{"id":8184,"date":"2018-08-28T10:00:03","date_gmt":"2018-08-28T08:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8184"},"modified":"2018-08-28T10:00:03","modified_gmt":"2018-08-28T08:00:03","slug":"amerikanische-deutschlandbilderdie-80er-jahre-agentenserie-scarecrow-and-mrs-king-agentin-mit-herzvon-maren-lickhardt28-8-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/08\/28\/amerikanische-deutschlandbilderdie-80er-jahre-agentenserie-scarecrow-and-mrs-king-agentin-mit-herzvon-maren-lickhardt28-8-2018\/","title":{"rendered":"Amerikanische DeutschlandbilderDie 80er-Jahre-Agentenserie \u00bbScarecrow and Mrs. King\u00ab\/\u00bbAgentin mit Herz\u00abvon Maren Lickhardt28.8.2018"},"content":{"rendered":"<p>US-Amerikanische TV-Klischees \u00fcber Deutsche<!--more--><\/p>\n<p>Die Serie <i>Agentin mit Herz<\/i> k\u00f6nnte ein einziges \u00c4rgernis darstellen, h\u00e4tte Kate Jackson nicht so eine drollige Stimme. Die durchschnittliche amerikanische Hausfrau Amanda King, gespielt von eben jener Kate Jackson, die gerne mal Strickjacken tr\u00e4gt und sich selbst w\u00f6rtlich stets brav als Mutter und\/oder Hausfrau bezeichnet, wenn sie gefragt wird, wer sie ist oder was sie tut, beginnt durch Zufall, dem CIA beim L\u00f6sen von Spionagef\u00e4llen zu helfen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Agentin mit Herz - Stereo HQ Version\" width=\"625\" height=\"469\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/nevSPw-ALPI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Will sagen: In jeder durchschnittlichen Amerikanerin steckt das Zeug zu einer aktiven Patriotin. Ja, gerade weil die Sorge der Mutter in erster Linie den Kindern gilt, kann sie gewisserma\u00dfen als Nebent\u00e4tigkeit regelm\u00e4\u00dfig die Welt retten. Dass sie mit ihren S\u00f6hnen Pfadfinderkurse besucht, dass sie ihnen bei den Hausaufgaben hilft und dass sie deren sportliche Aktivit\u00e4ten \u00fcberwacht, liefert ihr quasi en passant schon mal die H\u00e4lfte aller Skills, die sie als Aushilfsagentin ben\u00f6tigt. So bringt sie \u201avon Natur aus\u2018 zahlreiche F\u00e4higkeiten mit, um das zu tun, was \u201avon Natur aus\u2018 oberste Staatsr\u00e4son sein muss: die Welt vor dem Kommunismus zu bewahren. Au\u00dferdem ist die Welt ja sowieso in Ordnung, solange Frauen noch Frauen sind, d.h. Amanda hat allein dadurch eine gesellschaftlich stabilisierende und rettende Funktion, weil sie im Intro den Staubsauger bet\u00e4tigt, als ginge es um ihr Leben. Hier verweisen Vaterland und Familie, Chauvinismus und Sexismus aufeinander.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Immerhin wird Amanda gegen Ende der Serie mit dem m\u00e4nnlichen Protagonisten belohnt. Dass sie mit dem smarten, gutaussehenden Agenten Lee Stetson, gespielt von Bruce Boxleitner, zusammenkommt, vermittelt M\u00e4nnern die Botschaft, dass Frauen zwar bieder, einf\u00e4ltig und ungestylt sein d\u00fcrfen \u2013 oder m\u00fcssen \u2013, aber dass die M\u00e4nner mutig, sportlich und mond\u00e4n sein m\u00fcssen \u2013 oder d\u00fcrfen. Strickjacke vs. Smoking. Ford vs. Corvette.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Was davon die gr\u00f6\u00dfere Zumutung darstellt, sei dahingestellt.<\/p>\n<p>Problematisch ist au\u00dferdem die Figur Francine Desmond, die von Martha Smith verk\u00f6rpert wird. Wir haben es hier mit einer erfahrenen Agentin und eleganten Frau zu tun, die als derartiger Typ vorgef\u00fchrt wird, um sie systematisch zu demontieren. Sie ist zickig, eitel, arrogant und picky \u2013 im Kontext der 80er kann man vielleicht auch an ein Wort erinnern, das ich seit Jahren nicht mehr geh\u00f6rt habe, das aber eigentlich ganz gut passt: pingelig. Sie scheint kaum ein Privatleben zu haben, und in ostentativen Gegen\u00fcberstellungen mit Amanda wird immer wieder darauf verwiesen, was sie nicht kann: kochen, putzen, umsorgen&#8230; Es ist Amanda, die im Sinne der Serie bei all diesen Vergleichen als Siegerin hervorgeht und die am Ende den aufregenden Mann bekommt \u2013 nicht obwohl, sondern weil sie nicht ist wie Francine.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Perfect - Scarecrow and Mrs King\" width=\"625\" height=\"352\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Mqld23TtFQk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Bei n\u00e4herem Hinsehen muss man zugeben, dass die Serie nicht ganz so stereotyp ist bzw. dass die \u2013 f\u00fcr das durchschnittliche Publikum bedienten \u2013 Stereotype nicht g\u00e4nzlich unangekratzt bleiben. Amanda ist geschieden, und zum Auftakt der Serie betont sie, dass sie keineswegs vorhat, so schnell wieder eine Beziehung oder Ehe einzugehen, was sie auch lange Zeit nicht tut. Au\u00dferdem genie\u00dft Amanda die Abenteuer mit dem CIA viel zu sehr. Sie scheint sie wirklich zu brauchen, denn in den ersten Folgen dr\u00e4ngt sie sich immer wieder auf und bettelt geradezu darum, dass man sie in einen Fall einbinden m\u00f6ge. Sooo umfassend erf\u00fcllend kann das Hausfrauen- und Mutterdasein also nicht sein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Insgesamt wird deutlich, dass in der patenten Amanda mehr steckt, als ihr allt\u00e4gliches Umfeld wahrnimmt. Sie ist mutig, klug und bleibt sich stets treu. Sie wei\u00df, wer sie ist, und im Zuge der romantischen Ann\u00e4herung der ProtagonistInnen wird ebenfalls deutlich, dass auch Lee ganz genau wei\u00df, wen er vor sich hat. Sie trieft im Grunde vor \u201aSubstanz\u2018, und auch hier muss man die Frage aufwerfen \u2013 nicht beantworten \u2013, ob das nun gut oder schlecht ist.<\/p>\n<p>Blickt man vor diesem Hintergrund ein letztes Mal auf die Beziehung der Figuren, muss auffallen, dass Lee in der \u00dcbersetzung des Titels ins Deutsche verloren gegangen ist. Auf die Nennung beider Figuren Scarecrow \u2013 so Lees Agentenname \u2013 und Mrs. King ist verzichtet worden, und aus der Misses ist eine Agentin geworden, deren herausragende Eigenschaft ist, dass sie Herz hat. Der deutsche Titel fokussiert also die weibliche Protagonistin und nicht \u2013 wie der amerikanische \u2013 die Beziehung der beiden Figuren. Und zur deutschen Ausstrahlung passt der deutsche Titel auch besser als der Originaltitel, denn Amanda erscheint in dieser pr\u00e4senter, was etwas damit zu tun hat, dass \u2013 wenn ich mich nicht verz\u00e4hlt habe \u2013 von den 88 amerikanischen Folgen nur 71 ins Deutsche \u00fcbersetzt, synchronisiert und vom ZDF ausgestrahlt wurden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Serie besteht aus der \u00fcblichen Mischung aus \u2013 episodischen \u2013 Spionagef\u00e4llen, in denen es im Wesentlichen um Ost-West-Konflikte im Zuge des Kalten Krieges, S\u00fcdamerika, Schwellenl\u00e4nder und inl\u00e4ndischen amerikanischen Terrorismus geht \u2013 letzteres ist heute im amerikanischen Mainstream-Fernsehen kaum noch vorstellbar \u2013, und einem \u2013 leicht linearen \u2013 Handlungsbogen rund um die romantischen Ann\u00e4herungen der ProtagonistInnen. Nun wundert es mich, dass ich mich \u2013 als Kind \u2013 nicht \u00fcber die ZDF-Version gewundert habe, denn durch die 17 fehlenden Folgen entstehen erhebliche Inkonsistenzen. Im Deutschen wurden fast alle action\u00e4rmeren Folgen, die die Figuren pers\u00f6nlich n\u00e4her vorstellen, und alle Folgen, in denen die private Ann\u00e4herung der beiden explizit thematisiert wird, weggelassen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So fehlt der erste Kuss, wodurch es eigentlich befremdlich erscheinen m\u00fcsste, dass sich die beiden sp\u00e4ter ohne gro\u00dfes Aufhebens h\u00e4ufiger k\u00fcssen. Ebenso werden im Deutschen sehr viele Gespr\u00e4che ausgelassen, in denen die beiden ihren Beziehungsstatus aushandeln. Und dann heiraten sie im Amerikanischen sogar heimlich, was im Deutschen herausf\u00e4llt und \u00fcberhaupt nicht thematisiert wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zwar wird auch in den synchronisierten Episoden deutlich, dass die beiden ein Paar geworden sind, aber die Folgen, die in Deutschland gezeigt wurden, fokussieren die jeweiligen Spionagef\u00e4lle. D.h. die deutsche Serie funktioniert wesentlich episodischer als die amerikanische. Wenn es sich bei den fehlenden Folgen auch nur um 17 handelt, so sind es aber doch diejenigen, die den lineareren und pers\u00f6nlicheren Charakter der Serie im Amerikanischen pr\u00e4gen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In den episodischen Spionagefolgen steht Amanda dann allerdings im Vordergrund, weil sie unsere Identifikationsfigur beim Eintritt in dieses fremde Szenario darstellt, weil sie sich weiter entwickeln kann als Lee, weil sie f\u00fcr \u00dcberraschungen jenseits des Protokolls sorgt, und weil sie sich auffallend tapsig verh\u00e4lt. Obwohl sie figuren- und handlungspsychologisch betrachtet den durchschnittlicheren Charakter hat, spielt sie n\u00e4mlich dramaturgisch gesehen die weitaus interessantere Rolle. Fokussiert auf die Spionagef\u00e4lle bleibt von <i>Scarecrow and Mrs. King<\/i> letztlich im Wesentlichen eine <i>Agentin mit Herz<\/i>.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zwei der nicht-synchronisierten Folgen fallen deutlich aus dem Schema heraus. Es handelt sich um die einzigen beiden Folgen, die in Deutschland spielen, und zwar in M\u00fcnchen. Die erste beginnt mit dem Glockenspiel am Neuen Rathaus, wo man im Hintergrund Deutschlandfahnen sieht. Wir sehen au\u00dferdem Schloss Nymphenburg, einen Biergarten und den Friedensengel. Wir h\u00f6ren Blasmusik, eine Ziehharmonika und eine bayrische Melodie auf einer Holzfl\u00f6te. Zu allem \u00dcberfluss tr\u00e4gt Amanda einen auffallenden blau-wei\u00dfen Blazer, und selbstverst\u00e4ndlich trinkt sie in einem Brauereilokal schunkelnd ein Ma\u00df Bier. M\u00fcnchen, wie es sich AmerikanerInnen vorstellen. Deutschland, wie es sich AmerikanerInnen vorstellen. Die Folge legt diese pauschale Schlussfolgerung tats\u00e4chlich nahe unabh\u00e4ngig davon, dass es sich bei dem Gesagten nat\u00fcrlich auch um ein deutsches Klischee bez\u00fcglich amerikanischer Klischees \u00fcber Deutsche handelt (s02e02).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dai.ly\/x6nzgya\">https:\/\/dai.ly\/x6nzgya<\/a><\/p>\n<p>Passend zum M\u00fcnchner Stadtszenario spielt Amanda als Tarnung eine Touristin. Als Lee ihr Anweisungen gibt, wo das n\u00e4chste Treffen stattfinden soll, benennt er zwar auch den Ort, verweist dann aber auf die Nummer, die die Sehensw\u00fcrdigkeit auf dem Reisef\u00fchrer hat, den Amanda zur Orientierung mit sich f\u00fchrt: Es handelt sich um den Friedensengel mit der Nummer 11. Hier wird reflexiv verhandelt, dass nicht nur Amanda einen Reisef\u00fchrer abklappert, sondern dass auch die Folge alles bietet, was AmerikanerInnen mit gro\u00dfer Sicherheit sehen werden, wenn sie sich selbst einmal auf eine Europatour begeben, oder was sie vielleicht auf einer solchen schon gesehen haben. Die Serie m\u00f6chte nicht originell sein. Sie zitiert und kompiliert, und das Vergn\u00fcgen besteht im Wiedererkennen \u2013 f\u00fcr wenige aus eigener Erfahrung, f\u00fcr die meisten aus anderweitiger massenmedialer Vermittlung.<\/p>\n<p>Dass die kommerzielle und konsumistische Globalisierung aus amerikanischer Sicht \u2013 und aus dieser dann bedauerlicherweise \u2013 noch nicht ganz durchgegriffen hat und in Deutschland noch nicht angekommen ist, erkennt man daran, dass einer der ersten Dialoge zum Gegenstand hat, dass den AmerikanerInnen in Deutschland Hamburger, Milchshakes und Pommes Frites fehlen. Wenn ich mich recht erinnere, gab es die in meiner Kindheit, und man hat auch in Kleinst\u00e4dten gerne mal bei McDonald\u2019s gegessen. Im Grunde wendet sich diese Aussage \u2013 ungewollt \u2013 gegen die Figuren, denn hier wird das Bild der typischen AmerikanerInnen ausgepackt, die sich nicht so gerne auf lokale Begebenheiten einlassen. Das merkt man auch in einer Szene, in der die AgentInnen einen Amerikaner auf einer Party von einer \u00fcbergewichtigen blonden Dame, einer Walk\u00fcre, erretten, und sich dieser explizit erleichtert und dankbar dar\u00fcber zeigt, nun endlich mit AmerikanerInnen sprechen zu d\u00fcrfen. Landsleute helfen sich eben gerne aus und bleiben auch gerne unter sich. Allerdings wird das weder kritisch, ironisch noch bewusst verhandelt, sondern selbstverst\u00e4ndlich ist man erleichtert, in Europa nicht nur auf Europ\u00e4erInnen zu treffen.<\/p>\n<p>Das Verfahren der Kompilation bekannter Images ist \u00fcblich in 70er-und 80er-Jahre-Serien und auch in Bezug auf <i>Agentin mit Herz<\/i> nicht besonders bemerkenswert. Interessant ist aber, dass diese Folge im deutschen Fernsehen nie ausgestrahlt wurde, obwohl sie als episodische Folge zu den synchronisierten Episoden passt oder, anders gesagt, kein Merkmal der nicht-synchronisierten Folgen aufweist. Es kann angenommen werden, dass das ZDF seinen deutschen ZuschauerInnen keine Deutschlandklischees zumuten wollte bzw. nicht vor Augen f\u00fchren wollte, welches Deutschlandbild in der amerikanischen Popul\u00e4rkultur zirkuliert. Vermutlich umso mehr, als der junge Sky du Mont einen Baron Klaus von Eiger spielend Amanda nicht nur mit Handkuss, sondern auch mit Hackenknallen begr\u00fc\u00dft und verabschiedet \u2013 einem preu\u00dfischen Ritual, was zeigt, dass in dem Deutschlandmix Signifikanz und Pr\u00e4gnanz \u00fcber historische oder geographische Passung geht.<\/p>\n<p>Nun ist es nicht ungew\u00f6hnlich, dass man als DeutscheR im Ausland hin und wieder mit Bayern identifiziert wird, und zwar einem Bayern, das es nat\u00fcrlich auch in Bayern so nicht gibt und das bis zu einem gewissen Grad f\u00fcr TouristInnen erfunden wurde. Und doch muss das ZDF davon ausgegangen sein, dass die Konfrontation mit diesen Klischees im Unterhaltungsprogramm nicht goutierbar war. Offensichtlich wollte man die Bewusstmachung des eigenen Objektstatus im Blick der Anderen meiden.<\/p>\n<p>Dass in einer Folge, die in London spielt (s02e01), Scotland Yard, Big Ben, Trafalgar Square, Covent Garden, der Tower, Buckingham Palace, Black Cabs, Doppeldeckerbusse etc. gezeigt werden, und Amanda hier statt Bier in einem Brauereilokal einen F\u00fcnf-Uhr-Tee trinken m\u00f6chte, st\u00f6rt Deutsche nat\u00fcrlich nicht, die in London genau dieses Programm selbst absolvieren w\u00fcrden oder bereits absolviert haben. Mit fremdem Blick sind Stereotype nat\u00fcrlich erlaubt, weshalb die Folge synchronisiert wurde.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Agentin mit Herz  Staffel 02 Folge 01\" frameborder=\"0\" width=\"625\" height=\"471\" src=\"https:\/\/geo.dailymotion.com\/player.html?video=x67zfxa&#038;\" allowfullscreen allow=\"autoplay; fullscreen; picture-in-picture; web-share\"><\/iframe><\/p>\n<p>Das betrifft bemerkenswerterweise auch \u00d6sterreich (s02e04). In Salzburg h\u00f6ren wir Walzer und Leierkastenmusik. Wir sehen eine \u00d6sterreich-Flagge im Hintergrund und dann diverse Schl\u00f6sser und Brunnen, Fiaker, die Mozart-Statue auf dem Mozartplatz, das Alpenpanorama, Dirndl und Trachten, ein Puppenspiel. Hier isst Amanda Brezel, und die Figuren trinken Schnaps. Nun ist \u00d6sterreich f\u00fcr Deutsche freilich Ausland. Die entsprechenden folkloristischen Elemente erscheinen also offenbar ertr\u00e4glich, wenn sie nach au\u00dfen projiziert werden k\u00f6nnen, und sei es auf den deutschsprachigen, eng verwandten Nachbarn, an den aus amerikanischer Sicht die gleichen Stereotype gekn\u00fcpft werden wie an Deutschland. Was f\u00fcr amerikanische ZuschauerInnen also kaum einen Unterschied machen d\u00fcrfte, wird durch die ungleiche Synchronisationspraxis aus deutscher Sicht deutlich abgegrenzt. \u00d6sterreich ist offenkundig anders genug, dass man sich in Bezug auf dieses Land Trachten und Dirndl zu Gem\u00fcte f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Und dann gibt es da noch eine zweite M\u00fcnchen-Folge (s02e07). Den Schauplatz zwei Mal zu w\u00e4hlen, ist aus logistischen Gr\u00fcnden zwar naheliegend. Beim zweiten Mal muss allerdings auffallen, dass hier eine \u00dcberrepr\u00e4sentation Bayerns vorliegt. M\u00f6glicherweise war es schwierig, in Berlin Drehgenehmigungen zu erhalten, und Bonn war \u00e4sthetisch nie besonders interessant. Wenn man aber bedenkt, dass die Serie in gro\u00dfem Ma\u00df vom Kalten Krieg handelt, mag man sich wundern, warum die deutsche Teilung absolut keine Rolle spielt, obwohl die Reise zwei Mal nach Deutschland geht.<\/p>\n<p>Was das Atmosph\u00e4rische betrifft, so haben wir wieder Blasmusik, Trachten, einen Biergarten und einen Schuhplattler, und die Figuren trinken Schnaps. Wenn man will, kann man beleidigt reagieren, weil so deutlich archaische, rurale Elemente fokussiert werden. Aus amerikanischer Perspektive befinden wir uns in der Peripherie, im 19. Jahrhundert. Allein die zugeschriebenen Alkoholika sind schon ein wenig simpel im Vergleich dazu, dass die Figuren in den USA stets Champagner oder Wein trinken. Auf Kosten des ortsans\u00e4ssigen Polizisten dann geht der Scherz, dass er den Namen Jamie nicht kennt bzw. ihn nicht versteht und nach einem Hymie fragt, weil Deutsche ja im Gro\u00dfen und Ganzen im Gegensatz zu allen AmerikanerInnen wirklich \u00fcberhaupt keine Fremdsprachen beherrschen.<\/p>\n<p>Nun stellt es ein kleines Horrorszenario dar, aus heiterem Himmel unschuldig verhaftet zu werden, und wenn einem dies im Ausland widerf\u00e4hrt, w\u00fcnscht man sich aus deutscher Sicht, dass es nicht in \u2026 geschieht \u2013 um nun kein Land zu benennen \u2013, sondern lieber im europ\u00e4ischen Ausland. Amanda passiert das nun in Deutschland, und aus amerikanischer Sicht ist das schon eine ziemliche Katastrophe. Jedenfalls muss Lee extra anreisen, um diese \u00e4u\u00dferst schwierig erscheinende Situation aufzul\u00f6sen. Allein daran ist erkennbar, wie stark hier ein Othering betrieben wird, das West-Deutschland aus dem Kreis der zivilisierten Staaten verbannt.<\/p>\n<p>Vor Ort treffen die beiden dann einen anderen amerikanischen Agenten, der bereits vor l\u00e4ngerem nach Tegernsee versetzt worden war. Dieser erweist sich als Alkoholiker, und er liefert daf\u00fcr die Begr\u00fcndung, dass er schlie\u00dflich in die Diaspora verbannt worden sei. In Tegernsee geschehe nie etwas, er habe dort keine Gesellschaft, man befinde sich wirklich am Ende der Welt, nein, man sei geradezu aus der Welt gefallen.<\/p>\n<p>Einen echten Grund zu Verstimmung liefert all das dem deutschen Publikum im Grunde nicht. Aber fragt man sich, warum diese Folge vom ZDF nicht ausgestrahlt wurde, ist zun\u00e4chst einmal klar, dass sie zu der ersten M\u00fcnchen-Episode passt, dass Deutschland aber dieses Mal nicht nur sehr klischeehaft, sondern auch als peripher und antiquiert dargestellt wird. Je nach Perspektive kann man sich \u00fcber diese Zuschreibungen reflexiv erheben oder ihnen zustimmen und sich so oder so dabei eigentlich ganz harmlos unterhalten \u2013 falls man \u00fcberhaupt einen Draht zu der Serie hat. Das ZDF war vielleicht ein bisschen \u00fcbervorsichtig.<\/p>\n<p>Nun hat sich der exterritorialisierte Agent aus Frust und aus Geldgier auf eine neo-nationalsozialistische Organisation eingelassen, die von Paraguay aus das sog. Dritte Reich wieder auferstehen lassen m\u00f6chte und in Deutschland nach Falschgeldplatten Hitlers sucht, weil sie ihre Ziele schlie\u00dflich finanzieren muss. Der heruntergekommene Agent vers\u00e4umt es nicht, sich von den Zielen der Organisation zu distanzieren. Er wolle ja schlie\u00dflich nur daran verdienen, was im Sinne der Serie allerdings als besonders sch\u00e4ndlich herausgestellt wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dagegen ist es dem beh\u00e4bigen deutschen Polizisten verg\u00f6nnt, unser AgentInnen-Duo beim Showdown vor der NS-Organisation zu retten und zu betonen, dass er sich keineswegs mit dieser identifiziere, nur weil er Deutscher sei. Die Linie zwischen Gut und B\u00f6se wird nicht zwischen den USA und Deutschland gezogen. Vielmehr wird gezeigt, dass und wie der NS ein aktuelles Problem darstellt, und es keineswegs damit getan ist, dieses lediglich im Modus der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung zu thematisieren. Aber in diesem Modus ist das Problem in Deutschland lange Zeit abgehandelt worden. Wer hat schon angesichts aufkl\u00e4rerischer KZ-Dokumentationen daran gedacht, dass einige der T\u00e4terInnen in den 80er Jahren ein gutes Leben in S\u00fcdamerika hatten und nie der Gerechtigkeit zugef\u00fchrt worden waren? Vermutlich wurde die Folge aufgrund ihrer archaischen Deutschlandstereotype nie synchronisiert, aber bemerkenswert ist doch auch, dass hier leichthin und nebenbei der Finger auf eine Wunde gelegt wird und dass dies im deutschen Unterhaltungsbereich in der Form unterschlagen wurde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u00c4sthetisierungen und Schematisierungen des NS waren im Ausland immer weniger tabuisiert als in Deutschland. Vielleicht weil der Gegenstand als zu ernst f\u00fcr unterhaltende Verhandlungen erachtet wurde, was durchaus ein guter Grund w\u00e4re, aber nebenbei stellt sich durch das Tabu auch die Schonung ein, dass im allt\u00e4glichen Leben ausgeblendet wird, was nun einmal Sache ist oder in den 80er Jahren Sache war, z.B. Nazis unter s\u00fcdamerikanischer Sonne, mit denen man sich in jeder Hinsicht h\u00e4tte gr\u00fcndlicher besch\u00e4ftigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Tricia Jenkins bringt es auf den Punkt: \u201ePerhaps no other actress embodies the network\u2019s decision to move away from overt sexuality, violence and jiggle in favor of themes more acceptable to the perceived dominant ideologies of the New Right era than Kate Jackson.\u201c (Tricia Jenkins: The Suburban Spy and The Rise oft he New Right. Negotiating Gender Politics in Scarecrow and Mrs. King. In: Journal of Popular Film and Television 36\/4 (2009), S. 201.) Tats\u00e4chlich ist die Serie zun\u00e4chst einmal ein Lehrst\u00fcck darin, wie die New Right Einfluss auf die Programmgestaltung gewinnen und Patriarchalismen und Konservatismen im Fernsehen wieder etablieren konnte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die beiden fahren im Laufe der Serie mehrere Autos: Lee neben der Chevrolet Corvette C4 einen Porsche 356 B Cabriolet, Amanda neben dem Ford ger\u00e4umige, g\u00fcnstigere Familienkutschen, die ich bezeichnenderweise nicht n\u00e4her benennen kann.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Jenkins macht zu Recht auch darauf aufmerksam, dass die Serie sehr wohl verhandelt, dass Ideologie und Wirklichkeit auseinanderklaffen, indem eine geschiedene Frau gezeigt wird (204\/205). Nun muss man zun\u00e4chst einmal einwenden, dass dramaturgisch auch nichts Anderes als eine geschiedene Frau gegangen w\u00e4re, wenn man die neue M\u00fctterlichkeit zeigen und gleichzeitig einen romantischen Erz\u00e4hlstrang zwischen den AgentInnen eingebauen wollte. Die eigene oder eine fremde Ehefrau in die Agentent\u00e4tigkeit einzubinden, w\u00e4re nicht nur weniger unterhaltsam gewesen, weil es dann keine romantische Ann\u00e4herung h\u00e4tte geben k\u00f6nnen, sondern weil das ja auch wirklich zu unheimlich w\u00e4re, also ich meine, wenn es am Ende die Ehefrauen sind, die in die Welt der Ehem\u00e4nner einfallen\u2026 Trotzdem zeigt die Serie eine interessante Spannung. Sie affirmiert auf den ersten Blick reaktion\u00e4re Ideologien, sodass eine bestimmte AdressatInnengruppe befriedigt wird. Es scheint aber durch, dass auch andere Absichten an der Serie mitwirken bzw. dass popul\u00e4rkulturelle Artefakte eben sehr ambivalent sind und heterogene Interessen verhandeln, denn ganz nebenbei werden z.B. immer mal wieder AktivistInnen von Umweltschutzgruppen oder der Friedensbewegung eher positiv dargestellt, sind rechte amerikanische Terroristen die Schurken etc. Der f\u00fcr Konservative beruhigende und best\u00e4tigende Ton der Serie t\u00e4uscht teilweise ein bisschen dar\u00fcber hinweg, dass hin und wieder auch progressive Ideale untergeschoben werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Maren Lickhardt\u00a0ist Assistenz-Professorin am Institut f\u00fcr Germanistik der Leopold-Franzens-Universit\u00e4t Innsbruck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amerikanische Klischees \u00fcber Deutsche<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[90733,98969,99091,111606,447,538,740,2063,2149],"class_list":["post-8184","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-1980er-jahre","tag-agentenserie","tag-agentin-mit-herz","tag-amerika","tag-cia","tag-deutschlandbilder","tag-fernsehen","tag-scarecrow-and-mrs-king","tag-sky-du-mont"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8184","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8184"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8184\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}