{"id":8195,"date":"2018-08-20T09:58:50","date_gmt":"2018-08-20T07:58:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8195"},"modified":"2018-08-20T09:58:50","modified_gmt":"2018-08-20T07:58:50","slug":"social-media-augustvon-annekathrin-kohout20-8-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/08\/20\/social-media-augustvon-annekathrin-kohout20-8-2018\/","title":{"rendered":"Social Media Augustvon Annekathrin Kohout20.8.2018"},"content":{"rendered":"<p>Ekel im Bild: Chirurgie und Autopsie auf Instagram<!--more--><\/p>\n<p>Ich habe derzeit Haarausfall. Ich habe au\u00dferdem wechselnde Theorien, wie dieser Haarausfall zustande kommt: Mal ist es das Alter, mal ein Vitamin- oder N\u00e4hrstoffmangel, mal die Hitze (Katzen verlieren im Sommer ja auch ihr Fell!!). Nat\u00fcrlich denke ich mir auch viel schlimmere Sachen aus, aber das muss hier nicht vertieft werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In einem Interview aus dem Jahr 1964 warnt Gerhard Richter, wie gef\u00e4hrlich, ja regelrecht vernichtend seine Bilder seien: \u201e[\u2026] ich kann sie keinem zeigen; denn alle w\u00fcrden zusammenbrechen. Zuerst habe ich deshalb alle Bilder mit T\u00fcchern verhangen, als ich weiter war, habe ich alle Bilder wieder wei\u00df \u00fcbermalt\u2026\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In Vernichtungslagern seien seine Bilder schon zum Einsatz gekommen, haupts\u00e4chlich w\u00fcrden sie als Foltermethode genutzt. Er m\u00fcsse die Bilder nur beschreiben, und es h\u00e4tte die h\u00e4sslichsten Wirkungen: neben Stummheit und einer L\u00e4hmung der Gliedma\u00dfen, sei HAARAUSFALL (vor allem bei Frauen) die h\u00e4ufigste Folge.<\/p>\n<p>Zwar handelt es sich um ein fiktives, von Sigmar Polke geschriebenes Interview, das geradezu eine Parodie auf die Wirkungslosigkeit von Bildern \u2013 besonders denen der Kunst \u2013 darstellt. Trotzdem: Seit ich die Bilder auf dem Instagram-Account von Mrs. Angemi ansehe, habe ich Haarausfall. Auf den harmloseren Bildern dieses Accounts sind Eiterblasen, Ausschl\u00e4ge, abgehackte Finger oder andere K\u00f6rperteile von Leichen zu sehen. Auf den schlimmeren sind gro\u00dffl\u00e4chig <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BmO5MNOlVKX\/?hl=de&amp;taken-by=mrs_angemi\">aufgerissene Wunden<\/a>, Innereien \u2013 <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BmHr-G8HPEk\/?taken-by=surgerypics\">auf dem OP-Tisch freigelegt<\/a> oder gereinigt in einer Schale \u2013 und Tumore, ebenfalls von au\u00dfen und innen\u2026 au\u00dferdem allerlei Absurdit\u00e4ten, zum Beispiel ein <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BmkS31wFsHx\/?taken-by=mrs_angemi\">Mensch ohne Gesicht<\/a>, und Details, zum Beispiel, wenn ein Chirurg unter die Papillarmuskeln fasst oder ein Organ in seiner Hand leicht quetscht. Sehr beliebt sind auch Extremf\u00e4lle, etwa <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/BlhOQiggquf\/?taken-by=surgerypics\">Tumore, die nicht behandelt wurden<\/a>, weil der Patient oder die Patientin in einer abgelegenen Gegend gelebt hat, in der der Zugang zu medizinischer Versorgung nicht gegeben war, sodass ein Arzt erst SEHR sp\u00e4t konsultiert wurde. Ich m\u00f6chte hier nicht einmal beschreiben, wie das aussieht\u2026 Was aber auch vorkommt: eine in Herzform gelegte Nabelschnur. (Das kann hier gezeigt werden:)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2870 alignnone\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/placentacorac3a7c3a3o.jpg?w=660\" alt=\"\" width=\"339\" height=\"254\" \/><\/p>\n<p>Neben Mrs. Angemi gibt es eine ganze Reihe von Medizin-, Chirurgie- und Autopsie-Instagram-Accounts, auf denen recht \u00e4hnliche Bildtypen und -Motive zusammenkommen. Was ich \u201akrass\u2018 finde und kaum ansehen kann, wird oft relativ n\u00fcchtern und sachlich als Bildungsmaterial in der Profilbeschreibung angek\u00fcndigt (\u201eMedizin-Fakten\/Tipps\/Wissenswertes\u201c; \u201eDie #Healthcare Community Nr. 1 f\u00fcr medizinische Fachkreise in Europa.\u201c; \u201eEducational Medical page.\u201c). Nur wenn es hei\u00dft \u201eViel Spa\u00df in der Welt der Medizin \ud83d\udc89\ud83d\udc8a\ud83d\udd2c| Enjoy the world of Medicine \ud83d\ude37\ud83d\udc4d\ud83c\udffb\u201c ist wohl Ironie im Spiel, denn um diese Bilder als Spa\u00df zu empfinden, muss man entweder selbst Chirurg oder aber ein Fetischist sein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wer sind also die vielen Follower von <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/surgerypics\/\">@surgerypics<\/a> (468k), <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/medizin2109\/?hl=de\">@medizin2109<\/a> (29,8k), <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/doccheck_medical\/\">@doccheck_medical<\/a> (21,8k) oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/mrs_angemi\/\">Mrs. Angemi<\/a> (1,6m)? Stichproben und Kommentaren l\u00e4sst sich entnehmen, dass tats\u00e4chlich viele von ihnen Medizinstudierende, interessierte Laien oder Voyeure sind. Als im Grunde nicht-interessierte Laiin verliert man schnell die Hoheit \u00fcber den eigenen Blick, muss immer wieder hinsehen, obwohl man nicht will. Es ist schockierend und ekelerregend, aber eben auch faszinierend. Nur auf diesen Medizin-Accounts empfinde ich eine regelrechte Angstlust, habe echte Hemmungen, weiter zu scrollen, und bin zugleich neugierig: Welche Furchtbarkeit erwartet mich als n\u00e4chstes?<\/p>\n<figure id=\"attachment_2874\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"width: 352px\">\n<p><div id=\"attachment_2874\" style=\"width: 362px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2874\" class=\"wp-image-2874\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/bildschirmfoto-2018-08-14-um-10-21-39.png?w=660\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"351\" \/><p id=\"caption-attachment-2874\" class=\"wp-caption-text\">Manche Bilder auf den Profilen \u2013 aber nur wenige \u2013 werden mit einem Warnhinweis versehen.<\/p><\/div><\/figure>\n<p>Ansonsten ist Instagram ja weitgehend frei von schockierenden Bildern. Unser Auge wird von sch\u00f6nen Influencern und Influencerinnen, romantischen Landschaftsaufnahmen und Bildern von Essen verw\u00f6hnt, bei denen mir das Wasser im Mund zusammenl\u00e4uft. Zwar gibt es auch ein ugly-arty-Instagram, aber auch das ist harmlos. Warum werden also weibliche Nippel zensiert, aber Tumore, riesige Fleischwunden, gef\u00e4hrliche Mutationen oder der offene K\u00f6rper auf dem OP-Tisch sind erlaubt? Die Gemeinschaftsrichtlinien von Instagram geben dar\u00fcber nur bedingt Auskunft \u2013 dort hei\u00dft es:<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i>\u201eAus verschiedenen Gr\u00fcnden ist die Darstellung von Nacktheit auf Instagram jedoch nicht zul\u00e4ssig. Das gilt auch f\u00fcr Fotos, Videos und einige digital erstellten Inhalte, auf denen Geschlechtsverkehr, Genitalien und Nahaufnahmen nackter Ges\u00e4\u00dfe zu sehen sind. Dazu z\u00e4hlen auch einige Fotos, auf denen Brustwarzen von Frauen zu sehen sind. Fotos, die Narben nach einer Brustamputation oder aktiv stillende M\u00fctter zeigen, sind jedoch erlaubt. Auch Nacktheit in Fotos, die Gem\u00e4lde und Skulpturen abbilden, sind in Ordnung. [\u2026] Aus Sicherheitsgr\u00fcnden kann es vorkommen, dass wir Bilder entfernen, auf denen nackte oder halbnackte Kinder zu sehen sind.\u201c<\/i><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><i><\/i><\/p>\n<p>Zwar wird klar formuliert, was erlaubt ist \u2013 Narben nach einer Brustamputation, stillende M\u00fctter und Nacktheit auf Gem\u00e4lde und Skulpturen \u2013 und was nicht \u2013 Geschlechtsverkehr, Genitalien, nackte Ges\u00e4\u00dfe und Brustwarzen von Frauen \u2013, doch wie diese Kriterien zustande gekommen sind, bleibt unklar: \u201eaus verschiedenen Gr\u00fcnden\u201c. Aus den Gemeinschaftsstandards von Facebook gehen die Ursachen etwas deutlicher und nachvollziehbarer hervor:<\/p>\n<p>\u201e<i>Facebook schr\u00e4nkt die Darstellung von Nacktheit oder sexuellen Handlungen ein, da manche Mitglieder unserer Gemeinschaft diese Art von Inhalten als anst\u00f6\u00dfig empfinden. Au\u00dferdem entfernen wir grunds\u00e4tzlich Bilder mit sexuellen Inhalten, um das Teilen nicht einvernehmlicher Inhalte sowie von Inhalten \u00fcber Minderj\u00e4hrige zu verhindern.<\/i>\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>\u00dcber Inhalte, die Gewalt zeigen, hei\u00dft es: \u201e<i>Wir entfernen Inhalte, die Gewalt oder das Leid oder die Erniedrigung anderer verherrlichen. Solche Inhalte schaffen ein abschreckendes Umfeld.<\/i>\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Die Vermutung liegt also nahe, dass die Bilder der Medizin-Accounts vor allem deshalb unzensiert bleiben, weil sie in den meisten F\u00e4llen Nahaufnahmen oder Details \u2013 zumindest kein Gesicht \u2013 zeigen und damit nicht als respektlos oder erniedrigend einzustufen sind. Allerdings d\u00fcrfte dann nicht nur nach einzelnen Bildern entschieden werden, sondern es m\u00fcssten auch die Konstellation von Bildern f\u00fcr die Beurteilung relevant sein. So befinden sich auf dem Profil von Mrs. Anegmi zwischen den scheu\u00dflichsten Krankheiten lustig-fr\u00f6hliche Privatbilder mit ihren Kindern und dem Ehemann, beim Essen oder bei Ausfl\u00fcgen. Die Mischung ist perfid und \u2013 ich kann es nur so empfinden \u2013 sadistisch. Von Respekt gegen\u00fcber den \u2013 wenn auch anonymen Patienten \u2013 kann meiner Meinung nach auch nicht ohne weiteres gesprochen werden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem: Wirft man einen Blick in die Bildgeschichte der Medizin, wird schnell deutlich, dass gerade Detailaufnahmen besonders grausam und eklig wirken. Zumindest aus heutiger Perspektive sind die in einem kompositorischen Raum und in einen sozialen Kontext eingebetteten Wunden oder OP-Situationen deutlicher weniger affizierend. Um den Ekel-Effekt zu verst\u00e4rken, werden deshalb f\u00fcr Instagram und Tumblr meistens Detailaufnahmen der Operationswunden aus den gr\u00f6\u00dferen Anatomie- und Klinikbildern der Kunstgeschichte gepostet: nur der offene Bauchbereich des Michiel Jansz van Mierevelt-Gem\u00e4ldes von 1617; nur der hautabgezogene Arm oder Sch\u00e4del von den Rembrandt-Gem\u00e4lden von 1632 und 1656 oder nur der blutende OP-Schnitt aus Thomas Eakins\u2019 ber\u00fchmter \u201eKlinik Gross\u201c von 1875.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2864 alignnone\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/bildschirmfoto-2018-08-17-um-14-21-37.png?w=660&amp;h=403\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"403\" \/><\/p>\n<p>Gross, ein zu dieser Zeit ber\u00fchmter amerikanischer Chirurg, behandelt auf dem Bild zusammen mit vier Hilfs\u00e4rzten eine infekti\u00f6se Entz\u00fcndung des Oberschenkelknochenmarks. Die OP findet in einem H\u00f6rsaal und vor zum Teil sehr gelangweilt aussehenden, ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen Studenten statt. Nur eine Frau sitzt an der Seite des Patienten und wendet sich heulend und schreiend von der Szene ab (was auch immer wieder Gegenstand feministischer Diskurse wurde).<\/p>\n<figure id=\"attachment_2865\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"width: 416px\">\n<p><div id=\"attachment_2865\" style=\"width: 426px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2865\" class=\"wp-image-2865\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/1024px-eakinsthegrossclinic.jpg?w=660&amp;h=817\" alt=\"\" width=\"416\" height=\"515\" \/><p id=\"caption-attachment-2865\" class=\"wp-caption-text\">Die Klinik Gross, Thomas Eakins, 1875<\/p><\/div><\/figure>\n<p>Medizingeschichtlich ist dieses Bild, das ergab zumindest meine Recherche, sehr relevant, da diese Erkrankung bis ins 19. Jahrhundert noch zu einer Amputation gef\u00fchrt h\u00e4tte. Aber so bedeutend es auch im chirurgischen Kontext gewesen sein mag: Als Eakins das Bild 1876 f\u00fcr die Kunstabteilung der ersten offiziellen Weltausstellung \u2013 der Centennial Exhibition in Philadelphia \u2013 eingereicht hat, wurde es angeblich wegen des blutigen Sujets abgelehnt: \u201e<i>It is rumored that the blood on Dr. Gross\u2018 fingers made some of the members of the committee sick<\/i>\u201c, hei\u00dft es in einer Rezension der Ausstellung im \u201eEvening Telegraph\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Deshalb wurde es schlie\u00dflich in der medizinischen Abteilung gezeigt, wo der Anblick von Wunden und Blut vertrauter gewesen sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Die Angst, dass das Bild einen krankmacht, ja einem etwas antut, f\u00fchrt Horst Bredekamp in seiner \u201eTheorie des Bildakts\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> auf den Mythos der Medusa zur\u00fcck, deren Aussehen grauenerregend war und deren Blick jeden in Stein verwandelte, der sie ansah. Den m\u00e4chtigen Blick verlor sie selbst dann nicht, als sie von Perseus gek\u00f6pft wurde (was ihm gelang, da er sie durch einen Spiegel nur indirekt ansah). Bredekamp \u00fcbertr\u00e4gt nun diese Blick- in die Bildtheorie und unterstellt den Bildern eine \u00e4hnliche Wirkmacht wie dem Blick der Medusa. Er bezieht sich dabei unter anderen auf den neapolitanischen Dichter Giambattista Marino, der 1620 in einem Gedicht den von Perseus abgeschlagenen Kopf der Medusa Folgendes sprechen lie\u00df: \u201eAch fliehe oder wende deinen schweifenden Blick ab, \/ denn wenngleich ich Marmor bin, geht t\u00f6dliche Kraft \/ von meinen Augen aus, mit der ich jeden K\u00f6rper versteinere.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_2867\" class=\"wp-caption alignnone\">\n<p><div id=\"attachment_2867\" style=\"width: 670px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2867\" class=\"wp-image-2867 size-large\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/rubens_medusa.jpeg?w=660&amp;h=380\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"380\" \/><p id=\"caption-attachment-2867\" class=\"wp-caption-text\">Haupt der Medusa, Peter Paul Rubens, 1617-1618<\/p><\/div><\/figure>\n<p>Daher hat Perseus den Kopf, nachdem er ihn abschlug, auch sofort in eine Tasche gesteckt, also verh\u00fcllt \u2013 so wie auch Rubens\u2019 Gem\u00e4lde \u201eHaupt der Medusa\u201c von 1617\/18 mit einem Vorhang versehen wurde, da der mit Detailpr\u00e4zision gemalte leichenhafte, blutende Kopf, die sich ineinander verfangenden Schlangen, Echsen und Insekten, der erschrockene Blick etc. Entsetzen bei den Betrachtern ausgel\u00f6st hat. Zumindest berichtet das Constantijn Huygens, ein niederl\u00e4ndischer Dichter (1596-1687) in seiner Autobiografie. Von der Begegnung mit einer Version des Medusengem\u00e4ldes von Rubens im Haus seines Freundes Nicolaas Sohier schreibt er:<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201e<i>Von vielen Gem\u00e4lden scheint mir st\u00e4ndig eines vor Augen zu stehen, das mir mein Freund Nicolas Sohier unter pr\u00e4chtigem Hausrat in Amsterdam einst zum Betrachten vorzeigte. Es ist das abgeschnittene Haupt der Medusa, das von Schlangen umwunden ist, die aus dem Haar entstehen. In diesem hat er den gef\u00e4lligen Anblick einer eben noch wundersch\u00f6nen Frau und das sowohl durch den eben erst eingetretenen Tod als insbesondere auch durch die H\u00fclle der scheu\u00dflichen Reptilien absto\u00dfende Aussehen mit so unaussprechlichem Flei\u00df verbunden, da\u00df es den Betrachter, der durch das pl\u00f6tzliche Erschrecken ersch\u00fcttert ist (das Gem\u00e4lde pflegte nat\u00fcrlich verh\u00fcllt zu sein), dennoch gerade durch das Unheil des Themas erfreut, da es lebensnah und anmutig ist.<\/i>\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_2866\" class=\"wp-caption alignnone\">\n<p><div id=\"attachment_2866\" style=\"width: 670px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2866\" class=\"wp-image-2866 size-large\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/bildschirmfoto-2018-08-17-um-14-25-50-e1534508859785.png?w=660&amp;h=418\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"418\" \/><p id=\"caption-attachment-2866\" class=\"wp-caption-text\">Detail: Haupt der Medusa, Peter Paul Rubens, 1617-1618<\/p><\/div><\/figure>\n<p>Ich muss zugeben: Die Schlangen, die sich im Blut der Enthaupteten winden, sehen den Innereien auf den Chirurgie-Profilen erstaunlich \u00e4hnlich. Dennoch erscheint die Ersch\u00fctterung aus heutiger Sicht \u00fcbertrieben, was nicht nur damit zu tun hat, dass es eine Malerei ist \u2013 und keine Fotografie oder eine filmische Darstellung. Es hat ebenso wenig nur damit zu tun, dass wir \u2013 wie immer wieder betont wird \u2013 an den Anblick des Schrecklichen, an Blut und sogar Gewalt \u201egew\u00f6hnt\u201c seien, da es permanent in Film und Fernsehen pr\u00e4sent ist, der Effekt also \u201eabgenutzt\u201c ist.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Denn w\u00e4re dem so, w\u00fcrden die Bilder auf den Chirurgie-Profilen auch keine Wirkung erzielen k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich haben sie aber gro\u00dfe Wirkung \u2013 trotz der \u201eGew\u00f6hnung\u201c, trotz der \u201eBilderflut\u201c. Es d\u00fcrfte der einzige Bildtypus sein, der niemanden \u2013 au\u00dfer vielleicht die Mediziner selbst \u2013<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>unber\u00fchrt l\u00e4sst. Was aber macht diesen Bildtypus aus, der \u2013 nebenbei bemerkt \u2013 etwas schafft, was von der Kunst stets (etwa durch \u201eImmersion\u201c etc.) versucht und auch manchmal f\u00fcr sich beansprucht wird: eine echte k\u00f6rperlich-emotionale Wirkung zu erzielen?<\/p>\n<p>Nun, n\u00fcchtern betrachtet und den Gedanken an das Sujet (etwa einen blutigen Darm) einmal beiseite geschoben (f\u00e4llt mir schwer), muss festgehalten werden, dass die Wirkung insbesondre dann erzielt und zumindest gesteigert wird, wenn das Bild KEINE (popul\u00e4re) Kunst ist und das Motiv NICHT \u00e4sthetisiert wird. In den angesprochenen Gem\u00e4lden, aber auch in Fotos und Filmen wird Ekel und Schrecken hingegen konsumierbar, wei das Scheu\u00dfliche bildhaft ist, das hei\u00dft in einen bestimmten kompositorischen oder narrativen Rahmen gesetzt wurde. (Auch bei Splatterfilmen:)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2868 alignnone\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/no-reason_uncut.jpg?w=322&amp;h=447\" alt=\"\" width=\"322\" height=\"447\" \/><\/p>\n<p>Das entspricht der im 19. Jahrhundert entwickelten Theorie des Pittoresken, die besagte, dass etwas, das in der Natur ekelhaft und h\u00e4sslich ist, als Bild mit Genuss betrachtet werden kann. Der englische Theoretiker Uvedale Price erw\u00e4hnte als Beispiel den Kadaver eines Ochsen: sein Anblick sei zwar ekelhaft, aber im Spiegel (bzw. als Bild) erscheint er angenehmer, obwohl die Details nach wie vor alle zu sehen seien (\u201e\u2026that the real carcass of an ox reflected in such a mirror, would lose part of its disgusting appearance, though the detail would be preserved\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>). So wenig sch\u00f6n ein solcher Kadaver war, so pittoresk konnte er also sein. Huygens bezieht sich in seinen \u00dcberlegung wahrscheinlich darauf.<\/p>\n<p>Freilich lassen sich die Chirurgie- oder Autopsie-Bilder auch \u00e4sthetisieren \u2013 und das wird auch oft gemacht. Zum Beispiel, wenn sie in einem Humor-Kontext auf Reddit oder als Found Footage-Material in kuratierten Tumblr-Blogs auftauchen. Immer dann, wenn die \u201eFachbilder\u201c au\u00dferhalb ihres Original-Kontextes eine unabh\u00e4ngige und eigene (\u00e4sthetische, kunstvolle, fetischistische) Qualit\u00e4t erhalten, werden sie ertr\u00e4glich.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2869\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"width: 535px\">\n<p><div id=\"attachment_2869\" style=\"width: 545px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\/2018\/08\/17\/ekel-im-bild-chirurgie-und-autopsie-auf-instagram\/E\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2869\" class=\"wp-image-2869\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/08\/bildschirmfoto-2018-08-17-um-14-34-52.png?w=660&amp;h=592\" alt=\"\" width=\"535\" height=\"480\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2869\" class=\"wp-caption-text\">Der Tumblr-Blog \u201eThe Odd Side Of Me\u201c \u2013 d\u00fcster, aber hoch\u00e4sthetisiert.<\/p><\/div><\/figure>\n<p>Aber wenn sie aus den H\u00e4nden der Chirurgen stammen, die immer einfach direkt auf die Wunde halten, dann wird die Bildhaftigkeit des Bildes durch den Gedanken an die Realit\u00e4t \u2013 die Entstehungssituation, den \u201aechten\u2018 Patienten, etc. \u2013 regelrecht verdr\u00e4ngt. Die Bilder sind somit nicht pittoresk. Deshalb schildern auch viele Kommentare spiegelneurotische Effekte: \u201eThat hurts just looking at it!\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Dass man diesen furchtbaren Bildern nicht einmal vorhalten kann, dass sie ja \u201anur\u2018 Bilder sind \u2013 wie eine Influencerin sich digital schlanker macht, k\u00f6nnte ein Chirurg eine Wunde ja auch mit Photoshop blutiger machen (aber warum sollte er!) \u2013, macht sie glaubw\u00fcrdiger als alles andere, das man im Social Web, ganz besonders auf Instagram, sehen kann. Und diese Glaubw\u00fcrdigkeit macht die Bilder auf eine Art und Weise wirkungsvoll, wie es ein Nippel \u2013 selbst ein Hardcore-Porno \u2013 niemals verm\u00f6gen k\u00f6nnte. Ich schlage also vor, den weiblichen Nippel endlich zu erlauben. Die Horror-Bilder aus den Medizin-Accounts k\u00f6nnen von mir aus auch bleiben. Aber sehr oft besuchen werde ich die Seiten sicherlich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Hans-Ulrich Obrist (Hg.): Gerhard Richter Text. Schriften und Interviews. Insel Verlag: Frankfurt am Main\/Leipzig 1993. S. 22.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0https:\/\/www.facebook.com\/help\/instagram\/477434105621119<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0https:\/\/www.facebook.com\/communitystandards\/objectionable_content<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> http:\/\/www.worldlibrary.org\/article\/WHEBN0005649426\/The%20Gross%20Clinic<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0Horst Bredekamp: Theorie des Bildaks. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2010.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Zit. nach: Bredekamp, S. 234.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>\u00a0Constantin Huygens: Autobiographie, in: Huygens-Handschriften; J.A. Worp 1897, S. 73.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Z.B. Klaus Herding: Zum k\u00fcnstlerischen Ausdruck von Grauen und Sanftmut\u201c, in: DERS. u.a. (Hg.): Pathos, Affekt, Gef\u00fchl: Die Emotionen in den K\u00fcnsten. Walter de Gruyter, 2004. S. 330-357.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a>\u00a0Uvedale Price: A Dialogue on the Distinct Characters of the Picturesque and the Beautiful. In Answer to the Objections of Mr. Knight, London 1801, S. 171.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a>\u00a0https:\/\/www.instagram.com\/p\/BmO5MNOlVKX\/?taken-by=mrs_angemi<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\">Annekathrin Kohout<\/a> ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>Dieser Text wurde zuerst auf dem Blog &#8222;<a href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\/2018\/08\/17\/ekel-im-bild-chirurgie-und-autopsie-auf-instagram\/\">Sofrischsogut<\/a>&#8220; ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ekel im Bild: Chirurgie und Autopsie auf Instagram<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[269,434,620,900,1070,1082,1493,1681,1782,2082,2397,2561],"class_list":["post-8195","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-autopsie","tag-chirurgie","tag-ekel","tag-grauen","tag-influencer","tag-instagram","tag-medizin","tag-nippel","tag-pittoresk","tag-schrecken","tag-tumblr","tag-wunde"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8195"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8195\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}