{"id":8186,"date":"2018-08-08T09:53:25","date_gmt":"2018-08-08T07:53:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8186"},"modified":"2018-08-08T09:53:25","modified_gmt":"2018-08-08T07:53:25","slug":"die-cdein-plaedoyervon-oliver-uschmann8-8-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/08\/08\/die-cdein-plaedoyervon-oliver-uschmann8-8-2018\/","title":{"rendered":"Die CDEin Pl\u00e4doyervon Oliver Uschmann8.8.2018"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Vinylsammler, eifrige Playlisten-Bastler und treue Anh\u00e4nger der CD<!--more--><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, ich bin nicht allein. Es gibt noch andere. Sie verbergen sich im Schatten, versch\u00fcchtert und voller Scham. Unterdr\u00fcckt von jenen, die bestimmen, was zeitgem\u00e4\u00df ist. Und stilvoll. F\u00fcr diese schweigende Mehrheit gestehe ich hiermit stellvertretend: Ich liebe die CD.<\/p>\n<p>Wer sich in diesen Tagen als Musikliebhaber pr\u00e4sentieren will, sammelt Vinyl. Wer mit der Zeit geht, hat ein Premium-Abonnement bei einem Streaming-Dienst und genie\u00dft dort das St\u00f6bern in unz\u00e4hligen Wiedergabelisten. Selbst derjenige, der Musikkassetten sammelt, erntet noch jene Art von skeptischem, aber zugleich sympathisierendem Blick, wie ihn die kulturellen Meinungsmacher f\u00fcr echte \u201eGeeks\u201c reservieren. Mit dem Bleistift alte Magnetb\u00e4nder aufzudr\u00f6seln und auf Tr\u00f6delm\u00e4rkten nach MC-Originalen von \u201eHighway To Hell\u201c oder \u201eBorn In The USA\u201c als MC zu suchen, gilt als legitime Beklopptheit. Nur eines betrachtet man seit einigen Jahren weder als zeitgem\u00e4\u00df noch als stilsicher, sondern als derma\u00dfen verkn\u00f6chert wie die Programmredaktion des \u00f6ffentlich-rechtlichen Vorabendprogramms: Die ungebrochene Liebe zur CD.<\/p>\n<p>Dem war nicht immer so. Mitte der Neunziger bestanden gerade die Wohnzimmer von Trendsettern wie Musikjournalisten oder DJs unabh\u00e4ngiger Campus-Radiostationen vornehmlich aus meterlangen Reihen des schwedischen Regalmodells \u201eBenno\u201c, welches wie kein zweites f\u00fcr das Sammeln digitaler Tontr\u00e4ger ma\u00dfgeschneidert war. Die CD wurde damals nicht versteckt oder gar verachtet und allenfalls als Nebenmedium der Schallplatte verwendet, falls man mal im Auto unterwegs war. Nein, die CD war auch f\u00fcr die Meinungsmacher und Fachleute das Medium der Zeit. Abseits der preislich wie konzeptuell absurden \u201eMaxi-CD\u201c, die mit Recht den Weg alles Zeitlichen ging, stand das digital gepresste Album damals nicht f\u00fcr Geschmacklosigkeit und Massenware, sondern f\u00fcr die gesamte Vielfalt der Musiklandschaft. Gerade die von Connasseuren aller Art so gepriesene \u201ehandgemachte\u201c Musik sowie alles, was sich als \u201eIndie\u201c-\u00c4sthetik bezeichnen l\u00e4sst, erlebte zur Hochzeit der CD eine Bl\u00fcte. Auf der Silberscheibe erwarb man sperrigen Gitarrensound von Dinosaur Jr. bis Sonic Youth, elektronische Experimente von Portishead bis Ekkehard Ehlers oder Wiederauflagen s\u00e4mtlicher Jazzklassiker von John Coltrane bis Miles Davis. Mitnichten war die kleine Disk in der handlichen H\u00fclle das Symbol f\u00fcr den seelenlosen Verrat an der Musik, als welches sie heute dasteht. Sie wurde geliebt und geachtet, mindestens aber galt sie als neutrales Medium, \u00fcber dessen W\u00fcrde und Ansehen allein der Inhalt entschied.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der hochm\u00fctige Blick auf die Ex<\/p>\n<p>Mitte der Nullerjahre kippte langsam die Stimmung. Kulturredakteure fabulierten r\u00fcckblickend auf die vergangenen zwei Jahrzehnte vom \u201eNiedergang der H\u00f6rkultur\u201c. Der legale Download von Musik sowie das Einspielen der vorhandenen CDs zwecks mobiler Mitnahme der Musik auf dem iPod machte langsam der Technologie Platz, die Fans von \u201eStar Trek\u201c bereits aus dem Quartier des Captains auf dem Raumschiff Enterprise kannten. Betrat Jean-Luc Picard in der vision\u00e4ren Serie seine privaten R\u00e4umlichkeiten, sagte er l\u00e4ssig: \u201eComputer, bitte Beethovens Neunte.\u201c Daraufhin spielte der Server des Schiffes die Sinfonie ab.<\/p>\n<p>Die mehrere Milliarden Gigabyte gro\u00dfen Festplatten \u2013 damals ein utopischer Wert \u2013 enthielten die gesamte Musikgeschichte der Menschheit. Heute ist diese ehemalige Zukunftsvision in den Streaming-Diensten weitestgehend umgesetzt. Parallel zu dieser Zeitenwende begannen die ehemals stolzen CD-Sammler, ihre schwedischen Regale zu leeren und den gesamten musikalischen Besitz nachtr\u00e4glich wieder in Vinyl umzutauschen. Die CD betrachteten sie \u00fcber Nacht mit jener feindseligen Absch\u00e4tzigkeit und jenem arroganten Hochmut, der entt\u00e4uschte M\u00e4nner auf ehemalige Liebschaften zur\u00fcckblicken l\u00e4sst. Klassische Plattenl\u00e4den erlebten ein Revival. Fabrikneues Vinyl fand wieder Einzug in die Abteilungen der gro\u00dfen Elektronikm\u00e4rkte. Selbst massenhaft aufgelegte Schallplatten von Softrock-S\u00e4uslern wie Chicago oder Haushaltsaufl\u00f6sungs-Klassiker wie Jethro Tull oder Boston, die fr\u00fcher in den Tr\u00f6delkisten f\u00fcr 50 Cent versauerten, fanden wieder rei\u00dfenden Absatz. W\u00e4hrend Wochenzeitungen und Monatsmagazine bis heute wie die Primeln eingehen, fanden neue Fachmagazine f\u00fcr Vinylkultur ihre Nische im Presseregal, da der Meinungsf\u00fchrer, der etwas auf sich h\u00e4lt, selbstverst\u00e4ndlich keinen Blog lesen kann, sondern ein gro\u00dfformatiges Heft in den H\u00e4nden halten muss.<\/p>\n<p>Gegen den Aufschwung des Vinyls ist nichts einzuwenden. Gegen den hochm\u00fctigen R\u00fcckblick auf die CD sehr wohl. Dabei geht es nicht um die Diskussion bez\u00fcglich des Klangs. Dieses Duell ist nicht zu gewinnen, weder f\u00fcr die eine, noch f\u00fcr die andere Seite. Als die CD aufkam, waren vor allem Fachleute begeistert, die sich in der klassischen Musik mit der kristallklaren Wiedergabe winzigster Feinheiten besch\u00e4ftigen. M\u00f6gen Rockfans oder auch die Besucher verqualmter Jazzkeller bereits damals die Nase ger\u00fcmpft haben, knallten an den Hochschulen f\u00fcr Tonmeister die Sektkorken. Unz\u00e4hlige Sinfonien, Klavierwerke oder Kammermusikst\u00fccke erschienen in Neuaufnahmen mit dem stolzen Stempel \u201eDDD\u201c, sprich: digitale Aufnahme, digitale Abmischung, digitales Mastering.<\/p>\n<p>Zur Jahrtausendwende erschien die von Sony und Philips entwickelte SA-CD, die Mehrkanalton, also Raumklang, ohne Datenreduktion wiederzugeben vermag. Abgespielt \u00fcber eine Heimkino-Anlage mit Subwoofer sowie im gesamten Raum verteilten Boxen, stellt dieses Format ein klangliches Hochamt f\u00fcr die Klassik, aber auch f\u00fcr fein ziselierten Progressive Rock dar. Urt\u00fcmlicher Blues und Metal, Stoner Rock oder auch HipHop der alten Schule, der das Plattenformat nie vollst\u00e4ndig verlie\u00df, machen sich auf Vinyl besser. Letzten Endes hat jeder Stil sein optimales Medium und die Psychoakustik ihre zutiefst subjektiven Gesetze. Tatsache ist aber auch, dass vor zwei bis drei Jahrzehnten viele M\u00e4nner, die sich heute als Hohepriester des Vinyls geben, aus der Zusammensetzung der Komponenten ihrer Heim-HiFi-Anlage eine kostspielige Wissenschaft machten \u2013 mit einem hochwertigen CD-Player als Herzst\u00fcck des akustischen Altars.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der Mythos vom H\u00f6ren in Ruhe<\/p>\n<p>Was hat die CD an sich, das ihre Existenzberechtigung sichert? Was kann sie uns heute noch geben? In Sachen H\u00f6rkultur vereint sie die Vorz\u00fcge der Schallplatte und die Vorz\u00fcge der digitalen Sph\u00e4re in einem Medium. Einerseits bewahrt sie das k\u00fcnstlerisch bedeutsame Format des \u201eAlbums\u201c. Andererseits erlaubt sie es, ihre St\u00fccke einzeln in den Rechner zu transferieren und nach Belieben neu zu sortieren.<\/p>\n<p>Die Entschleunigung und das bewusste H\u00f6ren sind mit ihr genauso m\u00f6glich wie mit der Schallplatte, inklusive der Lekt\u00fcre des im Vergleichs zur Vinylfassung meist ausf\u00fchrlicheren Booklets, das bei guter Redaktion neben den Texten eine Menge \u00fcber die Musiker verr\u00e4t und mit wundersch\u00f6nem Artwork ausgestattet sein kann. Au\u00dferdem geschieht im real existierenden Leben das ausf\u00fchrliche Durchh\u00f6ren eines Albums zu 90 Prozent w\u00e4hrend der Fahrt im Auto. Die Behauptung der Vinyl-Prediger, sie w\u00fcrden sich stets daheim in aller Ruhe die Zeit nehmen, sich hinzusetzen und von vorne bis hinten ihre Platten zu h\u00f6ren, geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dften L\u00fcgen und Mythen der Gegenwart. Schlie\u00dflich ist ein Vinylsammler der Neuzeit meistens ein materiell recht betuchter Mann zwischen 35 und 55 Jahren und somit in den meisten F\u00e4llen entweder solider Familienvater oder alleinstehender Workaholic. Im ersteren Falle wird er in seiner knappen Freizeit vollst\u00e4ndig von der Familie eingenommen. Im letzteren bleibt ihm w\u00e4hrend der 18 Stunden t\u00e4glich zwischen Firma, Flugzeug und Foyer keine Zeit, seine sorgsam gepflegte Sammlung daheim zu besuchen oder gar zu bespielen.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Kom\u00f6die \u201eNur eine Stunde Ruhe\u201c, in welcher der Protagonist vergeblich versucht, ein frisch erworbenes, seltenes Jazzalbum zu h\u00f6ren, hat dieses Ph\u00e4nomen 2014 sogar zum Aufh\u00e4nger gemacht. Am ehesten finden musikbegeisterte Pension\u00e4re und Privatiers die Zeit, sich in den Ohrensessel zu flezen und der Musik ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. S\u00e4mtliche M\u00e4nner dieser Kategorie, die ich pers\u00f6nlich kenne, h\u00f6ren ihren Brahms, ihren Monk oder ihren McCartney auf Anlagen von Bang &amp; Olufsen, Pioneer oder Yamaha \u00fcber CD. F\u00fcr sie wie f\u00fcr jeden, der dem letzten physischen Tontr\u00e4ger der Technikgeschichte die Treue gehalten hat, ist mit dem Niedergang der CD als Leitmedium rein \u00f6konomisch ein goldenes Zeitalter angebrochen. Sowohl im Neuzustand als auch erst Recht in den unz\u00e4hligen Kisten der Gebrauchtwarenh\u00e4ndler sind die Preise im Keller. Wo sich fr\u00fcher im Gebrauchtverkauf tats\u00e4chlich nur der Ausschuss befand, lassen sich heute ganze Musikerbiografien oder sogar die Programme bestimmter Labels bezahlbar komplettieren. Lediglich CDs von Plattenfirmen, die nicht mehr existieren und schon w\u00e4hrend ihrer aktiven Zeit nur ein Nischengenre vertraten, erzielen weiterhin zweistellige Sammlerwerte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">F\u00fcr die Musik vereint<\/p>\n<p>Abseits der Leitunterscheidung \u201eCD vs. Vinyl\u201c lie\u00dfe sich die Geschichte des Musikh\u00f6rens allerdings auch ganz anders erz\u00e4hlen. Schlie\u00dflich vergessen viele, dass selbst in den Sechzigern bis in die Achtziger hinein, als die Schallplatte das neben der Kassette einzig erh\u00e4ltliche Leitmedium war, die bewusste Besch\u00e4ftigung mit Musik bereits auch nur ein Merkmal der Minderheit war. Damals wie heute entwickelte die Mehrheit keinen expliziten Geschmack, der damit einhergeht, bestimmte Nischen und K\u00fcnstler zu finden, nach dem Schneeballprinzip weiterzusuchen und ein stilistisches Profil auszubilden, um auf die Frage nach der Lieblingsmusik etwas anderes antworten zu k\u00f6nnen als: \u201eWas eben so im Radio l\u00e4uft.\u201c Die Masse der Kundschaft erwarb auch damals keine Alben, sondern Singles oder Kompilationen, auf denen die Plattenfirmen regelm\u00e4\u00dfig \u201edie gr\u00f6\u00dften Hits\u201c zusammenwarfen. Diese Artefakte der Beliebigkeit haben in keinerlei Format einen Sammlerwert und w\u00fcrden selbst von Vinyl-J\u00fcngern nicht einmal vom Tr\u00f6del mitgenommen, wenn ihre Etiketten rund um das Loch mit Blattgold beschichtet w\u00e4ren. Im Zweifel haben also trotz des forcierten Kulturkampfes der \u201ehippe\u201c Vinylsammler, der eifrige Playlisten-Bastler und der aus der Zeit gefallene treue Anh\u00e4nger der CD eines gemeinsam: Ihre Liebe zum Entdecken der Musik und ihr Unverst\u00e4ndnis daf\u00fcr, sich vollkommen willk\u00fcrlich und unter Abschaltung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit blo\u00df \u201eberieseln\u201c zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oliver Uschmann ist Schriftsteller, Dozent und Musikjournalist. Als solcher verfasste er auch eine Anleitung zum \u201e\u00dcberleben auf Festivals\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber \u201ehippe\u201c Vinylsammler, eifrige Playlisten-Bastler und den aus der Zeit gefallenen treuen Anh\u00e4nger der CD <\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[368,420,1025,1585,1589,1816,2064,2465],"class_list":["post-8186","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-booklets","tag-cd","tag-hoeren","tag-musik","tag-musikhoeren","tag-pop","tag-schallplatte","tag-vinyl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8186"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8186\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}