{"id":8817,"date":"2018-11-19T11:13:15","date_gmt":"2018-11-19T09:13:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=8817"},"modified":"2018-11-19T11:13:15","modified_gmt":"2018-11-19T09:13:15","slug":"florine-stettheimer-von-annekathrin-kohout-19-11-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2018\/11\/19\/florine-stettheimer-von-annekathrin-kohout-19-11-2018\/","title":{"rendered":"Florine Stettheimervon Annekathrin Kohout19.11.2018"},"content":{"rendered":"<p>Eine bedeutende feministische K\u00fcnstlerin des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts<!--more--><\/p>\n<p>Florine Stettheimer (1871-1944) ist eine der interessantesten feministischen K\u00fcnstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Leider hat sie posthum wenig W\u00fcrdigung gefunden \u2013 das muss sich unbedingt \u00e4ndern!<\/p>\n<figure id=\"attachment_2930\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/broadway.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2930\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/broadway.jpg?w=660\" alt=\"\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">The Cathedrals of Broadway, 1929<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ihr Bild \u201eThe Cathedrals of Broadway\u201c aus dem Jahr 1929 zeigt die magisch-beschwingte Atmosph\u00e4re neonbeleuchteter Theater, Filme und Live-Auftritte dieser Zeit. Im Zentrum erkennt man den Torbogen des Paramount Building Theatre, darin Tanzgruppen und Suchscheinwerfer, die die Auff\u00fchrungen beleuchten. Um das 1926 er\u00f6ffnete Theater gruppieren sich au\u00dferdem das Mark Strand Theatre (1914), das Rialto Theatre (1916), das Capitol Theatre (1919) und das Roxy Theatre (1927). Im unteren Bildteil sieht man die G\u00e4ste ankommen: linkerhand steigen die wohlhabenden New Yorker aus einem Taxi, auf der rechten Seite warten die B\u00fcrger der Mittelschicht am Ticket-Schalter. \u201eSilence\u201c steht auf einem roten runden Teppich im Eingangsbereich. Im Nachthimmel liest man zudem \u201eHouse of Talkies\u201c \u2013 ein Hinweis auf das neue Format der \u201eTalkies\u201c, die zu dieser Zeit den Stummfilm abl\u00f6sten.<\/p>\n<p>Heute sind solche 30er-Jahre-Reklamefarben und -Lichter kaum von den Abgr\u00fcnden der Weltwirtschaftskrise zu abstrahieren, galt doch gerade das Kino dieser Zeit als Mittel der Realit\u00e4tsverweigerung. Man k\u00f6nnte den von Stettheimer in den goldenen Schnitt des Bildes gemalten Zeitungsausschnitt, auf dem Jimmy Walker, der damalige B\u00fcrgermeister von New York, einen Baseball in der Hand h\u00e4lt, mit dem er f\u00fcr die Er\u00f6ffnung der Spielsaison wirbt, zumindest als eine Anspielung auf die (auch politisch motivierte) Verschleierung der harten Bedingungen deuten, mit denen viele New Yorker w\u00e4hrend der \u201eGreat Depression\u201c konfrontiert waren.<\/p>\n<p>Eine andere Interpretation dr\u00e4ngt sich allerdings mehr auf, n\u00e4mlich dass Stettheimer Spa\u00df an den Veranstaltungen hatte und ihnen eine eigene \u00e4sthetische Qualit\u00e4t abgewinnen konnte. Und m\u00f6glicherweise k\u00f6nnte das \u2013 neben der Tatsache, dass sie eine Frau war \u2013 auch der Grund daf\u00fcr sein, dass ihr der internationale Ruhm (im Grunde bis heute) verwehrt blieb, obwohl sie die Pop Art vorwegnahm und ein Verh\u00e4ltnis zu den Gegenst\u00e4nden aus der Welt der Unterhaltung und des Konsums besa\u00df, das man, h\u00e4tte es den Begriff schon gegeben, \u201ecampy\u201c h\u00e4tte nennen k\u00f6nnen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_2923\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/florine-stettheimer-family-portrait-ii-1933-new-york-museum-of-modern-art.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2923\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/florine-stettheimer-family-portrait-ii-1933-new-york-museum-of-modern-art.jpg?w=660\" alt=\"\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Family Portrait II, 1933<\/figcaption><\/figure>\n<p>Florine Stettheimer ist im Wohlstand aufgewachsen, ihr Vater war ein reicher deutsch-amerikanischer Bankier. Er hat die Familie zwar fr\u00fch verlassen, doch verm\u00f6gende Verwandte unterst\u00fctzten weiterhin Florine, ihre beiden Schwestern und ihre Mutter in deren dekadentem Luxusleben. Die drei Schwestern blieben alle unverheiratet und lebten mit ihrer Mutter zusammen, eine ungew\u00f6hnliche Beziehung, mit der sich Stettheimer viel und in einer Reihe von Familienportraits besch\u00e4ftigte, die allesamt ungew\u00f6hnliche, interessante, gebildete und versierte Frauen zeigen.<\/p>\n<p>Der Reichtum erlaubte Florine Stettheimer eine Kunstausbildung, die in ihrem Umfang der Ausbildung ihrer m\u00e4nnlichen Zeitgenossen entsprach. In den 1890er Jahren besuchte sie die \u201eArt Students League of New York\u201c, eine damals neue Verbindung von Studierenden, denen das akademische Arbeiten an klassischen Kunsthochschulen zuwider war. Viele Wegbereiter der Moderne und (sp\u00e4ter) Vertreter der Pop Art lehrten und studierten dort, etwa Man Ray, Jackson Pollock, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg, Georgia O\u2019Keeffe oder Louise Bourgeois; wegen ihrer liberalen Frauenpolitik galt diese Institution als radikal.<\/p>\n<p>Das sehr fr\u00fche 20. Jahrhundert verbrachte Stettheimer in Europa, sie lebte in Deutschland (\u00fcberwiegend in M\u00fcnchen) und reiste h\u00e4ufig nach Frankreich, Italien, Gro\u00dfbritannien und Spanien, wo sie Kunstmuseen, Galerien, Ateliers und Salons besuchte (in New York hat sie schlie\u00dflich selbst einen Salon gegr\u00fcndet). Das erf\u00e4hrt man in den nicht mehr vollst\u00e4ndigen Tageb\u00fcchern, in denen sie unter anderem C\u00e9zanne, Manet und Matisse kommentiert. Aber nur Wenig<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>es dieser K\u00fcnstler kann man im Werk Stettheimers wiederfinden. Wenn auch manche Farben und der pastose Auftrag an den Impressionismus oder die geschwungenen K\u00f6rper an Chagall erinnern m\u00f6gen: ihre Malerei ist v\u00f6llig selbstst\u00e4ndig, sowohl was die Malweise als auch was ihre Motive betrifft.<\/p>\n<p>Besonders stark sind ihre Bilder, weil sie ein ungebrochenes Verh\u00e4ltnis zu ihren Sujets \u2013 der Welt der High Society \u2013 hat. Theater, Shopping, Ausfl\u00fcge aufs Land, Picknick am Strand oder Cocktailpartys waren (wie sollte es f\u00fcr eine Vertreterin der Upper Class auch anders sein) f\u00fcr Stettheimer ganz und gar nicht verwerflich und nur manchmal, dann aber mit Augenzwinkern, kritikw\u00fcrdig. Ihre Bildwelt zeigt oft auf eine feierliche Art die Vorz\u00fcge und die Sch\u00f6nheit von Wohlstand und Konsum, manchmall auch die Tristesse. In ihren Bildern dr\u00fcckt sich aber immer \u2013 wenn sie auch Langeweile oder Tristesse zeigen \u2013 ein ganz selbstverst\u00e4ndlicher Frohmut aus, den nur besitzen kann, wer sich im Wohlstand wei\u00df.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2928\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/sunday-afternoon-in-the-country-1917.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2928\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/sunday-afternoon-in-the-country-1917.jpg?w=660&amp;h=918\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"918\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Sunday Afternoon in the Country, 1917. (Links sieht man Edward Steichen, der gerade Marcel Duchamp fotografiert, Florine Stettheimers Schwester Ettie sieht dabei zu. Die K\u00fcnstlerin selbst sitzt im hinteren rechten Bildteil an der Staffelei, ihre Mutter sitzt vorne links im Sessel beim Solit\u00e4rspielen.)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Stettheimer nutzte ihre M\u00f6glichkeiten \u2013 nicht zuletzt als Feministin. Stettheimers Witz und ihre Haltung, besonders aber ihr Verh\u00e4ltnis zu Weiblichkeit, ist absolut gegenw\u00e4rtig, wenn man an die Fotografinnen und Netzk\u00fcnstlerinnen der sogenannten \u201eVierten Welle des Feminismus\u201c denkt, auf denen sich Frauen in \u00e4hnlich pastelligen T\u00f6nen einen eigenen \u201eFemale Gaze\u201c erarbeiten. Stettheimers kunstvolle Kompositionen mit organischen Rundungen, Rokoko-M\u00f6beln und Blumendekorationen haben die gleichen Funktionen wie die Motive netzfeministischer K\u00fcnstlerinnen (Fr\u00fcchte, Blumen, Vaginen etc.): Sich das, was als \u201eweiblich\u201c gilt, selbstbewusst anzueignen und mit Macht zu versehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2932\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-18-05-26-kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2932\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-18-05-26-kopie.jpg?w=660&amp;h=439\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"439\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Links: Arvida Byst\u00f6m: Still Life, 2017 (<a href=\"https:\/\/www.iloveplaytime.com\/magazine\/trends\/ceres-3-0-trend-by-instinct\">Foto<\/a>) ; rechts: Florine Stettheimer, Sun, 1931<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2933\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-18-02-48-kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2933\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-18-02-48-kopie.jpg?w=660&amp;h=445\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"445\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Links: Petra Collins f\u00fcr Gucci, 2018 (<a href=\"http:\/\/www.ge-projects.com\/gucci-chinese-new-year-2018-capsule-collection-petra-collins\/\">Foto<\/a>); rechts: Florine Stettheimer, Heat, 1919<\/figcaption><\/figure>\n<p>Man muss trotzdem festhalten, dass Stettheimer auf eine Art mehr Radikalit\u00e4t besa\u00df. So war es etwa im fr\u00fchen 20. Jahrhundert deutlich anst\u00f6\u00dfiger als heute, sich nackt zu zeigen. Und eines ihrer wichtigsten Selbstportraits als Akt malte Stettheimer 1915 \u2013 da war sie \u00fcber 40. Dass sich eine wohlhabende, unverheiratete Frau mittleren Alters nackt malt, war wirklich undenkbar. Es zeigt zudem, dass ihr der Feminismus nicht einfach unterlaufen war oder im Nachgang hineingedeutet wird, sondern dass sie sich dieser Position durchaus bewusst war.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_2925\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/e2809cnude-self-portraite2809d-ca-1915.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2925\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/e2809cnude-self-portraite2809d-ca-1915.jpg?w=660&amp;h=463\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"463\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Nude Self-Portrait, ca. 1915<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zudem empfindet ihr Akt-Selbstportrait Manets \u201eOlympia\u201c nach, und wie man schon von den Interpretationen dieses Gem\u00e4ldes wei\u00df, wurden Aktfiguren traditionell mit abgewandten oder geschlossenen Augen gemalt \u2013 der den Betrachter konfrontierende Blick wurde hingegen als etwas besonders Verdorbenes wahrgenommen, ja war eine Provokation. Bei Manet umso mehr, da es sich bei seinem Akt um eine Prostituierte handelte, deren Blick \u00fcblicherweise nur die Augen des Kunden trifft. \u201eOlympia\u201c war ehedem ein beliebter Spitzname f\u00fcr Prostituierte, doch auch symbolische Bez\u00fcge deuten auf die Profession der Dargestellten hin \u2013 besonders der von einer schwarzen Dienerin \u00fcberreichte Blumenstrau\u00df eines Freiers (der anstelle der Hochzeitstruhe des Vorbildes \u2013 Tizians \u201eVenus von Urbino\u201c \u2013 gemalt ist).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_2920\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-11-52-25.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2920\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-11-52-25.png?w=660&amp;h=160\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"160\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">V.l.n.r.: Tizian, Venus von Urbino, 1534; \u00c9douard Manet, Olympia, 1963; Florine Stettheimer, Nude Self-Portrait, ca. 1915<\/figcaption><\/figure>\n<p>Florine Stettheimer nimmt auf ihrem Selbstportrait nun den Blumenstrau\u00df selbst in die Hand und ersetzt damit die stigmatisierte Prostituierte durch eine unabh\u00e4ngige, moderne und gut eingerichtete (die Bettw\u00e4sche ist zauberhaft!) Frau mit leuchtend rotem Schamhaar \u2013 das sie dem Betrachter nicht nur selbstbewusst, sondern beinahe sp\u00f6ttisch pr\u00e4sentiert. Das suggeriert zumindest ihr am\u00fcsiert-kluger sowie ein wenig herablassender Blick. Aber auch die Inszenierung als kluge Frau von Welt wird wieder gebrochen und ironisch vorgef\u00fchrt, wenn die angedeutete Denkerpose doch eher zu einer Geste der s\u00fcffisanten Langeweile umgedeutet wird. Florine Stettheimer, das suggeriert dieses Selbstportrait, ist unantastbar, da sie sich selbst<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span> und ihre Betrachter nicht allzu ernst nimmt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2922\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/florine-stettheimer-22studio-party-or-soiree22-1917-1919.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2922\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/florine-stettheimer-22studio-party-or-soiree22-1917-1919.jpg?w=660&amp;h=631\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"631\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Soir\u00e9e, 1917-1919<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenige Jahre sp\u00e4ter taucht ihr Selbstportrait in einem anderen Gem\u00e4lde, der \u201eSoir\u00e9e\u201c (1917-19), erneut auf. Auf dem Bild ist eine Szene w\u00e4hrend des Salons abgebildet, den Stettheimer ausgerichtet hat und bei dem wichtige Figuren der New Yorker Avantgarde ein- und ausgingen. Das Bild ist, wie viele ihrer Arbeiten, wie eine Theaterb\u00fchne organisiert, auf der sich Figuren elegant-tanzend bewegen. Zu sehen ist das Atelier der K\u00fcnstlerin, die wenigen geladenen G\u00e4sten, darunter K\u00fcnstler, Sammler, Dichter und Galeristen, ihre neuen Arbeiten pr\u00e4sentiert. W\u00e4hrend im Vordergrund der Bildhauer Gaston Lachaise und der Maler Albert Gleizes ein neues Gem\u00e4lde Stettheimers, das dem Betrachter mit dem R\u00fccken zugewandt ist, intensiv studieren (sie sehen dabei allerdings recht ahnungslos aus), unterhalten sich die anderen G\u00e4ste in kleinen Gruppen untereinander.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Akt-Selbstportr\u00e4t an der hinteren Wand ist nicht zu \u00fcbersehen, doch nur eine einzige Person betrachtet es \u2013 die heute ebenfalls recht unbekannte kubistische K\u00fcnstlerin Juliette Roche. Mit erhobener Hand und aufgerissenem Mund scheint sie gerade die \u00c4hnlichkeit zwischen dem Akt und der Gastgeberin erkannt zu haben, die neben ihr sitzt und nat\u00fcrlich nicht zuf\u00e4llig die gleiche Pose eingenommen hat wie auf dem Bild. Sie hat zudem einen \u00e4hnlichen Blumenstrau\u00df im Scho\u00df liegen und ist die einzige, die den Betrachter ansieht und damit die Blindheit der Besucher kommentiert und das Bild als Ironie offenbart.<\/p>\n<p>Wie es auch vielen netzfeministischen K\u00fcnstlerinnen darum geht, Frauen in intimen Momenten zu zeigen, zum Beispiel wenn Petra Collins sie beim Schminken fotografiert, malte auch Stettheimer Frauenfiguren in Situationen, wo sie unter sich waren und die deshalb \u00fcblicherweise auch nie Gegenstand von Kunstwerken wurden. Auf \u201eSpring Sale at Bendel\u2019s\u201c von 1921 sind wohlhabende Frauen beim Shopping in einem teuren Kaufhaus zu sehen. Obwohl sie ihre Manieren abgelegt haben und sich wild auf die Sale-St\u00fccke werfen, ihre K\u00f6rper sich winden, wirbeln und beugen, bleibt ihre t\u00e4nzerische Eleganz erhalten oder entsteht sogar erst. Ein Klischee erh\u00e4lt hier eine \u00fcberzeugende \u00c4sthetisierung. Die einzigen beiden M\u00e4nner auf dem Gem\u00e4lde befinden sich au\u00dferhalb des Geschehens: der grimmig blickende Filialleiter und ein Verk\u00e4ufer, der sich zu verstecken scheint.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2926\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/e2809cspring-sale-at-bendel_se2809d-1921.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2926\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/e2809cspring-sale-at-bendel_se2809d-1921.jpg?w=660&amp;h=815\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"815\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Spring Sale at Bendel\u2019s, 1921<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch hier erweist sich Stettheimer nicht als Kritikerin, sondern als Verfechterin der Welt des Konsums. Wenngleich sie die Skurrilit\u00e4t der Damen nicht versteckt, betont sie doch vor allem deren Sch\u00f6nheit. Was wir auf den Bildern sehen, ist ein faszinierter Blick auf etwas, das sonst intellektuell abgewertet wurde. Es ist eine W\u00fcrdigung der Konsumwelt. Dass sie diese gezielt auf naive Weise malt (ohne naiv gewesen zu sein), macht deutlich, dass ihre Bilder eben nicht einzig Zeugnisse der banalen Alltagswelt einer Superreichen sind, sondern dass sie diese Welt vors\u00e4tzlich \u00e4sthetisieren und pointieren \u2013 und zwar im Wissen um die allgemeine Kritik daran.<\/p>\n<p>Wiederholt wurden und werden \u2013 auch im amerikanischen Raum, woran etwa Hyperallergic erinnert (\u201e<a href=\"https:\/\/hyperallergic.com\/329408\/florine-stettheimer-feminist-provocateur\/\">repeated even in the 2015 catalogue of the Whitney Museum\u2019s collection handbook<\/a>\u201c) \u2013 die Bilder von Florine Stettheimer als \u201epr\u00e9cieuses\u201c, \u201edekorative Fantasien\u201c, \u201enaiv\u201c oder eben als \u201eAu\u00dfenseiter-Kunst\u201c beschrieben. Erneut handelt es sich um eine \u00e4hnliche Kritik wie jene, die feministischen Netzk\u00fcnstlerinnen (und zuvor dem Popfeminismus) entgegengebracht wird, wenn man ihre Arbeiten als \u201eFemvertising\u201c abwertet. Dem liegt das sehr alte und um 1900 erbl\u00fchte Bild der vom Konsum verf\u00fchrbaren Frau zugrunde, das nicht zuletzt von vermeintlich intellektuellen Feministinnen immer weiter in die Gegenwart getragen wird.<\/p>\n<p>Dabei wird zudem oft vergessen, dass es eine derart linke, kapitalismuskritische Perspektive bei den Suffragetten in Gro\u00dfbritannien und den Vereinigten Staaten noch nicht gab. Im Gegenteil: Die Aktivistinnen \u00fcbten keinesfalls Konsumkritik, sondern sahen das Einkaufen als weibliches Recht und damit als emanzipatorischen Akt an. Die Konsumkultur (besonders das Kaufhaus) war von gro\u00dfer Bedeutung, gelangte die nicht erwerbst\u00e4tige b\u00fcrgerliche Hausfrau so doch erstmals in den \u00f6ffentlichen Raum. Bis dahin galten Frauen entweder als Dienstm\u00e4dchen oder Prostituierte, wenn sie in der \u00d6ffentlichkeit ohne m\u00e4nnliche Begleitung auftraten. Zwar war Florine Stettheimer \u2013 schon wegen ihrer Herkunft \u2013 keine B\u00fcrgerrechtlerin dieser Art, aber doch eine \u201enew woman\u201c, wie man fr\u00fche Feministinnen auch nannte. (Marcel Duchamp soll sie \u201cbachelier\u201d genannt haben, heute wegen der Fernsehshow freilich undenkbar\u2026)<\/p>\n<p>Es gibt gewiss noch andere, vielleicht sogar gute Gr\u00fcnde, warum Stettheimer bisher noch nicht ins Licht des internationalen kunstgeschichtlichen Kanons ger\u00fcckt ist \u2013 und das obwohl Marcel Duchamp unmittelbar nach ihrem Tod eine gro\u00dfe Retrospektive im MoMA kuratiert hat und Andy Warhol ein Fan von ihr war. F\u00fcr ihre Haltung, die nicht zuletzt aus dem Wohlstand erwachsen war (wie sp\u00e4ter die Pop Art auch in einer Wohlstandsgesellschaft entstanden ist), war es noch zu fr\u00fch. F\u00fcr die europ\u00e4ischen Themen der Kunst, Wahrnehmung und Selbstreferenzialit\u00e4t, interessierte sie sich nicht. Umso wichtiger ist es aber, sich nun mit ihren Bildern, die heutigen so \u00e4hnlich sind, zu besch\u00e4ftigen. Und es gibt noch so viel mehr zu sagen und zu entdecken. In ihrem Gedicht \u201eOccasionally\u201c schreibt Stettheimer:<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eI am rid of<br \/>\nThe Always-to-be-Stranger<br \/>\nI turn on my light<br \/>\nAnd become myself\u201c<\/p>\n<p>Also bitte: erneut Licht an f\u00fcr Florine Stettheimer!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2924\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/e2809casbury-park-southe2809d-from-1920.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2924\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/e2809casbury-park-southe2809d-from-1920.jpg?w=660&amp;h=547\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"547\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Asbury Park South, 1920 (Der Titel \u201eAsbury Park South\u201c bezieht sich auf einen abgegrenzten Strandbereich f\u00fcr Afroamerikaner.)<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2936\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-18-49-25.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2936\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-18-49-25.png?w=660&amp;h=735\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"735\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Portrait of Marcel Duchamp and Rrose S\u00e9lavy, 1923 (Stettheimer hat auch alle Rahmen selbst gestaltet.)<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2927\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/portrait-of-marcel-duchamp-1923e280931926.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2927\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/portrait-of-marcel-duchamp-1923e280931926.jpg?w=660&amp;h=671\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"671\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Portrait of Marcel Duchamp, 1926 (Zwar ohne Alter Ego, daf\u00fcr mit Anspielung auf Vera icon\u2026)<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2935\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/cathedrals-of-art.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2935\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/cathedrals-of-art.jpg?w=660\" alt=\"\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">The Cathedrals of Art, 1942<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2937\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-19-00-47.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2937\" src=\"https:\/\/sofrischsogut.files.wordpress.com\/2018\/11\/bildschirmfoto-2018-11-07-um-19-00-47.png?w=660&amp;h=995\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"995\" \/><\/a>Christmas, 1930\u20131940<\/figure>\n<div class=\"sharedaddy sd-sharing-enabled\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p><a href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\">Annekathrin Kohout<\/a> ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Text wurde in l\u00e4ngerer Form zuerst auf dem Blog &#8222;<a href=\"https:\/\/sofrischsogut.com\/2018\/11\/08\/florine-stettheimer-eine-grossartige-feministische-kuenstlerin-des-20-jahrhunderts\/\">Sofrischsogut<\/a>&#8220; ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine bedeutende feministische K\u00fcnstlerin des fr\u00fchen 20. 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