{"id":8156,"date":"2018-08-04T09:17:21","date_gmt":"2018-08-04T07:17:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8156"},"modified":"2018-08-04T09:17:21","modified_gmt":"2018-08-04T07:17:21","slug":"liebe-als-passion-konstellationen-um-1967von-andreas-kaeuser4-8-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/08\/04\/liebe-als-passion-konstellationen-um-1967von-andreas-kaeuser4-8-2018\/","title":{"rendered":"Liebe als Passion \u2013 Konstellationen um 1967von Andreas K\u00e4user4.8.2018"},"content":{"rendered":"<p>Textk\u00f6rper<!--more--><\/p>\n<p>Mit einem Medienereignis beenden die Beatles 1967 ihre bisherige Karriere, und es beginnt die letzte Phase in der Geschichte der britischen Beatband, wie das damals hie\u00df. Hatten bereits 1966 die letzten Konzerte in den USA unter oft tumultartigen Bedingungen stattgefunden, so wird der Song \u00bbAll You Need Is love\u00ab im Juni 1967 nicht mehr live im Konzert gespielt, sondern als erste weltumspannende globale Fernseh\u00fcbertragung von der BBC gesendet. Den direkten Kontakt zum Publikum zu verlieren wird nun notwendige Bedingung f\u00fcr die weitere k\u00fcnstlerische Entwicklung der Gruppe, die im Sommer 1967 einen H\u00f6hepunkt mit dem Album \u00bbSergeant Peppers Lonely Hearts Club Band\u00ab erreicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/214713412\">https:\/\/vimeo.com\/214713412<\/a><\/p>\n<p>Mit der Langspielplatte werden ganz neue Wege in der Entwicklung der Popmusik beschritten, die auch durch medientechnische Fortschritte der Studiotechnik m\u00f6glich werden, wie sie ebenfalls seit 1967 die britische Band Pink Floyd erproben wird; auch Pink Floyd werden mit \u00bbThe Wall\u00ab 1980 dem fehlenden Kontakt zum Publikum ein symboltr\u00e4chtiges symptomatisches Konzeptalbum der Popmusik widmen. Dazu geh\u00f6ren neuartige Sound-Maschinen wie Synthesizer oder Anleihen bei der elektronischen Musik, mit der zeitgleich im K\u00f6lner Studie f\u00fcr elektronische Musik des WDR Karl Heinz Stockhausen experimentiert, der auf dem ber\u00fchmten Cover der Platte der Beatles abgebildet ist.<\/p>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=D_jZ_VHhLt4<\/p>\n<p>Implizit beginnt auch eine mediale Reflexion auf \u00a0die Spezifik der schwarzen Vinyl-Schallplatte, die die erste Phase der popul\u00e4ren Musik im 20. Jahrhundert entscheidend gepr\u00e4gt hatte. Der Medientheoretiker Friedrich Kittler, selbst Pink-Floyd-Fan, was auf seiner Todesanzeige durch Zitate aus Songs der Band dokumentiert ist, wird diese mediale Reflexion des Verh\u00e4ltnisses von Rockmusik und Schallplatte vorantreiben, auch mit Blick auf das digitale Ende dieses dominanten Medientr\u00e4gers von Musik im 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Summer of Love<\/p>\n<p>Hatten die Beatles einen gro\u00dfen Teil ihrer ersten Karriere dem eher romantischen Besingen von Liebe dem \u00a0songtitelnden Wort \u00bbLove\u00ab zu verdanken, so wird im Juni 1967 in Kalifornien eine ganz andere Liebeskonzeption stattfinden und ebenfalls recht erfolgreich als sexuelle Revolution die Jugendbewegung der sp\u00e4ten sechziger Jahre bestimmen und begleiten. Im \u00bbSummer of love\u00ab werden kalifornische Hippies freie Liebe propagieren und praktizieren. Medienhistorisch sind beide Vorg\u00e4nge interessant auch deswegen, weil die sp\u00e4teren Gr\u00fcnder der Computerfirmen des Silicon Valley sich als Kinder der Blumenkinder der sechziger Jahre verstanden, symbolisiert im Namen des Computerkonzerns Apple, eine \u00dcbernahme der 1968 selbstgegr\u00fcndeten und etwas chaotisch alsbald beendeten gleichnamigen Plattenfirma der Beatles.<\/p>\n<p>Konstellationen um 1967 m\u00f6chte ich in dreierlei Weise aufzeigen, zum einen begriffsgeschichtlich oder historisch semantisch, indem ich einer ebenfalls um 1967 einsetzenden Begriffsgeschichte von Liebe sowie einer Diskursgeschichte von Sexualit\u00e4t nachgehe, die sich zum Zentrum des Werks von Niklas Luhmann und Michel Foucault entwickelt und gleichsam embryonal oder biotopisch in den sp\u00e4ten sechziger Jahren beginnt. Zum zweiten geht es um die Medialisierungen \u2013 Vermittlungen, die der Liebe die Romantik und der Sexualit\u00e4t die K\u00f6rperlichkeit durch Diskursivierung entziehen und uns bis heute besch\u00e4ftigen unter Stichworten wie \u00d6konomie der Liebe oder Medialisierung von Sexualit\u00e4t. Auch begrifflich werden Sex und Sexualit\u00e4t Ver\u00e4nderungen unterzogen, die historisch ihren Ursprung in den sp\u00e4ten sechziger Jahren haben und etwa \u00a0m\u00fcnden in der heutigen Differenzierung von sex und gender. Drittens schlie\u00dflich geht es um methodische Schlussfolgerungen aus der kulturwissenschaftlichen Arbeit mit Konstellationen, insbesondere zwischen Popkultur und Diskurswelt (vgl. Stockhammer 2017). Konstellationen, so sei vorab definiert, sind Bezugnahmen von identischen oder \u00e4hnlichen \u00c4u\u00dferlichkeiten wie gleiche Zeit (1967) oder gleiches Wort (Liebe), die eine Identit\u00e4t oder \u00dcbereinstimmungen fremder Medien und heterogener Diskurse wie Popmusik und Soziologie durch explorierende Forschung zutage treten lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Diskurse \u00fcber Sexualit\u00e4t und Liebe<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Foucault\u2014The Lost Interview\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/qzoOhhh4aJg?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>1960 arbeitet Michel Foucault in Bibliotheken von Hamburg und Rostock an seiner Habilitation \u00fcber die Geschichte des Wahnsinns, ein lebenslanges Projekt, dem die Diskursgeschichte der Sexualit\u00e4t integriert ist. Mit diesem Werk entwirft er seine Methode der Diskursanalyse und wird zu einem einflussreichen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Dass er die Beatles kannte, die im Hamburger Star-Club ihre Karriere 1960 beginnen und alsbald mit \u00bbSilly Love Songs\u00ab (Paul Mc Cartney) kr\u00f6nen, ist wahrscheinlich; aber dass seine Arbeit von den oft wahnhaft-ekstatischen \u00a0Auftritten der Band und ihrer Fans ma\u00dfgeblich beeinflusst wurde ist eher unwahrscheinlich. Erw\u00e4hnenswert ist allerdings, dass Foucault an den Drogenerfahrungen der Hippies partizipierte, als er 1975 auf Einladung des Rockmusikers Simeon Wade einige Zeit im kalifornischen Death Valley verbrachte, was sein Werk und Leben ma\u00dfgeblich beeinflusst habe (vgl. FAS 2017: 57).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Grateful Dead - Turn On Your Lovelight 8\/24\/1968\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/RDT1sd86pYI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Ebenso wenig werden Niklas Luhmann, der einflussreicher Medientheoretiker und Vordenker der Systemtheorie wurde, ohne einen Fernseher besessen zu haben, die Forschungen zu den Begriffsver\u00e4nderungen von Liebe von der gleichzeitigen Popmusik der \u203alove songs\u2039 beeinflusst haben . Die \u00bblonely hearts\u00ab und \u00bbsexy sadies\u00ab, die die Beatles ab 1967 besingen und welche die\u00a0 westliche Jugendbewegung der sp\u00e4ten sechziger Jahre als Sound begleiten, stehen vielmehr in einer konstellativen Beziehung zu Luhmanns lebenslanger Besch\u00e4ftigung mit dem symbolischen Kommunikationsmedium Liebe. Denn Foucault und Luhmann beginnen ihre Forschungen im 18. Jahrhundert und bescheinigen den diskursiven und begrifflichen Ver\u00e4nderungen von Liebe und Sexualit\u00e4t eine urs\u00e4chliche Koppelung an den Aufstieg b\u00fcrgerlicher Ideen und Mentalit\u00e4ten, die ja von der \u00bbantib\u00fcrgerlichen\u00ab Jugendbewegung der sp\u00e4ten sechziger Jahre etwa durch Love-Ins oder Happenings aufgek\u00fcndigt werden.<\/p>\n<p>War ein Ergebnis von Luhmanns Begriffsgeschichte die Koppelung von (romantischer) Liebe an Sexualit\u00e4t und monogame Ehe, so wird diese b\u00fcrgerliche Vorstellung in den Kommunen von San Francisco\u00a0 oder dem im Juni 1967 stattfindenden \u00bbMonterey International Pop Festival\u00ab aufgek\u00fcndigt. Erkenntnisf\u00f6rdernd ist gleichwohl diese Koinzidenz der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit, die Kommensurabilit\u00e4t des Inkommensurablen, die sich hinter den zusammengef\u00fchrten Namen von Luhmann und den Beatles verbirgt, zusammengebracht zun\u00e4chst nur durch die Identit\u00e4t des Wortes Love. Luhmann nobilitiert das Wort \u00bbLiebe\u00ab zum Begriff; Wort und Begriff erhalten zentralen Stellenwert \u00a0sowohl f\u00fcr die Pop- und Jugendkultur wie die soziologische Systemtheorie. Dass epochale historische Einschnitte wie der von 1967\/68 durch markante Ver\u00e4nderungen von Begriffen und deren Semantik ausgezeichnet sind und diese hervorbringen, ist Grundgedanke der um 1967 initiierten Methode der historischen Semantik oder Begriffsgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Popkulturindustrie und \u00a0(sexuelle) Gewalt<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlich konstellatives Verh\u00e4ltnis k\u00f6nnte f\u00fcr die kritische Medien- und Musiktheorie von Theodor W. Adorno nachgewiesen werden. Adorno entwirft in der posthum erschienenen \u00bbTheorie der musikalischen Reproduktion\u00ab parallel zu Walter Benjamins These der technischen Reproduzierbarkeit moderner Medien eine wuchtige Theorie der musikalischen Kulturindustrie, die er trotz treffender Analyse bildungsb\u00fcrgerlich ablehnt. Denn die Popmusik ist an Medien wie Radio und Schallplatte oder auch Fernsehen gekoppelt, unterliegt damit aber f\u00fcr Adorno kunstfremden, n\u00e4mlich kapitalistisch \u00f6konomischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Die euphorische oder revolution\u00e4re Botschaft etwa von freier Liebe, die diese Musik f\u00fcr die Jugend zu einer Lebenspraxis und nicht mehr nur einer Freizeitbesch\u00e4ftigung werden l\u00e4sst, ist f\u00fcr Adorno so von vornherein entfremdet. Popul\u00e4re Musik ist kulturindustriell an reproduzierbare Medien gekoppelt und verliert so den direkten Kontakt zum Publikum wie auch die k\u00f6rpernahe Kommunikation der Musiker mit einander. Werden Liebe und Sexualit\u00e4t seit 1967 in Filmen, B\u00fcchern und Schallplatten medialisiert, dann handelt es sich dabei auch um eine latent pornographische \u00d6konomisierung von Emotionalit\u00e4t und Intimit\u00e4t, die zur sexuellen Gewalt tendiert. Wenn ereignishaft f\u00fcr einen kurzen Sommer 1967 Liebe und Sexualit\u00e4t zusammengebracht werden in den Kommunen der freien Liebe, die beim Geschlechtsakt wahrscheinlich auch Songs der Beatles h\u00f6rten, und wenn diese Zusammenf\u00fchrung anders geschah als in der Identit\u00e4t von Luhmanns b\u00fcrgerlicher Monogamie, dann erh\u00e4lt diese Alternativkultur kurze Zeit sp\u00e4ter erste Br\u00fcche durch das Umschlagen in Gewalt. Am 2. Juni 1967 wird der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration in West-Berlin von einem Polizisten erschossen; sein Tod gibt der sp\u00e4teren Roten Armee Fraktion von Andreas Baader und Ulrike Meinhof den Untertitel \u00bbBewegung 2. Juni\u00ab. Auch das \u00bbkritische Ereignis\u00ab (Gilcher-Holthey 1995: 232) vom Mai 1968, als in Paris die Studentendemonstrationen einen H\u00f6hepunkt \u00a0erreichen, ist gekennzeichnet durch Gewalt, die die friedliche Liebeskultur der Jugendrevolte der Hippies in Kalifornien konterkariert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Theorie und Praxis<\/p>\n<p>Aber mit der Leitphrase der Pariser Studenten \u00bbPhantasie an die Macht\u00ab l\u00e4sst sich auch gut die theoretische und diskursive Wendung fassen, die die Jugend- und Studentenbewegung seit 1968 bestimmen und inspirieren wird, die sie mehr charakterisiert als das popmusikalische Label 1967 und mit der sie bekannter wird unter dem Namen \u00bb68er-Bewegung\u00ab. Weniger die Praxis der Liebe oder der Festivals der Rockmusik, die sukzessive und fortschreitend medialisiert und damit \u00f6konomisiert werden, sondern die Theorien \u00fcber die Liebe und die Diskurse \u00fcber Musik dominieren die weitere Entwicklung, wie die Werke und B\u00fccher von Luhmann, Foucault und Adorno deutlich \u00a0machen. Eine noch praxisnahe embryonale Phase um 1967 geht \u00fcber in eine theoretisch professionelle Phase seit 1968. Diese spielt sich ab in Diskussionen in den Universit\u00e4tsseminaren von Paris, Frankfurt und Bielefeld und weniger auf Rockkonzerten wie dem ber\u00fchmten \u00bbWoodstock\u00ab-Festival von 1969 oder dem von Gewalt gepr\u00e4gten \u00bbAltamont\u00ab-Festival der Rolling Stones 1969. Insofern spielen Debatten um das Verh\u00e4ltnis von Theorie und Praxis eine gro\u00dfe Rolle in den intellektuellen Auseinandersetzungen vor und nach 1968 etwa bei J\u00fcrgen Habermas in \u00bbTheorie und Praxis\u00ab von 1978. Das Verh\u00e4ltnis von Theorie und Praxis stellt eine leitende begriffliche Opposition dar noch vor den politischen Inhalten, etwa als kritisches Verh\u00e4ltnis von revolution\u00e4rer Aktion und politischem System. Michel Foucault nimmt 1978 am \u00bbTunix\u00ab-Kongress in Berlin teil, der f\u00fcr das neu geordnete Verh\u00e4ltnis von revolution\u00e4rer Theorie und alternativer Lebenspraxis etwa in homosexuellen Wohngemeinschaften symptomatisch steht.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"taz Tunix \u2013 40 Jahre Sponti Kongress\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/bL_SoyEztnI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ordnung des Diskurses<\/p>\n<p>Foucault, kritischer Beobachter der Pariser Ereignisse, unternimmt 1970 in seiner Antrittsvorlesung \u00bbOrdnung des Diskurses\u00ab einen R\u00fcckblick auf sein Fr\u00fchwerk der \u00bbHistoire de la Folie\u00ab der sechziger Jahre, das ihm die Professur am Coll\u00e8ge de France einbringt. Den \u00bbDiskurs \u00fcber die Sexualit\u00e4t\u00ab (Foucault 1977: 46) erkl\u00e4rt er zu einem Zentrum dieser wissenschaftlichen Bearbeitung der Macht der Diskurse in Hinsicht auf die Subjekte und ihren K\u00f6rper, den Menschen und seine Individualit\u00e4t, also das, was er sp\u00e4ter \u00bbBiomacht\u00ab nennen wird. Er stellt darin zum einen eine Exklusion von Sexualit\u00e4t fest, die weder mit Liebe noch K\u00f6rperlichkeit identifiziert werden kann; zum anderen bedeutet diese Exklusion auch, dass Sexualit\u00e4t \u00bbin den Mittelpunkt der Existenz\u00ab versetzt wird und \u00a0ins Zentrum der \u00bbWahrheit\u00ab (Foucault 2001: 91) von Diskursen r\u00fcckt. Diese Diskurse sind wie diejenigen Luhmanns soziale Theorien im weiten Sinne, in denen Liebe oder Sexualit\u00e4t eine zentrifugale und inkludierende Stellung als Wahrheits- und Gesellschaftstr\u00e4ger haben. Wenn Foucault die \u00bbDiskontinuit\u00e4t\u00ab (Foucault 1977: 39) bedenkt sowie das kritische Verh\u00e4ltnis von Ereignis und Struktur, das seine \u00dcberlegungen methodisch kennzeichnet, so kommt dies meinen Vorstellungen \u00fcber Konstellationen und deren explorativer Energie sehr nahe. Denn beider Theorien befinden sich ja in einer komplement\u00e4ren Antinomie zueinander; die Genese zentraler Gedankeng\u00e4nge von Foucault und Luhmann\u00a0 ist ungewollt zentriert im kritischen \u00bbEreignis\u00ab 1967, das \u00bbDiskurse\u00ab (Foucault 1977: 35) freisetzt, die Liebe als Passion ins Zentrum der b\u00fcrgerlichen Ehe r\u00fccken, w\u00e4hrend Foucault die \u00bb\u203aDiskursivierung\u2039 des Sexes\u00ab (Foucault 1983, 26) feststellt. Beide trennen also personifiziert in ihrem Werk, was 1967 als Ereignis zusammengebracht wurde. Liebe wird fortan \u00f6konomisiert, entromantisiert und enterotisiert, w\u00e4hrend Sexualit\u00e4t entk\u00f6rperlicht und medialisiert oder diskursiviert wird (Plamper 2012), wie in dreib\u00e4ndigen B\u00fcchern \u00fcber \u00bbSexualit\u00e4t und Wahrheit\u00ab (Foucault 1976-1984).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ereignis und Struktur<\/p>\n<p>Wie der Film und andere Formate der sich ausbreitenden Medienkultur sich der Darstellung von Sexualit\u00e4t als K\u00f6rperlichkeit seit den sp\u00e4ten sechziger Jahren mehr und mehr \u00f6ffnen, so erh\u00e4lt Liebe eine neusachlich-diskursive Pr\u00e4gung etwa durch best\u00e4ndigen Therapie-, Diagnose- und Besprechungsbedarf. Der Sommer 1967 war zugleich H\u00f6he- und Endpunkt als kritisches Ereignis, in dem noch einmal Liebe und Sexualit\u00e4t in ihrer ganzen erotischen Romantik und als k\u00f6rperliche Synthese gefeiert wurden.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Human Be-In 1967 - Golden Gate Park - San Francisco CA\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/evjEZZbryw0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Aber in der medialen Distanz zum Publikum, die die Beatles in der exklusiven Fernseh\u00fcbertragung von \u00bbAll you need is love\u00ab bereits einnahmen, und dem Ende der k\u00f6rpernahen Konzerte wird eine Entk\u00f6rperung deutlich, die die weitere Entwicklung bis heute vorzeichnet. Das Ereignis geht ein exploratives Verh\u00e4ltnis zur Struktur ein, indem es strukturinnovativ und -ver\u00e4ndernd wirkt; umgekehrt erh\u00e4lt der \u00bbDiskurs seinen Ereignischarakter\u00ab (Foucault 1977: 35) zur\u00fcck. Wenn Foucault den \u00bbDiskurs \u00fcber die Sexualit\u00e4t\u00ab (Foucault 1977: 46) in den Mittelpunkt seines Werkes r\u00fcckt und Liebe als \u00bbKommunikationsmedium\u00ab (Luhmann \u00a02008: 10) 1969 von Luhmann beschrieben und in seinem ersten Hauptseminar an der Universit\u00e4t Bielefeld behandelt wird, dann treten beide Begriffe in ein kritisches Verh\u00e4ltnis zum Ereignis. Denn die ma\u00dfgeblichen Theorien von Foucault und Luhmann, die um beide Begriffe konzipiert werden, ver\u00e4ndern Strukturen der universit\u00e4ren Lebenswelt oder tragen zu strukturellen Ver\u00e4nderung der Lebenspraxis bei, etwa durch bewusstwerdende Reflexion des postmodernen Zustands medialisierter Emotionen, der nach 1967 die Ereignishaftigkeit von Liebe und Sexualit\u00e4t begleitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Liebe zur Theorie<\/p>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sz0BxxSsook<\/p>\n<p>Denn so wie den Beatles 1967 die mediale Abh\u00e4ngigkeit ihrer Karriere von der Schallplatte bewusst wird und sie in ihrem Werk bis 1970 die romantische Liebe der \u00bbsilly love songs\u00ab auch durch eine neue medientechnische Kunstfertigkeit und Perfektion desillusionieren und ironisieren werden, findet bei Luhmann und Foucault eine Reflexion von Liebe und Sexualit\u00e4t statt, die deren postmoderne Realit\u00e4t durch Bewusstmachung ver\u00e4ndert. Insofern sind weitere Ereignisse zu nennen, die eine ver\u00e4nderte Struktur von Lebenswelt und Gesellschaft signalisieren. Luhmann wird 1968 seine Professur f\u00fcr Soziologie an der neugegr\u00fcndeten Reformuniversit\u00e4t Bielefeld mit einem Seminar \u00fcber \u00bbLiebe als Passion\u00ab beginnen. Foucault h\u00e4lt seine Antrittsvorlesung an der Sorbonne 1970 mit \u00dcberlegungen zum Diskurs \u00fcber Sexualit\u00e4t und dessen Ordnung. Weder die Platten der Beatles in ihrer k\u00fcnstlerisch anspruchsvollsten und wirkungsvollsten Phase von 1967 bis 1970 noch die Texte von Luhmann und Foucault sollten in ihrer \u00bbgesellschaftsver\u00e4ndernden\u00ab \u2013 wie das damals hie\u00df \u00a0\u2013 Wirkung auf die Jugendbewegung oder andere Mentalit\u00e4ten untersch\u00e4tzt werden. \u00bbLiebe als Roman\u00ab (Niels Werber) kennzeichnet ein anderes sehr erfolgreiches Textmodell und Genre, welches seit dem 18. Jahrhundert bis heute die fiktionale Verschriftlichung von Liebe leistet und die Texte zur Emotion nicht nur liefert, sondern etwa als Liebe zum Text auch hervorbringt und ver\u00e4ndert. Das ber\u00fchmteste Beispiel f\u00fcr diese Emotionalisierung und Erotisierung des Romantextes sowie des Lekt\u00fcreakts ist Goethes \u00bbDie Leiden des jungen Werthers\u00ab mit der mimetischen Empathie des Werther-Effekts: Form und Inhalt des Romans werden im wirklichen oder vorgestellten Selbstmord seiner Leser nachgeahmt (Martin Andree, \u00bbWenn Texte t\u00f6ten\u00ab).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Code und Gef\u00fchl<\/p>\n<p>Luhmanns kleines rotes Buch von 1969 \u00e4hnelt sehr der ber\u00fchmten Mao-Bibel des F\u00fchrers der 1967 beginnenden chinesischen Kulturrevolution, in der es u.a. auch um die Revolution von Geschlechterverh\u00e4ltnissen ging. Dort und im gleichlautenden Buch von 1982 heisst es, dass Liebe nicht als \u00bbGef\u00fchl\u00a0 behandelt [wird], sondern als symbolischer Code\u00ab (Luhmann 1982: 9). Liebe ist damit zum einen ein besonders interessanter Spezialfall als Untersuchungsobjekt f\u00fcr zentrale Elemente von Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Denn Liebe erf\u00fcllt die Bedingungen, um Kernaussagen einer \u00bbTheorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien\u00ab (Luhmann 1982: 9) zu verifizieren; deren erste Schritte unternahm der Text von 1969 und das anschlie\u00dfende Seminar an der Universit\u00e4t Bielefeld. 1967 wird in Aufs\u00e4tzen in der \u00bbK\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie\u00ab die bahnbrechende Theorie sozialer Systeme vorgestellt, der die Liebeskonzeption zugeh\u00f6rt. Doch diese immanente Funktion von Liebe als Code innerhalb soziologischer Theorie l\u00e4sst ja die Frage sinnvoll werden, wie diese Liebe sich verh\u00e4lt zur ereignishaften Liebe. Anders gesagt ist die Transzendierung von Liebe zum Code doch nur plausibel vor dem, was Liebe real als Ereignis um 1968 eben kennzeichnet, wenn Jugendkulturen geradezu inflation\u00e4r und obsessiv von ereignishafter Liebe bestimmt werden und Sexualit\u00e4t die Gesellschaft zumindest medial in sogenannten Aufkl\u00e4rungsfilmen oder bildkr\u00e4ftig in Zeitschriften \u00fcberwuchert.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Niklas Luhmann Liebe als Passion  Beobachter im Kr\u00e4hennest  Systemtheorie Teil 1\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/f3WtHgRApYE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wuchern der Diskurse<\/p>\n<p>Liebespraktiken innerhalb der studentischen Jugendkultur und deren Intellektualisierung und Akademisierung bei Luhmann unterhalten ja ein konstellatives Verh\u00e4ltnis von ereignishafter Praxis und theoretischer Struktur, das durchaus einzigartig kennzeichnend ist f\u00fcr die sp\u00e4ten sechziger Jahre. In der einflussreichen soziologischen Theorie der Resonanz von Hartmut Rosa ist Liebe 2016 nur ein randst\u00e4ndiges Resonanzph\u00e4nomen unter vielen anderen und steht wie Sexualit\u00e4t nicht mehr im\u00a0 \u00bbMittelpunkt\u00ab (Foucault 2001: 91) von Theorien. Luhmann h\u00e4tte ja auch ein anderes symbolisch generalisiertes Medium wie z. B. Geld als Paradigma seiner Theorie nehmen k\u00f6nnen. Liebe und Sexualit\u00e4t werden sowohl in der Lebenspraxis wie in der Theorie um 1967 exponiert und gehen derart eine charakteristische Konstellation von Praxis und Theorie ein, die methodisch Erkenntnisse \u00fcber die sp\u00e4ten 1960er Jahre hervorbringt. Liebe und Sexualit\u00e4t profilieren sich als Leitbild und Denkfigur f\u00fcr\u00a0 die sp\u00e4ten sechziger Jahre und zwar in einer \u00bbDiskontinuit\u00e4t\u00ab von Ereignis und Struktur (Foucault 1977: 39), Medium und Diskurs. Foucault sagt selbst in \u00bbDer Wille zum Wissen. Sexualit\u00e4t und Wahrheit 1\u00ab von 1976, dass ihn diese Konstellation seit f\u00fcnfzehn Jahren, also seit 1960, besch\u00e4ftigt und er dabei ein \u00bbWuchern der Diskurse\u00ab (Foucault 1983: 41) \u00fcber den Sex feststellt. Dieser Befund ist wissens- und diskurshistorisch doppelt zu lesen: zum einen ist diese Vermehrung gekoppelt an den Aufstieg der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft seit dem 17.\/18. Jahrhundert; zum anderen umrahmt er im Werk Foucaults die antib\u00fcrgerliche Jugendbewegung seit den sechziger Jahren mit dem H\u00f6hepunkt 1967. Der Prozess impliziert eine begriffliche, skripturale und grafische Dimension, insofern der \u00bbSex zu einer Sache des Sagens[\u2026] gelenkt von diskursiven Strategien\u00ab des Schreibens geworden ist (Foucault 1983: 37). Es handelt sich um eine die ganze Gesellschaft umfassende Kampagne, ein \u00bbgro\u00dfer polymorpher Imperativ\u00ab (Foucault 1983: 38) inklusive medienkultureller und popmusikalischer Hervorbringungen wie etwa Lovesongs. Wie Luhmanns Liebessemantik nur repr\u00e4sentativ ist f\u00fcr das soziale System als Ganzes, so ist Sex f\u00fcr Foucault ein zwar zentraler, aber auch nur repr\u00e4sentativer Begriff, an dem diskursive Strategien moderner Gesellschaften sich besonders gut zeigen lassen, die den \u00bbWahrheitswert\u00ab von Diskursen an die \u00bbunterschiedlichen Machtmechanismen und -institutionen\u00ab (Foucault 1983: 8) und deren Repression von Individuen binden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Lust am Text<\/p>\n<p>Die \u00bbVermehrung der Diskurse\u00ab (Foucault 1983: 35) \u00fcber Sexualit\u00e4t und Liebe ist nicht nur ein quantitatives Problem etwa der Mediendifferenzierung in Popmusik und soziologische Theorie, sondern auch ein qualitatives etwa des kreativen Schreibens oder aktiven Lesens sowie des konzentrierten und nicht regressiven (Adorno) Zuh\u00f6rens von komplexen B\u00fcchern oder anspruchsvoller Popmusik der Beatles oder Pink Floyds. Intellektualisierung von Emotion und Emotionalisierung von Theorie befinden sich in einem wechselseitigen Verh\u00e4ltnis zueinander, welches in einem embryonalen Zustand in den sp\u00e4ten sechziger Jahren festgestellt werden kann, der insbesondere durch den Zusammenprall von Liebe als Ereignis und Lebenspraxis und Liebe als Strukturelement von Theorien gekennzeichnet ist. So spricht Luhmann davon, dass die Liebe zur Theorie die eigentliche und wahre Liebe sei; Roland Barthes besch\u00e4ftigt sich wie Susan Sontag mit dem metaphorisch erotisierten Lekt\u00fcreakt in die \u00bbLust am Text\u00ab (Barthes 1973), korrespondierend zur Begr\u00fcndung der Rezeptions\u00e4sthetik 1967 im \u00bbAkt des Lesens\u00ab (Wolfgang Iser) oder dem \u00bbexpliziten Betrachter\u00ab (Wolfgang Kemp), den die Kunstwissenschaft f\u00fcr\u00a0 moderne Kunst einfordert. Diese Emotionalisierung von Theorie zeigt sich vielfach in der Folge der 68er-Bewegung. Die emotionale Obsession, mit der um und seit 1968 theoretisiert und gelesen wird oder wissenschaftliche B\u00fccher vertrieben und gekauft werden, ist in vielen Facetten gezeigt worden (Felsch 2015, Reichardt 2014). 1967 aber beginnt als Basis und H\u00f6hepunkt der letzten gro\u00dfen Print-, Schrift- \u00a0und Textkultur diese \u00bbSondierung der Basisstruktur der Sprache\u00ab (Stockhammer 2017: 35) im linguistic oder semiotic turn als Grundlegung der Geistes- und Kulturwissenschaften. Nimmt man die Autoren John Lennon und Paul McCartney als Songschreiber sowie Luhmann und Foucault als Diskursproduzenten hinzu, so f\u00e4llt die Manie und F\u00fclle des Produzierens von Texten jedweder Art wie Songs oder Theoriebausteinen auf Zetteln und von im Studio produzierten Platten auf. Universit\u00e4r und akademisch wird so die Macht der Diskurse erkl\u00e4rbar, die etwa durch die Gr\u00fcndung von Universit\u00e4ten wie der in Bielefeld die Intellektualisierung von Emotionen und deren Lebenspraxis institutionalisierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ver\u00e4nderungen der Anthropologie<\/p>\n<p>Jacques Derrida und Gilles Deleuze bemerken bei Foucault, wie diese Konstellation das Denken \u00fcber den Menschen ver\u00e4ndert, gleichsam neue Subjekte durch neue Mentalit\u00e4ten hervorbringt und den anthropologischen Diskurs tiefgreifend ver\u00e4ndert, beginnend mit der Habilitationsthese von Foucault \u00fcber Kants Anthropologie, die um 1960 entsteht (Foucault 2010). Statt Ph\u00e4nomenologie bestimme \u00a0nun Epistemologie das Denken von Foucault, bemerkt Deleuze zu dessen historisch-kritischer Wende (Deleuze zit. n. Hemminger \u00a02010: 127). Nicht mehr wird der Diskurs durch die Ph\u00e4nomene und Ereignisse gleichsam naturalistisch und empirisch bestimmt, sondern der Diskurs dominiert die Ereignisse, die nur retrospektiv in der Optik bestimmter historisch und epistemologisch ausgewiesener Denkfiguren erkennbar sind. Der Mensch als Subjekt mit seiner Emotionalit\u00e4t wird dekonstruiert, so dass nicht seine lebenspraktische Emotionalit\u00e4t als Liebe oder Sexualit\u00e4t \u00a0im Mittelpunkt steht, sondern deren \u00a0theoretische Fassung und diskursive Form; zugleich entsteht dadurch eine Anthropologie mit einem neuen Bild vom Menschen und seiner Emotion. Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat dies zu einem bemerkenswerten Aufstieg anthropologischer Theorie als entschieden historisch und diskursiv ausgewiesener Anthropologie in Deutschland gef\u00fchrt, die sich als Fortf\u00fchrung und Rezeption des Werks von Foucault versteht (Wulf 1997).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Macht der Diskurse<\/p>\n<p>So ist Foucaults kritische Besch\u00e4ftigung mit Wahnsinn und Sexuali\u00e4t nicht nur Diskurskritik oder der Nachweis von b\u00fcrgerlicher Wissenschaft als Ideologie, wie dies 1968 pauschal hie\u00df, sondern auch die Etablierung eines neuen Diskurses, der etwa die Diskriminierung von Homosexualit\u00e4t einigerma\u00dfen erfolgreich \u00a0beendet. In der DDR wird der \u00a7 175, der Homosexualit\u00e4t juristisch verboten hatte, 1968 aufgehoben, in der BRD 1973\/1974. Um 1967 wird ein alternativer Diskurs etabliert ausgehend von einer ver\u00e4nderten Lebenspraxis; sowohl das alternative Ereignis wie die alternative Struktur legitimieren sich in der Folgezeit und etablieren eine alternative Medien- und Diskurskultur. \u00bbLinksalternatives Leben\u00ab (Reichardt 2014) sowie Diskurs- und Theoriesystem korrespondieren und inspirieren sich wechselseitig. Beide, Luhmann und Foucault, pr\u00e4ferieren unpers\u00f6nliche Sinn- und Diskurssysteme, die ohne Subjekte und Autoren auszukommen scheinen oder in denen Emotionen versachlicht und intellektualisiert werden und die Ereignisse, in denen Individuen agieren, marginalisieren.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Einblicke in das System der Zettel - Geheimnis um Niklas Luhmanns Zettelkasten\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/4veq2i3teVk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>In Wahrheit werden Subjekt und System, Ereignis und Struktur, Emotion und Intellekt in das neue Bezugsverh\u00e4ltnis einer andersartigen Konstellation gebracht, die f\u00fcr die Folgezeit bis heute weitreichende intellektuelle und lebenspraktische Folgen hat. War eine Folge der Arbeiten von Luhmann, Foucault und Barthes die These vom Tod des Autors oder der Subordinierung des Subjekts durch die Herrschaft von System, Text und Diskurs, so entspricht dem die Dominanz\u00a0 der Studio- und Medientechnik in der Popmusik seit 1967, der die Kreativit\u00e4t der Musiker integriert und angepasst wird. Aber in der autopoietischen \u00bbWissenschaftssprache [\u2026] gelehrter Poesie\u00ab (Luhmann 2000: 5), die Luhmann f\u00fcr seine dadurch emotionalisierte Theorie einklagt, behauptet sich die Kreativit\u00e4t der schreibenden oder musizierenden Subjekte, also ein eher postmodern medialisiertes Subjekt, das sich im best\u00e4ndigen Schreiben und Musizieren realisiert und weniger in den realen Ereignissen und Erfahrungen von\u00a0 Sexualit\u00e4t und Liebe. Bei Foucault wird der \u00bbDiskurs\u00ab zum \u00bbEreignis\u00ab, worin das \u00bbSubjekt\u00ab und sein \u00bbK\u00f6rper\u00ab sowie der \u00bbZufall\u00ab der \u00bbAugenblicke\u00ab (Foucault 1977: 39\/40) aufgehoben, d.h. transzendiert und doch bewahrt\u00a0 werden: \u201eDiskurse\u00ab m\u00fcssen als \u00bbEnsembles diskursiver Ereignisse behandelt werden\u00ab (Foucault 1977: 39). Bemerkenswert ist die Konstellation zur ma\u00dfgeblichen kultur- und geisteswissenschaftlichen Gruppe \u00bbPoetik und Hermeneutik\u00ab, die angeleitet von Reinhart Koselleck 1970 ganz \u00e4hnlich \u00fcber Ereignis, Struktur, Zufall und Erz\u00e4hlung in der Geschichte und Geschichtstheorie diskutiert, ohne dass man auf Foucaults Vorlesung Bezug nimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Geschichte und (Begriffs-)Geschichten<\/p>\n<p>Dies betrifft ebenfalls das Verh\u00e4ltnis von \u00bbGenese und Struktur\u00ab in der Geschichtstheorie und Geschichtsdarstellung (Foucault 2000: 8), welches sowohl die historische Semantik Luhmanns wie die historische Diskursanalyse von Foucault ma\u00dfgeblich bestimmt und ver\u00e4ndert. Das Denken um 1968 wurde hier in seiner Genese und Entwicklung mit dem H\u00f6he- und Wendepunkt 1967 als Epistem, Bruch oder Epochenschwelle dargestellt. Insbesondere die kritische Analyse des b\u00fcrgerlichen Denkens seit dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert bestimmte diese genetische Methode unter Einschluss antib\u00fcrgerlicher Alternativen; dem b\u00fcrgerlichen Denken widerfuhr ein End- und Wendepunkt um 1968 als gleichsam dramatische Klimax und Katastrophe. Reinhart Kosellecks Dissertation\u00a0 \u00bbKritik und Krise\u00ab von 1954 war untertitelt mit \u00bbStudie zur Pathogenese der \u00a0b\u00fcrgerlichen Welt\u00ab, die in diversen diskursiven, kulturellen und politischen Kontexten der Aufkl\u00e4rung des 18. Jahrhunderts\u00a0 untersucht wurde. Wenn die Jugendkultur Liebe nicht mehr an monogame Ehe koppelt, dann fordert dies den b\u00fcrgerlichen \u00a0Diskurs \u00fcber Liebe und Sexualit\u00e4t heraus. Der Kollektivsingular der Geschichte wird in die kleinen Geschichten von Begriffen ausdifferenziert, so Koselleck in seiner Antrittsvorlesung 1973 an der Universit\u00e4t Bielefeld. Darin wird bezweifelt, ob der Grundsatz \u00bbHistoria magistra vitae\u00ab noch ein weiterhin g\u00fcltiger Grundsatz sei und nicht ersetzt werden m\u00fcsse durch die Betonung historischer Br\u00fcche oder auch Revolutionen, die bisherige Mentalit\u00e4ten, Denk- und Gesellschaftsstrukturen durch pl\u00f6tzliche Ereignisse wie 1967\/68 au\u00dfer Kraft setzen. Als historiografische Methode hat sich diese episch narrative Darstellungsweise von Ereignisgeschichte prominent durchgesetzt bei Hans Ulrich Gumbrecht in \u00bb1926. Ein Jahr am Rand der Zeit\u00ab oder Florian Illies \u00bb1913. Der Sommer des Jahrhunderts\u00ab im Unterschied zur Struktur- und Gesellschaftsgeschichte etwa Hans Ulrich Wehlers. Betont diese die narrative Kontinuit\u00e4t von Strukturen, so hebt jene die Diskontinuit\u00e4t\u00a0 von kontingenten und konstellativen Ereignissen hervor, als Projekt einer \u00bbTheorie der diskontinuierlichen Systematizit\u00e4ten\u00ab (Foucault 1977: 40).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Political correctness?<\/p>\n<p>Der medienhistorischen Signifikanz und Koinzidenz der distanzierten Medienpraxis des besessenen Lesens und permanenten Schreibens von Songs auf Zetteln oder als bevorzugte Schreibweise in Luhmanns und Kosellecks \u00a0Zettelk\u00e4sten steht entgegen die politische Indifferenz in der Zusammenstellung der Autoren. Vor dieser medienhistorischen Symptomatik der \u00bbLust am Text\u00ab (Barthes 1973) wird die politische Zuordnung von links und rechts relativiert, so dass 1968 in neuem Licht erscheint. Auch die Mitgliedschaft von Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof in der Studienstiftung des deutschen Volkes (Gallus 2016) f\u00fcgt sich der bisherigen politischen Semantik im Hinblick auf die Jugendbewegung der sechziger Jahre nicht. Revolution\u00e4r scheint eher der Medienumbruch zu sein, der um 1968 ein letztes Mal die alten grafischen Medien Buch, Text, Schrift und Grammophon als \u00bbAufschreibesysteme\u00ab (Friedrich Kittler) exponiert und geradezu rauschhaft feiert, bevor die digitale Revolution diese Omnipr\u00e4senz der grafischen Medien Buchdruck und Phonographie als Leitmedien beendet. Ehemalige linksradikale Studenten wie D. E. Sattler beginnen eine neue revolution\u00e4re textgenetische Edition der Werke Friedrich H\u00f6lderlins, die als Frankfurter H\u00f6lderlin-Ausgabe seit 1972 im von K.D. Wolff gegr\u00fcndeten Stroemfeld \u2013 Roter Stern Verlag publiziert wird, so dass die genaue Arbeit am Text und mit dem Text die politische Aktion programmatisch ersetzt und verdr\u00e4ngt. Denn sowohl die K\u00f6rperlichkeit von Liebe und Sexualit\u00e4t wie die haptisch-taktile K\u00f6rperlichkeit der Tr\u00e4germedien Buch und Schallplatte werden ja in den Medien der digitalen Revolution entzogen. Diese Entk\u00f6rperung durch mediale Distanzierung kennzeichnet nach Luhmann den Medienbegriff generell und grunds\u00e4tzlich, was insbesondere kommunikative Grundformen und Gattungen der face-to-face-Interaktion wie Dialog und Konzert ver\u00e4ndert. Luhmann definiert \u00bbMassenmedien\u00ab (Luhmann 1996:11), also auch Schallplatten und wissenschaftliche Taschenb\u00fccher (die sich seit 1967 massenhaft ausbreiten) durch die Aufgabe von face-to-face-Kommunikation, \u00bb<em>da\u00df keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empf\u00e4ngern stattfinden kann.<\/em>\u00ab (Luhmann 1996: 11).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Hymnen (1966--67) - Region II - Karlheinz Stockhausen\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/I0KPWzZta8I?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Der \u00dcbergang, mit dem die Beatles und andere Bands der neuen Rockmusik im \u00bbSchaltjahr\u00ab (Kaiser 2017) \u00a0der Popmusik 1967 die k\u00f6rperliche Interaktion des Konzerts ersetzen durch den Auftritt im elektronischen Schallplatten- und Fernsehstudie ist Symptom f\u00fcr diesen umfassenden sozialen Wandel der Kommunikationsformen. Elektronische Kommunikation etwa im Schallplattenstudio ersetzt oder marginalisiert dabei die k\u00f6rperliche Interaktion zwischen Musikern und ihrem Publikum; Liebe als Interaktion wird ersetzt oder erg\u00e4nzt um den Lekt\u00fcreakt diverser Textformate und Diskursarten, die Liebe und Sexualit\u00e4t fiktiv, imagin\u00e4r oder theoretisch behandeln. \u00bbPhantasie an die Macht\u00ab, jener Leitsatz der Pariser Studentenbewegung und der neueren elektronischen (Pop-)Musik von Stockhausen, den Beatles und Pink Floyd mit ihren sph\u00e4rischen und halluzinativen Kl\u00e4ngen von \u00bbLucy in the sky with diamonds\u00ab, wird skriptural und medienhistorisch transformiert in den \u00bbZettels Traum\u00ab (wie Arno Schmidts ber\u00fchmter Roman von 1970 heisst) best\u00e4ndiger Schreib- und Leseakte. Dass dieser epochale (und konstellative) Vorgang bestimmende Institutionen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft wie die \u00d6ffentlichkeit strukturell ver\u00e4ndert, zeigen J\u00fcrgen Habermas in \u00bbStrukturwandel der \u00d6ffentlichkeit\u00ab von 1962 sowie Oskar Negt und Alexander Kluge in \u00bb\u00d6ffentlichkeit und Erfahrung\u00ab von 1972, die so den hier skizzierten Sachverhalt historisch einrahmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Literatur<\/p>\n<p>Barthes, Roland (1973): Die Lust am Text, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p>FAS (2017): Foucault im Death Valley, in: Frankfurter allgemeine Sonntagszeitung Nr. 40, 8.10.2017, S. 57.<\/p>\n<p>Felsch, Philipp (2015): Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualit\u00e4t und\u00a0 Wahrheit 1[Histoire de la sexualit\u00e9, 1: La volont\u00e9 de savoir (1976)], Frankfurt.<\/p>\n<p>Foucault, Michel (1977): Die Ordnung des Diskurses [L`ordre du discours (1970)], Frankfurt, Berlin, Wien.<\/p>\n<p>Foucault, Michel (2010): Einf\u00fchrung in Kants <em>Anthropologie<\/em> [<em>Introduction \u00e0 <\/em>l`Anthropologie <em>de Kant <\/em>(2008)]<em>, <\/em>Berlin.<\/p>\n<p>Foucault, Michel (2001): Nein zum K\u00f6nig Sex. Interview mit Bernard-Henri L\u00e9vy (1977), in: Michel Foucault: Short Cuts, S. 90-114, Frankfurt.<\/p>\n<p>Gallus, Alexander (Hg.) (2016): Meinhof, Mahler, Ensslin. Die Akten der Studienstiftung des deutschen Volkes, G\u00f6ttingen.<\/p>\n<p>Gilcher-Holthey, Ingrid (1995): \u203aDie Phantasie an die Macht\u2039. Mai 68 in Frankreich, Frankfurt.<\/p>\n<p>Gumbrecht, Hans Ulrich (1997): 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit [1926. Living at the Edge of Time (1997], Frankfurt.<\/p>\n<p>Hemminger, Andrea (2010): Nachwort zu Foucault, Kants Anthropologie, Berlin, S. 119-141.<\/p>\n<p>Illies, Florian (2012): 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, Frankfurt.<\/p>\n<p>Kaiser, Gerhard (2017) (Hg.): Younger than Yesterday \u2013 1967 als Schaltjahr\u00a0 des Pop, Berlin.<\/p>\n<p>Luhmann, Niklas (1996): Die Realit\u00e4t der Massenmedien, Opladen.<\/p>\n<p>Luhmann, Niklas (2000): Short Cuts, Berlin.<\/p>\n<p>Luhmann, Niklas (2008): Liebe. Eine \u00dcbung, Frankfurt.<\/p>\n<p>Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimit\u00e4t, Frankfurt.<\/p>\n<p>Plamper, Jan (2012): Geschichte und Gef\u00fchl. Grundlagen der Emotionsgeschichte, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Reichardt, Sven (2014): Authentizit\u00e4t und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und fr\u00fchen achtziger Jahren, Berlin.<\/p>\n<p>Stockhammer, Robert (2017), 1967. Pop, Grammatologie und Politik, Paderborn\/M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Wulf Christoph (1997) (Hg.): Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie, Weinheim\/Basel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Textk\u00f6rper<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[90107,253,573,780,1371,1413,2120],"class_list":["post-8156","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-90107","tag-aufschreibesysteme","tag-diskurs","tag-foucault","tag-liebe","tag-luhmann","tag-sexualitaet"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8156","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8156"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8156\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8156"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8156"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8156"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}