{"id":7839,"date":"2018-04-23T09:04:13","date_gmt":"2018-04-23T07:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7839"},"modified":"2018-04-23T09:04:13","modified_gmt":"2018-04-23T07:04:13","slug":"1968-politische-ideen-konsumkritik-gewaltfragevon-thomas-hecken23-4-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/04\/23\/1968-politische-ideen-konsumkritik-gewaltfragevon-thomas-hecken23-4-2018\/","title":{"rendered":"1968 \u2013 politische Ideen, Konsumkritik, Gewaltfragevon Thomas Hecken23.4.2018"},"content":{"rendered":"<p>Entfremdungskritik, Gewaltfrage, revolution\u00e4res Subjekt<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: Thomas Hecken, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-89942-741-7\/1968\/?c=39\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik<\/a>, Transcript Verlag, S. 72-75, 90-98]<\/p>\n<p>Eines kann man den Konzeptionen der Neuen Linken nicht absprechen. Seien sie nun gut begr\u00fcndet oder nicht, wirklichkeitsblind oder auf der H\u00f6he der Zeit \u2013 insgesamt gesehen weisen sie jedenfalls eine hohe Folgerichtigkeit auf. Mit der Verabschiedung der Arbeiterklasse als traditionellem Motor der Ver\u00e4nderung sind konsequenterweise verschiedene Versuche verbunden, neue revolution\u00e4re Subjekte zu finden. Schl\u00fcssig ist dann auch, an die Stelle der Anklage von Ausbeutung und materieller Verelendung teilweise (oder weitgehend) die Kritik der Entfremdung zu setzen. Speziell die Konsumkritik der Neuen Linken bildet einen Ansatz, der Integration der Arbeiterklasse ins kapitalistische System ideologischen Widerstand entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Ablesen kann man die Distanz zum traditionellen Marxismus direkt daran, dass es wenig Kontakte zu den bestehenden kommunistischen Parteien gibt, wie vor allem das Beispiel Frankreichs nachdr\u00fccklich belegt. Aufgrund von diffusen Nachrichten aus dem sehr fernen Osten sind sogar viele Neue Linke geneigt, das chinesische Modell dem Sowjetsozialismus weit vorzuziehen, weil man in der chinesischen Kulturrevolution einen gegen die b\u00fcrokratische Macht und gegen verfestigte Autorit\u00e4t gerichteten spontanen Aufschwung vermutet. Es geht aber der Neuen Linken nicht nur um eine Kritik der Repression \u00bbinnerparteilicher Demokratie\u00ab und an den kaum \u00bbwirklich sozialistischen\u00ab sowjetischen Staaten, wie Rudi Dutschke sagt (1968a: 48, 62), sondern auch an deren \u00f6konomischer Ausrichtung.<\/p>\n<p>Hier ist vor allem Herbert Marcuse anzuf\u00fchren, der bereits fr\u00fchzeitig scharfe Kritik an der sowjetischen Wirtschaftsorganisation \u00fcbt. Die Zielvorgabe der Produktivit\u00e4tssteigerung, welche mit harschen Disziplinforderungen und einer technokratisch installierten Hierarchie einhergeht, erf\u00fcllt f\u00fcr Marcuse selbst unter den Bedingungen enteigneten Privateigentums keineswegs sozialistische Anspr\u00fcche. Ganz entgegen den sowjetischen Einsch\u00e4tzungen h\u00e4lt Marcuse fest, dass die entfremdete Arbeit nicht einfach aufh\u00f6re, wenn die Produktionsmittel verstaatlicht worden seien (1964: 90; so auch schon bereits die franz\u00f6sische Gruppe Socialisme ou Barbarie: Castoriadis 1980a).<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise gilt nach Marcuse aber f\u00fcr die westlichen L\u00e4nder, dass die enorm erh\u00f6hte Produktivit\u00e4t und der damit verbundene Zuwachs an Konsumg\u00fctern in den Haushalten der Arbeiter nichts \u00fcber ein Ende der Entfremdung besage. Im Gegenteil, die \u00bbtechnische Struktur\u00ab, deren Prinzipien der Arbeitsteilung bzw. der rationalisierten, einseitigen, ersch\u00f6pfenden T\u00e4tigkeit die Bev\u00f6lkerung unterworfen werde, sei dadurch st\u00e4rker denn je \u2013 weil die Menschen wegen der konsumistischen Manipulation ihrer Bed\u00fcrfnisse die herrschende technologische Kontrolle alternativlos als Form der Vernunft anerkennen w\u00fcrden. Seine Diagnose von der Integration der Arbeiterklasse ins kapitalistische System weitet Marcuse damit zum Urteil aus, die bestehenden Gesellschaften seien durch eine \u00bb\u00f6konomisch-technische Gleichschaltung\u00ab gekennzeichnet (1989: 29, 23). Der Akzent der Kapitalismuskritik verschiebt sich freilich trotz der angedeuteten Verflochtenheit von \u00d6konomie und Technik bei Marcuse nicht selten zur Kritik der rationalisierten Arbeit und Freizeit sowie ihrer b\u00fcrokratischen und massenmedialen Kontrolle.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Documentary on Herbert Marcuse (1996)\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/vnZ8WaiXnBY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Die Neue Linke steht deutlich erkennbar in der Tradition jener entfremdungskritischen Marxisten wie Georg Luk\u00e1cs, die Marx\u2019 Theorem vom Fetischcharakter der Ware wieder st\u00e4rker mit den humanistisch-idealistischen Anspr\u00fcchen des fr\u00fchen Marx aufladen. Geht es im <em>Kapital<\/em> bei der Rede vom Fetischcharakter darum aufzuzeigen, dass sich den Menschen die eigenen produktiven Gestaltungsm\u00f6glichkeiten in der kapitalistischen Gesellschaft zum Sachzwang verkehren, bildet in der entgrenzten Form der Kritik bereits die Arbeitsteilung den Grund der Entfremdung. Als zentraler Kritikpunkt am kapitalistischen System dient dann nicht mehr die Anklage materieller Ausbeutung, sondern die Anklage der immer st\u00e4rker rationalisierten Arbeit; sie raube dem Ding seine konkrete, ganzheitlich erfahrbare Dimension und schalte zugleich die qualitativen, menschlich-individuellen Eigenschaften des Arbeiters aus (Luk\u00e1cs 1970: 177ff.).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Neue Linke ist der Kritikansatz besonders attraktiv, weil sie den Arbeiter u.a. wegen seiner erh\u00f6hten Teilhabe an den Produkten der Konsumg\u00fcterindustrie stark ins System integriert sieht. Die Kritik an der Entfremdung (und weniger an der Ausbeutung) bietet folgerichtig einen weiteren bzw. teilweise neuen bedeutenden Grund, die Revolutionierung der Verh\u00e4ltnisse anzustreben. Zugleich liefert sie sogar die M\u00f6glichkeit, die verbesserten materiellen Lebensbedingungen der Arbeiter scharf anzugreifen. Im Zeichen der Konsumkritik kann die angebliche Verbesserung ebenfalls schnell als Ausdruck und Verst\u00e4rkung der Entfremdung erscheinen, als Konsequenz manipulativ erzeugter falscher Bed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p>Die meisten linken Formen dieser teilweise \u00fcbergreifenden Kulturkritik zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Konsumkritik nicht von der Kritik an bestehenden Produktionsbedingungen l\u00f6sen wollen. Besonders die Neue Linke hebt den Zusammenhang im Namen des Entfremdungsbegriffs hervor. In viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe, als es den traditionellen Kommunisten und Sozialdemokraten m\u00f6glich ist, nimmt ihre Kritik an den herrschenden Verh\u00e4ltnissen einen totalen Charakter an; das \u00e4u\u00dferst negative Urteil kann Arbeit und Freizeit zugleich treffen. Mode, Sozialtechnologie und die Werbung als besonders geschlossenes Universum der Manipulation verst\u00e4rken in dieser Sicht nur, was die monotonen, rationalisierten, zur Unselbstst\u00e4ndigkeit erziehenden Arbeitsverh\u00e4ltnisse bereits vorbereitet haben: den \u00bbpassiven Massenverbraucher\u00ab. Der entfremdete Mensch sei<\/p>\n<p>\u00bbder (manuell, intellektuell oder im \u203aWei\u00dfkittel\u2039) Arbeitende, der, atomisiert, durch die Wohnbedingungen vereinzelt, zur Passivit\u00e4t verurteilt und der milit\u00e4rischen Disziplin der Fabrik unterworfen, von seinem Produkt abgeschnitten und dazu verdammt ist, seine Zeit zu verkaufen, gelehrig eine vorfabrizierte Aufgabe auszuf\u00fchren, ohne sich um Sinn und Zweck seiner Arbeit zu k\u00fcmmern. [&#8230;] Weil der Arbeitnehmer bei \u203aseiner\u2039 Arbeit nicht \u203abei sich\u2039 ist, [&#8230;] sind die aktiven und sch\u00f6pferischen Bed\u00fcrfnisse des Individuums beschnitten; und es findet seine Souver\u00e4nit\u00e4t erst in der Nicht-Arbeit, d.h. in der Befriedigung der passiven Bed\u00fcrfnisse, im Konsum und im h\u00e4uslichen Leben. Auf der Basis dieser ersten Vorbestimmung konnte der Monopolkapitalismus die Bed\u00fcrfnisse nach passivem und individuellem Konsum beeinflussen. [&#8230;] Und je weiter er auf diesem Weg fortschreitet, desto mehr bet\u00e4ubt er eine Menschheit, die der Vermassung anheimgegeben ist. Sie wird verst\u00fcmmelt durch Befriedigungen, die das grundlegende Unbefriedigtsein unber\u00fchrt lassen, aber gleichzeitig davon ablenken. Um so mehr hofft der Monopolkapitalismus, da\u00df diese mit den Mitteln der Flucht bet\u00e4ubten Menschen auch vergessen werden, wie fragw\u00fcrdig das ganze, auf Entfremdung der Arbeit beruhende System ist. Er zivilisiert den Konsum und die Freizeitbesch\u00e4ftigungen, um nicht die gesellschaftlichen Beziehungen, die Arbeits- und Produktionsbedingungen zivilisieren zu m\u00fcssen; er entfremdet die Individuen in ihrer Arbeit, um sie als Konsumenten entfremden zu k\u00f6nnen; und umgekehrt entfremdet er sie als Konsumenten, um sie in ihrer Arbeit um so eher entfremden zu k\u00f6nnen.\u00ab (Gorz 1967: 92f.)<\/p>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=r2YeJpkrTOQ<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte demnach vermuten, dass der hergestellte Zusammenhang zwischen den kapitalistisch-rationalistisch auferlegten Arbeitsbedingungen und den zweifelhaften Freizeitvergn\u00fcgungen die Neue Linke davor bewahrt, in eine allzu direkte Kritik der Konsumwelt zu verfallen. In einer Hinsicht trifft dies auch zu; im Unterschied zu manchem konservativen Kulturkritiker wird nicht einfach der naturgegebene schlechte Geschmack der Masse bzw. der niederen Schichten konstatiert; das Theorem der Manipulation sch\u00fctzt vor solcher Ursachenfindung. Andererseits verselbstst\u00e4ndigt sich die Konsumkritik auch in Reihen der Neuen Linken \u00fcberaus h\u00e4ufig; dann r\u00fccken Unterhaltungsangebote und Konsumgegenst\u00e4nde in den Rang eminent gef\u00e4hrlicher, bedeutender Objekte vor, dann erscheinen auch ihre K\u00e4ufer und Rezipienten wenigstens indirekt als hochgradig verdorbene, abzuwertende Subjekte. Auch wenn die Abneigung gegen die konsumierenden Kleinb\u00fcrger gerade in der allt\u00e4glichen Kommunikation nicht selten offen zum Ausdruck kommt, kann man aber an der Sprache weiterhin den behaupteten urs\u00e4chlichen Vorrang des Systems, das die manipulationsstarken Objekte hervorbringt, ablesen. Von der ab 1968 unabl\u00e4ssig beklagten \u00bbKommerzialisierung\u00ab bis hin zu dem mit leichter Hand diagnostizierten \u00bbKonsumterror\u00ab reicht das Spektrum der in Artikeln und Aufs\u00e4tzen oft gebrauchten, einschl\u00e4gigen Begriffe.<\/p>\n<p>Manipulation, Isolation und fehlende M\u00f6glichkeiten eigenst\u00e4ndigen Engagements werden aber in allen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen beklagt, selbst in der Universit\u00e4t. Die radikale Kritik an vielf\u00e4ltigen m\u00f6glichen Formen autorit\u00e4rer Abst\u00e4nde und Hierarchien geht weit \u00fcber eine Kritik offener Repression hinaus, sie bezieht auch die aus Sicht der Neuen Linken nur scheinbar technisch begr\u00fcndeten Formen der Arbeitsteilung ein. In Vorwegnahme der angestrebten direkten Demokratie in den Betrieben und der politischen Verwaltung streben die antiautorit\u00e4ren Wortf\u00fchrer der Neuen Linken als ihre politische Handlungsbasis nicht eine Partei und als ihre B\u00fchne das Parlament an, sondern eine Bewegung, die sich in der (wenn nicht immer legalen, so doch stets im Sinne eines h\u00f6heren Rechts legitimierten) \u00f6ffentlichen Aktion ihr eigenes Programm und ihre eigene vor\u00fcbergehende Struktur gibt. Das geht nicht selten sogar bis zu einer (theoretischen) \u00dcberf\u00fchrung einiger Organisationsformen der antiimperialistischen K\u00e4mpfer in Lateinamerika und Vietnam nach Westeuropa und Nordamerika; auch bei der Guerilla sieht man die Aufhebung der mannigfaltigen, \u00fcberall in der westlichen Welt herrschenden Trennungen am Werk.<\/p>\n<p>Eine grundlegende Schrift, in der all diese Punkte im Zusammenhang entwickelt w\u00fcrden, gibt es freilich nicht. In den Reden und Artikeln der bekanntesten Protagonisten der Bewegung findet man h\u00e4ufig zwei oder drei der Punkte angesprochen, teilweise auch aufeinander bezogen. Theoretiker und Wissenschaftler, die der Bewegung verbunden sind oder zumindest von ihr gerne herangezogen werden, konzentrieren sich ebenfalls vorwiegend auf einen Aspekt oder Untersuchungsgegenstand. Schon allein bei der Gewichtung der Punkte k\u00f6nnen sich deshalb durchaus erhebliche Unterschiede innerhalb der unter einem Titel versammelten Neuen Linken auftun.<\/p>\n<p>Trotzdem braucht es keinen historischen Abstand (siehe vor allem die exzellente Typologie von Gilcher-Holtey aus dem Jahr 2001: 15f.), um einige grundlegende Gemeinsamkeiten (vor deren konflikttr\u00e4chtiger Binnendifferenzierung) herauszustellen. Staughton Lynd etwa, einer der wichtigen Wortf\u00fchrer des amerikanischen SDS, nennt Ende der 60er Jahre als \u00fcbereinstimmenden Zug der Neuen Linken: \u00bbrejection both of capitalism and of the bureaucratic Communism exemplified by the Soviet Union; anti-imperialism; and an orientation to decentralized \u203adirect action\u2039, violent or nonviolent\u00ab (1969: 2).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"1968 Berlin: Vietnam Kongress\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/J_7MkHmTw_M?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Lynd spricht diese Merkmale und Haltungen in einem Atemzug allerdings ebenfalls den westlichen Studentenbewegungen zu. Hier lohnt jedoch eine genauere Unterscheidung. In der Studentenbewegung und der noch einmal um Sch\u00fcler, Gewerkschaftler etc. ausgeweiteten au\u00dferparlamentarischen Opposition darf man die genannten Charakteristika nicht in vollem Umfang voraussetzen. Gerade in den Jahren vor 1968 sind hier auch manche Teilnehmer anzutreffen, die sich \u00fcberwiegend aus pazifistischen, humanit\u00e4ren, demokratischen Gr\u00fcnden engagieren; mit ihrem politischen Protest gegen vermutete staatliche Bestrebungen wider die Ideale der Verfassung sind sozialistische oder aktionistische Haltungen (noch) nicht zwingend verbunden.<\/p>\n<p>Selbst bei den bestehenden gr\u00f6\u00dferen Organisationen wie dem SDS kann man die Grunds\u00e4tze der Neuen Linken, wie sie in intellektuellen Debatten und den Absichtserkl\u00e4rungen der links-antiautorit\u00e4ren Wortf\u00fchrer vorgebracht werden, keineswegs unisono antreffen. Auch in ihnen gibt es unterschiedliche Fraktionen, allerdings \u00fcberwiegen die an Herbert Marcuse, C. Wright Mills, Andr\u00e9 Gorz u.a. geschulten Gruppen; medial wird zudem die Dominanz des aktionistischen, neulinken Teils weiter verst\u00e4rkt. An der Entzweiung und schnell folgenden Aufl\u00f6sung des SDS nach dem Fr\u00fchling und Sommer des Jahres \u201968 sollte man deshalb auch eine \u00c4nderung bei den \u00fcberwiegend geteilten oder vorherrschenden Prinzipien ablesen k\u00f6nnen \u2013 diese Annahme dr\u00e4ngt sich zumindest als eine Arbeitshypothese auf.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Confrontation: Paris, 1968\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/6UP3RLGmciM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erkennt man schnell zwei Punkte, mit denen \u00c4nderungen verbunden sind. Der erste betrifft die Haltung zur traditionelleren marxistischen Theorie und Politik, konkreter gesagt: betrifft die Einsch\u00e4tzung der Arbeiterklasse und des Aufbaus einer zentral gef\u00fchrten Partei. Der zweite Punkt ist insofern wesentlich weniger bedeutsam, als er viel weniger Leute direkt angeht \u2013 der Einsatz von Gewalt als hervorragendes politisches Mittel. Bedeutsamkeit gewinnt dieser Punkt aber, weil er eine enorme Aufmerksamkeit auf sich zieht und in hohem Ma\u00dfe dazu geeignet ist, die Bewegung derjenigen, die \u00e4hnliche Ziele mit anderen Mitteln verfolgen, von beiden Seiten (der Seite der politischen Gewaltt\u00e4ter und der des Staates sowie der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit) unter Druck zu setzen, was entweder (wie es die linken Terroristen erhoffen) zu offener Solidarisierung und schlie\u00dflich zu revolution\u00e4ren Aufst\u00e4nden f\u00fchren kann oder im (meistens eintretenden) umgekehrten Fall zu einer Schw\u00e4chung, Spaltung oder Isolierung der Bewegung.<\/p>\n<p>Um mit dem ersten Punkt zu beginnen, dem bemerkenswerten Umstand, dass viele Anh\u00e4nger der au\u00dferparlamentarischen Opposition nach 1968 an der Gr\u00fcndung von straff organisierten Parteien oder sog. Aufbauorganisationen mitwirken, zu deren Adressaten sie die Arbeiterklasse erkl\u00e4ren, eine Klasse, die sie (in der maoistischen Variante) grunds\u00e4tzlich politisieren wollen oder auf die sie (in traditionellerer Manier) wieder ausdr\u00fccklich als ausgebeutete, besonders in Wirtschaftskrisen zu agitierende Klasse hoffen \u2013 wobei Hoffnung in ihrer Sicht ein ganz falsches Wort ist, sind sie doch sicher, im Rahmen umfangreicher marxistischer, leninistischer und\/oder maoistischer Analysen und Theorieableitungen bewiesen zu haben, dass entsprechende proletarische revolution\u00e4re Umschw\u00fcnge im Kapitalismus notwendigerweise bevorstehen. Die antiautorit\u00e4re Bewegung, also ihre zumindest teilweise eigene Vergangenheit, wird folglich von den Angeh\u00f6rigen der neuen Kaderparteien als kleinb\u00fcrgerliche Verirrung abgetan; die Ausrichtung an der Aktion, an losen Organisationsformen und an Tr\u00e4gergruppen abseits der westlichen Industriearbeiterschicht spielt keinerlei Rolle mehr.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"1974 Frankfurt 1. Mai-Demo\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/EWpkUdVKyIQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Zu einem Teil \u00fcberzogen ist die r\u00fcckblickende kommunistische Kritik an der au\u00dferparlamentarischen Bewegung von \u201968, weil man \u00e4hnliche Einsch\u00e4tzungen bereits in ihr finden kann. Dies betrifft nicht nur die sozialistisch-marxistischen Vertreter bzw. maoistischen Parteiungen, die im deutschen bzw. amerikanischen SDS bereits vor dem Jahr 1968 anzutreffen sind, sondern ebenfalls deren antiautorit\u00e4re Widersacher. Selbst Herbert Marcuse, der die alte Arbeiterklasse deutlich als revolution\u00e4res Subjekt verabschiedet hat, m\u00f6chte die Diagnose Mitte 1967 nur auf die USA bezogen wissen, in Europa h\u00e4lt er es durchaus f\u00fcr m\u00f6glich, dass die Arbeiter zusammen mit den Unterprivilegierten ein \u00bbneues Proletariat\u00ab bilden k\u00f6nnten (1998: 273). Potentielle Verfechter der Randgruppenpolitik passen 1968 ihre Konzepte insofern an die \u00fcberkommene marxistische Theorie an, als sie in der Jugend eine besonders ausgebeutete und niedergedr\u00fcckte Klasse entdecken (Klonsky 1968) oder sie als \u00bbVorposten des Proletariats\u00ab bestimmen (Glucksmann 1969: 34). Selbst Sprecher des deutschen SDS (und nicht nur Au\u00dfenstehende, denen der interne Vorlauf von Entscheidungen verborgen bleiben kann) zeigen sich \u00fcberrascht, mit welch hohem Tempo um die Jahreswende 1967\/68 die \u00fcberwiegende Zahl der Mitglieder im Verband von Marcuses Randgruppen-Theorem zu Klassenkampf-Parolen \u00fcbergeht. Sog. Basisgruppen versuchen bereits ab Anfang 1968 als \u00bbselbsternannte Avantgarden\u00ab in Betrieben Arbeiter und Angestellte zu erreichen, um zusammen mit ihnen Protestaktionen abseits der bestehenden Gewerkschaften durchzuf\u00fchren (Dutschke\/K\u00e4semann\/Sch\u00f6ller 1968: 20f.); solche Basisgruppen agieren aber noch autonom, sind ausdr\u00fccklich noch keine zentral gesteuerten Vertreter einer Partei; zudem bem\u00fchen sich die unterschiedlichen Gruppen nicht nur um Arbeiter in Betrieben, sondern z.B. auch um Mieter in bestimmten Stadtvierten.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"H\u00e4userkampf Frankfurt 1974, KBW-Film Rolle 1 (Kopie)\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/5rW22DtTHbo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens die Streikwelle der Arbeiter im Anschluss an die studentischen Proteste im Pariser Mai \u201968 beweist vielen (ehemaligen) Anh\u00e4ngern der Kritischen Theorie, dass der stumme Zwang der modernen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse die Arbeiterklasse doch nicht durchdrungen habe. Zwar gibt es einigen Raum f\u00fcr unterschiedliche Deutungen: Gem\u00e4\u00df der \u00e4lteren These von der neuen Arbeiterklasse verweist eine Hand voll Theoretiker der Neuen Linken auf die treibende Kraft der franz\u00f6sischen Jungarbeiter und der Besch\u00e4ftigten in technologisch avancierten Firmen oder Abteilungen, um in den wilden Streiks nicht nur eine antikapitalistische, sondern in erster Linie eine gegen die Herrschaft der Technokraten gerichtete Bewegung auszumachen; die meisten Akteure und Wortf\u00fchrer der Revolte erkennen aufgrund der Ereignisse jedoch in der Arbeiterklasse die entscheidende revolution\u00e4re Bewegung gegen b\u00fcrgerlichen Staat und kapitalistische Gesellschaft.<\/p>\n<p>Zwar herrscht unmittelbar nach den Ereignissen keineswegs Einigkeit, ob das wiederentdeckte revolution\u00e4re Subjekt der Leitung durch eine revolution\u00e4re Partei oder einer als Avantgarde fungierenden Aufbauorganisation bedarf, damit k\u00fcnftige Massenstreiks wirklich zu einem Umsturz f\u00fchren, oder ob nicht doch nach antiautorit\u00e4rem Muster ein \u00bbNetz von Aktionskomitees\u00ab (Glucksmann 1969: 76) ohne F\u00fchrungskader ausreicht. Zweifel am entscheidenden Gewicht der Arbeiterklasse als revolution\u00e4re Kraft sind von diesen Debatten jedoch schon h\u00e4ufig ausgenommen, in vielen F\u00e4llen werden bereits kurz danach \u2013 nach 1968 \u2013 ebenfalls die antiautorit\u00e4ren Bewegungs- durch striktere und zentralistischere Organisationsformen ersetzt werden.<\/p>\n<p>Auch dies gilt wiederum international; besonders sinnf\u00e4llig kommt das im Sommer 1969 durch die resignierte Klage des entmachteten amerikanischen SDS-Sprechers Tom Hayden \u00fcber den <em>distorted proletarianism<\/em> seiner fr\u00fcheren antiautorit\u00e4ren Mitstreiter zum Ausdruck (Bardacke\/Hayden 1971: 147). Zum \u00bbProletarianismus\u00ab kommt auch in Amerika noch der Leninismus hinzu. Liegt in Frankreich nach den von Millionen Arbeitern und Angestellten getragenen Streiks der Gedanke an eine leitende, organisierende Stelle nahe, dient in den anderen L\u00e4ndern genau umgekehrt die relative Erfolglosigkeit, breitere Teile der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Widerstandsaktionen zu gewinnen, als Argument zur Verabschiedung antiautorit\u00e4rer Prinzipien: \u00bbMany [New Leftists] abandoned their preference for a freewheeling, decentralized movement in favor of a wish for an ideologically unified and disciplined party\u00ab. Dieser Umbruch kann mit der eindeutigen Ersetzung von <em>student power<\/em> durch den Kampf der Arbeiterklasse einhergehen, er kann aber auch im Rahmen der vertrauten Identifikation mit den aufst\u00e4ndischen Bewegungen in den ehemaligen Kolonien erfolgen: \u00bbMany tried to abandon their identity as members of the intelligentsia, believing that material privilege made them unreliable for revolutionary struggle. For some, this meant an increase of identification with white workers; for others, it meant deep pessimism about the chances for revolution in the U.S., coupled with a belief that the only appropriate role for American radicals is to disrupt the imperialist machine so that Third World revolutionaries can make their struggle.\u00ab (Flacks 1971: 249)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"La guerre sociale permanente, l&#039;esprit de mai 1968\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ORgLOdaxKcQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Dieser strategische Ansatz leitet zum zweiten Punkt \u00fcber, an dem man \u00fcber \u00c4nderungen innerhalb der au\u00dferparlamentarischen Opposition bzw. \u00fcber einen eventuell vollzogenen Bruch mit den antiautorit\u00e4ren Prinzipien diskutieren kann \u2013 zu dem Punkt, der die neue oder, in anderer Lesart, lediglich ausgeweitete Rolle der Gewalt im politischen Kampf betrifft. Solche politisch begr\u00fcndete Gewalt, die man keineswegs dem bestehenden Staat als Mittel vorbehalten m\u00f6chte (Glucksmann 1969: 19), wird zumeist in erster Linie im Namen der antiimperialistischen Bewegungen in Lateinamerika und S\u00fcdostasien ausge\u00fcbt. Es gibt aber auch andere Varianten, die sich direkter auf die heimische Arbeiterklasse beziehen, zuerst \u2013 wie in Frankreich und Italien \u2013 auf konkrete Auseinandersetzungen in Fabriken, sp\u00e4ter \u2013 wie in Deutschland und wiederum Italien \u2013 auf abstraktere, allgemeinere Schemen dieser Klasse. Insofern \u00fcberschneidet sich die programmatische Ausrichtung der gewaltsamen Gruppen mit denen der kommunistischen Kader; auch die RAF kritisiert den Marcuse zugeschriebenen Glauben von Teilen der Studentenbewegung, selbst das revolution\u00e4re Subjekt zu sein, scharf, verteidigt jedoch andererseits ihren sozialistisch-internationalistischen Teil nachdr\u00fccklich, um an ihn in kommunistisch-maoistischer Absicht anzukn\u00fcpfen (neben bzw. vor den proletarisch orientierten Stadtguerilla-Gruppen sind einige eher anarchistisch-antiautorit\u00e4r inspirierte Terrorans\u00e4tze aber ebenfalls zu verzeichnen).<\/p>\n<p>Allen Formen der nach 1968 eingesetzten linksradikalen Gewalt ist gemeinsam, dass sie sich deutlich von der zuvor gezeigten Militanz unterscheiden; a) weil die Anschl\u00e4ge erstens h\u00e4ufiger auch gegen Menschen, nicht prinzipiell allein gegen Sachen gerichtet sind, b) weil sie von eigens daf\u00fcr gegr\u00fcndeten Organisationen ausge\u00fcbt werden, die ihre Taten vorab l\u00e4nger planen und nach den Anschl\u00e4gen oft schriftlich begr\u00fcnden (selbst die Brandanschl\u00e4ge gegen amerikanische Universit\u00e4ten im Fr\u00fchjahr\/Sommer 1968 blieben hingegen oft noch unerkl\u00e4rt). Gruppen wie die franz\u00f6sischen Gauche Prol\u00e9tarienne, die amerikanischen Weatherman und die deutsche RAF haben hingegen keinerlei Scheu, mit Mao zu erkl\u00e4ren, dass die Macht aus den Gewehrl\u00e4ufen komme, um zugleich keinen Zweifel daran zu lassen, dass der Satz f\u00fcr sie nicht ein Sinnspruch zum vermuteten Wesen des Staates darstellt, sondern eine entschiedene Handlungsanweisung an die linken Aktivisten.<\/p>\n<p>Au\u00dfer in Italien gibt es zwar keine zahlenm\u00e4\u00dfig nennenswerten Kr\u00e4fte, die sich der Maxime praktisch verschreiben, daf\u00fcr jedoch nicht wenige Studenten und Akademiker, welche die Aufforderung zumindest theoretisch nachvollziehen k\u00f6nnen, selbst wenn sie zumeist selber davon Abstand nehmen, sie \u00f6ffentlich ausdr\u00fccklich mit Worten zu unterst\u00fctzen. Bei keinem Geringeren als Jean-Paul Sartre, der sich mit der Gauche Prol\u00e9tarienne solidarisiert, nachdem sie verboten worden ist, findet sich die Argumentation allerdings einmal offen ausgebildet. Zuerst weist er allgemein darauf hin, dass man an der bestehenden Gesellschaft nichts \u00e4ndern k\u00f6nne, wenn man sich als Intellektueller von der \u00bbGewalt der Massen\u00ab distanziere; verfahre man so, \u00fcbergehe man einfach den entscheidenden Umstand, dass solche Gewalt nur eine Reaktion auf die herrschende Gewalt sei, eine Gewalt, die Sartre in den unterschiedlichsten Anforderungen und Zw\u00e4ngen ausgebildet sieht, in den \u00bbunertr\u00e4glichen Arbeitsnormen\u00ab etwa oder der \u00bbsystematischen Ruinierung der Kleinbetriebe\u00ab (1971a: 48). In einem anderen Gespr\u00e4ch nimmt seine Rechtfertigung der Gegengewalt jedoch einen wesentlich konkreteren Charakter an. Angesichts einer Gesellschaft wie der Frankreichs, welche die Repression zum \u00c4u\u00dfersten treiben k\u00f6nne, sei die einzige Antwort und zugleich das einzige Mittel die Gewalt; man werde die kapitalistische Gesellschaft nie dazu bringen, einer sozialistischen Gesellschaft \u00bbfreundlich den Platz zu r\u00e4umen\u00ab, deshalb sei ein entsprechender Umbruch mit \u00bbsofortiger und totaler Gewalt\u00ab verbunden. Noch genauer und pers\u00f6nlicher gesagt:<\/p>\n<p>\u00bb[&#8230;] Gewalt ist immer schlecht, das steht au\u00dfer Frage. Nur ist sie unerl\u00e4\u00dflich und da gut, wo sie Volksgewalt ist. [&#8230;] In dieser Hinsicht habe ich immer die Ansicht vertreten, einen Direktor einzusperren, sei gut, aber das k\u00f6nne nur geschehen, wenn die Gesamtheit der Fabrik einverstanden ist. Ich bin grunds\u00e4tzlich f\u00fcr Entf\u00fchrungen, nur wei\u00df ich nicht, wie die Gesamtheit der Franzosen reagiert, die es ja f\u00fcr Entf\u00fchrungen in Frankreich zu gewinnen gilt. In jedem Fall ist es eine Frage der politischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit. [&#8230;] Eine Entf\u00fchrung ist weder gut noch schlecht. Sie ist politisch g\u00fcltig unter bestimmten Umst\u00e4nden und gem\u00e4\u00df der Effektivit\u00e4t, die sie enth\u00e4lt. Wenn ich in der Situation st\u00fcnde, einen gefesselten, gefangenen Menschen umlegen zu m\u00fcssen, dann w\u00e4re mir das ziemlich entsetzlich \u2013 aber man darf es eben nicht auf diese Weise, individuell sehen. Man mu\u00df einzig und allein die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit betrachten. Da also, wo Entf\u00fchrungen zweckm\u00e4\u00dfig sind, d. h. da, wo der Klassenkampf sich auf einer gewissen H\u00f6he entfaltet hat, erscheint mir das vollkommen gerechtfertigt.\u00ab (1971b: 77f.)<\/p>\n<p>Wie an diesen Ausf\u00fchrungen bereits zu erahnen, pr\u00e4gt die versuchte Abgrenzung zu isolierten terroristischen Anschl\u00e4gen auch die wirklich gewaltsam vorgehenden Gruppierungen, die es im Gegensatz zu Sartre nicht bei gedanklichem Probehandeln belassen. Vor dem Hintergrund ihrer Taten sind Sartres Ausf\u00fchrungen zu verstehen. Sie alle findet man im Zeichen der Guerilla-Konzeption bestimmt von der Absicht \u2013 und dem Glauben \u2013, ihre gewaltsamen Aktionen im engen Verbund mit Teilen der Bev\u00f6lkerung durchzuf\u00fchren; sie alle stimmen dann aber auch darin \u00fcberein, dass sie tats\u00e4chlich mit ihren Anschl\u00e4gen (mehr oder weniger lang) fortfahren, als sich selbst f\u00fcr sie der Glaube als irrig h\u00e4tte erweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Weitere Formen und Ansatzpunkte der linksradikalen politischen Gewalt fallen jedoch unterschiedlich aus. Die Weatherman erkennen die f\u00fchrende Rolle der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und der Schwarzen in den USA an; auf die aus ihrer Sicht integrierte wei\u00dfe Arbeiterklasse setzen sie insgesamt keine Hoffnungen, wohl aber auf die (proletarische) Jugend. Um den Kampf auch ins Mutterland des Imperialismus zu \u00fcbertragen, versuchen sie darum zuerst, die wei\u00dfen Jugendlichen zu offenem Widerstand in Feldschlachten mit der Polizei zu bewegen; nach solchen riskanten, verlustreichen Versuchen ziehen sich die Weatherman in kleine, geheime Gruppen zur\u00fcck, um einige Anschl\u00e4ge gegen repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Kg7N6lhjZeA<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sischen Gauche Prol\u00e9tarienne hingegen setzen \u00fcberwiegend auf die Arbeiter in den Fabriken und sehen sich selbst als Partisanenk\u00e4mpfer, die Aktionen gegen Chefs und Unternehmer unterst\u00fctzen oder im Einverst\u00e4ndnis mit der Belegschaft durchf\u00fchren. Auch die deutsche RAF will mit ihren Anschl\u00e4gen zur Revolutionierung der Arbeitermassen beitragen; im Unterschied zur Gauche Prol\u00e9tarienne geh\u00f6rt zu ihrem fr\u00fchen <em>Konzept Stadtguerilla<\/em> aber die organisatorische Absonderung von den Gruppen, die in Betrieben und Stadtteilen verankert sind.<\/p>\n<p>Verbunden ist diese Gewaltaus\u00fcbung und -begr\u00fcndung mit einigen Teilen der antiautorit\u00e4ren Bewegung insofern, als deren Sprecher \u2013 wie Dutschke oder Hayden \u2013 \u00fcber Sabotageakte und Guerilla-Aktionen in den westlichen L\u00e4ndern laut nachgedacht haben. Solche \u00dcbereinstimmungen werden etwa von der RAF genutzt, um sich selbst als \u2013 nun organisatorisch und strategisch besser konzipierter \u2013 Nachfolger der Studentenbewegung auszugeben. \u00dcberwiegend dient der Hinweis auf solche Schnittmengen aber nat\u00fcrlich dazu, die au\u00dferparlamentarische Opposition r\u00fcckwirkend zu diskreditieren. In einer quasi-offiziellen sowjetischen Abhandlung aus der ersten H\u00e4lfte der 70er Jahre hei\u00dft es etwa, dass die durch kleine linksextremistische Gruppen betriebene Aufnahme der \u00bbvon Rudi Dutschke unterst\u00fctzten Losung \u203aden Partisanenkampf in den Dschungeln der Gro\u00dfst\u00e4dte zu beginnen\u2039\u00ab ein konterrevolution\u00e4res Unterfangen darstelle (Batalow 1975: 183).<\/p>\n<p>Gegen die Zuspitzungen der sowjetischen, aber nat\u00fcrlich auch der im Ansatz vergleichbaren konservativen und liberalen Kritiker spricht jedoch, dass jemand wie Dutschke seine Losung weder in die Tat umgesetzt noch (wie sp\u00e4ter Sartre) offen oder in gro\u00dfem \u00f6ffentlichen Zusammenhang entfaltet hat; zu einem betr\u00e4chtlichen Teil fungierte die Rede von der metropolitanen Guerilla sogar ja nur als rhetorische Intensivierung der propagierten Ordnungsverst\u00f6\u00dfe und der angestrebten Aufhebung hierarchischer Trennungen.<\/p>\n<p>Freilich kann man umgekehrt f\u00fcr die These einfach anbringen, dass es zahlreiche andere personelle \u00dcberschneidungen gibt \u2013 in den gewaltt\u00e4tigen Gruppen der Jahre 1969-1972 befinden sich fast ausschlie\u00dflich fr\u00fchere Anh\u00e4nger der Studentenbewegung und selbst eine Reihe ihrer Wortf\u00fchrer (wie Bernardine Dohrn in den USA oder Alain Geismar in Frankreich). Die Frage nach dem Zusammenhang der antiautorit\u00e4ren Bewegung der Jahre 1964-68 mit den Bestrebungen am Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre ist deshalb in dieser Hinsicht nicht eindeutig zu beantworten. Das gilt f\u00fcr die terroristischen Gruppen, und es gilt gleichfalls f\u00fcr die neu gegr\u00fcndeten kommunistischen Organisationen, die wieder ganz auf straffe Organisation und die Arbeiterklasse (oder die Volksfront) setzen.<\/p>\n<p>Festzuhalten bleibt jedoch, dass in beiden F\u00e4llen zwar personelle Kontinuit\u00e4ten zu verzeichnen sind, sich jedoch nach 1968 die Organisationen nicht allein dem Namen nach, sondern auch zu einem gro\u00dfen Teil in ihren Organisationsformen \u00e4ndern. Zus\u00e4tzlich steht fest, dass nicht nur andere Mittel \u2013 zentralistische Parteiarbeit bzw. Gewalt \u2013 und Adressaten \u2013 die proletarischen Massen oder Jugendlichen \u2013, neu in den Vordergrund, sondern auch einige \u00e4ltere Ziele in den Hintergrund r\u00fccken; die Konsumkritik der Neuen Linken etwa wird von den Kommunisten angesichts der ihrer Meinung nach weiterhin bestehenden schlechten materiellen Lage der meisten Arbeiter ebenso vernachl\u00e4ssigt oder ganz verworfen wie die scharfe Kritik an vielen Formen der Arbeitsteilung; die Ausrichtung am Prinzip direkter, nicht repr\u00e4sentativer Demokratie wird in den meisten kommunistischen oder terroristischen Avantgardeorganisationen allenfalls f\u00fcr den engen Kreis der Mitglieder postuliert.<\/p>\n<p>Eine (weitgehende) Identit\u00e4t von antiautorit\u00e4rer Bewegung und den nach 1968 rasch entstehenden maoistischen und leninistischen Gruppierungen kann deshalb ausgeschlossen werden. Kompliziert wird die Sache aber dadurch, dass zum einen viele wichtige Ziele die gleichen bleiben \u2013 Ablehnung des b\u00fcrgerlich-formalen Rechtsstaats, der amerikanisch-imperialistischen Interventionen, der kapitalistischen Eigentumsordnung \u2013 und zum anderen die antiautorit\u00e4re Opposition sowie manche Theoretiker der Neuen Linken auf dem H\u00f6he- bzw. fast auch schon Endpunkt der Bewegung im Fr\u00fchjahr 1968 sich zumindest in Absichtserkl\u00e4rungen verst\u00e4rkt der marxistischen Lehre und der Arbeiterklasse zuwenden. Darum bleibt es in vielerlei Hinsicht m\u00f6glich, je nach Einsch\u00e4tzung (und nat\u00fcrlich in unserem Falle auch nach politischer Opportunit\u00e4t) die Kontinuit\u00e4t oder den Abstand zwischen der au\u00dferparlamentarischen Opposition und den sp\u00e4teren kaderkommunistischen oder gar gewaltt\u00e4tigen Organisationen zu betonen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Batalow, E. J. (1975): <em>Philosophie der Rebellion. Kritik der Ideologie des Linksradikalismus<\/em> [sowjetisches Original 1973], Berlin.<\/p>\n<p>Bardacke, Frank\/Hayden, Tom (1971): \u00bbFree Berkeley\u00ab [1969]. In: Stolz 1971, S. 135-155.<\/p>\n<p>Castoriadis, Cornelius (1980b): \u00bbDie Revolution neu beginnen\u00ab [frz. Original 1964]. In: Ders., <em>Sozialismus oder Barbarei. Analysen und Aufrufe zur kulturrevolution\u00e4ren Ver\u00e4nderung<\/em>, Berlin, S. 145-180.<\/p>\n<p>Dutschke, Rudi\/K\u00e4semann, T.\/Sch\u00f6ller, R. (1968): \u00bbVorwort\u00ab. In: R\u00e9gis Debray\/Fidel Castro\/K. S. Karol\/Gisela Mandel, <em>Der lange Marsch<\/em>, M\u00fcnchen, S. 5-24.<\/p>\n<p>Flacks, Richard (1971b): \u00bbRevolt of the Young Intelligentsia: Revolutionary Class-Consciousness in Post-Scarcity America\u00ab [1969]. In: Roderick Aya\/Norman Miller (Hg.), <em>The New American Revolution<\/em>, New York und London, S. 223-263.<\/p>\n<p>Gilcher-Holtey, Ingrid (2001): <em>Die 68er Bewegung. Deutschland \u2013 Westeuropa \u2013 USA<\/em>, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Glucksmann, Andr\u00e9 (1969): \u00bbStrategie und Revolution \u2013 Frankreich 1968\u00ab [Strat\u00e9gie et revolution en France 1968\u00ab (1968)]. In: Ders. u.a., <em>Revolution Frankreich 1968. Ereignisse und Perspektiven<\/em>, Frankfurt am Main, S. 7-80.<\/p>\n<p>Gorz, Andr\u00e9 (1967): <em>Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus<\/em> [Strat\u00e9gie ouvriere et n\u00e9o-capitalisme (1964)], Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Klonsky, Mike (1968): \u00bbToward a Revolutionary Youth Movement\u00ab. In: <em>New Left Notes<\/em>, 23.12.1968, S. 3.<\/p>\n<p>Kraushaar, Wolfgang (Hg.) (1998): <em>Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail<\/em>, Bd. 2: Dokumente, Hamburg.<\/p>\n<p>Long, Priscilla (Hg.) (1969): <em>The New Left. A Collection of Essays<\/em>, Boston.<\/p>\n<p>Luk\u00e1cs, Georg (1970): \u00bbDie Verdinglichung und das Bewu\u00dftsein des Proletariats\u00ab. In: Ders., <em>Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein. Studien \u00fcber marxistische Dialektik<\/em> [1923], Neuwied und Berlin, S. 170-355.<\/p>\n<p>Lynd, Staughton (1969): \u00bbTowards a History of the New Left\u00ab. In: Long 1969, S. 1-13.<\/p>\n<p>Marcuse, Herbert (1964): <em>Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus<\/em> [Soviet-Marxism: A Critical Analysis (1957], Neuwied und Berlin.<\/p>\n<p>Marcuse, Herbert (1998): \u00bbDas Problem der Gewalt in der Opposition\u00ab [1967]. In: Kraushaar 1998, S. 272-275.<\/p>\n<p>Sartre, Jean-Paul (1971a): \u00bbB\u00fcrgerkrieg in Frankreich?\u00ab [Interview mit Andr\u00e9 Glucksmann, 1970]. In: Ders., <em>Der Intellektuelle und die Revolution<\/em>, Neuwied und Berlin, S. 36-57.<\/p>\n<p>Sartre, Jean-Paul (1971b): \u00bbEin Betriebstribunal\u00ab [Interview, 1971]. In: Ders., <em>Der Intellektuelle und die Revolution<\/em>, Neuwied und Berlin, S. 58-80.<\/p>\n<p>Stolz, Matthew (1971): <em>Politics of the New Left<\/em>, Beverly Hills und London.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Online-Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des transcript Verlags.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Hecken: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik, Bielefeld 2008.<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entfremdungskritik, Gewaltfrage, revolution\u00e4res Subjekt<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[90107,206,645,1421,1657,1803,1903,1991],"class_list":["post-7839","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-90107","tag-antiautoritaer","tag-entfremdungskritik","tag-mai-revolte","tag-new-left","tag-politische-gewalt","tag-proletarische-wende","tag-revolutionaeres-subjekt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7839"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7839\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}