{"id":8527,"date":"2018-12-03T10:19:33","date_gmt":"2018-12-03T08:19:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8527"},"modified":"2018-12-03T10:19:33","modified_gmt":"2018-12-03T08:19:33","slug":"appetite-for-the-magnificenteine-essayistische-tauchfahrt-in-die-untiefen-des-aquariums-am-beispiel-philip-henry-gossesvon-joerg-scheller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/12\/03\/appetite-for-the-magnificenteine-essayistische-tauchfahrt-in-die-untiefen-des-aquariums-am-beispiel-philip-henry-gossesvon-joerg-scheller\/","title":{"rendered":"Appetite for the MagnificentEine essayistische Tauchfahrt in die Untiefen des Aquariums am Beispiel Philip Henry Gossesvon J\u00f6rg Scheller3.12.2018"},"content":{"rendered":"<p>Der Vorl\u00e4ufer des Fernsehens<!--more--><\/p>\n<p>[zuerst erschienen in: Tania Willen, David Willen, J\u00f6rg Scheller (Hg.):\u00a0<a href=\"https:\/\/www.editionpatrickfrey.com\/de\/books\/appetite-magnificent-deutsche-ausgabe-tania-willen-david-willen-jorg-scheller\">Appetite for the Magnificent.\u00a0Edition Patrick Frey<\/a>: Z\u00fcrich 2017]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Am Wasser<\/p>\n<p>Wenn Philip Henry Gosse seinen Blick \u00fcber die K\u00fcstenlandschaft schweifen lie\u00df, sah er mehr als Felsen, Sand, Wellen, Gischt. Vor seinen Augen und in seinen Ohren verwandelte sich die Szenerie in ein \u00e4sthetisches Spektakel. An einem milden Aprilmorgen am Strand von Dorsetshire stehend, erschienen ihm die Wellenbrecher als \u201eedles Werk\u201c, die Wogen zerbarsten an ihnen in kleinen Kaskaden aus \u201eEdelsteinen von variierender Brillanz\u201c und spielten eine \u201efl\u00fcsternde Musik\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Als bef\u00e4nde er sich in einem Museum, wo die Wahrnehmung unwillk\u00fcrlich auf Kontemplation einschwenkt, sog Gosse die Eindr\u00fccke in sich auf, gewahrte er die Violettt\u00f6ne der K\u00fcste und die strahlende Helligkeit des \u00f6stlichen Horizonts. Aber dann, einem Wetterumschwung gleich, zogen vor seinem inneren Auge mentale Bilder anderer <i>couleur<\/i> auf. Nun bot sich ihm dieselbe Landschaft im Winter dar, durchpulst von zornigen Windst\u00f6\u00dfen und verschattet von berghohen Wellen, zwischen denen sich T\u00e4ler wie Gr\u00e4ber \u00f6ffneten.<\/p>\n<p>Wenn Philip Henry Gosse seinen Blick \u00fcber die K\u00fcstenlandschaft schweifen lie\u00df, sah er mehr als Edelsteine, h\u00f6rte er mehr als fl\u00fcsternde Musik. Das \u00e4sthetische Spektakel verwandelte sich in ein religi\u00f6ses. Der physische Hafen von Portland, dessen Wasser die Wellenbrecher befriedeten, erschien ihm als Mole eines metaphysischen Hafens. Wie die Imagination des Schauenden Fr\u00fchling in Winter hatte \u00fcbergehen lassen, so verlagerte sich nun das Profane ins Sakrale: \u201eGelobt sei Gott daf\u00fcr, dass er uns seinen geliebten Sohn als Geschenk darbrachte, den einzigen rettenden Hafen f\u00fcr arme, sturmumtoste S\u00fcnder!\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Erneut schob sich ihm ein dunkles inneres Bild vor die Ansicht der lieblichen Landschaft: das Bild des Endes, der Apokalypse. S\u00e4tze aus dem <i>Dritten Nephi<\/i> kamen ihm in den Sinn. In den kommenden Tagen der Dunkelheit und des Zorns, \u201ewenn der Regen f\u00e4llt, und die Flut steigt, und der Wind heult\u201c, in diesen Tagen w\u00fcrden nur diejenigen Rettung finden, die in den Hafen Gottes eingelaufen waren.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Wenn Philip Henry Gosse seinen Blick \u00fcber die K\u00fcstenlandschaft schweifen lie\u00df, sah er mehr als einen Gottesdienst. Das religi\u00f6se Spektakel verwandelte sich in ein wissenschaftliches. Immer wieder sp\u00fclten die Fluten kuriose Gesch\u00f6pfe und Gew\u00e4chse an Land, die Gosse zu sammeln und zu studieren beliebte. Auch suchte er sie in den Ritzen der Felsbrocken und im Schlick bei Ebbe. Seegras. Krebse. Korallen. Garnelen. Muscheln. Fische. In den Tiefen des Meeres, da war er sich sicher, d\u00e4mmerten urzeitliche, h\u00f6chst merkw\u00fcrdige Wesen, die noch nie ein Menschenauge gesehen hatte \u2013 ein Affront f\u00fcr Gosses wissenschaftsgl\u00e4ubige \u00c4ra, in welcher die terrestrische Welt bereits umrundet, vermessen, kartiert und analysiert worden war.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Nun galt es, die Forschung vom Horizontalen ins Vertikale auszudehnen, um die letzten Geheimnisse aufzudecken. Ein weiteres Mal zogen Bilder vor Gosses innerem Auge auf. Er erinnerte sich an seine Zeit als Naturforscher auf Jamaica, wo er wilde Tauben in einem K\u00e4fig hielt und eine jede von der anderen zu unterscheiden wusste. Ob es wohl m\u00f6glich w\u00e4re, einen solchen K\u00e4fig auch f\u00fcr Meerestiere zu erschaffen?<\/p>\n<p>Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade Philip Henry Gosse, Sohn eines Miniaturenmalers und selbst talentierter Zeichner, leidenschaftlicher, weit gereister Naturkundler und tiefgl\u00e4ubiger, apokalyptisch gestimmter Freikirchler, ein Mann also, in dessen Mentalit\u00e4t Kunst, Wissenschaft und Religion unaufl\u00f6slich ineinander verschr\u00e4nkt waren \u2013 dass dieser Mann in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Heim- und Zooaquarium popularisierte.<\/p>\n<div id=\"attachment_8243\" style=\"width: 479px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8243\" class=\" wp-image-8243\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/gosse_aquarium.jpg\" alt=\"\" width=\"469\" height=\"704\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/gosse_aquarium.jpg 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/gosse_aquarium-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 469px) 100vw, 469px\" \/><p id=\"caption-attachment-8243\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, The Aquarium: An Unveiling of the Wonders of the Deep Sea, 1856.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">Am Leben<\/p>\n<p>Gosses Buch <i>The Aquarium: An Unveiling of the Wonders of the Deep Sea<\/i> (1854) l\u00e4utete den weltweiten Trend zur Heim- und Zooaquaristik ein. In bald sachlicher, bald hymnischer Sprache f\u00fchrte der 1810 in Worcester geborene, 1888 in St. Marychurch gestorbene englische Naturforscher in die Geheimnisse des Meereslebens ein, zeigte, wie die Unterwasserwelten in die eigenen vier W\u00e4nde verlagert werden konnten, erkl\u00e4rte, warum dies eine gottgef\u00e4llige T\u00e4tigkeit sei, und erreichte damit sowohl Laien als auch professionelle Zoologen und Botaniker. <i>Wonders <\/i>wurde ein Bestseller. Und Englands Wohnzimmer verwandelten sich in Nasszellen.<\/p>\n<p>Dabei hatte Gosse das Aquarium nicht einmal selbst erfunden. Dieses Verdienst geb\u00fchrt einer Frau, deren Name nicht von ungef\u00e4hr als Paradebeispiel f\u00fcr Emanzipation im 19. Jahrhundert genannt wird \u2013 und deren rasante Biografie sich wie ein modernes M\u00e4rchen liest.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Jeanne Villepreux<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> (1794\u20131871) wuchs im l\u00e4ndlichen Frankreich in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen auf, erhielt eine nur rudiment\u00e4re Schulbildung, schlug sich als 18-J\u00e4hrige zu Fu\u00df ins 400 Kilometer weit entfernte<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Paris durch, verdingte sich dort als Schneiderin, fertigte ein Hochzeitskleid f\u00fcr eine Gr\u00e4fin an, lernte \u00fcber diesen Auftrag den adeligen Kaufmann James Power kennen, heiratete ihn, zog mit ihm nach Sizilien, entdeckte ihr Interesse an Naturgeschichte, studierte die terrestrische wie auch maritime Fauna und Flora der Insel, ver\u00f6ffentlichte ihre Forschungen in eigenst\u00e4ndigen B\u00fcchern und namhaften Journalen, wurde vor allem aufgrund ihrer wegweisenden Texte \u00fcber den Kopff\u00fc\u00dfer <i>Argonauta argo<\/i> korrespondierendes Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien \u2013 und entwickelte nebenbei die ersten Aquarien. Zwei davon wurden direkt ins Meer eingelassen, eines hatte bereits die Grundz\u00fcge des heutigen Heimaquariums und diente Villepreux-Power zur Erforschung der Meereswelt in ihrem <i>studiolo.<\/i> Nachdem ein Gro\u00dfteil ihrer Sammlungen, Aufzeichnungen und Zeichnungen bei einem Schiffsbruch verloren gegangen war, setzte Villepreux-Power zwar ihre publizistisch-wissenschaftliche T\u00e4tigkeit fort, stellte jedoch ihre Forschungen ein und geriet in Vergessenheit. Erst in den 1980er-Jahren wurde ihr Werk durch die Recherchen von Claude Arnal, eines Pension\u00e4rs aus Villepreux&#8216; Geburtsstadt Juillac, wiederentdeckt und erlebt seitdem eine Renaissance im Wissenschaftsdiskurs.<\/p>\n<div id=\"attachment_8244\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8244\" class=\"size-full wp-image-8244\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-18-um-17.44.58.png\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-18-um-17.44.58.png 570w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Bildschirmfoto-2018-09-18-um-17.44.58-300x225.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><p id=\"caption-attachment-8244\" class=\"wp-caption-text\">Jeanne Villepreux-Power, Argonauta, 1839<\/p><\/div>\n<p>Es blieb dem ungleich sendungsbewussteren Gosse \u00fcberlassen, sich als Apostel der Aquaristik f\u00fcr ein breites Publikum zu profilieren und mit dem aquatischen Vivarium \u201eeinen ,Sammelkasten\u2018 mit Leben zu erf\u00fcllen, der von seiner Idee her einige Jahrhunderte fr\u00fcher f\u00fcr leblose Objekte geschaffen wurde\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Als so frommer wie sch\u00f6ngeistiger Wissenschaftsautodidakt \u2013 in der von dilettierenden <i>parson-naturalists <\/i>gepr\u00e4gten Naturkunde des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit \u2013 war der ehemalige Angestellte eines Hafenkontors auf Neufundland verzaubert vom Gewimmel des Lebens und dem darin sich manifestierenden Genie Gottes. Die mausoleumsartigen Sammelk\u00e4sten vergangener Tage gen\u00fcgten ihm nicht mehr. Auch Carl von Linn\u00e9s n\u00fcchterne Nomenklatur musste ihm als Beleg f\u00fcr eine These erscheinen, die er in seinem 1851 publizierten Buch <i>A Naturalist\u2019s Sojourn in Jamaica <\/i>formuliert hatte: \u201e[Die g\u00e4ngige] Naturgeschichte ist eine Wissenschaft toter Dinge, eine Nekrologie.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Gosse hingegen strebte nach einer Naturgeschichte des <i>Lebens<\/i>, nach einer <i>lebendigen<\/i> Naturgeschichte.<\/p>\n<p>Sein exzentrischer Glaube mochte diese Haltung noch verst\u00e4rkt haben. Gosse schloss sich 1847 den <i>Plymouth Brethren<\/i>, einem Arm der freikirchlichen Br\u00fcderbewegung, an, welche sich gegen die mit dem Katholizismus assoziierten Verkrustungen abgrenzte und, wie sein Sohn Edmund Gosse schrieb, den \u201eutopischen Traum eines christlichen Sozialismus\u201c ohne \u201eRitual, ohne Pfarrer, ohne Regierung, ohne irgendeine Form der Hierarchie\u201c zu verwirklichen versuchte.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Daf\u00fcr bildete sie unabh\u00e4ngige, bewegliche und \u00fcberschaubare Gemeinden, die jedoch untereinander kommunizierten und im Glauben verbunden sein sollten wie die Glieder eines \u201elebendigen Organismus\u201c.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Gepredigt wurde gerne auch auf peripatetische Weise.<\/p>\n<p>Gleichwohl konzipierte Gosse das Aquarium, wohl unwissentlich, im Geiste des Museumsbooms des 18. und 19. Jahrhunderts, der aus Sicht so mancher Zeitgenossen doch eher nekrologe Z\u00fcge hatte. In seinem Text <i>Consid\u00e9rations morales sur la destination des ouvrages de l\u2019art, ou de l\u2019influence de leur emploi<\/i> (1815), um nur ein Beispiel zu nennen, kritisierte der franz\u00f6sische Autor, Wissenschaftler und Politiker Antoine-Chrysostome Quatrem\u00e8re de Quincy die modernen Museen als Grabkammern, in denen die einst lebendige Kunst zur toten Kunst<i>geschichte<\/i> degradiert werde.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Wenig sp\u00e4ter wurde Natur im Vivarium zur Natur<i>geschichte<\/i>. Wie Artefakte ihren angestammten Zusammenh\u00e4ngen entnommen und im Museum f\u00fcr die \u2013 vermeintlich \u2013 interesselosen Reflexions- und Kontemplationsbed\u00fcrfnisse des B\u00fcrgertums installiert wurden, so wurden f\u00fcr Aquarien Spezies aus ihren nat\u00fcrlichen Habitaten entf\u00fchrt, um fortan wissenschaftlich-kontemplativen Bed\u00fcrfnissen zu gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Geschichte kann als Epitaph lebendiger Vergangenheit verstanden werden. So verstand sie Quatrem\u00e8re de Quincy. Sie kann aber auch als dynamischer, lebendiger Prozess verstanden werden, der wie Wellen an die Ufer der Gegenwart brandet. So verstand sie Gosse.<\/p>\n<div id=\"attachment_8255\" style=\"width: 543px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8255\" class=\" wp-image-8255\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/6cab922793dd7e4f5db0d10c9fc94baf.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"494\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/6cab922793dd7e4f5db0d10c9fc94baf.jpg 648w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/6cab922793dd7e4f5db0d10c9fc94baf-300x278.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><p id=\"caption-attachment-8255\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Shirley Hibberd, The Book of the Aquarium and Water Cabinet, 1956<\/p><\/div>\n<p>Es ist bezeichnend, dass Naturkunde im 19. Jahrhundert <i>Naturgeschichte <\/i>(<i>natural history<\/i>) genannt und dergestalt das lebendige, prozesshafte, evolution\u00e4re Element betont wurde. Man schrieb die Geschichte der Seeanemonen. Die Geschichte der Algen. Die Geschichte des Schwertfischs. Die \u00fcberkommenen, statischen Systeme der Klassifikation und der Repr\u00e4sentation verloren an Bedeutung. Wie Michel Foucault treffend formulierte, drang in dieser \u00dcbergangszeit eine \u201etiefe Historizit\u00e4t \u2026 in das Herz der Dinge\u201c.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Was lebt, was sich entwickelt, das hat Geschichte. Gosse wollte diese Geschichte im doppelten Wortsinn zur Geltung bringen: <i>Geschichte<\/i> verlangt nach pr\u00e4ziser Aufzeichnung, <i>Geschichten<\/i> verlangen nach Interpretation und Kontextualisierung. Linn\u00e9 war Letztere schuldig geblieben. Gosses popul\u00e4rwissenschaftliche Texte indes beinhalteten neben Auf- und Verzeichnung immer auch basale Naturphilosophie und Naturtheologie nebst eing\u00e4ngigen Prosa-Passagen, wie sich weiter unten, in der Tiefe dieses Textes, zeigen wird. Schmetterlingsk\u00e4sten mochten n\u00fctzlich sein, doch sie waren das symbolische Ger\u00e4t einer nekrotischen Epoche. Wer wirklich das <i>Leben als Leben<\/i> studieren wollte, beschaffte sich ein Vivarium.<\/p>\n<p>Mit seiner vitalistisch angehauchten Mentalit\u00e4t war Gosse trotz seiner scheuen, eigenbr\u00f6tlerischen Pers\u00f6nlichkeit \u2013 sein Sohn beschrieb ihn als \u201eeinen eigent\u00fcmlich isolierten Geist\u201c \u2013 ein typisches Kind des 19. Jahrhunderts, mithin des Zeitalters der Dynamik, der Beschleunigung, der Bewegung.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Ein hybrides Zeitalter auch, in dem Technikleidenschaft, Geschichtsbegeisterung, Fortschrittsglaube und S\u00e4kularisierung auf Musealisierung, wachsende Naturromantik und die Persistenz der Mythen des Altertums wie auch eines zunehmend ausdifferenzierten Christentums trafen. In den Gem\u00e4lden von Gosses Zeitgenossen Joseph Mallord William Turner wird diese Gemengelage anschaulich. Einerseits halten sich bei Turner hartn\u00e4ckig die kanonischen mythischen Figuren; biblische und solche der griechisch-r\u00f6mischen Antike. Andererseits l\u00f6sen sie sich buchst\u00e4blich im Wirbel der neuen, modernen Zeit auf, in <i>Rain, Steam and Speed <\/i>der <i>Great Western Railway <\/i>(1844)<i>.<\/i> Strukturell vergleichbar operierte Gosse an der Spitze wissenschaftlichen Fortschritts und bewohnte zugleich einen Seelenraum, der von mythischen Echos erf\u00fcllt war. Mit der Eisenbahn reiste er an die K\u00fcste, um eine stetig wachsende Zahl von Aquarien mit immer neuen Lebendf\u00e4ngen zu best\u00fccken. Im Geiste aber reiste er zu Gott, weit hinter die Zeit.<\/p>\n<div id=\"attachment_8246\" style=\"width: 593px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8246\" class=\" wp-image-8246\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/800px-Turner_-_Rain_Steam_and_Speed_-_National_Gallery_file.jpg\" alt=\"\" width=\"583\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/800px-Turner_-_Rain_Steam_and_Speed_-_National_Gallery_file.jpg 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/800px-Turner_-_Rain_Steam_and_Speed_-_National_Gallery_file-300x224.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/800px-Turner_-_Rain_Steam_and_Speed_-_National_Gallery_file-768x573.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 583px) 100vw, 583px\" \/><p id=\"caption-attachment-8246\" class=\"wp-caption-text\">William Turner: Rain, Steam and Speed \u2013 The Great Western Railway, 1844<\/p><\/div>\n<p>Dahingehend ist es richtig, was zwei weitere Zeitgenossen Gosses, Karl Marx und Friedrich Engels, in ihrem <i>Kommunistischen Manifest<\/i> \u00fcber die kapitalistische Moderne schrieben: \u201eAlle festen eingerosteten Verh\u00e4ltnisse mit ihrem Gefolge von altehrw\u00fcrdigen Vorstellungen und Anschauungen werden <i>aufgel\u00f6st <\/i>[Hervorhebung des Autors], alle neugebildeten veralten, ehe sie verkn\u00f6chern k\u00f6nnen.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Marx und Engels argumentierten nicht, dass das Alte einfach absterbe oder <i>ab<\/i>gel\u00f6st werde. Vielmehr, so die liquide Metapher, <i>l\u00f6se<\/i> es sich in seine Bestandteile <i>auf<\/i>. Diese Teile konnten von nun an fortw\u00e4hrend neue, ungeahnte Verbindungen eingehen \u2013 die Postmoderne beginnt paradoxerweise in der Moderne, im 19. Jahrhundert. Alte und neue Vorstellungen verfl\u00fcssigten sich, durchdrangen einander und zirkulierten im Aquarium der Moderne, wo \u201eeindeutige Zuordnungen hinf\u00e4llig werden und der Orientierungshorizont ins Schwanken ger\u00e4t\u201c.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Wo Orientierungshorizonte ins Schwanken geraten, da verhilft man ihnen mit Organisationen, Institutionen, Apparaturen, Klassifikationssystemen und ordnenden Diskursen zu neuer Stabilit\u00e4t. Die gef\u00fchlt uferlosen Mysterien der Meere verlangten nach Einhegung. Es war naheliegend, sie in die bereits bestehenden Systeme von Zoologie und Botanik sowie in die Infrastruktur ihrer G\u00e4rten einzugliedern. Doch erst in transparenten Quadern oder Zylindern wurde der erhabene Schauer der Ozeane f\u00fcr das b\u00fcrgerliche Kontemplations- und Bildungsbed\u00fcrfnis effektiv zurechtgestutzt.<\/p>\n<p>Auf den st\u00fcrmischen Meeren empfand sich der Mensch als dem\u00fctige Kreatur, verloren, geworfen, \u00fcberw\u00e4ltigt von einem \u201e<i>mysterium tremendum<\/i>\u201c.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Vor dem Aquarienfenster indes war er ganz souver\u00e4nes Subjekt \u2013 getrennt von der Natur, wie es sich f\u00fcr eine humanistische Epoche der Natur-Kultur-Dichotomie ziemte, und doch gestaltend und verwaltend, sehend und verstehend mit ihr verbunden. Dem Glasaquarium eignet in diesen Zusammenh\u00e4ngen <i>per se <\/i>ein analytischer Zug: Seine geordnete Klarheit und Transparenz suggeriert die Verf\u00fcgbarkeit, Erfassbarkeit und vielleicht auch das \u201eZuhandensein\u201c (Martin Heidegger) der betrachteten Ph\u00e4nomene, w\u00e4hrend es zugleich den Grundakt einer jeden Analyse oder Begriffsbildung, n\u00e4mlich die ein- und abgrenzende Rahmung, vollf\u00fchrt. Wie das mathematisch konstruierte Tafelgem\u00e4lde in der Renaissance als \u201eoffenes Fenster\u201c zur terrestrischen Welt verstanden und zum Paradigma einer s\u00e4kularen <i>Weltanschauung<\/i> wurde, so \u00f6ffnete sich das Aquarium als Bullauge zur maritimen Welt, durch die sich bald schon Kabelstr\u00e4nge ziehen und auf der bald schon \u00d6lplattformen treiben sollten.<\/p>\n<p>Durch die dem Aquarium eingeschriebene Privilegierung des traditionell als rational und distanziert geltenden Gesichtssinns \u2013 andere Haustiere lassen sich streicheln, kommunizieren durch Laute oder verstr\u00f6men ungleich intensivere Ger\u00fcche als Fische oder Muscheln \u2013 f\u00fcgte es sich, trotz des sich in ihm tummelnden Lebens, bestens in die an B\u00fcchern, Galerien und Museen geschulte \u00c4sthetik des B\u00fcrgertums. Man k\u00f6nnte sagen: Das Aquarium bot den perfekten Kompromiss zwischen <i>Bild<\/i> und <i>Welt<\/i> als <i>Bildwelt<\/i> und <i>Weltbild<\/i>. Erst hatte die Welt in Form von Globen und Atlanten Einzug in die Wohnzimmer des b\u00fcrgerlichen Subjekts erhalten. Nun zog die Realit\u00e4t selbst, in hom\u00f6opathischen, kontrollierten Dosen, nach. Doch Gosse weckte in seinen Zeitgenossen nicht nur die Sehnsucht nach kleinen Privatmeeren. Er war auch 1852 an der Gr\u00fcndung des ersten \u00f6ffentlichen Aquariums im <i>Fish House <\/i>des Londoner Zoologischen Gartens und damit indirekt an der Etablierung einer, frei nach Guy Debord, <i>zoologie du spectacle <\/i>beteiligt, die ihm selbst jedoch fremd bleiben sollte. Der damaligen Betreiberin des Tiergartens, Londons <i>Zoological Society<\/i>, diente Gosse als Berater und als zuverl\u00e4ssiger Lieferant von Lebendmaterial pflanzlicher wie tierischer Art. Auch f\u00fcr das Aquarium im 1851 anl\u00e4sslich der <i>Great Exhibition <\/i>er\u00f6ffneten <i>Crystal Palace<\/i> mit seiner epochemachenden, vom Gew\u00e4chshausarchitekten Joseph Paxton errichteten monumentalen Glas-Eisen-Konstruktion, beschaffte Gosse publikumswirksame Spezies.<\/p>\n<div id=\"attachment_8247\" style=\"width: 486px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8247\" class=\"size-full wp-image-8247\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Crystal_Palace.png\" alt=\"\" width=\"476\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Crystal_Palace.png 476w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Crystal_Palace-300x215.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 476px) 100vw, 476px\" \/><p id=\"caption-attachment-8247\" class=\"wp-caption-text\">Crystal Palace, 1951<\/p><\/div>\n<p>Es zeugt vom Sinn f\u00fcr Humor des Weltgeistes, dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts Glasgeh\u00e4use f\u00fcr Menschen und Dinge zeitgleich mit Glasgeh\u00e4usen f\u00fcr die Meeresfauna und -flora entstanden. Das auf den Konstruktionsprinzipien gotischer Kathedralen basierende und damit latent religi\u00f6se Industrie-Vivarium des <i>Crystal Palace <\/i>verwandelte die Besucher gleichsam in Zootiere, w\u00e4hrend im Aquarium, vor allem im Heimaquarium, die ehedem obskuren Meereswesen menschliche Z\u00fcge annahmen \u2013 die Anthropomorphisierung und Individualisierung von Clownfischen oder Krabben in den Kinohits <i>Arielle<\/i> (1989) und <i>Findet Nemo <\/i>(2003)<i> <\/i>l\u00e4sst sich als Sp\u00e4tfolge dieser Entwicklung deuten. Gosses Forschungen sind den Plots der Filme<i> <\/i>gewisserma\u00dfen unterger\u00fchrt. Schon eineinhalb Jahrhunderte vor <i>Arielle<\/i> und <i>Nemo <\/i>beschrieb er Meereswesen mit gro\u00dfer Hingabe in Worten, die bis anhin f\u00fcr Menschen oder allenfalls f\u00fcr Haus- und Nutztiere wie Hunde reserviert waren. Bis hinunter zu den kleinsten und unscheinbarsten m\u00fcsse man diese Wesen aufsp\u00fcren, \u201egenau beobachten\u201c, \u201eim Detail studieren\u201c und ihr \u201eVerhalten sorgf\u00e4ltig festhalten\u201c.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Der Gewinn, davon war Gosse \u00fcberzeugt, werde nicht nur ein naturwissenschaftlicher sein. Vielmehr werde die Forschenden unweigerlich die Erkenntnis ereilen, dass ein jedes dieser Wesen ein \u201eIndividuum\u201c <i>(individual)<\/i> sei \u2013 nicht nur \u00e4u\u00dferlich, sondern auch hinsichtlich seines \u201eGeistes\u201c.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Fasziniert notierte Gosse die \u201eIdiosynkrasien\u201c gerade auch der \u201eniederen Tiere\u201c. Sie erschienen ihm zwar nicht so stark ausgepr\u00e4gt wie jene hoch entwickelter Lebensformen, etwa des Menschen, aber doch in hinreichendem Ma\u00dfe vorhanden, um von einer \u201eIndividualit\u00e4t des Charakters\u201c sprechen zu k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Dieser Individualit\u00e4t angesichtig werden zu k\u00f6nnen setzte jedoch eines voraus: das Aquarium.<\/p>\n<div id=\"attachment_8249\" style=\"width: 415px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8249\" class=\" wp-image-8249\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Philip_Henry_Gosse_-_British_Sea-Anemone_and_Corals_Plate_V.jpg\" alt=\"\" width=\"405\" height=\"707\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Philip_Henry_Gosse_-_British_Sea-Anemone_and_Corals_Plate_V.jpg 440w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Philip_Henry_Gosse_-_British_Sea-Anemone_and_Corals_Plate_V-172x300.jpg 172w\" sizes=\"auto, (max-width: 405px) 100vw, 405px\" \/><p id=\"caption-attachment-8249\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, British Sea-Anemones and Corals, 1860.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">Im Glauben<\/p>\n<p>Die j\u00fcdisch-christliche Sch\u00f6pfungsgeschichte beinhaltet die nicht zuletzt f\u00fcr sp\u00e4tere Gro\u00dfkapitalisten, Zirkusdompteure, Landschaftsarchitekten und Biotechniker frohe Botschaft, der Mensch solle sich die Erde untertan machen und \u201e\u00fcber die Fische des Meeres, die V\u00f6gel des Himmels und \u00fcber alle Tiere, die sich auf dem Land regen\u201c herrschen (1. Buch Mose 1,28). So kam es zu dem eigenartigen Zustand, dass f\u00fcr Christen \u201eherrschen\u201c gleichbedeutend mit \u201edienen\u201c wurde: Weltherrschaft meint Gottesdienst. Ist es ein Zufall, dass die Fische dabei an erster Stelle erw\u00e4hnt werden?<\/p>\n<p>In der Aquaristik sah Gosse einen solchen Dienst an Gott. Je mehr Wissen man \u00fcber Sein Werk kumuliere, desto ernster nehme man Es. Und Wissen war immer auch: Offenbarung. Naheliegende Einw\u00e4nde r\u00e4umte er flugs beiseite. Wissenschaft sei nur dann ein Zeichen menschlicher Eitelkeit und Selbstherrlichkeit, wenn sie der Lobpreisung des Allm\u00e4chtigen entsage, wie es in der heidnischen Antike der Fall gewesen sei. Unter christlichen Auspizien hingegen sei sie legitim, gesetzt den Fall, sie wahre gewisse Grenzen: \u201e[Naturwissenschaft] versetzt uns in die Gegenwart Gottes oder besser gesagt: Sie vermittelt uns Kenntnis von Ihm und enth\u00fcllt uns einige seiner wichtigsten Attribute. Doch hier endet die Naturtheologie. Hinter dieser Schwelle kann sie uns keinen einzigen Schritt als F\u00fchrerin dienen. [\u2026] Denn nur das Blut Jesu \u00f6ffnet die Pforte zum Heiligsten.\u201c<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>Gosses Vision des Aquariums geht somit weit \u00fcber die heute g\u00e4ngigen Formen der Heim- und Zootierhaltung hinaus. Als k\u00fchnes Unwahrscheinlichkeitsgebilde \u00fcberf\u00fchrte das Aquarium die fremde Unterwasserwelt in die vertraute Welt der Menschen, es vers\u00f6hnte die antagonistischen Elemente, es vervollst\u00e4ndigte das Bild und das Verst\u00e4ndnis der Sch\u00f6pfung. So betrachtet, ist das Aquarium nicht nur ein analytisches, sondern auch ein kryptoapokalyptisches Ger\u00e4t, eine biedermeierlich getarnte Prolepse des Weltendes \u2013 und Gosse derjenige, der sich dazu berufen f\u00fchlte, das Buch des Meeres aufzutun und seine Siegel zu brechen (Offb 5,2).<\/p>\n<p>In den biblischen Texten zur Apokalypse verwandelt erst die Endzeit, die zeitlose Zeit nach der Zeit, das von Leid, K\u00e4mpfen, Widerspr\u00fcchen und Ungereimtheiten gekennzeichnete irdische Leben zu einem harmonischen Miteinander aller Kreaturen: \u201eDie W\u00f6lfe [werden] bei den L\u00e4mmern wohnen und die Parder bei den B\u00f6cken liegen\u201c (Jesaja 11,6). Das Aquarium wiederum machte es bereits vor der Wiederkehr des chronisch versp\u00e4teten Messias m\u00f6glich, dass die Menschen bei den Fischen liegen; dass sich beide Kreaturen dauerhaft einen gemeinsamen Raum teilen. Auch der damit einhergehende Wissenszuwachs l\u00e4sst sich im Resonanzraum des Apokalyptischen verorten, ist die urspr\u00fcngliche Wortbedeutung von \u201eApokalypse\u201c doch nicht etwa das heute mit ihr assoziierte Katastrophische und Vernichtende, sondern die \u201eEnth\u00fcllung\u201c, im Griechischen \u201e<i>apok\u00e1lypsis\u201c<\/i>. In die Bibel gelangte \u201eApokalypse\u201c als \u00dcbersetzung des hebr\u00e4ischen \u201e<i>gala<\/i><i><\/i>\u201c<i> <\/i>(\u201eaufdecken, entbl\u00f6\u00dfen (auch K\u00f6rperteile), \u00f6ffentlich machen, etwas klar machen\u201c)<i>.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> <\/i>Jacques Derrida verweist, in Anlehnung an Andr\u00e9 Chouraqui, auf die dem hebr\u00e4ischen Wortstamm innewohnende \u201eIdee von Entbl\u00f6\u00dfung, genau von apokalyptischer Enth\u00fcllung, von Entdeckung, die das sehen l\u00e4\u00dft, was bis dahin umh\u00fcllt, zur\u00fcckgezogen, zur\u00fcckbehalten blieb \u2026\u201c<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Es er\u00fcbrigt sich, die Analogie zum Aquarium ausf\u00fchrlich zu er\u00f6rtern, deutete Gosse doch schon im Untertitel seines Bestsellers<i> <\/i>an, wohin die Reise gehen sollte: <i>An Unveiling of the Wonders<\/i> \u2013 \u201eeine Enth\u00fcllung der Wunder\u201c, gleichsam eine Wunder-<i>Gala&#8216;<\/i>. Kurz gesagt, konzipierte Gosse das Aquarium als Offenbarungskompass f\u00fcr, wie die Kulturwissenschaftlerin Natascha Adamowsky einmal schrieb, die \u201eSuche nach den Urgestalten, die das Geheimnis des Lebens enthielten, nach dem Bild eines uranf\u00e4nglichen Meeres, in welchem die Erstgeborenen der Sch\u00f6pfung wandelten\u201c;<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> als einen meta-physischen Fernseher, der vormals weit Entferntes in die N\u00e4he r\u00fcckte; als gottgef\u00e4llige Peepshow mit mineralisch-animalisch-vegetabilen Darstellern.<\/p>\n<p>Wozu auf den Meeresgrund tauchen, wenn man dem Meer an Land auf den Grund gehen kann? Beim Gebet verl\u00e4sst der Betende ja auch nicht seinen Platz und ist doch mit \u00fcberweltlichen Sph\u00e4ren verbunden. In der fernen Meeresfauna erkannte Gosse eine innerweltliche Analogie zu diesen Sph\u00e4ren: \u201eIch frage mich, ob andere dasselbe Gef\u00fchl haben, das mich stets begleitet; eine Veranlagung zu denken, dass das weit Entfernte besser sein m\u00fcsse als das Nahe.\u201c<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Eine Katze? Ein Hund? Ein Meerschweinchen? Nicht gerade transzendenztr\u00e4chtige Wesen. Geheimnisvolle Seeanemonen, Seesterne oder Tintenfische jedoch, ganz zu schweigen von geisterhaft schwebenden Quallen, sind der gewohnten Umgebung entr\u00fcckt und kommen dem Geheimnis der Transzendenz so nahe wie im Diesseits nur irgend m\u00f6glich. And\u00e4chtig und ehrf\u00fcrchtig, aber auch neugierig und wissenshungrig konnten Aquarianer nun auf dem Trockenen, in der guten viktorianischen Stube, Gottes nie versiegende kreative Ader kontemplieren \u2013 etwa am Beispiel der Haarigen Porzellankrabbe (<i>porcellana platycheles<\/i>).<\/p>\n<p>Gosse hielt sich einige dieser kleinen, flachen, unter Steinen und in Ritzen hausenden Tiere in seinem Heimaquarium und beschrieb sie in <i>Wonders <\/i>als fein behaarte Zwitterwesen aus Krebs und Hummer. Ihre Nahrung, so Gosse, erhalte die Krabbe wie jene \u201eHausfrauen Londons, die nicht auf den Markt gehen, sondern sich ihr Brot und Fleisch und Lebensmittel nach Hause bringen lassen\u201c.<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> Durch die Aquarienscheiben beobachtete er, dass die Tiere mit Hilfe eines ausgekl\u00fcgelten, netzartigen Systems von Borsten das Wasser nach Nahrung durchsiebten, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Die Borsten konnten dabei sowohl f\u00fcr die Zuf\u00fchrung essbarer wie auch zur Absto\u00dfung nicht essbarer Partikel genutzt werden.<\/p>\n<p>Weniger esoterisch gestimmte Zeitgenossen als Gosse h\u00e4tten das wohl in aller N\u00fcchternheit notiert. Gosse hingegen, durch eine Lupe auf die Krabben blickend wie Gott in die Seele der Menschen, f\u00fchlte sich nicht nur an Londoner Hausfrauen, sondern auch an <i>Matth\u00e4us 13<\/i>, <i>47\u201348<\/i> erinnert: \u201eAbermals ist das Himmelsreich gleich einem Netze, das ins Meer geworfen ist, womit man allerlei Gattung f\u00e4ngt. Wenn es aber voll ist, so ziehen sie es heraus an das Ufer, sitzen und lesen die guten in ein Gef\u00e4\u00df zusammen; aber die faulen werfen sie weg.\u201c<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Der Porzellankrabbe gleich fische die christliche Kirche zun\u00e4chst wahllos nach Seelen und ziehe sie in ihrem Netz an Land, in den seligen Hafen des Glaubens. Am Ende der Zeiten jedoch, beim J\u00fcngsten Gericht, sei nicht allen Seelen der Zutritt in das Himmelsreich gestattet. Die Schlechten, deren Bekenntnis zu Christus nicht aufrichtig sei, w\u00fcrden abgesto\u00dfen wie die unbrauchbaren Partikel von der Porzellankrabbe.<\/p>\n<div id=\"attachment_8251\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8251\" class=\"size-full wp-image-8251\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/tumblr_inline_oktd8yBIYM1tz4ngr_500.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"593\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/tumblr_inline_oktd8yBIYM1tz4ngr_500.jpg 500w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/tumblr_inline_oktd8yBIYM1tz4ngr_500-253x300.jpg 253w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><p id=\"caption-attachment-8251\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, From A Handbook to the Marine Aquarium, 1856.<\/p><\/div>\n<p>Eine weitere Analogie zur Heiligen Schrift dr\u00e4ngte sich Gosse beim Studium der Koralle <i>Eschara foliacea<\/i> (heute: <i>Flustra foliacea)<\/i> auf.<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Er stellte fest, dass in deren wabenartigen Strukturen winzige Polypen hausen, pro Quadratzoll ganze 5.760 Exemplare. Eine durchschnittlich gro\u00dfe Koralle, extrapolierte er, verf\u00fcge \u00fcber etwa 576.000 Bewohner \u2013 und k\u00f6nne also mit Wien, Paris, vielleicht sogar mit London mithalten.<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a> Was rein numerisch eine Analogie zur irdisch-terrestrischen Welt ergab, deutete er auf der spirituellen Ebene als Analogie zum \u201eNeuen Jerusalem\u201c aus der <i>Offenbarung<\/i>. Dort<i> <\/i>l\u00e4sst Johannes seine endzeitliche Paradiesstadt mit Mauern aus Jaspis, Geb\u00e4uden aus reinem Gold und Toren aus Perlen erstrahlen (Offb 21,18a\u201321). Nach Ablauf des tausendj\u00e4hrigen Reiches erhalten diejenigen Menschen das B\u00fcrgerrecht, \u201edie geschrieben stehen im Lebensbuch des Lammes\u201c (Offb 21,27), sprich, die Gl\u00e4ubigen und Gerechten. In ewiger Harmonie genie\u00dfen sie die Herrlichkeit des ebenfalls dort ans\u00e4ssigen Gottes. Getreu seinem Glauben, dass sich das G\u00f6ttliche im Naturdetail spiegele, attestierte Gosse den Polypen, \u201eSternenkronen\u201c zu tragen \u2013 in der <i>Offenbarung <\/i>tr\u00e4gt Maria eine solche (Offb 12,1) \u2013 und ein \u201eharmonisches\u201c Gemeinwesen von \u201ekristalliner Klarheit\u201c zu errichten. Dieses wirke oft wie mit \u201eEdelsteinen verziert\u201c, seine Zellen seien mit \u201ePerlent\u00fcren\u201c verschlossen: \u201eIch kann nicht umhin, dabei an die himmlische Stadt, an das Jerusalem \u00fcber uns zu denken.\u201c<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a><\/p>\n<p>Dass Gosse gerade Johannes\u2019 spektakul\u00e4re Armaggedopolis als Modell f\u00fcr die Polypenkolonien auff\u00fchrt, mag aber noch einen anderen Grund haben. Zum einen macht Johannes in der <i>Offenbarung <\/i>reichlich Gebrauch von Wassermetaphern und -vergleichen: \u201eUnd wen d\u00fcrstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst\u201c (Offb 22,17). An anderer Stelle erklingt Jesu\u2019 Stimme in seinen Ohren \u201ewie gro\u00dfes Wasserrauschen\u201c (Offb 1,15). Zum anderen zeichnet sich die nur aus den erlesensten Juweliersortimenten best\u00fcckte Himmelsstadt durch die exzessive Verwendung eines speziellen, ja paradoxen Baustoffes aus: durchsichtiges Gold. Mehr noch, es ist \u201egleich reinem Glas\u201c (Offb 21,18a) oder \u201ewie durchscheinendes Glas\u201c (Offb 21,21). Die Seligen, welche ihre himmlischen Lofts mit ewiger Mietpreisgarantie beziehen, leben somit wie Aquarienfische in transparenten Geh\u00e4usen und laben sich an k\u00f6stlichen, durch g\u00f6ttliche Filter gereinigten Wassern. Der Begriff \u201egl\u00e4serner B\u00fcrger\u201c darf sich fortan eines gewissen transzendenten Beiklangs erfreuen.<\/p>\n<p>Dass ein Pietist wie Gosse, der selbst bei den <i>Plymouth Brethren <\/i>zu predigen pflegte, eine so fantasievolle, affektu\u00f6s-\u00e4sthetische Glaubensauslegung und eine so poetisch-theatralische Sprache pflegte, mag auf den ersten Blick \u00fcberraschen, gelten Pietisten doch als verh\u00e4rmte, verbissene, spr\u00f6de und triste Gestalten. So l\u00e4sst etwa Ludwig Tieck in seiner Novelle <i>Die Gem\u00e4lde <\/i>einen Pietisten auftreten, der die Sprache purifizieren m\u00f6chte: \u201eWenn der Mensch nur einen Gegenstand mit dem andern vergleicht, so l\u00fcgt er schon. ,Das Morgenrot streut Rosen.\u2018 Gibt es etwas D\u00fcmmeres? ,Die Sonne taucht sich in das Meer.\u2018 Fratzen! ,Der Wein gl\u00fcht purpurn.\u2018 Narrenspossen! ,Der Morgen erwacht.\u2018 Es gibt keinen Morgen; wie kann er schlafen? Es ist ja nichts, [sic] als die Stunde, wenn die Sonne aufgeht. Verflucht! Die Sonne geht ja nicht auf; auch das ist ja schon Unsinn und Poesie. O d\u00fcrft ich nur einmal \u00fcber die Sprache her, und sie so recht s\u00e4ubern und ausfegen!\u201c<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a><\/p>\n<p>Die Sprache Gosses ist das genaue Gegenteil einer solch rigiden, positivistischen S\u00e4uberungsrhetorik und wirft ein Schlaglicht auf das sprachliche Erbe des Pietismus, dessen strenge Lebensf\u00fchrung einen Ausgleich durch gef\u00fchlvolle Texte in der Tradition des Hohelieds erfuhr. Im Deutschland des 18. Jahrhunderts pr\u00e4gte der Pietist Friedrich Gottlieb Klopstock (1724\u20131803) die literarische Str\u00f6mung der Empfindsamkeit, in England waren zur selben Zeit <i>sentimental novels <\/i>sehr beliebt. Zumindest mit Blick auf diese Genres erweist es sich, dass eine harte Trennung von Protestantismus und Pietismus einerseits, Katholizismus andererseits nicht haltbar ist. Stand Gosse dem Katholizismus auch zeitlebens feindlich gegen\u00fcber, so durchziehen doch gewisse katholische, ja jesuitische Untert\u00f6ne seine Texte wie auch die pietistische Poesie und Prosa als solche.<\/p>\n<p>Als Avantgarde der Gegenreformation waren die 1534 gegr\u00fcndeten Jesuiten \u00fcberzeugt, dass das G\u00f6ttliche durch alle Dinge wirke und in allen Dingen erkennbar sei. Deshalb entfalteten sie in ihren Sakralbauten eine f\u00fcr heutige Augen \u00fcberdreht anmutende Pracht: Sinnlicher Affekt sollte der Transzendenz den Weg bereiten. Die Ordensbr\u00fcder wussten dabei nur zu gut, dass wer ein breites Publikum erreichen m\u00f6chte, nicht auf allzu subtile Codes setzen sollte. Folglich wurde der von Cicero und Quintillian vorgepr\u00e4gte Satz \u201ewas nicht von Hertzen k\u00f6mmt \/ das geht auch nicht wieder zu Hertzen\u201c, so der Kunsthistoriker Joseph Imorde, f\u00fcr \u201edie christliche Kanzelrede und die Kunst der Gegenreformation zur Grundlage allen gerechtfertigten Tuns\u201c.<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a><\/p>\n<p>Der belesene und selbst Gedichte verfassende Gosse pflegte eine Rhetorik, die in ihrem M\u00e4andern zwischen wissenschaftlicher Exaktheit und poetisch-religi\u00f6sem \u00dcberschwang zum einen dem jesuitischen Grundsatz entsprach, \u201esowohl der Menge zu predigen als auch die Elite \u2026 f\u00fcr sich einzunehmen\u201c,<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a> (Christoph Schmidt) und zum anderen, wie es in Gosses <i>Wonders <\/i>hei\u00dft, die sinnlich wahrnehmbaren Gebilde der Natur als Schnittstellen zum \u00dcbersinnlichen interpretierte.<a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a> Nur vermittelt durch die diaphane Struktur der materiellen Welt, so glaubte er, k\u00f6nnten sich die himmlischen Ideen uns materiellen Wesen mitteilen. Im Gegensatz zu den Jesuiten verstieg er sich jedoch nicht zur barocken Ekstase in der <i>Gestaltung <\/i>\u2013 f\u00fcr Architektur hatte Gosse weder Sinn noch Interesse \u00fcbrig \u2013, sondern erblickte, nicht zuletzt dank eher prosaischer technologischer Errungenschaften wie dem Mikroskop, gewisserma\u00dfen die Pr\u00e4existenz des Barock in den gestalterischen <i>ready-mades<\/i> der Natur. Das Neue Jerusalem als barocke Polypenkolonie, offenbart in der Diaphanie eines Aquariums \u2013 so weit war nicht einmal der gro\u00dfe Querdenker und Fr\u00fchexistentialist S\u00f8ren Kierkegaard gegangen.<\/p>\n<p>Zwar war Gosse ein Mann \u00fcberaus gefestigten Glaubens und vor allem in sp\u00e4ten Jahren jeglichem religi\u00f6sem Zweifel abhold. Als Wissenschaftler war ihm \u00fcberdies das Evidenzprinzip bestens vertraut. Religi\u00f6se Offenbarung und wissenschaftliche Evidenz bildeten in seinem Leben die zwei Seiten einer idealistisch-positivistischen Medaille. Gleichwohl besteht dahingehend eine N\u00e4he zum zeitgleich den Zweifel kultivierenden Kierkegaard, dass Letzterer das Wundersame gerade im Allt\u00e4glichen und Unscheinbaren entdeckte: \u201eImmer wenn es sich um etwas v\u00f6llig Banales und Offensichtliches handelt, behauptet Kierkegaard, dass sich dahinter das radikal Andere verberge, und fordert zu einem Sprung des Glaubens hinter die Oberfl\u00e4che der Dinge auf.\u201c<a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a> Ein Sprung also: In einem Becken voll schillernder Messiasmollusken, Prophetenquallen und Erl\u00f6serfische ist Jesus, mit Verlaub, eine unscheinbare Elritze \u2013 kein erlauchter Prinz wie Buddha, kein Multiwesen mit neun Avataren wie Vishnu, kein Herkules mit Superkr\u00e4ften, kein Donnergott mit einem ehrfurchtgebietenden Arsenal an <i>special effects<\/i>, musste sich der keiner geregelten Erwerbst\u00e4tigkeit nachgehende Wanderprediger mit einer kurzen T\u00e4tigkeitsdauer, eher bescheidenen, alles in allem gew\u00f6hnlichen Wunderkr\u00e4ften und einem \u00fcberschaubaren \u0152uvre begn\u00fcgen. Doch genau diese Absenz des Au\u00dfergew\u00f6hnlichen lie\u00df Ihn in Kierkegaards Augen so au\u00dfergew\u00f6hnlich erscheinen. Gosse wiederum stellte sein Leben als gottsuchender Wissenschaftler in den Dienst der Aufgabe, den heiligen Mysterien in den \u201eniedersten Lebensformen\u201c<a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a> und Dingen nachzusp\u00fcren: \u201eEs ist wahr, dass wir bislang nur gelegentlich einen Blick auf diese Offenbarungen erhaschen: Nur dann und wann verwandelt sich ein gew\u00f6hnliches Ding in ein Bild von etwas h\u00f6herem \u2013 eine in Aufl\u00f6sung begriffene Ansicht, deren Charakteristika sich unter unserem Blick in eine Form h\u00f6herer Sch\u00f6nheit und tieferen Interesses verwandeln, eine Transparenz in allen Details, zum Leuchten gebracht von einem dahinter liegenden Glanz.\u201c <a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_8250\" style=\"width: 705px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8250\" class=\"size-large wp-image-8250\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/4f90440a1e8d49052d2046c04d7544cd-853x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"834\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/4f90440a1e8d49052d2046c04d7544cd-853x1024.jpg 853w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/4f90440a1e8d49052d2046c04d7544cd-250x300.jpg 250w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/4f90440a1e8d49052d2046c04d7544cd-768x922.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/4f90440a1e8d49052d2046c04d7544cd.jpg 1004w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><p id=\"caption-attachment-8250\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, From A Handbook to the Marine Aquarium, 1856.<\/p><\/div>\n<p>Die Aquaristik, wie Gosse sie entwickelte, mag sich aus heutiger Sicht, zumindest in Teilen, bizarr, esoterisch, idiosynkratisch und folglich unwissenschaftlich ausnehmen. Andererseits begegnet man in seinen Schriften einem naturwissenschaftlichen Denken, das noch nicht von sinnstiftenden Mythen, existenziellen Fragen und konkreten Lebensstilen abgekoppelt ist. In dieser Hinsicht hat Gosse einige Relevanz f\u00fcr die j\u00fcngsten modernekritischen Str\u00f6mungen der Wissenschaftstheorie: Der Mitbegr\u00fcnder der modernen Naturgeschichte, bei dem sich sogar Charles Darwin Rat holte, war selbst nie modern gewesen, insofern man \u201emodern\u201c mit Attributen wie \u201eausdifferenziert\u201c, \u201esystematisch\u201c, \u201en\u00fcchtern\u201c und \u201eprofan\u201c assoziiert. Gosses Aquarium war ein <i>Sammelbecken<\/i> im direkten wie indirekten Wortsinn. Nicht nur Tiere, sondern auch Bedeutung; nicht nur Pflanzen, sondern auch Sinn; nicht nur Steine, sondern auch Geschichte zeigten sich hinter dem Glas, auf dem die Forschenden immer auch ihr eigenes Spiegelbild gewahrten. Damit waren Unbestimmtheit, Ungewissheit und Mehrdeutigkeit unvermeidlich f\u00fcr die Naturkunde \u2013 eine Ansicht, die Gosse mit Darwin teilte, wenngleich er dies durch seinen fundamentalistischen Glauben kompensierte.<a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a><\/p>\n<p>Die Anf\u00e4nge des Aquariums stehen folglich im Zeichen des Hybriden, das im 21. Jahrhundert aktueller ist denn je. So argumentieren Bruno Latour und weitere Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie, dass das modernistische Schubladendenken zwar seinen eigenen methodischen Pr\u00e4missen, nicht jedoch der Welt, die es zu verstehen vorgab, gerecht werde. Objekte etwa, schreibt Latour, seien \u201eimmer schon Projekte gewesen; Tatsachen immer schon uns angehende Sachen\u201c.<a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\">[38]<\/a> Latour sieht die Welt als ein gro\u00dfes Netzwerk, als ein <i>Kollektiv<\/i> von Menschen und nichtmenschlichen Wesen. Entsprechend wehrt er sich gegen die artifizielle Zersplitterung der Wissenschaften: \u201eUnser intellektuelles Leben ist entschieden schlecht eingerichtet. Epistemologie, Sozialwissenschaften und Semiotik haben jede ihre St\u00e4rke, doch nur unter der Bedingung, da\u00df sie voneinander getrennt bleiben. [\u2026] Sobald ein feines Weberschiffchen Himmel, Industrie, Texte, Seelen und moralisches Gesetz miteinander verwebt, wird es unheimlich, unvorstellbar, unstatthaft.\u201c<a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a> Gosses Aquaristik ist unstatthaft in genau diesem Sinne: Er verwebte, was zu verweben sich aus modernistischer Sicht nicht schickt. Genauer gesagt: Er <i>vermengte<\/i> es im Aquarium.<\/p>\n<p>Diese unstatthafte Hybridisierung kn\u00fcpft wiederum an das apokalyptische Erbe an, das Gosse seinem Aquarium in die Wiege legte. F\u00fcr Derrida stellt die der Apokalyptik seit jeher angelastete Esoterik und Wirrnis, die \u201eVermischung der Stimmen, Gattungen und Codes\u201c eine \u201eHerausforderung f\u00fcr die etablierte Ordnung der Botschaften und f\u00fcr die Polizei der Bestimmung\u201c dar.<a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a> Die Apokalypse sei dahingehend alles andere als reaktion\u00e4r und konservativ, dass sie ein Mittel zur T\u00e4uschung der Zensur darstelle und in ihren Chiffrierungen oder Maskierungen die transzendentale Struktur von Sprache als solcher aufscheinen lasse: \u201eVon dem Augenblick an, wo man nicht mehr wei\u00df, wer spricht oder wer schreibt, wird der Text apokalyptisch. Und wenn die Sendungen immerzu auf andere Sendungen ohne entscheidbare Bestimmung verweisen, ist diese \u2026 Struktur \u2026 nicht auch die eines jeden Schauplatzes der Schrift im allgemeinen?\u201c<a href=\"#_ftn41\" name=\"_ftnref41\">[41]<\/a> Zwar schrieb Gosse nicht unter den Bedingungen der Zensur und sicherlich war er in Anbetracht seines ehernen christlichen Glaubens kein Wegbereiter von postmoderner Dekonstruktion und <i>diff\u00e9rance<\/i>. Doch der intime Kenner der kanonisierten wie auch apokryphen apokalyptischen Schriften war durchaus ein Nonkonformist und verschr\u00e4nkte Religion und Wissenschaft, \u00c4sthetik und Analyse, Werk und Leben auf eine Weise, dass einseitige Lekt\u00fcren und einseitige Vereinnahmungen schwerfallen. Und das mag nicht postmodern gemeint gewesen sein \u2013 postmoderne Ankl\u00e4nge hat es aus heutiger Sicht allemal.<\/p>\n<p>Wirkungsgeschichtlich betrachtet, trug Gosse durch seinen unb\u00e4ndigen Wissenshunger jedoch weniger zu einer experimentellen, proto-postmodernen Mentalit\u00e4t als zur Konsolidierung der \u201eZeit des Weltbildes\u201c bei. Mit diesem Begriff kritisierte Martin Heidegger, dass in der \u2013 seiner Ansicht nach \u2013 seinsvergessenen, entzauberten Moderne die Welt ganz w\u00f6rtlich als Bild aufgefasst werde: \u201e,Im Bilde sein\u2018, darin schwingt mit: das Bescheid-Wissen, das Ger\u00fcstetsein und sich darauf Einrichten. Wo die Welt zum Bilde wird, ist das Seiende im Ganzen angesetzt als jenes, worauf der Mensch sich einrichtet, was er deshalb entsprechend vor sich bringen und vor sich haben und somit in einem entschiedenen Sinne vor sich stellen will.\u201c<a href=\"#_ftn42\" name=\"_ftnref42\">[42]<\/a> Auf die \u201eEnth\u00fcllung\u201c des Meereslebens bezogen bedeutet das: Mit der Vorstellung davon, was unter der Wasseroberfl\u00e4che existieren mag, gibt sich der neuzeitliche Mensch nicht mehr zufrieden. Er will \u201eBescheid wissen\u201c, er will sich \u201edarauf einrichten\u201c und muss es daf\u00fcr bildhaft \u201evor sich stellen\u201c. Von der Vorstellung im Sinne von \u201eImagination\u201c geht es hin zum buchst\u00e4blichen Vor-sich-Haben \u2013 etwa in Form von Aquarien. Dergestalt wird das ehemals Nicht-Sichtbare sichtbar, wird das ehemals Verh\u00fcllte auf kryptoapokalyptische Weise enth\u00fcllt. Vom Vorstellen zum Herstellen, vom Fang zur Z\u00fcchtung ist f\u00fcr Heidegger dann nur ein kleiner Schritt: \u201eDer Grundvorgang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild. Das Wort Bild bedeutet jetzt: das Gebild des vorstellenden Herstellens\u201c und schlussendlich \u201edie uneingeschr\u00e4nkte Gewalt der Berechnung, der Planung und der Z\u00fcchtung aller Dinge\u201c.<a href=\"#_ftn43\" name=\"_ftnref43\">[43]<\/a><\/p>\n<p>Dass die gottesf\u00fcrchtige Erforschung der Sch\u00f6pfung den Grundstein f\u00fcr die Neusch\u00f6pfung der Sch\u00f6pfung im 20. und 21. Jahrhundert legen sollte, h\u00e4tte Gosse, f\u00fcr den alleine schon die Evolutionstheorie Darwins ein Schock war, schwer getroffen. W\u00e4hrend Darwin seine Texte \u00fcber die nat\u00fcrliche Evolution zu Papier brachte, hatte l\u00e4ngst das begonnen, was Paul Crutzen und Eugene F. Stoermer im 21. Jahrhundert \u201eAnthropoz\u00e4n\u201c taufen sollten: die menschgemachte Evolution. Ein Zeugnis dieser Evolution ist das Aquarium. Seine im Ph\u00e4notyp nicht unmittelbar ersichtlichen Erbfaktoren bildet die f\u00fcr Gosses Leben ma\u00dfgebliche Trias Kunst, Religion und Wissenschaft.<\/p>\n<p>Auch das dem Aquarium eingepreiste Moment von Herrschaft und Kontrolle sollte k\u00fcnftig anders interpretiert werden, als Gosse es sich im Geiste des <i>1. Buch Mose<\/i> vorgestellt haben mochte. Ein pr\u00e4gnantes Beispiel daf\u00fcr bietet eine kurze, aber vielsagende Szene aus Alexander Kluges Film <i>Der starke Ferdinand <\/i>(1976). Ferdinand, der \u00fcbereifrige, chronisch unterforderte Sicherheitschef eines Konzerns, stellt in seinem B\u00fcro ein Aquarium auf, das eine Miniaturversion des Konzerngeb\u00e4udes enth\u00e4lt. Die symbolische Kontrolle und Herrschaft, die er dergestalt aus\u00fcbt, m\u00fcndet am Ende in handfeste Paranoia und Gewalt. In Ferdinand steckt die stereotype Figur des Aquarianers als biederer M\u00f6chtegerngott \u2013 wie der Weltensch\u00f6pfer \u00fcber dem von ihm selbst geformten Erdball thront, so beugt sich der Aquarianer \u00fcber sein kleines Reich, in welchem er beliebig schalten und walten kann.<\/p>\n<p>Wie Bernd Brunner bedauernd feststellt, entwickelte sich denn auch die Aquarienindustrie im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Bedrohung f\u00fcr genau jene Umwelt, welche sie zu feiern vorgab: \u201eAn den K\u00fcstenabschnitten, die Philip Henry Gosse in seinen B\u00fcchern beschreibt, f\u00fchrte die Jagd nach Pflanzen und Tieren zu einem regelrechten Raubbau.\u201c<a href=\"#_ftn44\" name=\"_ftnref44\">[44]<\/a> Heute verursacht vor allem der Handel mit tropischen Fischen, wirbellosen Tieren und Korallen immense Sch\u00e4den an der Natur. Und auch Gosse pers\u00f6nlich nahm beim Fang, beim Transport und bei der Haltung von Meereslebewesen unz\u00e4hlige Kollateralsch\u00e4den in Kauf. Man k\u00f6nnte sagen: Wasserleichen pflasterten seinen Weg. Am 11. Juni 1877 vermerkte er in seinem Tagebuch \u00fcber einen Hummer aus seinem Privataquarium: \u201eEr ist nun ziemlich frech und ungest\u00fcm, ein rechter Hahn im Korb; mitunter richtet er mir einigen Schaden an, wenn er einen seiner Mitgefangenen t\u00f6tet und auf ihm herumkaut; aber das nehme ich in Kauf, denn er ist eine wahre Sch\u00f6nheit.\u201c<a href=\"#_ftn45\" name=\"_ftnref45\">[45]<\/a> Einem Schiffshalter <i>(Echeneidae) <\/i>der Gattung Remora<i> <\/i>s\u00e4belte er auf der Schifffahrt von New York City nach Mobile Point das Saugorgan ab \u201eum es zu konservieren\u201c.<a href=\"#_ftn46\" name=\"_ftnref46\">[46]<\/a> Auch das Schmetterlingeaufspie\u00dfen betrieb er, der er seine Forscherkarriere als Insektenkundler auf Neufundland begonnen hatte, mit dem ihm eigenen missionarischen Eifer. In Alabama, wo er 1838 als Lehrer arbeitete, schoss und konservierte er V\u00f6gel f\u00fcr seine Sammlung. Und immer so weiter.<\/p>\n<div id=\"attachment_8253\" style=\"width: 613px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8253\" class=\" wp-image-8253\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20207953250-1024x760.jpg\" alt=\"\" width=\"603\" height=\"448\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20207953250-1024x760.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20207953250-300x223.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20207953250-768x570.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20207953250.jpg 1599w\" sizes=\"auto, (max-width: 603px) 100vw, 603px\" \/><p id=\"caption-attachment-8253\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Shirley Hibberd, The Book of the Aquarium and Water Cabinet, 1956<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">Im Bild<\/p>\n<p>Gosses frommem Jagdeifer wohnt eine doppelte Tragik inne, lie\u00dfe sich doch, aus heutiger Sicht, seine \u00e4sthetische Mentalit\u00e4t und k\u00fcnstlerisch-poetische Sensibilit\u00e4t als m\u00f6glicher Ausweg aus dem \u00f6kologischen Dilemma der Moderne deuten. So argumentiert Hartmut B\u00f6hme in seinen <i>Aussichten einer \u00c4sthetischen Theorie der Natur<\/i>, die bisherigen Appelle an das \u00f6kologische Gewissen der Menschen h\u00e4tten versagt, weil sie von einem instrumentell-technischen oder aber romantisch-naiven Verst\u00e4ndnis der Natur gepr\u00e4gt seien. Solange der Mensch die Natur als <i>Objekt<\/i> verstehe und seine eigene leibliche Teilhabe an ihr, der als <i>physis <\/i>gegebenen wie der technisch modifizierten Natur, ausblende, k\u00f6nne kein Antidot zum Raubbau gefunden werden: Natur bleibe Ressource oder Zerrbild. Die Sicht auf die Natur als n\u00fctzliches und nur deshalb sch\u00fctzenswertes Objekt-f\u00fcr-das-Subjekt verkenne, dass die Naturdinge \u00fcber <i>Charaktere<\/i> und nonverbale <i>Sprachen<\/i> verf\u00fcgten, dass die Natur <i>von sich aus<\/i> an die Wahrnehmung und damit an die \u00c4sthetik als sinnliche Erkenntnis appelliere, dass wiederum in der Wahrnehmung Wahrgenommenes und Wahrnehmendes unaufl\u00f6slich ineinander verschr\u00e4nkt seien. Dies zu <i>wissen<\/i> gen\u00fcge nicht. Moralische Kanzelreden h\u00e4tten sich gleichfalls als wirkungslos erwiesen. Es m\u00fcsse <i>gesp\u00fcrt<\/i> und <i>erfahren<\/i> werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr B\u00f6hme ist \u00c4sthetik somit kein <i>nice to have<\/i>, sondern Bedingung der M\u00f6glichkeit gelingender Naturethik: \u201eDie Grundabsicht einer solchen \u00c4sthetik ist, auf diesem Weg zu einer Achtung und Schonung der Natur zu gelangen \u2026 [\u2026] Eine \u00c4sthetik der Natur wird \u2026 dieselben Ziele, die in der Ethik der Natur projektiert werden, einzul\u00f6sen versuchen durch sinnliche Erfahrungen und leibliches Sp\u00fcren, von denen aus auch die praktische Gestaltung der Natur entwickelt wird.\u201c<a href=\"#_ftn47\" name=\"_ftnref47\">[47]<\/a> Auch Michael Marder spricht sich f\u00fcr die \u00e4sthetische Alternative aus. In seiner <i>Philosophy of Vegetal Life <\/i>erw\u00e4hnt er die \u201e\u00e4sthetische Haltung\u201c als einen vielversprechenden Weg f\u00fcr eine \u201egewaltfreie Ann\u00e4herung an Pflanzen\u201c und als Gegenpol zu Haltungen, die Pflanzen f\u00fcr praktische Zwecke instrumentalisieren oder sie, wie Carl von Linn\u00e9, in abstrakten nominalistischen Systemen ihrer \u201eEinzigartigkeit\u201c berauben.<a href=\"#_ftn48\" name=\"_ftnref48\">[48]<\/a><\/p>\n<p>Wenn Marder am Beispiel der Sonnenblume kritisiert, Linn\u00e9 habe diese in ein \u201etotes, wenngleich hochgradig differenziertes System\u201c eingepfercht und dabei ihre \u201eEinzigartigkeit\u201c preisgegeben, so w\u00e4hlt er fast dieselben Worte wie der Nekrologie-Kritiker Gosse.<a href=\"#_ftn49\" name=\"_ftnref49\">[49]<\/a> Und wenn B\u00f6hme in den Naturdingen \u201eCharaktere\u201c erkennt, so hat er einen Vorl\u00e4ufer in Gosse, der Tieren individuelle Charakterz\u00fcge attestierte und davon sprach, ihre \u201ePortr\u00e4ts\u201c<a href=\"#_ftn50\" name=\"_ftnref50\">[50]<\/a> oder \u201eBiografien\u201c<a href=\"#_ftn51\" name=\"_ftnref51\">[51]<\/a> zu erstellen. Die Naturgeschichte sollte zur Zoologie werden, zu einer Wissenschaft lebendiger Kreaturen \u201edie von ihren Taten und ihren Reden erz\u00e4hlt, von ihren vielf\u00e4ltigen Aufzeichnungen und \u00c4u\u00dferungen, Liedern und Rufen; ihren Handlungen, ob zwanglos oder unter dem Druck der Umst\u00e4nde; ihrer Liebe und ihren Leidenschaften, sowohl untereinander als auch f\u00fcr andere Tiere und Menschen \u2026&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_8254\" style=\"width: 604px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8254\" class=\"size-large wp-image-8254\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20402153311-594x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"594\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20402153311-594x1024.jpg 594w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20402153311-174x300.jpg 174w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/The_book_of_the_aquarium_and_water_cabinet_or_Practical_instructions_on_the_formation_stocking_and_management_in_all_seasons_of_collections_of_fresh_water_and_marine_life_1856_20402153311.jpg 694w\" sizes=\"auto, (max-width: 594px) 100vw, 594px\" \/><p id=\"caption-attachment-8254\" class=\"wp-caption-text\">Cabinet Aquarium, aus: Shirley Hibberd, The Book of the Aquarium and Water Cabinet, 1956.<\/p><\/div>\n<p>Das Aquarium beg\u00fcnstigt diese Zuschreibungen, treten seine Bewohner darin doch wie in einem Big-Brother-Container auf, pr\u00e4sentieren sich von allen Seiten, lassen gewisse Vorlieben und Gewohnheiten erkennen oder sich sogar bei der Paarung beobachten. Weil das Glas eine virtualisierende Distanz zum Geschehen erzeugt, appelliert es zudem an die Imagination und baut ein vertracktes Spannungsverh\u00e4ltnis auf: Durch die Aquarienscheiben, so Stephan Hauser, sind \u201eInnenwelt und Betrachter stets \u2026 getrennt und verbunden\u201c.<a href=\"#_ftn52\" name=\"_ftnref52\">[52]<\/a> Wie Marcel Duchamps banale <i>ready-mades <\/i>durch Kontextverlagerungen die Kunstdiskurse zu neuen Assoziationen und Ideen inspirierten, luden auch Meeresfauna und -flora hinter Glas zu hermeneutischen H\u00f6henfl\u00fcgen ein.<\/p>\n<div id=\"attachment_8256\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8256\" class=\" wp-image-8256\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/75071208e188fb03dcb9d0d0f257151a.jpg\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"410\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/75071208e188fb03dcb9d0d0f257151a.jpg 1000w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/75071208e188fb03dcb9d0d0f257151a-300x203.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/75071208e188fb03dcb9d0d0f257151a-768x520.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><p id=\"caption-attachment-8256\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, The aquarium: an unveiling of the wonders of the deep sea, 1856.<\/p><\/div>\n<p>Die \u201e\u00e4sthetische Haltung\u201c tritt in Gosses popul\u00e4rwissenschaftlichen Texten zum Aquarium an vielen Stellen zutage. Zwar war es ihm prim\u00e4r um Wissenschaft zu tun, doch handelt es sich dabei um Grundlagenforschung im weitesten Sinne. Zurecht hat Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der Documenta 13, diese aufgrund ihrer Ergebnisoffenheit und ihres experimentellen Charakters in die N\u00e4he der K\u00fcnste ger\u00fcckt. Mit Wolfgang Welsch gesprochen, ist Gosses Denken ein genuin \u00e4sthetisches Denken, insofern es \u201eeine \u00e4sthetische Signatur aufweis[t]\u201c und \u201ein besonderer Weise mit Wahrnehmung \u2013 <i>aisthesis \u2013 <\/i>im Bunde [ist]\u201c.<a href=\"#_ftn53\" name=\"_ftnref53\">[53]<\/a> Oft geht bei ihm \u201eaus einer einzelnen Beobachtung \u2026 ein Bild der Welt hervor\u201c,<a href=\"#_ftn54\" name=\"_ftnref54\">[54]<\/a> etwa wenn sich ein Vogel in \u201eein Bild unschuldigen Gl\u00fccks\u201c<a href=\"#_ftn55\" name=\"_ftnref55\">[55]<\/a> verwandelt oder wenn Schmetterlinge zu Sendboten \u201elehrreicher Moral\u201c erkl\u00e4rt werden.<a href=\"#_ftn56\" name=\"_ftnref56\">[56]<\/a> Das Wissenschaftliche tritt bei Gosse nie isoliert auf. Unabl\u00e4ssig das Wort \u201ebeauty\u201c gebrauchend, Ovid oder Milton zitierend und ganze Gedichtstrophen einflechtend, schwelgt er in der Sch\u00f6nheit der Seesterne, der Anmut der Seev\u00f6gel, der Eleganz der Meeresw\u00fcrmer; seine Beschreibungen und Schilderungen sind K\u00fcr, nicht Pflicht. Der Forscher als empfindsamer, aber auch verf\u00fchrerischer Autor ist in ihnen stets gegenw\u00e4rtig. Darin ist Gosse nicht zuletzt Romantiker. Die Naturdinge erschienen ihm nicht als stumm und verschlossen. Frei nach Joseph Freiherr von Eichendorff schlief f\u00fcr Gosse ein \u201eLied in allen Dingen\u201c. Sein Sohn und Biograf Edmund nannte ihn trefflich einen \u201ezoologischen K\u00fcnstler\u201c,<a href=\"#_ftn57\" name=\"_ftnref57\">[57]<\/a> da das Interesse seines Vaters an Naturdingen \u201evor allem \u00e4sthetisch und poetisch\u201c gewesen sei und sich an \u201eder Sch\u00f6nheit und am Einfallsreichtum ihrer Formen\u201c bemessen habe.<a href=\"#_ftn58\" name=\"_ftnref58\">[58]<\/a> In diesem Sinne stellt auch die <i>Association Jeanne Villepreux-Power <\/i>die Wegbereiterin der Aquaristik als \u201eFrau der Wissenschaft und Frau der K\u00fcnste\u201c vor.<a href=\"#_ftn59\" name=\"_ftnref59\">[59]<\/a><\/p>\n<p>Im Vergleich mit dem zeitgleich die Aquaristik in Deutschland vorantreibenden Emil Adolf Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler (1806\u20131867) wird deutlich, wie \u00e4sthetisch Gosses Denken ist. Zun\u00e4chst fallen Gemeinsamkeiten auf: Beide Popularisierer der Aquaristik waren S\u00f6hne von K\u00fcnstlern, beide waren der Theologie zugeneigt \u2013 wobei Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler vom Protestantismus zum Gosse verhassten Katholizismus wechselte \u2013, beide verdienten ihren Lebensunterhalt zeitweilig als Lehrer, beide wirkten durch ihre publikumswirksamen Schriften weit \u00fcber die Wissenschaftskreise hinaus. Auch mochte beiden das Studium \u201egetrockneter Mumien\u201c, so Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler, nicht gen\u00fcgen: Echten Forschern sei \u201edas Leben die Hauptsache\u201c.<a href=\"#_ftn60\" name=\"_ftnref60\">[60]<\/a> Es gehe um \u201eWandlungen\u201c und \u201eGestaltungen\u201c, die Wissenschaft m\u00fcsse \u201eins frische freie Leben\u201c. Genau das praktizierte Gosse auf seinen K\u00fcstenwanderungen. Oft wunderte er sich, wie wenig Gelehrte aus eigener Anschauung \u00fcber ihre Umgebung wussten.<\/p>\n<p>Die Differenzen zwischen Gosse und Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler stecken im Detail. L\u00e4sst Gosse seine <i>Wonders <\/i>mit Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Individualit\u00e4t der Tiere und einer bildm\u00e4chtigen Beschreibung der K\u00fcste Dorsetshires beginnen, so ergeht sich Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler in seinem drei Jahre sp\u00e4ter erschienenen Buch <i>Das S\u00fc\u00dfwasser-Aquarium. Eine Anleitung zur Erstellung und Pflege desselben <\/i>in ungleich n\u00fcchternerem Duktus \u00fcber die \u201elehrreiche und sch\u00f6ne Bereicherung der Dekoration unserer Zimmer\u201c und betont, dass die Behauptung, \u201edie S\u00fc\u00dfwasser-Aquarien verursachen zu viel M\u00fche und Verdru\u00df, ganz ohne Grund ist\u201c.<a href=\"#_ftn61\" name=\"_ftnref61\">[61]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_8257\" style=\"width: 475px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8257\" class=\" wp-image-8257\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/21628408568.jpg\" alt=\"\" width=\"465\" height=\"658\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/21628408568.jpg 565w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/21628408568-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><p id=\"caption-attachment-8257\" class=\"wp-caption-text\">Titelbild &#8222;Das S\u00fc\u00dfwasser-Aquarium. Eine Anleitung zur Erstellung und Pflege desselben&#8220; von 1869<\/p><\/div>\n<p>Wo Gosse auf den Ozeanen exotische Haie und Wale studierte, da kescherte sich Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler durch T\u00fcmpel und Teiche. Gosses Sprache ist geschult an Poeten wie Wordsworth und Byron, der <i>Gartenlaube<\/i>-Autor Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler hingegen formuliert im leicht anbiedernden Plauderton mit wurstigen, frisch-fromm-fr\u00f6hlich-freien Einw\u00fcrfen. W\u00e4hrend der empfindsame Engl\u00e4nder die Kunst der Meerwasser-Aquaristik vertrat, verlegte sich der Leipziger Experte f\u00fcr Binnengew\u00e4sser nach anf\u00e4nglicher Begeisterung f\u00fcr den \u201eOcean auf dem Tisch\u201c<a href=\"#_ftn62\" name=\"_ftnref62\">[62]<\/a> auf das einfacher zu pflegende S\u00fc\u00dfwasser-Aquarium, den heimeligen \u201eSee im Glase\u201c.<a href=\"#_ftn63\" name=\"_ftnref63\">[63]<\/a> Ist Gosses Buch getragen von einer Atmosph\u00e4re des Erhabenen, so wird das Aquarium bei Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler zur \u201efreundliche[n] Zimmerzierde\u201c wie auch, da waren er und Gosse sich einig, zu einem <i>think tank<\/i> im Dienste der \u201eDemokratisierung des Wissens und der Gesellschaft\u201c.<a href=\"#_ftn65\" name=\"_ftnref65\">[65]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_8259\" style=\"width: 646px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8259\" class=\" wp-image-8259\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1400px-Die_Gartenlaube_1873_b_427-1024x715.jpg\" alt=\"\" width=\"636\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1400px-Die_Gartenlaube_1873_b_427-1024x715.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1400px-Die_Gartenlaube_1873_b_427-300x210.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1400px-Die_Gartenlaube_1873_b_427-768x537.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1400px-Die_Gartenlaube_1873_b_427.jpg 1400w\" sizes=\"auto, (max-width: 636px) 100vw, 636px\" \/><p id=\"caption-attachment-8259\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Die Gartenlaube, 1973.<\/p><\/div>\n<p>Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler engagierte sich auch aktiv als Politiker und wurde 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gew\u00e4hlt. Der Apokalyptiker Gosse hingegen interessierte sich f\u00fcr Politik allenfalls als Vorzeichen des J\u00fcngsten Gerichts, wie sein Sohn Edmund bemerkte: \u201eJede politische Krise Europas entfachte in seiner Brust aufs Neue die vergebliche Hoffnung auf die baldige Ankunft des Herrn und die Entr\u00fcckung der gl\u00e4ubigen Christenheit in die Herrlichkeit des ewigen Lebens.\u201c<a href=\"#_ftn66\" name=\"_ftnref66\">[66]<\/a> Bezeichnenderweise schwingt sich Johannes im letzten Buch des Neuen Testaments zu <i>\u00e4sthetischen<\/i> H\u00f6henfl\u00fcgen auf und schildert die Apokalypse als <i>bildgewaltiges<\/i> Schauspiel.<\/p>\n<p>Verkehrte Welt! Wurde den Engl\u00e4ndern seitens der Kontinentaleurop\u00e4er damals attestiert, pragmatische Kr\u00e4merseelen ohne Tiefsinn und Einbildungskraft zu sein, und haftete den Deutschen wiederum der Ruf romantischer Gr\u00fcbler mit faustisch-fantastischen Gem\u00fctern an, so verh\u00e4lt es sich bei Gosse und Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler eher umgekehrt. Zudem geht mit Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler bereits im Vorwort die Gesch\u00e4ftst\u00fcchtigkeit durch: Aquaristik war f\u00fcr ihn nicht zuletzt F\u00f6rderung von \u201eGlash\u00fctten\u201c und \u201eEisengie\u00dfereien\u201c. Seine Hoffnung bestand darin, \u201eda\u00df meine anspruchslose Arbeit das Verlangen nach einem Aquarium und somit die Nachfrage nach Gl\u00e4sern und Tischen steigern werde\u201c.<a href=\"#_ftn67\" name=\"_ftnref67\">[67]<\/a> Alsogleich werden auch deutsche Hersteller genannt. So wechselt Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler auf nur zwei Seiten vom hehren Ziel, \u201edie Menschen zur Natur zu f\u00fchren\u201c, zur F\u00f6rderung des Industriestandorts Deutschlands \u2013 eine wunderbare Vorwegnahme der f\u00fcr das 20. und 21. Jahrhundert so typischen Pseudo-\u00d6kologie: SUV und Bio-Joghurt, Greenpeace-Mitgliedschaft und Wochenendtrips mit dem Flieger.<\/p>\n<p>Gosse hingegen machte in seinen beseelten Ekphrasen das vor, was sein Zeitgenosse John Ruskin, einer der ersten Industrialisierungskritiker, \u201esehen lehren\u201c nannte. B\u00f6hmes \u00c4sthetik-Ethik vorwegnehmend, argumentierte Ruskin als gewichtige Stimme der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung, die Schulung der Wahrnehmung stelle ein Mittel gegen die Verschandelung der Welt, gegen Ausbeutung, Vulgarit\u00e4t und Indifferenz dar. Seinen Zeichensch\u00fclern sagte er einmal: \u201eNun denken Sie bitte daran, meine Herren, ich wollte Sie nicht Zeichnen, nur Sehen lehren. Zwei M\u00e4nner gehen \u00fcber den Clare Markt. Der eine kommt am andere Ende wieder heraus, ohne einen Gewinn davon gehabt zu haben, der andere bemerkt im Vor\u00fcbergehen einen Bund Petersilie im Korb einer Butterfrau und tr\u00e4gt mit sich ein Bild der Sch\u00f6nheit davon, das er in die Arbeit vieler einflie\u00dfen lassen kann. Ich will Sie Dinge wie diese sehen lehren.\u201c<a href=\"#_ftn68\" name=\"_ftnref68\">[68]<\/a> In diesem Sinne lehrte auch Gosse sein Publikum die Wahrnehmung der Natur, in welcher f\u00fcr ihn die Sch\u00f6nheit und Gr\u00f6\u00dfe einer h\u00f6heren Macht sinnf\u00e4llig wurde.<\/p>\n<p>Im Jahr 1853 begann Gosse, Farbtafeln f\u00fcr seine B\u00fccher anzufertigen, und erstellte die aufwendigen lithografischen Vorlagen daf\u00fcr selbst. Mit der Farbintensit\u00e4t der Abbildungen in <i>A Naturalist\u2019s Rambles on the Devonshire Coast <\/i>(1853) nicht zufrieden, arbeitete er, vergleichbar mit heutigen Fotografen und Photoshop-Bildbearbeitern, mit gro\u00dfem Eifer daran, dass die Tafeln f\u00fcr seine im Folgejahr publizierten <i>Wonders <\/i>dem Buchtitel \u00e4sthetisch gerecht werden w\u00fcrden. Wundersam, schillernd, bezaubernd, von ber\u00fcckender Sch\u00f6nheit sollten sie sein, eher das innere, vom Firnis der Faszination \u00fcberzogene Bild evozierend als das volatile, von der Klarheit des Wassers oder Lichtverh\u00e4ltnissen abh\u00e4ngige \u00e4u\u00dfere.<\/p>\n<div id=\"attachment_8258\" style=\"width: 705px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8258\" class=\" wp-image-8258\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Philip-Henry-Gosse-Illustration-for-Atcinologia-Britannica-plate-II.jpg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"463\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Philip-Henry-Gosse-Illustration-for-Atcinologia-Britannica-plate-II.jpg 800w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Philip-Henry-Gosse-Illustration-for-Atcinologia-Britannica-plate-II-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/Philip-Henry-Gosse-Illustration-for-Atcinologia-Britannica-plate-II-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><p id=\"caption-attachment-8258\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, Actinologia Britannica: A History of the British Sea-Anemones and Corals, 1860.<\/p><\/div>\n<p>Die exquisiten Bildwerke Gosses nehmen viel von dem vorweg, was die Unterwasser-Fotografie im 20. und 21. Jahrhundert kennzeichnen sollte \u2013 den Hang zur Brillanz, zum Leuchtenden und Strahlenden, zu visuellen \u00dcberw\u00e4ltigungseffekten. Mit etwas <i>goodwill<\/i> kann diese stets etwas neurotisch anmutende Darstellungskonvention als Hyperkompensation des D\u00e4mmerlichts und der Dunkelheit, die in der Tiefe herrschen, verstanden werden. Doch auch die medienhistorische Pr\u00e4gekraft des Aquariums selbst sollte nicht untersch\u00e4tzt werden. Eine \u201ecinematische Magie <i>avant la lettre<\/i>\u201c (Adamowsky) entfaltend, spielte es zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine \u00e4hnliche Rolle wie die Fotografie und sp\u00e4ter wie Film und weitere Bewegtbildmedien.<a href=\"#_ftn69\" name=\"_ftnref69\">[69]<\/a> \u201eMagie\u201c, da die Fotografie und die von ihr abgeleiteten Bewegtbildmedien, eingedenk ihrer noch imaginationsm\u00e4chtigeren digitalen Nachfolger, die Pr\u00e4senz des Absenten erm\u00f6glichen und das, was mit blo\u00dfem Auge nicht zu sehen ist, etwa schnelle Bewegungsabl\u00e4ufe, durch Chronophotographie (\u00c9tienne Jules Marey), Phasenzerlegung (Eadweard Muybridge) oder Zeitlupe sichtbar machen k\u00f6nnen. Eine \u00e4hnliche Aufgabe erf\u00fcllte das Aquarium im 19. Jahrhundert. Es machte augenscheinlich, was sich dem Augenschein widersetzt, ist doch \u201edie unterseeische Welt \u2026 nicht f\u00fcr den Menschen und sein bevorzugtes Erkenntnisorgan, das Auge, gemacht. Er ist auf medientechnische Visualisierungsapparate angewiesen \u2013 Aquarien, Tauchger\u00e4te, Scheinwerfer und Kameras, deren prim\u00e4re Gebrauchsweise in der Pr\u00e4sentation wunderbarer Weltausschnitte liegt. Alle submarinen Ansichten sind in eine mediale Projektions- wie Aufzeichnungssituation eingebunden, in denen das Meer zum \u00e4sthetischen Ereignis wird \u2026\u201c<a href=\"#_ftn70\" name=\"_ftnref70\">[70]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_8260\" style=\"width: 694px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8260\" class=\" wp-image-8260\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1491512481266-5981277480_61facbb288_b-1024x611.jpg\" alt=\"\" width=\"684\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1491512481266-5981277480_61facbb288_b.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1491512481266-5981277480_61facbb288_b-300x179.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/1491512481266-5981277480_61facbb288_b-768x458.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px\" \/><p id=\"caption-attachment-8260\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, Actinologia Britannica: A History of the British Sea-Anemones and Corals, 1860.<\/p><\/div>\n<p>So l\u00e4sst sich, wie bereits in Kapitel III bemerkt, das Aquarium als Vorl\u00e4ufer des Fern-Sehens verstehen. Fernsehapparate <i>\u00fcbersetzen<\/i> Ferne (<i>t<\/i><i>\u00ea<\/i><i>le<\/i>) in N\u00e4he (<i>par<\/i><i>\u00e1<\/i>). Genau genommen handelt es sich um Para-Seher. Doch sie <i>erzeugen<\/i> auch eine N\u00e4he zweiter Ordnung, die sozialer, politischer, \u00f6konomischer Art ist. Marshall McLuhan hat aufgezeigt, wie sich durch das Fernsehen \u2013 und die elektronischen Medien im Allgemeinen \u2013 die Welt in ein \u201eglobales Dorf\u201c, in eine Stammesgesellschaft auf ver\u00e4ndertem technischem Niveau verwandelt.<a href=\"#_ftn71\" name=\"_ftnref71\">[71]<\/a> Auch das, was Tausende von Kilometern weit entfernt ist, r\u00fcckt in die N\u00e4he, wird zum Teil des eigenen Alltags, verlangt nach Einsch\u00e4tzungen, Meinungen, Kommentaren, Teilhabe, weckt nicht zuletzt Emotionen \u2013 eben wie in einem Dorf, wo jeder jeden kennt oder jede jede zu kennen glaubt. Mit dem Unterschied, dass dieses Dorf total ist. Kalkutta grenzt an Br\u00fcssel. Harare liegt in Edmonton. Der Indische Ozean wogt in Londoner Wohnzimmern.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund stellt das Aquarium einen weiteren, von McLuhan so nicht vorausgesehenen Bereich im \u201eglobalen Dorf\u201c dar: Nicht nur die menschlich-menschgemachte Welt verdichtet und synchronisiert sich im Medienzeitalter. Auch die nicht-menschliche Welt wird ins Dorfleben hineingesogen. Seltsame Dinge gehen vor sich. Menschen entwickeln pl\u00f6tzlich emotionale Beziehungen zu m\u00fcrrischen Flusskrebsen. Sie sorgen sich um die Genesung an Griesk\u00f6rnchenkrankheit oder an Flossenf\u00e4ule erkrankter Panzerwelse, welche sie innig pflegen. Sie widmen ihre Freizeit der Entalgung sorgsam versenkter, pittoresk durchl\u00f6cherter Tonamphoren, unter denen die sch\u00fcchterneren Bewohner des Aquariums Zuflucht finden. Kein Wunder, dass in einem solchen Klima das Tierische im Menschen und das Menschliche im Tier immer deutlicher zutage tritt; dass nicht nur die Tier- und Pflanzen-Philosophie boomt, von Giorgio Agamben \u00fcber Markus Wild bis hin zu Michael Marder und Karen Houle, sondern auch Denkstr\u00f6mungen wie die <i>Object Oriented Ontology <\/i>(kurz: OOO), welche sich die Abkehr von dualistischen Denksystemen auf die Fahnen geschrieben haben. Je intensiver Menschen sich mit nicht-menschlichen Wesen vernetzen, desto mehr wird das Menschliche im Nicht-Menschlichen und das Nicht-Menschliche im Menschen, um im Bild der Apokalypse zu bleiben, <i>enth\u00fcllt<\/i>. Die Mediatisierung nimmt hier die Z\u00fcge einer <i>existenziellen<\/i> und <i>universellen <\/i>Vermittlung und mehr noch <i>Vermitteltheit<\/i> an, sie \u00fcberschreitet die elektronischen Technologien, sie umfasst selbst noch die Heimtierhaltung.<\/p>\n<p>Das Aquarium brachte mit den Meereslebewesen etwas in die privaten Behausungen und \u00f6ffentlichen Einrichtungen, das da nach bisherigen Ma\u00dfst\u00e4ben eigentlich gar nicht sein <i>durfte<\/i>, nicht sein <i>konnte<\/i> \u2013 \u00e4hnlich wundersam wie eine Opernpremiere, die in Peking stattfindet und im polnischen Szamotu\u0142y auf dem Bildschirm mitverfolgt wird, oder wie ein kalifornischer Pornodarsteller, der vor einer Webcam im San Fernando Valley seinem Gesch\u00e4ft nachgeht und in holl\u00e4ndischen Schlafzimmern f\u00fcr Luststeigerung sorgt. Nat\u00fcrlich ist im Aquarium alles, was man sieht, physisch pr\u00e4sent und unmittelbar greifbar, also eigentlich grundverschieden vom virtuellen Webcam-Porno. Doch durch die virtualisierende Distanz, welche das Glas und insbesondere die am klassischen Tafelbild orientierte Front- und Hauptansichtsseite des am weitesten verbreiteten Aquarientypus erzeugt, verst\u00e4rkt sich der <i>bildhafte <\/i>Eindruck des Wahrgenommenen. W\u00e4hrend die Darsteller der Peking-Oper in Szamotu\u0142y trotz ihrer K\u00f6rper<i>losigkeit<\/i> als Bilder pr\u00e4sent sind, sind die Aquarienbewohner trotz ihrer K\u00f6rper<i>lichkeit<\/i> als Bilder pr\u00e4sent, also als <i>paradoxe<\/i> Bilder, insofern man unter Letzteren, aus ph\u00e4nomenologischer Sicht, die Anwesenheit von etwas Abwesendem versteht. Die Operndarsteller sind pr\u00e4sent, obwohl sie absent sind. Die Aquarienbewohner sind absent, obwohl sie pr\u00e4sent sind.<\/p>\n<p>Es ist eine vertrackte Situation. Einerseits liegt dem Aquarium das alte Begehren der Sammler zugrunde, eines konkreten, eben nicht nur symbolischen Teils der Wirklichkeit \u2013 des \u201eOriginals\u201c \u2013 habhaft zu werden und ihn in ihr eigenes Territorium einzugliedern. Andererseits ist diese Eingliederung offenbar nur zum Preis der Bildhaftigkeit und Virtualisierung des Anwesenden zu haben. Denn die Aquarianer <i>sehen<\/i> nicht nur Dinge und Lebewesen, diese <i>zeigen<\/i> sich ihnen auch. Im Aquarium als Mittler zwischen Natur und Kultur wird Erstere, mit Hartmut B\u00f6hme gesprochen, \u201eekstatisch\u201c im Sinne von Aus-sich-Heraustreten. Das Nicht- oder nur tempor\u00e4r Wahrnehmbare, weil in den Tiefen des von Menschen nicht-bewohnbaren Wassers Verborgene, betritt gleichsam eine B\u00fchne im Kost\u00fcm des Bildes: \u201eBilder sind, was sie sind, indem sie <i>sich<\/i> zeigen und dabei <i>etwas<\/i> zeigen.\u201c<a href=\"#_ftn72\" name=\"_ftnref72\">[72]<\/a> Wie um die Bild-Qualit\u00e4ten des Aquariums ein f\u00fcr alle Mal festzuschreiben, wurden im 19. Jahrhundert sogenannte <i>cadres-aquariums <\/i>entworfen \u2013 Aquarien, die von einem Bilderrahmen eingefasst sind und dergestalt, so Hauser, \u201eden Eindruck von Kunstwerken [erwecken], welche die Natur aber nicht mehr wie in traditionellen Stillleben-Gem\u00e4lden unbewegt wiedergeben, sondern vielmehr lebendig und in ihrem eigenen Bewegungsprozess zeigen\u201c.<a href=\"#_ftn73\" name=\"_ftnref73\">[73]<\/a> Hier wird Gosses religi\u00f6s-\u00e4sthetisch-wissenschaftliche Verkl\u00e4rung und gleichzeitige Musealisierung des <i>Lebendigen<\/i>, in der die ver\u00e4nderte epistemische Ordnung des 19. Jahrhunderts exemplarisch zur Geltung kommt, kongenial auf den Punkt gebracht. Als Medium erlaubt das Aquarium die Verbildlichung und Verkunstung der Natur und damit, Adamowsky zufolge, \u201eeine Form gesteigerter Erfahrung \u2026 Aquarien verdichten und vervielf\u00e4ltigen das vermeintlich ,nur\u2018 Beobachtete, Observierte, zu einer Form erlebter, erregender Wirklichkeit.\u201c<a href=\"#_ftn74\" name=\"_ftnref74\">[74]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_8261\" style=\"width: 505px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8261\" class=\"size-full wp-image-8261\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/f0d9bfef112374c4fada3d2e0e7daa4f.jpg\" alt=\"\" width=\"495\" height=\"810\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/f0d9bfef112374c4fada3d2e0e7daa4f.jpg 495w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2018\/09\/f0d9bfef112374c4fada3d2e0e7daa4f-183x300.jpg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><p id=\"caption-attachment-8261\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Philip Henry Gosse, Actinologia Britannica: A History of the British Sea-Anemones and Corals, 1860.<\/p><\/div>\n<p>Verdichtete, erregende Wirklichkeit \u2013 das ist es, was Philip Henry Gosse erlebte, wenn er in seine Aquarien blickte. Doch w\u00e4hrend seine Texte und Bilder das Publikum \u00fcber die Pfade von \u00c4sthetik, Wissenschaft und Religion in die hybride Welt der Aquaristik lockten, verselbst\u00e4ndigten sich insbesondere die Heimaquarien bald zu eher eindimensionalen, profanierten Wohnaccessoires, welche die Londoner Firma Lloyd schon in den 1850er-Jahren als \u201ekomplette und eigenst\u00e4ndige M\u00f6belst\u00fccke\u201c bewarb. Viele<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>davon seien \u201eaus ornamentalem Holz gefertigt, tischhoch und mit Rollen versehen, damit sie auch in bef\u00fclltem Zustand bequem verr\u00fcckbar sind, wenn es der Sonnenstand oder die Jahreszeit erfordern.\u201c<a href=\"#_ftn75\" name=\"_ftnref75\">[75]<\/a> Ironischerweise wurde diese Werbung auch in Gosses <i>Wonders <\/i>platziert. Von den Potenzialen einer Natur\u00e4sthetik-als-Ethik, die Hartmut B\u00f6hme sich erhofft, vom erhabenen theologischen \u00dcberbau, den Gosse anf\u00e4nglich errichtete, von der eigensinnigen Grundlagenforschung, die von Autodidakten und Dilettanten wie Villepreux-Power oder Gosse betrieben wurde, ist in der Heimaquaristik heute wenig zu sp\u00fcren. \u201eDilettant\u201c war im 19. Jahrhundert kein negativ besetzter Begriff, im Gegenteil \u2013 bereits 1734 wurde in London die bis heute existierende <i>Society of Dilettanti<\/i>, deren Ziel im Studium des griechisch-r\u00f6mischen Erbes besteht, gegr\u00fcndet<i>.<\/i> \u201eDilettanten\u201c zeichneten sich damals dadurch aus, dass sie ihren Forschungen aus freien St\u00fccken und mit einem unabh\u00e4ngigen Geist nachgingen, also nicht durch \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde dazu gezwungen wurden. Villepreux-Powers und Gosses Biografien k\u00f6nnen als Belege f\u00fcr die Demokratisierung der sich anf\u00e4nglich prim\u00e4r aus der Aristokratie speisenden Dilettanten-Bewegung im 19. Jahrhundert gelesen werden.<\/p>\n<p>Heute aber sind die Forschungsaquarien aus den improvisierten <i>studioli<\/i> der Pioniergeneration in die Labore von Institutionen und Organisationen verschwunden; die See als solche hat durch Dokumentarfilme, Coffee Table Books, Kreuzfahrten und Tauchschulen viel von ihrem Geheimnisvollen eingeb\u00fc\u00dft. Und doch vermag man selbst beim Gang durch die Aquarienabteilung einer gew\u00f6hnlichen Tierhandlung, beim Blick ins desolate Aquarium eines Chinarestaurants, beim von Banden krakeelender Kinder sabotierten sonnt\u00e4glichen Zoobesuch, bei der Einrichtung eines eigenen bescheidenen Beckens oder beim Griff zur Fl\u00fcssigseife <i>Meerestraum <\/i>noch immer etwas von dem versp\u00fcren, was Gosse \u201eAppetite for the Magnificent\u201c<a href=\"#_ftn76\" name=\"_ftnref76\">[76]<\/a> nannte: das unstillbare Verlangen nach dem Pr\u00e4chtigen und Gro\u00dfartigen, das die Aquaristik seit ihren Anf\u00e4ngen begleitet und das sie auf so paradoxe wie vergebliche Weise durch Domestizierung zu stillen versucht. Und wen dieses Gef\u00fchl sogar angesichts der kommerziellen und instrumentellen Schrumpfformen des Aquariums noch beschleicht, der wird sich vielleicht Gosses raunender These entsinnen, dass das Erhabene und Mysteri\u00f6se mitunter im gemeinsten, im niedersten Detail aufscheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Anmerkungen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Philip Henry Gosse, The Aquarium. An Unveiling of the Wonders of the Deep Sea, London: John van Voorst, 1856 (zweite Ausgabe, Erstausgabe 1854), S. 2.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd. S. 3.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd. S. 221.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> F\u00fcr eine kompakte, allerdings etwas rei\u00dferisch geschriebene biografische Skizze siehe Women in Science, hg. vom Directorate-General for Research der Europ\u00e4ischen Kommission, Luxemburg: Office for Official Publications of the European Communities, 2009, S. 59\u201361. Einen biografischen Roman verfasste Claude Duneton: ders., La Dame d\u2019Argonaute, Paris: Deno\u00ebl, 2009.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> In der Literatur kursieren verschiedene Namen: Jeanne Power, Jeannette Power, Jeanne Villepreux-Power, Jeannette Villepreux-Power.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Bernd Brunner, Wie das Meer nach Hause kam. Die Erfindung des Aquariums, Berlin: Wagenbach, 2011, S. 50.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Philip Henry Gosse, A Naturalist\u2019s Sojourn in Jamaica, London: Longman, Brown, Green, and Longmans, 1851, S. 5.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Edmund Gosse, The Naturalist of the Sea-Shore. The Life of Philip Henry Gosse, London: William Heinemann, 1896, S. 213.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Der Begriff \u201e lebendiger Organismus\u201c taucht, in diversen sinngem\u00e4\u00dfen Varianten, h\u00e4ufig in der Selbstdarstellung der Br\u00fcdergemeinden auf, vgl. bspw. bruedergemeinde-korntal.de\/index.php?id=518; vgl. bruederbewegung.de\/pdf\/brockhausversammlung.pdf.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. Quatrem\u00e8re de Quincy, Consid\u00e9rations morales sur la destination des ouvrages de l\u2019art, ou de l\u2019influence de leur emploi, Paris: Imprimerie de Crapelet, 1815, S. 57\/58.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2003, S. 26.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Gosse, Naturalist, S. viii.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Karl Marx u. Friedrich Engels, \u201eManifest der Kommunistischen Partei\u201c, in: dies., MEW, Band 4, Berlin: Dietz, 1959, S. 465.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Brunner, S. 47.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Rudolf Otto, Das Heilige: \u00dcber das Irrationale in der Idee des G\u00f6ttlichen und sein Verh\u00e4ltnis zum Rationalen, M\u00fcnchen: Beck\u2019sche Reihe, 1997, S. 13.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Gosse, Wonders, S. iii.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Ebd., S. iv.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ebd.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Ebd., S. 203\/204.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> S. Jacques Derrida, Apokalypse, Graz\/Wien: B\u00f6hlau (Edition Passagen), 1985.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Ebd., S. 15.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Natascha Adamowsky, \u201eAnn\u00e4herungen an eine \u00c4sthetik des Geheimnisvollen \u2013 Beispiele aus der Meeresforschung des 19. Jahrhunderts\u201c, in: unter wasser \u00fcber wasser. Vom Aquarium- zum Videobild, Ausst.-Kat. Kunsthalle Wilhelmshaven, Bielefeld: Kerber, 2009, S. 14. <a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Gosse, Wonders, S. 33.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Ebd., S. 41.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Ebd., S. 43.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Gosse verwendete einen damals schon veralteten Namen. Carl von Linn\u00e9 hatte die Koralle zun\u00e4chst Eschara foliacea getauft, ihr nach der weiteren Unterteilung des Stamms jedoch den Namen Flustra foliacea gegeben.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Gosse, Wonders, S. 116.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Ebd., S. 119.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> Ludwig Tieck, Die Gem\u00e4lde, 1822, online abgerufen von http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Tieck,+Ludwig\/Erz%C3%A4hlungen+und+M%C3%A4rchen\/Die+Gem%C3%A4lde. Letzter Zugriff 10.3.2017.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> Joseph Imorde, Affekt\u00fcbertragung, Berlin: Gebr. Mann, 2004, S. 78.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> Christoph Schmidt, Pilger, Popen und Propheten. Eine Religionsgeschichte Osteuropas, Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ningh, 2014, S. 144.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref33\u201c name=\">[33]<\/a> Gosse, Wonders, S. 117.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref34\u201c name=\">[34]<\/a> Boris Groys, Einf\u00fchrung in die Anti-Philosophie, M\u00fcnchen: Carl Hanser, 2009, S. 23.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref35\u201c name=\">[35]<\/a> Gosse, Wonders, S. 118.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref36\u201c name=\">[36]<\/a> Ebd., S. 117.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref37\u201c name=\">[37]<\/a> S. Ann Thwaite, Glimpses of the Wonderful. The Life of Philip Henry Gosse, London: Faber and Faber, 2002, S. 185.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref38\u201c name=\">[38]<\/a> Bruno Latour, \u201eEin Vorsichtiger Prometheus. Einige Schritte hin zu einer Philosophie des Designs, unter besonderer Ber\u00fccksichtigung von Peter Sloterdijk\u201c, in: Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk, hg. von Jongen\/Tuinen\/Hemelsoe, M\u00fcnchen: Wilhelm Fink, 2009, S. 372.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref39\u201c name=\">[39]<\/a> Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2008, S. 12.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref40\u201c name=\">[40]<\/a> Derrida, S. 76.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref41\u201c name=\">[41]<\/a> Ebd., S. 71\/72.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref42\u201c name=\">[42]<\/a> Martin Heidegger, \u201eDie Zeit des Weltbildes\u201c, in: ders., Holzwege, Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann, 2008, S. 89.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref43\u201c name=\">[43]<\/a> Ebd., S. 94.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref44\u201c name=\">[44]<\/a> Brunner, S. 115.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref45\u201c name=\">[45]<\/a> Gosse, Naturalist, S. 312.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref46\u201c name=\">[46]<\/a> Ebd., S. 121.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref47\u201c name=\">[47]<\/a> Hartmut B\u00f6hme, \u201eAussichten einer \u00e4sthetischen Theorie der Natur&#8220;\u201c, abgerufen von: https:\/\/www.hartmutboehme.de\/media\/Theorie.pdf. Letzter Zugriff 15.8.2016.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref48\u201c name=\">[48]<\/a> Michael Marder, Plant-Thinking. A Philosophy of Vegetal Life, New York: Columbia University Press, 2013, S. 4.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref49\u201c name=\">[49]<\/a> Ebd. S. 5.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref50\u201c name=\">[50]<\/a> Gosse, Sojourn, S. vii.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref51\u201c name=\">[51]<\/a> Gosse, Wonders, S. 5.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref52\u201c name=\">[52]<\/a> Stephan E. Hauser, \u201eDer subaquatische Bilderkosmos. Eine kurze Geschichte des Aquariums\u201c, in: unter wasser \u00fcber wasser, S. 18.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref53\u201c name=\">[53]<\/a> Wolfgang Welsch, \u00c4sthetisches Denken, Stuttgart: Reclam, 2003, S. 46.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref54\u201c name=\">[54]<\/a> Ebd., S. 50.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref55\u201c name=\">[55]<\/a> Gosse, Wonders, S. 68.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref56\u201c name=\">[56]<\/a> Gosse, Sojourn., S. 72.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref57\u201c name=\">[57]<\/a> Gosse, Naturalist, S. 338.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref58\u201c name=\">[58]<\/a> Ebd., S. 349.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref59\u201c name=\">[59]<\/a> S. http:\/\/jeanne-villepreux-power.org\/son-oeuvre. Letzter Zugriff am 23.10.2016.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref60\u201c name=\">[60]<\/a> Emil Adolf Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler, Das S\u00fc\u00dfwasser-Aquarium. Eine Anleitung zur Erstellung und Pflege desselben, Leipzig: Hermann Mendelsohn, 1857, S. 2.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref61\u201c name=\">[61]<\/a> Ebd., S. v.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref62\u201c name=\">[62]<\/a> Ein gleichnamiger Artikel Ro\u00dfm\u00e4\u00dflers erschien 1856 in der Zeitschrift Gartenlaube.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref63\u201c name=\">[63]<\/a> Ein gleichnamiger Artikel Ro\u00dfm\u00e4\u00dflers erschien 1856 in der Zeitschrift Gartenlaube.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref64\u201c name=\">[64]<\/a> Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler, S\u00fc\u00dfwasser-Aquarium, S. iv.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref65\u201c name=\">[65]<\/a> Brunner, S. 59.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref66\u201c name=\">[66]<\/a> Gosse, Naturalist, S. 219.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref67\u201c name=\">[67]<\/a> Ro\u00dfm\u00e4\u00dfler, S\u00fc\u00dfwasser-Aquarium, S. vi.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref68\u201c name=\">[68]<\/a> Zitiert nach: Edward Tyas Cook, The Life of John Ruskin, Vol. 1, New York: Haskell House, 1968, S. 380.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref69\u201c name=\">[69]<\/a> Adamowsky, S. 14.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref70\u201c name=\">[70]<\/a> Ebd.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref71\u201c name=\">[71]<\/a> S. Marshall McLuhan, Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, D\u00fcsseldorf: Econ, 1968.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref72\u201c name=\">[72]<\/a> B\u00f6hme.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref73\u201c name=\">[73]<\/a> Hauser, S. 18.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref74\u201c name=\">[74]<\/a> Adamowsky, S. 13.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref75\u201c name=\">[75]<\/a> Werbeanzeige in Gosse, Wonders, keine Seitenzahl.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref76\u201c name=\">[76]<\/a> Ebd., S. 147.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage scheller\" href=\"http:\/\/www.joergscheller.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00f6rg Scheller<\/a>\u00a0ist Dozent f\u00fcr Kunsttheorie und Kunstgeschichte sowie Leiter des Bereichs Theorie im\u00a0Bachelor Kunst &amp; Medien an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vorl\u00e4ufer des Fernsehens<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-8527","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8527\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}