{"id":815,"date":"2012-10-27T15:45:19","date_gmt":"2012-10-27T13:45:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=815"},"modified":"2012-10-27T15:45:19","modified_gmt":"2012-10-27T13:45:19","slug":"kredit-und-fortgesetzte-kriseteil-2von-thomas-hecken27-10-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/10\/27\/kredit-und-fortgesetzte-kriseteil-2von-thomas-hecken27-10-2012\/","title":{"rendered":"Kredit und fortgesetzte Krise(Teil 2)von Thomas Hecken27.10.2012"},"content":{"rendered":"<p>Welche Krise eigentlich?<!--more--><\/p>\n<p>In Deutschland gab es eine Krise nur nach 2008, im Zuge des Beinahe-Kollapses des amerikanischen Finanzsystems. Ohne weltweite staatliche Ma\u00dfnahmen allerdings w\u00e4re tats\u00e4chlich ein l\u00e4ngerer Absturz erfolgt. Dieser h\u00e4tte die globale \u00d6konomie noch st\u00e4rker in die Rezession gef\u00fchrt, als sie ohnehin vor\u00fcbergehend geriet. Staatliche Konjunkturprogramme, die Salvierung der Banken und Versicherungen bzw. die staatliche, teilweise oder ganze \u00dcbernahme ihrer Verbindlichkeiten, nicht zuletzt die Niedrigzinspolitik der wichtigsten Notenbanken \u2013 dank dieser Ma\u00dfnahmen aber haben sich rasch wieder moderate Wachstumszahlen eingestellt, von einigen f\u00fcr die Weltwirtschaft insgesamt nicht bedeutenden L\u00e4ndern abgesehen.<\/p>\n<p>Dass immer noch viel von einer Krise die Rede ist, zeigt die starke Besorgnis an, all diese massiven Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnten mittelfristig nicht ausreichen. Trotz der \u00f6ffentlich kursierenden Sorge gibt es aber nicht einmal den Ansatz einer ernsthaften Legitimationskrise. Besonders in Deutschland unterscheidet sich das Meinungsbild kaum von der Zeit vor 2008. Es handelt sich, man kann es nicht anders sagen, um einen Triumph der \u00e4lteren Popul\u00e4rkultur. Gab und gibt es zwar immer wieder Versuche, sie sp\u00f6ttisch an der neueren, internationalen, \u203acoolen\u2039 Popkultur zu messen und zu blamieren, zeigt sie sich dennoch ungebrochen stark. Der Vergleich von \u00d6konomie und Privathaushalt, die moralisch unterf\u00fctterten Aufrufe zum Sparen, der Vorrang nationalkultureller Eigenheiten bei der Erkl\u00e4rung transnationaler Prozesse\u00a0 \u2013 sie k\u00f6nnen an eine alte (schlechte) Tradition ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Zugleich bedeutet der Triumph der popul\u00e4rkulturellen Muster den Erfolg wirtschaftsliberaler Ansichten. Umso bemerkenswerter ist der liberale Erfolg, weil er sich trotz der popul\u00e4rkulturell gut befestigten Abneigung gegen die glatten Banker und ihre undurchsichtigen Transaktionen einstellt, eine Abneigung, die in den letzten Jahren reichlich Nahrung bekommen hat. Mit dem einpr\u00e4gsamen Kernsatz, dass der Staat sparen m\u00fcsse, kann der (Neo-)Liberalismus aber wieder spielend die f\u00fchrende Rolle einnehmen. Mit der Spar-Botschaft kann er sich trefflich mit dem, was jedem solide wirtschaftenden B\u00fcrger und herrischen Leistungssieger popul\u00e4rkulturell unmittelbar einleuchtet, verb\u00fcnden: Dass es gut ist, ordentlich hauszuhalten und nicht \u00fcber die eigenen (eigens verdienten) Verh\u00e4ltnisse zu leben.<\/p>\n<p>Fragen danach, weshalb staatliches Sparen und Verschulden etwas anderes ist als das, was man an Privatinsolvenzen und guten individuellen Vors\u00e4tzen bei RTL von Peter Zwegat vorgef\u00fchrt bekommt, sind damit ausgeschlossen. Ebenso die Frage danach, wer denn aus welchen Gr\u00fcnden der Schuldner dieser Staaten ist und wem die staatlichen Ausgaben zugutekommen. Mit dem Hinweis, \u203aunsere Kinder\u2039 m\u00fcssten die Schulden dereinst abbezahlen und f\u00fcr \u203aunsere\u2039 S\u00fcnden bluten, ist die Sache auf dem Niveau eines M\u00e4rchens oder Kalenderblatts erledigt.<\/p>\n<p>In diesen Kanon k\u00f6nnen die Wirtschaftsliberalen frohgemut wieder einstimmen. Genau das haben Sie ja schon h\u00f6chst erfolgreich in den Jahren und Jahrzehnten vor 2008 propagiert. Dass ihre Aufrufe, die staatlichen Haushalte m\u00fcssten konsolidiert und Staatsbetriebe privatisiert werden, weil der freie Markt zu besseren L\u00f6sungen komme, nicht den allerh\u00f6chsten Wahrheitsgehalt besa\u00dfen, ist bereits vergessen, wenn es wieder frohgemut ans Sparen geht. Vor allem nat\u00fcrlich, wenn Staaten, die in der \u00f6konomischen Konkurrenz verloren haben, mitsamt ihren \u203anichtsnutzigen\u2039 Einwohnern zum strikten Sparen angehalten werden.<\/p>\n<p>Wer denn diese Kredite vergeben und davon profitiert hat \u2013 und wer heute von den Garantien f\u00fcr die nur noch eingeschr\u00e4nkt zahlungsf\u00e4higen Mittelmeerl\u00e4nder profitiert \u2013, das muss einen dann nicht weiter bek\u00fcmmern. Unwichtig ist auch die Analyse oder auch nur der Ansatz einer Aufschl\u00fcsselung, wer denn diese \u203aM\u00e4rkte\u2039 sind, auf die man dauernd angehalten wird zu h\u00f6ren, und warum man der jeweiligen Tendenz ihrer spekulativen Bewegungen Urteilskraft zumessen sollte.<\/p>\n<p>Darum kann man bei den Gewinnern der \u00f6konomischen Konkurrenz, zumal in Deutschland, in der \u00d6ffentlichkeit sich in gewohntem politischen Fahrwasser wieder elementar wichtigen Problemen wie der schleppend vorankommenden Privatisierung griechischen Staatseigentums zuwenden. Nicht einmal der Umstand, dass Deutschland wegen des bekannten spekulativen Drangs in eine Richtung momentan kaum noch oder gar keine Zinsen f\u00fcr neu aufgelegte Staatsanleihen mehr zahlen muss, darf gro\u00df erw\u00e4hnt oder gar gefeiert werden. In welcher H\u00f6he die St\u00fctzprogramme f\u00fcr Griechenland, Spanien etc. sich in den Bilanzen deutscher Banken niederschlagen, ist sicher auch ein viel zu technisches Detail angesichts der Gewissheit, dass es sich diese S\u00fcdl\u00e4nder auf \u203aunsere\u2039 Kosten gut gehen lassen.<\/p>\n<p>Richtig ausgekostet werden kann der \u00f6konomische Triumph deshalb nicht. Hier steht sich die Sparer-Mentalit\u00e4t selbst im Wege. Die Angst, das m\u00fchsam Angeeignete k\u00f6nnte sich dereinst blo\u00df als ein Haufen Ziffern auf einem Kontoauszug herausstellen, l\u00e4sst sich mit der popul\u00e4rkulturellen Entwertung, dem wirtschaftlichen Niedergang und dem politischen Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust anderer Nationen und V\u00f6lker nicht vollkommen beruhigen. Da ist es wahrscheinlich auch kein Trost, dass mit der \u00f6konomischen Potenz Deutschlands zumindest eines feststeht: Wenn die Niedrigzinspolitik und die enorme Liquidit\u00e4tssch\u00f6pfung der Zentralbank mitsamt der europaweiten Begrenzung der Renten- und Sozialetats nicht ausreichen sollte, um erneut in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab lohnende Gesch\u00e4fte und Verm\u00f6gensgewinne zu stiften, dann wird die n\u00e4chste Krise zwar keineswegs mehr nur eine griechische, spanische, italienische, aber immerhin auch nicht nur eine europ\u00e4ische sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Krise eigentlich?<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1299,1305,1309,1315,1816,2337,2589],"class_list":["post-815","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-kredit","tag-krise","tag-kritik","tag-kultur","tag-pop","tag-thomas-hecken","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=815"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/815\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}