{"id":7836,"date":"2018-04-09T08:27:15","date_gmt":"2018-04-09T06:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7836"},"modified":"2018-04-09T08:27:15","modified_gmt":"2018-04-09T06:27:15","slug":"der-feed-als-kulturtechnikvon-annekathrin-kohout9-4-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/04\/09\/der-feed-als-kulturtechnikvon-annekathrin-kohout9-4-2018\/","title":{"rendered":"Der Feed als Kulturtechnikvon Annekathrin Kohout9.4.2018"},"content":{"rendered":"<p>Start mit Facebook, Twitter, Tumblr<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[aus: <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4246-9\/pop\/?c=312000158\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pop. Kultur und Kritik<\/a>, Fr\u00fchling 2018, Heft 12, S. 10-17]<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend ging es im Social Web der 2000er Jahre ziemlich stupide zu. Auf schuelerVZ oder Facebook klickte man sich durch Profile, sah sich an, was andere als Hobbys oder Lieblingsf\u00e4cher eingetragen hatten und welchen Gruppen sie beigetreten waren. Ganz gewiss waren letztere besonders aufregend, weil sie mit Namen wie \u00bbWenn ich gro\u00df bin, heirate ich Willy Wonka\u00ab oder \u00bbWer braucht schon Schule, wenn es Google gibt\u00ab ein wichtiges i-T\u00fcpfelchen des gesamten Profils, seinen Sch\u00f6nheitsfleck, darstellten. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich in ungef\u00e4hr 25 Gruppen, darunter \u00bbJa, du lachst. Das ist oft so. Leute lachen, und dann sind sie tot\u00ab. Gruppen waren eine wichtige Technik zur Selbstdarstellung im Netz, mit ihnen lie\u00df sich die eigene Pers\u00f6nlichkeit und eine Haltung vielf\u00e4ltiger zum Ausdruck bringen als durch das simple Auflisten von Lieblingsfarben, Schulf\u00e4chern oder Hobbys. Gruppen haben die Nutzer*innen au\u00dferdem online gehalten: stets wurden lustigere und praktischere gesucht oder angelegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_7863\" style=\"width: 404px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7863\" class=\"size-full wp-image-7863\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/STUDI.jpg\" alt=\"\" width=\"394\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/STUDI.jpg 394w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/03\/STUDI-239x300.jpg 239w\" sizes=\"auto, (max-width: 394px) 100vw, 394px\" \/><p id=\"caption-attachment-7863\" class=\"wp-caption-text\">Beispiel f\u00fcr studiVZ-Gruppen, 2008<\/p><\/div>\n<p>Heute spielen Gruppen keine gro\u00dfe Rolle mehr. Vielmehr erregt der Feed auf den Startseiten der Sozialen Netzwerke die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit. Sie sind zumeist die ersten Seiten, die im Internet aufgesucht werden. Von den dort eingehenden Verlinkungen geht es zu Nachrichtenseiten oder Blogs, Einkaufsangeboten oder Spielen. Bei Facebook nennt man diese Front- oder Startseite ihrer wichtigsten Funktion entsprechend \u00bbNewsfeed\u00ab, bei Twitter hei\u00dft sie \u00bbTimeline\u00ab, bei Tumblr \u00bbDashboard\u00ab, bei fast allen spricht man aber auch einfach nur von \u00bbFeed\u00ab oder noch allgemeiner von \u00bbAlgorithmus\u00ab. Denn letzterer bestimmt die dort angezeigten Inhalte wesentlich mit.<\/p>\n<p>Im Newsfeed sammeln sich Kontakte und Interessen, Inhalte von befreundeten Personen, aber auch von solchen, die man kaum kennt, aber sch\u00e4tzt, und schlie\u00dflich jenen, die man aus strategischen Gr\u00fcnden \u00bbFreund\u00ab nennt. Au\u00dferdem Inhalte von Zeitungen, Zeitschriften, Blogs \u2013 auch von Gruppen (bei Facebook) \u2013 und nat\u00fcrlich sehr viel Werbung. Der Facebook-Newsfeed oder die Twitter-Timeline vermitteln ihren Nutzern das Gef\u00fchl, einen \u00dcberblick zu erhalten und gleichzeitig etwas ganz Spezielles oder Pers\u00f6nliches zu erfahren. Der Feed ist der wichtigste Austragungsort f\u00fcr das soziale Leben im Internet und der Zugang zum restlichen World Wide Web. Ein langer Eingangsflur, von dem aus unz\u00e4hlige T\u00fcren abgehen.<\/p>\n<p>Eingef\u00fchrt wurde der Newsfeed von Facebook im September 2006. Bis dahin konnten die Inhalte von Freunden, wie auch bei den damals vergleichbaren Sozialen Netzwerken aus Deutschland (schuelerVZ, studiVZ oder meinVZ), zwar eingesehen werden, allerdings mussten Nutzer*innen daf\u00fcr direkt die Profilseiten der jeweiligen Personen besuchen. Auf dieser statischen Seite mit einer mehr oder weniger definierten Menge an Informationen hielt sich die Aufenthaltszeit der Besucher*innen in Grenzen, recht schnell war alles angesehen. Mit dem Newsfeed wurden fortan auf einer eigenen Seite \u2013 zudem der Startseite von Facebook \u2013 alle Inhalte von Freunden und gegebenenfalls (bei entsprechenden Sichtbarkeitseinstellungen) von abonnierten Fremden oder Nachrichtenseiten in Echtzeit und chronologisch angezeigt. Durch die Funktion des \u00bbInfinite Scroll\u00ab, mit dem die Seite immer \u2013 unendlich \u2013\u00a0weiter geladen werden kann, wurden und werden Nutzer*innen f\u00fcr eine lange Zeit auf der Seite gehalten. Das gilt auch als Grund f\u00fcr die Einf\u00fchrung des Feeds auf der Frontseite. Seit 2006 wurde der Newsfeed viele Male ver\u00e4ndert \u2013 nicht nur sein Algorithmus,\u00a0sondern auch sein Aufbau, die Formate der angezeigten Inhalte und die Interaktionsm\u00f6glichkeiten. Gegenw\u00e4rtig gibt es zahlreiche unterschiedliche Formate, darunter \u00bbFacebook Live\u00ab (eingebettete Live-\u00dcbertragung von Kameraaufnahmen), \u00bbnative videos\u00ab (Videos, die direkt im Sozialen Netzwerk erstellt und im Feed sofort abgespielt werden), \u00bbinstant articles\u00ab (schnelle, interaktive Artikel f\u00fcr Leser in der mobilen Facebook-App und im Messenger) oder \u00bbCanvas ADs\u00ab (Fullscreen-Anzeigen im mobilen Facebook Newsfeed) \u2013 und viele mehr.<\/p>\n<p>Mit der Einf\u00fchrung des Newsfeeds sollten also mehr Funktionen in das Soziale Netzwerk integriert werden, damit Nutzer*innen die Seite nicht verlassen m\u00fcssen, um bestimmte Informationen zu erhalten. So wenig es heute noch vorstellbar ist, ohne Newsfeed an bestimmte Inhalte des Internets zu gelangen, so ungew\u00f6hnlich erschien dies im Jahr 2006. In einem fr\u00fchen Artikel in der \u00bbTime\u00ab (06.09.2006) mit dem Titel \u00bbInside the Backlash Against Facebook\u00ab versucht die Autorin Tracy Samantha Schmidt das Feed-Prinzip recht unbeholfen als eine glitzernde W\u00e4scheleine zu beschreiben (\u00bblooks like a glitzy laundry list\u00ab). Sie berichtet au\u00dferdem von den unz\u00e4hligen Reaktionen auf das neue Feature, das vielen Nutzer*innen zu transparent erschien. Die Vorstellung, dass alles, was man postet, auf den Newsfeeds von allen Freunden angezeigt wird, dementsprechend es auch jeder lesen k\u00f6nne, stellte f\u00fcr viele einen zu gro\u00dfen Eingriff in die Privatsph\u00e4re dar.<\/p>\n<p>Die wohl markanteste und zugleich immer wieder kontrovers diskutierte Ver\u00e4nderung erfolgte jedoch durch die zunehmende Personalisierung des Feeds. Da in den ersten Newsfeeds alle abonnierten Inhalte chronologisch angezeigt wurden, zugleich Nutzer- und Angebotsseiten immer zahlreicher wurden und sich die Inhalte damit vervielfachten, regte sich Kritik an der Un\u00fcbersichtlichkeit der Seite. Der Feed wurde als \u00fcberw\u00e4ltigend und \u00fcberladen empfunden. Mit altmodischen Metaphern wie der \u00bbDatenflut\u00ab wurde dieser Wahrnehmung Ausdruck verliehen. Heute ist der Newsfeed durch unz\u00e4hlige Ver\u00e4nderungen am Algorithmus nicht mehr chronologisch und auch nicht mehr vollst\u00e4ndig, sondern eine personalisierte Auswahl, die mithilfe der auf Facebook und Partnerseiten erhobenen Daten erstellt wird. Deshalb gilt er als Entstehungs- und Austragungsort der in den letzten Jahren vielerorts problematisierten Filter-Bubble. Wenn der Begriff auch umstritten ist, so kann nicht geleugnet werden, dass der Newsfeed oder die Timeline f\u00fcr immer mehr Menschen der Ort ist, woher sie ihr Wissen und ihre Informationen beziehen, was wiederum die Grundlage f\u00fcr ihre Meinungsbildung darstellt.<\/p>\n<p>Im Zuge der Kritik an der Filter-Bubble und der Art und Weise, wie in den Sozialen Netzwerken Informationen bezogen und konsumiert werden, geriet zusehend auch die Verantwortlichkeit von Facebook (als gr\u00f6\u00dftes Soziales Netzwerk) in den Fokus der Berichterstattung. Wer dar\u00fcber verf\u00fcge, welche Informationen zu welchen Personen gelangten, m\u00fcsse diese Macht auch reflektieren und verantwortungsbewusst damit umgehen. Die j\u00fcngste Ver\u00e4nderung des Newsfeed-Algorithmus ist nicht zuletzt eine Reaktion auf derartige Vorw\u00fcrfe und Anspr\u00fcche. In einem Facebook-Posting vom 12.01.2018 k\u00fcndigt Mark Zuckerberg die anstehende und bereits laufende Umstellung an: \u00bbI\u02bcm changing the goal I give our product teams from focusing on helping you find relevant content to helping you have more meaningful social interactions. [\u2026] The first changes you\u02bcll see will be in News Feed, where you can expect to see more from your friends, family and groups.\u00ab Am 29. Januar gibt Zuckerberg eine weitere \u00c4nderung bekannt: Zuk\u00fcnftig sollen weniger globale Nachrichten beim einzelnen User angezeigt werden, sondern lokale. Der schon mal als k\u00fcnftiger Pr\u00e4sidentschaftskandidat gehandelte Zuckerberg gibt sich hier als Kommunitarist zu erkennen: \u00bbLocal news helps build community \u2013 both on- and offline. It\u02bcs an important part of making sure the time we all spend on Facebook is valuable.\u00ab<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/zuck\/posts\/10104413015393571\">https:\/\/www.facebook.com\/zuck\/posts\/10104413015393571<\/a><\/p>\n<p>Seit der Bekanntgabe tauschen sich User*innen im gesamten Social Web dar\u00fcber aus, ob und wie sich diese \u00c4nderungen bemerkbar machen. Ich kann die allgemeine Einsch\u00e4tzung, die Ver\u00e4nderungen seien stark sp\u00fcrbar, leider nur best\u00e4tigen; f\u00fcr mich erscheint wegen der Umstellung weniger bedeutsamer \u203aContent\u2039 auf dem Newsfeed. Zwar m\u00f6chte das Netzwerk, wie Zuckerberg in diversen journalistischen Beitr\u00e4gen zitiert wird, mit den neuen Einstellungen \u203azu seinen Wurzeln\u2039 zur\u00fcckkehren, jedoch nutzen viele Facebook seit Jahren nicht mehr (nur) zur Verst\u00e4ndigung mit Freunden, sondern zur Vernetzung mit Fremden und auch als Nachrichtendienst.<\/p>\n<p>Bleiben wir bei der User-Perspektive und erweitern sie auf die zahlreichen benachbarten Sozialen Netzwerke (denn nur wenige nutzen ein einziges) und ihre Feeds: Wie sieht das Leben aus mit einem Facebook-Newsfeed, einer Twitter-Timeline, einem Tumblr-Dashboard und einem Instagram-Feed (mal ganz abgesehen vom Soundcloud-\u00bbStream\u00ab, den \u00bbHot Posts\u00ab auf Reddit, den \u00bbNeuesten Updates\u00ab auf Snapchat oder, hin und wieder, dem \u00bbNeuesten\u00ab auf Jodel)? Es gibt \u2013\u00a0bei entsprechender Follower- oder Freundesanzahl \u2013 immer etwas Neues. Auch wenn man die jeweilige App nach nur einer Minute wieder \u00f6ffnet. Es gibt stets neue Links, Bilder, Nachrichten, die sich verfolgen lassen und auf die eventuell sogar reagiert werden muss. Oder die man sich zumindest merken sollte, weshalb man sie speichert (Facebook) oder auf \u00bbgef\u00e4llt mir\u00ab klickt (Twitter), um schlie\u00dflich so viel abgespeichert zu haben, dass es ohnehin nicht mehr gelesen wird. Es muss also immer darum gehen, zu begrenzen, auszuw\u00e4hlen, zu sortieren und zu ordnen. Es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, als Nutzer*in den Feed zu gestalten, damit er nutzbar wird und \u00fcberhaupt erst sinnvoll ist.<\/p>\n<p>Es gibt darum gute und schlechte Newsfeeds, die jeweils Ausdruck der Medienkompetenz sind \u2013 denn es gibt viele Formen der Einflussnahme auf die Beschaffenheit des Feeds, die sich von Sozialem Netzwerk zu Sozialem Netzwerk unterscheiden. Facebook gibt einen ungef\u00e4hren Einblick in die Kriterien, die f\u00fcr die Auswahl der Verlinkungen auf dem Feed verantwortlich sind, so werden etwa Beitr\u00e4ge von Freunden gegen\u00fcber denen von Unternehmen priorisiert; Absender, aber auch Formate, mit denen man viel interagiert, werden h\u00e4ufiger angezeigt; Beitr\u00e4ge, die viele Klicks, Likes und Kommentare erhalten, tauchen bei mehr Menschen im Newsfeed auf.<\/p>\n<p>Umgekehrt bedeutet das: Jeder kopflose Klick beeinflusst den Feed negativ. Mit gezielten Klicks kann hingegen gestaltet werden. Facebook hat zudem Funktionen eingebaut, mit denen grunds\u00e4tzlich Einfluss auf den Newsfeed genommen werden kann. Denn, so hei\u00dft es auf der eigens zur Optimierung des Feeds eingerichteten Hilfeplattform: \u00bbWir wissen, wir bekommen es nicht immer richtig hin, und letztlich entscheidest du, was dich interessiert und welche Beitr\u00e4ge du sehen m\u00f6chtest, darum bieten wir dir spezielle Einstellungen, mit denen du dein Benutzererlebnis personalisieren kannst.\u00ab Was Nutzer*innen tun k\u00f6nnen: In den Facebook-Einstellungen lassen sich Freunde und Betreiber ausw\u00e4hlen, die zuerst angezeigt werden sollen; Personen und Betreiber k\u00f6nnen \u00bbentfolgt\u00ab beziehungsweise \u00bbentabonniert\u00ab werden. Dabei bleibt man jedoch befreundet, sprich vernetzt; direkt im Feed k\u00f6nnen unbeliebte Beitr\u00e4ge und Werbung einer bestimmten Art aber ausgeblendet werden.<\/p>\n<p>Bei Twitter spielt der Feed, die \u00bbTimeline\u00ab, eine etwas andere Rolle. Sie wird st\u00e4rker als bei Facebook \u00fcber die Zusammensetzung der Kontakte definiert, die sich zudem chronologisch f\u00fcr Fremde nachvollziehen l\u00e4sst. Hin und wieder schaue ich mir zum Beispiel an, wie andere ihre Timeline zusammengestellt haben: Wem sind sie zuerst gefolgt? \u00bbSpiegel Online\u00ab oder Justin Bieber? Freunden und Bekannten oder Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens? Wer folgt nicht nur Gleichgesinnten, sondern auch politischen Gegnern? Was man hingegen nicht sehen kann: Wer entfolgt wurde. Zudem ist es auf Twitter in verschiedenen (h\u00e4ufig intellektuellen) Milieus zum Statussymbol geworden, nur einer kleinen, ausgew\u00e4hlten Anzahl an Personen und Institutionen zu folgen (und im Idealfall auf der anderen Seite eine gro\u00dfe Followerschaft aufzuweisen) \u2013 weil es auf eine vermeintlich gut durchdachte Timeline verweist.<\/p>\n<p>Ein interessanter Effekt des Newsfeeds ist, dass er zur Interaktion mit Inhalten anregt: zu Kommentaren, Diskussionen, Reaktionen, Klicks. Themen k\u00f6nnen entdeckt werden, h\u00e4ufig kommt man so von einem Diskurs zum n\u00e4chsten. Neulich habe ich mir Amazon Echo zugelegt. Einerseits hat sich Alexa als \u00fcberaus hilfreich erwiesen \u2013 ich nutze z.B. die Morgenroutine, bei der die k\u00fcnstliche Intelligenz mir die Nachrichten vom Deutschlandfunk abspielt, das Wetter ansagt und danach zu mir spricht: \u00bbGuten Morgen, liebes V\u00f6gelchen \u2013 Los, schnapp dir den Wurm!\u00ab. Das habe ich ihr so beigebracht, es eingestellt. Au\u00dferdem habe ich ein paar Smart-Home-Features installiert, sodass Alexa mir verschiedene Lichter anmachen kann, wenn ich sie danach frage. Andererseits aber blieb der Sprachcomputer bisher eher eine Spielerei. Zwar ist zu Beginn genug Kreativit\u00e4t f\u00fcr die ein oder andere lustige Frage vorhanden (\u00bbAlexa, was h\u00e4ltst du von Siri?\u00ab), nach einiger Zeit ersch\u00f6pft sie sich aber. Anders als auf den Social-Media-Feeds kommt man bei Alexa nicht von einem Thema zum n\u00e4chsten, wird nicht von ihr angehalten, weiter zu fragen oder Neues zu entdecken, an Diskussionen zu partizipieren. Alexa macht Grenzen bewusst, wo unbegrenzte M\u00f6glichkeiten da sind. Der Newsfeed gibt einem hingegen das Gef\u00fchl, aktiv zu sein, interessiert zu sein, engagiert zu sein. Er l\u00e4sst ein positives Selbstbild entstehen, wohingegen Alexa ein kreatives Loch sichtbar macht oder Ohnmachtsgef\u00fchle aufkommem l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Im Feed kommen die Informationen zu den Nutzer*innen, sie m\u00fcssen nicht eigens aufgesucht werden. Das ist alles andere als belanglos, musste man doch bis vor einem Jahrzehnt entsprechenden Aufwand betreiben, um an Wissen und Informationen zu kommen. Zwar lassen sich Vorl\u00e4ufer jener Dienstleistung, die der Newsfeed erbringt, benennen: Man denke an fr\u00fche Formen mobiler Berichterstattung wie die reitenden Boten des Mittelalters oder das sog. und in der Vor-Internetzeit etablierte Presse-Clipping, bei dem f\u00fcr Auftraggeber ausgew\u00e4hlte Zeitungsausschnitte zur Medienbeobachtung gesammelt, aufgearbeitet und zu einem Mediensample zusammengestellt wurden. Solche Formen der Informationsdienstleistung waren allerdings teuer und daher exklusiv, nur Prominenten oder sehr wohlhabenden Pers\u00f6nlichkeiten vorbehalten. Durch Datensammlung und entsprechende Algorithmen konnte diese Exklusivit\u00e4t aufgel\u00f6st werden. Allerdings kommen im Newsfeed oder in der Timeline weitaus mehr Informationen als nur Medienberichte zusammen. Aber die Bewegungsrichtung ist dieselbe: Die Informationen kommen zu den Nutzer*innen, nicht umgekehrt.<\/p>\n<p>Diese Frage nach der Bewegungsrichtung hat Boris Groys in seinem Aufsatz \u00bbDie Topologie der Aura\u00ab (in dem 2003 publizierten Sammelband \u00bbTopologie der Kunst\u00ab) zum Anlass genommen, um das Problem der Definition von Original und Reproduktion zu l\u00f6sen \u2013 das sich in der Kunst insofern als Problem darstellt, als man Originale aus Reproduktionen schafft (\u00bbDer Akt der Kunstproduktion ist selbst zu einem Akt des Shoppings geworden\u00ab) und umgekehrt. Er schreibt in Anlehnung an Walter Benjamin: \u00bbWenn man sich zu einem Kunstwerk begibt, ist es ein Original. Wenn man das Kunstwerk zwingt, zu einem zu kommen \u2013\u00a0ist es eine Kopie.\u00ab Daraus lie\u00dfe sich nun schlussfolgern, das Internet und damit auch der Newsfeed sei als eine Welt der Reproduktionen anzusehen. Groys verneint dies allerdings sogleich. F\u00fcr ihn operiert das World Wide Web nicht mit Kopien, sondern, wie das Museum, ausschlie\u00dflich mit Originalen \u2013 weil jede Seite eine eigene Adresse (URL) zugewiesen bekommt und damit ein Ort ist, den man aufsuchen muss.<\/p>\n<p>\u00dcber diesen kleinen Umweg zur\u00fcck zum Newsfeed: Er vereint unter einer einzigen URL eine Vielzahl von Links. Diese Links m\u00fcssen der Logik von Groys nach als Kopien der originalen Adressen gelten. Im Newsfeed, wo die Informationen, das Wissen, die Kunst \u2013\u00a0all das, was man verlangt \u2013 zu einem kommen, fungieren sie als Reproduktionen. Das ist deshalb interessant, weil es sich unter Autoren, Journalisten und Intellektuellen \u2013 die keinesfalls als kulturpessimistisch zu bezeichnen sind \u2013 etabliert hat, bei Publikationen im Printbereich darauf hinzuweisen, den \u00bbKiosk\u00ab (Retrobegriff) aufzusuchen. Zum Kiosk \u00bbzu gehen\u00ab. Dort gibt es die Originale.<\/p>\n<p>Der \u00bbInfinite Scroll\u00ab wiederum suggeriert, im Gegensatz zur Personalisierung und Selektion der Inhalte, man erhalte alle Informationen, wenn man nur lange genug scrolle. Hier wird der Uners\u00e4ttlichkeit entgegengekommen, der Sucht nach immer mehr, immer neuer Information. Manchmal wird das Scrollen dadurch regelrecht zum Automatismus. Dann blickt man nur kurz auf und bemerkt, dass gar nichts gelesen, sondern nur gescrollt wurde. Wenn man aber ehrlich ist und einen Blick zur\u00fcck auf die Zeit unmittelbar vor der Einf\u00fchrung des Feeds auf den Frontseiten Sozialer Netzwerke wirft, war es viel schwerer aufzuh\u00f6ren, wenn man sich gerade Seite f\u00fcr Seite zum Beispiel durch eine Gruppendiskussion geklickt hatte und wusste: Irgendwann ist es geschafft, irgendwann sind alle Seiten durchgesehen. Leider wurde ab einer bestimmten Seitenanzahl nicht mehr angezeigt, um wie viele es sich insgesamt handelte, sodass immer weiter gebl\u00e4ttert wurde, nicht mehr aufgeh\u00f6rt werden konnte, weil ja die M\u00f6glichkeit bestand, dass es nur noch zwei Seiten sind bis zum Ende. (Meistens standen dann nat\u00fcrlich noch mindestens 20 bevor.) Insofern lehren der Infinite Scroll und die Timeline auch, nie fertig werden zu k\u00f6nnen, niemals ein Ende in den Blick nehmen zu k\u00f6nnen. Er ist das Sinnbild der \u2013 m\u00f6chte man es negativ formulieren \u2013 \u203aDatenflut\u2039 oder des \u2013 neutraler gesagt \u2013 \u203aStreams\u2039, der nie endet und zugleich das wichtigste und sinnvollste Werkzeug, um damit umzugehen.<\/p>\n<div class=\"tumblr-post\" data-href=\"https:\/\/embed.tumblr.com\/embed\/post\/t:RZk-mYQZTcCuEOF9ZMjC8g\/142678061648\/v2\" data-did=\"e62a6924dd01a667f6754e10a2b6f0eb18a848dd\"  ><a href=\"https:\/\/www.tumblr.com\/sofrischsogut\/142678061648\/aquatic-metaphor\">https:\/\/www.tumblr.com\/sofrischsogut\/142678061648\/aquatic-metaphor<\/a><\/div>\n<p><script async src=\"https:\/\/assets.tumblr.com\/post.js?_v=38df9a6ca7436e6ca1b851b0543b9f51\"><\/script><\/p>\n<p>Die Berichterstattung \u00fcber den Social-Media-Feed dokumentiert in den meisten F\u00e4llen, wie es Nutzer*innen m\u00f6glich ist, auf anderen Newsfeeds oder Timelines h\u00e4ufiger aufzutauchen \u2013 also sich bestm\u00f6glich zu vermarkten und zu verbreiten. Nur sehr selten zeigt sie auf, wie man an bessere, interessantere, vielf\u00e4ltigere, individuellere Informationen kommen, ja wie ein Feed zum eigenen Nutzen gestaltet werden kann. Zwar wird auf einzelnen Blogs und in einem sehr einsamen Beitrag in dem von Kathrin Passig initiierten \u00bbTechniktagebuch\u00ab die Beschaffenheit des Newsfeeds reflektiert, allerdings blieb die W\u00fcrdigung des Feeds als wichtigste Kulturtechnik des Social Webs bisher aus. Vereinzelt setzen sich Blogger h\u00f6chstens mit der Frage auseinander, wie man den Feed mal wieder \u00bbreinigen\u00ab oder \u00bbausmisten\u00ab k\u00f6nne \u2013\u00a0schlie\u00dflich muss hin und wieder auch wegen einer sozialen Verpflichtung der \u00bbFolgen\u00ab-Button geklickt werden, und dann gibt es gleich ungewollte Beitr\u00e4ge auf der Timeline. Es sammelt sich also im Laufe der Zeit viel \u00dcberfl\u00fcssiges an. Unter Blogbeitr\u00e4gen wie \u00bbR\u00e4ume Deinen News Feed auf!\u00ab (<a href=\"http:\/\/thomashutter.com\">thomashutter.com<\/a>) oder \u00bbFacebook s\u00e4ubern: 15 Tools f\u00fcr die Grundreinigung\u00ab (<a href=\"http:\/\/chip.de\">chip.de<\/a>) werden im Internet allerlei Tipps gegeben, wie die Timeline aufger\u00e4umt werden kann. Es ist durchaus vorstellbar, dass daraus zuk\u00fcnftig eine sehr sinnvolle Dienstleistung entsteht, ein Reinigungsunternehmen f\u00fcr Facebook-Newsfeeds und Twitter-Timelines. Auch Workshops dazu w\u00e4ren hilfreich. Wie w\u00e4re es zum Beispiel mit \u00bbGestalte deinen Feed! \u2013 F\u00fcr Anf\u00e4nger\u00ab? Oder \u00bbWege zur besseren Timeline\u00ab? Wer sich um die eigene Mitbestimmung bem\u00fcht, kann sich schlie\u00dflich mehr als Auftraggeber \u2013 ganz wie einst ein Prominenter, der einen Clipping-Service in Anspruch nahm \u2013 und weniger als Opfer von Datensammlern oder Filterblasen f\u00fchlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Start mit Facebook, Twitter, Tumblr<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[102529,106019,501,701,726,1069,1082,1666,1887,1964,2084,2159,2254,2355,2397,2407],"class_list":["post-7836","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-alexa","tag-algorithmus","tag-dashboard","tag-facebook","tag-feed","tag-infinite-scroll","tag-instagram","tag-news-feed","tag-presse-clipping","tag-reddit","tag-schuelervt","tag-snapchat","tag-studivz","tag-timeline","tag-tumblr","tag-twitter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7836","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7836"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7836\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7836"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7836"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7836"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}