{"id":8329,"date":"2018-10-16T09:17:39","date_gmt":"2018-10-16T07:17:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8329"},"modified":"2018-10-16T09:17:39","modified_gmt":"2018-10-16T07:17:39","slug":"spex-rolling-stone-bravo-von-thomas-hecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/10\/16\/spex-rolling-stone-bravo-von-thomas-hecken\/","title":{"rendered":"\u00bbSpex\u00ab, \u00bbRolling Stone\u00ab, \u00bbBravo\u00abvon Thomas Hecken16.10.2018"},"content":{"rendered":"<p>Aktuelle Musikillustrierte<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[aus: <a title=\"website heft 11 transcript\" href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4455-5\/pop\/?c=312000158\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 13<\/a>, Herbst 2018, S. 85-90]<\/p>\n<p>Nach der Einstellung der Gratis- bzw. Anzeigenmagazine \u00bbIntro\u00ab und \u00bbNew Musical Express\u00ab (\u00bbNME\u00ab) ist es an der Zeit, in der Pressekolumne einen Blick auf andere \u00e4ltere Musikzeitschriften zu werfen \u2013 wer wei\u00df, wie lange es sie noch gibt [Nachtrag v. 19.10.2018: Im Falle von \u00bbSpex\u00ab nicht sehr lang, die Zeitschrift hat mittlerweile angek\u00fcndigt, ihr Heft Ende 2018 einzustellen]. Keine von ihnen kann zwar auf die Tradition des britischen \u00bbNME\u00ab zur\u00fcckblicken, der 66 Jahre lang gedruckt erschien (davon \u00fcber 60 als k\u00e4ufliches Wochenblatt), aber einige Jahrzehnte kommen bei vielen von ihnen auch in Deutschland zusammen. Falls sie demn\u00e4chst ihre Aktivit\u00e4ten ebenfalls ganz ins Netz verlagern sollten (der \u00bbNME\u00ab z.B. tritt nun ausschlie\u00dflich als nme.com auf), w\u00e4ren nur noch die \u00fcblichen Nekrologe zu verfassen. In ihnen soll bekanntlich nichts Kritisches zur Sprache kommen, aber auch die Analyse steht in musikjournalistischen R\u00fcckblicken zumeist nicht an erster Stelle, es \u00fcberwiegt fast immer Wohlwollen und Bedauern. \u00dcberhaupt gewinnt man im Bereich der \u203aKultur\u2039 den Eindruck, alles sei wertvoll und bewahrenswert, was mit diesem Begriff versehen wird.<\/p>\n<p>Von den Abschiedsworten der Zeitschriften darf man nat\u00fcrlich erst recht nichts anderes erwarten, dennoch f\u00e4llt auf, in welch hohem Ma\u00dfe ihr Personal von sich selbst und seiner Leistungskraft begeistert ist. Auf der Facebook-Seite von \u00bbIntro\u00ab l\u00e4sst sich Chefredakteur Daniel Koch am 26. Juni so zitieren: \u00bbIntro war Haltung und Nerdwissen, enthielt Massen an Texten und geile Bilder mit mutigem Layout, Witz. Intro war eine Instanz im Popjournalismus.\u00ab Auch das Magazin \u00bbDe:Bug\u00ab verr\u00e4t in seiner letzten Ausgabe 181 im April 2014 hohen Anspruch; unter der Zwischen\u00fcberschrift \u00bbSchnittstelle zum Gl\u00fcck\u00ab steht: \u00bbIhr wisst schon, Grenzen \u00fcberschreiben, oder richtiger: \u00fcberschreiten, Zusammenh\u00e4nge finden, wo keine waren, weil fr\u00fcher oder sp\u00e4ter l\u00e4uft eh alles zusammen. \u00c4sthetik, Technik, Drogen, Musik, Theorie, Politik, Absurdit\u00e4ten, Geld, kein Geld \u2026 Wenn es eine Welt der Zukunft geben soll, dann sicherlich eine, in der nichts mehr nicht zusammenh\u00e4ngt.\u00ab Ungebrochenes Selbstlob vermeidet man, streicht aber die existentielle, au\u00dfergew\u00f6hnliche Dimension der eigenen journalistischen Arbeit heraus: \u00bbDenn Scheitern muss dabei sein, weil Fehler oft lustig sind und manchmal auch nur einfach sch\u00f6n, aber auch weil ohne Einsatz alles nichts wert ist.\u00ab Kurz davor im selben Artikel \u00bbFazit Masterplan\u00ab: \u00bbEine Zeitung machen ist aber wohl im besten Fall sowieso wie ein Schwebezustand. Etwas aushalten, das eigentlich nicht auszuhalten ist und das auch noch gerne\u00ab. Nach Lekt\u00fcre solcher letzten S\u00e4tze wundert es einen kaum mehr, weshalb nicht nur in politisch engagierten linken, sondern auch in diesen Szenen so oft der \u203aNeoliberalismus\u2039, das \u203aunternehmerische Selbst\u2039 bzw. die \u203aSelbstoptimierung\u2039 kritisch betrachtet werden: Nach au\u00dfen wird negativ projiziert, was man sich selbst in h\u00f6chsten T\u00f6nen zubilligt. Den Unterschied macht mitunter wohl nur der geringe eigene \u00f6konomische Erfolg aus \u2013 und die Praxis, innerhalb der meritokratischen und kapitalistischen Historie der letzten Jahrzehnte bedeutende Z\u00e4suren erkennen und theoretisch fixieren zu wollen. Wenn schon keine monet\u00e4re oder politische Macht, soll zumindest Periodisierungs- und Begriffsmacht erlangt werden.<\/p>\n<p>Es bleiben aber zumindest noch einige Zeitschriften aus dieser Richtung des \u203aanspruchsvollen Musikjournalismus\u2039 \u00fcbrig, die aus selten oder gar nicht offengelegten Gr\u00fcnden \u00fcber hinreichend Geldquellen oder niedrige Kosten verf\u00fcgen, um weitere Hefte zu ver\u00f6ffentlichen. Mit \u203aanspruchsvollem Musikjournalismus\u2039 ist hier der \u00f6ffentlich bekundete Anspruch der Journalisten an sich selbst gemeint. Ein weiterer Beleg daf\u00fcr ist ein j\u00fcngstes \u00bbSpex\u00ab-Editorial: Das Magazin stehe f\u00fcr \u00bbQualit\u00e4t\u00ab und \u00bbNiveau\u00ab, sein \u00bbextrem\u00ab hoher \u00bbAnspruch\u00ab sei \u00bbin der deutschsprachigen Musikpresse einzigartig\u00ab, lautet der redaktionelle Leitsatz (Ausgabe Mai\/Juni 2018).<\/p>\n<p>Wie soll man (unabh\u00e4ngig von solchen \u203aHochkultur\u2039-Zuschreibungen) diese Popmusikzeitschriften sonst kategorisieren \u2013 gerade im Kontrast zu Magazinen wie \u00bbPopcorn\u00ab oder \u00bbBravo\u00ab, die trotz der f\u00fcr sie nun obligatorischen Berichte \u00fcber Influencer und YouTuber immer noch eine ganze Reihe an Artikeln rund um Teeniestars, die auch Musik machen, ins Heft nehmen und darum ebenfalls als Musikillustrierte gelten k\u00f6nnen? Unter der Internetkonkurrenz zu leiden haben sie ohne Unterschied; bei \u00bbBravo\u00ab gingen in den letzten zehn Jahren die verkauften Exemplare sogar \u00fcberproportional von 442.967 auf 98.849 zur\u00fcck, obwohl das Heft heute nur noch zweiw\u00f6chentlich an den Kiosk gelangt; damit verglichen, konnten \u00bbSpex\u00ab und \u00bbRolling Stone\u00ab ihre Auflage (wenn auch auf niedrigerem Niveau) viel besser halten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/10\/bravo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-8331\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/10\/bravo.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/10\/bravo.jpg 600w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/10\/bravo-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aktuell und an der j\u00fcngsten Produktion orientiert sind ebenfalls alle Musikzeitschriften mit einer gr\u00f6\u00dferen Leserschaft. Quantitativ gesehen, pr\u00e4sentier(t)en gerade \u00bbSpex\u00ab, \u00bbIntro\u00ab, \u00bbDe:Bug\u00ab, \u00bbRolling Stone\u00ab etc. eine beinahe un\u00fcbersichtliche F\u00fclle an Gruppen und Tontr\u00e4gern, begleitet von Artikeln \u00fcber einige aktuelle B\u00fccher und Filme, Kleidungsst\u00fccke und technische Ger\u00e4te, Computerspiele und TV-Serien bzw. deren Urheber, flankiert von entsprechenden (sp\u00e4rlicher werdenden) Anzeigen. Sind die K\u00fcnstler schon in Rente, tot, seit langer Zeit aktiv oder die k\u00e4uflichen Objekte vor l\u00e4ngerer Zeit erstmalig auf den Markt gekommen, handelt es sich eben um Neuauflagen, Neuabmischungen, Neuzusammenstellungen oder bislang (meist aus guten Gr\u00fcnden) unver\u00f6ffentlichtes Material, Outtakes, Alternative Versions, Bootlegs, Radiomitschnitte etc. Ganz so viele redaktionelle Hinweise auf einzelne Waren findet man in \u00bbBravo\u00ab nicht, identisch ist aber der starke Gegenwartsbezug, wenn er sich auch bei \u00bbBravo\u00ab weniger auf neue Produkte generell, sondern fast ausschlie\u00dflich auf die Angebote aktueller Interpreten richtet. Die Differenz liegt hier blo\u00df darin, dass die S\u00e4nger und Musiker etwa in \u00bbSpex\u00ab und \u00bbBravo\u00ab zumeist verschiedenen aktuellen Marktsegmenten bzw. Genres entstammen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es darum ein guter Ausgangspunkt, einfach auf die Textl\u00e4nge zu schauen, sie macht ganz offensichtlich einen gravierenden Unterschied aus. Die Zeichenzahl liegt bei den anspruchsvollen Magazinen hoch, die Typografie bietet nur Kurzsichtigen Freude, im Rezensionsteil fallen die Buchstaben manchmal noch kleiner aus (der Mikro-Preis geb\u00fchrte hier \u00bbDe:Bug\u00ab, heute w\u00e4re \u00bbtestcard\u00ab zu nennen, die aber wegen ihrer zuletzt unregelm\u00e4\u00dfigen, blo\u00df noch zwei- oder dreij\u00e4hrigen Erscheinungsweise nicht mehr in die Zeitschriften-Rubrik geh\u00f6rt); in einem Heft des \u00bbRolling Stone\u00ab k\u00f6nnte man wahrscheinlich eine Quartalsproduktion \u00bbBravo\u00ab-Texte unterbringen. Dies liegt u.a. an den umfangreichen Essays, die diese Zeitschriften gegenw\u00e4rtig wie Nachrichtenmagazine oder politische Illustrierte auch abdrucken. Im Unterschied zu \u00bbSpiegel\u00ab oder \u00bbCicero\u00ab, die gelegentlich Soziologie- oder Geschichtsprofessoren damit betreuen, gilt bei \u00bbSpex\u00ab und \u00bbRolling Stone\u00ab die Regel des Unakademischen. Diese Regel l\u00e4sst lediglich Varianten bei der Auswahl der Autoren und Interviewpartner zu: H\u00f6ren bei den zahlungskr\u00e4ftigen Nachrichtenmagazinen jene Intellektuellen, die weit \u00fcberwiegend au\u00dferhalb wissenschaftlicher Fachpublikationen Anerkennung finden, h\u00e4ufig auf Namen wie Precht, Sloterdijk, Safranski, beauftragen die anspruchsvollen Musikmagazine gelegentlich kritische Geister wie Theweleit (68er: \u00bbbrodelnde Affektb\u00fcndel\u00ab) oder Distelmeyer (Absage an \u00bbzeitgeschm\u00e4cklerische Formatradio-Erwartungen\u00ab). In der \u00bbBravo\u00ab setzt man im politisch-kulturkritischen Bereich hingegen nicht auf Autorenprominenz, sondern z.B. auf gutaussehende Umweltaktivisten, die sich aufmachen, \u00bbunsere Ozeane\u00ab vor Plastikm\u00fcll zu \u00bbretten\u00ab (Heft 16, 2018).<\/p>\n<p>Relativ lang fallen in \u00bbSpex\u00ab und \u00bbRolling Stone\u00ab auch und gerade die musikalischen Hauptartikel und Besprechungen aus. F\u00fcr sie gilt ebenfalls der Vorrang des Unakademischen. Fachsprache ist weitgehend verp\u00f6nt, es sei denn, sie bleibt v\u00f6llig unbestimmt oder gew\u00e4hrt das Gef\u00fchl einer gewissen Vertrautheit: Beat, barocke Arrangements, Riff (diese und alle folgenden Beispielworte stammen aus den \u00bbSpex\u00ab- und \u00bbRolling Stone\u00ab-Heften des ersten Halbjahres 2018). Stattdessen dominieren Metaphern (bratzen, anschwellen, verhuscht, ausgefranst, fleischiger) und Metonymien, die vermutete Wirkungen in den Klang verlegen (schwerm\u00fctige T\u00f6ne, herzerweichende Songs, psychedelische Gitarren). Obwohl die Leserschaft sich in erster Linie aus Gymnasialabsolventen und Leuten, die selbst ein Instrument spielen, zusammensetzt, beschr\u00e4nken sich die musikologischen Hinweise auf Genreangaben: Doom Metal, Bluegrass, Yachtrock \u2013 solche Rubrifizierungen finden sich fast in jedem Artikel, recht h\u00e4ufig noch Bez\u00fcge auf bekanntere Bands (klingt wie \u2026, erinnert an \u2026) und auf fr\u00fchere Produkte derselben Gruppe, seltener Angaben zu Instrumenten (Violinbogen, Oboe, Synthies).<\/p>\n<p>Bliebe es dabei, w\u00e4ren die Artikel nach wenigen Zeilen beendet. Auch die pflichtgem\u00e4\u00dfe Angabe, wie der Autor die vorgestellten K\u00fcnstler und ihr Produkt qualitativ beurteilt, w\u00fcrde daran nichts \u00e4ndern. Diese Einsch\u00e4tzung wird aber nicht nur durch explizite Wertungen (\u203ax ist schlecht, y exzellent\u2039) vorgenommen, sondern soll wie im Feuilleton auch in vielen deskriptiven, oft metaphorisch oder metonymisch gewendeten Formulierungen zur Geltung kommen; solche Angaben (mit gr\u00f6\u00dfter Seele, unaufdringlich, unspannend, Popkrawall, unverf\u00e4lscht, wummernde Vielseitigkeit) beziehen sich auf die Musik oder den Musiker oder beide zugleich. Es w\u00e4re eine umfangreiche linguistische Aufgabe, diese Worte einmal aufzulisten und zu katalogisieren. Jede zuf\u00e4llig aufgeschlagene Seite, die Songs oder Tracks zum Gegenstand hat, bietet eine F\u00fclle an Beispielen (etwa \u00bbSpex\u00ab, H. 380, S. 99: klingt energisch, w\u00fcrden in Liam Gallaghers Regenjacke passen, Iceage-Version eines Liebeslieds, unperverse Ballade, alte sonische Bekannte, Waldsinfonie; \u00bbRolling Stone\u00ab, H. 281, S. 102: klanglich erfrischend, zerhackte Samples, Stottern der Maschine, wimmelnde Vielfalt, s\u00fcffige Wohlf\u00fchlharmonien, sanft schwebende Orchestersamples). F\u00fcr die \u00bbBravo\u00ab hingegen ben\u00f6tigt man kein langwieriges Forschungsprojekt, die entsprechende Z\u00e4hlung innerhalb der Ausgabe vom 18.7.2018 ergibt exakt null Worte. Blo\u00df \u00bbHammer\u00ab ist zu verzeichnen, das jedoch bezieht sich nicht auf einen Rhythmus, sondern lediglich auf die Klasse der St\u00fccke: \u00bbZurzeit schallt aus jedem Lautsprecher die Musik von Capital Bra (23)! Kein Wunder \u2013 \u203aNur noch Gucci\u2039, \u203aNeymar\u2039 oder \u203aOne Night Stand\u2039 sind einfach Hammer-Songs!\u00ab<\/p>\n<p>Solche Aussages\u00e4tze (\u203ax ist vorz\u00fcglich, y miserabel\u2039) verstehen sich hinsichtlich der Wertung beinahe von selbst (die F\u00e4lle, dass \u203abad\u2039 gut ist, \u203aHammer\u2039 schlecht oder \u203agut\u2039 langweilig, einmal ausgeklammert). Die Attribute aber, die in \u00bbSpex\u00ab und \u00bbRolling Stone\u00ab so h\u00e4ufig gebraucht werden (synapsentraktierend, umgewidmeter Elektroschrott, plump, vibrierende Klangfl\u00e4chen, schillernde Klangfl\u00e4chen, giftig), bleiben im Zuge moderner \u00e4sthetischer Regellosigkeit allein f\u00fcr sich ambivalent: Schrott kann nun sehr guter Trash oder schlechter kommerzieller Abfall sein, das Plumpe interessant oder langweilig, in jedem Fall ist ausgeschlossen, dass blo\u00df das Sch\u00f6ne, Harmonische, Edle einen positiven Wert besitzt. Deshalb ist eine gewisse Redundanz notwendig, um den Standpunkt zu verdeutlichen; so gewinnt der Text an L\u00e4nge.<\/p>\n<p>Meistens reicht aber auch Redundanz nicht aus. Zur Probe: Ist das \u2013 H\u00e4ngemattenexistenz, offensiv herausgestellte Gitarren-Licks, kraftvoller als bisher, schulterzuckende Leichtigkeit des Sounds, delirisch-kindlicher Gesang, beruhigend trivial \u2013 nun gut oder schlecht? In solchen F\u00e4llen hilft es, wenn zur \u00e4sthetischen noch eine politisch-moralische Dimension hinzukommt. Sie sorgt nicht etwa f\u00fcr mehr Komplexit\u00e4t oder f\u00fcr Unentschiedenheit, sondern hilft, die Bewertung zu erfassen; im vorliegenden Fall schafft der Hinweis, die besprochene Musik stehe f\u00fcr eine Kultur abseits gegenw\u00e4rtiger neoliberaler Anstrengung, ein hohes Ma\u00df an Eindeutigkeit.<\/p>\n<p>Dennoch kann immer noch zurecht eingewendet werden, eine unbefangene Lekt\u00fcre w\u00e4re nicht in der Lage, aus den S\u00e4tzen \u00fcber die triviale, unangestrengte, wiewohl verr\u00fcckte Leichtigkeit in Musik und Arbeitswelt zweifelsfrei auf eine Zustimmung oder Ablehnung seitens der Autorinstanz zu schlie\u00dfen. Deshalb ist es sinnvoll, dass die Zeitschriften f\u00fcr jeweils eine bestimmte Haltung nicht nur \u00e4sthetischer Art einstehen; ist die politisch-moralische Richtung oft genug auch explizit angegeben worden, erleichtert ihre Kenntnis die Aufschl\u00fcsselung und Einordnung all der impliziten Wertungen und besonderen Konnotationen. Interne Widerspr\u00fcche verm\u00f6gen das nicht aufzuheben: Wenn auch betr\u00e4chtliche Teile der Leserschaft z.B. Cover mit Frauen als Musikerinnen wenig sch\u00e4tzen und darum mal auf den Kauf des Magazins verzichten \u2013 oder wenn auch Szenen, in denen experimentelle, unkonventionelle oder ekstatische Musik hoch angesehen ist, oftmals wenig libert\u00e4r organisiert sind \u2013, der schwarz auf wei\u00df niedergelegten weltanschaulichen und semantischen (linksalternativen oder urban-liberalen) Orientierungsfunktion muss dies keinen Abbruch tun.<\/p>\n<p>Der Einordnung dienen auch die vielen Aussagen der Musiker selbst. H\u00e4lt man sich an Musikzeitschriften wie \u00bbSpex\u00ab und \u00bbRolling Stone\u00ab, ist Pop- und Rockmusik keineswegs eine \u203aunb\u00fcrgerliche\u2039 Kultur. In Interviews werden ausgesuchte Sch\u00f6pfer und Repr\u00e4sentanten wieder und wieder nach Motiven, Herk\u00fcnften und Interpretationen gefragt. Genauso wie im Feuilleton und in Promotion-Artikeln bleibt das jeweilige Produkt als Ergebnis des Zusammenspiels verschiedenster Instanzen unterbelichtet. Darum kommen selbst die (sehr seltenen) Artikel \u00fcber Szenen und Events, \u00fcber vielschichtige Praktiken einer \u203aart world\u2039 und ihre hochgradig arbeitsteiligen Produktionen kaum einmal ohne lange Passagen zu einzelnen (vereinzelten) Sch\u00f6pfergestalten und deren bedeutungsvollen, kommentarbed\u00fcrftigen Werken aus.<\/p>\n<p>Eine weniger sch\u00f6pfer- oder werkzentrierte Berichterstattung ist auch deshalb selten anzutreffen, weil die Autoren der Artikel selbst als Sch\u00f6pfer gelten wollen. Der Platz, den neben den zumeist als unabdingbar erachteten Musiker\u00e4u\u00dferungen etwa Fan-Dokumente einnehmen k\u00f6nnten \u2013 oder auch Berichte \u00fcber Produktionsabl\u00e4ufe und Distributionsbedingungen sowie \u00fcber konkrete allt\u00e4gliche Rezeptionen und Verkn\u00fcpfungen \u2013, wird in den aktuellen Musikzeitschriften mit Anspruch von den Deutungen, Anmerkungen und Wertungsakten der Journalisten eingenommen. Den einzigen Unterschied zu entsprechenden Feuilletonartikeln bilden manchmal Schilderungen der Reise zum Gespr\u00e4chsort und der Interviewszenerie; selten erstrecken sich die autobiografischen Passagen aber auf die eigenen Aneignungen und t\u00e4glichen Gebrauchsweisen der Musik und Musiker-Images.<\/p>\n<p>Selbst in den Fotostrecken dieser Zeitschriften bleibt das Prinzip gegenw\u00e4rtig gewahrt. Auf ihnen gelangen zwar die Journalisten nicht mit ins Bild, aber auch sonst kaum jemand: Die Musiker bleiben zumeist f\u00fcr sich, sie stehen allein oder in Kleingruppen vor kahlen W\u00e4nden oder werden auf dem (viel seltener gezeigten) Konzertfoto vor diffusem Hintergrund isoliert, der Ausschnitt holt Oberk\u00f6rper oder Gesicht nah heran, Pers\u00f6nlichkeit soll sichtbar werden, nicht professionelle Zusammenarbeit und Vorbereitung, nicht die anderen Beteiligten am Event, nicht jene Verkettungen von Musik, Mode, Habitus, K\u00f6rper, Maschinen, Deko-Objekten, Freizeitgestaltung, Social Media, die allt\u00e4glich Raum greifen. Lie\u00dfe man dies unter Popmusik fallen, handelte es sich bei Zeitschriften wie \u00bbSpex\u00ab und \u00bbRolling Stone\u00ab nur in einem eingeschr\u00e4nkten Sinn um Popmusikmagazine.<\/p>\n<p>Andersherum gilt das auch f\u00fcr Zeitschriften wie \u00bbBravo\u00ab; zwar verf\u00fcgen sie \u00fcber einige Ans\u00e4tze, die in den Alltag weisen: neben Postern, Tipps zum Umgestalten von Sneakers und Aufforderungen, eigene Bilder von Stars zu zeichnen und YouTube-Videos anzufertigen, haupts\u00e4chlich sozial-didaktische Anweisungen, wie gem\u00e4\u00df der Vorbilder zu lieben und leben sei; mitunter fallen diese Hinweise auch ambivalent genug aus, um etwas Freiraum zu bieten (\u00bbBravo\u00ab \u00fcber den Rapper Capital Bra: \u00bbIn der neunten Klasse hat er keinen Bock mehr auf Schule und bricht sie einfach ab. Eine Entscheidung, die er heute bereut. \u203aIch war jung und dumm\u2039, sagt er in einem Interview. \u203aEs ist echt schei\u00dfe, wenn man keinen Abschluss hat.\u2039 Doch trotz Schulabbruch hat es der Berliner geschafft, richtig erfolgreich zu werden\u00ab); die Musik spielt bei diesen Geschichten und Weiterf\u00fchrungen der Starimages aber kaum keine Rolle, \u00fcber sie wird h\u00e4ufig kein einziges Wort verloren. Wahrscheinlich dokumentiert die Redaktion deshalb sogar den scheiternden Versuch, einem S\u00e4nger zumindest indirekt eine musikalische Erinnerung zu entlocken. Frage \u00bbBravo\u00ab: Was war die erste CD, die du dir gekauft hast? Antwort Richard (von den \u00bbLatin-Megastars\u00ab CNCO): \u00bbEhrlich gesagt habe ich mir nie eine CD gekauft.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Transcript Verlags. Hinweise und Links zu Heft 13 der \u00bbPop\u00ab-Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2018\/09\/24\/heft-13-pop-kultur-und-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>. Blick ins Heft <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/media\/pdf\/b6\/a1\/47\/ts4455_1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuelle Musikillustrierte<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[86429,86633,86983,1172,1598,2197],"class_list":["post-8329","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bravo","tag-intro","tag-rolling-stone","tag-jugendzeitschriften","tag-musikzeitschriften","tag-spex"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8329"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8329\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}