mit 31 Jahren nicht mehr ganz so jung. Dann ist es komisch, wenn Paula bei einer Familie als Kinderm\u00e4dchen anf\u00e4ngt zu arbeiten, in der die (als Tanzlehrerin arbeitende) Mutter das gleiche Alter hat.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Dieser Film ist eine Gesellschaftskritik, die unglaublich viel Spa\u00df an sich selbst hat. Das ist die bessere Beschreibung als zu sagen, es w\u00e4re \u201ehumorvolle Kritik\u201c. Das Genre des politischen Films wird hier selbst gefeiert. Er ist damit dem Film\u00a0<i>Toni Erdmann<\/i>\u00a0(2016) von Maren Ade gar nicht un\u00e4hnlich (den wir hoffentlich inzwischen alle gesehen haben).<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">PS: Die Regisseurin\u00a0<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/L%25C3%25A9onor_Serraille\"><span class=\"s2\">L\u00e9onor Serraille<\/span><\/a>\u00a0ist \u00fcbrigens auch erst 31 Jahre alt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\"><i>Jeune Femme<\/i>\u00a0(2017) Trailer:<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"JEUNE FEMME Bande Annonce Teaser (2017) Laetitia Dosch\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/uVJzQlliQ4M?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p>6. Dezember \u2013\u00a0Das geheime Leben der B\u00e4ume<\/p>\n<p>In Tegel steht der \u00e4lteste Baum Berlins. Er soll 900 Jahre alt sein, aber vielleicht ist er auch nur halb so alt. Macht nichts, denn damit w\u00e4re er immer noch der \u00e4lteste Baum Berlins. (Er hat sogar einen\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dicke_Marie)\">Wikipedia-Eintrag<\/a>\u00a0und hei\u00dft Dicke Marie). Den w\u00fcrde ich gern mal besuchen gehen, wenn es in Berlin wieder w\u00e4rmer wird.<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, ich habe eine Schw\u00e4che f\u00fcr B\u00e4ume. Ich bin sehr viel in B\u00e4umen unterwegs gewesen als Kind (und nur einmal heruntergefallen). Manchmal war das Aufb\u00e4umeklettern mit einem Rollenspiel verbunden: Jemand spielte die Mutter, meine Schwestern spielten die Kinder und ich war \u2013 das kommt jetzt wahrscheinlich \u00fcberraschend \u2013 Osama bin Laden. Sch\u00e4tzungsweise klang der Name einfach sch\u00f6n und geheimnisvoll und gab eine gute Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ab, dass ich mich im Baum versteckt halten musste.<\/p>\n<p>Und was w\u00e4re mein Adventskalender in der Pop-Zeitschrift ohne ein Buch, das auf der Spiegel-Bestsellerliste steht! Kunst kommt nicht von k\u00f6nnen, aber Pop kommt von popul\u00e4r.<\/p>\n<p>Peter Wohllebens Buch \u00fcber B\u00e4ume ist aber wirklich hochinteressant. Und super niedlich. Es wird hemmungslos anthropomorphisch drauflos erkl\u00e4rt. Die Bl\u00e4tter einer Eiche \u201eschnappen verzweifelt nach Licht\u201c, junge B\u00e4umchen werden \u00fcber die unterirdischen Wurzeln \u201evon ihren M\u00fcttern gestillt\u201c \u2013 mit N\u00e4hrstoffen versorgt \u2013 und B\u00e4ume, die in den St\u00e4dten wachsen, haben es besonders schwer, wo sie doch \u201eStra\u00dfenkinder\u201c sind. Aber warum eigentlich nicht? Warum haben wir als Leser das Gef\u00fchl, geistig hinzuf\u00fcgen zu m\u00fcssen: Na, aber nat\u00fcrlich nicht wirklich. B\u00e4ume denken und kommunizieren \u201enicht wirklich\u201c. Auch das ist doch Wirklichkeit. Und dass man, wenn man \u00fcber ein Gehirn in einem Sch\u00e4del verf\u00fcgt,\u00a0<i>anders\u00a0<\/i>denkt und Dinge\u00a0<i>anders\u00a0<\/i>tut als wenn man ein mehrere Kubikmeter gro\u00dfes, weit verzweigtes Wurzelsystem besitzt, ist doch klar. Es kann unter Umst\u00e4nden trotzdem gerechtfertigt sein, das gleiche Wort zu verwenden.<\/p>\n<p>Das Buch ist eine Liebeserk\u00e4rung an den Wald, an die B\u00e4ume und den Kreisl\u00e4ufen, denen alles Leben unterliegt. Alle naslang \u201estirbt ein Ast ab und wird wieder zu Humus\u201c. I love it.<\/p>\n<p>Peter Wohlleben:\u00a0<i>Das geheime Leben der B\u00e4ume<\/i>\u00a0(2015)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Das-geheime-Leben-der-Baeume\/Peter-Wohlleben\/Ludwig\/e478046.rhd\">https:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Das-geheime-Leben-der-Baeume\/Peter-Wohlleben\/Ludwig\/e478046.rhd<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Wohlleben_PDas_geheime_Leben_der_Baeume_153079.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-7586\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Wohlleben_PDas_geheime_Leben_der_Baeume_153079.jpg\" alt=\"Das geheime Leben der Baeume von Peter Wohlleben\" width=\"195\" height=\"313\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Wohlleben_PDas_geheime_Leben_der_Baeume_153079.jpg 1500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Wohlleben_PDas_geheime_Leben_der_Baeume_153079-187x300.jpg 187w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Wohlleben_PDas_geheime_Leben_der_Baeume_153079-768x1233.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/Wohlleben_PDas_geheime_Leben_der_Baeume_153079-638x1024.jpg 638w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wer solche B\u00fccher mag, wird solche m\u00f6gen:<\/p>\n<ul>\n<li>Cord Riechelmann:\u00a0<i>Kr\u00e4hen\u00a0<\/i>(2013 erschienen in der Reihe \u201eNaturkunden\u201c von Matthes&amp;Seitz (<a href=\"https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/kraehen.html\">https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/kraehen.html<\/a>))<\/li>\n<li>Anna Lowenhaupt Tsing:\u00a0<i>Der Pilz am Ende der Welt. \u00dcber das Leben in den Ruinen des Kapitalismus\u00a0<\/i>(Das Buch erscheint im M\u00e4rz 2018 auf Deutsch (ebenfalls Matthes&amp;Seitz)<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p>5. Dezember \u2013\u00a0Mein Teebaum\u00f6l-Shampoo<\/p>\n<p>Als ich zw\u00f6lf oder dreizehn Jahre alt war, schenkten sich die M\u00e4dchen in meiner Klasse gegenseitig zum Geburtstag Sch\u00e4chtelchen, in die sie s\u00e4mtliche Kosmetikartikel in Kleinformat hinein getan hatten. In Drogeriem\u00e4rkten gibt es ganze Regalreihen dieser kleinen Tuben und D\u00f6schen, Cremes, Shampoo, Sonnencreme mit Erdbeerduft \u2013 alles in winzig. Es wird gesagt, diese albernen Gr\u00f6\u00dfen seien zum Reisen da, man k\u00f6nne sie im Flieger im Handgep\u00e4ck mitf\u00fchren. Wie gesagt, das stimmt nicht.<\/p>\n<p>Aber warum nicht mal zur\u00fcck zu den Wurzeln, warum nicht mal zum Nikolaus einem lieben Menschen aus deinem Umfeld ein Shampoo schenken? Ich h\u00e4tte da eine Empfehlung.<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne ist: Er oder sie wird es mit 50%iger Wahrscheinlichkeit\u00a0entweder hassen oder lieben. Eine einmalige Chance, mit der betreffenden Person eine kleine Wette abzuschlie\u00dfen. Wenn ihr um 1,99 \u20ac wettet, hast Du den Einkaufspreis auch gleich wieder drin. Was auch immer Teebaum\u00f6l eigentlich ist oder was auch immer die da sonst noch reingetan haben, es ist wirklich toll. Es riecht verwegen und heimelich zugleich, aufregend kraftvoll energetisch und gem\u00fctlich. Es riecht nach Hexenhaaren, wilden sehnsuchtsvollen Str\u00e4hnen, nach Fangarmen, die ihrer Beute nachjagen und sich um nichtsahnende Passanten schlingen.<\/p>\n<p>Swiss O-Par: Kur-Shampoo mit australischem Teebaum\u00f6l. (\u201eBeruhigt die Kopfhaut. Gegen Kopfhautreizungen, Schuppen und fettiges Haar\u201c)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-7559\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30.jpg\" alt=\"lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30\" width=\"282\" height=\"282\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30.jpg 1000w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30-768x768.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2017\/12\/lt6r7vNXbrL57DeVnFIVka-30-100x100.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 282px) 100vw, 282px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p>4. Dezember \u2013\u00a0Taboo<\/p>\n<p>Der Geschichtsunterricht in der Schule lie\u00df mich, was die Kolonialzeit anbelangt, mit einem bemerkenswert diffusen Wissen zur\u00fcck. Und mit einer genauso diffusen Entr\u00fcstung: Wie die Europ\u00e4er damals \u00fcberhaupt auf die Idee gekommen sind, in andere Kontinente zu fahren, Menschen zu versklaven und gegebenenfalls \u00fcber Ozeane zu transportieren, um sie auf anderen Kontinenten Baumwolle pfl\u00fccken zu lassen! Reichlich absurd. Und sp\u00e4testens dann, wenn man erf\u00e4hrt, dass der Rassismus manchmal erst nachgeliefert wurde, sich \u2013 sozusagen als Legitimation \u2013 erst entwickelte\u00a0<i>nachdem<\/i>\u00a0ganze V\u00f6lker unterworfen worden waren, wird die Sache kompliziert. Dann kann Rassismus nicht der Grund sein. Mir war nat\u00fcrlich klar, dass es auch wirtschaftliche und politische Interessen gab. Nur hat das f\u00fcr mich die Sache nicht klarer gemacht. Wirtschaftliches Interesse h\u00f6rt doch auch irgendwo auf, macht irgendwo Halt? Und was genau war an Baumwolle denn blo\u00df so wichtig?<\/p>\n<p>In der Serie\u00a0<i>Taboo<\/i>\u00a0geht es um diese Zusammenh\u00e4nge. Um Zusammenh\u00e4nge generell: Welche, die man versteht, die man verstehen will, und um welche, die vielleicht immer unverst\u00e4ndlich bleiben. M\u00f6gliche und unm\u00f6gliche Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>London, 1814: Der Brite James Delaney (Tom Hardy) kehrt von einer Seereise zur\u00fcck. Man erf\u00e4hrt, dass er mit Sklaven gehandelt hat, selbst aber auch auf einem Sklavenschiff aufgewachsen ist. Er will das Erbe seines Vaters antreten, der ihm ein St\u00fcck Land in Amerika vermacht hat. Aber ausgerechnet f\u00fcr diesen Landstrich interessiert sich die\u00a0<i>East India Company<\/i>, weil er im Amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg von entscheidender strategischer Bedeutung ist. (Die Serie ist nicht ohne Grund eine Ko-Produktion der britischen BBC und des amerikanischen Senders FX). Und James Delaney, von dem man nicht recht wei\u00df, ob er \u201egut\u201c oder \u201eb\u00f6se\u201c ist oder ob diese Kategorien in seiner Welt \u00fcberhaupt von Bedeutung sind, f\u00e4ngt an, sich an dem Krieg zu beteiligen. Die Szenen, in denen die M\u00e4nner von der\u00a0<i>East India Company<\/i>, \u00fcber ihre gr\u00fcn belegten Tische und Landkarten gebeugt, \u00fcber das Geschick der Welt verhandeln, geh\u00f6ren zu den besten dieses Jahres \u2013 Drehbuch und Schauspiel sind umwerfend.<\/p>\n<p>So muss die Geschichte des Kolonialismus (auch) erz\u00e4hlt werden. Es ist eine Geschichte von Interessenskonflikten zwischen den neu entstandenen Nationalstaaten, es ist eine Geschichte von innereurop\u00e4ischen Querelen und Machtk\u00e4mpfen. Und die Geschichte des Kapitalismus: Die\u00a0<i>East India Company<\/i>\u00a0verf\u00fcgte zeitweise \u00fcber mehr Waffen als alle anderen Nationen (!) zusammen. (Habe ich mal gelesen. Ich wei\u00df nicht, ob es stimmt. Ich wei\u00df, ich sollte es nachschlagen, bevor ich es aufschreibe. Aber es klingt so unglaublich krass!)<\/p>\n<p>Formal betrachtet m\u00fcsste man sagen, dass es sich um eine Serie handelt, die im Genre Gothic und Mystery ihren Ausgang nimmt. Genres, mit denen ich eigentlich sehr wenig anfangen kann. Aber alles, was in dieser Serie\u00a0<i>gothic<\/i>\u00a0und\u00a0<i>mystery<\/i>\u00a0ist, geh\u00f6rt ganz selbstverst\u00e4ndlich zum Alltag in den Hafendocks des versifften London dazu. Mit welcher souver\u00e4nen Leichtigkeit noch das Komplexeste und das Durchgenudelste der Welt erz\u00e4hlt wird, zeigt sich auch daran, dass im Zentrum der Handlung ein Geschwisterpaar steht, das eine inzestu\u00f6se Beziehung unterh\u00e4lt. Ein weiterer m\u00f6glich-unm\u00f6glicher Zusammenhang. Doch es ist von Anfang an klar und tats\u00e4chlich: nichts weiter als das. (Seit \u00d6dipus m\u00fcssen solche Familiengeschichten als Metaphern f\u00fcr verworrene politische Verh\u00e4ltnisse herhalten \u2013 wie zum Beispiel in dem eher beh\u00e4bigen Film\u00a0<em>Incendies<\/em>\u00a0von Denis Villeneuve (2010), ein Film \u00fcber den Libanon-Konflikt. Am Ende kommt dann immer dabei heraus, dass wir alle Schwestern und Br\u00fcder sind. In\u00a0<i>Taboo<\/i>\u00a0ist es anders. Da ist diese Inzestgeschichte der Ausgangspunkt, nicht das H\u00e4schen, das am Ende aus dem Hut gezogen wird.)<\/p>\n<p>Und nebenbei empfehle ich diese beiden B\u00fccher. Bei Wolfgang Reinhard kann man das Vorwort getrost \u00fcberspringen, das wirkt stellenweise ganz leicht senil. Sondern einfach mal mittendrin aufschlagen und loslesen. Sven Beckert ist eher akademisch, viele Zahlen und Handelsbilanzen. Aber unheimlich interessant \u2013 wie zum Beispiel s\u00fcddeutsche St\u00e4dte wie Augsburg den norditalienischen St\u00e4dten in der Textilproduktion durch Lohndumping den Rang abgelaufen haben, weil die S\u00fcddeutschen die Garnherstellung an Bauersfrauen ausgelagert haben \u2013 und sich durch die Kapitalakkumulation dort schlie\u00dflich das moderne Bankenwesen entwickelte. Und: das Interesse der europ\u00e4ischen Kaufleute, das Monopol auf Rohbaumwolle des Osmanischen Reiches zu brechen&#8230;<\/p>\n<p>Wolfgang Reinhard,\u00a0<i>Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europ\u00e4ischen Expansion 1415-2015.<\/i>\u00a0(C.H.Beck 2015)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/reinhard-unterwerfung-welt\/product\/15879886\">http:\/\/www.chbeck.de\/reinhard-unterwerfung-welt\/product\/15879886<\/a><\/p>\n<p>Sven Beckert,\u00a0<i>Empire of Cotton. A Global History<\/i>. (Penguin 2014)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.com\/books\/10461\/empire-of-cotton-by-sven-beckert\/9780375713965\/\">https:\/\/www.penguinrandomhouse.com\/books\/10461\/empire-of-cotton-by-sven-beckert\/9780375713965\/<\/a>\u00a0Deutsche \u00dcbersetzung:<i>\u00a0King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus.<\/i>\u00a0(C.H.Beck, M\u00fcnchen 2014).<\/p>\n<p><i>Taboo<\/i>, BBC \/ FX (2017)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Taboo Official Trailer (HD) Tom Hardy (Season 1) FX TV Drama\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/6ZYAQSlIhM4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">3. Dezember \u2013 Joan Didion<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Wenn jemand nach einem endg\u00fcltigen Argument gesucht hat, warum Spiritualit\u00e4t und K\u00f6rperlichkeit eigentlich ein und dasselbe sind: Hier sind sie, die Handbewegungen der Joan Didion beim Sprechen.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Ihre H\u00e4nde verharren in der Luft, als wollte sie einen Gedanken oder eine Erinnerung vor ihrem inneren Auge entstehen lassen und zugleich auf Abstand halten. Oder mit einem Ruck, den man von der zierlichen \u00dcberachtzigj\u00e4hrigen nicht erwartet h\u00e4tte, beiseite schieben \u2013 wenn sie erz\u00e4hlt, wie sie Ende der 60er Jahre eine Reportage \u00fcber die Hippies in San Francisco schrieb und da auf einmal dieses f\u00fcnfj\u00e4hrige M\u00e4dchen sah, dem jemand LSD gegeben hatte. Wie das f\u00fcr sie war? Sie z\u00f6gert lange, ihre Arme greifen nach etwas, das sich nicht greifen l\u00e4sst, und sagt dann,\u00a0<i>it was gold<\/i>.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Es ist offensichtlich, dass sie mit Hippies und Aussteigern nie besonders viel anfangen konnte, obwohl das Thema sie als Journalistin und Schriftstellerin nie losgelassen hat. Sie selbst war alles andere als ein Hippie, sie hatte beim Modemagazin\u00a0<em>Vogue<\/em>\u00a0angefangen, sp\u00e4ter schrieb sie Drehb\u00fccher f\u00fcr Hollywood. Aber vielleicht ist gerade das wesentlich f\u00fcr ihren Stil, mit dem sie die amerikanische Literatur pr\u00e4gte und ohne den Magazine wie\u00a0<em>N+1<\/em>\u00a0gar nicht denkbar w\u00e4ren: Mit etwas, mit dem man nicht so viel anfangen kann, etwas anfangen.<\/p>\n<p>Sie hat etwas von einem vogelartigen Wesen. Ein K\u00fcken, das nicht fl\u00fcgge werden wollte und stattdessen sagt: Es muss doch einen Grund haben, warum mein Nest aussieht wie ein Ufo.\u00a0<i>Must be the reason why I\u2019m king in my castle.<\/i>\u00a0Ich seh zu, dass ich es zum Fliegen kriege, und fahre damit durch die Welt, und \u00fcberall, wo ich lande, wird die Welt meine Welt sein. Der Herausgeber einer Zeitschrift, von der sie Auftr\u00e4ge bekam (war es der\u00a0<i>New Yorker<\/i>?), sagt in der Doku dann auch: Egal ob sie sich schon einmal mit einer Sache besch\u00e4ftigt hatte oder nicht, man wollte einfach wissen, was Joan Didion dazu sagt.<\/p>\n<p class=\"gmail-MsoNormal\">Doku auf Netflix:\u00a0<i>The Center Will Not Hold<\/i>\u00a0(2017).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Joan Didion: The Center Will Not Hold | Official Trailer [HD] | Netflix\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/99NaRJQzXiM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">2. Dezember \u2013 Orecchiette with peas<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Orecchiette sind meine Lieblingsnudeln. Sie sehen aus wie kleine, harte Ufos: Kreisrund und zu einer kleinen Schale gew\u00f6lbt, und so gro\u00df wie die Fingern\u00e4gel an einer kr\u00e4ftigen, aber nicht allzu riesigen M\u00e4nnerhand. Was mich auch gleich zu der zweiten, h\u00e4ufig halt auch ersteren Assoziation bringt: Kondomkuppen. Wenn man mit der Zunge geschickt ist, kann man sie im Mund umst\u00fclpen, auf links drehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Und nun zur So\u00dfe. Die stammt vom britischen Koch Nigel Slater, der jeden Mittwoch ein Rezept als \u201cMidweek Dinner\u201d im Guardian ver\u00f6ffentlicht. Es ist die einfachste So\u00dfe der Welt und Nigel Slater ist der beste Koch der Welt, zumindest tausendmal besser als Yotam Ottolenghi, den Meister der Komplexit\u00e4tsexplosion. Nigel Slater habe ich auch mal eine Fan-Mail geschrieben. Ich habe ihn darin darum gebeten, mir ein Rezept f\u00fcr Kaugummis zu schreiben. (Auf die Antwort warte ich noch.)<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/lifeandstyle\/2017\/jun\/27\/nigel-slater-midweek-dinner-orecchiette-with-peas\">So geht\u2019s<\/a>:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li class=\"li1\"><span class=\"s1\">250g Orecchiette, die man im Salzwasser kocht<\/span><\/li>\n<li class=\"li1\"><span class=\"s1\">300g tiefgefrorene Erbsen, die man mit wenig Gem\u00fcsebr\u00fche aufkochen l\u00e4sst und dann zur H\u00e4lfte p\u00fcriert<\/span><\/li>\n<li class=\"li1\"><span class=\"s1\">10 Scheiben Pancetta, die man in einer Pfanne grillt.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dann muss man nur noch die Reihenfolge hinkriegen: Erst die Nudeln auf die Teller f\u00fcllen, den Erbsenp\u00fcree darauf, und obendrauf die Pancetta-Scheiben.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ihr habt keine Ausrede: Ich dachte auch mein Leben lang, dass ich Erbsen nicht mag.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\" style=\"text-align: center\">\u2212<\/p>\n<p class=\"p1\">1. Dezember \u2013 Doing It In Lagos<\/p>\n<p class=\"p1\">Habt ihr euch auch schon mal gefragt, warum es keine Geschenke im Internet gibt? Und jetzt sage blo\u00df niemand, es gibt doch Online-Handel und Gutscheine. Online-Handel ist der Otto-Versandhaus-Katalog des 21. Jahrhunderts, nicht mehr und nicht weniger. Und Gutscheine waren immer schon eine schlechte Ausrede. Man kann Geschenke im Internet bestellen, aber wie soll man jemandem im Internet ein Geschenk machen? Ich meine: Ein Geschenk \u00fcberreichen? Ich meine: Ein digitales Geschenk? Einen Link verschickt man, man verschenkt ihn nicht. Au\u00dfer vielleicht, und jetzt wird\u2019s interessant: man macht es im absolut richtigen Augenblick.<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Zum Beispiel hiermit: \u201eOnly You\u201c von Steve Monite:\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Steve Monite - Only You\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/L-2CyO8pc0E?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\"><br \/>\nNoch viel mehr von diesem gro\u00dfartigen Zeug aus Nigeria gibt\u2019s auf einer Schallplatte, die letztes Jahr neu aufgelegt wurde. Ich gebe zu, ich habe sie im Internet f\u00fcr einen Freund bestellt, von dem ich wusste, dass er einen Plattenspieler hat. Und ich habe gehofft, es w\u00e4re ein Downloadlink dabei (ist nicht).<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\"><i>Doing It In Lagos: Boogie, Pop &amp; Disco in 1980s Nigeria<\/i>, Soundway Music 2016.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Birthe M\u00fchlhoff, geb. 1991, studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Paris und Hamburg. Sie schreibt f\u00fcr Zeit Online, Philosophie-Magazin, Polar, Epilog, Edit. Im Merve-Verlag erschien 2016 der Sammelband \u201eEuro Trash\u201c.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24. 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