{"id":7903,"date":"2018-04-19T09:34:28","date_gmt":"2018-04-19T07:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=7903"},"modified":"2018-04-19T09:34:28","modified_gmt":"2018-04-19T07:34:28","slug":"der-echodie-indifferenz-der-reinen-popularitaetvon-niels-penke19-04-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/04\/19\/der-echodie-indifferenz-der-reinen-popularitaetvon-niels-penke19-04-2018\/","title":{"rendered":"Der ECHODie Indifferenz der reinen Popularit\u00e4tvon Niels Penke19.4.2018"},"content":{"rendered":"<p>Der Name ist Programm<!--more--><\/p>\n<p>Die Debatte um die Verleihung des ECHOs an Farid Bang und Kollegah f\u00fcr ihr Album &#8222;Jung, brutal, gutaussehend 3&#8220; bestimmt die Feuilletons ebenso wie die Kommentarspalten auf Facebook. Im Zentrum steht die Trias von Kunstfreiheit, Geschmack bzw. Geschmacklosigkeit und einer Reihe von Antisemitismusvorw\u00fcrfen bzw. antisemitischer Aussagen der beiden Rapper. Hier soll es aber weder darum gehen, am Beispiel von Songtexten die Freiheit der Kunst zu er\u00f6rtern oder diese auf ihren antisemitischen Gehalt<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> zu \u00fcberpr\u00fcfen, sondern um die Rolle des Musikpreises, dessen Verleihung die Debatte erst initiiert hat.<\/p>\n<p>\u201eDer Deutsche Musikpreis ECHO\u201c, preist der Bundesverband Musikindustrie die Preisverleihung an, \u201eist seit 1992 der H\u00f6hepunkt eines jeden Musikjahres.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dieser H\u00f6hepunkt ist ein Event, das veranstalterseitig den US-amerikanischen Grammys als gleichrangig angesehen wird. Alles, was Rang und Namen hat, gibt sich dort die Klinke und gegebenenfalls auch eine Troph\u00e4e in die Hand. Wer aber eine Chance auf die Troph\u00e4e bekommt, dar\u00fcber entscheidet allein der Rang als das quantitativ messbar bessere Abschneiden von Musikern und Musikerinnen in Konkurrenz zu anderen ihrer Art. Denn anders als andere Kulturpreise orientiert sich der ECHO f\u00fcr seine Nominierungen und Auszeichnungen zun\u00e4chst allein an Verkaufszahlen und Userrankings \u2013 eine Bewertung jenseits dieser rein objektiven Zahlen findet nicht statt. Auf dieser Grundlage werden in jeder Rubrik (HipHop, Rock usw.) die f\u00fcnf erfolgreichsten Akteure vorausgew\u00e4hlt und einer Jury zur Abstimmung vorgelegt, die mit ihren Stimmen das Ergebnis zwar beeinflussen k\u00f6nnen, es jedoch gegen besonders erfolgreiche Alben oder Bands schwer haben.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Vielfach ausgezeichnete K\u00fcnstlerInnen und Acts wie Helene Fischer, die Kastelruther Spatzen, Herbert Gr\u00f6nemeyer, Anna Netrebko oder Rammstein wird es nicht st\u00f6ren, dass sie neben guten Verkaufszahlen f\u00fcr genau diese auch noch mit Preisen \u00fcberh\u00e4uft werden, die einen Mehrwert an symbolischem Kapital bedeuten, obwohl sie eigentlich nur Ausdruck rein \u00f6konomischen Kapitals sind.<\/p>\n<p>Fragw\u00fcrdig sind jedoch weniger diejenigen, die diese Preise annehmen, als vielmehr jene, die diesen Preis ersonnen haben und sich erst mit Auftauchen von Kritik um den Beistand eines \u201aEthikrates\u2019 bem\u00fchen, der letztlich auch zu einer Unbedenklichkeitseinsch\u00e4tzung gelangt.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Denn wer sich einem solchen Bewertungsregime unterwirft, das nur die Zahlen von verkauften Tontr\u00e4gern, Downloads und Klicks registriert, hat sich bereits apriori jeder Verantwortung f\u00fcr Inhalte entledigt \u2013 egal ob \u201apatriotische\u2019 Heimat-Rocker im Selbstviktimierungswahn (vgl. Frei.Wild; 2010, 2013, 2014; 2016) oder eben homophobe Gewaltapolegeten, die brutal-gutaussehend mit antisemitischer Rhetorik \u00fcber die j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung aufkl\u00e4ren wollen (2018). Argumente jenseits der Zahl kennt die der Preisverleihung zugrundeliegende Evaluation nicht.<\/p>\n<p>ECHO, der Name ist Programm, auch wenn seine Initiatoren damit urspr\u00fcnglich wohl einen anderen Klang im Sinn hatten. Denn anders als die mythologische Bergnymphe, die von h\u00f6heren M\u00e4chten mit dem Zwang zur ewigen Wiederholung gestraft wurde, hat sich die deutsche Musikindustrie ihre Rolle selbst ausgesucht. Sie glaubt an die selbstlegitimierende Funktion des Marktes. Doch die Orientierung an nackten Zahlen, die unabh\u00e4ngig davon betrieben wird, was ihnen in Form und Inhalt der evaluierten Kunstwerke jeweils zugrunde liegt, ist der Eingang in die totale Unm\u00fcndigkeit. Eine Unm\u00fcndigkeit, die im Zweifelsfall, den sie jedoch nie als solchen erkennen kann, auch Antisemiten und Menschenfeinde aller Art f\u00fcr ihre Kunst auszeichnen muss. Die Musikindustrie agiert mit ihrem ECHO als nicht nur Adornos schlimmster Alptraum, als eine Variante der Kulturindustrie, die sich einerseits das Menschliche weitest m\u00f6glich ausgetrieben hat, andererseits dennoch die Ausl\u00f6schung Israels propagieren kann. Auf Seiten der Evaluation sind menschliche Operationen \u2013 n\u00e4mlich die \u00e4sthetische wie politische \u00c4stimation \u2013 kategorisch in den Hintergrund gestellt, die nur noch akklamierenden Charakter haben. Auf Seiten der Ausgezeichneten aber ist alles m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Industrie jedoch interessiert dies anscheinend wenig; sie praktiziert stattdessen Selbstgenuss am Beispiel ihrer Erfolge, wenn sie die meistgeklickten und meistgekauften Songs, Alben und Acts aus der Latenz im Hintergrund erhobener Daten auf der B\u00fchne ausstellt und somit Popularit\u00e4t sichtbar macht. Selbstgenuss, weil sie ja ohnehin schon wei\u00df, wer die \u201aBesten\u2019 und \u201aErfolgsreichsten\u2019 sind, die bei der gro\u00dfen Gala auftreten d\u00fcrfen. Sie qualifiziert sich selbst als Wiederholerin, die durch die turnusm\u00e4\u00dfige Eventisierung und aufwendige mediale Inszenierung zus\u00e4tzlich resonanzverst\u00e4rkend wirkt, um all dem zus\u00e4tzlichen Nachdruck zu verleihen, was ohnehin schon gro\u00dfe Popularit\u00e4t genie\u00dft. Wer von dieser indifferenten \u00d6konomie nicht reden will, kann zum Antisemitismus nur schweigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/germanistik\/mitarbeiter\/penke_niels\/\">Dr. Niels Penke<\/a>\u00a0ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wer seine positiven physischen Merkmale \u00fcber den Vergleich mit Auschwitzinsassen (vgl. den Song \u201a0815\u2019), die er damit verspottet, herausstellt, und zugleich von einer friedlichen Welt ohne Judentum tr\u00e4umt, das als d\u00e4monische Macht hinter allem \u00dcbel in der Welt gesehen wird (vgl. den Song \u201aApokalypse\u2019), bedient sich mehr als nur eines Bausteins des modernen Antisemitismus. Selbst wenn, wie auf v.a. Twitter zu lesen, zwischen Mensch und Kunst-Figur zu trennen ist, dann sind es eben antisemitische Kunstfiguren, die ihre eliminatorischen Tr\u00e4ume von einer judenfreien Welt \u00f6ffentlich ausstellen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> http:\/\/www.musikindustrie.de\/echo\/ (Stand 19.04.2018)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Zum Prozedere der Entscheidungsfindung vgl. http:\/\/meedia.de\/2018\/04\/13\/chart-erfolg-plus-juroren-stimmen-so-kamen-die-umstrittenen-rapper-kollegah-und-farid-bang-zu-ihrem-echo\/ (Stand 19.04.2018)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. https:\/\/www.nmz.de\/online\/ein-armseliger-echo-beirat-und-die-frage-der-grundrechte. (Stand 19.04.2018)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Name ist Programm<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[85428],"tags":[70,427,609,655,690,693,717,1248,1318,1590,1845,1863,1930,2429,2578],"class_list":["post-7903","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufsaetze","tag-adorno","tag-charts","tag-echo","tag-erfolg","tag-evaluation","tag-eventisierung","tag-farid-bang","tag-kollegah","tag-kulturindustrie","tag-musikindustrie","tag-popkultur","tag-popularitaet","tag-quantitaet","tag-unmuendigkeit","tag-zahlen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7903"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7903\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}