{"id":7721,"date":"2018-02-19T10:21:27","date_gmt":"2018-02-19T08:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7721"},"modified":"2018-02-19T10:21:27","modified_gmt":"2018-02-19T08:21:27","slug":"kannibalische-kontrakteder-vernuenftige-menschenfresser-in-zeiten-prekaerer-aufklaerungvon-elias-zimmermann19-02-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/02\/19\/kannibalische-kontrakteder-vernuenftige-menschenfresser-in-zeiten-prekaerer-aufklaerungvon-elias-zimmermann19-02-2018\/","title":{"rendered":"Kannibalische KontrakteDer vern\u00fcnftige Menschenfresser in Zeiten prek\u00e4rer Aufkl\u00e4rungvon Elias Zimmermann19.2.2018"},"content":{"rendered":"<p>Ideengeschichte des Zusammenhangs von Kannibalismus und Aufkl\u00e4rung<!--more--><\/p>\n<p>Einen Menschen mit dessen ausdr\u00fccklicher Zustimmung t\u00f6ten und essen: Als Armin Meiwes Tat vor gut f\u00fcnfzehn Jahren bekannt wurde, regte sie \u2013 neben dem obligaten ungl\u00e4ubigen Entsetzen \u2013 bald schon gesellschaftliche, rechtliche und letztlich philosophische Fragen an, die trotz eines rechtskr\u00e4ftigen Urteils 2007 als unbeantwortet, wom\u00f6glich sogar als unbeantwortbar gelten k\u00f6nnen. Auch wenn der kannibalische Akt anf\u00e4nglich als Totschlag, dann aber als Mord qualifiziert wurde, hat seine st\u00f6rende Wirkung Bestand \u2013 nicht als individuelles Ereignis alleine, sondern als Paradigma: Er bleibt Ausdruck f\u00fcr eine in unserer Zeit virulente Verunsicherung gesellschaftlicher Normen, die unschwer als Erbe von Humanismus und Aufkl\u00e4rung erkennbar sind.<\/p>\n<p>Zwei Grundprinzipien der aufgekl\u00e4rten Vernunft kollidieren: die Freiheit des rationalen (Aus-)Handelns einerseits und die Pflicht gegen\u00fcber einem impliziten Gesellschaftsvertrag, der Allgemeinheit keinen Schaden zuzuf\u00fcgen, andererseits. Im Idealfall erg\u00e4nzen sich beide Prinzipien: Der Vernunftgebrauch f\u00f6rdert die Gemeinschaft und <i>vice versa<\/i>, denn was allen n\u00fctzt, n\u00fctzt auch dem einzelnen. Eine kannibalische Beziehung, wie die vorliegende, spottet diesem Humanismus und stellt in Frage, was \u201avern\u00fcnftig\u2019 und was \u201an\u00fctzlich\u2019 ist. Der (im Laufe des Prozesses zurecht angezweifelte) freie Wille zweier m\u00fcndiger B\u00fcrger, die sich in einem gemeinsamen Vertrag \u00fcber die Verf\u00fcgung ihrer K\u00f6rper einigen, die sich also nicht nur ihres Verstandes, sondern auch ihrer Leben auf freie und mutige Weise zu bedienen wagen, scheint unvereinbar mit der Idee einer Gesellschaft, deren Fortentwicklung und Verbesserung diese Individuen sichern sollen. Es ist, als ob Meiwes die doppelte Bedeutung von \u201aSapere aude!\u2019 in einer zynischen Finte beim Wort genommen h\u00e4tte: Sapere heisst nicht nur Wissen, sondern auch Kosten und Schmecken.<\/p>\n<p>Gegen diese b\u00f6swillige Buchst\u00e4blichkeit seiner Definition von Aufkl\u00e4rung kann man mit Kant einwenden, dass ein kannibalischer Vertrag der aufgekl\u00e4rten Moral gerade spottet, denn hier scheint ein Mensch nur Mittel, nicht Zweck zu sein. Die Mittel-Zweck Relation selbst aber wird verunsichert durch den Genuss, der sich f\u00fcr den jeweiligen Vertragspartner aus dem Genuss seines Gegen\u00fcbers ergibt: Erst das Wissen darum, ihm seinen gr\u00f6\u00dften Wunsch zu erf\u00fcllen, ja sein Leben (wenn auch durch Zerst\u00f6rung) vollst\u00e4ndig zu machen, habe den Vertrag als beidseitiges Genussversprechen erm\u00f6glicht. Erneut k\u00f6nnte man mit und g\u00e4nzlich gegen die Intention von Kant argumentieren: Die pers\u00f6nliche Befindlichkeit, sei sie erregt oder angewidert, darf bei dieser Erf\u00fcllung der h\u00f6chsten Pflicht, den anderen g\u00e4nzlich<i> <\/i>als Zweck <i>und darum<\/i> als Mittel zu sehen, keine Rolle spielen.<\/p>\n<div id=\"attachment_7725\" style=\"width: 780px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/armin-meiwes-advertisement-cannibal-cafe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7725\" class=\"wp-image-7725 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/armin-meiwes-advertisement-cannibal-cafe.jpg\" alt=\"Online-Anzeige von Armin Meiwes unter dem Pseudonym \u201eFranky\u201c. \" width=\"770\" height=\"460\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/armin-meiwes-advertisement-cannibal-cafe.jpg 770w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/armin-meiwes-advertisement-cannibal-cafe-300x179.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/armin-meiwes-advertisement-cannibal-cafe-768x459.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 770px) 100vw, 770px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7725\" class=\"wp-caption-text\"><em>Weitere Online-Anzeige von Armin Meiwes unter dem Pseudonym \u201eFranky\u201c nach der T\u00f6tung seines Opfers.\u00a0Diese Anzeige hat <a href=\"http:\/\/web.archive.org\/web\/20020805154156\/www.necrobabes.org\/perroloco\/forum\/ccforum.html\">vermutlich<\/a> zur Verhaftung Meiwes&#8216; gef\u00fchrt. Teile des Forums\u00a0<i>Cannibal Caf<\/i><i>e,\u00a0<\/i>auf dem &#8222;Franky&#8220; inseriert hat, sind noch heute archiviert.<\/em><\/p><\/div>\n<p>Diese einleitende philosophische Provokation<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> will nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der reale Fall des \u201aKannibalen von Rotenburg\u2019 eine Trag\u00f6die war, in der Einsamkeit und Abh\u00e4ngigkeit zentrale Rollen spielten. Die aufgerufenen kantischen Modelle k\u00f6nnen diese psychologischen Abgr\u00fcnde nicht erhellen. Als das verletzte Selbstwertgef\u00fchl des Opfers und die menschenverachtende Obsession des T\u00e4ters g\u00e4nzlich zutage traten, br\u00f6ckelte die Fassade einer freien und m\u00fcndigen \u00dcbereinkunft. Meiwes Verteidigung aber pochte bis zuletzt auf die Einvernehmlichkeit des kannibalischen Kontrakts und pl\u00e4dierte auf T\u00f6tung auf Verlangen. Mit Recht wurde diese Sicht abgelehnt. Zuvor jedoch verunsicherte die aufgekl\u00e4rte Rhetorik der Anw\u00e4lte nicht nur die erste richterliche Instanz \u2013 deren Urteil auf Totschlag ihnen weit entgegenkam \u2013, sondern auch die \u00d6ffentlichkeit. Die Argumentation der Verteidiger h\u00e4tte eine Jury von der Legitimit\u00e4t der Tat wohl \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, w\u00e4re alles so geschehen, wie Meiwes es beschrieb und wie er wohl tats\u00e4chlich glaubte, dass es geschehen ist.<\/p>\n<p>Auch wenn es eine solche Tat nach bestehendem Wissen nie gegeben hat, wird sie doch durch die Vorkommnisse in Rotenburg vorstellbar. Folgt man der Herausforderung einer aufgekl\u00e4rten Rechtfertigung von Kannibalismus, muss sich der Blick deshalb auf das Gebiet der Fiktion richten \u2013 und das hei\u00dft in jenes Gebiet, in dem Kannibalismus tats\u00e4chlich eine Vielzahl von Apologien wiederfuhr. Um solche fiktionale Apologien geht es im Folgenden. Dass ihre Einf\u00fchrung gleichsam durch einen Umweg \u00fcber den realen Fall erfolgte, soll nicht blo\u00df die soziale und philosophische Relevanz dieser Fiktionen untermauern, sondern ihre problematische Trennung von Fiktion und Fakt von Anfang an in den Vordergrund r\u00fccken: In Apologien des Kannibalen r\u00fchrt Imaginiertes an Wirklichem; wie Armin Meiwes ist auch der fiktionale Kannibale eine Figur, die gesellschaftliche Normen in Frage stellt.<\/p>\n<p>Die moralische Verunsicherung geht mit einer \u00e4sthetischen einher: Zur Rechtfertigung des Kannibalen werden meistens Bilder genutzt, die emotional oder affektiv \u00fcberw\u00e4ltigen, die also sehr real wirken und in Form von Schwei\u00dfausbr\u00fcchen oder Erbrechen ganz k\u00f6rperliche Wirkungen zeigen k\u00f6nnen. Solche \u00e4sthetischen Grenz\u00fcberschreitungen werden immer wieder als gef\u00e4hrlich eingestuft; wer an ihnen Gefallen oder Genuss findet, so lautet eine weitverbreitete Vorstellung, mag sie eines Tages in die Realit\u00e4t umsetzen. Und tats\u00e4chlich scheint der Fall Meiwes daf\u00fcr gute Gr\u00fcnde zu geben: Er besa\u00df eine Vielzahl einschl\u00e4giger Kannibalen-Filme und setzte sein Vorhaben erst nach Rollenspielen um, f\u00fcr die er Spielgef\u00e4hrten im Internet suchte und fand. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar, dass Meiwes\u2019 Obsession, die bereits in seiner Kindheit erwachte, ihn vielmehr zum Konsum dieser Medien bzw. zu Umwegen \u00fcber die Fiktion motivierte, als dass sie alleine f\u00fcr seinen ungew\u00f6hnlichen Appetit verantwortlich gewesen w\u00e4ren. Er selbst behauptete in einem Interview, ausgerechnet die beschauliche Verfilmung von <i>Robinson<\/i> <i>Crusoe <\/i>von 1954 h\u00e4tte ihn auf den Gedanken gebracht, Menschen zu essen. Kein blutiges Vergn\u00fcgen also, sondern der \u2013\u00a0 rein physiologisch gesehen nicht irrationale \u2013 Gedanke, dass mit dem Verspeisen seines toten Stammesmitgliedes dieser Teil des eigenen K\u00f6rpers werde, sei der Initiationspunkt des zuk\u00fcnftigen Kannibalen gewesen. Wie dem auch gewesen sein mag: Meiwes ohne drastische Kannibalen-Filme ist denkbar \u2013 aber k\u00f6nnen <i>wir <\/i>die Provokation von<i> <\/i>Meiwes aufgekl\u00e4rter Rechtfertigung verstehen ohne fiktionale Erzeugnisse, die seine Tat als medial vermitteltes Ereignis vorwegnehmen?<\/p>\n<p>Die Frage des \u00e4sthetischen Genusses derartiger Darstellungen sollte nicht im Lichte prohibitiver Volkserziehung, sondern als Herausforderung f\u00fcr ein schonungsloses Denken betrachtet werden. Dietmar Dath hat in diesem Sinne die \u00e4sthetische Praxis der Drastik, also des schockierend deutlichen Zeigens von \u201eBlut, Sperma, Pisse\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> und anderer K\u00f6rperlichkeiten, als Ph\u00e4nomen der Aufkl\u00e4rung beschrieben. Die drastische Pr\u00e4zision im Herstellen kausaler, aber fiktionaler Zusammenh\u00e4nge jenseits von humanistischen Erw\u00e4gungen erzeuge eine \u201eformalisierte Vernunft als \u00c4sthetik innerhalb einer inhaltlich unvern\u00fcnftigen Gesellschaft\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><sup>:<\/sup> Diese Gesellschaft habe ihren Humanismus l\u00e4ngst verraten, ekle sich aber, wenn ihr der Verrat in Form vermeintlich inhumaner Kunst vor Augen gef\u00fchrt werde.<\/p>\n<p>Dath sieht in der Drastik, die er ausschlie\u00dflich in subkulturellen Erzeugnissen verortet, eine implizite Gesellschaftskritik. In den kannibalisch-apologetischen Spezialf\u00e4llen von Drastik, die l\u00e4ngst auch in der Kulturindustrie auftauchen, findet dagegen eine <i>explizite<\/i> Kritik statt. Diese Kritik unterscheidet sich von der Kritik, die Dath anspricht: Drastik ist hier nicht eine Schwundstufe der Aufkl\u00e4rung, die instrumentelle Vernunft beinahe inhalts- und kontextlos in Szene setzt, sondern eine sonderbare Potenzierung aufkl\u00e4rerischer Ideale. Im selben Ma\u00dfe, in dem der vorliegende Versuch auf Daths Konzept drastischer Kunst aufbaut, muss dieses Konzept auch revidiert und erweitert werden. Reklamieren Dath und seine Gew\u00e4hrsm\u00e4nner wie Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer das politische Potenzial vermeintlich unaufgekl\u00e4rter k\u00fcnstlerischer Erzeugnisse, indem sie diese f\u00fcr ein Programm der Aufkl\u00e4rung retten wollen, so wird hier umgekehrt \u2013 und darum ergebnisoffener \u2013 zuerst nach der Aufkl\u00e4rung <i>durch<\/i> diese Kunst gefragt.<\/p>\n<p>Wie Meiwes entwerfen fiktionale Kannibalen vern\u00fcnftige Kontrakte. Sie richten sich dabei nicht zwingend wie der Kannibale von Rotenburg an ihre Opfer oder zumindest nicht allein an ihre Opfer. Ihre Kontrakte sind universeller Natur: Mit einem zynischen Gesellschaftsvertrag richten sie sich an die gesamte Gesellschaft; mit einem \u00e4sthetischen Kontrakt, was Genuss sein kann, wenden sich an ihre Leser oder Zuschauer; mit einem Neuentwurf gemeinsamer k\u00f6rperlicher Erkenntnis adressieren sie das moderne Vernunftsubjekt <i>per se<\/i>. Diesen Kontrakten ist gemein, dass sie neu ordnen, was Teilhabe an der Welt in ihrem basalsten, von aller Metaphysik bereinigten \u2013 und damit wom\u00f6glich aufgekl\u00e4rtesten \u2013 Sinne bedeutet: K\u00f6rper zu haben und sie zu teilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Geburt der vern\u00fcnftigen Kannibalen<\/p>\n<p>In den K\u00fcnsten war Anthropophagie schon immer ein verbreiteteres Ph\u00e4nomen als in der faktualen Welt. Kannibalismus alleine ist darum, wie der Fall Meiwes\u2019 zum Erstaunen vieler zeigte, kein Strafbestand und wird nur illegal durch die St\u00f6rung der Totenruhe. Trotzdem haben sich bislang nicht prim\u00e4r die Literatur-, Kunst- und Filmwissenschaft mit dem Thema besch\u00e4ftigt, sondern die Anthropologie. Dort hat man sich nach jahrzehntelangen, zuweilen hitzigen Debatten darauf geeinigt, dass zwar \u00fcberall auf der Welt Kannibalismus zu finden war und ist, als soziale Praxis aber die Ausnahme bildet. Eine anthropologische Konstante hingegen ist der<i> Mythos<\/i> des Kannibalen,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> der in Form des schuldbeladenen Gr\u00fcndervaters (der griechische Urvater Saturn) oder des Schreckgespenstes (der mittelalterliche Kinderfresser, der Wendigo amerikanischer Indigener) in kaum einer Kultur fehlt.<\/p>\n<div id=\"attachment_7727\" style=\"width: 502px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Rubens_saturn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7727\" class=\"size-large wp-image-7727\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Rubens_saturn-492x1024.jpg\" alt=\"Saturn verschlingt seinen Sohn. Peter Paul Rubens, ca. 1636-1638.\" width=\"492\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Rubens_saturn-492x1024.jpg 492w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Rubens_saturn-144x300.jpg 144w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Rubens_saturn-768x1599.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Rubens_saturn.jpg 1418w\" sizes=\"auto, (max-width: 492px) 100vw, 492px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7727\" class=\"wp-caption-text\"><em>Saturn verschlingt seinen Sohn. Peter Paul Rubens, ca. 1636-1638.<\/em><\/p><\/div>\n<p>Unbeantwortet blieb bislang die Frage, was es heisst, Kannibalismus zu rechtfertigen. W\u00e4hrend Hungerkannibalismus in Extremsituationen bereits seine eigene Entschuldigung im Namen tr\u00e4gt, scheinen alle anderen Formen von Kannibalismus wenig \u00dcberlegungen zu ihrer Legitimit\u00e4t provoziert zu haben. Es ist ein Allgemeinplatz, dass der Menschenfresser noch das letzte Tabu der westlichen Gesellschaft \u00fcberschreitet und seine Figur deshalb das ultimativ \u201aAndere\u2019, das Gef\u00fcrchtete, aber auch <i>ex negativo<\/i> das Identit\u00e4tsstiftende dieser modernen Gesellschaft darstellt. Allgemeinpl\u00e4tze lassen freilich abgelegenere Zu- und Ausg\u00e4nge \u00fcbersehen, die wiederum zu anderen Orten f\u00fchren, die es erst noch zu verstehen gilt. In unserem Fall sind diese anderen Orte R\u00e4ume, in denen der Kannibale nicht l\u00e4nger eine Figur der Alterit\u00e4t, sondern eine Figur kritischer Selbstbehauptung, also ein ausdr\u00fcckliches Selbst ist \u2013 und damit das genaue Gegenteil des klassischen Menschenfressers, wie ihn Odysseus in der Gestalt Polyphems antrifft. Der Ithaker, so beobachten Adorno und Horkheimer, \u201enennt sich Niemand, weil Polyphem kein Selbst ist, und die Verwirrung von Name und Sache verwehrt es dem betrogenen Barbaren, der Schlinge sich zu entziehen\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Der Kannibale, von dem hier die Rede ist, ist nicht die Negativfolie der Aufkl\u00e4rung, vor der sich der moderne Held ab- und auszeichnet, sondern, wie Dath f\u00fcr seine drastische Darstellung festgestellt hat, ein Kind derselben. Die Schlinge des vern\u00fcnftigen Kannibalen ist ebenso effizient wie diejenige Odysseus\u2019. Der aufgekl\u00e4rte Menschenfresser mag ein illegitimes Erzeugnis, ein Bastard sein, legt aber dennoch ein kritisches Zeugnis dar\u00fcber ab, was Aufkl\u00e4rung <i>auch<\/i> ist. Eine Dialektik der Aufkl\u00e4rung im Sinne Adornos kann er aber nicht bezeugen: Die drei kritischen Kontrakte, die in diesem Essay anhand seiner Figurationen nachgezeichnet werden, haben nicht die Aufkl\u00e4rung zum Gegenstand, sondern sind \u2013 und dies ist ihre eigentliche Problematik \u2013 aufkl\u00e4rerisch: Kannibalismus zu rechtfertigen, hei\u00dft Licht in ein Dunkel bringen, das gemeinhin als Undurchdringlich gilt.<\/p>\n<p>\u00dcber kannibalische \u00c4sthetik l\u00e4sst sich nicht ohne eine Ethik des Zynismus oder Vitalismus, \u00fcber diese nicht ohne eine Epistemologie der profanierten K\u00f6rperlichkeit sprechen. Kritisch sind die Rechtfertigungen des Kannibalen also gleich doppelt im kantischen Wortgebrauch: Sie sind selbstkritisch im Sinne einer Selbstbeurteilung und Selbstbehauptung (und nicht etwa einer Bem\u00e4ngelung), und sie sind transzendental, weil sie nach den Bedingungen von \u00c4sthetik, Moral und Erkenntnis fragen.<\/p>\n<div id=\"attachment_7728\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Devil_worship_and_cannibalism_in_South_America_by_Caspar_Plautius_1621.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7728\" class=\"size-full wp-image-7728\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Devil_worship_and_cannibalism_in_South_America_by_Caspar_Plautius_1621.jpg\" alt=\"S\u00fcdamerikanischer Kannibalismus, Caspar Plautius, 1621. \" width=\"800\" height=\"486\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Devil_worship_and_cannibalism_in_South_America_by_Caspar_Plautius_1621.jpg 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Devil_worship_and_cannibalism_in_South_America_by_Caspar_Plautius_1621-300x182.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Devil_worship_and_cannibalism_in_South_America_by_Caspar_Plautius_1621-768x467.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7728\" class=\"wp-caption-text\"><em>S\u00fcdamerikanischer Kannibalismus, Caspar Plautius, 1621.<\/em><\/p><\/div>\n<p>Eine kritische Funktion ohne diesen explizit transzendentalen Anspruch nahm der Kannibale schon vor Kant im philosophischen Diskurs ein. 1580, keine hundert Jahre nach der \u201aEntdeckung\u2019 Amerikas und der Ableitung des Begriffs \u201aKannibale\u2019 aus dem Namen der Kariben, entwirft Montaigne in seinem Essay <i>Des Cannibales <\/i>eine erste Apologie der vermeintlich anthropophagen Indigenen. Sie seien Repr\u00e4sentanten des Naturrechts: im rituellen Verspeisen des besiegten Kriegsgegners zeige sich die urt\u00fcmliche Leidenschaft des unverdorbenen Menschen, der wie die Natur weder unn\u00f6tiges Leiden noch Verschwendung zulasse. Eine eigene, kritische Stimme haben diese immerhin menschlichen Gesch\u00f6pfe noch nicht \u2013 ebensowenig wie sp\u00e4ter bei Voltaire, Forster oder Herder, die alle im Rahmen ihrer anthropologischen Projekte Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Kannibalen aufbringen. Letzterer schreibt ihm gar eine \u201egrobe politische Vernunft\u201c zu:<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Auch der \u201aWilde\u2019 folgt Herders \u201eGesetz der Billigkeit\u201c, das anstelle eines universalen Naturrechts einen Pluralismus kultureller Moralkonzepte vorsieht. Aber erst um 1800, in der Sattelzeit unserer Moderne, als die alten philosophisch-naturrechtlichen Diskussionen <i>\u00fcber <\/i>den Kannibalen zu verstummen anfangen,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> beginnt der Menschenfresser in der ebenfalls autonom werdenden Kunst von und f\u00fcr sich selbst zu sprechen.<\/p>\n<p>Diese Selbsterm\u00e4chtigung der Fiktion ab 1800 folgt zwei Grundtendenzen: Einerseits erzeugt sie eine Anthropophagie aus Leidenschaft, in welcher der kannibalische K\u00f6rper zum vern\u00fcnftigen Subjekt wird. Andererseits betritt ein Kannibalismus aus Berechnung die B\u00fchne der Kunst, der den gastronomischen Genuss anstrebt. Findet im ersten Fall eine Erm\u00e4chtigung des K\u00f6rpers gegen die Triebkontrolle statt, so schwingt sich im zweiten Fall das intellektuelle Subjekt zum absoluten Souver\u00e4n \u00fcber den eigenen und die fremden K\u00f6rper auf. Die beiden Richtungen unterscheiden sich in ihrer Darstellungsweise. Der leidenschaftliche kannibalische K\u00f6rper ist ein tragisches Sujet, dessen Tragik komische Momente nicht ausschlie\u00dft. Der berechnend-geniessende kannibalische Intellekt tr\u00e4gt zynische Z\u00fcge. Diese Z\u00fcge verdankt er zwar seinen satirischen Vorl\u00e4ufern, deren Doppelb\u00f6digkeit aber l\u00e4sst er zugunsten eines grotesken Ernstes hinter sich zur\u00fcck. Wenn Jonathan Swift in seinem <i>Modest Proposal <\/i>(1729) vorschlug, die armen Iren sollen ihre Nachkommen verspeisen, ist der Unernst dieses Gedankens noch offensichtlich, f\u00fcr die Kannibalen Marquis de Sades, Georg Taboris oder Bret Easton Ellis gilt dies, wie wir sehen werden, nicht mehr.<\/p>\n<p>Die beiden Tendenzen kannibalischer Selbstbehauptung \u2013 der tragische K\u00f6rper und der zynische Intellekt \u2013 korrespondieren zudem mit den zwei vorherrschenden naturwissenschaftlichen K\u00f6rperbildern ihrer Zeit, dem mechanistischen und dem vitalistischen Erkl\u00e4rungsansatz des Lebens. Ist f\u00fcr ersteren der K\u00f6rper vom ihn beherrschenden Geist getrennt, so erscheint im zweiten der K\u00f6rper selbst als Funktion einer beide umfassenden Lebenskraft. Diese Aufwertung des menschlichen K\u00f6rpers \u00fcberlebt den Vitalismus als biologisches Theoriegeb\u00e4ude im engeren Sinne in Form verschiedener Episteme, die sich etwa auf Nietzsche und die Lebensphilosophie berufen k\u00f6nnen. Es sei darum im Folgenden erlaubt, in Ermangelung eines besseren Begriffs auch noch von vitalistischen Kannibalen im 20. Jahrhundert zu sprechen. Sp\u00e4testens mit Armin Meiwes und seinen popkulturellen Doppelg\u00e4ngern wie Hannibal Lecter vereinen sich jedoch zynische und vitalistische Tendenzen zum Bild eines leidenschaftlichen und zugleich kontrollierten Menschen, der die Trennung von K\u00f6rper- und Geistesvernunft unzul\u00e4nglich erscheinen zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>In den literarischen Anfangspunkten der beiden Tendenzen um 1800 zeichnet sich je eine Rechtfertigungsstrategie in Grundz\u00fcgen ab, die sich jedoch noch nicht v\u00f6llig entfaltet, denn in beiden F\u00e4llen unterminieren die Apologien sich letztlich selbst. Auf diese Weise pr\u00e4typisch ist erstens Kleists <i>Penthesilea<\/i> (1808), die bekanntlich Achilles, Gegner und Geliebter zugleich, in einem Anflug von vermeintlichem Wahnsinn zerfleischt. Als Amazonin noch halb Natur- und Stammesmensch, halb schon modernes Mangelwesen, rationalisiert sie sp\u00e4ter ihren Triebverlust, indem sie ihn durch den wohl ber\u00fchmtesten \u201aVersprecher\u2019 der Literaturgeschichte motiviert: \u201eSo war es ein Versehen. K\u00fcsse, Bisse,[\/] Das reimt sich und wer recht von Herzen liebt,[\/] Kann schon das eine f\u00fcr das andere greifen.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Dass die Klimax des tragischen Heroismus Penthesileas zugleich komische Z\u00fcge tr\u00e4gt, l\u00e4sst sich auf Voltaires Lexikoneintrag zum Kannibalismus zur\u00fcckverfolgen, der humoristisch auf die unm\u00f6gliche N\u00e4he von K\u00fcssen und Essen aufmerksam macht, damit aber auch die Basis f\u00fcr ihre Vergleichbarkeit legt.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Der Humor, der so oft mit der Unkontrollierbarkeit von K\u00f6rperfunktionen einhergeht, ist hier gleichsam Einfallstor f\u00fcr eine eigene k\u00f6rperliche Logik. Denn unvern\u00fcnftig scheint Penthesilea ihre Verwechslung nicht. Ja eigentlich handle es sich gar nicht um einen Versprecher, sei der Kannibalismus doch bereits in jeder Liebesbeziehung angelegt, in der man sich \u201evor Liebe gleich\u201c \u201aessen\u2019 wolle. Nur im Gegensatz zur \u201eN\u00e4rrin\u201c, die die Redewendung gedankenlos ausspreche, habe Sie, Penthesilea, es \u201ewahrhaftig Wort f\u00fcr Wort getan; ich war nicht so verr\u00fcckt als ich wohl schien.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Die Vernunftkritik, die in dieser Behauptung angelegt ist, wertet das Rationale nicht ab, sondern \u00f6ffnet es gegen\u00fcber einer neuen Sprach- und K\u00f6rperlogik, in der auch dem Eigensinn des Unbewussten und des K\u00f6rperlichen Vernunft zugesprochen wird (man beachte hierzu auch Kleists Essay <i>\u00dcber das Marionettentheater, <\/i>1810). An den Moment der Tat kann sie sich r\u00fcckblickend nicht mehr erinnern, erst die Erz\u00e4hlung ihrer Dienerin bringt sie zu Bewusstsein und l\u00e4sst sie rational nachvollziehen.<\/p>\n<p>Penthesileas Mord am wehrlosen Achill ist bei aller Tragik eine L\u00f6sung des inneren Widerspruchs, an dem die Amazonin litt. Die starken Gef\u00fchle von gekr\u00e4nktem Stolz und unb\u00e4ndigem Hass einerseits und rasender Liebe andererseits brechen sich in einer Tat Bahn, in der beiden Gen\u00fcge getan wird. Hierin zeichnet sich die erbarmungslose Modernit\u00e4t von Kleists Drama ab. Es orientiert sich zwar in Motivik und Drastik an Euripides <i>Bakchen<\/i>, die Schuldfrage wird jedoch nicht wie dort durch eine \u00e4u\u00dfere, metaphysische Macht suspendiert. Ist es in den <i>Bakchen<\/i> Dionysos, der die K\u00f6nigsmutter Agaue zum Zerfleischen ihres Sohns Pentheus anstiftet, so nimmt bei Kleist das Unbewusste und die Eigenlogik des K\u00f6rpers dessen Funktion ein. Wie Agaue ist Penthesilea ohne Schuld aufgrund einer Macht, die st\u00e4rker als ihr Subjekt ist \u2013 und doch <i>ist <\/i>Penthesilea auch diese Vitalkraft jenseits von Gut und B\u00f6se. Der dialektische Eigensinn ihres K\u00f6rpers erm\u00f6glicht Penthesilea letztlich einen Selbstmord ohne Hand an sich zu legen. In der letzten Szene arbeiten bewusster Wille und verselbst\u00e4ndigter K\u00f6rper derart zusammen, dass alleine ihr \u201evernichtendes Gef\u00fchl\u201c den Tod bewirkt.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_7726\" style=\"width: 813px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/pentheusimage.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7726\" class=\"size-full wp-image-7726\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/pentheusimage.jpg\" alt=\"Pentheus wird von den Bacchantinnnen zerrissen. Attische Amphora um 480 v. Chr., Kimbell Art Museum, Fort Wort. \" width=\"803\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/pentheusimage.jpg 803w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/pentheusimage-300x149.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/pentheusimage-768x383.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 803px) 100vw, 803px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7726\" class=\"wp-caption-text\"><em>Pentheus wird von den Bacchantinnnen zerrissen. Attische Amphora um 480 v. Chr., Kimbell Art Museum, Fort Wort.<\/em><\/p><\/div>\n<p>Die zweite Tendenz kannibalischer Selbsterm\u00e4chtigung, die um 1800 ihren Ausgang nimmt, behauptet keine neue K\u00f6rpervernunft. Vielmehr baut sie auf eine kartesianische, mechanistische K\u00f6rperlichkeit, also das Gegenteil von Penthesileas leidenschaftlicher Leiblichkeit. Marquis de Sades Monstrum Minski in <i>Juliette, ou les Prosp\u00e9rit\u00e9s du Vice <\/i>(1797) ist deshalb aber kein Kannibale der k\u00fchlen Vernunft. Das Gegenteil ist der Fall: W\u00e4hrend Descartes den K\u00f6rper als Maschine beschrieb, um damit umso klarer seine Unterwerfung unter die menschliche Ratio hervorzuheben, interessiert sich dieser Kannibale f\u00fcr den k\u00f6rperlichen Mechanismus im Dienste des <i>Genusses<\/i>. Vernunft und Genuss fallen zusammen, weil selbsts\u00fcchtiger Genuss ihm das einzig Vern\u00fcnftige erscheint. Der menschliche K\u00f6rper ist eine Genuss-Maschine im zweifachen Sinn eines Produzenten und Konsumenten von Gen\u00fcssen. Infolgedessen, so argumentiert der Kannibale, bedarf es einer neuen Moral, die seinem K\u00f6rper- und Vernunftbild Rechnung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Minski ist wie Penthesilea ein Mischwesen: Halb m\u00e4rchenhafter \u201eogre\u201c, halb hochgebildeter Aristokrat ist sein Platz innerhalb und au\u00dferhalb der Gesellschaft. In seiner Physiognomie \u00e4u\u00dfert sich dies geradezu karikaturistisch, denn einerseits verf\u00fcgt er \u00fcber einen gezwirbelten Schnurrbart, andererseits \u00fcber ein \u201eebenso braungebranntes wie schreckenerregendes Gesicht\u201c.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Die Amibivalenz setzt sich in seinem Wohnsitz fort, Minskis Burg befindet sich zwar inmitten einer unzug\u00e4nglichen italienischen Gebirgslandschaft, ist jedoch \u00fcber ein Netz von Dienern mit ganz Europa verbunden. So wird er best\u00e4ndig mit jungen Frauen und M\u00e4nnern versorgt, die ihm als Sex-Sklaven und Nahrung dienen. Jeder Geschlechtsakt ist eine Hinrichtung, jede Hinrichtung eine Schlachtung zum Verzehr.<\/p>\n<p>Minski br\u00fcstet sich vor seinen G\u00e4sten, dass er die ganze Welt bereist und auf jedem Kontinent die schlimmsten Unsitten verinnerlicht habe \u2013 ein reisender Anthropologe auf der Suche nach infamer Menschlichkeit. Die Afrikaner h\u00e4tten ihn letztlich den h\u00f6chsten Genuss gelehrt, Menschenfleisch zu essen, den er mit der Quintessenz seiner anthropologischen Menschenkenntnis rechtfertigt: \u201edie Selbstsucht [ist] alleinige Richtschnur f\u00fcr Recht und Unrecht\u201c.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Minski hat erkannt, dass letztlich alles und jeder k\u00e4uflich ist. Er macht sich dies zunutze, um die kannibalisch-sexuelle T\u00f6tungspraxis aufrechtzuerhalten, seine Reichtum und die geschickte Verstrickung politischer Herrscher in seine Untaten sichern ihm Freiheit von staatlicher Verfolgung.<\/p>\n<p>Gefahr droht ihm nur, wenn er das rein gesch\u00e4ftliche Verh\u00e4ltnis zur Welt aufgibt und sich mit anderen \u00dcbelt\u00e4tern wie Sades Protagonistin Juliette einl\u00e4sst. Minski, der Juliette unter dem falschen Versprechen, ihr und ihrer Entourage nichts zu tun, in seine Burg lockt, scheint zuerst auch hier der St\u00e4rkere zu sein: Nachdem er ihre Dienerin und einen Diener gegessen hat, ist auch sie nicht mehr sicher. Er erl\u00e4utert ihr, dass seine Lust am Menschenfleisch gr\u00f6\u00dfer ist als sein Respekt vor einer Geistesgenossin. Seine Philosophie gebietet ihm, jeden Kontrakt zu brechen, sobald er der Maximierung seiner L\u00fcste im Weg steht. Aber Minskis selbstsichere Beredsamkeit provoziert Juliettes Hinterlist und erlaubt es ihr schlie\u00dflich, ihn zu bet\u00e4uben und mit seinen Sch\u00e4tzen zu fliehen. Am Ende sieht sich Minski also wieder auf seine monstr\u00f6s-urt\u00fcmliche Seite, auf sein Polyphem-Sein zur\u00fcckgeworfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_7729\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Polyphemus_Eleusis_2630.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7729\" class=\"size-full wp-image-7729\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Polyphemus_Eleusis_2630.jpg\" alt=\"Polyphem wird geblendet. Proto-attische Amphora um 650 v. Chr., Museum von Eleusis.\" width=\"800\" height=\"751\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Polyphemus_Eleusis_2630.jpg 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Polyphemus_Eleusis_2630-300x282.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/800px-Polyphemus_Eleusis_2630-768x721.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7729\" class=\"wp-caption-text\"><em>Polyphem wird geblendet. Proto-attische Amphora um 650 v. Chr., Museum von Eleusis.<\/em><\/p><\/div>\n<p>Kannibalismus taucht in Sades volumin\u00f6sem Werk nur hier als eing\u00e4ngige Praxis eines Individuums auf, daf\u00fcr gleichsam als \u00fcberzeichneter Gipfel der Libertinage, als das unmittelbare Zusammenfallen von Tod und Genus. Diese Zuspitzung, die satirische Z\u00fcge tr\u00e4gt, hat einen entschiedenen Nachteil gegen\u00fcber der bereits grausamen Lebensform von Sades \u00fcbrigen Libertins. Minski ist wie Polyphem zum gesellschaftlichen Umgang unf\u00e4hig, seine Prahlerei entbehrt nicht der L\u00e4cherlichkeit. Er kann seinen Genuss, selbst wenn er es wie mit Juliette m\u00f6chte, nicht teilen; am Vergn\u00fcgen der anderen teilzuhaben, bleibt also gerade ihm, der andere sosehr bzw. zu sehr genie\u00dft, verwehrt. Minskis Schw\u00e4che ist nicht sein Zynismus, sondern dessen inkonsequente Umsetzung. Der erfolgreiche Zyniker ist derjenige, der seine unmittelbaren Triebe so kanalisiert, dass er all seinen Gen\u00fcssen l\u00e4ngerfristig fr\u00f6nen kann.<\/p>\n<p>Penthesilea und Minski sind die ersten ihrer Gattung. Diese neuen Kannibalen behaupten ihr Tun als entschuldbar oder gar als richtig, weil es mit den Gesetzen der Vernunft vereinbar sei \u2013 nur <i>welche<\/i> Vernunft damit gemeint ist, dies unterscheidet sie voneinander wie von ihrer Umgebung. Sie zeigen auf, dass das gesellschaftliche Tabu suspendiert werden kann, wenn auch zu einem hohen Preis, denn sie sind letztlich nicht f\u00e4hig, unter Menschen zu leben. Ihre kannibalischen Logiken verschlingen entweder, wie im ersten Fall, das eigene Leben oder, wie im zweiten Fall, alles Leben um sie herum. Doch dies sollte sich zusehends \u00e4ndern: Der vern\u00fcnftige Kannibale wird im 20. Jahrhundert lebens- und gesellschaftsf\u00e4hig.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der politisch-moralische Kontrakt: Vitalismus und Zynismus<\/p>\n<p>Obschon die Schicksale von Minski und Penthesilea ihre Apologien des Kannibalismus letztlich unterminieren oder zumindest als problematisch \u00fcberf\u00fchren, sind ihre Geschichten keinesfalls als moralische Exempel zu verstehen. W\u00e4hrend Penthesilea \u2013 wie schon die Bachantinnen in Euripides <i>Bakchen <\/i>\u2013 in einer Zone jenseits der Schuld ihre Tat begeht, wo die Macht des K\u00f6rpers jede Moral suspendiert, lehnt Minski eine humanistische Moral ab und schwingt sich zu einem Philosophen der selbsts\u00fcchtigen T\u00e4uschung hoch.<\/p>\n<div id=\"attachment_7730\" style=\"width: 884px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/gillraysansculottes.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7730\" class=\"size-full wp-image-7730\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/gillraysansculottes.jpg\" alt=\"James Gillrays \u201eun petit souper\u201c, 20. September 1792, satirische Darstellung der Sans-Sculotten.\" width=\"874\" height=\"617\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/gillraysansculottes.jpg 874w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/gillraysansculottes-300x212.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/gillraysansculottes-768x542.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 874px) 100vw, 874px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7730\" class=\"wp-caption-text\"><em>James Gillrays \u201eun petit souper\u201c, 20. September 1792, satirische Darstellung der Sans-Sculotten.<\/em><\/p><\/div>\n<p>Sade und Kleist schreiben in einem gesellschaftspolitischen Kontext, in dem die Hoffnung auf eine Verwirklichung humanistischer Ideale massiven Zweifeln gewichen ist. Die Franz\u00f6sische Revolution und die Napoleonischen Kriege sind die ersten modernen politischen Umw\u00e4lzungen, in denen h\u00f6here politische Ziele vor aller Augen in niederste Affekte umschlagen. Bezeichnend hierf\u00fcr ist die Zentralstellung der Kannibalismus-Metapher: Dass nicht nur der Terror der Jakobiner, sondern jede gewaltvolle politische Bewegung ihre Kinder zu fressen droht, hat das Denken dieser Zeit grundlegend gepr\u00e4gt. Die vern\u00fcnftigen Kannibalen verleihen dieser drastischen Erkenntnis Ausdruck. Im Lichte einer revolution\u00e4ren Dialektik von gewaltt\u00e4tiger Selbstbehauptung, die in Selbstzerst\u00f6rung m\u00fcndet, ist Penthesileas K\u00f6rperlogik auch eine Logik politischer K\u00f6rper. Im Lichte einer Politik, die ihre Ideale best\u00e4ndig zugunsten ihrer egoistischen Interessen zu verraten bereit ist, bringt Minskis Verrat und nachtr\u00e4gliche Weigerung, verl\u00e4ssliche Kontrakte einzugehen, den Zynismus r\u00fccksichtsloser Machtstrukturen seiner Zeit zum Ausdruck. Diese manifestieren sich in den Waren- und Menschenstr\u00f6men, die Minski zu dirigieren wei\u00df, und die sich jenseits einer starren b\u00fcrgerlichen oder aristokratischen Ordnung entfalten k\u00f6nnen. Er ist nicht, was Sades Figuren \u00f6fters nachgesagt wird, ein Repr\u00e4sentant des siegreichen Kapitalismus seiner Zeit, sondern dessen Parasit: Die \u201ahumanen Ressourcen\u2019, die er aus dem Arbeitsmarkt abflie\u00dfen l\u00e4sst, werden nicht produktiv gemacht, sondern der kapitalistischen Leistungs- und Gewinnlogik unwiederbringlich entzogen. Minski ist also gleichsam opportunistisch und subversiv, seine Frechheit ist der revolution\u00e4re Wagemut, der \u2013 nach Peter Sloterdijks Definition des modernen Zynismus \u2013 \u201edie Seiten gewechselt hat\u201c.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Wie die b\u00fcrgerlichen und protoproletarischen revolution\u00e4ren Bewegungen seiner Zeit macht auch Minski Klassen- und Staatsgrenzen obsolet, im Gegensatz zu ihnen aber ist er nicht auf Seiten der Unterdr\u00fcckten, sondern arrangiert sich mit den Unterdr\u00fcckern gleich welcher Couleur.<\/p>\n<p>Der Diskursstrang, welcher von der Figur Minskis ausgeht, l\u00e4sst sich als eine Geschichte des politischen Zynismus, der strategischen Selbst- und Fremdverleugnung aus Egoismus verstehen, w\u00e4hrend der vitalistische Diskurs, der mit Penthesilea einsetzt, eine aufrichtige Selbstbehauptung, wenn n\u00f6tig bis in den Tod imaginiert. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass beide Diskurse etwas mehr denn hundert Jahre sp\u00e4ter, in der Zeit zwischen den Weltkriegen, am konsequentesten weiterentwickelt werden, als Kannibalismus eine erneute Konjunktur in den K\u00fcnsten erlebt. Einerseits bem\u00e4chtigten sich die Avantgarden der 1920er Jahre des Kannibalismus als subversive Gegenmetapher zur etablierten Kunst, sei es in Picabias <i>Manifeste Cannibale Dada <\/i>(1920) oder in Oswaldo Andrades <i>Manifesto Antrop\u00f3fago <\/i>(1928). Andererseits \u2013 und f\u00fcr unsere Fragestellung wichtiger \u2013 f\u00fchrt der Erste Weltkrieg insbesondere in Deutschland und \u00d6sterreich zu einem intensivierten Nachdenken \u00fcber die Frage nach der moralischen Rechtfertigung von Menschenopfern und grausamem Heldentum, unterf\u00fcttert von einer schon in der Vorkriegszeit einsetzenden Faszination f\u00fcr kannibalische Wilde und Serienm\u00f6rder.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Ist die Avantgarde am Kannibalismus als jenem Irrationalen und Primitiven interessiert, das es befreiend aufzuwerten gilt, so fragt der politisch-poetische Diskurs \u00fcber den Menschenfresser nach dem rationalen Kern des Ungeheuren. In diesem Sinne beschreibt der Lebensphilosoph Theodor Lessing 1925 den Serienm\u00f6rder Haarmann als ein \u201eSt\u00fcck Natur\u201c,<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> das zwar einer landl\u00e4ufigen Logik und Moral entbehrt, jedoch eine erschreckend-faszinierenden Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit des Lebendigen aufzeigt.<\/p>\n<p>Auch wenn die (Selbst-)Behauptung kannibalischer Vernunft erst im 20. Jahrhundert in der Klarheit Sades und Kleists weitergeschrieben wird, hat der Kannibale dazwischen eine bedeutsame Ver\u00e4nderung durchlaufen. Der indigene Menschenfresser wandelte sich im Zuge seiner zusehenden Fiktionalisierung zu einer mehrdeutigen Figur, welche die klaren moralischen Wertungen echter und semifiktionaler Reiseberichte, M\u00e4rchen und Schauergeschichten hinter sich zur\u00fcckl\u00e4sst. Diese Ver\u00e4nderung ist auf ein neues, kritisches Bewusstsein kolonialer Machverh\u00e4ltnisse zur\u00fcckzuf\u00fchren und l\u00e4sst sich darum am fr\u00fchesten in der englischen Literatur ablesen. Bezeichnend sind der Kannibale Queequeg in Melvilles <i>Moby Dick <\/i>(1851)<i> <\/i>\u2013 der freilich gut ist, <i>obschon <\/i>er Menschenfleisch isst \u2013 und mehr noch die kannibalischen \u201egood fellows\u201c in Joseph Conrad <i>Heart of Darkness <\/i>(1899). Die schwarzen Begleiter, die dem Erz\u00e4hler auf seiner Bootsfahrt dienen, besitzen zwar mit gespitzten Z\u00e4hnen, simpler Sprache und urt\u00fcmlicher Vitalit\u00e4t viele Zeichen des klassischen \u201aWilden\u2019, erstaunen ihn jedoch durch ihre Zur\u00fcckhaltung. In Zeiten gr\u00f6\u00dfter Not verschonen sie die wei\u00dfe Bootsbesatzung und fragen stattdessen, ob sie ihre Feinde am Ufer essen d\u00fcrfen. Dass diese Szene sowohl als ambivalenter Aspekt von Conrads Rassismus,<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> wie auch als progressive Sicht auf die kulturelle Identit\u00e4t des Kannibalen ausgelegt wurde,<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> zeigt ihren problematischen Status: W\u00e4hrend die Wei\u00dfen in diesem Roman eindeutig keine Helden mehr sind, da ihrer \u201azivilisierten\u2019 Ausbeutung genau die Zur\u00fcckhaltung der Menschenfresser fehlt, scheinen die Schwarzen das Potential zu einem vitalen Heroismus aufzuweisen, das sogleich von ihrem Primitivismus kassiert wird.<\/p>\n<div id=\"attachment_7731\" style=\"width: 766px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Cannibal-Orgies-StanleysTravelsinAfrica.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7731\" class=\"size-full wp-image-7731\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Cannibal-Orgies-StanleysTravelsinAfrica.jpg\" alt=\"'Horrible Feast of the Cannibals', Illustration zu Stanley's Reisen in Afrika, 1848 von J. W. Bueb.\" width=\"756\" height=\"580\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Cannibal-Orgies-StanleysTravelsinAfrica.jpg 756w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/Cannibal-Orgies-StanleysTravelsinAfrica-300x230.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 756px) 100vw, 756px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7731\" class=\"wp-caption-text\">&#8218;Horrible Feast of the Cannibals&#8216;, Illustration zu Stanley&#8217;s Reisen in Afrika, 1848 von<a href=\"http:\/\/www.archive.org\/stream\/worldswondersass00bueliala#page\/484\/mode\/2up\"> J. W. Buel<\/a>.<\/p><\/div>\n<p>Arthur Heyes Abenteuerroman <i>Hatako. Das Leben eines Kannibalen <\/i>(1921) zeichnet dagegen zweiundzwanzig Jahre sp\u00e4ter das Bild eines Helden, der seine vitale Urspr\u00fcnglichkeit und seine westliche Bildung nach gro\u00dfem inneren Kampf in Einklang bringt. Der intelligente und tapfere Afrikaner Hatako k\u00e4mpft am Kilimandscharo auf Seiten der deutschen Kolonialmacht gegen aufst\u00e4ndische Einheimische, legt dabei aber zum Entsetzen seiner Vorgesetzten nie seine kannibalischen Gepflogenheiten ab. Die Zurecht- und Zur\u00fcckweisung der Deutschen st\u00fcrzt ihn in Selbstzweifel, die er erst \u00fcberwindet, als er den gegnerischen Anf\u00fchrer besiegt hat, aber von seinen Mitsoldaten und Vorgesetzten verlassen auf dem einsamen Berggipfel des Kilimandscharo steht. In dieser pathetischen, auf Nietzsche verweisenden Schlussszene des Buchs erkennt der \u201aWilde\u2019, dass der vermeintliche Geisterberg leer und verlassen und er ganz auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen ist: \u201eDer Mensch auf der Gletscherzinne hob den Kopf, streckte die Arme zu den verl\u00f6schenden Sternen empor und ein Lachen voll bitterer, aber befreiender Erkenntnis \u00fcbert\u00f6nte den brausenden Gesang des Sturmes.\u201c<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Der Kannibale Hatako wird im Angesicht des Todes zum \u00dcbermenschen, der sich sowohl von seinem Aberglauben, als auch von der Moral der Kolonisatoren befreit hat: Er hat sich selbst aufgekl\u00e4rt und ist nun f\u00e4hig, die Aufkl\u00e4rung hinter sich zulassen.<\/p>\n<p>Die Denkfigur eines positiv besetzten kannibalischen Vitalismus taucht im Diskurs der Zwischenkriegszeit immer wieder mit dezidiert zivilisationskritischen, aber politisch progressiven Absichten auf. So w\u00fcnscht sich Thomas Mann etwa in seiner F\u00fcrsprache f\u00fcr die noch junge Republik eine \u201aanthropophagische Kraft\u2019, die sich im Kontext seines Gesamtwerkes ebenfalls auf Nietzsche und dort auf das Konzept des Dionysischen zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Obschon sich Nietzsche kaum f\u00fcr Kannibalismus interessierte, wird er nun zu einem Gew\u00e4hrsmann der affirmativen Funktionalisierung von Anthropophagie. Ironisch zugespitzt taucht ein solch vermeintlicher Nietzscheanismus etwa in Robert Musils <i>Mann ohne Eigenschaften<\/i> auf, wo gleich mehrere politische Seiten mit Kannibalismus argumentieren. Behauptet der Diplomat Hans Tuzzi, dass allein die westliche Diplomatie die Welt von der Menschenfresserei abhalte, wertet der Mystiker und Antisemit Hans Sepp den Tierkonsum gegen\u00fcber dem Verspeisen von Menschenfleisch ab und damit den Kannibalismus als urt\u00fcmliche Praxis auf. Als dritte Position neben der zivilisatorischen und der vitalistischen ert\u00f6nt mit General Stumm von Bordwehr eine zynische Stimme, die zivilisatorischen Fortschritt und Kannibalismus nicht als Gegens\u00e4tze wertet: \u201eWenn sie mir die Zeitungen, den Rundfunk, die Lichtspielindustrie und vielleicht noch ein paar andere Kulturmittel \u00fcberantworten, so verpflichte ich mich, in ein paar Jahren \u2013 wie mein Freund Ulrich einmal gesagt hat \u2013 aus den Menschen Menschenfresser zu machen.\u201c<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Zu Beginn der 1930er Jahre, als Musil diese Worte niederschrieb, war der Vormarsch des Faschismus in Europa weit fortgeschritten. Der \u2013 im Falle Hatakos notabene schwarze! \u2013 \u00dcbermensch, der seinen Ort jenseits von Gut und B\u00f6se selbst schafft, ist nicht l\u00e4nger nur ein vitalistischer Abenteuertraum, sondern auch ein mit allen \u201eKulturmittel[n]\u201c der Zivilisation zynisch durchsetzbares Massenph\u00e4nomen. Ernst J\u00fcnger verleiht dieser aufgekl\u00e4rten Abgekl\u00e4rtheit in seiner kurzen Erz\u00e4hlung <i>Violette Endivien <\/i>(1938)<i> <\/i>Ausdruck, in welcher Menschenfleisch ganz selbstverst\u00e4ndlich in einer Metzgerei zum Verkauf angeboten wird. Der interessierte Ich-Erz\u00e4hler quittiert die fachkundigen Ausf\u00fchrungen des Metzgers \u00fcber die Menschenzubereitung lakonisch: \u201eIch wu\u00dfte nicht, da\u00df die Zivilisation in dieser Stadt schon so weit fortgeschritten ist.\u201c<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Die Erz\u00e4hlung wurde von Karl-Heinz Bohrer als Warnung vor dem Nationalsozialismus interpretiert,<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> dem J\u00fcnger kritisch gegen\u00fcberstand (und an dessen Angriffskrieg er sp\u00e4ter nichtsdestotrotz teilnahm). Der provokative Gestus des Erz\u00e4hlbandes <i>Das abenteuerliche Herz<\/i>, in dem der Text erscheint, legt eine andere Vermutung n\u00e4her: Dass hier nicht ohne Genuss eine politisch-\u00e4sthetische Abgekl\u00e4rtheit zelebriert wird, die ihre Entt\u00e4uschung \u00fcber die Zeitgeschichte auf eine Weise kundtut, in der Satire \u00e4hnlich wie bei Sade schwerlich von Zynismus zu trennen ist.<\/p>\n<p>Diese Ambivalenz zwischen satirischer und zynischer Rechtfertigung von Kannibalismus ist in den 1930er Jahren freilich nicht nur eine Sache der Rechten. Auf linker Seite aber \u00e4u\u00dfert sie sich als R\u00fcckzugsgefecht. Walter Benjamin pl\u00e4diert in seinem Essay \u00fcber <i>Karl Kraus<\/i> (1931) daf\u00fcr, dass das \u201eklassische Humanit\u00e4tsideal\u201c durch den \u201erealen Humanismus\u201c des Unmenschen, d.h. des satirischen \u201eMenschenfressers\u201c, zu ersetzen sei.<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Der Satiriker und sein Humanismus zeichnen sich freilich gerade dadurch aus, dass er das Unmenschliche nicht auf diejenige Art meint, mit der er es sagt, ja dass er genau das Gegenteil davon verfolgt. Benjamins selbst satirische Lobpreisung von Karl Kraus als \u201eMenschenfresser\u201c verweist auf Jonathan Swifts <i>Modest Proposal<\/i>. Wenn Benjamin aber am Ende seines Kraus-Essays die kindliche Vernichtung des Bestehenden als letzte Aussicht auf eine positive Ver\u00e4nderung beschreibt, so blitzt darin eine Verbitterung auf, die bereits das Ende der Satiren ank\u00fcndigt. Kann Humanit\u00e4t nur noch durch kannibalische Zerst\u00f6rung hergestellt werden, scheint bereits (zu) vieles unrettbar. Benjamins Apologie der kannibalischen Unmenschlichkeit ist darum nicht l\u00e4nger als das satirische Uneigentliche, als Appell f\u00fcr ihr Gegenteil, zu verstehen. Der Kannibalismus Penthesileas, der befreit, in dem er zerst\u00f6rt, ist hier mitgedacht und in einen resignierend traurigen Zynismus \u00fcberf\u00fchrt. Kraus selbst stellt nach der Machtergreifung Hitlers fest, dass es seiner \u201enicht mehr bedarf\u201c,<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a>\u00a0da seine satirische Methode keine konstruktive Funktion mehr hat.<\/p>\n<p>Als die politische Realit\u00e4t die Boshaftigkeit der Satire \u00fcberholt hat, ist der Menschenfresser zusehends ein abgekl\u00e4rter (J\u00fcnger) oder ein verzweifelter Zyniker (Benjamin). Umgekehrt ausgedr\u00fcckt: Eine Satire, die ihre doppelb\u00f6dige Distanz aufgibt und sich entweder auf die Seite des Gewinners oder des Verzweifelten stellt, ist vom Zynismus nicht mehr unterscheidbar. Gleicherma\u00dfen ist auch die vitalistische Vorstellung einer \u201aanthropophagischen Kraft\u2019, wie sie Thomas Mann am Anfang der Weimarer Republik imaginierte, in einem Zynismus aufgegangen, der sich eine solche Kraft nur noch wie Musils General Stumm von Bordwehr zu nutzen machen will. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird dem Kannibalen deshalb nicht mehr dieselbe affirmative Rolle einer politischen Lebenskraft zugedacht, die sie in der Zwischenkriegszeit einnehmen konnte.<\/p>\n<p>Dessen ungeachtet rechtfertigen sich fiktionale Kannibalen weiterhin, nicht trotz sondern gerade aufgrund der Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Wie zuvor die Franz\u00f6sische Revolution und der Erste Weltkrieg ist die neue Dimension menschengemachter Vernichtung eine Z\u00e4sur, die das Verh\u00e4ltnis von Kannibalismus und Aufkl\u00e4rung zu \u00fcberdenken zwingt. In Georg Taboris <i>Die Kannibalen <\/i>(englische Erstauff\u00fchrung 1968) t\u00f6ten und kochen j\u00fcdische Lagerinsassen ihre Mith\u00e4ftlinge, weniger weil der Hunger sie dazu zwingt, als weil sie den biopolitischen Zynismus des Lagers verinnerlicht haben. Anstelle einer zu erwartenden Vertierung \u00e4u\u00dfert sich dieser Zynismus h\u00f6chst eloquent. So verteidigt sich der Jude Hirschler etwa mit den Worten: &#8222;Jetzt, in diesem Augenblick, wo du so viel Wind machst, sterben Millionen in Indien an Hunger; aber vielleicht sind wir heute zuf\u00e4llig auf die eleganteste L\u00f6sung gesto\u00dfen. Die Friedh\u00f6fe sind voll von Leckerbissen&#8220;.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Und sein Leidensgenosse Klaub setzt sp\u00e4ter den Gedankengang fort: \u201eFleisch ist Fleisch, und mein Vater im Himmel kann mich am Arsch lecken! [&#8230;] In jeder K\u00fcche wird t\u00e4glich gemordet!\u201c<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a><\/p>\n<p>Taboris St\u00fcck ist keine Satire, und schon gar nicht eine auf den V\u00f6lkermord, denn dieser kann vom fiktionalen Kannibalismus weder \u00fcberboten noch doppelb\u00f6dig kommentiert werden. Stattdessen wird mit dem Mittel der Groteske ein Tabu angesprochen, das sich wohl nur mit dem Tabu des Kannibalismus vergleichen l\u00e4sst: Opfer k\u00f6nnen auch T\u00e4ter sein, weil die Vernunft des \u00dcberlebens \u2013 nicht nur als okkasioneller Hungerkannibalismus, sondern als soziales Prinzip \u2013 den Humanismus obsolet macht. Im Lichte der Judenvernichtung wird der Eigennutz eines Minski zum Kern eines zynischen Gesellschaftsvertrags, in dem Individuen letztlich \u201afreiwillig\u2019 mit den Machtstrukturen einiggehen, die definieren, wer \u201aFleisch\u2019 und wer \u201aKoch\u2019 ist.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Scene From American Psycho\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/3A4Sju5NAdo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><i>Der K\u00fchlschrank Patrick Batemans in der Verfilmung von \u201eAmerican Psycho\u201c (2000)<\/i><\/p>\n<p>Diese Abwertung des Menschen zu Fleisch sollte denn auch von einem Generalzyniker der neueren Literatur, Bret Easton Ellis Serienkiller Patrick Bateman in <i>American Psycho <\/i>(1991)<i>, <\/i>propagiert werden, wenn er in seine weiblichen Opfer bei\u00dft: \u201e[T]his girl, this meat, is nothing, is shit\u201c.<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a> Das System des Faschismus, in dem Kannibalismus sich nicht mehr grundlegend von anderen sanktionierten Gr\u00e4ueln unterscheidet, wird bei Ellis vergleichbar mit einem hyperkapitalistischen System, in dem alles Konsumgut ist und \u2013 einmal \u201aerstanden\u2019 \u2013 bedenkenlos weggeworfen werden kann. Die zynische Klimax des Romans stellt nicht eine alles \u00fcberbietende Mordtat dar, sondern die stupende Realisierung des M\u00f6rders, dass er aufgrund seines Reichtums und sozialen Status\u2019 wie schon Minski unbehelligt davonkommen wird. Auf den ersten Blick scheint es, dass Figuren wie Bateman den Warenfetischismus des Kapitalismus konsequent auf zwischenmenschliche Beziehungen \u00fcbertragen, also nur noch in einer Abw\u00e4gung von Kosten und Nutzen denken und sich weigern, ihr Gegen\u00fcber als menschliches Subjekt wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Obschon sich Bateman genau mithilfe dieser Logik rechtfertigt, vermag es sein Handeln nicht g\u00e4nzlich zu erkl\u00e4ren. Selbst im v\u00f6llig deregulierten Kapitalismus ist sein Tabubruch \u2013 wie der Tabubruch der H\u00e4ftlinge im unmenschlichen KZ-System \u2013 nicht einfach Symbol oder Satire der herrschenden Zust\u00e4nde, sondern stellt eine Reaktion auf diese dar. Dass faschistische und kapitalistische Ausnahmezust\u00e4nde Kannibalismus provozieren oder gar erlauben, hei\u00dft nicht, dass sie im selben Wortsinne kannibalisch sind wie Bateman oder Minski. Der Kannibale aber wei\u00df sich in ihnen befreit; hier spielt er eine groteske Narrenrolle. Obschon Taboris Kannibalen eingeschlossen sind, erlangen sie in ihrem Treiben eine pervers-spielerische Unabh\u00e4ngigkeit. Umgekehrt wirkt Bateman gerade im losgel\u00f6sten \u201aanything goes\u2019 des Yuppie-Lebens von den gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen der Konsumkultur in die Enge getrieben. Sein Kannibalismus ist ein Mittel, dieses Beklemmen aufzubrechen. So unterschiedlich beide Situationen sind, lebt der zynische Kannibale doch jeweils denselben zerst\u00f6rerischen Rest von Freiheit aus: Die Freiheit, von \u201awertlosen\u2019 K\u00f6rpern Gebrauch zu machen. Umgekehrt l\u00e4sst sich die vitalistische Aufwertung des K\u00f6rpers ebenso als spielerische Befreiung verstehen, denkt man an das Sprachspiel, mit dem Penthesilea ihre Rechtfertigung einleitet. Im kannibalischen Spiel wird der Ausnahmezustand, in dem sich der Kannibale bewegt und wo die Macht des Kriegs, des Faschismus oder des Kapitalismus ohne Restriktion herrscht, zugunsten seiner basalen Freiheit <i>ent<\/i>kr\u00e4ftet, zur Rechtfertigung seiner Tat aber zugleich <i>be<\/i>kr\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>In diesem Sinne rekonstruiert auch der ber\u00fchmteste Kannibale der Popkultur, Hannibal Lecter, sein Recht auf Menschenfleisch aus dem Ausnahmezustand des Zweiten Weltkriegs. Als kleiner Junge wurde der litauische Adlige von Nazikollaborateuren dazu gezwungen, die \u00dcberreste seiner Schwester zu essen. Dieses traumatische Erlebnis wird zur Grundlage sowohl seiner psychologischen als auch seiner philosophischen Motivation. Als Psychologe hat Lecter gelernt, die aggressiven Triebe, die das Trauma ausgel\u00f6st hat, in m\u00f6rderische, aber kontrollierte Bahnen zu lenken. Lecter ist ein erfolgreicher Nachfolger Penthesileas, da er von der eigenen K\u00f6rperlogik nicht \u00fcberw\u00e4ltigt wird, sondern sich diese in einem sozialdarwinistischen Sinne zunutze macht \u2013 wenn die Welt ihn schon zu einem Tier gemacht hat, will er immerhin dessen st\u00e4rkstes Raubtier sein. Das kindliche Trauma f\u00fchrt zur Erkenntnis, dass jegliche Moral relativ sei und macht ihn so zu einem Wiederg\u00e4nger Minskis. Wiederum anders als Minski aber kann Lecter seine Gen\u00fcsse tats\u00e4chlich teilen, er ist gesellschaftsf\u00e4hig. Erst die Anerkennung seiner Kochk\u00fcnste durch nichtsahnende G\u00e4ste befriedigt ihn g\u00e4nzlich. Dar\u00fcber hinaus sucht er sich Gef\u00e4hrten und Gef\u00e4hrtinnen, die bewusst an seinen kulinarisch-intellektuellen Mordspielen teilhaben. In seiner Rechtfertigung einzelner Morde gehen \u00e4sthetisch-kulinarische und sozialdarwinistische Argumente ineinander \u00fcber. Laut Lecter haben seine Opfer ihren Lebenswert verspielt, indem sie sich unfl\u00e4tig oder b\u00f6sartig \u2013 was in seinen Augen auch bereits bedeuten kann: nicht elegant genug \u2013 verhalten haben: \u201eWhenever feasible, one should eat the rude.\u201c<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a> Als \u00fcberlegenes Raubtier \u201areinigt\u2019 Lecter die Gesellschaft von einem \u00e4sthetischen Makel und transformiert ihn in einen kulinarischen Genuss, den es wiederum mit ausgew\u00e4hlten \u00c4stheten zu teilen gilt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Hannibal Lecter feeds Krendler his last meal\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/xx_hlStCL7g?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><i>Hannibal Lecter bereitet das Hirn seines Widersachers zu. Verfilmung von \u201eHannibal\u201c (2001)<\/i><\/p>\n<p>Lecter ist nur auf den ersten Blick eine unpolitische Figur. Seine Beliebtheit, die seit seinem ersten Auftauchen in Thomas Harris<i> <\/i>Roman <i>Red Dragon <\/i>(1981) durch zwei weitere B\u00fccher, vier Filme und eine Fernsehserie kontinuierlich gesteigert wurde, l\u00e4sst sich auf eine klug inszenierte Attraktivit\u00e4t des Zynischen zur\u00fcckf\u00fchren. Der \u00dcber-Unmensch Lecter wird zu einer ambivalenten Projektionsfl\u00e4che politischer Unkorrektheit. Zwar kritisiert er als Gentleman und Connaisseur die scheinbar unzivilisierte Massen- und Konsumkultur (deren erfolgreiches Ph\u00e4nomen die Figur selbst ist), setzt dieser jedoch keine humanistischen Ideale entgegen, sondern einen zutiefst egoistischen Konsumenten-D\u00fcnkel. Der Germanist Christian Moser hat darum an den Lecter-Romanen und -Filmen kritisiert, dass der kapitalistische \u201aWarenkannibalismus\u2019, die Verdinglichung menschlicher Beziehungen, durch sie eine Apologie wiederfahre.<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a> Insofern sich diese Kritik auf die Rechtfertigungsstrategie Lecters begrenzt, ist sie berechtigt, sie geht jedoch fehl, wenn Moser auf Thomas Harris\u2019 Werk als Ganzes zielt. Erstens gilt auch f\u00fcr Lecter, dass seine Taten einen Spielcharakter haben, der auf einen sozialen Ausnahmezustand reagiert. Sie sind eine Zuspitzung <i>und <\/i>eine Befreiung von Machtstrukturen. Auch wenn ohne sie undenkbar simuliert seine Konsumlogik gerade nicht diejenige der nationalsozialistischen Ideologie oder des entfesselten Marktes, sondern bedient sich dieser auf parasit\u00e4re Weise. Zweitens erzeugt Lecters Spiel moralische Ambivalenzen. Wenn er auch Unschuldige und Unbeteiligte t\u00f6tet, st\u00fcrzt er nicht nur seine Freunde, sondern auch seine Leser in Gewissenskonflikte. Er geb\u00e4rdet sich weniger als nietzscheanischer Held im Sinne Hatakos, denn als mephistophelischer Verf\u00fchrer.<\/p>\n<p>In zweihundertj\u00e4hriger Kontinuit\u00e4t erscheint Lecters Rechtfertigung als konsequente Fortsetzung und Synthese mechanistischer und vitalistisch-darwinistischer K\u00f6rperbilder, mit denen auf bewusst dilemmatische Weise gespielt wird. Dadurch bleibt es offen, Lecter als problematischen, aber auch problematisierenden Ausdruck aufgekl\u00e4rter Tendenzen, oder platterdings als positiv intendierte Figur zu betrachten. Dass es Rezipienten gibt, die letzteres tun, macht eine eingehende Untersuchung im ersteren Sinn umso notwendiger.<\/p>\n<div id=\"attachment_7732\" style=\"width: 625px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/128e5872bba8f4f960466d74e195ef84fb701d19.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7732\" class=\"wp-image-7732 \" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/128e5872bba8f4f960466d74e195ef84fb701d19.png\" alt=\"Antisemitische Adaptation der Figur Hannibal Lecters auf der Website \u201edaily stormer\u201c\" width=\"615\" height=\"328\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/128e5872bba8f4f960466d74e195ef84fb701d19.png 937w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/128e5872bba8f4f960466d74e195ef84fb701d19-300x160.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/02\/128e5872bba8f4f960466d74e195ef84fb701d19-768x410.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 615px) 100vw, 615px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7732\" class=\"wp-caption-text\"><em>Antisemitische Adaptation der Figur Hannibal Lecters auf der Website \u201edaily stormer\u201c<\/em><\/p><\/div>\n<p>Wenn die Figur Lecters heute beispielsweise auf dem neonazistischen Blog <i>daily stormer, <\/i>einem Leitorgan der faschistoiden alt-right-Bewegung, adaptiert wird, indem der Autor Michael Collins ihm antisemitische Monologe und Witze in den Mund legt (\u201eKosher food is best right from the oven\u201c),<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a> so folgt dies nat\u00fcrlich nicht der Intention seines Autors Thomas Harris und der Regisseure, die Harris Romane adaptiert haben. Es verweist aber auf eine Problematik, die von Bret Easton Ellis direkt adressiert wird: Der fiktionale <i>und <\/i>au\u00dferfiktionale Erfolg der Kannibalen-Figur in der Popul\u00e4rkultur liegt letztlich nicht in seiner bewundernswerten Andersartigkeit (die sich auch Bateman lange zuschreibt), sondern ist Ausdruck einer Gesellschaft, welche den aufgekl\u00e4rten Kannibalismus als Spielart ihres eigenen auf- und abgekl\u00e4rten Zynismus genie\u00dft.<\/p>\n<p>Hannibal Lecters Adaption durch eine neue faschistische Rechte ist das Resultat eines moralischen Kontraktes, welcher um der \u00c4sthetik bzw. um des Genusses willen Menschlichkeit f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt. Die alt-right schlie\u00dft auf erschreckende Weise den Kreis zu Taboris <i>Die Kannibalen<\/i>: Lecter, ein Opfer des Faschismus, wird hier zum faschistischen T\u00e4ter \u2013 nicht als groteske Figur, welche die Perversion des Faschismus aufdeckt, sondern als affirmierter Vork\u00e4mpfer eines solchen Systems. Damit hat sich die Figur Lecters maximal von der humanistischen Satire Jonathan Swifts entfernt, die am Anfang der zynischen Kannibalenfiguren stand und die bei de Sade und J\u00fcnger zumindest als Ambivalenz zwischen gesellschaftskritischer Satire und abgeh\u00e4rtetem Zynismus nachwirkte. Selbst Thomas Harris\u2019 Lecter bleibt in seiner mephistophelischen Attraktivit\u00e4t noch ein Zerrspiegel, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Seine faschistische Vereinnahmung aber nimmt die Unmenschlichkeit des Kannibalen gerade im Witz todernst.<\/p>\n<p>Damit sind wir, wie angek\u00fcndigt, erneut an einem Punkt angelangt, an dem sich Fiktion derart mit Realit\u00e4t vermischt, dass sie nicht l\u00e4nger aus angenehmer Distanz betrachtet werden kann. Der Kontrakt Lecters, den gewisse Menschen nur allzu gern f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen, verweist auf die prek\u00e4re Aufkl\u00e4rung unserer eigenen Zeit, in der demokratie- und humanismusfeindliche Moralvorstellungen \u00e4hnlich wie in den 1930er Jahren eine gef\u00e4hrliche Konjunktur feiern. Sie tun dies gerade auch unter dem Banner einer neuen vernunftgeleiteten, aber abgekl\u00e4rten Aufkl\u00e4rung, die sich \u00fcberlegen f\u00fchlt, weil sie vermeintliche Ideologien hinter sich gelassen glaubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der \u00e4sthetische Kontrakt: Drastikgenuss als Selbsterkenntnis<\/p>\n<p>Will man die Faszination verstehen, die von Hannibal Lecter und seinesgleichen vern\u00fcnftigen Kannibalen ausgeht, ist es mit einer Untersuchung ihrer expliziten moralischen Rechtfertigung nicht getan. Die Apologie solcher Figuren verl\u00e4uft \u00fcber eine drastische \u00c4sthetik, die sowohl f\u00fcr den fiktionalen Kannibalen und seine Gef\u00e4hrten, als auch f\u00fcr seine realen Rezipienten einen eigent\u00fcmlichen Genuss darstellt. Das \u00e4sthetische Erleben von Drastik geht zwar Hand in Hand mit der Moral des Menschenfressers, leistet aber eigenst\u00e4ndige Erkl\u00e4rungs- und \u00dcberzeugungsarbeit.<\/p>\n<p>Dietmar Dath behauptet, dass sich Drastik-Fans durch ihren Konsum von Horror- und Splatterfilmen prim\u00e4r einer Mutpr\u00fcfung unterziehen. Sie w\u00fcrden eine Abh\u00e4rtung ihrer Sehgewohnheiten verfolgen, eine subversive Ein\u00fcbung in die endlich offen dargestellten H\u00e4rten eines heuchlerischen kapitalistischen Systems. Auf dieser Zielgerade seines politischen Arguments entgehen Dath intrikate \u00e4sthetische Aspekte. Der Genuss des Konsumenten besteht nicht alleine im Metagenuss seiner eigenen St\u00e4rke, das Gr\u00e4ssliche zu ertragen. Die drastische Darstellung und die starken, durch sie hervorgerufenen Gef\u00fchle werden ebenso <i>selbst<\/i> genossen \u2013 ansonsten verfl\u00f6ge das Interesse am Drastischen nach einiger Zeit unwiederbringlich. Drastik w\u00e4re gleichsam nur eine quantitative Eigenschaft, die sich alleine am Grad ihrer Explizitheit, an ihrer Differenz zum Nicht-Drastischen messen lie\u00dfe, ohne ein eigenes \u00e4sthetisches Ideal darzustellen. Eine \u201agute\u2019, d.h. qualitativ ansprechende, Drastik entsteht aber nicht durch die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Steigerung des m\u00f6rderischen Gr\u00e4uels, der sexuellen Perversion oder sonstiger k\u00f6rperlicher Explizitheiten. Gerade die sinnliche Reizung ohne Unterbrechung kann auch f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Drastik-Enthusiasten schnell langweilig werden.<\/p>\n<p>Zu den wichtigsten Beispielen, mit denen Dath sein Ideal illustriert, geh\u00f6ren Ellis <i>American Psycho,<\/i> Lucio Fulcis Splatterfilm <i>Beyond<\/i> und der erotische Kannibalenfilm <i>Trouble Every Day <\/i>von Claire Denis. Dass das erste und letzte Beispiel Darstellungen von Kannibalismus enthalten, ist kein Zufall und soll weiter unten eingehender analysiert werden (\u00fcbrigens impliziert auch Fulcis Film Kannibalismus durch das Auftauchen von Zombies). Alle drei Beispiele zeichnen sich keinesfalls durch einen \u00dcberbietungsgestus aus, der f\u00fcr Daths Abh\u00e4rtungsthese sprechen w\u00fcrde. Die exakte, unaufgeregte Sprache von <i>American Psycho <\/i>f\u00fchrt ohne Effekthascherei in eine Welt der Grausamkeit ein und geht eben durch ihre scheinbar oberfl\u00e4chliche Pr\u00e4sentation verst\u00f6rend nahe. Umgekehrt wird in <i>Beyond <\/i>das Au\u00dfergew\u00f6hnlichste auf quasi-religi\u00f6se Weise zelebriert, jede Horrorszene ist eine Innovation k\u00f6rperlicher Gewalt.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser \u00dcberh\u00f6hung und Alleinstellung (nicht aber quantitativen Steigerung!) des Schreckens interpretiert Dath den Film denn auch als eine Allegorie des Drastischen selbst. Der Einfallsreichtum Fulcis ist verweisreich, da er sich an Darstellungen des Surrealismus oder der christlichen Ikonographie orientiert, und bleibt doch immer ganz nah am K\u00f6rper; seine bevorzugte Verst\u00fcmmelung, das aufgeschnittene oder herausgerissene Auge, macht im \u00fcbertragenen wie im k\u00f6rperlichen Sinne das Schmerzliche sichtbar. <i>Trouble Every Day <\/i>letztlich bedient sich der \u00c4sthetik des franz\u00f6sischen Autorenkinos, arbeitet mit langen, ruhigen Einstellungen und vielen Close-Ups. Das Werk schafft dadurch Figurenstudien, die f\u00fcr den Horrorfilm und insbesondre die Untergattung des Kannibalenfilmes ungew\u00f6hnlich sind. Verst\u00f6rend sind hier nicht alleine die blutreichen Darstellungen, die <i>gore <\/i>mit Erotik vermischen, sondern insbesondere die psychologisch-libidin\u00f6sen Konflikte, die mit ihnen einhergehen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Trouble Every Day Official Trailer\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TfENjj_VqfQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><i>Trailer zu Claire Denis\u2018 \u201eTrouble Every Day\u201d (2001)<\/i><\/p>\n<p>So unterschiedlich die drei Beispiele sind, die sich vereinfacht als Normalisierung, \u00dcberh\u00f6hung und Erotisierung\/Psychologisierung von expliziter Gewalt typologisieren lie\u00dfen, haben sie doch den Effekt gemeinsam, dass das Gezeigte f\u00fcr den Zuschauer in erh\u00f6htem Ma\u00dfe vorstellbar<i> <\/i>und sinnlich nachf\u00fchlbar<i> <\/i>wird. Drastik hat prim\u00e4r also nichts mit Abh\u00e4rtung, sondern mit Einf\u00fchlung zu tun. Selbst wenn man sich mit der Zeit an Gewaltdarstellungen gew\u00f6hnt, ist gerade diejenige Darstellung, die uns noch gegen den eigenen Willen etwas f\u00fchlen l\u00e4sst, die drastischste. Zugegeben, diese unabweisbare Nach- und Einf\u00fchlbarkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal von Drastik, sondern wurde als rezeptions\u00e4sthetisches Kriterium immer wieder f\u00fcr jegliche Kunst eingefordert. Wenn etwa T\u00e9rezia Mora meint, ein \u201ewahrhaft drastischer Satz\u201c sei einer, \u201eder mir keine Chance l\u00e4sst, die in ihm enthaltene Wahrheit zu leugnen\u201c,<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a> so hat sie zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung f\u00fcr den von Drastik angestrebten \u00e4sthetisch-aufkl\u00e4rerischen Effekt benannt. Mora schlie\u00dft, dass <i>alle<\/i> Kunst drastisch sein m\u00fcsse. Will man dieser Generalisierung nicht folgen, gilt es nach der spezifischen Leistung von Drastik zu fragen.<\/p>\n<p>Die Affekte, die mit dem expliziten Zeigen bzw. Beschreiben von K\u00f6rperlichkeit einhergehen, sind Schmerz, Ekel und Lust. Der Effekt von Drastik steht damit zweifellos in der Tradition verschiedener Katharsis-Theorien, mit dem entscheidenden Unterschied, dass Drastik mit \u201aR\u00fchrung und Schrecken\u2019 nicht l\u00e4nger eine \u201aReinigung\u2019 des Zuschauers vom bzw. durch den Affekt anstrebt.<a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a> An Stelle einer therapeutischen Wirkung ist die Auseinandersetzung mit den Affekten selbst getreten. Drastische Lust ist darum kein positiv-r\u00fchrendes Wohlgefallen, sondern eine (selbst)zerst\u00f6rerische, ja dionysische Befriedigung.<\/p>\n<p>Abh\u00e4ngig von der Position, aus welcher ein Text oder Film den sinnlich-kognitiven Nachvollzug seiner \u201eWahrheit\u201c (Mora) aufdr\u00e4ngt, scheint ein Affekt zu \u00fcberwiegen. Die Sicht des Opfers vermittelt dem Zuschauer Schmerz, die Sicht des T\u00e4ters Zerst\u00f6rungslust, eine tendenziell neutrale Au\u00dfensicht Ekel. Diese Trennung kann aber nur ein heuristisches Mittel sein. Wie die oben ausgef\u00fchrten Beispiele veranschaulichen und wohl an allen drastischen Werken zu zeigen w\u00e4re, tauchen die drei Affekte immer zeitgleich auf. Das Herausrei\u00dfen eines Auges in <i>Beyond <\/i>ist \u00fcberwiegend ein schmerzhafter, zugleich aber auch ein ekelhafter und ein lustvoller Anblick, im selben Sinne wie das Abkratzen von Schorf oder das Ausdr\u00fccken von Pusteln schmerzlich, eklig und doch zutiefst befriedigend sein kann. Im \u00e4sthetischen Zusammenspiel sind Schmerz und Ekel wie die Zerst\u00f6rungslust Quellen eines ambivalenten Genusses: Der Zuschauer wird bei k\u00f6rperlicher Unversehrtheit zum Masochisten und Sadisten am eigenen K\u00f6rper. Er erh\u00e4lt die M\u00f6glichkeit, seine Affekte auf eine Weise zu erleben, die ihm in au\u00dferfiktionalen und au\u00dferdrastischen Kontexten verwehrt bleibt. Drastik ist folglich eine Form der Selbsterkenntnis mithilfe von Affekten, die normalerweise vermieden werden.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"The Beyond (1981) Joe the Plumber Eyeball Scene\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9bc3pHdTeRE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><i>Ausschnitt aus Lucio Fulcis \u201eBeyond\u201c (1981)<\/i><\/p>\n<p>Es ist schwierig, explizit \u00fcber Kannibalismus zu sprechen, <i>ohne <\/i>drastisch zu werden. In der Geburtsstunde des aufgekl\u00e4rten Kannibalen um 1800 wird der urspr\u00fcnglich medizinische Begriff \u201aDrastica\u2019, der ein starkes Abf\u00fchrungsmittel bezeichnet, durch Friedrich Schlegel ins Feld der \u00c4sthetik \u00fcbertragen.<a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a> Auch wenn f\u00fcr diese \u00dcbertragung noch eine zweifelhafte kathartischen Reinigung durch die Kunst ma\u00dfgebend war, betont sie im Gegensatz zu fr\u00fcheren Katharsis-Theorien die K\u00f6rperlichkeit der ausgel\u00f6sten Affekte. Kunst ist hier ein \u201aDrastica\u2019, das gegessen bzw. geschluckt werden kann und das in einer heftigen, zuweilen schmerzhaften und nicht minder ekligen k\u00f6rperlichen Reaktion Befriedigung verschafft. Schlegels Interesse f\u00fcr die sinnbildliche gastrisch-k\u00f6rperliche Reaktion durch Kunst steht das Interesse f\u00fcr explizite k\u00f6rperlich-gastronomische Reaktionen <i>in <\/i>der Kunst bei Kleist oder Sade gegen\u00fcber: Kannibalismus erscheint so gleichsam als das logisch-historische Komplement zur Drastik.<\/p>\n<p>Freilich existierten schon vor 1800 explizite Kannibalismus-Darstellungen und Werke, welche die heutigen Kriterien f\u00fcr Drastik erf\u00fcllen (man denke etwa an Shakespeares <i>Titus Andronicus<\/i>, in dem beides eine zentrale Rolle spielt). Die gleichzeitige Konjunktur und geistige Unterf\u00fctterung beider Ph\u00e4nomene um 1800 verweist nichtsdestotrotz auf einen inneren Zusammenhang: Kannibalismus ist <i>das<\/i> drastische Thema schlechthin, weil es immer eine Ursache von Ekel und Schmerz darstellt, insofern von den Opfern die Rede ist, aber genauso unter dem Aspekt von Genuss betrachtet werden muss, wenn die Sprache auf den T\u00e4ter kommt. Nicht zuf\u00e4llig tauchen in vielen, wenn nicht den meisten Beispielen Dietmar Daths Kannibalen auf. Drastische K\u00fcnstler nehmen sich des Kannibalismus als Thema an, weil es sich in doppelter Hinsicht f\u00fcr ihr Tun eignet. Auf wirkungs\u00e4sthetischer Seite l\u00f6st das Tabu des Kannibalismus im Publikum zielsicher die angestrebte Gef\u00fchlsmischung aus Ekel, Lust und Schmerz aus. Auf poetologischer Seite veranschaulicht Kannibalismus die Funktion von Drastik selbst: In kannibalischen Kochk\u00fcnsten und im Verzehr von Menschenfleisch spiegeln sich die Handlungen des Drastikproduzenten und -konsumenten. Wie der Menschenkoch und der Menschenfresser schaffen und genie\u00dfen sie das vermeintlich Ungenie\u00dfbare.<\/p>\n<p>Die betrachteten Werke \u00fcber aufgekl\u00e4rte Kannibalen sind spezifische Auspr\u00e4gungen dieser drastischen \u00c4sthetik; indem sie den Genuss der Menschenfresser besonders betonen, verwenden sie Drastik gezielt in ihrer Funktion eines alternativen Erkenntniswegs. Nicht nur macht Drastik die gastronomische und erotische Zerst\u00f6rungslust des Menschenfressers jenseits seiner philosophisch-moralischen Rechtfertigung intelligibel, sie zwingen auch den Leser oder Zuschauer dazu, sich mit dem eigenen Genuss und seinen destruktiven Komponenten auseinanderzusetzen. Die gesellschaftliche Relevanz von Zynismus und Vitalismus, die im Kannibalen zu prek\u00e4ren Zeiten immer wieder zum Ausdruck kommt, erweist sich damit auch als ein Ph\u00e4nomen des Affekts. Denn von Zynismus und Vitalismus geht ein tabuisiertes Genussversprechen aus: Die unb\u00e4ndig-rohe Lebenskraft oder die gewissenlose Frechheit erm\u00f6glichen den lustvollen Ausbruch aus dem engen Korsett sozialer Triebkontrolle. Mit dem Kannibalen zusammen bzw. durch die Sinne des Kannibalen hindurch kann der Leser oder Zuschauer nicht nur eine politisch-moralische Befreiung aus einer politischen Realit\u00e4t, sondern auch eine ganz basale, lustvolle Selbstbefreiung au\u00dferhalb seiner privaten Realit\u00e4t erfahren. Freilich kann er dies tun \u2013 und meist tut er es genau deshalb \u2013, ohne die erfahrene moralische Grenz\u00fcberschreitung <i>per se <\/i>guthei\u00dfen zu m\u00fcssen. Dass dies stellvertretend der Kannibale f\u00fcr ihn tut, bildet den Kern seines \u00e4sthetischen Kontraktes. Der aufgekl\u00e4rte Menschenfresser fordert Verst\u00e4ndnis und bietet im Gegenzug einen ambivalenten Genuss.<\/p>\n<p>Diese zwar vern\u00fcnftige, aber moralisch gleichg\u00fcltige Tauschbeziehung l\u00e4uft dem positiven Aufkl\u00e4rungsauftrag, den Dath drastischen Werken zuschreibt, zuwider. Daths Abh\u00e4rtungsthese soll vor dem verbreiteten Vorwurf sch\u00fctzen, dass drastische Kunst ihre Rezipienten zu gewaltt\u00e4tigen Individuen macht. Sowohl Vorwurf als auch Verteidigung greifen aber zu kurz; sie \u00fcbersehen beide, wie Drastik prim\u00e4r auf seine Rezipienten wirkt bzw. wozu sie von diesen konsumiert wird: sie erlaubt, mit gesellschaftlich unterdr\u00fcckten Affekten konfrontiert zu werden, die zugleich ein verstecktes <i>movens <\/i>ihrer Gesellschaft sind. Insofern eine drastische Aufkl\u00e4rung eigene und kollektive Affekte dingfest macht, sind diese Affekte, und damit auch diese Form der Aufkl\u00e4rung, weder gut noch schlecht.<\/p>\n<p>Die betrachteten Darstellungen von Kannibalismus wurden in den meisten F\u00e4llen nie als handlungsanleitend betrachtet, trugen aber genauso wenig zur Bewusstseinsbildung \u00fcber soziale Ungerechtigkeiten bei \u2013 abgesehen vielleicht von explizit satirischen Kannibalismus-Darstellungen wie Jonathan Swifts Brieffiktion <i>A<\/i> <i>Modest Proposal <\/i>oder der Anarcho-Rockfilm <i>Eat the Rich<\/i>. Oft hat die fiktionale Rechtfertigung des Kannibalen, wie gesehen, einen impliziteren Zusammenhang mit politischen Idealen ihrer Zeit. Diese werden nicht offen angeprangert, sondern im gesellschaftlich undenkbarsten, und doch basalsten zwischenmenschlichen Kontakt ausagiert: Wo sich Menschen essen, ist das h\u00f6here politische Ideal in eine Politik der K\u00f6rper (bzw. mit Foucault und Agamben: in Biopolitik) aufgegangen. Der Zynismus in Ernst J\u00fcngers <i>Violette Endivien <\/i>veranschaulicht keinen politischen Diskurs, sondern bricht diesen auf einen drastischen Effekt herunter. Der Text <i>kann<\/i> nicht unmittelbar handlungsanleitend sein, weil seine Aussage zutiefst ambivalent bleibt, w\u00e4hrend die Szenerie im Feinkostladen wiederum die ambivalente Erfahrung von Lust, Ekel und Schmerz evoziert. Eine zentrale Leistung drastischer Apologien von Kannibalismus ist also, dass sie ein politisch-moralisches Problem \u00e4sthetisch erfahrbar machen, ohne dessen L\u00f6sung vorzugeben.<\/p>\n<p>Die Transformation des Politischen ins \u00c4sthetische und des Diskursiven ins Basale macht das Politische oder das Diskursive nicht bedeutungslos, ansonsten lie\u00dfe es sich nicht als solches rekonstruieren. Aber es \u00fcberblendet diese Kontexte zugunsten eines kurzzeitig \u00fcberw\u00e4ltigenden Gef\u00fchls. Was Dath also f\u00fcr die <i>story<\/i> des drastischen Werks festgestellt hat, dass der Handlungsverlauf n\u00e4mlich durch den drastischen Effekt \u00fcberstrahlt wird, gilt auch f\u00fcr die gr\u00f6\u00dferen sozio-politischen Zusammenh\u00e4nge, in denen das Werk als Ganzes steht. So wie ein stechender Schmerz uns f\u00fcr einen Augenblick vergessen macht, wo wir uns befinden, sehr wohl aber auf diese Umst\u00e4nde zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, fungiert Drastik, um ein Bild Kafkas zu verwenden, als \u201eAxt [&#8230;] f\u00fcr das gefrorene Meer in uns\u201c.<a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a><\/p>\n<p>Wohlgemerkt fordert Kafka, dass die Funktion dieser \u201aAxt\u2019 B\u00fcchern zukommen soll, \u201edie einen bei\u00dfen und stechen\u201c.<a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a> Das bei\u00dfende Buch als Ungl\u00fcck, \u201edas uns sehr schmerzt\u201c,<a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a> vereint nicht zuf\u00e4llig Aspekte des Kannibalischen und des Drastischen. In Kafkas Werk ist der Menschenfresser eine Komplement\u00e4rfigur des Hungerk\u00fcnstlers. Genie\u00dft dieser im gleichnamigen Text <i>Der Hungerk\u00fcnstler<\/i> (1922) seinen ultimativen R\u00fcckzug aus dem Leben, so entspricht der Kannibale, der in einer lange unpublizierten Vorstufe des Textes auftaucht, einem lebensbejahenden Prinzip. Er strebt eine \u201abei\u00dfende und stechende\u2019, unmittelbare Lebenserfahrung an. Damit l\u00e4sst sich dieser Menschenfresser leicht in die Reihe vitalistischer Kannibalen mit jener unb\u00e4ndigen Lebenskraft einreihen, welche von Thomas Mann ebenfalls im Jahr 1922 politisch eingefordert wurde. Kafkas Figur weist jedoch auf einen epistemologischen Aspekt hinter dieser zeittypischen Sehnsucht nach Leben hin. Gerhard Neumann hat gezeigt, dass die Figur des Menschenfressers bei Kafka das \u00e4sthetische <i>und<\/i> erkenntnistheoretische Ideal einer \u201eantisymbolischen\u201c<a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\">[38]<\/a> Sprache erf\u00fcllt. Er sei ein \u201eVersuch, aus dem Feld der Metaphern in eine Welt unbezweifelter Bewahrheitung zur\u00fcckzukehren, wie sie das Paradies vor dem S\u00fcndenfall, vor der Spaltung von Zeichen und K\u00f6rper, vor der Erfindung von Liebe und Tod darstellt.\u201c<a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a> Der Kannibale vollzieht hier \u2013 und nicht nur hier \u2013 eine Ann\u00e4herung an ein Ideal von Unmittelbarkeit schlechthin.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der Kontrakt \u00fcber die gemeinsame Erkenntnis: Die profanierte Kommunion<\/p>\n<p>Wie kaum ein anderes fiktionales Werk \u00fcber Kannibalismus arbeitet Slavenka Drakuli\u0107s Roman <i>Das Liebesopfer<\/i> (dt. 1998) eine solche Ann\u00e4herung an die Immanenz von k\u00f6rperlicher Erfahrung heraus. An ihrem Text konkretisiert sich nicht nur Kafkas Andeutung gebliebener Antisymbolismus, <i>Das Liebesopfer<\/i> legt eine Bedeutungsschicht frei, die Fiktionen aufgekl\u00e4rter Anthropophagie zwar durchwegs eigen ist, sich aber selten konkret an Text und Bild \u00e4u\u00dfert. Drakuli\u0107 dagegen stellt die Frage nach einem kannibalischen Erkennen ins Zentrum ihres Werkes. Ihre Kannibalin beruft sich auf moralische und \u00e4sthetische Kontrakte, wie sie \u00e4hnlich bereits herausgearbeitet wurden und auch f\u00fcr ihren Fall im Folgenden nachgezeichnet werden. An <i>Liebesopfer <\/i>l\u00e4sst sich darum gleichsam eine abschlie\u00dfende <i>summa <\/i>der bisherigen Betrachtungen durchf\u00fchren. Dar\u00fcber hinaus aber geht diese Kannibalin einen Schritt weiter und schl\u00e4gt dem Leser einen Kontrakt \u00fcber die gemeinsame Erkenntnis vor.<\/p>\n<p>Der Originaltitel <i>Bo\u017eanska glad\u00a0<\/i>(1995) ist wort- und werkgetreuer mit \u201eDer g\u00f6ttliche Hunger\u201c zu \u00fcbersetzen; mit einem solchen Hunger rechtfertigt sich die Protagonistin, eine polnische Doktorandin der englischen Literatur. W\u00e4hrend eines Forschungsaufenthaltes in New York t\u00f6tet und isst sie ihren brasilianischen Liebhaber. Als sp\u00e4te Nachfolgerin Penthesileas hat sie ihre Schuld schon ausger\u00e4umt, bevor sie den Mord an Jos\u00e9 begeht. Der ist zwischen seiner <i>amour fou <\/i>zur Protagonistin und seiner Pflicht gegen\u00fcber Frau und Kind derart zerrissen, dass er in eine schwere Depression f\u00e4llt. Als sein Lebenswille zusehends schwindet, glaubt die Geliebte ihre unm\u00f6glich werdende Liebe auch seinetwillen nur noch durch seine Einverleibung retten zu k\u00f6nnen. Jos\u00e9 \u2013 der eine wissenschaftliche Arbeit \u00fcber Kannibalismus schreibt und der Protagonistin damit unwissend die Idee zur Tat eingibt \u2013 scheint der kannibalischen Vereinigung zuzustimmen. Umgekehrt glaubt sich die Erz\u00e4hlerin nach seinem Verzehr nicht nur im Besitz des Liebhabers, sondern auch als dessen Eigentum: \u201eMein Ged\u00e4chtnis, meine Gef\u00fchle, mein Fleisch, ich selbst, das alles geh\u00f6rt nun ihm, ist sein.\u201c<a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a> Neben diesem impliziten moralischen Kontrakt mit ihrem Opfer verteidigt sich die Erz\u00e4hlerin, indem sie auf die Einzigartigkeit ihrer Liebe verweist und damit einen Ausnahmezustand reklamiert, der ihr erlaubt \u201edas h\u00f6chste Gebot\u201c zu \u00fcberschreiten \u2013 \u201eund das befreit einen von der Verantwortung, ein Mensch zu sein und sich an die Gesetze des Menschen zu halten.\u201c<a href=\"#_ftn41\" name=\"_ftnref41\">[41]<\/a><\/p>\n<p>Politisch bedeutsam ist diese Grenz\u00fcberschreitung angesichts des Ausnahmezustandes, welchen die junge Polin sowohl individuell in Amerika, wie auch als Teil jenes Kollektivs erlebt, das nach dem Untergang des Ostblocks pl\u00f6tzlich mit den vermeintlichen Freiheiten des Westens konfrontiert ist. Ihre bedingungslose Liebe wendet sich einem anderen Au\u00dfenseiter zu, Jos\u00e9 erscheint ihr als Brasilianer mit indianischen Vorfahren geradezu modellhaft exotisch. Ausgerechnet der <i>noch<\/i> Fremdere also, mit dem sie sich nur schwer verst\u00e4ndigen kann, hilft ihr, das anf\u00e4ngliche Verlorensein in Amerika zu \u00fcberwinden. Seine Einverleibung folgt der subversiven Strategie, die eigene kulturelle Identit\u00e4t mithilfe der gr\u00f6\u00dften Abweichung, dem Inkorporieren des Fremden, zu behaupten. Das Gegenteil dieser Selbstbehauptung verfolgt, wie wir gesehen haben, der zynische Kannibale, der sich mit den herrschenden Machtstrukturen bis zur Selbstverleugnung arrangiert um aus ihnen den gr\u00f6\u00dften Genuss zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin hat wie Penthesilea ein vitalistisches Verh\u00e4ltnis zum eigenen und fremden K\u00f6rper. Im Gegensatz aber zur \u00fcberw\u00e4ltigenden K\u00f6rpervernunft der Amazone, die den gordischen Knoten in einem Moment der Bewusstlosigkeit durchschl\u00e4gt, versucht die Ich-Erz\u00e4hlerin ihren K\u00f6rper als eigenst\u00e4ndiges Subjekt zu verstehen und seinen Bed\u00fcrfnissen Folge zu leisten. So beschreibt sie bereits den Beginn der Liebesbeziehung als eine autonome Reaktion des K\u00f6rpers: \u201eMeine Haut erkannte ihn, als h\u00e4tten wir einander schon ber\u00fchrt.\u201c<a href=\"#_ftn42\" name=\"_ftnref42\">[42]<\/a> Im Moment, da sie sich ihr sexuelles Bed\u00fcrfnis eingesteht, erlangt sie ein vollst\u00e4ndiges K\u00f6rperbewusstsein: \u201eIch kehrte zur\u00fcck in meinen K\u00f6rper, in die Leidenschaft, in mich selbst.\u201c<a href=\"#_ftn43\" name=\"_ftnref43\">[43]<\/a> Im R\u00fcckblick f\u00fchrt die Ich-Erz\u00e4hlerin den Leser zusehends n\u00e4her an die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr Handeln heran; wenn sie letztlich mit drastischer Genauigkeit beschreibt, wie sie den Mann ihres Lebens erstickt und zerst\u00fcckelt, l\u00f6st dies keinen Schockeffekt mehr aus, sondern bewirkt, wie Ralph Dutli konstatiert, jenes ambivalente, erschrockene \u201e[S]chwindeln\u201c,<a href=\"#_ftn44\" name=\"_ftnref44\">[44]<\/a> das auch die Protagonistin befallen hat. Als sie unmittelbar nach der Tat in den Spiegel blickt, schreckt sie vor ihrem blutverschmierten Antlitz zur\u00fcck. Aus Schmerz, Ekel und aufkommender Lust erw\u00e4chst ihr jedoch \u2013 und abgeschw\u00e4cht auch dem mitf\u00fchlenden Leser \u2013 eine religi\u00f6s anmutende Euphorie, ein Staunen \u00fcber ihren Mut, <i>real <\/i>werden zu lassen, was zuerst nur Phantasie war. Die Rhetorik des Textes verst\u00e4rkt diesen Effekt, indem sie den Leser \u00fcber eine Vielzahl von Andeutungen und Kannibalismus-Metaphern zur Tat hinf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Indem der Symbolismus der Tat erkl\u00e4rend vorweggenommen wird, erscheint sie nicht mehr als Symbol, sondern als dessen \u00dcberwindung hin zum Eigentlichen. Der Kannibalismus der Ich-Erz\u00e4hlerin bedeutet im Moment seiner Ausf\u00fchrung nichts mehr au\u00dferhalb seiner selbst; wo alles schon gesagt ist, tritt das Zeichen in den Hintergrund \u2013 genauer noch: Das Zeichen und das Bezeichnete fallen zusammen, weil zwischen Symbolwirkung (einem <i>Ausdruck<\/i> der tiefsten, liebenden Aneignung) und K\u00f6rperwirkung (dem <i>tats\u00e4chlichen<\/i> Aneignen des Geliebten) nicht l\u00e4nger unterschieden werden kann. Dass die Erz\u00e4hlerin das Verspeisen von Jos\u00e9 darum mit der christlichen Kommunion vergleicht, ist nicht alleine auf ihre katholische Erziehung oder \u00e4hnliche Vergleiche in der Geschichte des Kannibalismus<a href=\"#_ftn45\" name=\"_ftnref45\">[45]<\/a> zur\u00fcckzuf\u00fchren. Im Abendmahl verschmelzen der \u00fcbertragene Sinn und das Faktische untrennbar: Die Hostie steht nicht nur f\u00fcr, sondern <i>ist <\/i>der Leib Christi. Der Gl\u00e4ubige erh\u00e4lt kein symbolisches Substitut, sondern kostet und erkennt \u2013 sapere aude! \u2013 das G\u00f6ttliche. Doch anders als die Hostie, die erst durch Gottes Kraft in der Transsubstation zum Leib Christi wird, musste der K\u00f6rper Jos\u00e9s keine solche Wandlung durchmachen. Die Kommunion der Kannibalin ist profaniert und entmystifziert, keine Magie und kein Geheimnis h\u00e4ngt ihr noch an. Eine Kommunion ist der Akt letztlich auch im Sinne der Gr\u00fcndung und Wahrung einer Gemeinschaft (\u201acommunio\u2019) zwischen den Liebenden und dem Leser: Der mitf\u00fchlende Leser wird hier \u00e4hnlich dem gl\u00e4ubigen Zeugen in eine Erfahrung eingebunden, welche die menschliche Sehnsucht nach Ganzheit nicht in einer transzendentalen Metaphysik, sondern durch einen konkreten K\u00f6rper erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend l\u00e4sst sich eine Entmystifizierung des Abendmahles wiederfinden in Penthesileas Beharren auf der buchst\u00e4blich-kannibalischen Dimension ihrer Liebe, in Hatakos nietzscheanischer und d.h. antimetaphysischer Wandlung zum \u00dcbermenschen (als welcher Hannibal Lecter immer schon auftritt) oder bei Georg Taboris KZ-H\u00e4ftlingen, die ihrem Gott abschw\u00f6ren, wenn Sie wie Patrick Bateman behaupten, \u201aFleisch\u2019 sei \u201aFleisch\u2019. Obschon diese Beispiele entgegengesetzte Ziele verfolgen, n\u00e4mlich eine vitalistische Aufwertung oder eine zynische Abwertung des menschlichen K\u00f6rpers, so ist ihnen doch dies gemeinsam: In ihnen fallen \u2013 wie in <i>Das Liebesopfer <\/i>\u2013 Zeichen und Bezeichnetes im K\u00f6rper zusammen.<\/p>\n<p>Es griffe zu kurz, darin lediglich eine semiotische, d.h. zeichentheoretische Implikation des modernen Kannibalismus auszumachen. Dessen aufkl\u00e4rerischer Impetus besteht vielmehr in einer f\u00fcr die Neuzeit typischen, aber hier zugespitzten Profanierung, wie sie Giorgio Agamben in R\u00fcckgriff auf Walter Benjamin skizziert hat. Agamben unterscheidet zwischen S\u00e4kularisierung und Profanierung: Letztere \u00fcbertr\u00e4gt nicht einfach die Macht des Heiligen in weltliche Repressionszusammenh\u00e4nge, sondern reinigt ein Objekt von der Sph\u00e4re religi\u00f6ser Macht und gibt es dem freien Gebrauch des Menschen zur\u00fcck. Agamben veranschaulicht dies am r\u00f6mischen Opfertier, das zwar f\u00fcr den Gott geschlachtet wird, aber nur teilweise auch f\u00fcr das Brandopfer vorgesehen ist; durch die menschliche Ber\u00fchrung bestimmter Fleischst\u00fccke werden diese im Ritus profaniert und f\u00fcr jedermann essbar. Der moderne Kannibale \u2013 so kann man Agambens Gedankengang weiterf\u00fchren \u2013 nimmt sich von Anfang an das Recht auf das ganze Opfer, das somit nicht l\u00e4nger ein Opfer im religi\u00f6sen Sinne sein kann und doch noch auf dieses zur\u00fcckverweist. Auch die zweite, zentrale Wirkung, die Agamben in der Profanierung ausmacht, wird vom aufgekl\u00e4rten Kannibalen auf perverse Weise erf\u00fcllt: Er \u00fcberf\u00fchrt sein Objekt aus Strukturen strikter, ritueller Reglementierung ins menschliche Spiel. Spielerisch in diesem Sinne ist nicht nur Penthesileas Wortspiel, das aus Bissen K\u00fcssen macht, oder das t\u00f6dliche Liebesspiel in <i>Liebesopfer<\/i>, spielerisch ist auch das Schlachten Minskis, Batemans und Lecters, das den unmittelbaren Genuss einem \u00f6konomischen Nutzen vorzieht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend f\u00fcr Agamben der Spiel-Charakter der Profanierung einen Ausweg kennzeichnet, die Macht rigider Systeme zu brechen, erweist er sich im Angesicht des Kannibalen als hochproblematisch. Der spielerische und doch todernste Biss ins Menschenfleisch bedeutet zwar eine Befreiung aus der Sph\u00e4re metaphysischer gesellschaftlicher Setzungen und eine Selbstbehauptung menschlicher Freiheit. Doch diese spielerische Freiheit gen\u00fcgt dem aufkl\u00e4rerischen Auftrag Agambens ebensowenig wie die kannibalische Drastik demjenigen Dietmar Daths. Im kannibalischen Spiel erf\u00fcllt sich hingegen sehr wohl Agambens Behauptung, dass die Profanierung, \u201eeine Neutralisierung dessen [beinhaltet], was sie profaniert.\u201c<a href=\"#_ftn46\" name=\"_ftnref46\">[46]<\/a> Profaniert ist der menschliche K\u00f6rper etwas Neutrales, ein Zeichen jenseits von symbolischen Dimensionen, das im Spiel neue Zwecke erh\u00e4lt \u2013 und sei es nur die Befriedigung eines perversen Appetits.<\/p>\n<p>Armin Meiwes Tat hat mit Rollenspielen begonnen und vielleicht kann man sagen, dass er auch im Moment der Tat nicht aufgeh\u00f6rt hat, ein Spiel zu spielen, dessen Grenzen nur durch die eigene Imagination und den Kontrakt mit seinem Opfer, nicht aber durch gesellschaftliche Restriktionen gesetzt wurden. Es mag darum auch wenig erstaunen, dass Meiwes w\u00e4hrend des Prozesses seine Tat mit der heiligen Kommunion verglich, die er in seinem t\u00f6dlichen Spiel profaniert hat.<\/p>\n<p>Wenn sich mithilfe fiktionaler Kannibalen etwas \u00fcber Meiwes\u2019 Tat herausfinden l\u00e4sst, dann kann diese Erkenntnis nicht die genauen Umst\u00e4nde dieses Vergehens betreffen \u2013 die zu rekonstruieren war Aufgabe der Gerichte \u2013, sondern die Bedeutung, welche sie f\u00fcr eine Gesellschaft und ihr Selbstverst\u00e4ndnis hat. Die rationale Rechtfertigung des Kannibalismus, die sich in ethischen, \u00e4sthetischen und letztlich epistemischen Kontrakten \u00e4u\u00dfert, verunsichert nicht, weil sie unseren aufkl\u00e4rerischen Ideen zuwiderl\u00e4uft oder weil sie diese auf grausame Weise erf\u00fcllen k\u00f6nnte. Apologien des Menschenfressers treiben die Aufkl\u00e4rung an einen Punkt, an dem sie sich selbst auf die Probe stellt, an dem ihre Grunds\u00e4tze als Widerspr\u00fcche zugespitzt sind. Der vern\u00fcnftige Kannibale verleibt sich Aufkl\u00e4rung ein und transformiert sie auf eine historische Lage reagierend, in der ihre Ideale in hohem Ma\u00dfe prek\u00e4r werden. Nur ein unansehnlicher Teil dieser gef\u00e4hrdeten Aufkl\u00e4rung wird von ihm als scheinbar Unaufgekl\u00e4rtes ausgeschieden, das Wesentliche wird<i> <\/i>zum Kannibalen selbst. Oder umgekehrt: Der Kannibale wird, als dessen Produkt und Produzent zugleich, zum Teil einer prek\u00e4ren Aufkl\u00e4rung \u00fcber diese und uns alle.<\/p>\n<p><em>Ich danke Hendrik Blumentrath, Joseph Vogl, J\u00f6rg Klenk und Annekathrin Kohout f\u00fcr versierte Korrekturen und anregende Kommentare zu diesem Text.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/unil.academia.edu\/EliasZimmermann\">Elias Zimmermann<\/a> arbeitet derzeit an seinem <a href=\"http:\/\/p3.snf.ch\/Project-171838\">Post-Doc-Projekt<\/a> &#8222;Apologien des Menschenfressers. Kulturwissenschaftliche Lekt\u00fcren zu einem Gegendiskurs der Neuzeit&#8220; am\u00a0Institut f\u00fcr deutsche Literatur\u00a0der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Frage nach Armin Meiwes Rechtfertigung im Lichte der aufgekl\u00e4rten Vernunft Immanuel Kants verdanke ich Wedel, Armin: Kant und der Kannibale. In: krisis. Kritik der Warengesellschaft. Online: http:\/\/www.krisis.org\/2004\/kant-und-der-kannibale\/ (abgerufen am 20.10.17).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dath, Dietmar: Die salzwei\u00dfen Augen. Vierzehn Briefe \u00fcber Drastik und Deutlichkeit. Frankfurt a. M. 2005. S. 168.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd., S. 167.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. P\u00f6hl, Friedrich: Kannibalismus \u2013 eine anthropologische Konstante? [Einleitung]. In: Kannibalismus, eine anthropologische Konstante? Hrsg. v. Friedrich P\u00f6hl\/Sebastian Fink. Wiesbaden 2015. S. 9-49.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Horkheimer, Max\/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M. 2009. S. 75.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Bd. 1\/2. Hrsg. v. Heinz Stolpe. Berlin\/Weimar 1965. S. 156.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. Avramescu, C\u0103t\u0103lin: An Intellectual History of Cannibalism. \u00dcbers. v. Alistair Ian Blyth. Princeton\/Oxford 2011. S. 2.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Kleist, Heinrich von: Penthesilea. Ein Trauerspiel. In: Ders.: S\u00e4mtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Bd. 1\/5. Hrsg. v. Roland Reu\u00df\/Peter Staengele. Basel\/Frankfurt a. M. 1988. V. 2998.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. Voltaire: Anthropophages. In: Ders.: Dictionnaire philosophique. Les \u0152uvres compl\u00e8tes Voltaire, Bd. 35. Hrsg. v. Ulla K\u00f6lving u.a. Oxford 1994. S. 344-350. Hier: S. 344.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Kleist: Penthesilea, V. 2999.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Kleist: Penthesilea, V. 3027.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Sade, Donatien-Alphonse-Fran\u00e7ois de: Justine und Juliette. Bd. 7\/10. Hrsg. v. Stefan Zweifel\/ Michael Pfister. M\u00fcnchen 1996. S. 205.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Sade, Donatien-Alphonse-Fran\u00e7ois de: Justine und Juliette. Bd. 8\/10. Hrsg. v. Stefan Zweifel\/ Michael Pfister. M\u00fcnchen 1996. S. 33.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. Bd. 1\/2. Frankfurt a. M. 1983. S. 222.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Vgl. Bischoff, Eva: Kannibale-Werden. Eine postkoloniale Geschichte deutscher M\u00e4nnlichkeit um 1900. Bielefeld 2011.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Lessing, Theodor: Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs und andere Gerichtsreportagen. Hrsg. v. Rainer Marwedel. M\u00fcnchen 1995. S. 81.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Vgl. Brown, Jennifer: Cannibalism in Literature and Film. New York NY 2012. S. 40.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Vgl. Moser, Christian: Kannibalische Katharsis. Literarische und filmische Inszenierungen der Anthropophagie von James Cook bis Bret Easton Ellis. Bielefeld 2005. S. 81f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Heye, Arthur: Hatako. Das Leben eines Kannibalen. Berlin 1927. S. 292. Dazu Fulda, Daniel: \u201eVersteckter Appetit nach Menschenfleisch\u201c. Faszination und Funktion kannibalistischer Figuren bei Thomas Mann und in der Weimarer Republik. In: Das Andere Essen. Kannibalismus als Motiv und Metapher in der Literatur. Hrsg. v. Daniel Fulda\/ Walter Pape. Freiburg i. B. 2001. S. 259-300. Hier: S.\u00a0291.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Vgl. ebd., S. 259f. Bei Mann ist der dionysische Kannibalismus jedoch keinesfalls nur positiv besetzt, wie etwa der Traum des Sonnenvolkes im Zauberberg zeigt (vgl. ebd., S. 263-267).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. Roman. Bd. 1 u. 2. Hrsg. v. Adolf Fris\u00e9. Reinbek bei Hamburg 2001. S. 1020.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> J\u00fcnger, Ernst: Violette Endiven. In: Ders.: Das abenteuerliche Herz. Figuren und Capriccios. 2. Fassung. Hamburg 1938. S. 11f. Hier: S. 12.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Vgl. Bohrer, Karl Heinz: Die \u00c4sthetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst J\u00fcngers Fr\u00fchwerk. M\u00fcnchen u.a. 1978. S. 250.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Benjamin, Walter: Karl Kraus. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd 2.1\/7. Hrsg. v. Rolf Tiedemann\/Hermann Schweppenh\u00e4user. Frankfurt a. M. 2003. S. 334-367. Hier: S. 355.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Kraus, Karl: Die Fackel 39 (1934). S. 160. Vgl. Rickels, Laurence A.: Aristokritik. In: Das Andere Essen. Kannibalismus als Motiv und Metapher in der Literatur. Hrsg. v. Daniel Fulda\/ Walter Pape. Freiburg im Breisgau 2001. S. 369-392. Hier: S. 383.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Tabori, George: Die Kannibalen. \u00dcbers. v. Peter Sandberg. In: George Tabori: Theater. Bd. 1\/2. Hrsg. v. Maria Sommer\/Jan Str\u00fcmpel. G\u00f6ttingen 2014. S. 237\u2013299. Hier: S. 244.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Ebd., S. 284.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Ellis, Bret Easton: American Psycho. New York 2006. S. 345.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Micheal Rymer (Regie): Hannibal (TV-Serie), Staffel 2, Folge 12 (\u201eTome-wan\u201c). Produziert v. Brian Fuller. Erstausstrahlung: 16.5.2014 auf NBC.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> Vgl. Moser: Kannibalische Katharsis, S. 111.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> Collins, Michael: Meme Resonance with Hannibal Lecter. In: Daily Stormer. Internet: https:\/\/dstormer6em3i4km.onion.link\/meme-resonance-with-hannibal-lecter\/ (Abgerufen am 15.2.2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> Mora, Ter\u00e9zia: \u00dcber die Drastik. In: BELLA triste 16 (2006). S. 68-74. Hier S. 74.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> Vgl. dazu Linck, Dirck: \u00dcber die M\u00f6glichkeiten des popkulturellen Vergn\u00fcgens an drastischen Gegenst\u00e4nden. In: Grenzen der Katharsis in den modernen K\u00fcnsten. Transformationen des aristotelischen Modells seit Bernays, Nietzsche und Freud. Hrsg. v. Martin V\u00f6hler\/Dirck Linck. Berlin\/New York 2009. S. 293-322. Mosers kritisches Argument, dass moderne Kannibalen wie Lecter eine problematische Katharsis durch Kannibalismus vermitteln, ist gerade auch unter diesem Gesichtspunkt zur\u00fcckzuweisen: Es muss unterschieden werden zwischen moralischen Rechtfertigung, die tats\u00e4chlich eine kannibalische \u201aReinigung\u2019 von Gesellschaft und Individuum skizziert, und \u00e4sthetischer Wirkung, die selbst einer weit ambivalenteren Drastik zuzuordnen ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> So das 42. Athen\u00e4eums-Fragment: \u201eGute Dramen m\u00fcssen drastisch sein.\u201c Schlegel, August Wilhelm und Schlegel, Friedrich (Hrsg.): Athenaeum. Eine Zeitschrift. Bd. 1\/2. Berlin 1798. S. 189. Vgl. hierzu auch Giuriato, Davide: Aktualit\u00e4t des Drastischen. Zur Einleitung. In: Drastik: \u00c4sthetik \u2013 Genealogien \u2013 Gegenwartskultur. Hrsg. v. Davide Giuriato\/Eckhard Schumacher. Paderborn 2016. S. 7-19. Hier: S.\u00a013.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref35\" name=\"_ftn35\">[35]<\/a> Franz Kafka: Briefe 1902-1924. Frankfurt a. M. 1998. S. 28.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref36\" name=\"_ftn36\">[36]<\/a> Ebd., S. 27.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref37\" name=\"_ftn37\">[37]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref38\" name=\"_ftn38\">[38]<\/a> Neumann, Gerhard: Hungerk\u00fcnstler und Menschenfresser. Zum Verh\u00e4ltnis von Kunst und kulturellem Ritual im Werk Franz Kafkas. In: Archiv f\u00fcr Kulturgeschichte 66, H. 2 (1984). S. 347-388. Hier: S. 375.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref39\" name=\"_ftn39\">[39]<\/a> Ebd., S. 387.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref40\" name=\"_ftn40\">[40]<\/a> Drakulic, Slavenka: Das Liebesopfer. Aus dem Kroatisch \u00fcbers. v. Astrid Philippsen. Berlin 2000. S.\u00a059.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref41\" name=\"_ftn41\">[41]<\/a> Ebd., S. 200.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref42\" name=\"_ftn42\">[42]<\/a> Ebd., S. 32.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref43\" name=\"_ftn43\">[43]<\/a> Ebd., S. 33.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref44\" name=\"_ftn44\">[44]<\/a> Dutli, Ralph: Der Hunger einer frommen Katholikin. In: FAZ (14.10.1997). (Online verf\u00fcgbar: http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/belletristik\/rezension-belletristik-der-hunger-einer-frommen-katholikin-11301076-p2.html).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref45\" name=\"_ftn45\">[45]<\/a> Vgl. Drakulic: Das Liebesopfer, S. 191. Ausdr\u00fccklich wird dort auf einen Flugzeugabsturz und den darauf folgenden Hungerkannibalismus in den Anden von 1972 hingewiesen. Der \u00dcberlebende Roberto Canessa rechtfertigte sein Handeln, indem er es mit der heiligen Kommunion verglich. Vgl. Read, Piers Paul: Alive. The Story of the Andes Survivors. New York NY 1974. S.\u00a083.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref46\" name=\"_ftn46\">[46]<\/a> Agamben, Giorgio: Lob der Profanierung. In: Ders.: Profanierungen. Frankfurt a. M. 2005. S. 79-91. Hier: S. 74.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ideengeschichte des Zusammenhangs von Kannibalismus und Aufkl\u00e4rung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[92786,110717,227,248,380,451,499,512,522,557,592,607,933,1105,1155,1188,1191,1193,1242,1411,1434,1505,1546,1559,1745,1756,1775,2151,2392,2468,2606],"class_list":["post-7721","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-a-modest-proposal","tag-american-psycho","tag-armin-meiwes","tag-aufklaerung","tag-bozanska-glad","tag-claire-denis","tag-das-liebesopfer","tag-de-sade","tag-der-hungerkuenstler","tag-dietmar-dath","tag-drastik","tag-eat-the-rich","tag-hannibal-lecter","tag-j-w-buel","tag-jonathan-swift","tag-kafka","tag-kannibalismus","tag-kant","tag-kleist","tag-lucio-fulci","tag-manifeste-cannibale-dada","tag-menschenfresser","tag-moderne","tag-montaigne","tag-patrick-bateman","tag-penthesilea","tag-picabia","tag-slavenka-drakulics","tag-trouble-every-day","tag-vitalismus","tag-zynismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7721"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7721\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}