{"id":885,"date":"2012-11-10T23:02:39","date_gmt":"2012-11-10T21:02:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=885"},"modified":"2012-11-10T23:02:39","modified_gmt":"2012-11-10T21:02:39","slug":"vorstellung-der-pop-zeitschrift-von-thomas-hecken10-11-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/11\/10\/vorstellung-der-pop-zeitschrift-von-thomas-hecken10-11-2012\/","title":{"rendered":"Vorstellung der \u00bbPop\u00ab-Zeitschrift von Thomas Hecken10.11.2012"},"content":{"rendered":"<p>Wieso? Warum?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><small>[Vortragsmanuskript einer Rede im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen am 9.11.2012]<\/small><\/p>\n<p>Auf den Hinweis, es gebe eine neue Zeitschrift, die \u00bbPop\u00ab, und eine neue Website, die pop-zeitschrift.de hei\u00dft, kann man sicherlich erstaunt reagieren. An Popmusik- und Jugendzeitschriften herrscht schlie\u00dflich kein Mangel, auch nicht an Zeitungsfeuilletons und Kulturzeitschriften, die sich um entsprechende Themen k\u00fcmmern. Ganz zu schweigen vom Internet, wo ungez\u00e4hlte Websites Pop-Ph\u00e4nomene vorzeigen. Selbst im internationalen Wissenschaftsbereich gibt es Periodika, die gleich im Titel ausweisen, dass sie nicht dem \u00e4lteren Bildungskanon verpflichtet sind, etwa die amerikanische Zeitschrift \u00bbJournal of Popular Culture\u00ab.<\/p>\n<p>Dennoch f\u00e4llt es leicht zu begr\u00fcnden, weshalb eine neue Pop-Zeitschrift zwar nicht unbedingt nottut, aber ganz gewiss auch nicht schaden muss. Sechs Gr\u00fcnde will ich hervorheben, die zum Teil auch ihren Zweck erf\u00fcllen, die inhaltliche Aufteilung und Konzeption der Zeitschrift zu beschreiben:<\/p>\n<p>1. Um Pop in der westlichen Welt und in manch anderen Staaten zu entgehen, muss man schon weit drau\u00dfen auf dem Land leben und nur sehr ausgew\u00e4hlte TV-Programme einschalten oder Internetseiten aufsuchen. Der erste Grund lautet darum: Pop ist so tief und so breit in der Alltags- und Medienkultur gegenw\u00e4rtig, dass es fast nicht genug Zeitschriften dazu geben kann. Wenn es international Hunderte Zeitschriften zur modernen Kunst und Tausende Literaturmagazine gibt, sollte eine Handvoll akademisch-feuilletonistischer Zeitschriften zur Popkultur schlicht eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein.<\/p>\n<p>2. Der zweite Grund steckt bereits in der Angabe \u203aakademisch-feuilletonistische Zeitschriften\u2039. Pop ist im Kanon in den letzten Jahrzehnten beachtlich aufger\u00fcckt. Pop-Art h\u00e4ngt in allen gro\u00dfen Museen; von der Adelung der Fotografie zur Kunst haben auch Mode-, Werbe- und Lifestylefotografen profitiert, die dem Pop-Bereich angeh\u00f6ren oder ihn portr\u00e4tieren; Popmusik und Pop-Literatur wird an deutschen Universit\u00e4ten gelehrt; seit Yves Saint-Laurent geht kaum noch ein Modesch\u00f6pfer an der Streetwear und Szenekleidung vorbei; die Kulturseiten der gro\u00dfen Zeitungen berichten in einem fort \u00fcber Quentin Tarantino, Madonna, Pet Shop Boys, \u00bbMad Men\u00ab, Hedi Slimane, James Bond etc.<\/p>\n<p>Bei solchen Anl\u00e4ssen werden die fr\u00fcher g\u00e4ngigen kritischen Attribute \u2013 oberfl\u00e4chlich, unterhaltsam, genregem\u00e4\u00df, kommerziell, jugendgef\u00e4hrdend, zerstreuend, standardisiert, k\u00fcnstlich etc. \u2013 nicht mehr zwangsl\u00e4ufig abgerufen; manchmal, wenn sie verwendet werden, besitzen sie mittlerweile sogar einen positiven Unterton. Selbst Orte und Dinge, die anonym sind, weil sie nicht auf einen Sch\u00f6pfer verweisen, profitieren mitunter davon: Superm\u00e4rkte, Diskotheken, Leuchtreklamen, Markenlogos, Jeansboutiquen, Plastikt\u00fcten, Fernsehserien, die Inneneinrichtung von Flugh\u00e4fen und Fastfood-Restaurants, das Erscheinungsbild von Autos und Flakons, von Handys und Flachbildschirmen, Graffitis, Zeichentrickreihen, Werbefilme, Postkarten und Verpackungsfolien stehen auch bei den feuilletonistischen und intellektuellen Verfechtern der Popkultur nicht immer notwendigerweise hinter den Erzeugnissen von (namentlich) bekannten Musikern, Designern, Autoren, Regisseuren.<\/p>\n<p>Thomas Manns Vision aus den \u00bbBetrachtungen eines Unpolitischen\u00ab, die er w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs niederschrieb \u2013<\/p>\n<p>\u00bbLa\u00dft jede Utopie des Fortschritts, la\u00dft die Vernunftheiligung der Erde sich \u2013 jeden Traum des sozialen Eud\u00e4monismus sich erf\u00fcllen, die pazifizierte Esperanto-Erde Wirklichkeit werden: Luftomnibusse brausen \u00fcber einer wei\u00dfgekleideten, vernunftfrommen, staatlos-geeinigten, einsprachigen, technisch zur letzten Souver\u00e4nit\u00e4t gelangten, elektrisch fernsehenden \u203aMenschheit\u2039: die Kunst wird noch leben, und sie wird ein Element der Unsicherheit bilden, die M\u00f6glichkeit, Denkbarkeit des R\u00fcckfalls bewahren. Sie wird von Leidenschaft und Unvernunft sprechen, Leidenschaft und Unvernunft darstellen, kultivieren und feiern, Urgedanken, Urtriebe in Ehren halten, wachhalten oder mit gro\u00dfer Kraft wieder wecken, den Gedanken und Trieb des Krieges zum Beispiel &#8230;\u00ab (Gesammelte Werke in dreizehn B\u00e4nden, Bd. 12, S. 397f.) \u2013,<\/p>\n<p>ist also teilweise eingetreten, aber nur auf der f\u00fcr Mann alptraumhaften Seite. Zum Schrecken von Thomas Manns \u00bbBetrachtungen\u00ab finden sich heute nicht wenige K\u00fcnstler und Kunstfreunde, die ihren Frieden mit den Luftomnibussen, den elektrisierten Menschen und der k\u00fcnstlichen Vernunft gemacht haben und auf die Urkr\u00e4fte und die verst\u00f6rende, intensive, gar martialische Kunst sehr gut verzichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies geht mitunter so weit, dass nicht einmal mehr nur die Pop-Gegenst\u00e4nde, denen man vielleicht etwas Unsicheres, Verst\u00f6rendes oder Kultiviertes zubilligen kann, in den Genuss der Wertsch\u00e4tzung gelangen. Heutzutage f\u00e4llt das gar nicht mehr gro\u00df auf, deshalb lohnt ein Blick in die Geschichte, um den Unterschied hervortreten zu lassen. Lange bestand die Methode, einzelne Pop-Artefakte von avantgardistischer und\/oder bildungsb\u00fcrgerlicher Warte aus anzuerkennen, ja genau darin, ihnen verst\u00f6rendes Potenzial zu attestieren. Mit dieser Anerkennung verbunden waren Kritikma\u00dfst\u00e4be, die unvermeidlich und zumeist mit voller Absicht und beherztem Schwung zur Diskreditierung der allermeisten Pop-Ph\u00e4nomene beitrugen, um einige zu retten. Bei dieser Diskreditierung konnten unterschiedliche politische Lager spielend \u00fcbereinkommen.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele daf\u00fcr aus den 1960er Jahren: Kaum dass die konservative FAZ sich einigerma\u00dfen mit der Pop-Art als bildender Kunst arrangiert hat, hei\u00dft es 1967 schon wieder: \u00bbPop als Mode, als Lebensstil, als Elixier der Unterhaltungsindustrie; das hat Pop Witz und Sch\u00e4rfe gekostet. Auf dem Umweg \u00fcber den teils bewu\u00dften, teils unbewu\u00dften Kitsch ist Pop eingesickert in den Konsum, in die Welt der Biergl\u00e4ser und Streichholzschachteln. [&#8230;] Nichts, das sich nicht \u203averpoppen\u2039 lie\u00df, und so geschah das Paradox, da\u00df die Banalit\u00e4t seine [sic] Parodie eingeholt hat, sie hat sich ihrer bem\u00e4chtigt, sie \u00fcberw\u00e4ltigt und verschlungen. Superman ist dem Supermarkt erlegen\u00ab (Sabina Lietzmann, \u00bbPop \u2013 Peng! \u2013 dreht durch. Superman im Supermarkt verendet\u00ab, FAZ, 30.12.1967). Zur gleichen Zeit beklagt der kulturrevolution\u00e4re Underground-Anh\u00e4nger Ralf-Rainer Rygulla: \u00bbWarhols letzter Film \u00fcber lesbische M\u00e4dchen und s\u00fcchtige Schwule wurde von der offiziellen Kritik wohlwollend aufgenommen. Die Massenmedia nehmen sich Learys LSD Parties an.\u00ab Seine Schlussfolgerung und endg\u00fcltige Forderung lautet deshalb: \u00bbDer kulturelle countdown mu\u00df beschleunigt werden\u00ab (zit. n. Heinz Ohff, \u00bbPop und die Folgen!!!\u00ab, D\u00fcsseldorf 1968, S. 38).<\/p>\n<p>Heute orientiert sich eine ganze Reihe von K\u00fcnstlern, Feuilletonisten, Akademikern nicht mehr an solchen Anforderungen und Ma\u00dfst\u00e4ben, um Pop-Gegenst\u00e4nde interessant oder attraktiv zu finden. Die Zeit des Countdowns ist bei vielen abgelaufen, ein kurzer Blick in die Programme der Kultursender, Museen, Universit\u00e4ten, Verlage zeigt es bereits. Zweifellos stellen unser Blatt und unsere Internetseite eine Folge und zugleich eine Verl\u00e4ngerung dieser Tendenz dar. Wir verdanken ihr buchst\u00e4blich unsere Existenz. Dennoch wollen wir uns ihr nicht verschreiben, gerade weil diese Tendenz so stark ausgepr\u00e4gt ist und auf absehbare Zeit auch bleiben wird. Die Zeitschrift braucht nicht mehr der getreue Parteig\u00e4nger ihres Gegenstandes sein \u2013 f\u00fcr kulturelle Legitimation ist l\u00e4ngst hinreichend gesorgt \u2013, sie kann sich einfach der sachlichen Analyse widmen. Und weil nun nicht jede Einzelkritik mehr als ein symbolischer Akt erscheint, der auf die Nichtsw\u00fcrdigkeit der ganzen Pop-Richtung verweist, kann selbst die schonungslose Kritik ohne schlechtes Gewissen wieder aufgenommen werden. Auch das ist ein vern\u00fcnftiger Grund, mit einer Pop-Zeitschrift zu beginnen.<\/p>\n<p>3. Kritik an verschiedenen Pop-Ph\u00e4nomenen wird sich allein schon deshalb ergeben, weil Herausgeber und Mitarbeiter der Zeitschrift weder eine verschworene Gemeinschaft bilden noch eine wissenschaftliche Methode oder au\u00dferwissenschaftliche Zielsetzung teilen. Nicht einmal ein gemeinsamer Gegenstand darf zwingend vorausgesetzt werden. Interessieren sich die einen haupts\u00e4chlich f\u00fcr Pop-Fragen im strengen Sinne, wollen sich die anderen keineswegs davon abhalten lassen, unter dem Pop-Titel auch wichtige Aspekte der modernen Massenkultur zu untersuchen und zu kommentieren. Deshalb stehen in unserem ersten Heft und auf der Website Beitr\u00e4ge zu Lady Gaga, der Fant\u00f4mas-Serie, zu Hypnagogic Pop und Facebook neben Artikeln zu Themen, die wohl kaum jemand zum engeren Pop-Bereich z\u00e4hlen wird \u2013 Artikel etwa zur Libyen-Berichterstattung, zu Feelgood-Movies und zur Finanzkrise.<\/p>\n<p>Diese Unterschiede werden sich h\u00f6chstwahrscheinlich in Versuchen niederschlagen, die Favoriten der jeweils anderen mitunter einer kritischen Analyse zu unterziehen und sie eventuell ihres Nimbus zu berauben. Das mag sich auf Geschmacksurteile beziehen oder auf Fragen der sozialen, \u00f6konomischen, politischen, kulturellen Beschaffenheit und Bedeutung. Da Zeitschrift und Website vor allem auf die Untersuchung aktueller Themen ausgerichtet sind, d\u00fcrfte sich Diskussionsstoff fast von selbst einstellen, denn Definitionen, Analysen, Kommentare sind in diesem Fall oftmals nicht nur von akademischem Interesse, sondern markieren eine Position in gerade stattfindenden \u00e4sthetischen und politischen Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p>Die Zeitschrift macht bereits mit ihrer Aufteilung in die drei Rubriken \u00bbZur Zeit\u00ab, \u00bbEssays\u00ab und \u00bbForschungsbeitr\u00e4ge\u00ab deutlich, dass nicht nur der wissenschaftliche Sprachgebrauch Eingang ins Heft finden soll. Die Autorinnen und Autoren k\u00f6nnen Pop-Ph\u00e4nomene auf verschiedene Weise angehen, pers\u00f6nlich, mit politischer oder \u00e4sthetischer Absicht oder wissenschaftlich objektivierend und mit neutralem Gestus.<\/p>\n<p>Daraus leitet sich der dritte Grund ab, diese Zeitschrift mitsamt ihrer Website herauszugeben. Sie soll Wissenschaftlern ein Forum bieten, ihre Ansichten und Forschungsergebnisse einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit als der ihrer jeweiligen Fachkollegen vorzustellen \u2013 und dies nicht nur in der Form fachwissenschaftlicher Abhandlungen. Pop als Disziplinen \u00fcbergreifendes Thema eignet sich sehr gut daf\u00fcr, auch weil an diesem Thema nicht wenige Journalisten und Studenten interessiert sind.<\/p>\n<p>4. Aus dem universit\u00e4ren Hintergrund unserer Zeitschrift ergibt sich ein weiterer, vierter Grund. Viele unserer Beitr\u00e4ger haben Berufe im Staatsdienst inne, in den ersten drei Jahren wird die Zeitschrift zudem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterst\u00fctzt. Ob das nun insgesamt ein Vor- oder Nachteil ist, nur in geringem Ma\u00dfe kommerziellen Anforderungen ausgesetzt zu sein, sei dahingestellt. Ein Novum im Bereich der Pop-Berichterstattung abseits der Fanzines ist es ohne Frage. Den Unterschied merkt man dem Heft und unserer Website in einer Hinsicht deutlich an. Im Gegensatz auch zu den Magazinen, die sich selbst dem Independent-, Kunst-, Subkulturbereich von Pop zurechnen, stehen in unseren Artikeln nur selten einzelne K\u00fcnstler und ihre Werke im Vordergrund; auch befragen wir nicht K\u00fcnstler in Interviews, um etwas \u00fcber ihre Person, ihr Leben und ihre Anschauungen zu diesem und jenem zu erfahren. Portr\u00e4tfotos von K\u00fcnstlern wird man bei uns deshalb kaum einmal finden, diesen Raum k\u00f6nnen andere Bilder einnehmen. Das sollte als Rechtfertigung f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung von \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab schon reichen.<\/p>\n<p>5. Ein anderer Unterschied hat ebenfalls etwas mit der Kunstfrage zu tun. Viele erwachsene Pop- und Rockmagazine belassen es nicht bei der Berichterstattung \u00fcber Popk\u00fcnstler. Regelm\u00e4\u00dfig \u00e4u\u00dfern sie sich auch zu K\u00fcnstlern oder Philosophen mit K\u00fcnstlerstatus, die anderen Traditionen entstammen. Auch dass diese mitunter der Popkultur feindlich gegen\u00fcberstehen, ist f\u00fcr viele Musik-, Mode- und Zeitgeistmagazine kein Hinderungsgrund, ihnen ausgedehnte Artikel zu widmen: Neben Beitr\u00e4gen zu Bruce Springsteen und Beastie Boys stehen manchmal Aufs\u00e4tze zu Thomas Bernhard, Georg L\u00fcpertz, Michael Haneke oder Giorgio Agamben. Darauf werden wir verzichten. Unsere Zeitschrift und Website bietet folglich \u2013 als f\u00fcnften Rechtfertigungsgrund \u2013 zumindest etwas Originalit\u00e4t, ein kleines Experiment: Wie ist das, wenn in erster Linie von Supermarkt, Lady Gaga, Google, Dollar, Energydrinks, H&amp;M, Marc Jacobs, von der elektrisch fernsehenden Menschheit die Rede ist?<\/p>\n<p>6. Der letzte Grund ist einfach zu formulieren: Es gibt da einige Leute, die schreiben gerne \u00fcber Werbespots, esoterische Pop-Bands, TV-Serien und den US-Wahlkampf \u2013 und diese Leute glauben, dass sich gen\u00fcgend Leserinnen und Leser f\u00fcr solche Artikel interessieren. Ob das ein zutreffender Grund ist, werden Sie entscheiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso? 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