{"id":7742,"date":"2018-03-14T09:44:12","date_gmt":"2018-03-14T07:44:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7742"},"modified":"2018-03-14T09:44:12","modified_gmt":"2018-03-14T07:44:12","slug":"social-media-maerzvon-joerg-scheller-und-wolfgang-ullrich14-03-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/03\/14\/social-media-maerzvon-joerg-scheller-und-wolfgang-ullrich14-03-2018\/","title":{"rendered":"Social Media M\u00e4rzvon J\u00f6rg Scheller und Wolfgang Ullrich14.3.2018"},"content":{"rendered":"<p>Im Stahlgezwitscher<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">J\u00f6rg Scheller und Wolfgang Ullrich unterhalten sich \u00fcber den Twitter-Account von Norbert Bolz.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Ullrich:<\/strong> Wir wollen uns an einem noch nicht etablierten Genre versuchen und einen Twitter-Account rezensieren, n\u00e4mlich den des Medientheoretikers und Philosophen Norbert Bolz und seine \u00fcber 1200 Tweets, die er seit August 2012 unter der Losung \u201eDie Wahrheit in einem Satz\u201c publiziert hat. Vielleicht z\u00e4hlen Twitter-Accounts k\u00fcnftig genauso zum Werk von Wissenschaftlern und Schriftstellern wie Tageb\u00fccher und Briefwechsel, zumindest aber wird man kaum von ihnen absehen k\u00f6nnen, wenn man sich daf\u00fcr interessiert, welche mentalen und intellektuellen Wandlungen eine Person erlebt hat oder wie sie sich in ihrer \u00f6ffentlichen Rolle definiert.<\/p>\n<p>Gleich mehrere Gr\u00fcnde sprechen daf\u00fcr, sich das Twitter-Profil von Norbert Bolz vorzunehmen. So geh\u00f6rt er zu einer Minderheit heutiger Theoretiker, die dieses Medium aktiv und mit Ambition nutzen \u2013 vermutlich deshalb, weil es ihm so gut entspricht. Unser gemeinsamer ehemaliger Kollege an der HfG Karlsruhe, Daniel Hornuff, formulierte es 2014 treffend, als er schrieb, \u201eBolz begann zu twittern, als es Twitter \u00fcberhaupt noch nicht gab\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Er zeichnete sich immer schon durch einen sentenzenhaft verknappten Stil aus, ebenso hat es ihm bereits in seinen B\u00fcchern und bei Vortr\u00e4gen Spa\u00df gemacht, durch Zuspitzung zu provozieren. Twitter ist daf\u00fcr umso geeigneter.<\/p>\n<p>Der wichtigere Grund f\u00fcr unsere Besch\u00e4ftigung mit dem Account von Bolz ist jedoch, dass sich in ihm die Geschichte einer Radikalisierung abspielt. Und eben darin ist er wohl symptomatisch. Bolz geh\u00f6rt zu der Generation \u00e4lterer M\u00e4nner, aus deren Reihen seit dem Herbst 2015 vielfach scharfe Kritik an der Fl\u00fcchtlingspolitik der Bundesregierung, namentlich an Angela Merkel ge\u00fcbt wird. Wie etwa auch Peter Sloterdijk, R\u00fcdiger Safranski oder J\u00f6rg Baberowski steht Norbert Bolz damit auf einmal in der N\u00e4he von Rechtspopulismus, AfD und Pegida. Seine Tweets erfahren von dort viel Zuspruch, der ihn offenbar nicht nur nicht st\u00f6rt, sondern sogar anspornt, noch polemischer zu formulieren und sich die Reiz- und Kampfvokabeln der rechten Szenen zu eigen zu machen.<\/p>\n<p>Als er am 22. Dezember 2017 nach Demonstrationen von Arabern gegen Israel in Berlin die Berichterstattung kritisierte und nicht nur einen Vergleich zur \u201eK\u00f6lner Sylvesternacht\u201c zog, sondern auch die Frage stellte, ob die Medien \u201ewarten\u201c mussten, \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/944277597109800960\">bis das Bundeskanzleramt die Richtung vorgab<\/a>\u201c, der Regierung also in verschw\u00f6rungstheoretischer Manier eine Beherrschung und heimliche Manipulation der \u00f6ffentlich-rechtlichen und privaten Medien unterstellte, war f\u00fcr mich endg\u00fcltig klar, dass von dem Norbert Bolz, dessen medienphilosophischen und konsumtheoretischen Schriften ich \u00fcber die Jahre hinweg wichtige Anregungen zu verdanken hatte, nicht mehr viel \u00fcbrig geblieben ist. Wie kann sich jemand, dessen Verst\u00e4ndnis von Liberalit\u00e4t immer auch geistige Unabh\u00e4ngigkeit umfasste, ja der es genoss, intellektuelle \u00dcberlegenheit mit stilvoller Eitelkeit in Szene zu setzen, auf einmal mit den krudesten Stammtisch-Ressentiments gemein machen?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/944277597109800960\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7770 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/8.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"389\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/8.jpg 619w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/8-300x189.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><\/p>\n<p>J\u00f6rg, Dein Unmut und Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber den Tweets von Bolz kam in den letzten Monaten ebenfalls wiederholt zum Ausdruck, nicht zuletzt auch bei Twitter. So liest man am 18. Januar 2018 auf Deinem Account: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/joergscheller1\/status\/953953414593105921\">R\u00e4tsel des Tages: Wenn ein in gesicherten Verh\u00e4ltnissen lebender deutscher Hochschulbeamter sich als Systemopfer erlebt, vor dem Spiegel seine Krawatte zurecht(s)r\u00fcckt und im Spiegelbild John Wayne erblickt, reimt sich sein Nachname auf \u201aHolz\u2018 und sein Vorname auf fast nichts.<\/a>\u201c Gab es einen Schl\u00fcsselmoment oder bestimmten Tweet von Bolz, der bei Dir dazu f\u00fchrte, Dich auch \u00f6ffentlich dagegen aussprechen zu wollen?<\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg Scheller:<\/strong> Als ich im vergangenen Jahr begann, Bolz\u02bc Tweets zu lesen, dachte ich zun\u00e4chst, es handle sich um Satire: \u201eDie Wahrheit in einem Satz.\u201c Wer k\u00f6nnte das ernst meinen? Auch die <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/following\">Liste<\/a> derer, denen er folgt, erschien mir kurios: nur M\u00e4nnern, nur Deutschen, nebst einem (deutschen) Blog, einer (deutschen) \u201eSocial Media Think Unit\u201c, einem dem deutschamerikanischen Philosophen Leo Strauss gewidmeten Account sowie einer national schwer zu verortenden Person. Damit zeigt er: Andere folgen. Mir wird gefolgt.<\/p>\n<p>Im Laufe der letzten Jahre wurde jedoch immer deutlicher, wie ernst es Bolz ist. Wie Du erw\u00e4hnt hast, radikalisierte er sich offenbar vor allem im Zuge der Fl\u00fcchtlingskrise. Sein liberaler Konservatismus, der fr\u00fcher teils erfrischend dialektisch daherkam und im \u201eKonsumistischen Manifest\u201c einen stellenweise irren \u2013 im positiven Sinne! \u2013 H\u00f6hepunkt fand, hat m\u00fcder Regression Platz gemacht.<\/p>\n<p>Es ist eine Sache, Kritik an Merkels Entscheidungen zu \u00fcben und konstruktive Vorschl\u00e4ge in die \u00f6ffentliche Debatte einzubringen. Etwas anderes ist es, \u00d6l ins Feuer zu gie\u00dfen, Radikale zu umgarnen und die Krise f\u00fcr die Verbreitung von Ressentiments zu missbrauchen. In Bolz\u02bc Tweets finde ich Klagen, Sorgen, Beschwerden, Untergangsprophetie und typisch Spengler&#8217;sche Kulturkritik von distanzierter Warte aus \u2013 aber wenig mehr, sieht man einmal vom h\u00e4ufig implizierten Zur\u00fcck-in-die-Zeit-als-alles-besser-war ab.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/941258290591387648\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7771\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/Bildschirmfoto-2018-03-13-um-18.42.12.jpg\" alt=\"\" width=\"630\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/Bildschirmfoto-2018-03-13-um-18.42.12.jpg 630w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/Bildschirmfoto-2018-03-13-um-18.42.12-300x173.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 630px) 100vw, 630px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bolz twittert heute bevorzugt \u00fcber pappkameradenhafte Kollektivsingulare wie \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/941258290591387648\">der Islam<\/a>\u201c, wobei er Islam mit Islamismus verwechselt. Dabei stehen seine Aussagen auf Twitter, anders als etwa in Wissenschaftspublikationen, in keinem differenzierenden Kontext. Eine Satzkeule wie \u201edie Journalisten von ARD und ZDF machen Werbung f\u00fcr den Staat\u201c k\u00f6nnte von Reichsb\u00fcrgern stammen. In diesen grellen Erregungsteppich webt Bolz zwar immer wieder mattere Flicken ein: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/968509098143748096\">Man lasse sich nicht durch die Lautst\u00e4rke t\u00e4uschen: Fanatiker sind schwache Menschen.<\/a>\u201c Wie aber wollte man diese Diagnose in Einklang bringen mit dem folgendem, doch eher fanatischen Verschw\u00f6rungstweet: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/960903782384177153\">Der \u201aneue Mann\u2018 ist nicht das Ergebnis der Selbstbesinnung des alten, sondern ein Z\u00fcchtungsprojekt gr\u00f6\u00dften Ausma\u00dfes<\/a>\u201c? Wer, zumal in Deutschland, ein \u201eZ\u00fcchtungsprojekt\u201c unterstellt, wei\u00df genau, welche Geister er weckt. Bolz unterstellt: Heute z\u00fcchten nicht die Nazis, sondern die Illuminati der linken Gutmenschen! Aus welcher Ecke da Applaus kommt, ist klar. Auch die Botschaft \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/912945869913288704\">Wir haben die Kontrolle \u00fcber unsere Vergangenheit verloren, die mittlerweile umgeschrieben wurde und nun als Kette von Schandtaten erscheint<\/a>\u201c ist ganz im Sinne des v\u00f6lkischen Fl\u00fcgels der AfD. Mitunter verbreitet Bolz auch banale Fake News als performativen Selbstwiderspruch: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/911866927760527365\">Es gibt keine Redefreiheit f\u00fcr die Gegner der Gutmenschen.<\/a>\u201c Es ist ein Treppenwitz, dass die Rede derer, die Redeverbote beklagen, derzeit so laut und allgegenw\u00e4rtig ist. Bei Bolz zumindest dominiert eine einzige verh\u00e4rtete Sichtweise: aufrechte Rechtskonservative gegen weltfremde Gutmenschen.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Ullrich:<\/strong> Einseitig ist der Account von Bolz noch in anderer Hinsicht. Du hast bereits darauf hingewiesen, wie wenigen anderen er folgt; vor allem aber beteiligt er sich nie an Debatten und antwortet nicht auf Fragen oder Gegenreden zu seinen Tweets. Er nutzt Twitter also eigentlich wie ein altes Medium, das nur einen Sender kennt und alle anderen \u2013 darunter mehr als 5500 Follower \u2013 auf Empf\u00e4nger reduziert. Das wirkt schnell etwas von oben herab, so als sei es unter seiner W\u00fcrde, sich mit anderen \u00fcberhaupt abzugeben. Anfangs sah er Twitter offenbar als einen Ort f\u00fcr Kalenderspr\u00fcche an und ver\u00f6ffentlichte ziemlich regelm\u00e4\u00dfig einen Tweet pro Tag. Dann \u00e4nderte er seine Strategie. Mittlerweile folgen nach etlichen Tagen Pause meist mehrere Tweets unmittelbar hintereinander. Das wirkt wie ein Stakkato und kommt auf den Timelines seiner Follower als geballte Ladung r\u00fcber, die sich kaum ignorieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das Motto \u201eDie Wahrheit in einem Satz\u201c wird durch diese H\u00e4ufung an S\u00e4tzen allerdings konterkariert. \u00dcbrigens hat er selbst dieses Motto in einem seiner ersten Tweets interpretiert: Es sei \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/241817454811172865\">nat\u00fcrlich ironisch<\/a>\u201c zu verstehen, was jedoch gerade nicht hei\u00dfe, dass es \u201enicht ernst\u201c gemeint sei. Eine ironische Haltung konnte man ihm 2012 auch noch abnehmen, sie passte sogar gut zu dem Dozieren aus Distanz und dem leicht \u00fcberheblichen Tonfall seiner Tweets. Manchmal waren diese sogar durchaus geistreich-witzig, so wenn es im Oktober 2012 hie\u00df \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/255363141553250305\">Design beginnt, wenn nichts mehr in Form ist<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Nur der kleinere Teil der Tweets sind in der Anfangszeit von Bolz\u2019 Account politisch \u2013 und nie \u00fcberschreiten sie den Rahmen dessen, was zu einer forsch liberalen Position geh\u00f6rt. Ge\u00e4u\u00dfert wird die Sorge vor zu viel staatlichen Eingriffen und Reglementierungen, und es gibt eine Abneigung gegen\u00fcber 68ern, Gr\u00fcnen und Menschen, die die Moral \u00fcber den Markt stellen. In diesem Zusammenhang fallen bereits Reizworte wie \u201a<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/266570746774560768\">Gutmenschen<\/a>\u2018 oder \u201a<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/299527947692412928\">Political Correctness<\/a>\u2018, aber nicht in rechtspopulistischer Agitation, sondern als Polemik eines freiheitsliebenden Menschen, der seinen Widerwillen gegen\u00fcber Bevormundung und Anpassung zum Ausdruck bringt. Sein Glaube an freie und globalisierte M\u00e4rkte geht umgekehrt so weit, dass Bolz im Januar 2013 sogar twittert: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/292247792578088961\">Einwanderer sind sozialer Reichtum.<\/a>\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/478901121155862528\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7769 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/6.jpg\" alt=\"\" width=\"623\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/6.jpg 623w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/6-300x144.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch sonst finden sich zumindest bis 2015 immer wieder Tweets, die aus heutiger Sicht \u00fcberraschen. Angela Merkel sei \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/478901121155862528\">f\u00fcr uns ein Gl\u00fccksfall<\/a>\u201c, hei\u00dft es im Juni 2014, ja Deutschland habe \u201eseit dem Ende des Zweiten Weltkriegs\u201c ein \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/551429706760081408\">unglaubliches Gl\u00fcck<\/a>\u201c mit seinen Kanzlern gehabt. Das schreibt Bolz im Januar 2015 \u2013 wenige Tage vor dem islamistischen Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris. Dieser Anschlag scheint f\u00fcr ihn eine Z\u00e4sur zu bedeuten, denn von diesem Zeitpunkt an wird der Islam zu einem wichtigen Thema auf seinem Account. Gegen den Islam ist er aber nicht nur als Liberaler, sondern auch als Christ, weshalb er besonders der Aussage, der Islam geh\u00f6re zu Deutschland, des \u00f6fteren widerspricht. Provoziert Bolz mit christlich-konservativen Standpunkten sonst bei den Themen \u201aFamilie\u2018 und \u201aGeschlechter\u2018, ja mit Thesen gegen den Feminismus, so erweist sich seine Ablehnung des Islam nun als deutlich st\u00e4rker. Wenn er im August 2015 den Satz \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/632585586218504192\">Der Feminismus ist das st\u00e4rkste Bollwerk gegen die Islamisierung der Welt<\/a>\u201c twittert, erscheint er ausnahmsweise sogar als Verb\u00fcndeter von Alice Schwarzer.<\/p>\n<p>Gleichzeitig \u00e4ndert sich seine Einstellung gegen\u00fcber Einwanderern, ja gegen\u00fcber einer multikulturellen Gesellschaft. Gerade an diesem Sujet l\u00e4sst sich seine politische Radikalisierung exemplarisch nachvollziehen. Sein erster Tweet gegen Multikulturalismus stammt vom Januar 2015 und behauptet, dieser sei \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/556071669346103296\">das stillschweigende Eingest\u00e4ndnis, dass die Integration gescheitert ist<\/a>\u201c. Dr\u00fcckt sich darin die Sehnsucht nach kultureller Homogenit\u00e4t aus, ja wird unterstellt, Vielfalt bedeute zwangsl\u00e4ufig Chaos, Multikulturalismus also Schw\u00e4che, so sieht Bolz drei Jahre sp\u00e4ter in ihm eine Strategie, ja ein Programm. Nun hei\u00dft es: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/951144795946315776\">Im Multikulturalismus steckt eine Lektion: Wir sollen lernen, uns selbst zu verachten.<\/a>\u201c Wer sich selbst verachtet, gibt sich aber auch selbst preis oder widersetzt sich zumindest nicht gegen die eigene Abschaffung. Bolz behauptet in seinem Tweet also nicht weniger als den gezielten \u2013 doch von wem lancierten? \u2013 Plan, \u201ewir\u201c \u2013 die Deutschen?, die westlichen Kulturen? \u2013 sollten mit der Waffe \u201aMultikulturalismus\u2018 in den Untergang getrieben werden. Das erinnert stark an die Lieblingsformel der Identit\u00e4ren Bewegung, die vor einem \u201eGro\u00dfen Austausch\u201c warnt und damit ihrerseits suggeriert, es gebe geheime Strategien und Verschw\u00f6rungen gegen die eigene Kultur und Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Noch weiter aber treibt Bolz es in einem Tweet vom M\u00e4rz 2018. Nun bietet er eine alternative Erkl\u00e4rung daf\u00fcr an, wie dasselbe Ziel, n\u00e4mlich dass \u201esich diejenigen, die \u201aschon l\u00e4nger hier leben\u2018, alles gefallen lassen\u201c, also jegliche Selbstbehauptung aufgeben, erreicht worden sei. So unterstellt er, \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/971338893692932096\">das vollends entnazifizierte Deutschland ist das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten<\/a>\u201c. F\u00fcr Bolz f\u00fchrt also, man mag es kaum glauben, ein direkter Weg von der Entnazifizierung zum Untergang. Zugleich stimuliert er auch noch den Hass ultrarechter Verschw\u00f6rungstheoretiker auf Angela Merkel, von der bekanntlich der Vorschlag stammt, alternativ zu \u201aVolk\u2019 lieber von Menschen zu sprechen, \u201edie schon l\u00e4nger hier leben\u201c. Ein solcher Tweet bringt Bolz innerhalb von Stunden viele hundert Likes, w\u00e4hrend sein erster Tweet gegen Multikulturalismus gerade mal gut zwanzig erkl\u00e4rte Anh\u00e4nger fand. So sieht also die Twitter-Karriere von jemandem aus, der seine liberal-konservative Haltung einem Verfolgungswahn opfert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/971338893692932096\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7768 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/5.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"365\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/5.jpg 620w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/5-300x177.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg Scheller:<\/strong> Vielleicht beruht dieses Opfer nicht \u2013 oder nicht nur \u2013 auf Verfolgungswahn, sondern schlicht auf Social-Media-Opportunismus: negativity sells. Der Like-Button ist der kleine Bruder der Apokalypse. Verletzte Eitelkeit mag ein weiterer Grund sein. Bolz f\u00fchlt sich bei seinem Arbeitgeber, der Technischen Universit\u00e4t Berlin, nicht ausreichend wertgesch\u00e4tzt. Auf Twitter indes erf\u00e4hrt er Anerkennung, ohne, wie Du erw\u00e4hnt hast, an kritischen demokratischen Debatten teilnehmen zu m\u00fcssen. Was die Nicht-Reaktion auf Kommentare betrifft, hat Bolz seine Haltung im November 2015 immerhin, nun ja: begr\u00fcndet: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/668385653525229568\">Wer versucht, sein Ansehen in der \u00d6ffentlichkeit zu verteidigen, verspielt es.\u201c<\/a><\/p>\n<p>In Bolz\u02bc Tweets waltet der \u201aThymos\u2018\u201a also der von der Neuen Rechten beschworene \u201aZorn\u2018 und \u201aStolz\u2018, in Beamtengestalt. Aus komfortabler Distanz, umhegt von V\u00e4terchen Staat, gut abgesichert durch ein unk\u00fcndbares Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis, das Bolz all seinen Klagen \u00fcber das Elend der Universit\u00e4ten zum Trotz aufrechterh\u00e4lt. Was das mit dem von ihm h\u00e4ufig beschworenen liberalen Geist und Mut zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Bolz z\u00e4hlt ja zu denjenigen Professoren, die auch in der Privatwirtschaft \u00fcberleben k\u00f6nnten. Er ist in den Massenmedien pr\u00e4sent, er ist ein gefragter Redner und er verdient gut damit.<\/p>\n<p>Interessant ist, welche Bolz-Tweets seit 2015 die meisten Likes erhalten haben. Im besagten Jahr bewegen sich die Like-Zahlen meist im einstelligen und unteren zweistelligen Bereich. Seine liberalkonservative Dialektik blitzt, ganz im Sinne von G\u00fcnther Anders\u02bc \u201e\u00dcbertreibung in Richtung Wahrheit\u201c, noch h\u00e4ufiger auf: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/641603925011996672\">\u201eAller Probleme zum Trotz: Dass Deutschland das Gelobte Land aller Fl\u00fcchtlinge ist, k\u00f6nnte uns mit Stolz erf\u00fcllen.\u201c<\/a><\/p>\n<p>Die ersten Tweets, mit denen Bolz an der Hundert-Likes-Grenze kratzt und sie dann \u00fcberschreitet, handeln, wenig \u00fcberraschend, von <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/665230665814777857\">Gutmenschen, die andere qua Medienpolitik mundtot machen<\/a>, und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/673919929733746688\">Denkverboten mit Blick auf den Islam<\/a>. Im Laufe des Jahres 2016 steigen die Likes-Werte an, es gibt kaum noch solche im einstelligen Bereich. Wiederkehrende Themen sind Gesinnungsethik, Elitenherrschaft, Bevormundung, Islam, Meinungsfreiheit, linke Gutmenschen und Intellektuelle, Fl\u00fcchtlinge, deutscher Schuldkult, falsche Toleranz, politische Korrektheit, usw. Entscheidend ist, was nicht erw\u00e4hnt, was nicht kritisiert wird, beispielsweise Gewalt oder Terror von rechts sowie die unbestreitbaren Verdienste von Umweltsch\u00fctzern \u2013 das klassische Prinzip der Ideologie. \u00dcberraschungen werden seltener, der eben noch kritisierte Gesinnungskanon verfestigt sich. Gleichwohl begegnet man immer noch gewitzten, lesens- und bedenkenswerten Aphorismen: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/740841490008662016\">Frei ist, wer die Kontingenz der eigenen Existenz anerkennen kann\u201c<\/a>; \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/740842299211550721\">Naiv ist, wer an Fakten glaubt.\u201c<\/a> Punktlandungen!<\/p>\n<p>In der zweiten Jahresh\u00e4lfte steigen die Likes-H\u00f6chstwerte weiter an, Bolz eilt von Rekord zu Rekord: 313 f\u00fcr einen Tweet gegen die \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/742038307874471936\">deutsche Angst, als rechts zu gelten\u201c<\/a>, 135 f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/748217952495874048\">Tweet gegen Gender-Mainstreaming<\/a> \u2013 in der Tat ja ein \u00e4hnlich idiotischer Begriff wie \u201aPolitical Correctness!\u2018 \u2013, 162 f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/751297128190836736\">Tweet gegen den \u201epolitischen Unsinn\u201c der \u201eWillkommenskultur\u201c<\/a>, 282 f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/795212662850207744\">Tweet gegen Moral auf Kosten politischer Kompetenz<\/a>, 241 f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/804265761351094272\">Tweet gegen \u201eregierungstreue Journalisten\u201c<\/a>, 357 f\u00fcr einen Tweet, der \u201ePostfaktizit\u00e4t\u201c in den Sozialen Medien verteidigt, und so fort.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/748217952495874048\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7767 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/4.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"332\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/4.jpg 619w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/4-300x161.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Jahr 2017 setzt sich der Trend zu mehr als 100 Herzchen fort. Die gibt es vornehmlich f\u00fcr Bolzensch\u00fcsse gegen Merkel, \u201eV\u00f6lkerfreundschaft\u201c, \u201eChampagner-Sozialisten\u201c, \u201eTugendterror\u201c, die Groko, die \u201eschwere geistige Krankheit\u201c der evangelischen Kirche, den \u201eZeitgeist\u201c im Allgemeinen, \u201edeutschen Selbsthass\u201c, die \u201eSchuldenunion\u201c, und so fort. Diesem Schreckenskabinett werden autofahrende, m\u00e4nnliche Konservative mit gesundem Menschenverstand und starkem R\u00fcckgrat entgegengestellt. Nebenbei fabuliert Bolz dann noch von der \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/818502464643198976\">Allgegenwart des Terrors\u201c<\/a>, nur um wenig sp\u00e4ter zu zwitschern: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/896754106504810496\">Am leichtesten kann man in Deutschland Geld verdienen, indem man Gefahren erfindet \u2026\u201c<\/a> Hagen Rether hat einmal sinngem\u00e4\u00df und sehr richtig gesagt: Nicht Terror, sondern Reaktionen auf Terror bringen Staaten zu Fall.<\/p>\n<p>Obwohl Bolz viele Positionen vertritt, die mit dem Programm der AfD kompatibel sind, gibt er im September 2017 an, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/909364232768167936\">man k\u00f6nne diese wegen ihres \u201erechten Rands\u201c nicht w\u00e4hlen<\/a>. Hat er etwa Angst, als \u201ezu rechts\u201c zu gelten? Dennoch fliegen die Herzen der Wutb\u00fcrger und der Wutbots Bolz auch 2018 zu. Es gilt weiterhin: Je polemischer, je polarisierender, desto mehr Likes. Auf einen seiner infamen \u201eKollektivschuld\u201c-Tweets, in denen er immer wieder f\u00fcr \u201edie\u201c und von \u201eden\u201c Deutschen spricht, antwortete ich im Januar dieses Jahres: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/joergscheller1\/status\/948902565202333697\">Die real existierenden Deutschen, werter Herr Bolz, sind l\u00e4ngst weiter als die imagin\u00e4ren Deutschen Ihrer thymosdurchpulsten Kalenderspruchsammlung. Theodor Heuss sprach von kollektiver Scham, Werner Schmalenbach von kollektiver Befangenheit. Ach w\u00e4re sie doch nicht, die Empirie!\u201c<\/a> Dahingehend st\u00f6ren mich nicht nur Bolz\u02bc politische Einseitigkeit und seine gesinnungsethische Befangenheit \u2013 die gibt es auf Seiten der Vulg\u00e4rlinken auch \u2013, sondern seine intellektuelle Unredlichkeit und sein fehlender Anstand. Bolz unterbietet sein eigenes Potential und Niveau. Seine Einseitigkeit ist strategisch, nicht, wenn man so will, \u201eauthentisch\u201c; wie er eben auch nicht der Lonesome Cowboy ist, als der er sich ausgibt, sondern ein Berliner Beamter. Er k\u00f6nnte anders. Er wei\u00df es besser. Aber vielleicht dient sein Account ja einfach nur der Verifizierung einer These, die er 2015 \u2013 in einem Satz \u2013 verk\u00fcndete: \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/613746089829736448\">Wenn man viele Anh\u00e4nger hat, kann man seine Meinung nicht mehr \u00e4ndern.\u201c<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/613746089829736448\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7766 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/3.jpg\" alt=\"\" width=\"611\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/3.jpg 611w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/3-300x148.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 611px) 100vw, 611px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Wolfgang Ullrich:<\/strong> Damit lieferst Du schon eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum Bolz sich so stark radikalisiert haben k\u00f6nnte: Beifall. Ja, die gro\u00dfe Nachfrage nach deftigen Provokationen best\u00e4rkt ihn darin, immer h\u00e4ufiger Entsprechendes zu liefern. Zugleich bekommt er nat\u00fcrlich mit, dass er sich viele neue Feinde macht. Unter einigen seiner Tweets finden sich mehr kritische Kommentare als zustimmende \u00c4u\u00dferungen. Ich schlie\u00dfe auch nicht aus, dass Bolz bereits weniger Vortragseinladungen und Textauftr\u00e4ge als fr\u00fcher erh\u00e4lt \u2013 und schlimmstenfalls bald sogar darauf angewiesen sein wird, sein Geld vom Staat \u2013 demn\u00e4chst als Emeritus \u2013 zu bekommen. Aber vielleicht motiviert ihn der Widerstand, den er erf\u00e4hrt, genauso wie der Beifall. Beides zusammen sorgt f\u00fcr den Eindruck, etwas Wichtiges, Umstrittenes, gar Existenzielles zu tun. Und das kann sehr verf\u00fchrerisch sein. Denn normalerweise leiden Geisteswissenschaftler ja darunter, dass das, was sie machen, als m\u00fc\u00dfig, als beliebig und v\u00f6llig folgenlos eingesch\u00e4tzt wird \u2013 oft sogar von ihnen selbst. Einige werden mit wachsender Routine deshalb zynisch oder auch depressiv. Eine Radikalisierung, die f\u00fcr klare Freund-Feind-Gegens\u00e4tze sorgt, stellt eine alternative Reaktion dar. Zumindest kurzfristig mag die eigene Arbeit damit wieder sinnvoll erscheinen. \u2013 Vermutlich gibt es noch ganz andere Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Eskalationen auf dem Twitter-Account von Norbert Bolz. Doch m\u00fcsste jede These dazu zumindest dreierlei ber\u00fccksichtigen:<\/p>\n<p>1. Die Radikalisierung der politischen Haltung kann in diesem Fall nicht durch eine Ver\u00e4nderung in den Lebensumst\u00e4nden ausgel\u00f6st worden sein. Bolz hat durch die Ankunft von Fl\u00fcchtlingen oder andere Ereignisse keine pers\u00f6nlichen Nachteile oder Einbu\u00dfen erlitten \u2013 zumindest gibt sein Account keinen Hinweis darauf, und seine sozio\u00f6konomische Situation l\u00e4sst das ebenfalls nicht vermuten. Wieso also wird jemand zum Radikalen, zum B\u00fcttel des \u201aThymos\u2018, der noch genauso privilegiert leben kann wie zuvor?<\/p>\n<p>2. Die Radikalisierung \u00fcberrascht bei jemandem, der dank Alter und Beruf eigentlich davor gesch\u00fctzt sein m\u00fcsste, auf eine gesellschaftliche Unruhesituation mit starken Meinungsausschl\u00e4gen zu reagieren. Wenn ein Zwanzigj\u00e4hriger sich zu Tabubr\u00fcchen verf\u00fchren l\u00e4sst und deshalb einer radikalen Partei anschlie\u00dft, ist das nachvollziehbar, und wenn sich jemand ohne intellektuelle Schulung, ja ohne ideengeschichtliche Kenntnisse auf verschw\u00f6rungstheoretische Denkfiguren einl\u00e4sst, kann man das auch hinnehmen. Aber wieso kann ein Mann mit jahrzehntelanger Erfahrung und intellektueller Kraft einem Erregungsstrudel nichts mehr entgegensetzen und zieht sogar noch andere in diesen Strudel hinein?<\/p>\n<p>3. Schlie\u00dflich verwundert, dass die Radikalisierung, bisher zumindest, nicht s\u00e4mtliche Bereiche erfasst. Wir haben ja beide auf Tweets verwiesen, in denen Bolz sich nicht anders \u00e4u\u00dfert als fr\u00fcher auch, ja in denen der freie und gewitzte Denker nach wie vor pr\u00e4sent ist. Wie aber kann man einerseits zur Anerkennung von Kontingenz auffordern und andererseits verschw\u00f6rungstheoretische Szenarien stimulieren? Und wie l\u00e4sst sich eine rechtsradikale Haltung mit wirtschaftsliberalen Ideen oder mit christlich-wertkonservativen \u00dcberzeugungen in Einklang bringen? Ist sie in seinem Fall vielleicht doch vor allem einer Sehnsucht danach geschuldet, endlich einmal etwas zu machen, das weh tut und Folgen hat?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/740841490008662016\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7765 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/2.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/2.jpg 619w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/2-300x145.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg Scheller:<\/strong> Letztlich l\u00e4sst sich in diesen Zusammenh\u00e4ngen nur spekulieren. Bolz k\u00f6nnte nat\u00fcrlich entgegnen, dass es ihm gerade nicht um sich selbst gehe \u2013 in der Tat k\u00f6nne er sein privilegiertes Leben wie bislang fortsetzen \u2013, sondern dass er sich um Land, Leute, Heimat sorge. Dass er sogar ein Opfer bringe: Er werfe seine Reputation als Wissenschaftler in die Waagschale, sehe sich angesichts der Drastik der Lage leider gezwungen, zu drastischen Methoden zu greifen \u2013 man befinde sich eben im Ausnahmezustand, in welchem die \u00fcblichen Gepflogenheiten und Routinen hinf\u00e4llig w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re eine (Schein)Argumentation, wie man sie oft von Hasardeuren h\u00f6rt: Eigentlich w\u00fcrden sie gar nicht tun wollen, was sie da t\u00e4ten, aber die da dr\u00fcben, die h\u00e4tten schlie\u00dflich angefangen, da k\u00f6nne man doch gar nicht anders, da m\u00fcsse man sich doch wehren, da m\u00fcsse man doch mit den gleichen Waffen &#8230; und \u00fcberhaupt, wenn die Merkel, wenn die L\u00fcckenpresse nicht w\u00e4re, w\u00fcrden auch sie ganz anders&#8230; Kurzum: Der Zweck heiligt die Mittel. Gerade der Medientheoretiker Bolz sollte aber wissen: the medium is the message.<\/p>\n<p>Das setzt eine Spirale der Idiotie in Gang, \u00fcber die die Initiatoren letztendlich die Kontrolle verlieren, ja die kontrollieren zu k\u00f6nnen schlechthin eine Utopie ist. Wie oben erw\u00e4hnt, richtet sich Bolz mit seinem Stahlgezwitscher nicht an eine Experten-Community, sondern an ein gr\u00f6\u00dftenteils anonymes Massenpublikum. Das ist etwas g\u00e4nzlich anderes, als beispielsweise auf einer Konferenz mit kritischen Kollegen zu diskutieren. Verantwortung kann man nur \u00fcbernehmen, wenn man Kontrolle \u00fcber seine Handlungen hat. Im offenen Internet ist dies nur bedingt m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Gerade deshalb sollte man in den Sozialen Netzwerken einen umso h\u00f6heren diskursethischen Anspruch vertreten und, im Sinne von John Rawls, nur solche Argumente in den Diskurs einbringen, die dazu beitragen, ein geordnetes politisches Gemeinwesen zu generieren und die \u00f6ffentliche Vernunft zu st\u00e4rken. Aber das ist nat\u00fcrlich ein frommer, ja ein realit\u00e4tsferner Wunsch. Der Fall Bolz zeigt, dass sich die Pubert\u00e4t von der Physiologie emanzipiert hat, dass sich gerade auch unter unseren \u00e4lteren Semestern \u2013 Matthias Matussek w\u00e4re ein weiteres Paradebeispiel \u2013 eine Lust am Provozieren, Polarisieren und Radikalisieren breitgemacht hat.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt eine These des Philosophen Leszek Ko\u0142akowski: Wohlstandsgesellschaften der Nachkriegszeit zeichneten sich durch Neotenie aus, durch den Fortbestand jugendlich-adoleszenter Merkmale bis ins hohe Alter.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> \u00d6konomisch sei das von Vorteil, sind Menschen so doch l\u00e4nger innovativ und dynamisch. Die Kehrseite ist, dass auch die pubert\u00e4re Lust am Vernunftwidrigen und Z\u00fcndeln bestehen bleibt. Vielleicht ist Bolz\u02bc Twitter-Account ja ein Beleg daf\u00fcr, dass die Pubert\u00e4t geriatrisch geworden ist.<\/p>\n<p>Zu Deinem dritten Punkt w\u00fcrde ich abschlie\u00dfend sagen: Rechtsradikalismus, Wirtschaftsliberalismus und christlicher Wertkonservatismus sind nur um den Preis eines Sacrificium Intellectus \u2013 eines Opfers des Verstandes \u2013 amalgamierbar. Was nicht passt, wird passend gemacht. Wo gehobelt wird, da fallen Sp\u00e4ne. Wir machen uns die Welt, widde-widde wie sie uns gef\u00e4llt. Derlei doch eher grobe T\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen Internettrolle, auf Klickzahlen schielende Massenmedien sowie neuerdings gewisse Pr\u00e4sidenten sehr gewissenhaft. Aber warum sollten Wissenschaftler und Akademiker in dieselbe Kerbe hauen? Warum sollten gerade sie zur Eskalationsspirale beitragen? W\u00e4re es nicht ihre Aufgabe, ein Korrektiv zu bilden und mit n\u00fcchternen, fundierten, aber durchaus engagierten und pointierten Beitr\u00e4gen der Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken? Auch das w\u00e4re ja eine Handlung, die Folgen zeitigt; zumal eine ehrenhafte, und damit Thymos-kompatible. Aber diese Chance hat Bolz wohl bereits verspielt. Eine \u00e4sthetische Komponente mag daf\u00fcr mitausschlaggebend sein: Wie prasselt und lodert es doch erhaben, wie dramatisch wallet doch der schwarze Rauch, wenn das \u00d6l ins Feuer schie\u00dft!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/NorbertBolz\/status\/972143767460499457\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7764 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/1.jpg\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/1.jpg 626w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/1-300x173.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 626px) 100vw, 626px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage scheller\" href=\"http:\/\/www.joergscheller.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00f6rg Scheller<\/a>\u00a0ist Dozent f\u00fcr Kunsttheorie und Kunstgeschichte sowie Leiter des Bereichs Theorie im\u00a0Bachelor Kunst &amp; Medien an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste.<\/p>\n<p><a title=\"homepage ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Daniel Hornuff: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie, Paderborn 2014, S. 57.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Leszek Kolakowski: Die Gegenw\u00e4rtigkeit des Mythos, M\u00fcnchen 1973, S. 43 ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Stahlgezwitscher<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[97068,186,706,1159,1491,1686,1797,1940,1962,2164,2407,2558],"class_list":["post-7742","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-afd","tag-angela-merkel","tag-fake-news","tag-jorg-scheller","tag-medientheorie","tag-norbert-bolz","tag-political-correctness","tag-radikalisierung","tag-rechtspopulismus","tag-social-media","tag-twitter","tag-wolfgang-ullrich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7742","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7742"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7742\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7742"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7742"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7742"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}