{"id":8125,"date":"2018-07-25T08:41:10","date_gmt":"2018-07-25T06:41:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8125"},"modified":"2018-07-25T08:41:10","modified_gmt":"2018-07-25T06:41:10","slug":"social-media-julivon-wolfgang-ullrich25-7-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/07\/25\/social-media-julivon-wolfgang-ullrich25-7-2018\/","title":{"rendered":"Social Media Julivon Wolfgang Ullrich25.7.2018"},"content":{"rendered":"<p>Das identit\u00e4r-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine <i>Tumblr<\/i>-Recherche<!--more--><\/p>\n<p>Versucht Robert Menasse in seinem Roman <i>Die Hauptstadt<\/i> (2017), f\u00fcr die Idee einer supranationalen Europ\u00e4ischen Union zu werben, so schildert er doch vor allem, dass die meisten EU-Beamten selbst nur wenig davon halten, nach und nach mehr Entscheidungen von den nationalen Regierungen an eine europ\u00e4ische Regierung zu \u00fcbertragen. Schon eine Kampagne, die nur das Image der EU-Kommission verbessern soll, \u00fcberfordert die Br\u00fcsseler B\u00fcrokraten: Sie finden keine plausible \u2013 motivierende und verbindende \u2013 Erz\u00e4hlung f\u00fcr die Entwicklung und Zukunft der EU. Daher l\u00e4sst sich Menasses Roman auch als Hilferuf lesen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die f\u00fcr jene Kampagne Zust\u00e4ndigen glauben, es gen\u00fcge, sich auf Auschwitz zu berufen, um einen gesamteurop\u00e4ischen Geist zu st\u00e4rken. Immerhin gelte: \u201eNichts in der Geschichte hat die verschiedenen Identit\u00e4ten, Mentalit\u00e4ten und Kulturen Europas, die Religionen, die verschiedenen so genannten Rassen und ehemals verfeindete Weltanschauungen so verbunden, nichts hat eine so fundamentale Gemeinsamkeit aller Menschen geschaffen wie die Erfahrung von Auschwitz.\u201c In den KZs der Nazis sei es zur \u201e\u00dcberwindung des Nationalgef\u00fchls\u201c gekommen, und damit sei \u00fcberhaupt erst die Idee entstanden, als deren \u201eH\u00fcter\u201c sich die EU nun zu begreifen habe. Sie habe die \u201eSicherheit eines Lebens in W\u00fcrde\u201c zu gew\u00e4hren, die in den Lagern der Nazis so grauenhaft missachtet worden sei.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das \u201eNarrativ der Europ\u00e4ischen Kommission\u201c besage demnach, dass diese \u201eals Antwort auf den Holocaust\u201c gegr\u00fcndet wurde, der sich \u201enie mehr wiederholen\u201c solle, denn \u201ewir garantieren Frieden und Rechtzustand\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>In einem Thinktank wird sogar die Idee vorgestellt, in Auschwitz als dem \u201eFundament, auf dem das Europ\u00e4ische Einigungswerk errichtet wurde\u201c, die neue Hauptstadt Europas zu bauen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Der Vorschlag kommt in Menasses Roman von einem emeritierten Wirtschaftsprofessor, also von einem Vertreter einer Generation, deren Herkunft und Jugend noch wesentlich von der NS-Herrschaft gepr\u00e4gt wurde. Doch was f\u00fcr die eine Generation eine unvergessliche Lebenserfahrung ist, ist schon f\u00fcr die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste ziemlich abstrakt: nichts, woraus sich ein besonderes Sinnbed\u00fcrfnis ergeben k\u00f6nnte. Kaum etwas aber besch\u00e4ftigt Menasse mehr, als dass diejenigen, die das Holocaust-Narrativ stark gemacht haben, mittlerweile alt, oft sogar schon tot sind. In seinem Roman geht es auch darum, wie m\u00fchsam ist es, \u00fcberhaupt noch Auschwitz-\u00dcberlebende zu finden, die sich als Zeitzeugen f\u00fcr jene Kampagne einsetzen lie\u00dfen. Umso dringender br\u00e4uchte es somit ein neues, anderes Narrativ; doch f\u00e4llt den Beamten der EU in ihrer Hilflosigkeit nichts Besseres ein, als den alten Plot auf die Spitze zu treiben, was dessen Glaubw\u00fcrdigkeit nur weiter schm\u00e4lert.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Am Ende des Romans werden die Hauptprotagonisten Opfer eines Terroranschlags in der Br\u00fcsseler Metro. Ohne dass es ausdr\u00fccklich gesagt werden m\u00fcsste, ist klar, dass es sich dabei um ein islamistisches Selbstmordattentat handelt. Und damit steht pl\u00f6tzlich auch vor Augen, welches ganz andere Narrativ dazu geeignet sein k\u00f6nnte, ein europ\u00e4isches Wir-Gef\u00fchl zu st\u00e4rken: Die Angst vor Terror und Islamisierung, letztlich also ein gemeinsamer Feind, bringt die B\u00fcrger der L\u00e4nder der EU enger zusammen und l\u00e4sst etwas Gemeinsames jenseits blo\u00df nationaler Zugeh\u00f6rigkeiten sp\u00fcrbar werden. Zugleich aber steht au\u00dfer Frage, dass ein solches Narrativ nicht das der Europ\u00e4ischen Kommission sein k\u00f6nnte. Immerhin m\u00fcsste man dann ja den Feind immer wieder eigens als solchen zur Geltung zu bringen, damit also von einer Politik des Friedens und des Pluralismus Abschied nehmen. Statt sich weiterhin, als Lehre von Auschwitz, den Menschenrechten und einer (mehr oder weniger) humanit\u00e4ren Politik verpflichtet zu f\u00fchlen, h\u00e4tte man aus einem offenen Staatengebilde die Festung Europa zu machen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wird diese auch gefordert \u2013 und werden Terroristen und Fl\u00fcchtlinge gleicherma\u00dfen zu Feinden erkl\u00e4rt, die es unter allen Umst\u00e4nden abzuwehren gelte. Die dabei treibenden Kr\u00e4fte sind vornehmlich rechtsgerichtete und populistische Parteien, die in fast allen L\u00e4ndern Europas bei Wahlen mittlerweile deutlich zweistellige Prozentzahlen erzielen und die immer h\u00e4ufiger sogar an die Macht gelangen. Dass sie so stark werden, liegt nicht zuletzt daran, dass sich in ihrem Narrativ viele Menschen besser erkennen k\u00f6nnen als in dem, das in den ersten Jahrzehnten der Europ\u00e4ischen Union noch zuverl\u00e4ssig Orientierung gab. Und da weder die Offiziellen der EU noch ein so engagierter Schriftsteller wie Robert Menasse ein neues Narrativ im Angebot haben, f\u00e4llt es denen, die die Festung Europa gegen die EU ausspielen, umso leichter, mit ihrer Erz\u00e4hlung durchzukommen.<\/p>\n<p>Da die neuen Fronten nicht zwischen einzelnen L\u00e4ndern, sondern innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten verlaufen, bef\u00fcrchten einige sogar bereits einen \u201eneuen B\u00fcrgerkrieg\u201c. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Gu\u00e9rot diagnostiziert, dass \u201edas klassische politische Rechts-links-Schema\u201c abgel\u00f6st werde \u201edurch die Anh\u00e4nger einer \u00d6ffnungsagenda und die Adepten einer Abschottung Europas\u201c. Letztere sind nicht einfach nur Nationalisten alten Stils, sondern genauso europaweit organisiert wie die EU-Bef\u00fcrworter; dank des zugkr\u00e4ftigen Plots erzeugen sie aktuell vielleicht sogar eine st\u00e4rkere europ\u00e4ische Dynamik als diejenigen, die sich f\u00fcr den Fortbestand und weiteren Ausbau der EU einsetzen. Gu\u00e9rot spricht von \u201eder dialektischen Pointe, dass die heutigen Vertreter des europ\u00e4ischen Ungeistes als <i>europ\u00e4ische<\/i> Bewegung daherkommen\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Das aber ist in der \u00f6ffentlichen Diskussion noch nicht deutlich genug \u2013 vor allem bleibt unscharf, was f\u00fcr eine Gefahr von einer solchen EU-feindlichen Besetzung des Europa-Begriffs ausgeht. Dabei ist diese Besetzung \u2013 wie die im folgenden dokumentierte Recherche belegen soll \u2013 bereits ziemlich weit gediehen; sie manifestiert sich nicht nur in Reden und Texten, sondern beinhaltet auch zahlreiche Ikonografien sowie ein umfassendes Programm der Bildpropaganda. Letzteres l\u00e4sst sich insbesondere in den Sozialen Medien antreffen \u2013 und dabei wohl nirgendwo sonst so vielf\u00e4ltig und professionell wie auf Blogs und Accounts von rechtsradikalen Str\u00f6mungen wie der Identit\u00e4ren Bewegung (IB).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Diese war es auch, die im Sommer 2017 die bisher spektakul\u00e4rste Aktion startete, als sie unter dem Titel \u201eDefend Europe\u201c ein Schiff charterte, um im Mittelmeer die privaten Seenotretter und NGOs zu observieren und daran zu hindern, Fl\u00fcchtlinge nach Europa zu bringen. Zu der international zusammengesetzten Crew von \u201eDefend Europe\u201c geh\u00f6rten sogar US-Amerikaner, was dazu passt, dass eine Gruppe der Alt-Right-Bewegung \u201eIdentity Evropa\u201c hei\u00dft und sich, innerhalb einer \u201aWhite Supremacy\u2019-Ideologie, auf die eigenen europ\u00e4ischen Wurzeln beruft. \u201eDefend Europe\u201c meint also vor allem die Verteidigung der als \u00fcberlegen empfundenen wei\u00dfen Rasse, und wie diese Aktion folgt auch fast jede andere Aktivit\u00e4t der IB dem Bestreben, jenes Narrativ von der Festung Europa noch dichter, noch emotionaler, noch suggestiver zu inszenieren. So besteht, nochmals in den Worten Gu\u00e9rots, kein Zweifel: \u201eDie Identit\u00e4ren wollen Europa.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Zum Beleg daf\u00fcr und zur Einstimmung auf einige der identit\u00e4r-europ\u00e4ischen Bildmuster sei zuerst jedoch (ungek\u00fcrzt) zitiert, was unter dem Lemma \u201aEuropa\u2019 in dem Band <i>Kontrakultur<\/i> (2017) zu finden ist, in dem Mario Alexander M\u00fcller, Identit\u00e4rer aus Halle und ebenfalls bei \u201eDefend Europe\u201c mit an Bord, Schl\u00fcsselbegriffe der rechtsextremen Szene versammelt hat:<\/p>\n<p>\u201eEuropa ist das Geheimnis, dem wir uns verschrieben haben. Es funkelt in den Augen unserer Kinder, peitscht vom Meer her durch unsere W\u00e4lder und fl\u00fcstert in der Stille unserer Kathedralen. Es ist \u00fcber die Jahrtausende bei uns geblieben, in Liedern, gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen, in der Art, wie wir uns lieben oder wie wir sterben.<br \/>\nEuropa ist nicht der Westen. Was sich in den letzten 200 Jahren aus dem intellektuellen Abfall der Universit\u00e4ten, dem Machtstreben der Unw\u00fcrdigen und dem teuflischen Geist des Geldes entwickelt hat, was heute als falsches Zauberwort von <i>der Menschheit<\/i> die V\u00f6lker der Welt verneint, ist das Anti-Europa in seiner reinsten Form.<span class=\"Apple-converted-space\"><br \/>\n<\/span>Europa ist das Land der Europ\u00e4er. Wie unsere Ahnen sind auch wir mit den Landschaften unserer Heimat verwachsen. Ihre W\u00e4lder rauschen in unserer Sprache, ihre Gebirge ragen in unsere Architektur, ihre Gezeiten spiegeln sich auf unserer Haut. Wir sind in Europa zu Hause und Europa lebt durch uns.<br \/>\nEuropa ist unser Schicksal. Wir sind nicht ohne Grund in der norddeutschen Tiefebene, in den Pyren\u00e4en oder in den hei\u00dfen Gassen Roms auf die Welt gekommen. Unsere Heimat ist uns Erbe und Auftrag zugleich.<br \/>\nUnd wenn es andere in die Welt zieht: Wir bleiben hier und sehen dem Schicksal entgegen.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Schon der erste Satz gibt den Ton vor: Europa als Geheimnis zu deklarieren, hei\u00dft, ihm eine Bedeutsamkeit zuzusprechen, die umso mehr Sinn und Schwere verhei\u00dft, als sie \u00fcblicherweise verborgen bleibt. Nur wenige sind offenbar in der Lage, durch die Profanit\u00e4t des Allt\u00e4glichen hindurch jenes Geheimnis zu erfassen und zu ertragen. So \u00fcbersetzen die Identit\u00e4ren das alte, von einem starken antizivilisatorischen Affekt gespeiste Motiv eines \u201ageheimen Deutschland\u2019 in das Motiv eines \u201ageheimen Europa\u2019 (vielleicht in Anspielung auf einen gleichlautenden Text von Franz Marc aus dem Jahr 1915). Sie beschw\u00f6ren eine Eigentlichkeit, die jenseits von Institutionen und politischem Pragmatismus \u2013 und am weitesten entfernt von Br\u00fcsseler B\u00fcrokratie \u2013 gesucht wird. Eng miteinander verbunden bergen die Natur und gro\u00dfe gemeinschaftliche Werke des Menschen, von antiken Mythen bis zu mittelalterlichen Kathedralen, das Geheimnis, w\u00e4hrend die Moderne keinen Sinn mehr daf\u00fcr hat, es gar zerst\u00f6rt. Aufkl\u00e4rung, Emanzipationsbewegungen, Menschenrechte und Kapitalismus werden innerhalb dieses kulturpessimistischen Dispositivs gleicherma\u00dfen als falsch, ja als anti-europ\u00e4isch gebrandmarkt. Allem Modernen will man sich daher widersetzen, egal um welchen Preis. Die wiederholte Nennung des Schicksals adelt die Verteidiger des wahren Europa zu opferbereiten Helden; mit viel Pathos erkl\u00e4rt M\u00fcller Heimatverbundenheit zum Merkmal einer coolen Subkultur.<\/p>\n<p>In den Sozialen Netzwerken gibt es unz\u00e4hlige Bilder, die diese Motive illustrieren und atmosph\u00e4risch weiter aufladen. Vor allem auf <i>Tumblr<\/i> lebt sich die identit\u00e4re \u2013 und weitergehend die gesamte rechtsextreme \u2013 Szene aus, was das Image des Subkulturellen bef\u00f6rdert, nicht nur weil dort, anders als bei <i>Instagram<\/i> oder <i>Facebook<\/i>, fast nichts zensiert wird, sondern auch weil die User \u00fcblicherweise nicht mit Klarnamen auftreten, sie also umso ungehemmter \u2013 ohne Sorge um ihre b\u00fcrgerliche Existenz \u2013 agieren k\u00f6nnen. Da ebenso verborgen bleibt, wie viele Follower einzelne Accounts haben, eignet sich <i>Tumblr<\/i> ohnehin nicht als Medium vergleichender Selbstdarstellung. Bef\u00f6rdert <i>Instagram<\/i> eine Fortsetzung und Steigerung des jeweiligen statusbewussten Lifestyles, mit dem man sich als Einzelner profilieren kann, l\u00e4sst sich <i>Tumblr<\/i> vielmehr als gro\u00dfe Tauschb\u00f6rse verstehen: Man l\u00e4dt Bilder aller Art hoch, die man irgendwo gefunden oder selbst gemacht hat und von denen man glaubt, sie seien so aufregend, ungew\u00f6hnlich, geil und krass, dass andere sie rebloggen, zumindest aber liken.<\/p>\n<p>Bereits die Namen vieler identit\u00e4rer und rechtsextremer <i>Tumblr<\/i>-Blogs verweisen auf das Europa-Motiv, das dort insgesamt auch das pr\u00e4senteste Thema sein d\u00fcrfte. Sie hei\u00dfen etwa <a href=\"https:\/\/nationaliste-blanc.tumblr.com\"><i>Defend Europe<\/i><\/a>, <a href=\"http:\/\/reconquista-europe.tumblr.com\"><i>Reconquista Europe<\/i><\/a><i><\/i>, <a href=\"https:\/\/europe-identity.tumblr.com\"><i>Europe Identity<\/i><\/a><i><\/i>, <a href=\"https:\/\/ultimateeurope.tumblr.com\"><i>Ultimate Europe<\/i><\/a><i><\/i>, <a href=\"http:\/\/phalanx-europa.tumblr.com\"><i>Phalanx Europa<\/i><\/a><i><\/i>, <a href=\"https:\/\/europatria.tumblr.com\"><i>Europatria<\/i><\/a><i><\/i>, <a href=\"https:\/\/sigilbaumann.tumblr.com\"><i>The Spirit of Europa<\/i><\/a>, <a href=\"https:\/\/angry-european.tumblr.com\"><i>Angry European<\/i><\/a><i><\/i>, <a href=\"http:\/\/imperium-europaeum.tumblr.com\"><i>Imperium Europaeum<\/i><\/a><i><\/i>, <a href=\"https:\/\/helvii.tumblr.com\"><i>Empire Europ\u00e9en<\/i><\/a>, <a href=\"https:\/\/evropaforevropeans.tumblr.com\"><i>F\u00fcr Europa<\/i><i><\/i> oder <i>Indigenes Europa<\/i><\/a><i><\/i>. Entsprechend oft findet man auf ihnen Bilder, die mit europaspezifischen Slogans wie \u201eDefend European Beauty\u201c, \u201eMake Europe white again\u201c oder \u201eMake Europe great again\u201c unterlegt sind, wobei das fast durchg\u00e4ngig verwendete Englisch nicht erkennen l\u00e4sst, aus welchem Land der Urheber des jeweiligen Motivs stammt. \u2013 Ein Beispiel:<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/sigilbaumann.tumblr.com\/post\/175249227039\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8131\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.09.png\" alt=\"\" width=\"365\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.09.png 554w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.09-214x300.png 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>In nostalgischer Sepiat\u00f6nung ist eine antike Tempelruine zu sehen, hinterlegt von einem wei\u00dfen Sonnenrad des Typs, den die Nazis zuerst auf der Wewelsburg installierten und der, als dreifaches Hakenkreuz, heute ein weit verbreitetes rechtsradikales Symbol darstellt. Im selben Wei\u00df ist \u201aEurope\u2019 geschrieben, so als sei das Sonnenrad das Piktogramm f\u00fcr den Kontinent. Zugleich ist dies als Hinweis auf die vermeintliche \u00dcberlegenheit \u2013 und sonnengleiche Ewigkeit \u2013 der wei\u00dfen Rasse zu verstehen. Die Ruine soll an eine gro\u00dfe Vergangenheit erinnern, zugleich geht von ihr der Imperativ aus, diese in der Zukunft wiederherzustellen. Sie ist, in den Worten M\u00fcllers, \u201eErbe und Auftrag\u201c.<\/p>\n<p>Generell geh\u00f6rt kaum etwas so untrennbar zum Europa-Narrativ der Rechtsextremen wie das Motiv der Wiederherstellung und R\u00fcckeroberung. \u00dcberall trifft man auf das Pr\u00e4fix \u201are-\u2019, die Rede ist von \u201aReconquista\u2019, \u201aRemigration\u2019 (der Fl\u00fcchtlinge), \u201aRe-Generation\u2019, Recall oder \u201aRevenge\u2019. Am liebsten w\u00e4re es den K\u00e4mpfern f\u00fcr die Festung Europa, sie k\u00f6nnten die Zeit einfach zur\u00fcckspulen wie ein Tonband:<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/fashreich.tumblr.com\/image\/173220250416\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8132\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.20.png\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.20.png 730w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.20-300x202.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>Die Beschriftung einer R\u00fcckspultaste wird \u00fcber eine antike B\u00fcste gelegt, im Hintergrund ist auf der einen Seite eine brennende Stadt zu erkennen, auf der anderen \u2013 dort, wohin die R\u00fcckspulpfeile verweisen \u2013 herrscht Idylle. Beschriftet ist das Bild mit einem bei Rechtsextremen und Identit\u00e4ren beliebten Satz: \u201eThe last virtues of a dying society are tolerance and apathy.\u201c Richtet sich diese Aussage gegen die Bef\u00fcrworter einer pluralen, multikulturellen Gesellschaft, denen unterstellt wird, f\u00fcr Chaos und Staatsversagen verantwortlich zu sein, so ist sie zugleich ein Appell zu Wehrhaftigkeit. Sch\u00f6nheit und Reinheit sind nur m\u00f6glich, wenn das Eigene kompromisslos verteidigt wird.<\/p>\n<p>Hier wie bei vielen anderen Bildern bedient man sich einer \u00c4sthetik, die in den letzten Jahren gerade auf <i>Tumblr<\/i> unter dem Begriff \u201aVaporwave\u2019 gro\u00dfe Beliebtheit erlangt hat. Sie stellt die aktuellste Version einer Ruinen\u00e4sthetik dar, besteht sie doch einerseits aus Relikten von Benutzeroberfl\u00e4chen, Symbolen und Grafiken des fr\u00fchen Computerzeitalters sowie aus antiken Skulpturen, andererseits aus Glitch-Effekten, die \u2013 mit Zeilenspr\u00fcngen, Farbverschiebungen oder Flimmern \u2013 den Eindruck einer gest\u00f6rten Bild\u00fcbertragung erwecken.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Gerade dieser nostalgische Ruinencharakter macht Vaporwave auch f\u00fcr rechtsradikale Aktivisten attraktiv, die sich in einer kaputten Gegenwart w\u00e4hnen und die Zukunft am liebsten als Restitution einer Vergangenheit denken. Vor allem eine j\u00fcngere Generation l\u00e4sst sich mit Vaporwave besser erreichen als mit romantischen Ruinengem\u00e4lden, wobei auf den rechtsextremen Accounts durchaus auch alte Kunst und alte Computer\u00e4sthetik miteinander verbunden und das mit Slogans aus dem eigenen Narrativ gesampelt wird:<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/lionsmenwolveslambs.tumblr.com\/post\/173636827045\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-8133\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.32.png\" alt=\"\" width=\"545\" height=\"303\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.32.png 545w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.32-300x167.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 545px) 100vw, 545px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/neonreconquista.tumblr.com\/image\/165077285661\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8134\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.40.png\" alt=\"\" width=\"365\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.40.png 455w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.40-264x300.png 264w\" sizes=\"auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/neonreconquista.tumblr.com\/image\/165507316641\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8135\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.59.png\" alt=\"\" width=\"365\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.59.png 450w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.59-150x150.png 150w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.59-300x300.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.10.59-100x100.png 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>Einer der (in diesem Fall aus Polen stammenden) Urheber dieser seit 2017 weit verbreiteten \u00c4sthetik, die mittlerweile unter dem Terminus \u201aFashwave\u2019<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> firmiert, betreibt den <i>Tumblr<\/i>-Account <i>neonreconquista<\/i>, auf dem er im September 2017 ein Manifest ver\u00f6ffentlichte, aus dem klar hervorgeht, wie wichtig es den Identit\u00e4ren ist, gerade Jugendliche \u2013 die n\u00e4chste Generation \u2013 anzusprechen. Er wolle, so hei\u00dft es darin, dazu beitragen, \u201edass Faschismus sexy sei\u201c (\u201ethat fash is sexy\u201c). Solange man jedoch nur M\u00fcll und Kitsch zu bieten habe, mache man sich bei Jugendlichen l\u00e4cherlich und trage dazu bei, dass sie sich lieber linken Gruppierungen anschl\u00f6ssen (\u201etrash or kitsch shit made nationalist movement in Poland look like joke for youngsters, and because of that, many young people are turning left\u201d).<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Doch ist es nicht nur die Adaption einer beliebten \u00c4sthetik, sondern letztlich noch mehr die Mischung an Bildern, womit neue Anh\u00e4nger zu rekrutieren sind und das eigene Europa-Narrativ ebenso aufregend wie emotional gef\u00fcttert wird. Werden <i>Tumblr<\/i>-Blogs von Usern oft durchgescrollt, so entsteht dabei, \u00e4hnlich wie beim H\u00f6ren von Musik, eine Stimmung. Verbindungen zwischen einzelnen Bildmotiven und Stilmitteln, Kontraste, Interferenzen, Assoziationen \u2013 das alles ergibt eine jeweils eigene Klangfarbe. Sie ist bei vielen der rechtsradikalen Accounts durch martialische Sentimentalit\u00e4t gekennzeichnet: Bilder, die auf Krieg, Heldentum, Opfer einschw\u00f6ren sollen, wechseln sich mit Bildern ab, die von Idylle, Harmonie, Ewigkeit tr\u00e4umen lassen. Jugendlicher Weltschmerz wird damit ebenso bedient wie die \u00dcberzeugung, es irgendwann einmal allen zu zeigen, die einen nicht verstehen und ausgrenzen.<\/p>\n<p>Aber damit nicht genug. Die Motivation, immer weiter zu scrollen, wird nicht zuletzt durch Bilder gesteigert, die erotisch stimulieren. Auf fast allen Accounts, die wiederum fast alle von M\u00e4nnern stammen und an M\u00e4nner adressiert sind, gibt es zwischen Sujets aus Geschichte, Milit\u00e4r, Hochkultur und Mythologie immer wieder Darstellungen leicht bekleideter oder nackter Frauen. Mit ihnen soll nicht nur einmal mehr die wei\u00dfe Rasse gefeiert werden; vielmehr geht es, wenig \u00fcberraschend, ebenso darum, Frauen als lasziv und passiv, dem Mann untergeordnet und ergeben zu pr\u00e4sentieren. Sie winken den tapferen Verteidigern der Festung Europa als Belohnung, und um sie \u2013 ihre Reinheit \u2013 zu sch\u00fctzen, ist der Kampf gegen alles Fremde \u2013 und Bedrohliche \u2013 \u00fcberhaupt nur n\u00f6tig.<\/p>\n<p><b><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/helvii.tumblr.com\/archive\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8136\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.16.png\" alt=\"\" width=\"501\" height=\"264\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.16.png 771w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.16-300x158.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.16-768x405.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><\/a><\/span><\/b><\/p>\n<p><b><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/nstropa.tumblr.com\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8137\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.25.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.25.png 902w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.25-300x248.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.25-768x634.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/span><\/b><\/p>\n<p>Neben dem Beharren auf einer klaren Geschlechterordnung, in der f\u00fcr Schwule und Queere so wenig Platz ist wie f\u00fcr eine Gleichberechtigung von Mann und Frau, vermitteln die Bildprogramme noch weitere rechtsextreme Werte. Durch stete Wiederholung immer wieder \u00e4hnlicher Motive werden Krieg, eine antidemokratische Adelsgesellschaft sowie eine nietzscheanische Herrenmoral propagiert, es geht um Heldenverehrung und Denkmalskult, um Okkultes und um alte B\u00fccher. Vor allem aber tauchen auf zahlreichen Bildern Sujets des Nationalsozialismus sowie des Faschismus auf; beharrlicher als mit jeder anderen historischen Referenz br\u00fcstet man sich mit Hitler und der SS, Kunst aus der NS-Zeit und Nazi-Symbolen, zumindest aber mit Mussolini und Mosley. Die beliebte Aussage von Identit\u00e4ren und vielen anderen Rechtsextremen, sie h\u00e4tten nichts (mehr) mit dem Faschismus zu tun, entpuppt sich auf nahezu allen <i>Tumblr<\/i>-Accounts (wo man sich weniger beobachtet w\u00e4hnt als sonst) als ebenso falsch wie die \u00e4hnlich oft ge\u00e4u\u00dferte Behauptung, man lehne Gewalt ab.<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/sigilbaumann.tumblr.com\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8138\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.34.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.34.png 903w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.34-150x150.png 150w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.34-300x297.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.34-768x761.png 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.34-100x100.png 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es gut m\u00f6glich, das identit\u00e4r-rechtsextreme Europa-Narrativ ganz ohne Bezugnahme auf die faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu gestalten. Man k\u00f6nnte den Wald und die Kathedralen, die sch\u00f6nen wei\u00dfen Frauen und die heldenhaften M\u00e4nner, das vormoderne Landleben und eine hipsterfreie Zukunft feiern, um f\u00fcr die Festung Europa und die Verteidigung des Eigenen zu werben. Doch scheint das nicht zu gen\u00fcgen. F\u00fcr das Feeling als Subkultur braucht es h\u00e4rteren Stoff: Sujets, die provozieren und die vielerorts als Tabubruch empfunden werden. Dann hat man es, da man Widerspruch oder auch Sanktionen erf\u00e4hrt, leichter, sich als Opfer, als M\u00e4rtyrer zu f\u00fchlen, sich aber auch als verschworene Gemeinde zu stilisieren, die nicht nur gegen den Mainstream, sondern im Verborgenen agiert und ihre Ziele zum Geheimnis erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p>So wenig die EU-Bef\u00fcrworter von Auschwitz und damit von den Opfern loskommen, so wenig kommen die Rechtsextremen also von den T\u00e4tern des Nationalsozialismus und Faschismus los. Doch sind ihre Heroisierungen, sind Fashwave und andere \u00c4sthetisierungen h\u00f6chst aktuell; hier sind, anders als bei historischen Begr\u00fcndungen f\u00fcr die EU, Vergessen und Abstrakt-Werden ganz und gar kein Thema. Pl\u00f6tzlich hat man sogar die bedr\u00fcckende Vision, dass die T\u00e4ter ein viel l\u00e4ngeres Nachleben haben k\u00f6nnten als die Opfer. Diese drohen, gerade weil es viel zu viele sind, als dass man sie als Individuen festhalten k\u00f6nnte, in der Anonymit\u00e4t zu verschwinden, w\u00e4hrend die T\u00e4ter, gerade weil sie so Unvorstellbares getan haben, immer weiter faszinieren und provozieren. L\u00e4sst sich mit Menasse und anderen mutma\u00dfen, dass die Zeiten bald vorbei sein werden, in denen die Opfer als Mahnung, als Wegweiser f\u00fcr eine menschlichere Politik in einem einigen Europa wirken konnten, so k\u00f6nnte die Zeit, in der aus T\u00e4tern Helden werden, schlimmstenfalls gerade erst beginnen \u2013 und endlos lange dauern.<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/neonreconquista.tumblr.com\/archive\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8139 alignleft\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.48.png\" alt=\"\" width=\"293\" height=\"437\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.48.png 417w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.48-201x300.png 201w\" sizes=\"auto, (max-width: 293px) 100vw, 293px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/neonreconquista.tumblr.com\/archive\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8126 alignnone\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.58.png\" alt=\"\" width=\"336\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.58.png 418w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.11.58-230x300.png 230w\" sizes=\"auto, (max-width: 336px) 100vw, 336px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Solche Mutma\u00dfungen bekommen weiter Nahrung, wenn man auf Versuche blickt, B\u00fcrger und gerade die junge Generation dazu zu motivieren, sich f\u00fcr Fortbestand und Weiterentwicklung der EU zu engagieren. So hat die 2017 gestartete Kampagne \u201e<a href=\"https:\/\/pulseofeurope.eu\">Pulse of Europe<\/a>\u201c mit Kundgebungen und Aktionen in zahlreichen europ\u00e4ischen St\u00e4dten nicht die erhoffte virale Dynamik erlangt und scheint bereits fast wieder eingeschlafen zu sein. Andere Projekte bleiben auf das ziemlich enge Milieu von Kunst und Wissenschaft beschr\u00e4nkt, und selbst wenn ihre Formate auf die Sozialen Medien hin angelegt sind, z\u00fcnden sie dort nicht richtig.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Besonders aktiv ist etwa der Fotograf Wolfgang Tillmans, der im Mai\/Juni 2018 \u2013 zusammen mit dem Architekten Rem Koolhaas und anderen \u2013 ein \u201eEurolab\u201c in Amsterdam veranstaltete, auf dem diskutiert werden sollte, was an der EU-Kommunikation schiefgelaufen ist und wie sich ein Neustart bewerkstelligen lie\u00dfe (\u201ewhat has gone wrong in the communication of, and about the EU and how to make a new and powerful beginning\u201d).<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Und schon 2017 entwickelte Tillmans eine Plakatkampagne unter dem Titel \u201cProtect the European Union\u201d: f\u00fcnf Motive, in 23 Sprachen \u00fcbersetzt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"http:\/\/tillmans.co.uk\/protect-the-eu\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8127\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.06.png\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"515\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.06.png 384w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.06-210x300.png 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a>\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Texte, die sich ausdr\u00fccklich \u201egegen Nationalismus\u201c richten, wollen auf Vorz\u00fcge der EU aufmerksam machen, etwa auf das Prinzip der Freiz\u00fcgigkeit, wonach man studieren und leben kann, wo man will. Doch ist der Hinweis auf eine komfortable Lebenssituation noch lange kein Narrativ; dazu m\u00fcsste man die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse etwa ausdr\u00fccklich denen von fr\u00fcher gegen\u00fcberstellen, als benachbarte europ\u00e4ische L\u00e4nder blutige Kriege gegeneinander f\u00fchrten und als schon jede Reise aufgrund zahlreicher Landes- und W\u00e4hrungsgrenzen m\u00fchsam war.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wer erwartet, einer der ber\u00fchmtesten Fotografen der Welt habe aber zumindest Bilder zu bieten, die f\u00fcr den Geist der EU einnehmen, wird von seiner Plakatkampagne noch mehr entt\u00e4uscht. So begleiten die Texte jeweils einfach nur Fotos mit Himmel von oberhalb der Wolken. Dort, so die Botschaft, gibt es keine Grenzen, alles ist vielmehr offen und frei. Doch wirken die fast einfarbigen Motive ziemlich abstrakt und sehr unverbindlich, eher als Platzhalter denn als emotionalisierende Sujets. Ist Menasses Buch immerhin noch ein virtuoser, h\u00f6chst unterhaltsam geschriebener Hilferuf, so f\u00e4llt es leider schwer, in den Plakaten von Tillmans mehr als ein Zeugnis purer Ohnmacht zu erblicken.<\/p>\n<p>Ihm selbst ist diese Problematik aber durchaus bewusst. In einem Interview mit der ZEIT im Juli 2018 bekennt er, es sei \u201enicht ganz leicht\u201c, angesichts des Schwindens der Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Europa-Narrativs der Nachkriegsgeneration \u201emit einer emotionalen Kampagne vorzugehen\u201c. Mit starken Emotionen w\u00fcrden au\u00dferdem schon die Rechten agieren und \u201eKampagnen der Angst, des Ressentiments\u201c betreiben, ja \u201edie st\u00e4ndige Krise, den st\u00e4ndigen Ausnahmezustand [&#8230;] simulieren\u201c. Dagegen, so seine These, bleibe \u201egar nichts anderes \u00fcbrig, als die Debatte auf eine rationale Grundlage zur\u00fcckzuholen\u201c.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Seine eigene Kampagne ist also offenbar ganz gezielt n\u00fcchtern statt emotional. Aber ob sich auf Dauer Wahlen ohne eigenes Narrativ gewinnen lassen? Im Mai 2019 steht die n\u00e4chste Europawahl an, und schon jetzt braucht es nicht viel Phantasie, um zu prognostizieren, dass es die relevanteste und auch umk\u00e4mpfteste Wahl seit Bestehen der EU werden wird. Die vereinten Rechten werden ihr Anti-EU-Narrativ erstmals voll ausspielen. Vieles von dem, was im Moment noch auf Accounts von <i>Tumblr<\/i> entwickelt wird, d\u00fcrfte dann in den Wahlkampf eingespeist werden. Es wird nicht \u00fcber ein Europa, sondern \u00fcber zwei extrem gegens\u00e4tzliche Europas abgestimmt werden.<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/apocryfoollus.tumblr.com\/image\/170852415341\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8128\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.14.png\" alt=\"\" width=\"361\" height=\"565\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.14.png 475w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.14-192x300.png 192w\" sizes=\"auto, (max-width: 361px) 100vw, 361px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\"><a href=\"https:\/\/nationaliste-blanc.tumblr.com\/image\/173349837842\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8129\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.23.png\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"633\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.23.png 452w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.23-171x300.png 171w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<a href=\"http:\/\/optimusx.tumblr.com\/post\/156967312646\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8130\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.33.png\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.33.png 512w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.33-150x150.png 150w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.33-300x300.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-24-um-18.12.33-100x100.png 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage ullrich\" href=\"https:\/\/ideenfreiheit.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang Ullrich<\/a> ist freier Autor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Robert Menasse: Die Hauptstadt, Berlin 2017, S. 184f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd., S. 242.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd., S. 394.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ulrike Gu\u00e9rot: Der neue B\u00fcrgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde, Berlin 2017, S. 21, 42.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2018\/07\/10\/wir-brauchen-ein-souveraenes-europa\">https:\/\/www.republik.ch\/2018\/07\/10\/wir-brauchen-ein-souveraenes-europa<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Mario Alexander M\u00fcller: Kontrakultur, Schnellroda 2017, S. 80.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. Annekathrin Kohout: \u201cDiscover Tumblr 1 | Vaporwave\u201d (2016), auf: <a href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\/2016\/02\/28\/discover-tumblr-vaporwave\">https:\/\/sofrischsogut.com\/2016\/02\/28\/discover-tumblr-vaporwave<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. Jack Smith IV: \u201cThis is fashwave, the suicidal retro-futurist art of the alt-right\u201d (2018), auf: <a href=\"https:\/\/mic.com\/articles\/187379\/this-is-fashwave-the-suicidal-retro-futurist-art-of-the-alt-right\">https:\/\/mic.com\/articles\/187379\/this-is-fashwave-the-suicidal-retro-futurist-art-of-the-alt-right<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> <a href=\"https:\/\/neonreconquista.tumblr.com\/post\/165792509316\">https:\/\/neonreconquista.tumblr.com\/post\/165792509316<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.betweenbridges.net\/open-call-eurolab-new-ideas-to-communicate-the-eu.php\">http:\/\/www.betweenbridges.net\/open-call-eurolab-new-ideas-to-communicate-the-eu.php<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/amp\/kultur\/2018-06\/wolfgang-tillmans-europa-kommunikation-verteidigung-europawahl\">https:\/\/www.zeit.de\/amp\/kultur\/2018-06\/wolfgang-tillmans-europa-kommunikation-verteidigung-europawahl<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das identit\u00e4r-rechtsextreme Europa-Narrativ. 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